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Full text of "Die Woche, V. 4.1902, Hefte 27 39"

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DI&WOCHCS* 


nummer 27. 


Berlin, den 5. 3uII 1902. 




4. Jahrgang. 


Inhalt der Ilummer 27. 


Die Heben (tage bet IPodje ... 1227 

Umfcbcut... . 1227 

Die Kieler XDod?e. (228 

liniere Bilber. 1229 

Uns Sud) ber £Dod?e.(231 

grauen d?ronif. 1231 

Pie (toten ber IDod?e. 1231 

21uf bem (tobesaefer oon IHartinique II.. 1232 

Der ITlammurfunb in Sibirien.1254 

Bilber vom (tage. (Ptjotograptjifdje Kufnabmen).1235 

Die Beivobnbarfeit ber ßintmelsförper. Kftronomifcbe piauberei oon 

Dt. m.' Wilhelm meYcr II.1243 

Die ZDabonna mit ben roten Haaren. Bördle pon (tarl Bulcfe .... 1246 

3nt Sommer, ©ebidjt pon Karl Danfdon».. . 1249 

©eftrofultur. piauberei pon ^riß Bernbarb.1250 

Kmerican <$5irls (IHit 7 Kbbilbungen).-1251 

OTifroffopifdje Photographien. Don lU. Danfler. (Mlit 6 2lbbilbungen) . 1254 

3ungfer Ciebepoll. HopeÜctte pon <ß. pon Beaulieu.1256 

Sommerftfd?erei. piauberei pon Sfororomtef. (ITlit 7 Kbbilbungen) 1258 

Blifeqefabr ffir Cuftbaüons. (ITlit 2 2lbbilbungen).1262 

Dollsbelufligungen. I ITlit 10 Ubbilbungen).1264 

3nt Herrenhaus pon Cucfmüblen. Koman pon ITlaric Diers. (^ortfcljung) 1267 

Was bie 2lerjte fagen . ..1271 

Bilber aus aller Welt. (pt}otograpt?ifd?e 2lufnal?men).1272 


JdT 

flau abonniert auf die „(Boche": 

itt Berlin unb Dororten bei berfyiupterpebition 37/41, forme bei ben 

Filialen bes „Berliner fofaUIlnjeigers" unb in fämtl. Budhbanblungen, im 
Drntfd 7 enBeid?bei allen Budhbanblungen ober Poflanflalten (^eitungs-preislifle 
Br. 8221); unb ben ©efdjäftsflellen ber „Wod?e": Bonn a. Rh., Kölner. 29; 
Bremen, ©bemfrr. 29; Breslau, Sdjiretbnitjerfh:. €tfe Karlfir. 1; CalTcl, 
®bere Köniqflr. 27; Chemnitz, Innere 3obanntsftr. 6; Dresden, Secfhr. 1; 
Dürfeldorf, Sdjabotpftr. 69; 61berfeld, Htqogßrafie 38; 6 (Ten a. Rh., 
iinxbecferplag 8; ^ranhfurt a. fl., geil 63; 6örlltz, £uifrnfh;. (6; Balle 
a. 8 ., OTittelftr. 9, <£de Sdjulftr.; Baniburg, BruerwaU 60; Bannover, 
©eorgfirafce 39; Karlsruhe, Kaiferflr. 34; Kattowltz, pofiffr. 12; Kiel, 
Holftenftrafce 6; Köln a. Rh., Hobetfra&e 145; Königsberg I. pr., 
Kneiptjflffdie £anggaffe 55; Hclpzlg, petcrsftrafce 19; Magdeburg, 
Breiterocg 184; Lunchen, Kauftngerftrafce 25 (Domfreibeit); Bömberg, 
£oren 3 erftrafee 30; Stettin, Breihetfrafie 45; Stuttgart, KönigjTrajje U; 
Wiesbaden, Kirdjgaffe 26; Zürich, Bennmeg 48. 

7eder unbefugte B*cbdrudt aus die Ter Zeltfcbrlft 
wird ftrafrcchtlldi verfolgt. 



Die sieben Cage der Woche. 

26. 3uni. 

Kus Venezuela Pommt bie Uachricht, bap fief? ber V^e* 
präpbent Kyala mit ©feieren unb Solbaten ben Kuf« 

pänbifchen ergeben hat. 

Der Kaifer macht burefj flaggenpgnale ber Jlotte be* 
fannt, bap er ben König Cbuarb oon Cnglanb ä la suite 
ber beutfdjen IHarine geteilt hat. 

27. 3unl. 

IVte ans Krefelb gemeibet wirb, befcf^Iog bie bortige 
Stabtoerorbnetenoerfammlung in geheimer Siftung bie Kuf- 
nähme einer Anleihe oon oier IHtllioueu UTarP, um Cerrains 
3U einem Crerjierplatj unb Kaferneinents für bas fjufaren* 
regiment 311 erwerben, bas nach ber Knfünbigung bes Kai(ers 
oon Düffelöorf nach Krefelb oerlegt werben foU. 

28. üunl. 

Der Vertrag über bie Verlängerung bes Bünbnipes bes 
Deutfcfyen Beides mit ©efterrei<h*Ungarn unb 3 i a ^ ert mirb 
oom Beidjsfansler (Srafen Bülow unb ben Botfd^afteru 
pon S3Ögyeny unb (Sraf £an3a unter3eid)net. Der Dreibimb 
ip banad? in unueränberter ^orm erneuert morben. 


Die £eibär3te bes Königs oon (Englanb erflären, ba§ pe 
ben Patienten für außerhalb unmittelbarer (Sefat^r befinblidj 
galten. 

Prin3 Heinrich oon prengen reip aus ionbon nach Deutfeh* 
lanb ab. ^ 

Der Khebioe oon Kegypten trifft in Konpantinopel ein 
unb rnirb 00m Sultan empfangen. 

Der König oon Schweben beruft, nachbem bas IHinifteriuin 
©tfer feine (Entladung gegeben Ijat ben ehemaligen Premier* 
miniPer £epröm an bie Spitje ber Kegierutig. 

29. üunl. 

tDte aus Buenos Kires gemeibet wirb, h^I ^ er Senat 
bie mit Chile abgefchloffcnen Verträge genehmigt. 

Die Schiffe ber ha’itifchen Hegierung befdjiepen ohne oor* 
herige DTelbmig an bie fremben Konfuln Kap fjaitien, ohne 
bie Kufpänbifchen 3U oertreiben. Der amerifanifche KonfuI 
erfucht feine Regierung um fofortige (Entfenbung eines Kriegs* 
fchiffs 3um Sdinö ber ameriPantfchen 3 n ^ ere ff en * 

30. 3unl. 

Der neunte 3 T| i eriiat ' 0,,a l c Sd>iffahrtsfongre§ wirb in 
Düflelborf burch ben Kronpri^en eröffnet. 

präpbent Hoofeoelt unterjeichnet bie Bill, betreffenb ben 
Bau bes 3 flf? mus ? atia I s - 

£aut ITTelbung aus Petersburg hat ber bortige italienifche 
Botfchafter ben rufpfd?en ZHiniper bes Keupern benachrichtigt, 
bap König ViPtor Cmanuel beabpehtige, ben garen noch im 
£auf bes Sommers 3U befuchen. 

1. 3uli. 

Der ruffifche (Ehtonfoiger trifft in Ccfernförbe ein. 

Kus IHünchen wirb gemeibet, bap KePtor unb Senat ber 
Unioerptät IVürjburg bie Hegierung um (Enthebung 0011 
ihren Hemtern gebeten haben, weil ihnen ber bayrifdje 
Kultusminiper Pürjlid? im £anbtag DTangel an ©bjePtioität 
bei Crlebigung einer perfonalangelegenheit oorgeworfen hätte, 

2. üuIK 

Der bayrifche Kultusminiper Dr. oon Sanbmann, gegen 
ben bie IVür3burger Unioerptät bemonftriert hat, reicht bem 
pri^regenten feine Cntlapnng ein, bie jeboch nicht an¬ 
genommen wirb. 


Umldiau. 

Das bebeutenbfte (Ereignis ber politifchen IVodie ip bie Cr* 
naterung bes Dretbunbes. Dap pe erfolgen würbe, ftanb nad? 
ben früher gefallenen Keuperungen bes HeichsPati3lers <8rafen 
Bülow, ber Öfterreichifchen, ungarifchen unb italienifchen 
UTinifter auper gweifel; trotjbem ruft es neue (ßenugthuung 
heroor, bap pe nun 3ur (Ehatfache geworben ift. erfreulich 
ift auch bie Ulitteiluug, bap bie Bünbnipe in ber alten form 
weiterbepehen werben. Die poption bes Deutfchen Heiches 
ip günftig, Ponnte hoch (Sraf Bülow im Heichstag erflären, 
bap ber Dreibunb für uns eine H.otwenbigPeit nicht bebeute. 
3P er trofebem wieber erneuert worben, fo ift bamit womöglich 
noch ePlatanter als früher bargethan, bap fein gweef ber 
Sd?u§ bes Jfriebens ift, wie er es immer war. Cs erfcheint 
baher einigermapeu beplajiert, wenn fran3Öpfche Stimmen 
pd? bahiu äupern, bap ber Dreibunb feinen Priegerifchen 
CharaPter oerloren habe. Cr Ponnte ifjn nicht oerlieren, 
weil er ihn nie befepen hat. Diefe Dinge liegen für jeben, 
ber fehen will, Plar 3U Cage. Die politifdje ^nterepen* 


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Seite *228. 


stummer 27. 


gemeinfcfyjft, ober genauer bas gemeinfame 3ntereffe an ber 
Erhaltung bes friebens hot bas Deutfdje Hei<h, bie öfter- 
retd?tfdj«nngarifdje IHonar<hie unb bas Königreich 3 ta lien 
3ufammengeführt unb hält fte jufammen. Deshalb hot aud? 
in bem Verhältnis ber brei IITächte 3U einanber, fo menig. 
mie ber Abfdjluß bes rufßfch-fra^ößfchen Nünbnißes, bie 
Annäherung Italiens an f ranFreidj ober bie IQiebererßarPung 
ber freunblichett 3e3iehungen 3mifchen Deutfchlanb unb Huß- 
lanb eine Aeitberung bemirFt. (Eine gemiße Eefatjr, baß 
Heibereien 3mifchen ihnen entftehen möchten, Fönnte eher 
noch in bem IViberßreit ber mirtfchaftlichen 3 nterefjen er* 
blirft merben; inbeßeit hot noch bie (Theorie bes dürften 
NismarcP Geltung, baß biefe mit ben politifchen Bejahungen 
ber mächte untereinanber nicht perquicPt merben bürfen. 
Nadfbem auch ber fübafriPantfche Krieg fein (Enbe gefunben 
hat, lägt ftch bamit bie internationale £age fo frieblich an, 
tpie man es nur roünfdjen Pann. 

jdT 

3 n Schmeben ijl 3iemlich plöfclich eine IHinißerPrißs aus« 
gebrochen. IHinißerpräßbent Freiherr non ®tPer hat, mäljrenb 
feine Kollegen bis 3ur Neubilbung bes Kabinetts bie Ee- 
fdjäfte noch meiter führen, bas <felb bereits geräumt, unb 
König ®sFar hat 5U feinem Nachfolger ben alten £eftröm 
beßellt. Der Erunb für ben Hücftritt ©tPers iß mohl in bem 
ifaH ber Stimmrechtsporlage mährenb ber lebten Heichstags* 
feffton 3U fuchen. XVie erinnerlich, hatte bie Negierung einen 

G —— 7= . 


IVahlreformentmurf eingebracht, ber non SojialbemoFraten 
unb DemoPraten mit einem rabiPalen Eegenantrag beant* 
mortet mürbe. Die IHehrheit lehnte beibe ab, unb beibe 
Kammern nahmen eine Nefulotion an, baß innerhalb pier 
3 ahren eine neue Vorlage auf breiterer Erunblage, als bas 
IHinifteriuin porgefetjen, bem Parlament unterbreitet merben 
möchte. Doch biefe Nieberlage in ber Vergangenheit hätte ben 
König pielleicht noch nicht peranlaßt, bie Entlaßung bes Kabi¬ 
netts anjunehmen, menn ihm nicht mit HücPßdjt auf bie guPunft 
ein IVechfel in ben leitenben Stellen angebracht erfchienen märe. 
Es honbelt ftch babei allerbings nicht fomohl um innerpolitifche 
fchtoebtfehe Angelegenheiten, als nielmehr um bie Stellung 
Schmebens 3U Normegen. Die nüdjße §eit bringt bie Kon* 
fulatsfrage mieber auf bie Eagesorbnung. £eßrÖm hat mäh* 
renb feiner erften ITTinifterpräfibentfchaft in ber erften Ijälfte 
ber neunjiger 3 a h fe ben Normegern gegenüber eine fetjr 
nerföhnliehe Haltung beobachtet unb baburch ftcherlich nie! 
ba3u beigetragen, fie nachgiebig 3U ftimmen. Die Normeger 
begnügten ftch bamals mit ber Entfernung bes Unions- 
ab3etchens aus ber normegifchen flagge unb pe^ichteten einß- 
meilen auf bie Errichtung eigener Konfulate, aber nur einft- 
meilen. Vielleicht gelingt es £eftröm jetjt, ba bie frage 
mieber aPtueü mirb, noch einmal, ein Kompromiß 3U ßanbe 
3a bringen; mo nicht, bürfte er aber bie nötige Energie he¬ 
figen, um für bie (Trennung ber Konfulate in Schmeben eine 
hinlängliche IHetjrheit 3U gewinnen. 


Die Kieler CQoche 


„Ameri Pani fch" iß, mie heute auf fo pielen Eebieten, auch 
ber (Trumpf ber biesjährigen „Kieler IVoche". Von ber bas 
größte 3 ntereffe beanfpruchenben großen SdjonerPlaße ftnb 
fünf pon acht pachten in AmeriPa gebaut, ben pielummorbenen 
Ehrenpreis bes Kaifers in ber internationalen SonberPlaffe 
holte ftch „Uncle Sam", bie ameriPanißhe „Virginia II" hat 
bei jebem Start ihren preis gemonnen, enblich liegt im 
Kieler fjafen eine Heihe ber größten unb fünften ameri* 
fanifchen Dampfjachten, allen poran bie prächtige „Nama" 
ber IHrs. Eoelet. 

Die englifche flagge iß gegen früher fehr in ben hinter* 
grunb getreten, mas natürlich in erfter £inie auf bie Krönungs- 
bispoßtionen ber englifchen 3 a <htbeßger jnrücPjnführen iß. 

Sehr gut pertreten iß biesmal DänemarP, 3um erßenmal 
mieber feit längerer Seit, ba bie leibige politiP bie ftets 
gernjefehenen SportPameraben mehrere 3 a h re von Kiel fern* 
hielt: es mögen roohl 3man3ig bänifche 3 od?ten in Kiel feitt, 
betten ßch ebenfopiele Schmeben unb Normeger 3ugefellen. 
Die norbtfdjen 3 o<hten ßnb in feetnännifcher Bejahung bie 
beßen, ihre frönen, Präftigen formen, bie ejaPte SauberPeit, 
mit ber ße pehalten merben müßen jebes Seemannsauge 
ent3Ücfen. Sobalb es einigermaßen meht, merben baher bie 
Norblänber immer bte erßen Preife mit Befdjlag belegen. 

Nicht fo glücflich mie im Vorjahr fchnitten bie fran3ofen 
ab, beren 3od?ten im übrigen einen guten EinbrucF machten. 

Das pon Deutfdjlanb geßellte 3 a <htmaterial, bas natur¬ 
gemäß bas Eros ber gan3en flotte ausmacht, mußte an 
gahl mie an (Qualität bie meiteftgehenben Anfprüche be¬ 
friedigen. Von beit 3mölf 3 achten ber großen Klaßeir A unb I 
ßnb 3ehn in beutfehem Beßtj. Die Hennen biefer herrlichen 
Schiffe 3U beobachten, mar für ben fachmann mie für ben 
£aien ein munberooller Eenuß. Anmefenbe AmeriPaner unb 
Englänber fprachen es rücPhaltlos aus, baß ße ein folches 
in jeber Bejießung erßPIafßges IHaterial noch nicht beifantmen* 
gefehen hätten. 3 n <£nglanb ßnb berartige Hennen überhaupt 
nur 3U ermöglichen, menn bie beutfehen Schoner hinübergehen. 
§u biefem §mecP hot ber Kaiferliche 3 ac ^?tflub in biefem 3 a h r 
eine Hegatta Ijelgolanb—Doper arrangiert, bie am \ 5 . 3 uli 
uttfere großen 3 ac hten hinüberführen foü. 

Aber auch in ben mittleren unb Pleinen Klaffen iß 
Deutfchlanb por3Üglich pertreten. Es liegt in ber Natur ber 


Sache, baß jeber Klub überhaupt nur bas beße, in ben 
heimifcheit Hegatten erprobte IHaterial nach Kiel an ben 
Start fehieft, bas nun hier miteinanber um bie Palme ringt. 

Außer ben an ben Hegatten teilnehmenben falp^eugen, 
bereu galjl ßch auf etma hunbert belaufen mag, liegen mohl 
noch ebenfopiele Vergnügungsfaf^euge in Kiel, bie ßch an 
ben IVettfahrten nicht beteiligen, fonbern ßch bamit begnügen 
müffen, ihren Nefifcern als IVohnung unb Begleitfdjiff bei 
ben Hegatten 3a bienen. Der trafen bietet benn auch mit 
biefer fülle pon Schiffen einen gan3 herrlichen AnblicP. 3 n 
ber ITTitte bes f ahrmaffers bie Neihe ber großen £intenfchtffe, 
ba3mifchen bie fchonen, alten Schulfdjiffe unb moberne, ßhlanPe 
Kreu3er, 3mifchen ben Kriegsfüßen unb bem £anb bann, 
über bie gan3e £änge bes Ufers perteilt, bie 3 ac htßotte. 

Es iß nodj immer nicht genügenb bePannt unb Pann baher 
nicht oft genug mieberholt merben, baß mir bie rapibe, Paum 
glaubliche EutmicPlung bes beutfehen Segelfports in erfter 
£inie ber glühenben pafßon bes Kaifers für biefen Sport 
unb feiner energißhen fjnitiatipe 3U perbanPen hoben. Einige 
gahleu mögen biefe EntmicPIung -iUußriereH: por 3mölf 
3ahren befaßen mir in Deutfchlanb etma hunbert pachten", 
unter biefen maren aber pielleicht nur 3manjig bis breißig, 
bie biefen Namen mirPIich perbienten, ber Heß maren alte, 
3um größten (Teil offene Segelboote, ^eute ßnb beim 
Deutfchen Seglerperbanb regiftriert: 6 70 pachten, barunter 
bas beße IHaterial bas es auf beiben I^emifphären giebt. 

Uufer Kaifer hot es perftanben, meite Kreife bes Hinnen- 
Ianbes, bie ror 3ehn 3 a hron mohl Paum mußten, mas man 
unter einer „ 3 oct?t" perfteht, für feinen Sport ju interefßeren. 
Er hot in Englanb unb AmeriPa auf ben leißungsfähigften 
IVerften fahr3euge erbauen laßen, um ben beutfehen Seglern 
po^uführen, n?ie eine erßPlafßge 3ad?t befchaffcn fein muß. 
Nach einigen 3ahren mürben biefe pachten burch neue erfe^t 
unb ber IHariue übermiefen, mo fte ber Ausbilbung pon 
3a,htmatrofen bienen, bamit in abfehbarer §eit bie Heßfter 
großer 3ochten ber NotmeubigPeit enthoben merbett, englifche 
ober ameriPanifche IHannfchaft auf ihren fah^eugen 3U holten, 
mas heute noch bei bem IHangel an h e *ntifchem IHaterial 
unerläßlich iß. 

3 n biefem 3 ahr foüte nun ber im lebten IVinter für 
ben Kaifer in AmeriPa neuerbaute Schoner „IHeteor" (Abb. 


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ttummcr 27. 


Seite 1229. 


S.' 1236 ) feine erfien Regatten fegeln*). £eiber litten Me 
erpen Regatten fehr unter URnbmangel, fo baß bas fcbwere 
Schiff, bas piel IDinb traben muß, nid?t recht in Schwung 
fornmen trollte. Kudj wollte es (deinen; baß bie in (Englanb 
perfertigten Segel fehlest ftanben. 

Km günßigften mar bte (Selegeuheit noch am Jreitag, 
bem 27 . 3 uni, wo eine mächtige Rorbweftbrife wehte, bte 
es ben großen 3 a <hten ermöglichte, ben Kurs pon breißig 
Seemeilen in fünf bis fecbs Siunben ab3ufege(n. Die wunber» 
frönen jfafy^euge, mit allen nur anbringbaren Segeln be- 
3acft, boten einen ganj herrlichen Knblicf, als pe bidjt bei 
einanber pdf an ber Startlinie 3ufainmenbrängten. Kn Borb 
bes „UTeteor" befanben pdj ber Kaifer unb bie Kaiferin, 
auf ber „ 3 buna" Prin3 Rbalbert. Die 3 a <hten ftarteten in 
ber Reihenfolge: UTeteor, Cicely (Cecil Quentin, (Englanb), 
£asca (ID. pon Brüning, UUesbaben), Clara (Komme^ienrat 
(Suilleaume, Köln), Rorbweft (3. £?egel, Kopenhagen), 3 & una 
( 3 . DT. bieKaiferin). (Es folgten bann in ber 3weiten Kb- 
teilung: Rapafjoe (Konful IDätjen, Bremen), Komet (Rbmiral 
pon KÖfter), Kommobore (Krupp, (Effen), Sufanne (Halb- 
fdjtnsky, Berlin) unb UTohamf, eine englifche 3 a ^/ üon 

Simon, Berlin, für bie Kieler Regatten gechartert. Rach 
pafperen ber Heulboje mußte nach bem 5 toller-(Srunb- 
UTarfboot gekremt werben, roo pd? bie Reihenfolge, wie 
folgt, peränbert hatte: ITTeteor mar auf beit brüten 
platj hinter Rapafjoe unb Cicely 3urückgefallen, bann folgte 
bicht barauf Clara, weiter 3urücf Komet, 3 & u na, £asca unb 
Kommobore. Raumfehrots ging es bann bem giel 31t. ITteteor 
entwickelte jeßt große Schnelligkeit, fo baß er balb Cicely 
überholte unb eine halbe Sdjiffslänge hinter Rapahoe bas 
giel pafperte. Das „Finish“ 3wif<hen biefen beiben pachten, 
ber Kampf um bie £up»Seite, bas im leßten ITtoment bicht 
porm giel mit unglaublicher Schnelligkeit auf bem ITTeteor 
ausgeführte Scßen bes großen Ballonfegels gehört 3U bem 
pacfenbften, was man auf Segelregatten fehen kann. Durch 
Dergütung — ITteteor ip erheblich größer als Cicely — fiel 
ber erfte preis an leßtere, ber 3weite an ITTeteor, wdhrenb 
„Rapahoe" überlegen über Komet ftegte. 3 n öen anbern 
Klaffen waren bie (ßewinner ber erfteu preife: Kommobore 
bes Iferrn Krupp, bie Rormegerin „ITTignon", ber Schwebe 
„(ßarm", „(Eh ea " bes Konful Dieberichfen, Kiel, „pölly", bes 
Kommer3ienrats Büjenftein, Berlin, ber Rorweger „Dalkyrjen", 
bie amerikanifche „Dirginia 11 ", „giu" bes Direktors UUrich, 
Berlin, „Kttüa", 3 - Bielenberg, Kiel, „Sufanne II" bes 
Herrn Bulbfchinsfy, Berlin, unb in ben kleinen Klaffen bie 
Hamburger: „Blifc VI" bes £)errn IDeftenbarp, „Haralö" bes 
Herrn Duncker unb „Donner" ber fferren IDeftenbarp unb 
ibeitjmann. 

Km Sonntag fegelten bie großen Klaffen 3um ^weiten* 
mal. ITTan ftartete um V'i\2 Uhr bei einer leichten Brife, 
bie leiber, als bie 3 a<hten bie offene See erreichten, ganj 
einfchlief. Die fah^euge lagen oft ftunbenlattg auf einem 
Jleck, ohne ftctj 3U rühren. So bauerte es elf bis 3wölf 
Stunben, bis bie großen Schoner bie breißig Seemeilen ab* 
gefegelt hatten, fo baß fie erft in ber Rächt rnieber in Kiel 
eintrafen. Die mittleren 3achten, bie auch bie große Bahn 
3U abfoloteren hatten, Pnb fogar erft 3um Ceil 3wifcheu 6 
unb 7 Uhr morgens wieber au ihre £iegepläße gekommen. Daß 
unter biefen Umftäitbeu bie erreichten Refultate gan3 un¬ 
maßgeblich waren, pielmehr nur pon (Slück uitb gufall ge* 
fchaffen waren, bürfte einleuchten. 

Ruch bie lüettfahrten ber internationalen Souberklaffen 
hatten unter IDinbmangel 3U leiben, fonft wäre bas Refultat 
wohl ein anberes gewefen. Km Donnerstag war ber IDinb 
aan3 flau; peben Stunben brauchten bie bebauernswerten 
Rührer ber 3 a <hten, um bie fechsehrt Seemeilen ab3iifegeln. 
3 n ben kleinen Booten bei ber glühenben Sonnetihigc, ohne 
bie IHöglichkeit, fleh mit (Setränken 31t rerproriantieren, 
mag ihnen bas fauer genug geworben fein. Der Kmerikaner 
„Uncle Sam" gewann mit *5 IHinuten gegen ben Berliner 
„IDannfee", wäbrenb bie Hamburger „Ciüy", bie (Englänberin 


•) Pergl. ben Krtifcl „Kieler JPo4?e" in numnier 26, S. U80 


„Cis", bie £übecker „Banfa" unb bie Kaiferjacht „Samoa* 
bie übrigen preife erhielten. 

Km Sonnabenb fanb bas 3weite Rennen ber Klaffe patt. 
(Es wehte leicht aus Rorbop, fo baß bie Bahn in 2V2 bis 
3 Stunben abfoloiert werben konnte. IDieber gewann „Uncle 
Sam", ber, wie auch am Donnerstag, pon einem ad^ehn- 
jährigen jungen Kmerikaner gan3 porjüglich gefegelt würbe. 
§ weiter würbe biesmal mit \5 Sekunben Kbftanb bie Ifam« 
burgerin „UTimofa", bahinter enbeten „Hanfa", „IDannfee", 
„Cis" unb „(Eilly", bie ben 3weiten bis fechpen preis er¬ 
hielten. Kufregenb war bas „Finish“. K1W3 por bem §iel 
gelingt es „Iltimofa", an „Uncle Sam", ber bis batpn ge¬ 
führt hatte, Porbei3ulaufen. Schon h^Ü man bie Ijamburgerin 
für bie pchere Siegerin, als eine günpige Brife ben „Uncle 
Sam" wieber porbringt, fo baß er mit kleinem Dorfprung 
bie giellinie paffiert. 

„Uncle Sam" ip ein ausgefprochener f lautenläufer: wäre 
etwas mehr IDinb gewefen, fo wäre es ihm ferner gefallen, 
3weimal 3U pegen. Durch ben hoppelten Sieg gewann er 
ben Beftimmungen gemäß ben Kaiferpreis enbgiltig. 

Das britte Rennen ber Sonberkiaffe fanb am UTontag 
ftatt, natürlidj ohne „Uncle Sam". Die Brife war leiblich, 
bie Bahn konnte in 3wei Stunben abgefegelt werben. Den 
erften Preis gewann „IDannfee" unter 0 tto Profcens h erüor * 
rageuber Rührung. Den 3weiten bie pom Kapitänleutnänt 
Pafchen por3Üglich bebieitte Kaiferjacht „Samoa", bie übrigen 
preife „I^anfa", „Charly", bie Berlinerin „£unula" unb 
„(Eilly". 

Km UTontag aber fanb bas fepeffen bes Kaifcrlichen 
Klubs in ben prächtigen Räumen bes Klubhaufes patt. Der 
Kaifer nahm, wie alljährlich/ an bem (Effen teil unb faß 
3wifchett bem (Sroßher3og pon Sachfen • IDeimar unb bem 
dürften ponDlonako,ber auf bem £inienfchiff „Kaifer IDilhelmTT" 
IDobnung genommen hat. Rachbem bie (Eafel aufgehoben 
war, begab pd? bie (Eifchgefellfchaft in ben (Sorten, wo ber 
Kaifer in lebhafter Unterhaltung noch 3wei Stunben per¬ 
brachte. Dabei würben piele ber anwefenben Segler, nament¬ 
lich mehrere Kmerikaner, ins (Sefprädj ge3ogen. 

Km Dienstag unb UTittwoch wirb nun nach (Ecfernförbe 
unb 3urück gefegelt, Donnerstag pubet nochmals Regatta in 
Kiel ftatt, unb am freitag tritt bie gan3e 3 fl (htp(>tte bie 
Reife nach (Eraoeinünbe an. 

Kiel, 30 . 3 uni 1902. c • • • 



£onbouer UTomentbilber (Kbb. S. 1239 unb 127 ^). 
Kus h^H^m 3 ubel ip bas englifche Dolk burch bie Krankheit 
feines Königs plöftlich in bie tieffte (Erauer perfekt worben. 
3 nsbefonbere in £oubon machte pch ber Umfchlag beut lieh be¬ 
merkbar. fjier gab es ja am meiften 3U flauen, h ier konnte 
man bie (Säße bes Königs begrüßen, bie Dertreter ber euro» 
päifchen Ulächte, wie ben <£r3her3og (franj Jerbinanb pon 
0 eftcrreich, ben Kronprin3en pon Schweben unb ben Prisen 
pon Kfturien, ober ejrotifdje (Säpe, wie Ras UTakonnen, 
ben Kbgefanbten bes Regus, ober ben UTaharajah t>on 3 eypur. 
Km näd?fteii (Eag aber hatte bie Ulenge, bie pdj perfammelte, 
atibrre, traurige Befchäftiguttg, pe panb ba unb las bie Be¬ 
richte über bie Krankheit bes Königs. 

Bb4 

Bei ber Kutomobilfahrt paris -IDien (Kbb. S. 123 7 ) 
bat bie glorious incertainity, pon ber fonp immer auf bem 
(Eurf mit Dorliebe gefprochen wirb, eine große Rolle ge* 
fpielt. Die (Eeiluehmer an ber Rennfahrt, bie beim park 
in Champigny fojufagen als Japoriten pom Publikum mit 
Beifall begrüßt würben, haben, weit entfernt, bie preife 3U 
erringen, nicht einmal alle bas giel erreicht. Da es biesmal 
mehr barauf autarn, bie IDiberpanbsfähigkeit unb Haltbarkeit 
ber IDagen auf fchwierigetn (Eerrain 3U erproben, als bie 
Kusbauer unb (Sewanbtheit ber Wahrer, burftert befekt gewor- 


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Seite |230. 


stummer 27. 


bene ITTafdjinentetle auf ber Jahrt nid?t ausgewecbfelt, Re¬ 
paraturen auf ben Radjtftationen nicht porgenommen werben. 
3 m 3 n tereße ber Sicherheit bes PubliPums waren bie IDege 
burdf bie Stäbte 3um größten (Teil neutraliflert, ebenfo wegen 
ber aÜ3ugro§en SdjwierigPeiten bie Strecfe über ben Arlberg. 
Daraus ergab fidj bie RotwenbigPeit, nicht nur für bie Pier 
großen (Etappen, fonbern innerhalb biefer wieber für niedrere 
Stretfen bie 3ur fahrt gebrauste Seit 3U berechnen, um 
nach ber bei ber Abbition flet? ergebenbeit Summe bie Preis¬ 
träger 3U beßimtnen. Da überbies noch gegen bie Quali- 
flPatiott mehrerer (Teilnehmer proteß eingelegt würbe, mußte 
erß bie 3 ur Y 3ufammentreten, fo baß bie ’feßßellung ber 
Sieger fd^Iteßlid^ erß mehrere Sage nach bem (Ende ber 
IDettfatjrt erfolgen Poitnte. Als erfter Sieger würbe fd?tießtid? 
DTarcel Renault erPlärt, ber tt^atfäd^tidj aud? als erßer am 
giel angelangt iß. 

Sport unb Kunß in (Turin (Abb. 5 . 1238 ). Bei bem 
3 nternationalen preisreiten in (Turin haben bie Deutfd?en nicht 
befonbers glütflidj abgefchnitten. 3 n & e ff en darf man ^ re 
ßungsfät|igfeit nicht nadj ber §ahl her preife, bie ße errangen, 
beurteilen, ba fie nicht an allen Koufurrei^en teilgenommen 
haben. Tjerporragenbe Qualitäten befuubeten ße im Schulreiten, 
worin ihnen allerbings bie öfterreidjifdj» nngarifd^en ©ffl3iere 
noch überlegen waren. Den €tyrenpreis bes Königs pon 3talien 
erhielt ber beutfdje Rittmeißer von fjotyng, während ßdj 
ben bes Deutfd^en Kaifers ber italienifdje Kapitän (Taprili 
holte. (Sroße (Erfolge haben im allgemeinen bie ©efterreidjer 
er3ielt, bie nach it^rer Rücffehr vom Kaifer franj 3 ofef in 
Kubien3 empfangen würben. gwifchen ben ©fß3ieren ber 
perfdjiebenen Rationen b*rrfdjte h^liche KameraOfd^aft; bie 
3 taliener bewiefen eine ( 5 aßfreunbf<haft, bie bie Seit ber 
fremden faß pöllig in Anfprud? nahm, fo baß piele pon 
ihnen nicht einmal bie Ausßellung für beForatioe Kunß be* 
flcfjtigen Fonnten, bie 3U befudjen in biefein 3 a ^ r piele 
eigens nach (Turin reifen. 

SO 

Düffelborf (Abb. S. *240 unb * 273 ) iß als Stabt ber 
Ausßellung in biefem 3 a f? r and} fo recht bie Stabt ber Kon¬ 
greße. (Einer ber bebeutfamßen, bie in ber leßten S*it bort 
abgehalten würben, war ber für Krbeiteroerßdjerung, ein 
(Sebiet ß>3ialer ^tjatigfeit, auf bem bas Deutfche Reich allen 
andern Ländern poraus iß. Ungewöhnliches 3 n tereßi nahm 
auch ber bes Dereins beutfeher 3 tl 9euieure in Anfprud}, beßen 
gefeüige Deranßaltungen in einem IHahl mit einem f eßfpiel 
gipfelten, bas in (form eines Märchens 3eigt, wie ein junger 
Mann nach Sturm unb Drang 3U einem tüchtigen 3 n 9 cn * eu r 
heranreift. €r 3ieht h* naus ins ^eben mit leidstem Sinn, 
bie Bruft gefchwellt poii IDünfcheu, deren (Erfüllung ihm bas 
f)öchße erfcheint, aber mählich erteunt er, baß es Roheres 
giebt, erPenut por allem bie IDürbe unb Roheit ber Arbeit. 
So fehrt er nicht erß als (Sreis ßiH a if gerettetem Boot in 
ben trafen, fonbern als thatfräftiger Mann, ber fein (Slücf 
im Schaßen unb tu einer friedlichen tjäuslichPeit ßnbet. Das 
feßfpiel, bas pon (Eduard Darlen oerfaßt iß, würbe por3üglich 
bargeßcllt unb fanb mit feinen in großer gaßl eingefloebtenen 
anmutigen (Tän3en ben lebhafteßen Beifall ber animierten 
feßperfammlung. 

(friebridj Kaulbach (Abb. S. *24*)- ber Senior ber 
berühmten Malerfaintlie, gleich feinem ©heim TDilhelm von 
Kaulbach in Aroifen geboren, feierte in f^annoper feinen 
acht3igßen (Seburtstag. Das (Slücf war ihm holb, er hat 
Ruhm unb (Ehren geerntet, unb frau unb Kiuber perfd)önen 
ihm bie Ruhe bes Alters. Mit Stol3 Pann er auf feinen 
Sohn friebridj Auguft pou Kaulbach bliefen, ber fich gleich 
ihm im Reidj ber Kunß einen ber erften plätje erPämpft hat. 

Pyrmouter (TfchaiPowsPyfeier (Abb. S. *239). 3 n 
bem Bab Pyrmont, wo im porigen 3 af?r bas forgingfeft 
abgehalten würbe, fanb in biefem Sommer ein (TfchaiPowsPy- 
feft ßatt, bei bem bie bebeutenbften Kompofitionen bes ruffl- 
feben Meifters pon ausge3eichneten Künßlern 3ur Aufführung 


gebracht würben. Seiber war infolge fd>machen Befuchs ber 
€rtrag,ber in benSoröingbenfmalfonbs fließen follte, nur gering. 

Allerlei aus ber Sdjwei3 (Abb. S. *240). 3 n 
laufanne iß jüngft ein Deitfmal bes fchwe^erifchen Rational- 
helben IDilhelm Cell enthüllt worben. Das pon bem parifer 
Bildhauer Antoine UTercie angefertigte UTonument würbe 
ron bem fran3Öflf<hen Baitfier Daniel ©ßris ber Stabt ge- 
fchenPt 3Uin DartP für bie Aufnahme, bie * 87 * Bourbafi 
bafelbß gefunden hat. — (Ein €rinnerungs3eichen in Pleincrem 
ITTaßßab haben bie Schwerer bem beutfehen Dieter DiPtor 
pon Sdjeßel in IDalbPirchli errichtet, eine (Sebenftafel. — 
3 n bem herrlich gelegenen Kurort Dapos, wo fonß Seibenbe 
Crholung unb (Scitefung fuchen, war Ieftthin Stellbichein 
ber fehneu- unb musPelßarfen ATänner: auf bem oft- 
fchwe^erifchen (Turnfeft 3eigten bie (Eibgenoßen, baß ße 
ebenfo gute (Turner wie Schüßen ßnb. 

Das Berliner Seben (Abb. S. *272 u. * 274 ) bietet auch 
im Sommer mannigfache Abwechslung. Dereine peraußalten 
Sonnwenbfefte unb ihrem Beifpiel folgt bas neuße Kabarett, 
bas ßch ben perlocfenben Ramen „ 3 m ßebenten fjimmel" 
beigelegt hat. Die Kunft feiert in ber Bauptftabt überhaupt 
nicht mehr; Paum ein Cag pergeht, ohne baß Reues 3U be¬ 
richten wäre. Da halt fleh bas Königliche Schaufpielhaus in 
T)errn Seopolb Abler aus Seip3ig einen neuen Regißeur, ba 
feiert ber befannte (Seiger Jelij Uleyer fein fünfunb3wan3ig- 
jähriges 3 u biläuin als Ittitglieb ber Königlichen Kapelle, ba 
gebt frl. Ciny Seubers, ein neuer Bühnenßern, auf. 3 n 
hödjßer Blüte ßeht ber Rabfahrfport, bie DJeltmeißerfchafteit 
für Ruhm werben ausgefochten unb pon 3wei Deutfchen, bem 
Berufsfahrer Chabbäus Robl-HTüncheti unb bem Amateur Alfreb 
(SÖrnemann-Berlin, gewonnen. Aber auch, wer mehr für bas 
Cjrotifdje iß, ßnbet (Senüge, unter anberm hat Ejagenbecf für 
ihn eine inbifche Karawane ausgeftellt 

N 

Aus aller IDelt (Abb. S. *242). Die Befu^er bes 
fchleßfchen (Sebirges, benen mehr am Sehen als am Steigen 
gelegen iß, werben in guPunft ben garfenfall in aller Be- 
quemlichPeit befleißigen Pönnett, benn bie neue Bahn pon 
petersborf nach ^chreiberhau iß fertiggeßellt. — 3 n ®1«S 
würbe am 22. 3 un * ein DenPmal für ben (Srafen Jriebrich 
IDilhelm pon (Soeben enthüllt, ben fchleßfchen gelben, ber 3U 
Beginn bes porigen 3 ahrh un berts mit nie ermübenber Energie 
unb CapferPeit gegen bie ^frai^ofen fämpfte. „ 3 n feiner 
3weiten Heimat, ber (Sraffchaft <SIa^ — bemerPt *7. pon 
IDiefe unb Kaiferswalbau fehr treßenb in bem pon ihm pec- 
faßten Buch über ben (Srafen p. (Soeben — wirPte (Soeben 
in ber (fran3ofen3eit pon *806 bis * 8 Q 7 in blutigem Ringen 
gegen Hapoleon; um ihre Berge fod?t er in pielen Kämpfen, 
ße perteibigte er mit übermenfchlicher Anßrenguttg, ße rettete 
er por bem SdiicPfal, bem Daterlanb entrißen 311 werben. 3 n 
feinem (Eifer für bie heilige Sache bes Daterlanbs hat er feine 
Kräfte aufge3ehrt, fein fiecher Körper erlag infolge ber 
foloßalen Strapazen uttb Auftrengungen. (Er ftarb am 
29. Jebruar *8 20 im Alter pon 53 3 a fyren in (Eubowa, 
feinem Sieblingsaufenthalt; feine le^te Ruheßätte fanb er in 
bem Eänbchen, für bas er unermüdlich gePämpft hatte, beßen 
herrliche Ratur er fo liebte. Sein £ebensabenb war -noch per- 
golbet durch ben (Slan3 ber ^reiheitsPriege, aber er h fl tte 
ausgePämpft." — Die großen Bäber Pönneit ßch jetjt wieber 
rühmen, piele (Säfte aus fürßlichem (Seblüt ober gar ge- 
Prönte Häupter in ihren UTauern 311 beherbergen. So hat 
ber Sd?ah pou perfieu in Karlsbab Aufenthalt genommen, 
wahrenb (fürft RtPolaus pon Montenegro in Kifflngen 
StärPung feiner (Sefunbheit fucht. — Der Ritterfchlag 
in ber Balley Brandenburg bes 3 °t? ann *terorbens, ber 
regelmäßig alle 3wei 3 a ^re ßattßnbet, hat in biefem 
3 ahr ein befottbers feßlid;es (Sepräge, ba bamit 3ttgleich bie 
Jeier eines 3 u Mäums ©etbunben iß. Am * 5 . ©Ptober 
werben nämlich füuf3ig 3 abre perfloßen fein, feit König 
(friedrich IDilhrlnt IV. bem ©rben feine jefcige (Seßalt gab. 

Bb4 


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Hummer 27. 



Das 3afirljunbert bes Kinbes. 

Der vierte unb fünfte Stanb, Arbeiter unb ,frau, ftitb in 
bie Ittenfchheitsgefchichte eingetreten; bas gab bem Ausgang 
bes verfloffenen 3 a h r hnnberts Bebeutung unb 3 n halt. Hod? 
fteht bte Entwitflung in ben Anfängen, unb bas giel ift 
ferne — ba taudjt fdjon »ieber ein neuer Stanb aus bem 
Dunfel empor tinb forbert fein Eigenredjt. Es ift bas Kinb, 
ber »ichtigfte unb »ertvollfte Stanb vor allen anbern. »eil 
er in IDafyrtjeit bie gufunft fdjajft unb bebeutet. Die neu- 
ermatte Hnteilnahme am Kinb unb feiner E^iehung ift 
wohl bas ftcherfte geidjen, baß nach einer (Epoche bes gweifels 
unb ber gerfetjung eine fd^opferifdje, aufbauenbe Kultur uns 
nahe ift. Eine Ulenfchheit, bie ftdj erneuern will, muß immer 
beim Kinb anfangen. 

Das neue 3ah r h u nbert »irb ein 3ahrh u «bert bes Kittbes unb 
ber E^iehung fein. Diefe Prophe3eiuitg »agt (Ellen Key 
in ihrem lebten Effaybudj „Das3ahrh un bert bes Kitt bes 1 *, 
bas fdpott in beutfther Üebertragung von Jrancis Diaro er- 
fcbeint (Derlag von 5. f ifd?er, Berlin). Die tapfere fdj»ebifd?e 
Dorfampferin für neue IHenfd?fjeits»erte ift unfern £efern 
feine ^frembe mehr; eins ber bebeutungsvollften Kapitel ihres 
Buddes — „Die Schule ber gufunft" — ift an biefer Stelle 
3uerft veröffentlicht unb hat Anregung unb Hufflärung in 
weite Kreife getragen. „3ebes 3n&iniöuum allein feinem (Be- 
wiffen gegenüber3uftellen, bas ift bas fyöcbfie Hefultat ber Er- 
jiehung." fpradj Ellen Key in jenem Hnffatj aus. Das ift 
and? ber (Srunbgebanfe ihres Buchs, bas leuchtenbe giel ihres 
neuen Bilbungsibeals, bem bie E^iehung 3U b)aus unb in 
ber Schule bas Kinb entgegenführen foll. Der Schablonen- 
pübagogif gegenüber forbert fie eine inbivibuell-pfychologifche 
Leitung, bie im Kinb ben Uteufchen fteht unb achtet, feine 
werbenbe perfönlidjfeit erfennt unb in Freiheit »achfen läßt. 
Das größte (Seheimnis ber E^iehnng erfcheint ihr gerabe 
barin verborgen — nicht 3U e^iehen, fonbern bie Hatur 
ftiü unb ruhig gewähren 3U laffen. 

Eine Derfünbigung ber IJTenfchenrechte bes Kinbes ift bas 
Buch von Ellen Key. Sie 3ieht gegen bie alte Hnfchauung 
3U Jfelbe, baß bie Kinber bas recht- unb fchußlofe Eigentum 
ihrer Eltern finb. Kits jahrhunbertelanger Kbh&ngigfeit, 
Dergewaltigung, Knechtung fudjt fie bas Kinb 311 erlofen 
unb ihm bas vomehmfte febensrecht, bie Entroicflung ber 
eigenen perfonlichfeit, 3U wahren. 3h cc »armhc^ige Be- 
geifterung lügt fie fchone unb tiefe ZDorte finbeu: „Bevor 
nicht Dater unb IHutter ihre Stirn vor ber Roheit bes Kinbes 
in ben Staub beugen; bevor fie nicht einfehen, baß bas JDort 
Kinb nur ein anberer Kusbrncf für ben Begriff IHajeftät ift; 
bevor fte nicht fühlen, baß es bie gufunft ift, bie in (Beftalt 
bes Kinbes in ihren Krrnen fchlummert, bie IDeltgefchicbte, 
bie 3U ihren jmßen fpielt — »erben fte auch nicht begreifen, 
baß fie ebenfowenig bie macht ober bas Hecht haben, biefem 
neuen ITefen (Befeße vor3iif<hreiben, »ie fte bie macht ober 
bas Hedjt befttjen, fte ben Bahnen ber Sterne auf3uerlegen." 

0b bas Kinb auch auf allen Dieren franst, fein Sinn 
unb feine Seele ftitb aufrecht. Es ift unbeweglich in all 
feinen Empfinbungen. »eil es rein ift unb nur bas eine 
jucht, was ihm notthut. Es hat beit IDillen 3um £eben 
unb 3um (Blücf, b. h- 3 U feiner eigenen perfonlichfeit. IDir 
follen beshalb Hitbadjt haben vor ihm unb feinem IDefen, 
auf baß es ben ein3ig rechten IDeg gehe, 3U bem feine innerfie 
Hatur es hinbrängt. IDir follen ihm alle Steine aus beitt 
IDeg räumen unb alles Dunfel 3erteilen, bamit es flar unb 
fteber 3U ficb felbft ftitbe. Hub wenn es aitbers ift als »ir, 
fo follen »ir uns bavor beugen, unb wenn es mehr ift als 
»ir. fo foll es unferc Jreube unb unfer Stol3 fein. 

Ellen Key »ibmet ihr Buch „allenEltern, bie hoffen, im neuen 
3ahrhnttbert ben neuen menfdjen 3U bilben." paui aumer. 


Seite \ 25 \. 



Eine thatfräftige Hufftn, Jrau K. B. €esnie»sfa, hat 
auf eigene Koften für ihre IHitfch»eftern eine Stubienanftalt 
praftifdjer Hrt gegrürtbet, um ihnen fo ben Ejiften3fampf 
3U erleichtern. 3 n Hußlanb ift es ben grauen verboten, 
Hörerinnen einer Univerfttät 3U fein. Jrau lesniewsfa 
fchuf beshalb eine privathochfchule, vorerft fpe3iell für jphar« 
ma3eutinnen. Had? einer mehrwöchentlichen theoretifdjen 
Dorbereitung treten bie Schülerinnen in ben praftifdjen 
Diettft, bas heifc* in bie große, von frau Eesitiewsfa ge- 
grüitbete ttttb geleitete ^frauenapothefe am Hewsfiprofpeft 
itt Petersburg. Hud? ein titebi^inifcher Kurfus an einem ber 
ftäbtifchen Kranfenhäufer ift in ber Eehr^eit mit inbegriffen. 

¥ 

Um ben bentfcheit grauen bie Kusübuitg ihrer politifchen 
Hechte 3U verfchajfen, hat ftd? in Hamburg ein Herein für 
(frauenftiinmrecht gebübet. Es »irb be3»ecft, nach bem Dor* 
büb bes nor»egifd?en fraueuftimmrechtvereins auch für bie 
beutfehen Jrauen bie volle politifche (Bleichberechtigung an5u- 
ftreben, unb 3»ar über bie fchon erworbenen Hechte hinaus, 
fo alfo, baß grauen nicht nur 3ur IDahlurne 3ugelaffen »erben, 
joitbern auch in fotnitiunale Kemter gewählt »erben föttnen. 

Den erften weiblichen Krchiteften hat bie fimtläitbifche 
Hegiernng in Jräulein B. Elyberg angefteüt. Die Datne, 
bie ihren Stubteit in H el fingfors obgelegen hat, erhielt einen 
Poften in ber gentralverwaltuug ber Staatsgebäube. 

¥ 

Die tnebi3inifche Kfabemie in Paris erfannte ben Diftor 
Hugo-Preis einer Dame, Jräulein UTelanie Eipinsfa aus 
IDarfchau, 3U. 3i? re Arbeit behanbelte bie „(Befchichte ber 
Ker3tittneit feit bem Kltertum bis auf ben heutigen (£ag M 
unb hat ber Derfafferiit, namentlich in ihrer poluifchen Heimat, 
fchneü einen Hamen geschaffen. 

¥ 

Fräulein Dr. Hina ITTonti lieft, als erfter weiblicher 
privatbojent an ber Univerfttät Pavia, über vergleidjenbe 
Knatomie unb phyftologie bes Hervenfyftems. 3h rer Habili* 
tierung gingen fo lebhafte Erörterungen voraus, baß bie 
älteren profefforen ber Univerfttät ftd? genötigt fahen, mit 
ihrem Hang unb Huf für bie Dame ein3utreten. 



0berhofprebiger prälat K. v. Bilfinger, t am 25 . 3utti 
in Stuttgart im 56 . Eebensjahr. 

Dr. 3 °frph Durbif, Profejfor ber philofophie, t ain 
3 ali in Prag im Hlter von 6^ 3 a hren. 

Dr. IDilhelm Kien3l, Dater bes befannteit Komponiften, 
t am (. 3uli in (Bra3. 

Kleemann, (Seneralmajor a. D., t ain 30 . 3 un i in 
Ulünchen im Klter von 80 3ah ren - 

(Seorgine von Eauer, IDitwe bes (Seheimrats von £aucr, 
t in 0 evnhanfen im Klter von 77 3 ah r *n. 

(Seneralmajor von Hirn heim, fatn 2 7 . 3 »m* in U^eßlar. 
(ßeheimer Kommer3ienrat H ll 9° Prings heim, t am 
29. 3 u «i in Berlin im Hlter von 6^ 3 a h r en. 

Hans Heimarus, IHitinbaber ber Hicolaifdjen Buch- 
hanblung in Berlin, t in £«3em im Hlter von 59 3 ah ; en. 

0 s»alb Seehagen, Derlagsbudjhäublcr in Berlin, f in 
Cfrafp im Klter von 70 3 abreu. 

profeffor Dr. Siebaitigroßfy, (Seheimer IHeb^inalrat, 
t in IDiesbaben. 

<3S® 


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Seite {232. 


Jftummer 27 . 


Huf dem Codesacker von Martinique. 

Von unferm nad? KTartinique entfanbten Spe3ialberid?terßatter. 


IVährenb id? in biefer Kird?hofsftille im oberßen Stabtteil 
oon St. pierre faß, ertönte rote aus weiter ferne grollendes 
Donnerrollen. €ine tiefgtaue, t^of^e tVolfe. geringelt rote Kalbs» 
brägett, etroa oon (Seftalt eines mächtigen KTaisFolbens, 
roar aus betrt Krater emporgefd?oßen unb ftanb nun höh er 
als ber Berg felbjt über it?m. Unbeweglich fd?roebte fte 
in ber £uft, bann erweiterte fie fid? oben, eine neue, bunPlere 
TVolfe fd?oß oon unten in fte hinein, uub fd?ließlid? fiel bie 
fd?roär3lid?e Klaffe, als ob ber ^nl^alt eines 2 Vafcf?becfens 
überflute, oon oben beginnend naci? allen Seiten laitgfam 
3U CEt^al. Bald riefelte ein feiner Ufd?enregen auf uns nieber, 
fo baß ferneres Verbleiben nid?t ratfam fd?ien. — — — 

Der pelce roar ror ber (Eruption oon brei punften aus 
3U beßeigeru Don Baffe pointe int Horben, £e pred?eur im 
IVeften unb KTorne Houge im Süboften. 

Fort be Jrance liegt oon allen brei (Drtfcbafien fo roeit 
entfernt, baß es galt, für ben geplanten Uufftieg eine 3toei» 
tägige (Expedition oor3ubereiten, bie id? mit profeffor fjill. 
ber als namhafter (Seologe unb Beamter bes U. S. (Seological 
5 nroey oon ber atnerifanifdjen Kegierung nad? KTartinique 
entfanbt roorben roar, foroie 3roei anbern Herren plante. Um 
feftjttftellen, inroiefern bas auf betn £attbroeg 3a erreichende 
Dorf KTorne Houge als Bafis 3U benugen fei, ritt id? am 
22. KTai in ber Frühe auf einem ber fleinen, aber leiftungs* 
fähigen Pferbe bes (Eilandes dorthin ab. 

<Ts roar ein eigenartiger Kitt durd? lautlofen CEropenroalb, 
bergauf, bergab, aber immer über gute Straßen. Dtefe 
allein erinnern auf KTartinique an bas KTutterlanb mit feinen 
fauberen, roofylgepflegten (Öjaußeen. 

JValb ift faum bie richtige Be3eid?nung für biefes <£f?aos 
oon Bäumen, bie bodj, niebrig, frumnt unb gerabe ftd? burd?* 
einander brängen. Sie ringen unb fätnpfen miteinander tun 
£uft unb Sonnenlid^t. Biefenhod? haben ße ß(h reefen muffen, 
bie roirflid? einen Sonnenftraiß erljafdjen, unb gefallen, ent* 
ron^elt, befiegt liegen andere ihnen 3U Jüßen. Daneben hat 
fold? Kiefe ßd? frümmenb unb toinbenb als 3odj über einen 
anbern gelegt, ber feinerfeits roieber mit ber Krone aufftrebt 
unb oerfacht, ben Barbar nieber3U3roingen. (Enger aber 
roirb biefes an ßd? fd?on undurchdringliche IVirrroarr oon 
Stämmen unb Kronen burch bie roeit ausgreifenben Urne 
ber großen 5chlingpflan3ett, bie ßd? um KTango*, (Suinmi* 
ünb KTahagoutbaunt roie oon einem 3utn anbern raufen. 

(Sleid? üppiger Heid?tutn ßrogt unb wuchert am Boben. 
Kein §oü breit (Erbe ift feitüdj ber Straße ftd?tbar. Ulles 
ift üppiger pßan3enroud?s, oben faftig grün, barunter fußtiefe 
Hefte unb (Erümmer einer im Kampf um £id?t unb Sonne befiegteu 
Vegetation, bie tnählid? 3U frifchem, tnobrig ried?enbem i^umus 
roirb. Sechs KTonate ober oielleicht 5roölf, unb wenn nach neuer 
Hegezeit bie Keime fchneller fließen, roirb auch St. pierre 
unter biefer fiegbafren, alles oerfchlingenben Vegetation be* 
graben fein. (Es bringt fd?on jegt h* er nab &a eine 9 r ünc 
Spige burch bie Hfd?e, unb bie Ausbeute ber Hrd?äologeit 
ferner 3 a ^ r h un ^ ertc wirb fpärltd? unb mühfam, fein. — — 

Hut ab oor betn Pfarrer oon KTorne Houge! Von einer 
Stabt fommenb, in ber jebes am Ejimmel auffteigenbe bunfle 
TVölfd?en KTänner erbleichen läßt in ber felbft ber Hichter 
unb Beamte bem Fremden gegenüber ihren Unmut äußern, 
weil man ihn nicht heintrtifr, roie er erwartet, „car la vie 
humaine est sacr^s“, oon einer folcbcn Stabt fommenb, thut 
es roohh neben einem KTann 3U ftehen. 

3n Fort be France hatten fie mir er3ählt, baß ber Pfarrer 
oon KTorne Houge ßd? 3roerflos ber (Sefahr ausfege. (Er 
jd?üttelte ben Kopf mit ttachfichtigem £äci?eln unb meinte, 
guther3ig bie Hd?feln 3iicfenö, baß jebes Ding feine 3toci 
Seiten habe. <£r bleibe als Solbat feiner Kirche auf bem 
poften, ben bie Hegierung oerloren gegeben, um bie Habe 
feiner pfarrfinber oor bem Diebsgeftnbel 3U flögen, bas 


überall auf ber 3 n f e l plündert. Sobalb “bies burch (Senbarmen 
geschehe wolle er ihnen gern bas Jelb räumen. 

€r fdjtlberte als einer ber wenigen Httge^eugen bie große 
Kataftrophe —: Dem Krater brüben entftieg unter einem 
(Seräufd?, bas er mehr roie ein alles übertönenbes, 3ifchenbes 
Braufen als roie Donner befchrieben roiffen möchte, eine riefige 
fchroar3e TVolfe. Kein Blig, feine flamme, fein feuerfdjein 
begleitete fte. (Einen Uugenblitf nur fchroebte fte über bem 
(Sipfel unb fauße bann pfeilfd?nell, roie oon ber Qanb bes 
KU mächtigen gefchleubert — fo waren feine tVorte — rollenb, 
ftd? überfchlagenb auf bie Stabt h'nab. Dann erjt erfolgten 
Detonationen, bann erft 3üngelten unten aus Käufern bie Jeuer* 
fäulert auf, unb nun folgte Ufdjroolfe auf Ufdjroolfe, roie aus 
einem (Sefchüg gefeuert, unter roüenbem Donner aus bem Krater. 

(Eine IVinbhofe, halb naffen Schlamm, balb Kfche mit ftch 
tragenb, muß über bas h*imgefuchte Kreal bahingebrauft fein, 
unb beshalb fprechen bie anroefenben amerifanifchen KTänner 
ber IViffeufchaft oon einem eruptioen oulfanifchen (Eornabo. 
(gelegentlich läßt ßcb in ber £anbfchaft bie Spur bes Sturm* 
3enttums oerfolgen, oon bem fpiralförmig breite Streifen 
Schlamms ober Hfd)enftaubs ßch auf bie (Erbe gelegt haben, 
bajroifchen eine grüne fläche ober gar eine Plantage faß 
unoerfehrt laffenb. 

3 cne fchroarje IVolfe, bie fchroer unb moibenb ftd? als 
unhrilsooüe 5 d?icffalshanb auf St. pierre legte, oerfdjonte 
fein £eberoefen. Das große amerifattifche nad?richtenbureau, 
bas bie JVelt mit (Eartarennachrichten über KTartinique oer* 
forgte, wußte oon einem (Salgenoogel 3U er3ählen, ben man 
lebenb aus ben Hutnen bes (Sefängniffes 30g. (Ehatfächlid? 
ftoefte jeber b?er3fd?lag 3ur gleichen KTinute, roie bie große 
Uhr ber Hue Viftor E?ugo. So iß bie ^atjl ber Verlegten 
biefer größten mobernen Kataftrophe gering. Sie würben 
nach unb nach — man eilt nicht auf KTartinique — in bie 
beiben KranFenhäufer oon fort be fraitce übergeführt. 

Die (Sreuel bes (Eobes in St. pierre hatten ftd? lähmenb 
auf bie Heroen gelegt. Sd?netbettberes IVeh riefen bie 
£eiben ber unglücflid?en Ueberlebenben road?. (Es roar fein 
ftilles Kranfen3immer, bas wir im gioilhofpital betraten, 
wo \ 27 Verlegte beherbergt, aber nur ein 2lr3t unb fed?s 
Pflegerinnen befd?äftigt würben. Der erßere befannte frei* 
mütig, baß es an (Selb unb Hilfsmitteln fehle. Der Strom 
ber Hilfsmittel fd?eint alfo nicht in 5roecfentfpred?enbe Bahnen 
gelenft 31t werben. 

Der Hautn roar fd?led?t gelüftet unb mit etroa fünf3t’g 
grauen überfüllt. Verfiümmelte wimmerten in ^fieberqual, 
ba3roifd?en lärmten fpielenbe Kinber, bie bas Bett ber 
KTutter teilen. (Eine eitrige Pflegerin für biefe oielfad? ab* 
folut Hilfl°f en erneuerte gerade ben Verbanb eines 3toölf* 
jährigen KTäbd?ens, bem betbe H^ttbe abgefengt ßnb. Uud? 
bas ®eftd?t ift oerbrannt unb blieft aus Banbagen roie aus 
einem KTaulforb. Die Pflegerin ift freunbltd? unb forgfam, 
aber trogdem muß bie Kleine roeinenb Folterqualen leiben, 
während fte für eine halbe Stunde bem fd?mer3haften Ver¬ 
fahren unter3ogen wirb, bas 3roei gefd?icfte H^nbe mehr ab* 
Für3en fönnten. 

3n3toifd?en ßitb bie anbern £eibenben ßd? felbß über¬ 
laßen. (Einige betteln uns um F r üd?te an. KTan giebt ße 
ihnen nid?t, obwohl ße hoch fpottbillig 3U haben ßitb. F^ r 
(Selb nur föntten bie Kranfen ße erhalten. 

3 m KTilitärla3arett ift bie §al?l ber Verlegten nur halb 
fo groß roie im anbern, ße ftnb beffer aufgehoben, aber bie 
3nfaßen behaupten, baß bie IVärter, bas H a fenpanier ei> 
greifend, aus ben gitnmern ftür3en, fobald ber pelce .eine 
Haud?wolPe ausftößt. 

Die panifd?e Furdjt biefer BeoölFerung, ber weißen rote 
ber fd?roar3en, Faun aud? ber nad?ßd?tigfte Beobachter in jet?r 
milder KusbrucFsweife nur läd?eriid? nennen. 


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Huttimer 27. 


Seite {253. 


fort be france iß lebiglich Beamtenßabt unb follte'halber 
beit beftevt (Typus einer folonialett HeoölPerung 3eigen. 
Uber feine Bemohner feinen läfpg unb energielos. Diel* 
leidet f^at bie tropifdje Tjitje pe entnerpt. ITTan hält pe, 
menn fte mit abgefpannten (Sepdjtern burdj bie 5tra§en fehlen* 
bern, für 3U träge, um einem burchgehenben (Sefpann aus bem 
IDeg 3U gehen. Sie mürben pd? lieber überfahren laffen. — 
Die tjerrfdfenbe Haffe fd^eint Iße* auf bas Hioeau ber farbigen 
hinabjufinfen, ftatt biefe 3U pd? h*rauf3U3iehen; IDeiße folgen 
öen unbefdjretbitdjen (Sepßogenheiten ber Heger. 

* * 

* 

(Es goß in (Eimern potn Fimmel als mit profeffor tyü 
bie 3meitägige fahrt nadj bem nörblidjen Martinique im 
Fleinen Dampfer Hubis angetreten mürbe, hinter dap 
Martin mar es 3U ftürmifd? für eine £anbung bei Haffe 
Pointe, mo bie Branbung meterhoch gegen bie Klippen fdjlug. 
Huhigeres IDetter abmartenb, fuhren mir bie HorbPüße hinab, 
ihre £inie mit ber auf ber Karte ge3ogenen oer gl ei djenb. 
Die Melbung, baß pe auf meite Strecfen perfuitFen fei, er* 
mies fid? auch mieber als Märzen. UUe Dörfer, in benen 
mir auf jladjem Stranb lanben fonnten, maren bemotjnt; in 
ben anbern fatj man £eben pom Schiß aus, unb Peinerlei 
Spuren pon Dermüftung mürben mahrnehmbar. 

Die ein3ige topographifdje Deränberung pon Martinique 
3eigt pd? bei St. pierre, mo bas Meer über ben Quai ober 
bie place Bertin getreten iß, unb unmittelbar nörblich ber 
Stabt, mo ber burdj bas Bett ber einftigen Hioiere blanche 
pch ergießenbe Schlammßrom ber Küfte ein Schlammareal 
pon einigen hnnbert Quatratmeter angelagert hat. 

(Ebenfo fanben mir bas roirFlidj perroüftete (Sebiet Peines* 
roegs fo groß, mie man angenommen hatte. (Es liegt etma 
in ber form eines oben abgeftumpften Dreiecfs 3mifchen pier 
£inten, bie ben Krater bes pdee mit ben ©rtfebaften darbet, 
£e predjeur unb Morne Houge perbinben. Die tDut bes 
Uusbruis hat pd? tfout pele'e faß ausfchließlich in form 
eines Jägers mehr fübmeftlidjer Hid^tung ergoffen; ber 
mittlere fjauptftrahl biefes fächers pon Uusbruchmaßen ging 
über St. pierre, bie beiben äußerften rechts unb linPs trafen 
Predjeur itnb darbet. 3 en f e *ts, alfo tiorböftlich bes Herges, 
iß ber angerichtete Schaben- gering, unb beshalb ift eine 
MöglidjFeit porhanben. baß profeffor Tjill red?t hat, merin 
er annimmt, bas Unheil fei mehr bem Soufrifcre ober 
(Etang fec als bem Tjauptfraier entfprungen. Diefer Heben- 
Prater, pon menigen Menfchen bepdjtigt, mürbe feiner Seit an 
ber Quelle ber Hioiere blanche entbeeft unb liegt, pon ber 
Umgebung bes Herges aus unfkhtbar, in einer BobenfetiFung 
am Sübmefthang bes pele'e um eine englifd^e Meile näher 
St. pierre als ber TfauptPrater. 

Das gmecflofe eines £anbungsperfuchs bei Haffe pointe 
einfehenb, fuhren mir gegen Mittag nach £e Predjeur, mit 
UTorne Houge ber britte punPt, pon bem früher ber Krater 
erreichbar gemefen ift. 

Das Dorf lag mie, ber Hergriefe über ihm in bitten Hauch 
gehüllt, ber Hegen hätte nachgelaffen, aber fchmere, feuchte £uft 
perhinberte bas Ub3iehen ber DampfmolPen aus bem Krater, 
bie auf 3mei Kilometer längs biefes (Teils ber HorbroeftPüfte 
lagerten. Habe bem Stranb gemährte man im fcheinbaren 
Hebel ber leidet nach Hfche roch, Menfd?engeßalten. Sie fchroenF* 
tett f]üte unb (Tücher. Kaum mar bas Pleine, Pom Dampfer 
herabgelaffene Huberboot gelanbet, ba faßen aud? fchon fünf 
Männer unb 3mei stauen f<hmar3er Hautfarbe barin unb per* 
pd?erten uns, es fei hödjfte Seit, fie (uns meniger, benn fie 
füllten bas Hoot reichlich) in Sicherheit 3U bringen, benn 
,.la moatagne“ h a &e e ^ en e * n *}aus eiugeriffeu. (Einer ließ 
fid?, bem gmang gehorchenb, als führet burd? bie Qrtfchaft 
in unfern Dienft preffen, bie anbern burften ben Dampfer 
be3iehen, auf bem mir fie am folgeuben Hachmittag nach 
fort be ^rance brachten. 

din feiner Ufchenregen legte fich auf f^üte unb Kleiber, als 
mir bem eben eingeriffenen TJaus 3ufchritten. Der h*« mün* 


benbe Had? führte, mie alle Pom petcV Fommeuben ftarP ge* 
fchmollen» Klaffen pou Schlamm unb (Seröll mit. (Ein Du^enb 
Käufer im norblicheit (Teil' lagen in (Trümmern, alle anbern 
maren unuerfehrt, aber sollhoch mit Ufdje bebecPt. HUerlei 
Dieh lief herrenlos 3mifchen ihnen umher. 

Unmittelbar hinter bem Dorf fteigen fieil bie t?3hen auf, 
bie im pelce gipfeln. Die Straße ermies fidj am fchlüpfrigften 
unb unmegfamften unter ihrer Schlammbede, fo Plomm man 
hier unb bort einen gefallenen Haumftamm überfdjreitenb, 
bann burd? eine teilmeife 3erftörte S uc ^erplantage pch ben 
IDeg bahneub, immer minbeftens bis an bie Knöchel im 
Schlamm, bie erfte HnhÖhe hinauf. 3enfetts berfelben ging’s 
ben halben We g mieber hinunter unb eine h ö h^re hinauf. 
Smifd?^n beiben floß mieber bes (Seologen <Ent3ücfen — ein 
Schlammbach. UPährenb anbere (Sepchter lang unb mübe 
mürben, menn es galt, einen folgen 3U burchmaten ober 3U 
umgehen, perPlärte pch bas bes profeffors. 3n truuPener 
SeligPeit, bie Urtne nach Porn ausgeftrerft, ftür3te er pd? auf 
ben ITtorap, fanP am Ufer in bie Knie unb griff bis an bie 
dllbogen hinein. 

„Um (Sottes millen, f^err profeffor, mas machen Sie 
bloß?" 

(Er glucPfte nur ftillfelig por pch hin» freubig, ermar* 
tungspoll, mie ein Kiub am lüeihnachtsabeitb. Dann 30g 
er Du^enbe pon Klumpen unb Klümp^en aus ber (Tiefe, 
legte fie auf einen Stein, nahm fchmun3elnb ben (Seologen* 
hammer aus ber (Tafele unb 3erfchlug pe. Uber mährenb 
StücP auf StücP 3erbrach, mich bie (freube tiefer Hieber* 
gefchlagenheit, unb beim lebten l^ammerfchlag Farn es bumpf 
pon bes profeflors £ippen: „Keine £apa!" 

Sonft nahm ber Uufftieg nad? profefor fjill, ber ihn por 
einigen 3 a h rcn gemacht, 3roei Stunben in Hnfpruch- JDir 
hatten pier gebraucht, um auf halbe Tjöhe 311 gelangen. (Eine 
jelsPante perfperrte ben IDeg. UPir moliten pe umgehen 
unb trafen auf ber erßen Seite eine UfchmolPe, h e t6^ r unb 
bitter als jene, bie uns unb biefe £}öhe, feiten ben HlicP 
nach bem (Sipfel freigebenb, beftänbig umgaben. 

JDir gingen 3urücP unb nach ber anbern Seite bes Jelspor* 
fprungs, hunbert ITleter linPs. Die KfchmoIPe folgte. Huf 
ben Kleibern lag nun eine bicPe graue Schicht, bie Uugen 
bügelten, bas Htmen in bem h*i&en Kfchgeruch mar mirP* 
lid/ erfchmert. Die Hacht mürbe auf bem Dampfer rerbracht. 
Der DulPan marf fortgefetjt leichte HfchmolPen aus, jeboch 
maren Peinerlei £id)terfcheinnngen am Krater mahrnehmbar. 

(Ein am folgenben Sonntagmorgen unternommener Huf ftiegs* 
perfud? längs jenes befchriebenen Schlammftroms nörblich pou 
St. pierre fcheiterte an (TerrainfchmierigFeiten, aud? regnete es 
roteber ftarP. IDir faben auf einer f^öhe pon etma 500 UTeter 
3ifd>etib unb rauchetib eine frifche Husbruchsmelle 3U (Thal 
Pommett. (Es fchien, als ob auf ber T)öhe bes Herges, beffen 
(Sipfel beftänbig perhüllt bl eb. ein Hiefeneimer Pochenber 
KTape in ben Strom gegojfen mürbe. Hls pe an uns porbei* 
Putete, fühlte pe pdj nur noch laumarin an, unb nur ge* 
legentlich rauchte in ber HTitte ein fchroimmeuber Klumpen. 

£aca marb auch ^er nicht entbeeft, ein intereßanter 
Junb aber nörblich ber IHünbung nuferes Schlammftroms 
gemacht. IDir fuhren im Huberboot einer leichten Hauch* 
faule 3U, bie aus bem TDaffer nahe bem Ufer 3U Pommen 
fchien. Sie perhüllte eine anfeheinenb neu entftanbene 3nfel 
pou 20 Dieter Durchnteßer, bie einen Pleitten Krater bilbete. 
Kegelförpiig ragte aus ber HTitte eine gefchloßene Spifte 
etma fünf ^uß über ben TDajferfpiegel. Die gelbliche Qber* 
ßäd?e 3eigte ausgebrannten Schmefel. barunter lag Sanb, 
häufig gefärbt, als ob metallifche (Elemente ober anbere burch 
große fji£e ausgefd?ieben feien. Ueberfät mar pe mit um* 
geftülpten, brei goll h ol l e ^ (Trichtern aus Sanb. Diefem 
entßrömte fehr h^»B er * aber völlig geruchlofer Dampf. Heim 
£anbeit maren mir überrafcht, bas (Erbreich h^h 3« pitben. 
Das IDaßer, bas pd? beim Durchmaten bes IDaßers in ben 
Stiefeln gefammelt hatte, 3ifchte beim Kbfchreiten ber feften, 
aber fanhigen unb hoty f^cinfttl>en 3 n f e t auf. 


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Seite 125g. 


Jtuimner 27. 


Der JMammutfund in Sibirien. 

Sielje Slbbilbung Seite 1235. 


Dor 3mei3ahren benachrichtigte her (Bouoerneur oon3oPutsP 
bic Kaiferlidje HPabemie ber 2X>iffcnfdjaftert in 5t. Petersburg 
oon einem aufcergemöhnlichen (funb. (Ein KofaP hatte burd? 
einen £amuteu . erfahren, ba§ im (Eis ein Kabaoer eines 
Hiefentiers ftecPe mit mächtigen gähnen; einen baoon hatte 
ber £atiiute abgehacFt unb beabfidjtigte, ihn 3u # oerPaufen. 



Schädel mit linkem Stosszahn. 


Die HFabemte ber IDiffenfchaften entnahm bem Bericht bes 
(Boitoerneurs, ba§ es fidi mijiueifelbaft um einen IHammut- 
funb bannte' unb entfanötebestjalb ben IHufeumsFuftos 0tto 
t^er3 unb ben Präparator pjt^eumayer fofort an ben (funb- 
ort mit ber IDeifung, ben (funb fo gut als möglich nach 
Petersburg 3U fd^affen. Der Kubaner bes mutmaßlichen 
IHammuts lag an ber BerefomPa, einem redeten ZTebenflnfs ber 
Kolyma, 300 IDerjt oon Soebnt'KolymsF in ber (Eaiga. 

3m IHai 1901 reiften fjer3 unb Pfttjenmayer oon Peters¬ 
burg ab. 3unäcbjt bis 3oFutsP, bann begannen bie Strapajen. 
Don 3aFutsP bis 3um Junbort mußten 2000 IDerft auf Pferben 
bureb bie unmegfamften Pfabe ber (Eaiga surücfgelegt merben. 
Der KofaP, bem bfe £ntbecPung bes IHammutPabaoers 3U oer* 
banFen ift, begleitete bie (E^pebitiou. <Entfeftliii? mar bie IHücfen* 
plage in ben (Euubreit, fdjlimmer nodj als in ben (Tropen; 
babei galt es. bie gefährlidjften Sümpfe 311 burchqueren, mobei 
einige ber begleitenben KofaPen mitfamt ihren Pferben ror ben 
Hngen ber entfetten Heifenbcu oerfanfen ltnb bort bendob fanben. 

Hm io. September traf bie (Ejpebition am ^funbort ein, ber 
3ubcl beim Hitblicf bes oiclc taufenb 3 Q *jre hier ruhenbeu 
(Befchöpfes mar unbefdjreiblid?. Seine £age toar oertiPal. 
Das (Eier muß gefiftrjt fein, mätjrenb es feine ZTahrung fud?te, 
unb fo in bie €isfpalte, bie übermachfen mar, geraten fein. 
Die Dorberbeine maren gan3 gePrümmt, befoubers bas linFe, 
ein Bemeis bgfür, baß bas (Eier bemüht mar, ftdj 311 retten, 
bod? mar ber Körper 311 fchroer, bie Hinterfüße glitten aus 
unb blieben in hori5ontaler £age unter bem £eib liegen, ber 
alsbalb eingefroren ift, nur fo Ponnte ftch ber Kabaoer bie 
oicleit 3ahre (nach Hnnahme 0011 H er 3 müffen es mohl 
8000 fein) fo frifdj erhalten, mie ihn ber (Belehrte aiiffanb. 
bj>er3 behauptet, baß bas (Eier nnbebingt im Horben gelebt 
bat unb nidjt burd? bie Sintflut angefchmemmt. ift. Der 
junbort befinbet fich auf einem mächtigen Hbfturjgebiet oon 
|V2 IDerft £änge. Unter bem oberen 60 IHeter hohen Hanb 
bes Ubftur3gebiets traten unter einer finalen £]iimusfchicht 
unb einer über 2 IHeter biefen (Erbfchidjt mächtige oertiPale 
(Eismänbe pon 5 bis 8 IHeter 3U (Tage, bie frei nach 0ften 
lagen, oollPommen ber Somtenh’tje ausgefetjt. Ha<h Hnfuht 
001t 0tto H er 3 hat man es hier niit einem in Huflöfung 
begrijfenen fofjilen <SIetfd?er 3U thun unb Feinen fogenannten 


Scbneelehnen, bie fich bei ber fortroährenben Sonnenmärme 
nidjt fo lange hatten erholten Pönuen. Das (Eis enthielt 
eine IHenge oon £uftblüschen. Kn biefem 0rt alfo lag ber 
oorfintflutliche Hiefe oollPommen eingefroren. (Es galt nun, 
ihn noch im £auf bes IDintcrs oon hier fo^ufdjaffen, ba ber 
Sommer 3um (Transport unmöglich mar, ja bas oon ben 
bergen herabftür3enbe (frühjahrsmaffer Ponnte ihn birePt 
heruntermafchen. (Eine Konferoierung an 0rt unb Stelle mar 
trotj aller Batfdjläge unbenPbar oor3imehmen, benn fold?e 
Körper oermefen außerorbentlidj fd?nell r fobalb fie nur an bie 
£uft Pommen, felbft menn auch bie gan3e feudjtigPeit mit 
Hlaun unb Sal3 herausgejogen mürbe. £j er 3 befd^iog beshalb, 
bas (Eier 30 3erlegen unb in gefrorenem guftanb nad? Petersburg 
3U fchaffen. Sei 50 <Brab Heauinur burfte Peine geit oerloren 
merben. Dolle 3mei IHonate nahm bie Husgrabung in Hnfprudj. 
Der Kabaoer mürbe faft oollftänbig erhalten gefunben, bis auf 
einen (Teil ber Kopfhaut unb bes Hücfens, ben roahrfdjeinlich 
milbe Beftien abgefreffen hoben. Der Kopf lag etmas abfeits, 
hoch fehlten bie Sto^äbne, ebenfo ber Hüffel, bagegen mar 
bie Schman3fpiöe noch oorhanben, eine mistige (Entbecfung. 
Ueber ben gan3en Kabaoer mürbe 3unächft eine f)ütte erbaut 
mit einem Kamin, ber tagüber gehest mürbe. Sobalb ein 
(Teil abtaute, mürbe er fofort abgefchnitten unb in nötiger 
IDeife geborgen. Die Seine unb Jfüjje ähneln gan3 benen 
bes (Elefanten, nur mit bem Unterfchieb, bag ber €lefant 
brei, bas IHammnt bagegen fünf gehen hot. 3 n t*r*ffont ift 
bie Behaarung. Das Unterhaar ober IDollhaar ift 30 bis 
3 5 IHillimeter lang, oon gelbbrauner (färbe, bas lange fjaar, 
auch Steifhaar genannt, 3 5 bis ^5 gentimeter lang, oon 
rötlicher (färbe, die nach ber Spitj* 3« immer h e ^ er wirb. 
Das b)aar ift babei fo bidit, bajg ber oorfintflutliche Kbamit 
ftd?er Peine Kälte ocrfpürte. Das (feil ift 20 bis 23 IHilli¬ 
meter bicP f baruntcr eine 9 gentiiner biefe (fettfchicht. Sogar 
bas Blut mar noch oorhanben, unb bie gütige, oerhältnis- 



Unterkiefer mit Zunge. 


mägig nicht lang, ift augerorbentlich gut erhalten, gmifdjen 
ben gähnen mürben nod? (futterrefte gefunben, bie beutiieb 
bie £amellenabbrücfe 3eigten. Der Pur3e Schman3, mit fehr 
langem, oerftl3tem I^aar umgeben, ähnelt fehr bem Büffel- 
fd^mait3. (San3 Poloffal mar ber gefunbene IHageninhalt, ber 
fich noch oollPommen frifdj präfentierte. 

IHit feltcner tnachte fich Qer3 baran, 

alles fo forgfältig als möglich nach Petersburg 311 fchaffen, 
nichts ging babei oerloren, bie geringfte KleinigPeit mar 
michtig für bie Biographie unb Bcfchaffenheit bes fcltenen, 
ja einigen (funbes in ber ganzen IDelt, benn ein fo ooll¬ 
ftänbig erhaltenes (Eremplar, als bas in Petersburg ein¬ 
getroffene, giebt es nicht mehr. Die KPabemie ber IDijfen- 
febaftert ift nicht menig ftol3 auf biefen einigen (funb unb 
arbeitet äugenblicflid? eifrig an ber Präparation bes Hiefen¬ 
tiers, bas ohne gmeifel eine ber grofjartigjtcn Sehens- 
mürbigPeiten bilben mirb. 21. von :iuridj. 


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Hummer 27, 


Seite \235. 




I. Artftdbt bes ntummuts nad{ jreilegung bes Dorberteils. 2 . Seitenanfid?t bes OTammuts na di begonnener Ausgrabung. 3. 0tto f)erj, Zoologe ber Kaifert 
Afabemie ber IDtffenfdjaften in Petersburg. Ceiter ber flbirifci?en Znammuteypebition. 

Sine wichtige Entdeckung: Der pfommutfund in Sibirien (fiefje ben 2irtifet 5* \ 25 <k). 


























1 


Seite \256 


XTummer 27. 



Hebungen ber Ijodjfeetorpeboboote uor ben Heid? stag sa bge or bneten. 



f ttirt ber Hreujerjadjten (H*Klaffe) am 30. 3uni. Die Kaiferjad?t „Hlctcor". 

Die Kieler CCIoche. 

Pfjotogrcipbifcbe Hufnafpurn pon 2lribur Henarb unb Karl Specf, KieL 



Staatsfefretär non £trpi$ unb bie Heidjsta gsabgeorbneten an &orb ber Hiobe. 


X. §emnr III. 2 . Poöy 3. Sufanne II. ^ Crnta. 

Hunben bes ZTlerfboots am 27. 3üni, 


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4 Bj 



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4 


































Hummer 27, 


Seite ^237, 



Oor ber 2lbfn!)rt in CljampignY bei paris am 26. 3nni. 



2Jnfunft ber erfien Hennfabrcr in tDien am 29. 3uni. 

Oie HutomobUfernfabrt parts-CCUen. 

IHomentaufnafimen oon üalla, Paris, pb u. <£. Cinf, ^ürüb, ITIid?. Dietrid?, ITtuncben, (SratI, Jnnsbrucf, tmb ^eybenbaufj & Robert, lD : en 


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Pont 3«*cnuitiona!en ©ffatersreiten \xi Curin: 
Kapitän Caprili, 

gewann fern Ehrenpreis bes Deutfi?en Kaisers, 


Pom 3nternationaIen (Dffxjiersreiten in Eurtn: 

Kitter Freiherr »on Boeing, 
gewann Öen Ehrenpreis bes Königs uon 3tolien. 


Die Kuniliiusftillung in Curm: 

KusftcIIungspaIaji bet- 5 d?Önen Knnfte. 


%. 0bcrlt. Kitter r>ott ^riebrid) (4. preis 
3. 0berlt. Kbamouid? be Eicpin (2. preis 
Don ,$arfas*jali>a (3. preis in ber 


in.ber Keitfonfurre« 3 ). 2. 0berlt. picot be percabuc ^rbr. non ßc^ogcnbcrg (3 preis in ber Keitfonfurrenj'). 
is in ber UVitfpnipgfonFurrent). 4. Kittmeifier Klar io 5 r<,n 3 O- preis in ber Keitfoufurrcnj). 5. 0bcrlt. ^arfas 
lX>eitfprungfonfurrcn 3 ) 6. 0berfl Sachte von Kotbcnberg (Klitglieb bes 3 n itttiationaItn KichißrfoUcgtunts). 


Die öfterrcichifcben Sieger im Eurincr Heiterfefl. 


CSofpbot. 3of. 3abubfa, IDictu 


Hus dem ttaUemfcben Kunft- und Sportlcben* 



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Strafjenbilberans Conbon: 


Ras ffahonncn, Hbgefandter des ffegva fleneiih von Hbeffynien, 

in einem englifdjcn fjofrpagen. 


Kronprinj non fdjtpcb*«. 2 . prinj von Pfturicn. 
3. drjljrrjog ^ rnM 3 ^rrbinanb von ©eilerretd?. 

Huf der fahrt von Calais nach Dover. 



Strassenbilder aus Condon: Die Menge Heft die Bulletins vor dem Buckinghampalart. 

Aufnahmen pon df?uffeau» 5 Iaoiens. 



I PaprllJiiriihr ^eröinanb PlcifTer, Pyrmont (,$eftbirigent unb Ceiter). 2 . ,irau KapcIInieijler Pleiflcr. 3. Profeffor Pr. Inigo Biemann, €cip 3 tq. 4. pro*cffor 
£>ugo ßecmtann (Dioline), ^ranffurt a. PI 5 Profeffor $vc\ns Plnnilncbt. l^offapcllmeiftcr (Klapier), IPiesbabcn. 6. Kammcrfünger Ff. Buff'^ieftcn (denor), 
Bresben. ?. Brunnenbireftor 5 ^ p *berr pon ftanbelsboufen, dbrenpräftbent bcs Cortiingfomitecs. 8 . .irl. dpa Cefjmann (5opran). Berlin. 9 - 5 MU dlementine 
€nbn«Poft (Pit), dlberfelb. 10 . ,frl. dlfe T£od? (Pit). IPtesbaben. U. 5 r I- ©race ,^obes (£■ opran). TPicsbaben. (2. Boris £>ambnrg (Pioloncell), Conbon 13. Bobert 
Bariram (Bafp, Kaffel. H. frans ED 113 & (Bariton). Kaffei. 15. freinrid? frobbing (Bafj), Berlin. ( 6 . Kiebarb $ifd?er (denor), ^ranffurt a.PT. 17. dmil Ciept 
(Bariton), Berlin. (8. $, Baffermann (Piolinc), ^ranffurt a. PT. • 19. 3otjannes fregar (PiolonceU), a. PI. 20. ^f^inanb Kügler, ^rflnffurt <*• Öl» 

Ton der Crcbaikowskyfeier in pyrmont am 28 . und 29 . 3funi: Gruppenbild der Mftwirkcnden. 

pbot. Stecher, pyrmont. 


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Seile \2^0. 


Hummer 27, 



Dos neue IDUticIm (Eellbenfmal in Caafanne. Die €ntf?äliung b er S djeff elgebenf taf el am ZPaIbfir$H (Kanton 5t (Ballen). 

Bilder aus der Schweiz. 



I. ©berbärgernietfter OTarr. 2. Staatsfcfretär (Braf pofabo»s?Y. 3. präfibent Dr. Bdbider. fymbclsmtnifier IHölIer. 

Vom Internationalen Hrbeiterrerricberunghongress in DttfTeldorf: Die eröffn ungsrttzung. 

pljot. 3. trenne, Düffelborf. 


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ZTummer 27 . 


Seite 




$riefcrictj Koulbadjs S o 1} n, profeffor 5 *»Ü 2i u g u ft pon Knulbad), XTtü n dj e n, mit feinet Familie. 

X)ofpfyot. 23. Dittmar, XTläncfren. 

Zu m 8ojährigen Geburtstag des berühmten Malers prof. Kaulbach-Rannover am 8* Jul u 


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Seite \2Qf2. 


Hummer 27. 


Der Schah von perlten In Karlsbad. 

pljot. Tlbler, JKarlsbab. 


Die neue Zackenbahn petersdorf-Schrelberhau: 

Der erße 5 U 9 trifft ant 25. 3“»> *n Sdjreiberbau ein. 
p(?otograpf}lfd?e ilufnafyne. 


Das Denkmal für den 6 rafen ©octzen, 

bas am 27. 3“"* In (Blaß enthüllt mürbe, 
pbot. ^ran 3 Ijübner, (Blaß. 


f^rft filholaus von Montenegro |. prinj Jllbredtf oon preufjen. 2. Bür^ermeifler Buborn. 3. Stabtoerorbnetmoorftchcr Beuter. 

mit Begleitung auf ber Spajierfaljtt % Hittnieifler o. b Berge. 5. (Braf v. b. ^djulenburg. 6. Komntanbant BuaufHit. 7. ©beijt Scotti. 

in Bab Kiffingen, Tom Rlttcrrchlag In Sonnenburg am ia. und 24 . 7 u nl: Der Kirchgang. 

l)ofpf}ot. 5riß Schumann, Kifftngen. pt^ol. (Bcorg feboppmeyer, Küftrin. 


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Hummer 27 . 


Seite \2$5. 



(Einleitung. 

Unmiberjtehlich brängt ber Menfdiengeift aus feinen 
Sdjranfen. Die (Erbe ift feinem ©eiftesflug 3U fleht 
gemorben. €r fud?t bie (Einrichtung ber Weltfyfteme 
3u ergrüitbeit, in beneit ber planet, auf bem mir mahnen, 
ein ga?i3 unbebeutenbes 3 ubi©ibuum unter Millionen 
anbern ift. Dabei tritt bann immer unbe3minglicher 
bie 5 rage an uns heran, ob auf jenen anbern Welten 
auch benfeitbe unb fühlenbe Wefen mohnen, bereit ©e* 
banfenflug ftd} mit bem unfern in ben unenblid?en 
Häunten bes Uninerfums begegnet, aus fernen her, mo 
längft bie (Erbe unb bie Sonne in bem millionenfachen 
©emirr ber übrigen Welten ©erfchminben. 

Wie aber fallen mir über biefe 5 rage ber Hemohnt- 
h«t anberer Welten etmas erfahren? (Ein enblofer 
Haum trennt uns non ihnen. Sehen mir ©on unferm 
Monb ab, ben mir als einen (Eeil ber (Erbe 3U betrachten 
haben, auf bem bas Eeben bis • auf geringe Spuren 
erftorben fein mufe, fo bleiben 3mifchen unferm nächften 
Hadjbar im Sonnenreich, Mars, int günftigften 5all 
noch acht Millionen Meilen, ©on melcher (Entfernung aus 
gefehen größere ©ebiete, mie etma Deutfchlaub, in unfern 
beften Fernrohren als fleine bunfle Flecfe erfd?einen, 
beren Umriffe mit Mühe fefoujtellen ftnb. Wie follen 
mir mit Wefen in Derbittbung treten, bie ©iellekht auf 
btefen Kontinenten bes Mars fämpfeit unb ftreben mie 
mir? Da ift ja allerbings bie Funfentelegraphie er» 
fuuben, mit ber man ftch bereits über ben ©5ean hm- 
meg 3U ©erftänbigen beginnt. Weshalb follte es nicht 
auch einmal gelingen, über ben Aetherosean bes Welt¬ 
raums hht Stichen ©on planet 3U planet 5U taufchen? 
Diefer Weltraum ift ja in Wirflichfeit nkht leer. Wie 
über unfer irbifches Meer bie Wellen bahinjiehn ©oit 
©eflabe 3U ©ejtabe, fo burchbringen bie Wellen bes 
Cichts bas Unioerfunt unb branben, aus feinen lebten 
(Liefen 3ufatnmenftrömenb, gegen bie burch ih» bahin» 
eilenbeit Weltförper, unb jebe ihrer Wellen ift ein 
Huchftabe in ben Depefchen ber unioerfeHeit (Lelegraphie 
ohne Draht, bie bie Weltförper untereiitaitber ©erbinbet. 
Hur burch bie Eicht mellen fönneit mir überhaupt etmas 
über bas Heftehen unb bas Wefen ber Herrohner anberer 
Weltförper erfahren. 

Uber bisher haben uns bie Mitteilungen bes Eichts 
nur fehr allgemeine Ausfiinfte gegeben. Wir miffen, 
mie grofe bie uns nächften fjimmelsförper finb, nad? 
melden ©efefeen fie ftch um bas allgemeine Zentrum 
bes Syftents bemegen; ©01t einigen meuigen haben mir 
bann noch etmas über bie Hefchaffenheit ihrer ©ber» 
flädie erfahren, unb ob eine Eufthülle baritber lagert, 
unb enblich meife man ©on ben felbftleuchtenben Körpern, 
meldje d}emifd}cn ©runbftoffe uns ihr Eicht sufenben. 
Hei unferm Monb unb beim Mars allein gehen unfere 
Kenntniffe ©on ber ©berfläche meiter, unb mau fann 


©on erflerem fagen,* bafe intelligente Wefen auf ihm 
nicht ©orhanben ftnb unb auch feit geologifcheit Sfit* 
altern nicht ©orhanben maren, mährenb man auf bem 
Mars in jenen munberbarett Kanalfyjtemen Spuren 
©on Wefen entbeeft 3U hüben glaubt, bie bie Haturfraft 
auf ihrem Planeten 3ut Ausführung ungeheurer Hauten 
3mangen. Die Kraft unferer Sehmerfjeuge mirb in 
abfehbarer Seit fautn mefentlid? 3U fteigern fein, fo bafe 
©on biefer Seite tyx ein bebeutenb tieferer (Eiitblicf in 
bie Derhaltuiffe ber anbern £jimmelsFörper nicht 3U er- 
märten ijh 

Aber mie unenblid] erftuberifd? ift bie Hatur unb 
ber MenfcheugeiftI <£s merben anbere Werf3euge er* 
fuuben merben, bie ©on gait3 ungeahnter Seite her uns 
ber Eöfuug biefer Frage näherbriugeu merben, mie ftch 
©eift unb 3uteUigeu3 auf anbern Welten cntmicfelt 
haben. <£s märe ja gerabe3u abfurb 3U glauben, bafe im 
gan3eit meitett Unioerfunt ftd? nur allein in ber irbifcheit 
Menfchheit bie Materie mit bem über alle Welten 
hinmegfliegeuben ©eift ©erbunben hätte. Diefer homo* 
3entrifd}e Staubpunft fteeft ©on jener ©orfopernifanifcheu 
Sei t her allerbings noch tief in uns, mo bie (Erbe als 
ber fjauptförper bes Weltalls betradtfet mürbe, um 
ben bie anbern Rimmels lichter nur 3U Hufe unb frommen 
ber Menfchheit freiften. ©benfo mie bie (Erbe bantals 
im Mittelpuuft ber materiellen Welt ftanb, fo ber Menfd? 
in ber bes ©eiftes als bie Ejauptperfou ber Schöpfung. 
Wir föituen uns heute noch immer nicht in bie Holle 
hineinbenfeit, bie mir in Wirflichfeit als Saubforu am 
Meeres ftranb ber Uueublid?feit fpielen. 

Unerntefelich meit ©orgefchrittenere Wefen fönneit 
unb muffen fogar irgenbmo im Weltgebäube edieren, 
ba mir ja unjmeifelhaft feheu, bafe bort Welten in 
allen (Eutmicflungsftabien gleichseitig ©orhanben ftnb, 
unb mir bod? mahrlich gar feinen ©runb 31m Annahme 
haben, bafe bie (Entmicfluugsftufe unferer ©rbeitmelt 31t 
ben h$d:fien überhaupt ©orhaubeneu gehört. Wollen 
mir uns einen Hegriff ©01t biefen höhnen 3utetligen5eu 
ntad]en, fo fönneit mir nid]t attbers, als ©on unfern 
eigenen Derhä'tniffen ausgehen, menu mir uns nid]t 
gait3 unb gar in biofeen phautafien ©erlieren molleu. 
Wir braudieu aber unfere technifdjen Keitutitiffe gar 
nid?t fo bebeutenb ermeitert beufeu, um bie Fünfen* 
telegraphie fo $u ©eroollfontniuen, bafe ihre WirFungeit 
bis su anbern fjiittmelsförpern reidjen. ©in ganj neues 
Seitalter mirb einft erftehen, menn mir es enblid] ein¬ 
mal gelernt haben merben, bie ungeheuren Kraftntengen 
3U benufewit, bie uns bie Sonne bauernb 3uftrahlt, mährenb 
mir bts heute noch ©on bem gait3 fletnen Ueberbleibfel 
biefer Sonneitfraft 3ehren, bie uns unmünbigen Kinberit 
bie ©orforgeube Mutter ©rbc ©or ©ersoffenen 3 a h*> 
ntillionen in ben Steinfohlen aufgefpart hat. Alle unfere 
mädtfigften Mafchiuen merben nad?fotnmenöen ©efchlech- 


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Sette { 2 ^. 


nummer 27 . 


fern eiiift mie KinberfpieltrerPe erfcheiuett gegenüber 
bett KraftmirPungeu, bie in ^ufunft pon Sonnenmotoren 
ausgeheit merben. *IDie fyeute fdiott (Eesla ^ 3 iifee her* 
porbriugt, bie über einen galten Saal fyinn?eg3liefen, fo 
mirb man einft eleftrifche £abuugeu pon ber Kraft ber 
(Bemitterbliße bettußeu fönneit. Das bebeutet ja alles 
meiter nichts, als baß mir bie porhembenen Kräfte ber 
ZTatur burch bie fyöfyere Kraft nuferes ( 5 eiftes lenfen 
lernen merben. Die ZDelleu aber i>on fofchen elePtrifcheu 
ZOirPuugeit finb, namentlich mit noch meiter perfeiuerteit 
Empfangsinftruineuten, 3meifellos über XDeltPörpereut* 
fernung hmmeg 3U fpüren. 3ft alfo bie Oermutung 
begrünbet, baß beifpielsmeife auf bem ZlTars ZDefen 
leben, bie auf einer um fjunberttaufenbe pon 3^^en 
uns porausgehenben Eittmicflungsftufe ftehn, fo müffen 
fte gau3 utiporftellbar piel fräftigere uub fiebere ZITittel 
3ur freien Uebertraguug ber (Sebanfen über ben leeren 
ZTaunt hinaus beftßeit, uttb fte horchen mit biefen be« 
ftättbig herüber 3U uns, ob bemt eublich einmal außer 
ben ZDirPuttgen ber unbelebten ZTatur auch Seichen 3U 
ihnen hinüber gelangen, in beiten ftch ein ( 5 ebanfe 
ausbriieft. Denn ebeitfo, mie mir in ber ZZnorbnung 
ber Kanäle bes ZlTars eine Einrichtung 3U fehn glauben, 
bie bie ZTaturPräfte aus ftd] aflein heraus itnb, ohne 
pon einer 3ntelligen3 geleitet 3U fein, nicht ausführen 
fomtten, fo mirb man in ber Zlnorbuung fold?er Reichen 
einer interplanetaren 5 unPeute,legraphie ihren Urfpruitg 
aus permanbten (Beifterit erfeitnen, unb ihre Eut3ifferung 
mirb ebeitfo ntöglid} merben, mie mir heute Hieroglyphen* 
fchrift lefen. Dann merben jene höheren ZDefen auf 
bem ZHars uns in uuferer eigenen Sprad^e aut* 
morten, ba fte längft erfahren mußten, baß mir 
ihre Sprad?e fo menig uerftehit, mie etma ein 
Sufchmann bie uufere, menn er 3unt crfteitmal mit 
Europäern 3ufanimeutrifft. 

ZITau mirb biefen (ßebanfcit 3unt äußerfteit über* 
fchmenglich finben. <Saii3 ebeitfo überfchmenglich aber 
mürbe man noch t>or 3mait3ig 3 uhren bie Ueberjeugung 
gehalten hüben, es merbe einftmals möglich fein, pom 
£anb aus ftch mit einem Schiff 3U unterhalten, bas 
huubert unb mehr Kilometer frei auf offener See fährt. 
ZDas ift bennfofehrHYP°lhetifchesanunfereröehauptung? 
Einmal behaupten mir, baß bie moberne (EechniP auf bem 
ZDeg, ben fte augenblicflich innehat, fortfehreiten mirb 
bis 3ur Z 3 eherrfchung ber uns überall umgebenben 
Ztaturgemalten in huubert« itnb taufenbfach pergrößerter 
XDirPuitg, mobei aber in ZDirPlid]Peit immer noch nicht 
6er millioufte (Eeil ber uns umgebenben Krgftmengeu 
permet\bet 3U merben braucht. Unb bie 3meite Hypo* 
thefe ift, baß es aitbere ZDeltPörper giebt unter ben 
ZITitlionen, bie ben Himmel beoölPern, auf betten eine 
ähulidje Entmicflung por fid? gegangen ift, mie auf 
uuferer Erbe, baß biefe Entmicflung aber in beit 
Emigfeiten, bie 3U (Sebote ftehen, um ein paar 
3ahrtaufenbe meiter gefontuten ift, als bie uufrige. 
Ulan mofle mohl bemerfeit, baß ich nicht etma meine, 
alle gleichartigen ZDeltPörper, juin Z 3 eifpiel alle pla* 
iteteit, müßten auch in ihrem galten Eittmicflungsgaitg 
eiitauber ähnlich fein; ich behaupte nur, baß unter ben 
ZlTillionen pon Welten ftch mettigfleus einige befinben, 
bie — mie es unter pieleu ZlTeufchen einige giebt, bie 
eiitauber frappant ähnlich ftub — einen in ber Hauptfad^e 
gleichen EntmicFlungsgang genommen haben. Zlm mahr* 
fd:einlichfteit giebt es bann eine folche ZlehuIichPeit and? bei 
ben Himntelsförpent unter (ßefchmiftern, alfo etma unter 
ben pianeten uuferer Soitnenfantilie 


ZDenn uns nun 3mar poit bort h et leiber noch Peine 
fieberen £ebeitS3eid?eu 3ugegangeit finb, fo moOeit mir 
hoch in folgeubeu Z 3 etrad?tuugen eine (ßebaitPeureife 
burd] biefe Souneumelt magen uub, fo meit es bem Stanb 
unterer moberneu ZDiffenfdjaft entfpricht, ben ZITöglich* 
Feiten einer £ebeusentfaltung bort nachfpüreit. 

* * - * 

Ein Zlusflug nach bem ZlTars. 

ZDolIeu mir permaitbte ZDefen in ben Sternen fuchen, 
fo meuben mir uns am beften 3iterji uuferer ZTad]bar* 
melt UTars 3 U, mo mir bie £ebensbebingttngen ben 
uns bcPannten am ähnlichften annehntett müffen, 
cbenfo mie mir bie ZTatur ber ZTad]barftaaten uitferes 
Daterlanbes beffer perflehen mie bie gait3 attberer Sonett. 

ZZitfer Heife3iel umPreijl bie Sonne in größerer Ent¬ 
fernung als uitfer planet. ZDähreub mir etma 3man3ig 
ZITitlionen ZlTeileit pou ber Sonne entfernt bleiben, hat bie 
Z 3 ahnellipfe, in ber fid] ZlTars um bie^ Sonne bemegt, einen 
größten Durdimeffer pon etma breißig ZlTillionen ZITeilen. 
3m günjligfteit 5ad, menn er ftch uäntltch, pon uns aus ge* 
fehen, gerabe ber Sonne gegenüber in ber fogenaitnten 
©ppofttiott befiubet, trennen ihn, mie fchon porhiu gefagt, 
nur etma ad]t ZlTillionen ZITeilen pon uns. Oon ben uns 
ebenbürtigen Himmelsmelten Pommt uns allein nur Dentis 
noch näher, bis auf fünf ZITillioneu ZITeilen; in ber be* 
treffeuben Stellung aber menbet uns Denus ihre ZTad]t* 
feite 3 U, bie gau3 unb gar nicht intereffant ift, meil man 
auf ihr fafl nichts erPemtt. ZlTars bagegen ift in feiner 
größten ZTähe 3ur Erbe pod pon ber Sonne beleudtfet, 
unb es ijl bePamtt, mje piele munberbare Dinge er uns 
bei biefer ©elegenheit 3eigt. 

Uufere (SebanPeitreife bis bort hinauf ijl fdpted pod* 
eitbet. Es giebt ja Pein anberes DehiPel bafür, als bie 
Zlethermelleu, bie ftch mit ber (SefdimiubigPeit bes 
£id]ts fortpfIan3cu. Eilte Depefd?e ber 5 unPentelegraphie 
braudtf im giiuftigflen 5 aH Paum brei ZTTiuuten bis bort 
hinüber, uub in gleich Pur3er Seit ftub aud] uufere ®e* 
banPen bort. 

ZToch ehe mir auf bie ©berfläd^e gelangen, crPennen 
mir beutlich, baß bie £uft auf bem ZlTars beträchtlich 
büniter ift, als bei uns. Kber es ift fchon ein gutes 
Seichen, baß mir überhaupt £uft antreffen, benn ohne 
fte Pönueit mir uns Pein £eben benPeit. Zille organifche 
IChätigPeit ift auf ben Zlustaufd] luftförmiger Stoffe be« 
grünbet. Zluch bie pflan3en atmen burch alle ihre poren 
uub müffen fterbeit fo gut mie mir, menn man ihnen 
bie £uft eut3ieht. ZDährenb aber bie (Eiere beit Sauer« 
ftoff einatinen uub ihn in ihren perfd?iebeneit ©rganen 
perbreitueit, genau fo, mie mir es mit ben SteinPohlen 
in einer ZITafchine thun, um burd] bie Kraft ber ZDärme 
fte in (Ehätigfeit 311 erhalten, unb bann als perbrauchtes 
( 5 as ober gemiffermaßen als DerbreituungsprobuPt 
Kohleitfäure ausatmen, fo ift es bei ben pflanjen 
g.rabe untgePehrt; fte holen bie uns fd?äblid]e Kohlen* 
fäure mieber aus ber £uft unb geben uns ben Sauerftoff 
bafür frei 3uriicf, fo baß mir ihn neu perbreitueit 
föitnen. ZDo irgeitbmo auf einem HinmtelsPörper £eben 
ift, muß es aud? 3mei ähnlich ftch ergäii3enbe Zlrteit pon 
ZDefen geben, mie bei uns pflai^e uub (Eier, unter 
bereit phyfiologifd?er (EhätigPeit fid] ein Kreisprozeß 
pollzieht, meil fouft berjeuige chentifd?e Stoff, ber bie für 
jebe innere ober äußere Z 3 emeguitg nötige Energie burch 
feine Derbiubuitg mit anbern 311 liefern h a h halb Der¬ 
braucht fein mürbe. 5ad?inänuifd? ausgebrüeft fagt 
ntan. bie (Etere mtrPen orybiereitb. bie pflau3er rebu* 


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Summier 27. 


Sette 12^5. 


5ierenb, unb bicfe beiben ineiuanber arbeifenbeu (Sat¬ 
tungen von Cebemefen finb aud? überall auf anbern 
XDelten notmeubig. Kußerbem müffen aud? bie rcbu» 
jterenben IDefen bie unbemeglid?en, feftgemad?feneu fein, 
toeil 3U jeber Bemeguug eine ©jrybatiou, ein 5 reimad?en 
pon IDärnte, nötig ift. Kur3 unb gut, überall im 
ZDeltgebäube, mo überhaupt Ceben fein fann, muß es 
pflegen unb (Tiere 3ugleid? geben, mie grunbperfd?ieben 
ihre äußeren formen aud? fein mögen. <£s ift aber 
burd?aus nid?t notmenbig, baß jener d?emifd?e Kreis- 
pro3eß 3u>ifd?en Sauerftoff unb Kohleufäure t>or ftd? 
geht, mie bei uns. €s giebt nod? eine ganje ,Ueil?e 
von Stoffpaaren, bei benen unter beftimmten anbern 
phyftfalifchen S 3 ebingungen ein ähnlicher Kreispro3eß 
möglich ift. 

(ßenug, mir ftnben auf bem UTars Cuft. Sie ift 
3mar fet?r bünn, aber bod? nid?t bünner, als mir fie 
auf unfern l?oB?en bergen antreffen, auf benen mir 
immerhin nod? 311 leben permögen. Die genaue < 5 u- 
fainmenfefcung biefer UTarsluft fönneu mir 3mar nid?t 
ermitteln, aber es fd?eint bod?, baß aud? fie Sauerftoff 
enthält unb aud? nod? ein €tmas, bas unferm XDaffer* 
bampf jebenfalls in feinem phyftfchen Verhalten ähnlich 
ift. Das ift mieber eine fef?r mid?tige JDahruehmung. 
Kud? eine allgemein perbreitete 5lüfftgfeit gebrauchen 
alle ©rganismen, in ber ftd? bie il?nen nötigen erbigen 
Stoffe auflöfen fönuen, um in beu ©rganismus aufge* 
nonimen unb meitergetragen 3U merben, bamit biefe 
Stoffe in allen (Teilen ihres Körpert als S 3 aufteiue 3ur 
meiteren (Entmicflung bienen. Solche 5 li\fftgfeit, bie 
bie Ktmofphare in Dampfform erfüllt unb fid? aus ihr 
als Sd?nee nieberfd?lägt, menn es Fälter mirb, giebt es 
alfo aud? auf bem UTars, mie mir fd?ou pon ber (Erbe 
aus gan3 beutlid? fel?en fönnen. Die (Teile bes Planeten, 
bie ftd? in feiner S 3 emegung um bie Sonne ein halbes 
feiner 3af?re lang abmeuben, mie bei uns abmed?felnb 
bie pole, merben meiß. Dagegen taut meift aller 
biefer UTarsfd?nee pon ben polen im Sommer mieber 
meg, alfo anbers mie bei uns, mo gemaltige (Eismauern 
uns 3U afleti 3 a hres3eiten pon ber (Erftürtnuug jener 
„geographifdjen punfte" 3urücff?alten. 

Diefer Umftanb ift für uns fel?r intereffant. <Es 
giebt bafür nur 3mei (ErFlärungen. €ntmeber ift es 
auf bem UTars märrner mie bei uns, fo baß bas €is 
leichter mieber megfd?mel3en fann, ober es giebt bort 
meniger 5eud?tigfeit, morunter mir ja immer nod? nicht 
eigentlkhes IDaffer 3U perftehen brauchen. Bei meniger 
5 eud?Hgfeit in ber Cuft überhaupt mirb es meniger 
Bieberfd?läge geben, bte alfo bann aud? leichter meg- 
tauen fönnen. XDeld?e pon beiben (ErFlärungen ift bie 
annehmbarere? Bei oberflächlichem £?iublicf mirb man 
bie erfte Annahme fogleid? permerfett, ba mir ja miffen, 
baß ber UTars meiter pon ber Sonne entfernt ift mie 
mir unb folglid? aud? meniger IDärme pon ihr empfangen 
muß. Die XDärmeftrahlung nimmt mit bem Quabrat 
ber (Entfernung ab, unb ba jener planet eineinhalbmal 
meiter pom großen JDeltofen abfteht, fo läßt ftd? mit 
polier Sicherheit berechnen, baß er auf jeben Quabrat* 
3entimeter feiner ©berfläche nur etma 0,^ ber IDärme 
3ugeftrahlt erhält mie mir. Um ebenfo piel meniger 
mirb alfo bie große UTafd?ine ber Ktmofphärc bort ge- 
hei3t, unb in gleichem UTaß muß fie träger arbeiten. 
Uber bei etmas tieferer <£iuftd?t in bie porliegenben 
Derhältniffe fteflen fie fid? bod? nid?t fo einfad?. <Es 
läßt ftd? 3eigen, baß unfere Ktmofphäre reichlich bie 
E?älfte ber ihr 3ugeftrahlten Sonnenmärme perfd?lucft, 


ehe fie 51m £rboberf!äd?e gelangen fann. 3e bid?ter 
bie Cuft ift, befto mehr ZDärme nimmt fie auf, um fie 
311 ben perfd?iebenen meteorologifd?en Arbeiten 311 per» 
menbeit. Deshalb v ftid?t'' auch bie Sonne fo fehr auf 
hohen Berge)!, unb mir perbrennen uns an ihr bie £}aut, 
menn aud? bas (Thermometer im Schatten unter Bull 
fteht. Buu h^en n?ir aber fd?on gefehen, baß auf 
bem UTars bie Cuft aud? an ber ©berfläd?e nur fo 
bünn ift mie bei uns auf hohen Bergen. (Es gelangt 
alfo ftd?er mcfentlid? mehr pou ber an ber oberfteit 
(Srense feiner Ktntofphäre einbringenben Sonnenftrahlung 
3ur ©berfläche als bei uns, unb es ift mohl möglid?, 
baß fd?on biefer Umftanb allein hhtreid?t, um ben Der* 
luft megen ber größeren €ntfernung bes UTars pon ber 
Sonne mieber ausjugleidjen. Die ©berftächenmärme 
braucht alfo bort nid?t geringer 3U fein mie bei uns. Die 
IDärmeauffaugung in ber Ktmofphäre gefd?ieht namentlid? 
burd? ben in ihr aufgelöft enthaltenen XDafferbampf, unb 
bas <ßleid?e mürbe jeber anbere Stoff thuu, ber etma 
auf bem UTars bie Stelle bes IDaffers als 5eud?tigfeit 
pertritt, beim immer mirb burd? ben Uebergang ber 
Uggregat3uftänbe ineinanber entmeber IDärme freige¬ 
macht ober gebunbeit. (Trifft alfo aud? unfere 3meite 
Annahme 3U, bie 5eud?tigfeit fei bort geringer als bei 
uns, fo entfteht aud? baburd? ein plus pon IDärme für 
bie ©berfläd?e. Bun ift aber gar fein 5 n>eifel bariiber, 
baß bie bas IDaffer bort pertretenbe 5 liifftgfeit in meit 
geringeren UTengen briiben porhaitben ift, mie bei 
ilns bas IDaffer. Bid?t nur bie pollftänbige Sd?uee- 
fd?mel3e, pon ber mir fprad?en, fonbern nod? eine gaii3e 
Heihe anberer Beobad?tungsthatfad?en bemeifen bies. 
(Es giebt 311m Beifpiel nur fehr feiten IDolfeu unb nur 
gan3 porübergehenbe Derfd?leierungen ber Ktmofphäre 
auf bem UTars, unb bie bunflen Stellen auf feiner ©ber- 
ftäd?e, bie mir nad? ihrer Cage unb fonftigen (Eigen- 
fd?aften als UTeeresbecfen be3eid?nen müffen, ftnb offen¬ 
bar fehr feid?t, fo baß man 3U gemiffen 3 a h r es- 
3eiten an ben Uferränbern bie Bobengeftaltung burd?* 
fd?immern fteht. 

IDir beftnben uns alfo auf einer U)elt mit meniger 
Cuft unb meniger 5 eud?tigfeit bariu als bei uns, unb 
beibe Umftänbe bemirfen, baß bie Sonnenmärme auf 
ihrer ©berfläd?e nid?t mefentlid? pon ber auf ber (Erb¬ 
oberfläche ;perfd?ieben ift. IDir h a ^a ans etma ein 
Ulpenflima por3uftellen, bod? ohne feine größere 5eud?tig* 
Feit, bie eine 5 o(ge bes ben gan3en Sommer anbalten- 
ben Sd?mel3pro3effes in ben ^od?alpen ift, ber für 
ben UTars megfällt. Sinb alfo aud? fonft bie Cebens* 
bebingungen bort ben unfrigen permanbt, fo fönneu 
auf bem UTars im allgemeinen größere pftanjen nur nod? 
fd?mer fortfommen. Kber aud? bie Kimnatur fann ftd? 
nicht entmicfeln, bie einer großen 5eud?tigfeitsmenge 
bebarf. (Es mirb auf ben flöhen nur ein gait3 biirftiges 
Ceben fortfommen fönnen, namentlich ba bie aus bem 
immer heiteren f}immel auf bas (Seftein nieberbrennenbe 
Sonne pöllig austroefnenb mirfen muß. Der größte 
(Teil ber UTarsoberfIäd?e ift mit gelbroten (ßebieten über- 
beeft, bie etma bie 5<*rbe uuferer IDiiften h a ^” un ^ 
in ben perfd?iebenen 3ah r ^3^it^a ihr Kusfehen nur fehr 
meuig peräubern. £?ier giebt es alfo feine Degetation, 
bie ihren bliitenreid?en 5riihling, ihren grünumranften 
Sommer, ihren farbenreid?en £?erbft unb ihren leben- 
feinblid?en TDinter hat, obgleich o>ir genau bie (Ereilen 
bort auf unterer Bad?barmelt angebeu fönnen, mo bie 
gemäßigten <§ouen ftd? pon ben bei uns immergrünen 
(Tropen fcheiben, unb mo ebenfo mie bei uns ein Kreis- 


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Seite <246. 


Bummer 27 . 


lauf her Vegetation 3mifd]cn üppiger Entfaltung in bem 
Wärmeüberfluß bes Sommers unb ber farreit Buhe bes 
Winters fattfinben müßte, meint ^icr überhaupt Vege* 
tation porhottben marp, möge fie in ihrem Wefen auch 
noch fo perfchieben pon ber unfrigeit fein. 3n per* 
eiii3ertcn 5ä0en aber hat man mahrgeuommen, baß 
felbf bis gegen beit Kequator bes BTars hin, beffen 
läge mir genau feftfteüen fönneit, eiii3elne biefer gelben 
(ßebiete porüberget^eub meiß merben ober ftch mit 
meißelt 5lecFchen befpreufelit. ^ier fchneit es alfo felbft 
unter ben Cropen, namentlich auf ben bergen, bie 
übrigens nicht befoubers hoch fein fönnen, meil fte auch 
bei untergehenber Somte feine merflichen Schatten 
merfen. Selbfi unter bem BTarsäquator mirb es alfo 
3umeileit entpftnblich falt, mas mohl 3U begreifen if, 
menn man bebeitft, baß bie Mächte bei ber immer 
reinen luft piel Wärme in ben Weltraum ausftrahlen 
tnüffen. CEitter üppigen Vegetation fmb alfo biefe Ver- 
hältniffe felbft unter bem Kequator nid?t günftig. Da 
bie pflait3en aber bie (ßruitblage auch für bas tierifche 
leben bieten, müffen trir alfo bie gelben (ßebiete auf bem 
BTars, bie eigentlichen lanbgebiete für peröbet holten. 

Bber biefe Wüfteneien fehen mir pielfach pou buitf* 
leit Streifen burch3ogen, ben berühmten Kanälen, bie 


bie großen bunflen (ßebiete, bie fogenannten BTeere, mit« 
einanber perbinben. 3*ne gelben, uttperänberlichen 
Stellen bilbeit einen (ßürtel rings um ben BTarsäqnator 
herum, bie Öuitfleu bagegen liegen 3U beiben Seiten 
in beit gemäßigten unb polar3onen. Die Verteilung 
pon taub unb BTeer ift alfo pon ber auf ber Erbe 
mefeittlich perfchteben. Sei uns geht ber Bequator 
mcift über BTeere hintoeg, mie benn befanntlich auf ber 
«Erbe bie WafferbebecFung porherrfcht, mährenb auf bem 
BTars, auch meint man alle bunflen 5lecFe für BTeere 
erflärt, piel mehr lanb als Waffer porhanben if. Buch 
biefes Verhältnis 3mifchett laitb unb BTeer beftätigt 
uufere früheren Wahrnehmungen, baß bie 5eudtfigfeits* 
menge auf bem BTars geringer iji mie bei uns. 

3 eite bunflen Streifen fomohl mie bie fogenannten 
BTeere peränbern nun im (ßegeitfaß 3U ben gelben 
(ßebieten gelegentlich ihr Bitsfeheu im < 3 ufammenhang 
mit bem 3 ohresmechfel. Ei^eltte biefer Kanäle ent« 
ftehen unb pergehen mit ihnen, anbere färben fich 
buitfler ober heller, unb einige ber „BTeere" meifen 511* 
meilen einen Bnflug pon grünlid?er Färbung auf. fjier 
seigen ftd? betuliche Spuren einer lebenbigeit Batur, bie 
mir auf unfercr Seife meiter perfolgen ntüffcit. 

Sdjlnßartifel folgt 


6 ^ Ö 

Die IHadottna mit den roten Ijaaren. 

Booelle pou Earl Bulcfe. 


,,3d] habe immer ein faible für rote Haare gehabt. 
3d? bin fefi überseugt, baß über bie meißelt, runben 
Schultern ber Eoa im parabies rote Haarflechten rollteu. 
3 unge BTäbd^eu mit roten paaren hoben oft in mein 
leben hincingefpielt . . . 3d? meiß es mohl, baß fte 
für uttberedienbarer, unburchftd?tiger gelten, als bie 
blonben unb fd?mar3en uttb braunen. 3d? fd^möre auf 
bie roten. Botes Haar ift nicht Spielart, fonbern Spe3ics. 
©b ich eine rothaarige Venus malen mürbe ; meiß id? 
nidit. Bber bas ftiHe, meiße (ßefkht einer roten BTa* 
bonna fteht mir Italic. Sic müßte auch heü&Iaue Bugen 
haben, gait3 pergißnteimtichtblau, mit einem bunflen 2Taub 
um bie 3ns, uttb bies gütige, holbe lächeln, bas ntüb* 
chenhoft unb frauenhaft jugleich ift. Unb auch fokhe 
leichte, leiblöfeube Haube. Es ift ttidtf fo lange tyt, 
ba hotte id) einmal beinah biefe ZTTabomta gemalt." 

Wir maren junge 3nriften unb feierten an unferm 
Stammtifd} gerabe einen unferer 365 5 <?fltage im 3 ah* 
bei einer folennen 5 rühjohrsbomle. Wir faßen 3uriicf* 
gelehnt in breite leberfeffel uttb rauchten unfere Siga« 
retten. Der 2 TTaler fab ait bie Decfe. 

„ 3 ch mürbe neulich, in ber lebten Bpriluacht, als 
mir fangen ,Der 2 TTai ift gefommen 4 , mir flieh qan3 fern 
timeittal uttb mußte lauge nicht ben (ßriittb bafür. Wir 
merbeit alle fo leicht pergeßlid*. Bber neulich fiel mir hoch 
ber (ßruttb eilt. Es ift eine gan3 alltägliche (ßefchidtfe. 

„2Ufo, es mar por fechs, acht 3ah*en. 3d? fatn 
bantals mit (Haufen, peterfen unb (ßiißntaun bie BUee 
hinunter. Die leute ftnb jeßt febon alle in Kmt unb 
Würben. ZTur (ßlißmattit ift unt bie EcFe gegangen. 


Schabe. Profit. Da fehen mir pon bem neuen Bahnhof 
aus, ber bamals noch fnallrot fhrahlte, einen «gng pon 
TTTenfchen fomnten, ber irgenbmie auffällig ift. Wir 
hatten nichts Befferes 3U thuit — Kleinftäbter hoben ja 
befamttlich nie etmas Befferes 3U thun — mir liefen 
mie bie Schuljungen hinterher uitb ließen ben < 5 ng, an 
feiner Spiße fteheitb, an uns porbeibeftlieren. Es 
maren ein paar lafaien in bunter lipree, bie einem 
fürfilichen fjousholt ait3ugehören fd?ienen, ein paar 
Kammerfrauen, bie H u tfchad?teln uttb (ßepäcfftiicfe 
trugen, unb ihnen porait ein junge Dame, nichts 
meiter. Kber alles gaffte. 

„Die junge Dame trug ein fd)mar5es Kleib unb hotte 
rotes £}oar. Sie §iitg mit tiefgefenftent Kopf unb 
fditteHeu Schritten. ,Sie geht mie eine mirflidie Kö¬ 
nigin, 1 fagte (ßlißmantt. 

„Da gefchah etmas fehr ZHerfmürbiges. 

„ 3 ch ftanb pontan. Sie hob plößlid? ben Kopf 
unb fah mir ins (ßeftcht. 3d? merbe biefeu langen 
Wagnerblicf nicht pergeffen. Es ift ja Eigeutiimlichfeit 
ber Bothaarigen, baß fte im KugenblicF bie 5orbe 
mechfeltt fönneu. 3h^ h^üos (ßeftcht mar urplößlid? 
buufelrot gemorbeu. Sie ging auch lattgfamer. Das 
hatten alle bemerft. 

„3m Kugeublicf mar fte porüber. 3^ fianb mie per* 
feint. Du feitnft fte, bu mußt fte Fennen. Wir ratfchlagten 
lauge h^, mer fte fein föititte. Eine Kusläuberiu mar 
fte ftcher, bas ftanb feft. Wir gingen rafd] hinterher, aber 
ber <3ng fd?iett in eine ber nebeufraßeti abgebogett unb 
bereits in einem Pripathaus perfdimunben 3U fein. 


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Hummer 27 . 


Seite 12^7. 


„, 3 m TTTai ift bas Seheusmertefte tjicr bie 5lott* 
befer Chauffee/ fagte (ßlißmattn. ,menn mir fie toieber- 
fehen mollen, bann opfern mir unfern Spa3iergang unb 
feßen uns in ben ,HTonb 4 . Dom 5 euf?er aus Fönnen 
mir bie Dorübergehenben felgen. Du mirjt bief? freilich 
geirrt haben. 4 

„mir faßen alfo im ,H?onb 4 unb marteten $mei 
Stunben lang. Sie brei anbern bestellten Karten unb 
fpielten, id? fah burd? bas 5enfter. 

„,Da ijt fte/ fagte plößlid? (ßlißmattn in aller Seelen¬ 
ruhe. 3 d? h^tte fte faunt miebererfannt. Sie trug ein 
helles Kleib unb einen fd?mar3en, breitFrempigen f}ut mit 
einer Straußeufeber. Sie ging in Begleitung eines 
jüngeren f^errn. 

„ 3 m TlugenblicF jlaitb id? auf ber Straße. 3 d? 
überholte fie auch biesmal mieber unb (teilte mid? oben 
am Kriegerbcnfmal in pofrtur. Sie Farn, fte fah mich 
mieber an, fie mürbe mieber rot, rot bis in bie f}aar* 
murjeln. 

„Unb ich rebete fte an . . 

„Tiber mir molleu trinfen unb uns bes Gebens freuen, 
fo lange bas £ämpd?en glüht. fis mar in ber Fommeu- 
ben Hacht DoHmonb, gerabe fo mie h^te. HTir fällt 
ein, baß es bie trübfcligfte <Befd?id?te ijl, bie ich je erlebte. 
Profit/ 

Hub mir traufen . ♦ 


„Damals Itatte id? gerabe meine ^eilige Cäcilie 4 für 
ein großes StücF (Selb oerFauft. fis ift fonberbar, mie 
fehr ein folcher rein äußerer firfolg hochbringt. 3d? 
mar fehr hoch. ZHein Tltelier hing ooH oon f^unberten 
aHermöglichjter SFij-en, mein Schäbel faufte ooll hunbert 
neuer 3 &^ n * Tlls id? bamals in Fühler Konoerfation mit 
ber rothaarigen jungen Dame über bie 5 lottbefer 
Chauffee ging, fianb urplößlid? bas große, neue Bilb 
5um (ßreifen nahe oor mir: ,Die UTabonna mit ben 
roten £?aaren. 4 — 3 ch fagte fchon, baß id? bas Bilb 
nie gemalt hätte. 

„Die Begegnung mar fehr fonberbar: im Tlugeit- 
blicf, als fie fprad?, mußte id? ih^n Barnen, befann 
mid? auf unfer §ufammentreffen. 3ch hatte fte in 
<Dud?y fennen gelernt, in bem parabieftfd? fd?önen ©ud?y, 
in beau-rivage. fis mar in meiner jungen <§eit, als id? 
burd? JDelterfahrenheit bie 3nferiorität bes Calents 3U 
überbriicFen oerfud?te. Sie flammte aus Brüffel, mie 
es fd?ieit, aus erfter Äantilie, unb befanb ftd? mit filtern 
unb <ßefd?mijtern auf ber Keife. 3*ßt mar fte £?of* 
bante irgenbeiner belgifd?en pritt3eß, bie auf ber Keife 
nad? Karlsbab fte in Hamburg für 3mei Cage beurlaubt 
hatte; fte moKte ihren jüngeren Bruber, ber Doloutär 
auf einer uitferer tDerften mar, mieberfehen. 

„Der Bruber, ein lattgaufgefd?offener 3mait3igjähriger 
3 urfd?e, ging brao unb fd?meigeub an ihrer anbern 
Seite. mir Framten ttnfere alten firiitnerungen aus, 
fte bemies ein rühreitb gutes < 5 ebäd?tnis, fte hatte in 
ben ba3mifd?enliegenben 3 a h r *N meine Bilber in He- 
probuFtionen gefehen, fte nannte mid? einen berühmten 
HTaitn, unb bie h*Hbtauen Tlugen mit bem bunflen 
Kaub um bie 3 ns fahett mohlgefäüig 3U mir auf. Sie 


fprad? jeßt aud? fließenb beutfd?. Sie lachte barüber, 
mie linFifd? uitb unbeholfen id? ihr bamals ben £jof 
gemacht hätte, fte er3äl?lte oon ihrem ,Dieitjt 4 , oon 
bem gefirettgen ©berhofmeifter unb ber füßen prin3eß 
unb beutete manchmal mit einem rafd?en Blicf auf ben 
Bruber an, baß fte mir leid?t nod? oiel, oiel mehr er« 
5ät?Ien Fönnte. 

„tOir marett bis 3ur 3meiten filbausftdjt gegangen 
unb fuhren bann in einer Drofd?Fe 3ur Stabt 3urücf. 
Sie mohnte im £?otel be Tfiurope in Hamburg, fis 
mar gan3 felbjtoerftänblid?, baß id? mitfuhr. Sie ent* 
fd?ulbigte ftd? Ieife, baß id? fte hntfe nicht mehr fehen 
Fönnte, fte mären eingelaben 3U bem- Chef bes Brubers. 
Dor bem f^otel ftehenb, fd?icfte fie ben Bruber mit 
irgenöeinem Tluftrag hinauf. 3 ch bat fte fd?neH um 
ein mieberfehen auf morgen. Sie ging ihit einem 
iäd?elnben Tlugenauffdjlag bes Derftänbniffes ohne 
Ziererei barauf ein. Sie hätte ben gan5en Dor- 
mittag bis gegen oier Uhr <§eit. 3ch oerfprad?, fte 
gan3 früh oom £?otel ab3uholen. 3d? füßte ihr bie 
£?attb, unb mir trennten uns/ — 

Der ZlTaler (topfte nad?benflid? feine Fur3e Shag¬ 
pfeife. Dann fah er mieber läd?elnb 3ur Decfe. „Den 
Barnen — marum foH id? 3 hnen nid?t aud? ihren 
Bantert fagen? fis mirb mot?l fd?toerlid? auf ber melt 
einer oon uns fte 3U < 5 eftd?t befommen im Ceben. Unb 
ber Barne paßt 3U ihrem <Bejtd?t: Blirjam oan ber 
mees fyes fte. 

„Um neun Uhr morgens mar id? im ^otel. 3 d? 
fd?icfte ihr einen Strauß Hofen auf bas Sintmer. Sie 
Fant nad? einer halben Stunbe. 3 d? fehe fte nod? in 
bem meißen 5altenfleib, meine Hofen unb ben großen 
£?ut in ber £?aitb, mit bem morgenfrifd?en, 3ierlid?en 
<ßejtd?t unb bem munberoollen, reichen roten £?aar. 

„mir frühflitcften 3itfammen. Sie banfte mir für bie 
Blumen. ,Sie haben mir fold?e 5 reube gemacht/ fagte 
fte, ,id? hotte mir eine Flehte Ueberrafd?ung für Sie 
ausgebad?t, als id? h*ute aufjlattb; Sie foflten fte 3mar 
erjt hoben, memt mir uns trennten. Tiber id? toiH fte 
3hnen gleid? geben. 4 

„Unb fte fd?enfte mir ihre Photographie. 

,„TUbert mar gan3 außer ftd?, als id? ihm fagte, 
baß er ftd? nid?t meinetmegen im < 5 efd?äft Urlaub 
geben laffen bürfe. 3d? rebete aud? gejtern bem Chef 
3u, baß er nid?t barauf eingehen foflte, menn er ihn 
barum bäte, fis ijl ein fo guter 3ttnge, er hat es 
gar nicht mehr gemagt, ihn 3U bitten. 4 

„Dann ließ fte aud? mir Kaffee feroierett. 

,„mir ftnb ja nur bies einige HTal im Ceben 3U* 
fammen, es ift ja mohl faum an3ttnehmen, baß mir 
uns mieberfehen. 3« all fold?en 5äHen giebt es 3um 
Smeitenmal Feinen SufaH mehr. Da barf id? es magen, 
Sie ein menig 3U oermöhnen. HTir fd?eint fajt, als ob 
Sie aud? fonfl nid?t am Dermöhntmerben TTlangel leiben, 
Sie ^err ber Schöpfung. 4 

„Daun ftitßte fte bie leid?toerfd?luugenen E?änbe unter 
bas Kinn unb fah mid? an: ,Sie finben bod? aud? 
nichts babei, baß mir hier 3ufantmeuftßen?I 4 

//3d? flrecfte bie f?anb aus, unb fte legte für einen 
Tlugeublicf bie ihre barein. 


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Seite \2<kS. 


Nummer 27 . 


„Dann faßen mir im IDagen unb bann auf bem 
Dampfer. Die ,£üfye‘ blökte. Don 5inFenmärber 
ab lag bas qan$e Kirfd?enlanb mie ein meißes, riefeln* 
bes, fonnenbefd?ienenes Blütenmeer. €in Dampfer mit 
Dielen fyunbert Kinbern in gellen Kleibern, bie einen 
Sd?ulausflug machten, fuhr uns »oraus. ,© fanfter, 
füßer f}aud?/ fangen bie Kinber, unb über bas blanfe 
ZDaffer Flang langgesogen bie glaubensfelige prophe* 
3eiung bes feligen. £}errn £ubmig Urlaub: ,Balb, 
halb — blühen bie Deild?en aud?/ 

„Sie hatte Sinn für Schönheit unb 5rühlingsfreube. 

,„Das h<*öe ich nie gefet?en/ fagte fie leife, als mir 
mot?l 3ehn UTinuten lang regungslos »om Deich aus 
über bas Blütenlanb gejiarrt hatten. >®as ift 3 um 
5 rommmerben unb sum NieberFnien unb 3um Beten 
fd?ön/ 

„Unb mir fprachen baoon, baß man feiettage ein» 
führen feilte, mie es in 3apan ift, menn bie pfirfiche 
unb bie Kirfdjen blühn, unb mir fprachen »on bem 
Sonntagsfrieben ber Schönheit unb ber^eiligfeit berKunfi. 

„3ch aber fah nur fie. 

„ZDir gingen fiunbenlang fpasieren. £s mar alles 
mie uerjaubert, jebes Fleinfie Ueftchen freute fich feiner 
Blüten, bie ZHenfchen, bie uns begegneten, fahen froh 
unb fefUid? aus. Uebrigens: es ift hoch ein fehr feines, 
tiefes <£nipfinben unter uns ZTCenfd?en, baß niemanb 
es magen mirb, in folcher Seit eine Blüte 3U brechen. 
€ine reife Kirfd?e mill gepflücFt merben, einen Blüten* 
3meig 3U Brechen, erfcheint uns als eine empöreube 
Schänbung ber fjeiligfeit ber Natur. 

„Dann feßten mir uns 3um €ffen, aber mir rührten 
Faum einen Biffen an. Unfere Uugen fianben auf bu 
unb bu, unb bie Uugen hatten fid) uiel 3U ersähleii. 
Schließlich fah fie immer mieber auf bie Uhr, , 3 ^ 
muß mohl halb fort/ fagte fie traurig. 

„3ch antmortete nid?ts. 3^h fat? fie nur bittenb an. 

„Da lächelte fie träumend}: ,<£s ift eine (Lhorheit, 
aber ich miH t(iexble\benS Unb bie ZDorte burd?* 
riefelten mid?. 

„Nachmittags gingen mir nach Steinfirchen 3U. Um 
Weg fanben mir 3mei meiner Kollegen, bie jebes 5 riih* 
jahr bort 3U ftnbeu finb. Sie hanbmerFten miihfelig ihre 
Blütenbilber, bie in ber Stabt ben großen Ubfaß fttibert. 
(Sroß ift bie Diana ber €phefer. Wir gingen lachenb 
an ihnen oorüber, mitten hinein in bie meiße, blühenbe 
ZDilbnis. Uuf fernen ZDegen lärmten bie Kinber. Uber 
hier mar es lautlos ftiH. 

„,ZDir molleu uns feßen/ fagte fie. Unb fie nahm 
ben £}ut ab, marf ihn 3U Boben unb fefete fid? in bas 
hellgrüne (ßras unter eine junge Kirfd?e. 3 ni leifen 
XX>inb riefelten bie Blütenblätter auf ihre Sd?ultern. 
Die äußerften gmeige bes Fleinen Baumes berührten 
fajt ihr £}aar. 

„(ßan3 mortlos nahm ich mein SF^enbud? unb 3eid?* 
nete bie UTabonna mit ben roten paaren. 5 ie faß 
reglos. Uletue £?änbe fieberten. Uus ben heßblauen 
Uugen jtrahlte bie gan3e 3 nnigFeit ber Seele. <£ine 
halbe Stunbe »erging. 

„,<£s geht nicht. 3 <h Fann es nicht/ Unb id? 
mollte bie Blätter 3erreißen. , 3 ^h feh* Sie vor mir 


mie eine (Offenbarung. <£s follte ein großes IDerF 
merben. Solch ein ZDerF, um beffen Dollenbung man 
fieben 3 a hre merben muß, mie Ceonarbo um bie UTona 
£ifa. 3d? bring’s nicht fertig/ 

„Sie aber lächelte eigen unb fah mich mit einem 
bangenben, halb »erfd?ämten BlicF au. 3 ^h mußte, 
mas fie thun mollte. Unb fie that es. Sie griff mit 
beiben Ejänben in ihr rotes Staat unb öffnete es. 

„3ch bin jefet mittlermeile achtunbbreißig 3ah*e ult ge* 
morben, unb jebes 3^hr mar reich an <2rleben. 3^1 mar 
auch bamals Fein 3 üngling mehr. 3 ^ habe bas C^ben 
bamals in einer folchen heiligen Sd?önt?eit gefet?n, baß 
noch heute mein gan3es £}er3 3ittert, menn ich bar an 
benFe. 

„Unb ich Narr mollte bas 3eid?nen. 

„Schließlich reichte ich thr bie Blätter. 

„Kopf an Kopf fahn mir barauf hm. Sie fd?mieg 
lange. €nblid? fah fie 3U mir auf: ,<2s ftnb im (ßrunb 
hoch nur Striche unb Cinien. Das Ceben ift hoch »iel 
fd?öner als bie Kunjt/ 

„,Die linben Cüfte finb ermad?t/ fangen bie Kinber 
gan3 »on meitem, 

„,UTirjant/ 

„UTein Kopf lag auf ihrem Schoß, fie find? mit ber 
£?anb über mein £?aar unb neigte fich über mich. ®ie 
roten £?aare fielen über ihre Sd?ultern auf mein (ßeficht. 
Durch bie roten Staate fah id] in bie Sonne. Sie 
Füßte mich. 

„,<£s blüht bas fernjte, tieffie Chal/ fangen bie 
Kinber. 

„Unb mir Füßten unb Füßten. ,Sie finb ber €rfie, 
ben id? gePiißt hübe/ fagte fie, ,Sie bi’trfen nicht fchlecht 
oon mir benFen/ 

3 n golbroteu ZTTafdien unb Strähnen ringelte fid? 
ihr feibenes £)aar burch meine Ringer. 3h re tippen 
brannten. 3 ^h hörte ihr f}er3 unb fah ihre Seele. 

,„Nun muß fich alles, alles menben/ fangen bie 
Kinber. 

„.UTirjam/ 

„Unb ber Nachmittag oerrann. 

„,U)erben Sie meine 5 rau/ fagte id? plöfclid? gan3 laut. 

„Sie ftrid? mit ber fjanb über bas £?aar unb lächelte 
»erträumt. 

„,Sonberbar,ich bad?te aud? eben baran/ fagte fie leife. 

„,N>erben Sie meine 5 rau/ fagte id? nod? einmal. 

„Die Kinberfiimmen fd?miegen. 

„ZDir fianben engumfd?lungen an einen Baum ge¬ 
lehnt unb fahen in bas glühenbe Kbenbrot. 

„,Du follft morgen Kntmort hüben/- 

„<£s mar Dollmonb in jener Nad?t, gerabe fo mie 
heute. Kls id? fpät nad? Baufe ging, begegnete mir 
(ßlißmaun. ZDir Fehrten hi^r ein unb faßen in großer 
( 5 efelifd?aft an biefer Stelle. <£r fragte nichts, er 
lächelte nicht. ,® Uugen, blaue Uugen/ fang es in 
mir. Unb mir tranFen unb philofophierten itoer ben 
(Släfern. Sd?abe um (ßlißmann. profit . . . 

„<£s finb eigentlich nur bie jungen £eute, bie »on 
einer Sphin^natur bes U^etbes fpred?en. Wxt magen 
es nur nicht aus3ubenfen, baß bies Ubenteuerlid?e, mie 
fagt man bod?, Unberechenbare im CharaFter bes 


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Kummer 2t. 


Seite 


IDeibes doch nichts meiter ift als aHtäglichfte, gait3 
profaifche Serechnuug. ©lißntaitn erlebte die gleich* ©e* 
fchichte unter andern Dorausfefcungen. Da fagte die 
Angebetete ,ja 4 , und ©lißmanrt ging um die €cfe, ging 
3U ©runde. 

„UTeine ©efchichte ift fdjnell 3U €nde erjä^tt: der 
andere Sag mar dunjtig und trübe. IDir fehlenderen 
am UTorgeit ohne S^ecF und §iel einftlbig durch die 
Strafen. 3 ch führte fte in den Kunftoerein, mo ein 
Sild uon mir fying. ,Die tagende Salome 4 mar es. 
Sie fennen das Sild nicht, meine Herren. ©s ift nicht 
mein bejtes. 

„,U)as Friegen Sie denn für folch ein ©entälde? 4 
fragte UTirjam uan der IDees lächelnd. 

„ 3 ch 3ucfte die Ach'eln. ,Caut Katalog Foftet das Sild 
3 CXX) UTarF, uielleid?t finde ich einen Dummen, der die 
fjälfte be3at^It.‘ 

„Sie lächelte nachdenFlich. tDie uiel oder mie menig 
rnagjt du Armer dann in einem 3 <**t r verdienen, triefe 
dies £äd?efn. 

„€s regnete. ,UAr mollen heute mieder in das Slüten- 
Tand fahren/ bat fte. ,Ad?, das Wetter fchadet ja 
nichts. Aber um drei muß ich diesmal mirflich 3urücf 
fein. 3 d] hab es Albert fejt oerfprocheu. Um acht 
fahrt mein §ng. 1 

„Die Dienerfchaft mar bereits uorangefchieft, die 
Koffer ftanden fchon auf dem Sahnhof. Alfo, mir 
fuhren nach der Ciihe. Als mir auf dem Dampfer 
faßen, fah ich, mie blaß fte mar. Sie fröftelte, und 
ihre f]ände bebten. 3^7 moßte meinen Arm um fte 
legen, aber fte rüefte beifeite. 

„Der fjintntel hing Dotier fchiefergrauer lüolfen. Das 
gattje Slütenland lag in Dunji und Hebel. JDir maren 
fajt die einigen paffagiere, die an der Station aus* 
fliegen. Und als ich die arme, meiße Schönheit diefes 
Candes miederfah# ohne den blauen fjimmel, ohne die 
Sonne, ohne die ftngenden Kinder, da mußte ich erft, 
mie fehr ich diefes £and liebe. 

„Denn jedes £and fchafft fich feine UTenfdjen ähnlich. 
Und td? glaube, damals blühte auch in mir alles. 


„IDir gingen Schritt auf Schritt die IDege, die mir 
geftern gegangen. UTir fd?ien fajl, als fudjte fie diefe 
XDege mieder; mir fanden auch die alte Stelle, mo mir 
gemefen. Aber eine UTagd mar dort, die eine Kuh 
melfte. Sie fdjien das 3U oerdrießen. Die Fleine Kirfche, 
unter der ZTTirjam uan der Wees geftern faß, als ich 
fte 3eid?nete, recFte ihre dünnen, blütenüberftrömten Aefte 
dem Hegen entgegen, mie in ftarrer Seligfeit. 

„,£;eute Föntten Sie mohl nicht 3eid?nen?‘ fragte fie 
mit dem gleichen namentlichen £äd?eln. 

,„Uein. Aber ich fehe ja Sie. Und einmal male 
ich die HTadonna mit den roten paaren doch* HTau 
uergißt nicht leicf?t, mas man mit dem ^er3en fah-‘ 
„Und dann ftanden mir lange an der alten Stelle, 
mo mir geftern in die Abendröte gefehen batten. U)ir 
fpradjen Fein U)ort. Hur einmal griff fte in unmiH- 
Fürticher Semegung nad? meiner Etaw d und fie 
eine U>eile in der ihren. Und da uerfland ich fte. 

Albert darf nicht warten . UAr müffen fort. 4 Und 
fte brach einen Smeig und reichte ihn mir. 3^ füßte 
die Blätter uttd reichte ihn ihr 3urücf. Da barg fie 
ihn in ihrem Kleid. 

„,Ade, 33 lütenlaitd. 4 

„Am Abend ftanden mir drei am Sahnhof. 

Sitte, ein|leigen, 4 rief der Schaffner. 

„Da reichte fte fchneU dem Srudet* die fjaitd und 
legte dann die Arme um meinen fjals und Füßte mich- 
„,£eb mohl/ fagte fte. Und der IDagen rollte daoon. 
„3d? hab feitdem meitergelebt, 3 a h*e und 3ah^e. 
Die £ühe blüht noch jedes 3 a hV un d mein ^er3 fchlägt 
noch jeden Sag. Aber die Uladottna mit den roten 
paaren hab ich nie gemalt. 3^h hab es oft uerfucht, 
aber es murde nichts daraus. So malte ich «den 
anderes . . ." 

<£r hab fein ©las. 

„2£>ir aber moHen trinFen und uns freuen, fo lange 
das £ämpchen glüht. Und mir molien meiter rechnen 
an dem großen Hecheneyempel des Gebens, und menn 
es in die Srüche geht, ©roß ift die Diana der ©phefer/ 
Und mir tranFen. 






omnter. 


Don Karl Yanlelow. 


Wn allen Loggien 'Pelargonienblüten, 

3n allen 0ärten fommerbunte pradjt, 
tJn t>ellen Kleidern, ftofen auf den Ruten, 
Sie jungen ?Dädd)en, fonnengoldumladjt. 
Von Ueberflu(j, von Lebensmut und Luft 
Äin id) beraufdjt, von (Jugend bin id) toll, 
Reijj ift mein Rerz und zum Verfdjenken voll, 
3d)önfte von allen, komm an meine ßruftt 


8d)6nfte von allen, komm, o komm, wer könnte 
tJn aller Welt tyeut reicher fein als id)? 

Hod) ift die Zeit, die einmal nur gegönnte, 
8d)önfte von allen, komm und küfle mid)l 
ün (Jugendröte giebft du mir did) l)in, 

Dd) bin der König, der vom <3Iück verwöhnte! 
8d)önfte von allen, blühende, 0ekrönte, 
Kofenbekränzte, blonde Königin 1 


■u>r" 


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Seite J250. 


Kummer 27. 


£Iektrokultur. 


plauderet von Dr. 5riß Bernharb. 



choit lange oernuiteteu bie Katurforfcher einen 
<§ufammenfyang 3 toifdien bem Auftreten 5er 
Sonnenflecfe unb 5er X}äuftgFeit bes Polar¬ 
lichts, bis im 3ahr \852 oon Wolf un5 


Daß bie Derfud?e, 5ie im Sommer \885 begannen, 
mit aller erbftiFlichen Dorftcht angeftellt tourben, um 
je5e SehlerqueHe aus 3 ufchließen, ifl aus 5em emgehenben 
Bericht erftchtlid?, 5er audi 5ie ^efylfdjläge mit großer 


an5ern btefer Sufammenhang 5er Sonnettflecfen- (EhrlichFeit aitfsählt. Die erften Derfudje tourben in 5er 


perioben mit ben erbmagnetifdjen (Erfcheinuitgen nachge* 
liefen tourbe. Ijerfchel ging noch toeiter. <£r tooflte fogar 
einen Sufammenhang 3 toifd}en 5er ^äuftgfeit 5er Sonnen- 
flecfe un5 5er 5rud?tbarFeit 5er entfprecheuben 3 a hre er* 
Fennen.- Sun hat ftch feit 3 ah* 3 ehiüen profeffor Cemftröm 
oon 5er Unioerfität Ejelftngfors mit 5iefem Problem be* 
fchäftigt uu5 5en Betoeis erbracht, baß 5ie Kabelbäume, je 
näher 3 um pol, bejlo 5eutlicber, an 5er Dicfe 5er 3ahres- 
ringe eine periobität erFenneu laffen, 5ie in naher Ueber- 
einflimmung mit 5er pertobe ber SonnenflecFe fleht. 5erner 
toeiß man burch Derfud]e, 5aß ber eleFtrifd?e Strom in 
Kapillarröhren ein €mporfteigen ber ^lüfftgFeiten betoirft. 


IDeife aufgeführt, 5aß mittelgroße Blumentöpfe ooH 
gleichartiger (Erbe mit (SetreibePörnern oon gleichem 
(Setoicht unb Ausfehen befeßt tourben. ©berhalb ber 
burch papptoänbe getrennten (Töpfe tourbe in jeber 
Abteilung ein ifoliertes ZHetallneß mit Spißen gefpannt. 
Die (Erbe in ben (Töpfen toar burch Sinnblätter mit 
bem Koben oerbunbeu, fo baß ber Strom oom pofitioen 
pol einer I}ol 3 fchen 3 nffueu 3 mafd]ine in Abteilung I 
oom ZHetallueß 3 U ben pfla^en ging, in ber II. Ab¬ 
teilung tourbe er in umgeFehrter Sichtung burchgeleitet, 
toährenb bie III. Abteilung 3 ur Kontrolle Feinen Strom 
erhielt. Schon nach einer JDoche toar beutlich 3 U er- 


Sun lag ber Sd]luß nahe, baß ber eleFtrifche Strom 
in ben Kapillarröhren ber pfkut 3 eu bie gleiche IPirFung 
ausübt, mithin bie Simulation ber pflan 3 enfäfte be* 
fchleunigt. Damit toar ber IDiffenfchaft bie Aufgabe 
gejleHt, ben Einfluß ber (EleFtr^ität auf bas JDachstunt 
ber pflan 3 en 3 U erforfchen unb feft 3 ufteflen. 3« ÄranF* 
reich, Sußlanb unb 5 innlanb fmb nun thatfäd?lich Ver¬ 
fuge angeftellt toorbetv bie gan 3 überrafchenbe Hefultate 
ge 3 eitigt haben. profeffor temftröm hatte auf mehreren 
Seifen nadj ben polargegeubeit bie reidien (Ernten be* 
obadjtet, bie bei manchen (ßetreibearten, 3 . B. (Serfle 
unb Soggen, bas ^ 0 . Korn erreichen. Da jebe pflan 3 e 
3 U ihrem (Sebeihen JDärme, Cicbt unb 5eud?tigFeit be* 
barf, fo muß eine anbere Kraft im Spiel fein, wenn 
einer biefer Äaftoren, bie IDärme, faft oöüig fehlt. 
(Er fuchte unb fanb fte in ben eleftriichen Strömen ber 
€rbe. <£r felbft fagt barüber in einer Brofchüre, bie 
oor Fursem in beutfeher Ueberfeßung 001 t Dr. <D . prings- 
heim erfchienen ifl: 

„Die pfIan 3 enphvfiologie giebt eine 3 ufriebeufteHenbe 
(ErFläruug für bie Derridtfungen, bie bie weiften pflanjen- 


fehen, baß bie unter bem (Einfluß ber (EleFtrijität flehen- 
ben pflait 3 en ftch fchneller unb Fräftiger enttoicfelten als 
bie anberu, unb beim Abfdjluß bes Derfud^s betrug bas 
STehr an IDachstunt runb ^0 projentl 

3nt nächflen Sommer bereits tourben 3 toei größere 
Derfuche im freien 5elb ausgeführt. Beibe lieferten 
gait 3 erftaunliche €rfolge. Die unter ber (EintoirFung 
bes eleFtrifchen Stroms gesogenen (ßemiife toiefen einen 
Ueberfchuß über bas KontroHfelb von 36,9 projent bei 
Sellerie bis \07,2 pro 3 ent bei toeißen Süben auf. Die 
(Erbbeeren, bie oon pofttioer €leftri 3 ität beftrahlt tourben, 
reiften in 26 (Tagen, bie unter negatioer €leFtrisität 
in 33 (Tagen, toährenb bie freitoadrfenbeit 5^ (Tage 
brauchten. Auf bem 3 toeiten Derfuchsfelb lieferten bie 
eleFtrifch beftrahlten pflanseit unter anberu folgenbe 
Ueberfdniffe: IDe^en ^5,1 projent, fjafer 5^ prosent, 
(ßerfle 85 unb fjimbeeren ty5 t \ projent. 

Daß manche <ßetoäd?fe unter ber (EintoirFung ber 
(Eleftrijität einen erheblid?eit Sücfgang erlitten, toirb 
offen bargelegt. Die gleichen pflau 5 eu h a beu inbeffen 
fpäter toefentlidi beffere Sefultate ergeben, nad^bent mau 


organe 3 U leiften h^ben, unb geitügenbe (ßritnbe für 
ihre (£fiften 3 unb ihre oerfd?iebenartigen formen. Dies 
ift jeboch nid]t ber 5all bei ben Sabeln ber Koniferen 
unb bei ben (ßrannen an ben Aehren ber meiften (Se¬ 
treibearten. Da nichts in ber unenblidjen IDerPftatt 
ber Satur fleh ohne Sa>ecF oorfinbet, fo miiffen bie 
Sabeln unb (Sramten auch ih** beftimmte 5unFtion 
haben. 3h r ifl in ber (Th<tf toohlgeeignet, um 

bas Slittel 3 U toerben, tooburch bie (EleFtrijität oon ber 
£uft 3 ur €rbe unb umgeFehrt flrörnt, b. h- Fönneti 
toie ZHetallfpifeen in Derbinbung mit ber (Erbe toirfen. 
Durch einen Derfuch bet einer (E^pebition nach 5iitnifch- 
Capplanb mürbe burch Aualogiebetoeis feftgeftellt, baß 
fte toirflid? biefent &wed bienen, nämlid? ben lieber- 
gang ber (EleFtrisität oon ber Atmofphäre sur £rbe 311 
oermitteln.Damit ift jeboch noch nicht eutfehiebeu, 


in Be$ug auf bie ZTTenge ber eleFtrifchen Beftrahlung, 
ber 5euchtigFeit u. f. to. einige Crfahruugen gefammelt 
hat. profeffor Cemftröm betont beshalb fehr richtig, 
baß es ftch ttidtf um eine abgefchloffeue IMethobe huubelt, 
oermittelfl beren bie Slenfchheit nun bie Erträge ihrer 
^lecfer oerboppelu Faun, fouberit um tafteube Derfudie, 
bei benen jeber Schritt neue Probleme aufrollt unb 
neue Ausblicfe erfchließt. 

3 nttnerhin ift burd 7 bie bisherigen Derfttche fo oiel 
ertoiefett toorben, baß profeffor Cemftrötn mit Sed?t 
3 ur Amoenbung feiner ATethobe in größerem IHaßftab 
aufforbern Faun. Die Kofteu bes Derfahrens ftnb - oer- 
hältnismäßig fo gering, baß fd^ott ein IHehrertrag 001 t 
\0 pro 3 ent fld? als retrtabel ertoeifen toiirbe. JDas bie 
Vermehrung ber lanbmirtfd^aftlichen probuFtiou um 
biefeu Betrag oolFsmirtfchaftlid 7 3 U bebeuteu h^tte, bas 


baß ber Strom irgenbeinen heilfunten (Einfluß auf bas ift ein gufunftsbilb, bas lebhaft au bie ntärd^euhafte 
lüadjstunt ausübt. Dies mußte erft nod] burd] ein* Seit erinnert, in ber bie Boggeuhalme oon oben bis 
geheube Derfud^e betoiefett toerben/' unten mit Aehren bebecFt toareu. 



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Kummer 27 , 


Seite f25f. 



6tne ooirrpuimn, 


Hmerican Girls. 


f?ier 3 U 7 p^otograpbtfcijc Uufnrttjmen. 


Der „(glorreiche Dierte", ber an bem 

oor U9 3ahren €nglanb bie Unabhängigfeit 
feiner bre^e^n norbamerifanifchen Kolonien an- 
erfennen mußte, ber ha^f 4 * Hationalfefttag ber 
Dereinigten Staaten, hat &as „american girl“ 
in feiner gan3en (glorte gefefjen, wie es mit 
feinen Brübern wetteiferte, ben (Tag ber Un- 
abhängigfeit bei Spiel unb (Ean3, Sport unb 
fenerwerf feftltd} 3u begehen, hä&*« fowotfl 
wie brüben. Unb 3U biefer feftfreube hat &ie 
Hmerifanerin oolle Berechtigung. Denn ber 
(La g hat auch ben (Srunb 3U ihrer Unab* 
hängigfeit oon manchem Fonoentionellen §wang 
gelegt, hat ih* ' m tauf ber geit HFtionsfrei- 
heit, Selbjtänbigfeit unb Selbftbewußtfein ge¬ 
bracht, bie fie befähigen, mit ihren Brübern 
anf allen (gebieten in freien IDettbewerb 3U 
treten. So ift fie benn auch in bas Heid? 
bes Sports mit all ihrer Schneib unb (Energie 
eingebrungen unb ringt bort mit ben „Herren 
ber Schöpfung* fiegreich um bie Palme. 

Kuch in anbern Sänbern giebt es frauen 
nnb ITTäbchen. bie auf bem (gebiet bes Sports 
nicht unerfahren fmb, bie auf ber fuchshaft 
feine fjeefe unb fein (graben fehreeft, benen 
Fein Berggipfel 3U ho<h ift/ bie ben Tjirfch ober 
Bocf in ooUer flucht aufs Blatt 3U treffen, 
bas Huber im Boot ober ben Schläger beim 
(Tennis meifterhaft 3U fuhren oerßehen. Uber 
fo allgemein, wie in ben bereinigten Staaten. 



Xm Badeanzug. 


bethätigen fich felbft im Daterlanb bes Sports, 
in (Englanb, bie frauen nnb XHäbchen nicht auf 
allen (gebieten, bie CTusfel, phyflßh* Kraft unb 
Uusbauer oerlangen. Das ift auch brüben erft fo 
allgemein geworben feit ben (Tagen bes fahr« 
rabs, feit bie Hmerifanerin gefchmecft hat, 
was es heifet/ ßd? xn Gottes freier Hatur 3U 
tummeln. IHit wahrer Begeifternng oerlegte 
fie fich au f ben Habfport, unb »on biefem war 
es 3ur Beteiligung an ben übrigen Sportarten 
nur ein Schritt. Daß babei manche Ueber« 
treibungen unterlaufen, baß bieSportenthußaßin 
ab unb 3U aus bequ. Kreis heraustritt, ben 
Konoention unb Sitte ber IDeiblichfeit ge3ogen 
haben, ift 3U oerßehen unb 311 oe^eihen. f uß- 
ball 3. B. ift eigentlich fein Spiel für frauen. 
Das wirb jeber 3ugeben, ber einmal einem 
regulären IHatch beigewohnt unb gefehen hat, 
wie hier ein Spieler in oollem lauf oon einem 
(gegner gefaßt unb Fopfüber geworfen worben 
ift, wie fich bie Schar ber übrigen Spieler in 
wilbem Durcheinanber auf fie ßür3t, baß man 
glauben fotlte, Xfals unb Beine unb — Hippen 
müßten brechen, was ja auch oft genug babei 
oorfommt. Uttb hoch, wer Fönnte ber hübfcheit 
fußballfpieleriit böfe fein, beren Bilb wir 
auf Seite (253 bringen? IDie rei3enb fleht 
fie aus in ihren „Binbeu unb Banbagen", mit 
ben Seberfdjienen an ben Beinen, bem wattier* 
ten £eberpan3er, mit ben Schuftlebern für bie 


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Seite { 252 . 


Hummer 27 . 





©hren unb mit bem — Hafenfchouer, 
ber ihr hübfdjes Häschen vor 311 mtfanfter 
Berührung mit ber IHutter (Erbe fd^üfeen 
foll, wenn eine (Segnerin fte „tackled" 
ober ihr, währenb fie fluchtigen fufles 
mit bem Ball bem (Soal 3uflrebt, ein 
Bein (teilt. Hud? £acrojfe, bas fanabifche 
Hationalfpiel, bas, urfprüngli<h oon 
ben 3nbianern geübt, oon biefen ihren 
meinen Hachborn gelehrt mürbe, ifl 
eigentlich ein Spiel, bas nicht für f rauen 
gefdjajfen ifl, bas aber je&t oon ben 
Hmerifanerinnen (ehr beoo^ugt wirb, 
weil man fo hübfdj in bem Koflüm 
unb mit bem Schlagnet; ausfieht, mie 
untenfleheiibe Hbbilbttng 3eigt. £acroffe 
witb oon 3mei Parteien 311 je 3toölf per* 
fonen gefpielt. gmecf jeber Partei ifl, 
einen Ball mit ben an langen Stielen 
beteiligten Schlagnetjen, oon benen es ^ 
feinen Hamen h<*t, 3wifhen 3mei IHal* 
pfoflen hii^nrch3utragen ober 3U treiben. 

Hlit ber Ejanb barf ber Ball nicht be- 
rührt, auch barf mit ben Stegen nicht 
geichlagen werben, unb bie Spieler bürfen 
fleh nicht- gegenteilig feflhalten. (Es ifl 
ein Spiel, bei bem alles auf bie 21 us- 
bauer ber £nugen unb füjje an Po in mt. 

Huf ben (Solfliufs bagegen, ba ifl 
bie frau am piaß. ba fann fie auf 
bem grünen Hajen ihre gan;e <Sra3ie 
entfalten unb beim (Ereiben bes Balls 
ihre natürliche Hnmut entmicfeln. Uitb 
fo ein paar Stunben ben (Eag beim <Solf 
machen gut, was ber Ballfaal unb bie 
anbern nächtlichen Dergnügungen im 
IDinter oerfhulbet hüben. IDas fragt 
unfere fchöne Htnerifanerin mit ber ferfen (Solfmfiße banadj, 
ob ihre Hrme unb Ejätibe oon ber Sonne gebräunt werben? 

- fbürbe es ihr nicht 

v ebenfo gehn, wenn 
fte einige Hage 


ober lDod?en an 
Borb einer 3 <*d?t 
au ber pittoresFen 
Küfle oon IlTaine 
ober Connecticut 
freiste, ober wenn 
fie fleh am Stranb 
non Coney 3 5 * 
lanb ober Htlantic 
City im Sanb 
fonnte? 

Dafl es unter 
ben HmeriFanerin- 
nen riel Fühne 
Heiteriunen giebt, 
ifl felbfloerflänb« 
lieh- Vas ifl eine 
ber Crrungenfchaf- 
ten ber früheren 
geiten, als es noch 
Feine (Eifenbahnen 
gab unb man 3U 
pferbe (teigen 
mußte, roenn man 
fleh 3m Stabt, ja 


Hn Bord der ^acht, 


-Bjeixn flortttfffbtert. 


felbfl nur 3ur Ha<hbarin begeben wollte — 
eine Sitte, bie auf bem £anb, nament¬ 
lich im lUeflen, noch heute allgemein 
üblich ifl. UTeabow falls unb Hoanoaf, 
fowie bie prairien unb Efügel Kentucfys 
tuiffen oon mancher fühuen Heiterin 
3U er3ählen, bie beim Ejalali unter 
ben Crflen jttr Stelle mar. 3 ni IDinter 
mufl ber fedjtfaal bie Bewegung im 
freien erfefcett unb Körper unb UTusFeln 
in Hebung halten. 3 n ber (SefeUfdjaft 
gehört es 3um guten (Eon, auch mit bem 
florett Befcheib 3U miffen. 3 n 
lebten paar 3 a ^ rett ifl 3 U all btefen 
Sportfreuben noch bas Automobil ge¬ 
fönt men, unb man fann manche Dante 
flttben, bie mit eigener fd}öner Ejanb 
ihr Huto burch bie £anbe lenft, mie ber 
allerbefte Chauffeur. 

Das fymptfontingent ber ausübenben 
Sportliebhaberinnen flellt bie Schar ber 
jungen IHäbchen, bie eine ber 30hl* 
reichen Uniperfltäten unb 3 n f^l ute 
fuchen ober befucht haben. Diefe haben 
ihre Sportflubs, mie ihre männlichen 
Kommilitonen, unb nehmen ihre £iebe 
3U Förperlidjen Hebungen in ihr fpäteres 
£eben mit h*uüber. Kn Begeiflerung 
unb (Enthuflasmus für ben Sport in allen 
feinen formen ifl ihnen aber bas 
„Summer Girl“ über. H>a$ ifl ein 
„Summer Girl“? (Ein re^enbes, füfles, 
FoFettes, felbfl bewußtes unb fmartes 
weibliches IDefen, bas fleh befreit 
hat von ber bebrüefenben Beoormunbung 
ber fferren Cltertt, meiftens auf eigenen 
füflrn fleht, bas fleh putjt, fleh amüflert 
oermöge feiner guten IHanieren fchttell (Eingang in alle 
Kreife flitbet unb überall gern gefehn wirb. Seinen Hamen 
bat es erhalten, weil es nur im Som¬ 
mer blüht, weil es fleh ftets in bie 
friflheften, 3artefieit Sommertoiletten hüllt, 
unb ba es ein folc^cs (Sebilbe 
niemals öfters als einen (Eag 
trägt, bis biefes ron ber 
IDafchfrau — meiftens ein 
bejopfter Sohn bes Ifl mm- 
lifdjen Heidts — „auf Heu" ge- 
waflhen unb gebügelt ifl, fleht es 
auch ftets aus mie ein fonuiger, 
ladieuber Sommertag. ITlit 
Husbauer unb (Enthuflasmus 
wirft es fleh bem Sport in 
bie Hrme, manchmal ja aud? 
wohl einem fefchett Partner. 

Hub warum auch nicht! Ulan 
flitbet (ich fo leicht auf betn 
grünen Hafen, bei fröhlidient 
Spiel. Hnb ifl 
bann ber Som¬ 
mer oorüber, ifl 
es titeifl auch 
mit Kamerab- 
fd>aft uub £iebe 
aus. „Hnbere 
Stäbtchen, an* 
bere inäbdjen", 
heißt es h* cr 
mtb brüben: 

„Huberer Som¬ 
mer. anberes 

(ßirl !" 5. € ©.] JUerorrcfpietmn. 


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Ztummer 2 ? 


Seite \ 253 . 



fueabalU 


Im RcftkortQm. 


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Seite 1254fr. 


Hummer 27. 



\. fuss der 
Kreuztpinne. 


mikroskopische 
Photographien. 

fjier 3 U 6 ©rigittalaufnabmen 
Port <£. 21ndjen. 

Surch bas ETIiFroffop 
ift bem Kuge bes ZHenfchen 
eine neue, meitere XOelt er¬ 
öffnet morben. (Er fanb 
(Eaufenbe unb Zlbertaufenbe 
pon Cebemefen, pon beren 
Safein er bis batjin faum 
eine Ebnung t^atte, unb noch 
beute merben fortmährenb 
neue (EntbecPungen gemad 7 t. 

Kbcr nicht nur neue £iere 
lernte ber ZITenfd? Fennen, er lernte 
auch bie bereits befannten beffer 
Fennen. ZHit bent ZHiFroffop fonnte 
er felbft bie bem Kuge faum ficht- 

baren ©rganc unterfdviöen, unb 
auch hier entbeefte er mal]re Kunft* 
merfe ber Hatur, mo er früher nid?ts 
meiter als ein paar einfad^e I^äfd^en 
unb Horften permutet blatte. 

Kllein nur menigen ift es pergönnt, 
biefe EVunber felbft 3 U fetjen; bie Ejanb- 
babung bes ZTiifrofFops ift nicht jebermanns 
Sache, unb toirflich gute ZTTiFrofFope ftitb 
auch äußerft Foftfpielig. (Erft in leßter Seit 
madit fi d\ hier eine Kenberung 311 m Heffern 
bemerfbar, inbem Photographie unb ZTTiFro» 
ffop fich gegenfeitig unterftüßen. Sie Ver¬ 
größerungen merben auf ber Photogra¬ 
phien platte feftgehalten unb fo weiteren 
Kreifen 3 ugänglid? gemad?t. 

, (Einer folchen Verbinbung banfen ihre 
(Entftehung auch bie hier miebergegebenen 
Photographien, bie um fo intereffanter jtnb, 
ipeil fie allgemein bekannte stiere unb 
©egenftänbe barftellen. Sas erfte Hilb seigt 
ben CEeil eines (Eieres, ber in ber bar geteilten 
<5röße mie bie lEafee eines Cömeit erfcheint, 
unb bod? ift es nur ber iitß einer Kreu 3 * 
fpinne. Siefe Spinne gehört 3 U unfern 
beften XVebefpinnen, unb mohl jeber hot 
fchon jtaunenb por ihrem Funftpollen ( 6 e* 
tpebe geftanben unb barüber nad?gebad]t, 
tpie bas Cier ein fofches KunftmerF mohl 
3 U ftanbe bringt. 3 u ber Chot ift bie 
Kreu 3 fpinue pon ber Hatur mahrhaft be* 
2. stächet munberungsmitrbig ausgerüftet; fie beftßt 
ter Honigbiene. an jebom 5 uß einen pollftänbigeu IVobe* 
apparat, mit bem fie bie ben Spinnbrüfen 
entquetfenben 5äben perarbeitet. Siefer Apparat befteht 
aas 3 tpei Fammartig gesähnten CinfdilagsFlaueu, einer 
mittleren, nach unten gerichteten CrittFlane unb 3 ahlreichen 
IVebeborften. <£s ift ein mirFlidhes ZTÜeiftermerF ber 
Hatur, bas hier in mohl nod? Faum erregter Scut* 
lichfeit por klugen geführt mirb. Sie Spinne hotte Fur 3 
porher gehäutet; baher finb alle Spißen fd?arf unb 
nicht im geringften perlefet ober abgenufct. 

2lbb. 6 3 eigt ebenfalls einen Körperteil ber Kreu 5 - 
fpinne, unb 3 mar einen Ceil ber großen 5 reß- ober (ßift- 


3 angen, burd? bie beim 
Hiß bas Spinnengift in 
bie tVunbe ber Heute 
einfließt unb biefe lähmt 
unb mehrlos madtf. 

5 iir ben ZTCenfdjeit unb 

für alle größeren (Eiere hot aber biefes* 
©ift Feine fd?limmen 5olgen meiter. 

Kbb. 2 5 eigt ben Stad>el unferer Ejonig- 

biene (Apis meilitica), jebenfalls eine ber 
intereffanteften Aufnahmen. (Es ift allgemein beFannt, 
baß ber Hienenftadhel beim Stedden in ben allermeifteit 
5ällen abbricht unb in ber XVunbe fteden bleibt. (Ebenfo 
beFannt ift es, baß bies bie 5olge eines EDiberhoFens 
ift, ber meijt aber gait 3 falfdj erFlärt mirb. EVie 
unfere Aufnahme 3 eigt, gleicht ber Hienenftachel poü- 


5. Hinterteil des Btafcnfu99fcbädtings. 


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Hummer 27. 


Seite (255. 



V Schuppen eines Schmetterlings. 


5. haare einer fiedermaus. 


ftändig einer Säge, und jwar einer gewaltigen weit« 
^ejlellten £}ol 3 fäge. Sine ganje Beihe oon IDider« 
Isafen fchließt jtdj aneinander, fo baß ein £}eraus$ie^en 
nur m den feltenjien Fällen möglich fein wird. 

Abb. 3 giebt den fonderbar gefalteten fjinterteil 
eines böfen Schädlings wieder, der dem Blafenfuß 
(Thrips physapus), einem fleinen (Seradfügler gehört. 
<£r hält jich in den Kornähren 
auf. (Eine oerwandte Art if 
befonders fchädlich und oon 
den (Särtnem als „fchwarje 
Fliege* fehr gefürchtet und 
gehaßt. BTit dem Hinterteil 
fönnen die Ciere fpringende 
Bewegungen machen. Sen 
Hamen Blafenfuß fyaben fie 
oon ihren Füßen, die eben in 
Blafen endigen, die fich nach 
Bedarf oergrößem und oer* 

Keinem. £}iermit oermögen 
fie auf den glatteften Blüten« 
blättern, ja felbfi auf dem 
£jonig des Blüteitbodens um» 
herjulaufen. 

Abb. ^ oereinigt eine An« 

3 ahl oonFarbenfchuppen eines 
Schmetterlings, und 3 war 
fold?e oon einem unferer 31 er* 
iuhften Abenbfchmetterlinge, 
dem lDolfsmilchfchtt>ärmer 
(Sphinx euphorbiae). Siefe 
Farbfchuppen erfcheinen dem 
unbewaffneten Auge als gan 3 


feiner Staub, der bei einer unoorjtchtigen Berührung 
eines Schmetterlings an unfern Ringern fleben bleibt. 
3n XPirflichfeit find es gefielte Schuppen, die in den 
oerfchiedenften Anordnungen dacfföiegelartig übereinander 
liegen und fo die herrlichen Zeichnungen des Schmetter» 
lingsfügels heroor 3 aubern. Siefe Schuppen find je nach 
der Stelle, wo fie entnommen werden, bei ein und demfelben 

Schmetterling fehr oerfchieden 
in 5 orm und (ßröße, wie auf 
dem Bild leicht 3 U erfennen. 

Als merf würdige (Bebilbe 
erfcheinen die £>aare der Fieber« 
maus (Abb. 5). Sie seigen 
unter dem Biifroffop teilweife 
das (Sepräge der Sunenftrah« 
len, andere gleichen täufchend 
Bambusftöcfen, alle aber er« 
f ehernen wie aus fleinen 
Crid?terd?en 3 ufammengeftellt, 
deren an einem fjaar gegen 
(000 ge 3 ählt wurden. Unfer 
Bild 3 eigt fjaare der Biefen« 
fiedermaus, der größten ein« 
heimifchen Art, die eine Flug¬ 
weite oon 38 Zentimeter h<*t. 

Sie fjerjteüung derartiger 
Bilder ifl mit außerordentlichen 
Schwierigfeiten oerfnüpft, und 
felbft ein fehr gefehlter Photo 
graph muß eine gan 3 e An* 
3 ahl oon Aufnahmen machen, 
ehe er eine brauchbare platte 

eräielt. m. oanfiet. 



6. ©iftzangc der Kreuzrpinne. 


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Seite *256. 


Hummer 27 . 


7ungfrr HirbroolL 

Ro©eflette von ©. oon Beaulieu. 


<£r war unoermählt geblieben, obmohl er ein ftatt- 
licher, mohlhobenber RTann in augefeheuer Stellung mar. 

ZDarum? fjatte er feine 5 rau befommen? 

„Cächerlid?," fagten bie erfahrenen Ceute in 5 ranfen- 
häufen, „ein ZTTanit befommt immer eine 5rau unb nun 
gar ber Regierungsrat 5 elir ©on ffamaun mit feinem 
eleganten Auftreten, feiner fdjönen ©ejtalt unb feinem 
imponierenben Bart." 

ZDollte er feine? 

H>ahrfd?einlich. 5elir ©on fjamann galt für einen 
ZDeiberfeinb. Klte Ceute befanneit fich, bafe ber ZDeiber- 
feinbfchafteineKffaire3u©ruubeliege,bie unglücflich ©erlief. 

3d? mar noch nicht lange nach 5ranfenhaufeu über* 
gefiebelt unb intereffierte mich, nach Krt ber Neulinge, 
für alle Stabfangelegenheiten unb beren < 3 ufammenhong. 
Klan fchalt ben 2 ?egierungsrat fchrullig, er gab — 
unb bas ©erbachten ihm bie töchterreichen 5amilien ber 
©efellfchaft — feine Bälle, i©ie es hoch feine Pflicht 
gemefeit märe, fonbern nur fferrenbiners. 

3 ch glaubte auch, t©ie alle ZDelt, bafe ber Regierungs* 
rat ein 5rauenhaffer fei unb immer gemefen fei, bis 
mich eine alte Sreunbiit, bie ich in Äranfenhauien hotte, 
eines Beffem belehrte. Die Dame toar bie Zllutter 
bes Befifoers ber Kpothcfe „5uin «Einhorn" am tDilhclms- 
plafe; ein prächtiges, altes JDeiblein. Keine ©oit ber 
neumobifchen Krt, fonbern noch mit einem meinen 
Häubchen unb rofigetn ©eficht, gutmütig unb hilfsbereit. 

€s mar ein Kbenb im Knfang Rooetnber. Kegen 
unb Schnee praffelten in bie nach 5 ranfenhaufener ^rt 
nur bämmeritb erhellten Strafen, ein fchneibeuber ZDinb 
fegte über bie Käufer, Heg bie IDetterfahneu äch3en unb 
rüttelte an etma offenftehenben 5enfterflügeln. Kur3, 
man fehnte fleh nach einem mannen Zimmer, einer ge¬ 
mütlichen Campe unb einem lieben ©eficht. Dies alles 
fomtte ich bei 5rau Füller hoben. 

3 ch Fämpfte mich öurch ben Sturm 3ur<£inhornapothcfe 
am IBühelmsplaft. Kleine alte 5 reunbin mar gan3 ge¬ 
rührt, als ich eintrat, unb nahm mir gleich mit ©ielen ©’s 
unb Kch’s bes Bebauerns ben triefenben Regenmantel ab. 

5 rau 5 üHer mohnt in einer Stube neben bem Caben, 
3U bem einige Stufen hinabführen. ( 2 in 5 cnfier in ber 
IDanb ermöglicht ihr, alles 3U fehen, mas in ber Kpothefe 
©orgeht. Sie hot fo Unterhaltung unb fann ftch noch 
manchmal nüfclich machen. ZDährenb ber prooifor ober 
ihr Sohn im Caboratorium befchäftigt ftnb, irgenbein 
ZTTittel 3U brauen ober 3U fochen, giebt fte auf ben 
Caben acht; menn einer fommt, ruft fte bie fferren. 

Sie liefe ftch nicht nehmen, gleich Ojcc für mid? 3U 
bereiten, unb holte aus bem Schranf bie Kuchenbüchfe, 
bie jtets mit guten Dingen gefüllt mar. 

tDährenb bie bantpfenbe Caffe ©or mir ftanb, er¬ 
mähnte ich beiläufig: „ 3 d? höbe eben ben Regierungsrat 
©on £}amann gefehen; ein fd^öner, ftattlicher KTann, 
fchabe, bafe er folch ein IDeiberfeinb ift." 

5rau Füller läd^elte, mie jentanb, ber etmas meife, 
aber es nicht fagen möchte. 

3 ch mürbe neugierig. „Sie miffen eine ©efchichte 
©on ihm, ad?, bitte, er3ählen Sie." 

„Soll ich? Kun, ich glaube, ich barf es, es ift 
längft ©ras barüber gemachfen, unb ba Sie heute, trofe 


bes fjunbemetters, gefontmen ftnb, fchulbe ich 3hneir 
etmas Rettes. £}aben Sie fd?on ©on 3 ungfer Ciebe©ott 
©ernommen?" 

„niemals I Sonberbarcr Kante, er hot übrigens 
einen pifanten Beigefchmacf." 

„Das foll er ©ielleicht hoben, menn aud? nicht in 
bem lartbläufigeu Sinn. Klfo, mirflich, Sie hüben 
niemals etmas ©on ihr gehört? ZDie fchnell bod? alles 
©ergeben mirb! Da3untal gab es in ber gan3ett Stabt 
eine grofee Aufregung, bas mar freilid? ©or breifeig 
3 ahren, ©or faft einem KTenfdienalter. Die es bamals 
miterlebten, ftnb megge5ogen ober grau gemorben, nur 
ber Regierungsrat ift nterfmürbig jung geblieben, hot, 
glaube ich, noch gan3 fdn©ar3es ffaar." 

„Die XDeiberfeinbfdjaft fonfer©iert, mie es fcheint," 
marf ich ein. 

„( 2 in IDeiberfeinb mar er nun gerabe nicht, 3 mtgfer 
£iebe©oll ift ber Bemeis bafür." 

„ZTTachen Sie mich nid?t 3U neugierig, nun müffen 
Sie e^ählcn." 

,,©ern, Sie merben bod? in ber Stabt nicht ba©ort 
reben, es ift 3 mar fein ©eheimnis, aber idi ntödtfe bem 
Regierungsrat feine Ungelegenheiten bereiten, er ift fo nett. 

„Klfo ©or breifeig 3ohrcu ungefähr fein ber fferr 
5eli^ — feine (Eltern hoben auch fdjon lange in 5ranfen* 
häufen gelebt — als junger Stubent 3U ben Serien 
hierher. Die alten Hamanns mohnten bes IDinters in 
ihrem 2 }aus am IDilhelmsplafe unb bes Sommers in 
ber Dilla braufeeit ©or bem ZDeferthor. fjerru 5 c% 
hatten alle Ceute gern, er mar immer höflich unb freuitb* 
lieh 3U jeberntann; aber fo im ffe^en, glaube ich mar 
er hochmütig unb ftol3, auch fehr für bie Reinheit unö 
<2legan3. 2 Us eiit3iges Kinb reicher (Eltern hotte man 
ihn fehr ©ertröhnt. Sd?on als Stubent befafe er einen 
Kamnterbieuer, einen nafemeifett 2 Tienfd?en, 21 Tonfteur 
©eorges, ber übrigens ein guter Deutfd:er mar, trofr 
bes fran3Öftfchen Ramens. Der Kerl beftärFtc £jerrn 5 eli^ 
in allen feinen Schmäd^en; er mollte fid] ihm mohl öa- 
burch unentbehrlich machen. So jung fjerr ©on ^amann 
auch mar, fo er3ählte man ftd? bodi eine 21Taffe ©e- 
fchichten ©on ihm. €r höbe nur feibene ZDü;d?e, trage- 
ein Zlrmbanb, ja, einige behaupteten, an bem ©berarm 
unb an ben 5ufegelenfen fehmiiefe er fid? mit golbeneu 
Reifen, mie bie alten Römer. Die ©raphologie mar 
fein Stecfenpferb, er befafe eine jehöne Sammlung ©on 
ffanbfchriften unb beurteilte alle RTenfchen nadi ber 
Schrift. Km meiften aber rebeten bie Ceute, als bie 
©efchichte mit 3 ungfer Ciebe©oll anftng." 

„Run enblid^l" Der Ruf entfehlüpfte mir, ohne bafe: 
ich cs mollte. 

„(Enblid??" mieberholte fte ©ermunbert. Sie fafete 
meine Bemerfung nach ihrer R>eife auf. „(Er mar hoch- 
erft 3meiunb5mau3ig 3ofyre olt, alfo nod? reichlich jung. 
Sofort mufete alle IDelt bie gait3e ©efchichte, ber ©er* 
miinfehte ©eorges fteefte mohl bahinter. Sie mar Der* 
fäuferin in bem Banbfchuhlaben ©orn alten Reibern am 
ZDilhelmsplafc. fferr 5 eli^ hotte ja alle Kugenblicfe 
Kramatten unb Schlipfe unb f}anbfchuhe nötig. Die 
aus3ufuchen, überliefe er ©eorges nid^t. So fam er ht 
ben Caben. Sie h*efe eigeutlid] ۩a Sd?eel unb wat 


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Hummer 27 . 


ein Silbl^übfdics HTäbchen, groß unb fchlanf, ein fchönes 
(Beftchtchen mit prachtooQ fchtoar3em £)aar, ba3U feine 
Brauen unb jtrahleube blaue klugen. Die oerjtanb fte 
3U gebrauten. Der Caben hatte unter ben Herren oiel 
Sufprud?, aber niemanb fonnte jich ihrer (ßunft rühmen. 
Die fioa mar ju fd?lau, ftd? 3U oerfcheufen; fte mollte 
geheiratet fein, unb bas überlegten jtch bie vornehmen 
£eute bod]. (ßerabe aber ber Voruehmfte fiel auf 
5 räulem Sdjeels erfünflelte Kälte herein, ber junge 5 eli£. 

„3<h fet^c ihn nodj oor mir, mie er bamals mar — 
ein lieber OTenfd?, groß unb fchlanf, mit f(einem, 
fchmarjem Schnurrbärtchen. Seine Augen blicfteit einen 
fo treuher3ig an, aber, menn man ihn anführte ober 
nid?t bas mar, mas er jtch in feiner Phaiitafie oor- 
geteilt hatte, bann mar es einfach aus, unb es gab fein 
pfiajler brüber. So fchneU er in feiner £iebe fein fonnte, 
fo fchneU rnar’s auch aus, impulfto nennt man’s ja mohl. 

„5ajt jeben Cag fam ber junge fjerr oon fjantamt 
3U uns in ben £aben. Damals führten bie Apothefen 
m ben Meinen Stäbten noch bie gangbarjloit Konfitüren 
unb all bas 5 eug, mas bie Droguerie jeßt hat, nämlid) 
pomaben, parfüms unb bergteichen. 5räulein fioa mar 
ein Cecfermaul, unb er holte jeben (Eag Pralines für 
jte. Die unb Hofen mareit bas einige, mas fte non 
ihm annahm. Das hätte auch jebe oornehme Dame 
gefonnt, baburch oergab jte jtch nichts. 3ntmer trug 
jte eine munberfdjöne Hofe an ber Bruft, feine Hofe, 
unb menn bie Hofen auch noch fo feiten urib teuer 
mären, jte mußten für 3ungfer £iebeoo!l befdjafft merben." 

„IDarum heißt fte eigentlich fo? Bis jeßt hat jte 
jtch burchaus nicht liebeooll benommen." 

„Unarten Sie nur, es fontmt noch. Die pralinfe holte 
er immer in einem 3ierlichen Sdjäditeldien, oon ber befien 
Sorte. Auch fte fam manchmal nach Hagelcreme, Seife, 
Parfüm unb fosmetifdjen HZittelcheu. Sie hatte fomas 
eigentlid? nicht nötig, benn fte mürbe ohnehin immer 
rei3enber. Das Bemußtfein, fo oerehrt 3U merben, erhöhte 
ihre, Schönheit. Auch trug jte jtch jlets elegant, gait3 
mie eine Dame. Kein IDunber, baß $eli£ 5euer unb 
51amme mar. HIan er3ählte jtch, baß er feinen filtern 
bas £eben fauer mache. Der 5 euerfopf mollte jtch burch¬ 
aus mit fioa oerloben, benn anbers fonnte er fte nicht 
friegen. Daß bie filtern fich fträubten, oerfleht man; 
memt es noch eine 5rembe gemefen märe, aber gerabe eine 
aus ber Stabt unb ein Cabenntäbchen, bas jeber fannte. 

„Schließlich brauchte fjerr 5elip ein probates mittel, 
bas. heißt/ er brauchte es nicht, es fam oon fetbft — 
er mürbe franf. Hie hatte man ihm etmas oerfagt, 
unb bas f}in unb £}er regte ihn auf. Ha, mie ber 
junge HIann franf mürbe, friegten es bie filtern mit 
ber Angft. Der alte fjerr oon ffamann ging 30m 
Hefognos3ieren aus, mie ich gefehen habe, man fann 
nämlich oon ber fiinhornapothefe ben fjanbfdjuhlaöen 
oon 5 elbems beobachten. 3 <*? bemerfte eines (Eags, 
mie er fehr gerabe unb, fehr h oc hmütig eintrat. Als 
er mieber herausfam, mar er gans rot. 

„Die 3 ungfer oon Jfantanns holte in ber Seit öfters 
Schmeijerpiüen aus ber Apothefe; oon ber habe ich 
bas übrige erfahren, fis mar befchloffen morben, baß 
bie f}errfd?aften es 3ugeben mürben, falls er nach einem 
3 ahr nod? besfelben Sinnes fein follte. U)ar er es 
bann noch, bann mollten jte in bie Verlobung miüigen. 
Vielleicht badjte auch &er alte fjerr, fdjlau genug mar 


Seite { 257 . 

er baju: thue ich ihtn ben tVillen, unb ftttbet er feinen 
IViberftanb, fo flößt ihn am fiitbe irgeitbetmas an ihr 
3urücf. Denn unnatürlich mar es bod?. 

„^err 5eli£ mürbe fofort gefunb, unb es entfpann ftd? 
ein reger Verfeljr 3mif<hen ihnen. €r burfte ihr fdjreiben 
uitb 3umeilen einen Spajiergattg mit ihr machen. 3 n 
bas fjaus ber filtern fam fioa nicht, beantmortete aud? 
feine Briefe nicht, marunt, mußte jte mohl. Sie nannten 
jtd? noch ,Sie‘ unb rnaren nicht 3ärtlich 3U einanber, 
aber er blieb oerliebt mie 3U Anfang. 

„Da oertrat ftd] £}err 5 elij ben 5 uß auf bem ( 61 att« 
eis unb fonnte nicht 3U feiner Angebeteten gehn, fir 
fdjrieb ihr täglich bie 3ärtlicbften Briefe unb münfehte* 
natürlich, meil ihm bie Seit lang mürbe, auch ein tVort 
oon ihrer ^anb 3U haben, bas er füffen unb hütfd?eln 
fönne. fir gab ja auch, mie ich fchon er3ählt habe, 
fo oiel auf bie (Braphologie. fir flehte fioa um ein 
paar IVorte an, er märe 3U traurig, baß fte ihm nie 
antmorte. Da befommt er eines (Eags eine poftfarte. 
(ßeorges überbringt bie Karte auf einem ftlbernen 
Cablett unb macht babei eine höhwfche (Srimajfe. 

„IVas ift bas für eine Karte? IDohl «ine Bettelei, 
man fielet bas gleich an ben ungeübten Schrifoügen. 

„Aber mie erfchricft er, als er lieft: 

„,(Beehrter Ejerrl 

3 hr« liebefoüen Briefe h a &« ich erhalten unb er* 
greife bie 5ehber, um 3h”«n 3U fagen, baß ich m 
guhter (Befunbheit bin unb hoff«, Sie jtttb auch in 
guhter (6efunbh«it unb merben halb fpat3iehren fönnen. 

ffochagtenb 3 hre fioa Scheel. 4 

„ 3 hre liebefoflen Briefe — liebeooll mit einem fl — 
© < 5 ott, ift bas möglich, bas hat feine fioa jo ge* 
fchrieben! 2Dar jte mirflid? aus einer gan3 anbern 
EDeltl Sie fprach bod] richtig unb fd^rieb nun fo uu* 
orthographifd?. Unb gar auf eine poftfarte, menn es 
noch ein Brief gemefen märel Wie fam fte auf ben 
unglücflichen fiinfall, aus Sparfamfeit ober aus CEräg* 
h«it, um feinen Brief oerfaffen 3U müffen? Das 
Schreiben mürbe ihr fehr fauer, bas fagte ihm fern 
graphologifcher BlidP, Unb bies hatte fte mit ihrer 
fdiönen fjanb, mit ben gepflegten, rojtgen Hägeln ge« 
fchrieben, unglaublich! Sie ahnte mohl nicht, mie fd]l«cht 
fte fd^rieb, fonjt hätte fte es jicher nicht gethan. Wenn 
er es menigflens nur allein müßte, aber nun mußte es 
auch ber unausjlehliche (Beorges, unb bem fonnte ntan 
ben HTuttb nicht oerbinben, ber er3ählte es fchleunigft 
ber gan3en Stabil f]err 5 eli£ n>ax oer3meifelt. Diefem 
falten U)afferflur3 feine £iebe nid]t jtanb. 

„Der alte Berr oon fjantann hatte richtig falfuliert, 
menn er auch auf bie (ßraphologie unb ©rthographi«, 
als Buttbesgeitoffen, nicht gerechnet hatte. 

„Sie merben fich nicht munbern, baß aus ber Ver¬ 
lobung nichts mürbe, oielleicht mehr barüber, baß ßerr 
5«liy unoermählt geblieben ift, er hat mohl nicht bie 
Hechte gefunben. Das firlebnis mar jchlimmer als 
tragifch, es mar lächerlich. 

„natürlich fchmieg HTonfteur (Beorges nicht unb 
ließ bie gan3e Stabt bie rei3enbe (ßefchichte erfahren. 
Der frech« HTenfch hat auch ber fioa ben Hamen 3 nngfer 
£iebeooll gegeben. 

„Sie mürbe fpäter 5 rau Bäcfer HTüller in Saalfelb 
unb ifl bort gan3 an ihrem plaß. Sie hat feinen 
£iebesbrief mehr gefchrieben, glaube ich." 


"^0- 


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Seite 1258. 


Hummer 27. 




Somnurfifcberei 

plauberei oon 5 rifc Sfomronttef. 

^iet 3 ti 7 Spcjtalaufnafjmen für bie „tPod?e" Port (Seorg 8 affe. 


(San3 Deutfdßanb iß mit fchönen, ßfchreichen Seen 
gefegnet. Am 3ahlreichßen finden ftc ftef? in Borb- 
bcutfdßanb, ößlich 8er Elbe, im Derlauf bes uralifdj- 
baltifchen f}öhen3uges. Da erblicft man oon einer 
Bergesfuppe manchmal ein Dußenb Seenfpiegel, unb 
bas geübte Auge erfennt an ber Sarbe bes Waffers, 
ob fie tief ober flach ßnb. Die flachen fchimmerit grün¬ 
lich, bie tiefen leuchten in tounberbarem Blau. Bur 
toenige ßnb gan3 reglos. Die meißelt fmb oon be- 
toalbeten Uferh$hen umgeben, unb an roinbftillen Sagen 
fpiegelt fleh bas t^eüe £aub ber Birfen, bie büftere 
prad?t ber Kiefern in ber glatten ©berfläche. 

Dem Dolfstoirt iß bie Baturfdiönheit Bebenfache. 
Er rechnet mit bem Ertrag unferer Binnengetoäffer 
unb fommt bafeet 3U gan3 anfehnlidjen Ziffern. 3n 
manchen (Begenben h a * .freilich eine rücffichtslofe Aus¬ 
beutung ben (Ertrag unferer Binnenfeeu ßarf oerminbert, 
aber im großen (Batzen liefern unfere (Setoäffer bodj 
noch refpeftabte Sifchmeitgen. Unb banf ber regen 
Shötigfeit, bie feiteits ber 5 ifchereioereine enttoicfelt 
toirb, ift bie 5ifchtoirtfchaft jeßt unausgefeßt barauf 
bebadjt, ben ^ejlanb ber Seen, 5 lü[fe unb Bäche nicht 
nur 3U erhalten, jonbern auch 3U oermehren. 

Die Hauptabnehmer finb naturgemäß bie (Broßftäbte, 
in benen bas Pfunb 5 ifche teurer bejahlt toirb als 
5 leifch- Allen ooran geht Berlin, beffen Bcbarf troß 
ber ßetigen Steigerung ber Anfuhr noch lange nicht 
gebeeft toirb. Der Preis, ber für frifche 5 ifdje in ber 
fo oiel angefeinbeten Ueichshauptßabt ge3ahlt toirb, 
ermbglid?t es ben 5 ifd?toirten, ihre Waren oon toeither 
borthin 3U fenbeit. 

Der H<* u ptßfch öes Sommers iß bie Schiene. 3 h r 
toeiches, fettes Üeifd? fann in ber Zubereitung mit fäuer* 
lieber Dillfauce gerabe3U als Delifateffe be3eid?net 
toerben. 3 h? um nächfteu fommt ber Aal, ber tu ber 


Vorbereitung zur fifcheret: flaebfeben der fTetze* 


5 orm „grün mit (BurFenfalat" ein befanntes £ieblings- 
gericht ber Berliner getoorben iß. Daß er fauer ein* 
gefocht ober in Bier ober gebraten ober geräuchert auch 
nicht 3U oerachten iß, barf als ausgemacht gelten, Hinter 


Der VerfalTer. 

biefen Ebelflfchen tritt ber Blei mitfamt feinen näheren 
unb entfernteren Dertoanbten, ben (Sieben, plößen, 
Uotaugen u. f. to., im Sommer ßarf 3ttrücf. 

Blan hört oft bie Bleinung äußern, bas (Bewerbe 
ber Äifcher fei mühfelig unb befdjtoerlich. Das ßimmt. 
Befonbers im Sommer fennt ber 5 ifd?er feine Bacht¬ 
ruhe. Um 3ehn, manchmal aud? noch fpäter fommt 

ber 5 ifd?er vom Aus legen ber 
Bachtfchnüre nach ffuufe 3urücf, 
unb ehe ber erfte Blorgenßrahl 
bie Wolfen färbt, muß er fd?on 
roieber auf bem See fein. Aber 
toenn feine Blühe burch guten 
5ang belohnt toirb, bann über- 
roinbet feine frohe Caune nicht 
nur bie Anftrengungen ber 
Arbeit, fonbent auch bie Unbill 
bes Wetters. Unb oon nichts 
ift ber 5ifcher fo abhängig toie 
00m Wetter. Sein fchltmmfter 
5einb iß nicht ber Begen, 
benn ber bringt höd?ßens bis 
auf bie toafferbidtfe £iax\t, 
fonbern ber falte Borbtoinb 
Wemtbiefer rauhe (Sefelle toeht, 
bann iß jebe Blühe umfonft. 
Der 5 ifch 3ieht fid? in unnah¬ 
bare Siefen äurücf, 100 ihm 
fein Beß ettoas anhaben fann 
Der Betrieb ber 5 ifd?erei 
hat ßd? feit 3uh^hunberten nicht 
im geringßeit fortentcoicfelt. 


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Kummer 27 . 


Seite 1259 « 



fertigmachcn zum fang. 



Dfe Netze werden herausgezogen« 



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Seite \ 260 . 


Hummer 27 . 


Die gleichen (Berate, bie unfere Kltuorbem cm» 
toanbten, werben nod? I^eute gebraucht. 3<*/ tn 
ben Hünengräbern hat man Ijanbteüergrofee, aus 
£ehm gebrannte, runbe Steine gefunben, bie mit 
einem fiitgerbicfen £och in ber Hütte uerfehen fmb. 
Sie finb ohne ^tx>eifel nidtfs anberes als bie Steine, 
bie noch jefet in ber gleichen Sorm unb (Bröße 3um Be» 
fchwereit ber Sugneße gebraucht werben. Das Sugneß 
ijt überhaupt in jeber (ßeftalt bas wichtigfte (Berät ber 
5ifdjer, mit beiti fie bie Schuppenträger im feierten EVaffer 
ebenfogut erhafd?en wie in ber Ciefe. EDenn ber < 3 u>ecf 
bes Ranges es perlangt, werben willige Heße uerwanbt, 
bie faum 3ebn Bieter befpannen. Dann giebt es 3ahl» 
reiche ^toifeijenftufen bis 3U bem gewaltigen tVinter» 
garn, in bem hnuberte Coitnen Sifche erbeutet tuerben. 
3 n ber 5 orm finb fie ftch alle gleich. Sie befteben aus 


wirb. Ein britter Kahn, in bem ber Sifchtuirt feine 
(ßebilfen begleitet, bat in ber Hütte einen abgefchloffenen 
Haum, ber mit EVaffer gefüllt tuirb, um barin bie ge* 
fangenen 5ifche lebenb 3U bewahren. 

HlerFwitrbig, tuie fchtueigfam bie 5 ifcber bei ihrer 
febtueren Arbeit fmb. Hur ein außerorbentlich reicher 
5 ang löft ihnen bie jungen. Sonfi tuerben nur bie 
aöernotwenbigften EDorte gewechfelt. Hoch nie habe ich 
einen 5ifcber fingen hören, unb bas pfeifen tuirb als 
Cobfünbe betrachtet. Es laftet augenfcheinlicb auf ihnen 
ber Drucf einer uralten Ueberlieferung, bie ihnen größte 
Stille bei ber Arbeit gebietet. 

Hoch in einer anbern 8e3iehung gleichen ftch alle 
5ifcher: fte finb mit Höcfen uon ehrtuürbigem Dienft» 
alter befleibet, beren Kusjehen jeber 8efd?reibung fpottet. 
Die Bermel tuerben mit einem Binbfaben feji am Hanb* 



Grosser fang. 


$tuei Slügelit, 3tuifchen benen ber Sact befeftigt ifi, in 
ben ber aufgefcheuchte 5 tfd? flieht unb uon ber Bewegung 
bes Heßes fo lange aufgehalten tuirb, bis er am Ufer 
ausgehoben tuirb. 

Das Cagewerf bas 5 ifchers beginnt im morgen» 
grauen mit bem Kusbeffern bes Heßes. Croß aller 
Vorfidtf reißt im Betrieb hi** unb bort eine Hlafche. 
Ein Bautuaft, ber uoll EDaffer gefogen, uerfunfen ift, 
ein haftiges Sngreifen, ein KuhaFeu an ben Kahnborb 
fügt bem bünnen (ßetuebe Schaben 3U, ber ausgebeffert 
werben muß, baniit bas Hebel nid?t größer wirb. Priifenb 
geht ber 5 ifd?er au bem auf Stangen 3um Crocfneu 
aufgehängten Heß entlang, mit fünftlicben Knoten 
fchiir3t er bie 3erriffenen Hlafdjen ein. Sein (Behilfe 
läbt in3wifchen bas Heß auf ben Sd^ubfarren, auf bem 
es 3ttm See gefahren wirb, wo inswifchen bie anbern 
bie beibeu Kähne geriiftet haben. Hütten im Boot 
wirb bas (SefteH aitgebradtf, auf bent bie IVinbe ruht, 
mit beren X^ilfe bas fd?were Heß 3um Ufer gesogen 


gelenf 3ugefchniirt, um bas (Einbringen bes EDaffers 3U 
uerhinberu. Befonbere Sorgfalt uerwenbet jeber Äifcher 
auf feine Stiefeln. Das finb gewichtige (Exemplare aus 
biefem Kernleber, beren preis bie Sorgfalt erflärlich 
macht, mit ber fie behanbelt werben. Kn jebem morgen 
werben fie mit Hlarsöl unb ähnlid?en probuFteit ber 
mobernen 3 nöu(irie fo reidtfid} gefalbt, baß ber (Ein» 
fluß bes IVaffers bie 5 ettfd}icht nicht auflöfen unb aus* 
laugen Faun. 

Sur Kusrüjiung gehört ftets ein reid?licher Vorrat uon 
(Betränfen, benn bas IVaffer bes Sees ift im Sommer, 
wenn es „blüht", nid?t 311 genießen. Kn Falten Cagen 
wirb wohl eine 5 lafche Branntwein mitgenommen, im 
allgemeinen jebod? überwiegt ber (ßenuß bes fogenannten 
Braunbiers, bas in ben Fleinen £anbftäbtd?en in uor* 
3üglid?er Qualität h^geftellt wirb. 

Sinb bie Vorbereitungen beenbigt, bann „ftechen bie 
Boote in See". Eng uerbunben fahren fie auf bie 
Ciefe, beim bas Heß lagert auf beibeu 3U gleichen Ceilen. 


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Hummer 27 * 


3 fl ber richtige 2lbftanb pom Ufer ge« 
toonnen, bann toirb 3itnächfi ber Sacf, 
auch Keutel ober Kuttel genannt, aus* 
getoorfen. 3n bem 2lugenblicF, in bem 
bie 5lügel beginnen, trennen ftdj bie 
Kahne, um bie 5 lügel parallel bem Ufer 
ins IPaffer 3U fenfen. 3 efet fteh* öas 
Hefe. Hun fahren bie Hoote fchneH 
311m Ufer unb laffen pon ber EPinbe 
bie ein* bis 3toeihunbert Uleter langen 
Zugleinen ablaufen. Km Hanb toirb 
jeber Kahn peranfert. Caitgfam unb 
bebächtig beginnt bas (Einholen. <£s 
muß fehr gleid?mäßig gefchehen, toeil 
fonjt ber Sacf in eine feitlidje tage ge« 
rät, tooburdj feine ©effnung uon ber 
Hefetoanb bes poraufeileuben 5lügels 
perbeeft toirb. Hun ftnb bie feinen 
eingeholt, bas Hefe ift bicht am Ufer 
augelangt* 3 *fet tperben bie Kähne, 
tpährenb bie feine tpieber ausläuft, 
am 5 eeranb gleichmäßig 3U einanber 
gefchleppt unb bicht perbuttben. Ztun 3tpeitenmal 
toerben bie feinen aufgetpunben, bis bie 5ifcher bie 
5lügel mit ber £janb ergreifen unb langfant in bie 
Kähne flauen. Dabei fleht ber ^ifchtoirt, fo rneit es bie 
fänge feiner Stiefel erlaubt, im EPaffer unb fcheucht 
mit energifchen Schlägen bes Hubers ober bes Sturgels 
bie nach bent Ufer 3U flieheuben Ätfche 3itm Keutel 
3urücf. ffier unb bort fährt ein fjedtf gegen bie Hefe* 
toanb bes Flügels unb toirb früh3eitig in bem baufchigen 
(Sarn bem naffen dement entriffen. Die fjauptmaffe 
flieht 3urücf nach ber Ciefe unb gerät in ben Sacf* 
(Eilig toirb er emporgehoben unb auscefrempelt, bis 
am <£nbe ber 5ang fichtbar rpirb. 

Hun tperben 3uerft bie größten (Eremplare heraus* 
gefucht unb im 5 ifd]faften geborgen; ber Heft ber 5 ifche, 
bie bas gefefeliche HTinbejimaß nicht erreichen, toirb 
tpieber ins EPaffer getoorfen. Selten ift ber erfte Zug 
ergiebig, toeil es auch &en erfahrenden 5ifcheru fchtoer 
toirb, 3U beurteilen, ob bas Hefe genügeitb befdjioert 
getoefeu ift, um trofe bes hinberitben Krautes ben Hoben 


Die Halfcbnur wird aufgehoben. 


Sette ^ 26 ^ 


Der Hngter vom Boot aus. 

bes Sees 3U flreifen. 3 d os 3U fchtuer getoefen, bann 
toerben Strohbüubel an ber oberen Simme befeftigt. 
Hei moraftigent Untergrunb umtoiubet man fogar bie 
Hefejleine mit Stroh, um fte an bem 3U tiefen (Ein* 
fchneiben 3U oerhinbern. (Seht es 3U leicht, toas fehr 
feiten oorfomnit, bann helfen einige angefnüpfte Steine 
bem Uebel ab. 

21 uf allen Seen, bie burch ihren 2 lbfluß mit einem 
5lußgebiet unb baburch mit bem HIeer in Perbinbung 
ftehen, fpielt ber 2 lal eine große Holle, benn in jebem 
Sommer (leigen ungesählte ZHengen toin3iger 2 lale oon 
ber fänge unb Dicfe eines Strekhholjes aus ber See, 
too fte jung cetoorben ftnb, 3U ben Hinuengetoäffern 
empor. Unb in jebem Sommer perläßt bie gleiche 
2lnsahl oon 2lalen, bie in oier, fünf 3 a hren laid^reif 
toerben, ben See, um flußabtoärts 3U toanbern. Kann 
ber Sifd^er ben 2lbfluß burch einen StellfacP fperren, 
bann erbeutet er ohne befonbere EHühe große Hlengen 
biefes beliebten Speifeftfches. EPo bas nicht ber 
ift, muß er mit fjilfe eines Köberftfd?es beit 2 lal am 
rjafen fangen. ZHit einem fleinen Zug* 
nefe, ber EPate, toerben im (eichten 
EPaffer fleine EPeißftfche, (ßrünblinge 
unb Steinbeißer gefangen, beren febetts* 
3toecf mit bem Cob am Kitgelhafen 
reichlich erfüllt ift. 2ln einer bünneit 
Sdinur oon mehreren huubert HTeter 
fänge ftnb auf Klafterläuge Filtere 
Schnüre pon 20 bis 50 Zentimeter 
befeftigt, bie ben I}aFen unb baran ben 
K 5 ber tragen. 2 lnfang unb £nbe ber 
Schnur ftnb burch einen fchmimntenbert 
Korf geFenn3eid?net. €iuige Steine 3ieheu 
bas < 5 erät am Seeboben feft. Spät ant 
2lbenb, tuenn bas Ejaupttagetoerf potl* 
brad?t ifl, toerben noch bie Köberftfche 
gefangen unb an bie EfaFen gefteeft. 
Unb gan3 früh int HTorgengrauen muß 
bie Schnur gehoben toerben, toeil fonjt 
bie Harfche in Hlengen ben Köber an* 
nehmen, nach Fur3er Zeit am EjaFen 
oerenben unb baburch für jebe Per* 
toenbung unbrauchbar tperben. 


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Seite * 262 . 


Hummer 27 . 


2 )as €mport?ebeit fcer Schnur erforbert oiel (Sefd}tcE. 
^in (Berufe muß im Kahn fißen, ber perftäubntsinnig 
-bas 5afyr3eug oorwärtstreibt ober 3urücfhält, je nacfy 
■bem bie Situation es erforbert. Schon oiele Klafter 
porfjer fühlt ber Sifcher an einem gucFen unb (EucFen 
■ber Schnur, baß ein Kal am EjaFett ftßt. Sowie ber 
Fifdj im IDaffer fid?tbar wirb, muß ber Kahn oorwärts- 
fdjießen, bamit bie Schnur mit größter Schneüigfeit 
Ijerausgehoben toerbeti fann, toeil ber Kal im leßten 
Hloment nicht nur im XDaffer, fonbern auch noch in ber 
"£uft burd? 0ait3 eitergifche Krümmungen fich losreißt. 
<£s gehört ein großes (Sefchicf ba3U, ihn im entfcheibenben 
THoment burch fchnellen Schwung in ben Kahn 3U be* 
förbern, too er ben Köberfifch farnt bem E}aFen, an bem 
■er ftd? gefangen, pon fich siebt. 

XDenn ber 5ifcher pon feinem erften 5ang nach 
^aufe fährt, begegnet er bem Konfurrenten, ber fport- 
mäßig ben itfchfang mit ber Kugel betreibt. Die Kngler 
roerben gewöhnlich nicht redtf für poU angefehen. Klan 
Ijatxfte im Derbacht, baß fte Pier Seit pergeuben, ohne 
etwas 3U fangen, unb HeFamtten gegenüber ihre (Erfolge 
burch eine Sprache pergrößern, bie mit bem 3 ägerlatein 


piel KehnlichFeit bejtßt. J>ie (ßattin foll fogar manchmal 
burch fchöne 5ifd?e getäufcht werben, bie ntcht mit ber 
Kngel, fonbern mit einigen HlarFftücFen aus bem Ejütt- 
Faften bes 5 ifchers erbeutet jinb. Sem richtigen Sport¬ 
angler thut man bamit unrecht XDer feine Kunft per- 
fleht, wer es weiß, wie unb wo er ben Sifd? mit bem 
richtigen Kober berücfen Fann, wirb feiten ohne einen 
guten Fang nach £?aufe 3urücffehren. Unb jeßt gerabe 
ftnb bie Kngler mit (Eifer unb (Erfolg bemüht, ihrer 
Kunft bie äußere KiterFennung 3U erwerben. Sie höben 
einen 23 unb gegrünbet, ber fid? auf gait3 Seutfchlanb 
erftrecft. Kn feiner Spiße fteht Sr. 'Srehnt, ein Sohn 
bes berühmten (Der-Srehm. Ser beutfche Krtglerbunb 
ftrebt mit Hecht banach, bas Kngeln aus ber Hieberung 
ber Spielerei ober ber gewerbsmäßigen KonFurren3 mit 
ber Berufsftfcherei 3U ber E}öhe eines gefunben, anregen- 
ben Sports 311 erheben. (Er ijt auf bem beften IDeg 
ba3u, benn er höt bereits 3ahlreid?e Dereine unb <Etn3el* 
angier um feine 5ahne perfammelt. So fei ihm unb 
allen Fifchwirten, bie ihren Fifd?beftanb forgfam heben 
unb pflegen, ber porn Knglerbunb 3uerft erhobene 
(ßlücfsruf ausgebracht: „Hlit petri EjetU" 


< s~ ' ■ - === ^ 

BUtzgefabr für Luftballons. 

£?ier 3 u bie beiben 2Uomentaufnat>men Seite 1265. 


Dor einiger geit hat fich ber erjte (fall ereignet, baß ber 
33 liß in einen Ballon eingefchlagen hat. Bei einer Hebung 
ber bayrifdjen Euftfdjifferabteilung befanb fich oer Jeffelballon 
Syftem pon Sigsfelb unb pon parfepal, ein fogenannter 
Dradjenballon, in etwa 500 Dieter über bem Sechfelb mit 
bein Leutnant fjiller im Korb, um gelegentlich einer (Truppen¬ 
übung Beobachtungen aus3uführen. Beim fjerannahen einer 
3iemlich tief3iehenben buuflen IjaufeuwolFe bemerFten bie 
leute, benen bie Bebienung bes IDinbewagens, auf bem bas 
StahlFabel ber Feffelung aufgerollt ift, obliegt, baß fie ftärFere 
Schläge beim Berühren bes Drahtes erhielten. Ter leitenbe 
■(Dffaier ließ fofort auf biefe Ulelbung hin ben Derfuch machen, 
ben Ballon baburch fdjnell nieber3uhoien, baß eine auf bas 
Kabel gelegte Holle burch Dlannfchaften in ber IDinbrichtung 
nach porwärts bewegt unb babei ber Ballon allmählich 3ur 
(Erbe herunterge3ogen mürbe. Es gelang aber bies Dlanoper 
deshalb nicht, weil bie Eeute >eint Huf.legen ber Holle fehr 
ftarFe Schläge erhielten. (Ehe weitere Maßnahmen angeorbnet 
werben Fonnten, fdjlug ein Bliß aus ber in3wifchen näher* 
geFommenen IDolFe in ben Ballon, fuhr am ^feffelFabel 
herunter unb betäubte bort Me £eute, bie fich m unmittel¬ 
barer Hähe bes IDinbewagens befanben; ber 3U Pferb fißettbe 
©ffaier ftürjte ebenfalls mit feinem pferb 3U Boben. 
IDährenb bie £eute unb biefer (Dffaier wieber ßum Bewußtfein 
famett, t^atte ber Bliß ben Ballon ent3ünbet, unb biefer ftür3te 
■aus 500 Dieter fjöhe 3ur (Erbe. Sogar ber Korb brannte unb 
iöfte fich porher pou bem Hing, an bem er befeftigt war. Der 
•Offner hatte jebod? bie (Seijiesgegenwart unb Fletterte in 
biefen Hing. Unfehlbar würbe er aber 3erf<hmettert fein, 
wenn nicht ber fogenannte Dracbenfchwan^ ber ftd? etwa 
30 bis 50 Dieter hinten unterhalb bes Ballons befinbet, ben 
all gebremjt hätte. Diefer S<hwan3 beftetjt nämlich aus 
6 bis 8 IDinbtuten, bie an einer Seine in ber tDeife ange- 
Fnüpft ftnb, baß beim tjineinblafen bes IDinbes jebe wie ein 
umgeFehrter Hegenfchirm mit einem Soch an ber Spiße aus- 
fteht. Die IDinbtuten permochten beim bjeruuterfallen, bie 
Stellung pon (fallfchtrmen etnnehmenb, ben Ballon in feinem 
.Fall fo 3U bremfen, baß ber Seutnant filier mit einem 
Hippen- unb hoppelten Beinbruch baoonFam. Daß bas im 


Ballon befinbliche IDafferftoffgas nicht 3ur Ejplofton Farn 
fonbern langfam abbrannte, lag baran, baß ftch bas (Semifcb 
pon (Sas unb Suft, bas man mit Knallgas be3ei<hnet, nicht 
gebilbet hatte. BemerFenswert ift es, baß nur ein Bliß aus 
biefer IDolFe beobachtet würbe, unb baß Fein Hegen erfolgte. 

gu Beforgniffen barf biefer Dorfall Feine Deranlaffung 
geben, ba ein folcher Ausgleich 3wifchen ber mit pofitiper 
EleFtr^ität gelabenen IDolFe unb ber negatipen (EleFtr^ität 
ber (Erbe äußerft feiten fo plößlich ohne länger porhergeheube 
eleFtrifche Sabung bes Kabels erfolgt. Die perfd?iebenften 
meteorologifchen ©bferpatorien ber (Erbe benußen fchon lange 
3ur (Erforfchung ber höheren Schichten ber Ktmofphäre Drachen 
ober Drachenballons, bie, an StahlFabeln gefeffelt, bis in 
EJöhen pon über 5000 Dieter geftiegen fittb unb noch nicht 
bie plößliche (Entlabung erfahren haben. BeFannt ftnb ja bie 
Derfuche pon JranFlin, ber feine Drachen beim tjerannahen 
eines (Sewitters. ftetgen ließ unb babei allerlei eleFtrifche 
(Experimente anftelite. 

Beim Huffteigen mit einem Freiballon bürfte wohl jegliche 
(Scfahr fehlen, ba ja bie Derbinbung mit ber Erbe fehlt. 
Dun muß aüerbings pertneiben, mit einem Ballon bireFt in 
ein (Sewitler h' ne ' n 3ugeraten. Über weniger bie Bliß* 
gefahr ift 3U fürchten, als bie (Gewalt, mit ber ber Ballon in 
ber (SewitterwolFe h er umgeriffen wirb; bas (Sas wirb 3um 
größten (Teil h er °usgebrücFt, unb fpäter geht ber Ballon in 
rapibem Stur3 3ur Erbe. 

Hach ber Sanbung hat man noch einmal befonbere Dorjtchts- 
maßregeln 3ur Derhütuug einer Kataftrophe 3U treffen. Es 
ift porgeFommen, baß in bem KugenblicF, wo bas Dletall* 
pentil bie Erbe berühre, ein FttnFeu übergefprungen ift unb 
bas (Sas 3ur Erplojion ober 3um Kbbrenneu gebracht hat. Dian 
befeitigt biefe (Sefahr baburch, baß man ben Ballon innen 
mit Ehlorcalcium beftreicht unb ihn leitenb macht; es wirfr 
alfo eine plößliche Entlabung bamit ausgefchloffen. 

XDie ein JreffelbaUoit entleert wirb, 3eigen unfere Bilber; 
bie Seute holen ben Ballon erft fo weit h^unter, baß fte 
ben (Surt faffett Fönnen, unb brücFen bann ben Ballon, beffen 
Entleerungsöffnung aufgebunben ijt, fejt 3ur Erbe nieber unb 
preßen fo bas (Sas heraus. 


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stummer 27. 


Seite J263. 



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Der feffelbaUon wird eingebracht. 



Qdie ein fetfelballon entleert wird. 

lnomentmifruibmcn pon iVins 2IIbcrti, Canbsbtrg a. €edj. 


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Sette \264j. 


Hummer 27 . 



Berliner Dampferpartien* 


‘VoUtsbelufttgungen. 

^ierjn 10 lHoment<infnnbmett ron (Seorg Hüffe, Herltn, Pnlla, Paris, Heini}. tOjielc & <Eo., Conboru 


Die PolFsbelufligungen flnb poneinanber perfchieben, mie 
ibie PolFsfprachen unb Me PolFsbialeFte. IPollte matt einem 
fcfjlidjten UTecflenburger ober Pommern 3umuten, einem 
jEJafytenFampf be^umohnen unb bie Phafen eines folgen 
<Sefechts mit KufmerFfainFeit ober £eibenfd?aft 311 perfolgen, 
mie es in SübfranFretdj ober Spanien UTobe iß, fo mürbe 
man mahr.fcheinlich auf einen fetpr 
energifchen unb unperblüinten IPiber* 
ßanb flößen 3 n feiner Unterhaltung 

unb in feinem Pergnügen muß, um 
ein IPort bes großen jfrtebridj 3U ge* 
brauchen, „3 e & e * nad? feiner faflon 
felig merben*, unb ber große fjumorift 
unb Dichter ^ritj Heuter brüefte bas 
noch braftifdjer aus, inbem er fagte: 

„tPat ben* eenen fin Uhl is, is ben’ 
zinnern fin Hachtigall " 

Knbere £äuber, anbere Sitten! 

Ziehen ber Kremferpartie geht bem 
xpafchechten Berliner nichts über eine 
Dampferpartie. Kn ber 3 annon ”Ö* 
trücFe beßeigt er mit Jrau unb 
Kittbern ben Dampfer, mählt fich 
•ficher ben beften plafc aus unb bemegt 
fleh nur in ben KusbrücFen, bie er pon 
hinein entfernten Permaubten über« 
nommen h at hex in ber UTarine 
diente. (Er Fritifiert ben Utafchinißen 
unb ben Steuermann, ja fein Urteil 
magt fleh fogar an ben Kapitän — 

„aber alles in (Semüt lieh feit". 

Der Berliner ift in feinen Polfs« 

'beluftigungen allebem abholb, mas er 
felbft in feiner braßif6ert unb bilber« 
treidln Sprache „UTumpifc" nennt. 
zEr mürbe adjfe^ucFenb über beit 
Ste^enläufer auf unferm Bilb 3ur 
Cagesorbnung übergehen, in paris 
dagegen nimmt ein folcher Künftler bie 
-gefpanntefte KufmcrFfamFeit pon jung 
*tnb alt in Jlnfprudj. Das Stel3en* 


laufen ift aflerbings in manchen (Segenben ^'ranfreichs noch 
heute eine Krt pon Perfehrs* unb Beförberungsmittel, unb 
besmegen h a * hex jfrai^ofe für biefe Uebung, bie mir nur 
nod? als Spielerei betrachten, ein gemiffes 3 ntcr *ff c * 

Kiibere £äuber, anbere Sitten! 3 n englifchen See¬ 
babeorten flnben fleh häufig Hegertrnpps an, bie itjre (£an3- 
FunftftücFe probieren. 3 n €nglaitb 
liebt man bie Pertreter ejotifcher Ha* 
tiouen mehr als anbersmo, bie piel* 
feitigen Xjanbelsbe3iehungen bes 3nfek 
reichs h a &* n bas Perftänbnis für bie 
Sitten anberer, namentlich „milber" 
Pölferfchaften rege gehalten, unb man 
pergißt bei ben bnnFlen I?errfchaften 
gern, baß mau es hie* gar nicht mit 
Kannibalen 3U thun hat, fonberu mit 
Leuten, bereu Porfahren feit langer 
©eit mit europätfeher Kulter pertraut 
finb, unb mau erfreut fich h^ulos an 
ben grotesFen Sprüngen amerifani f cher 
Heger, bie KfriFa ineiftens niemals 
gefehen höben. 

Bootfahren unb IPafferfport Fönnen 
pielleicht uirgenbs einen fold?en ©u* 
fpruch flnben, mie in £onbon. Der 
£onboner, mie ber (Englänber ift IPafler* 
fportsman par excellence— bas ift er 
flhon feinem tneerbcherrfchenbeu Pater* 
lanb 3uliebe — unb nirgenbs flnbet man 
benn auch mafferfportliche Peranftal- 
tungen, bie mit ähnlichem (Enthuflas- 
mus in Scene gefegt finb, mie in 
(Englanb, fpejtell in £oubou. IDo 
burchgefchleuft merben muß, fainmeln 
fich naturgemäß förmliche Karamanen 
pon U?afferfahi*3eugen, bie pon einem 
fachfuubigen Publifum mit Fritifchem 
Blicf gemuflert merben. 

Die fatjrenben Künfller mit 
ihren IPagen, bie pon tttüben Klep¬ 
pern ge3ogen merben unb bie gan3e 



Der Stelzen läuf er. 


* 


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Goog i 

















Ncgertänze am ctigKfchen Sadcftrand. 


VergnOgungsboote iti der Öcbleufe. 


r-« 


r 


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Seite { 266 . 


Hummer 2? 



Künftler- ialer ober 

truppe befjer- oertiPaler 
bergen, ftitb Hi<htung r>or 

toicber inter- fid.7 gebt, ift 

national. bett £iebha« 

Ulan ftnbet bern, bie fit? 

fic in ber gegen fünft* 

galten titelt, lictpe See* 

u>o jablenbe Franfheit ge* 

HIenfcben feit toiffen, 


roobucit, 


engHtchc Drahtfeilhünftlcr. 


franzöfifchc Htbletcn am Rech. 


führen bett 
breffierten 
Pubel, ber 
KartenPnnft* 
ftücfe machen 
fann, ben 
Pony, ber 
bas 2Jlter 
einer jungen 


gan3 gleich- 
giltig; ftc 

fetjen ftrfj 

ebenfo gern 
auf bas höl- 
3erne Pferb, 
bas übrigens 
(Lroja nicht 
erobert b^t, 


Karurfctlfabrcn in Parts. 


ober älteren n>ie fte ftch 


Dame burd? Kopfnicfen anjeigt, unb ben Athleten, ber 3unt einer (Sonbelbes großen febmingenben ober rotierenben Habe* 


Schrecfeti ber Dorfherfuleffe mit gentnern fpielt, mit fid?. anoertrauen. So ftnb bieDolfsbelufiigungen rerfchieben, wie „bifr 


(Ebenfo international ift Karujfeüfahren. 0b es in b^ri3on- (Sefchmäcfer", unb über biefe foll man niemals ftreiten. <l 



6felwettfabren in 6ngland. 















Zlummer 27 . 


Seite 1267 . 


Im ßmrntjaua oon Ltubmfifylrn. 

Hotnan ©on 


U. Sortfefenng. JMa rte 

XVIII. 

m sipeiten Sommer feiner <£t;e ging <£rid>, 
wenn aud? nur wiberwiHig, in bas ZTTanö- 
©er, bas ihn weitab ins pofenfd?e führte. 
€r liefe biesmal fein junges IVeib ungern 
allein. Nad? anbertljalb 3aF?ren bes Barrens foflte 
eine fd?öne Hoffnung ihrer (Erfüllung entgegengehen. 

Ser Sienft rief, aber ntefyr als je blieb fein fjers 
3U E?aus 3urücf. €r war nad?benFiid?er unb fdjweig- 
famer als font, in ben Quartieren entfprad? er wenig 
jener Sorte ©011 liebenswürbigeit Sefpoten, bie bie 
Quartierwirte in ben 2Uauö©erofft3ieren 3U fehlt er¬ 
warten. Kls fein Regiment nad? anfirengenben ZTTärfd?eu 
eine breitägige. Nuhepaufe erhielt, benufcte er bie <§eif, 
um Urlaub 5U erbitten unb auf 3weitünbiger Bahnfahrt 
bie Stabt 3U erreichen, in ber I}ans tVUhelm teurer war. 

2U. lag in einer flachen, ©öllig re^lofen (ßegenb. 
IVeibepläfee, Kartoffel- unb Hoggeitfelber bis an ben 
f?orisont, ben höd?tens eine fd?male Kieferwalbung um- 
fäurvtte. Nid?t einmal bie meland?olifd? ftimmungsreicbe 
(Eiutöuigfeit ber norbbeutfd?en €bene bot fid? hier, ber 
Unb lief war einfach langweilig. 

Schon auf bem Bahnhof ujarb €rich Befd?eib gefagt. 
Ser ®Ymtiafiallehrer Sr. ©on £?acfe fd?ien eine befannte 
Perfönlid?Feit 3U fein. Kls er ©or bem E?aufe taub, 
einem gelblid?grauen, 3weiftdcfigen Bau mit glatten 
ienfterreihen, ohne ben geringften Zierat ©on BalFou 
ober ©rFer, mit bem breiten, ausgetretenen (Ehoreingang 
unb ber etwas winfligen, bunflen Creppe, wollte fid? 
bem fchönheitsoerwähnten ZTTann bas Ejerj jufammeu- 
siehn. 3htit war, als Föirnte er biefe kreppe nid?t 
wieber hinuntergehn, ohne ben hierher Verfd?lageneit 
mit fid? fort3unehmen. 

Keiner pafet fd?led?ter hierher als erl bachte er er¬ 
bittert. 

Kn ber gelben <£ntreetl?ür war eine SrucfFlingeL 
E?ans tVilhelms VifitenFarte hing baneben. Kuf <£rid?s 
Klingeln ©erfinden einige Sefunben, bann näherte fid? 
ein Ulännerfchritt, unb E?ans IVilhelm felbfi öffnete. 
„€rid?l" rief er, aufs t?öd?fie erfiaunt. 

€rid? griff nach feiner E?gnb. „EVilhelm, alter 3 nnge! 
So mufe man bid? fud?enl* 

„f}afi bu benn fo fd?recflid? nach mir gefucht?" gab 
E?aus IVilhelm juriief. £s war fein altes lächeln, aus 
Junior unb 3ronie gemifcht, bas feine <§üge überblifete. 
£r 30g <£rid? in ben Korribor. 

„Su Fommfi gerabe 3ured?t, meinen SeffertFaffee 
mit mir 3U trinFen," fagte er. „(Ein (ßetränF eigener 
Bereitung, bal?er nicht 3U ©erad?ten. Bis um ©ier 
habe ich Seit für bid?, alfo 3wei ©olle Stunben. Nad?t?er 
Fommen pri©atfd?üler 3um Nachhilfeunterricht/ 

Sein Krbeitssimmer lag gegen 0 ften. Surd? bie ge¬ 
öffneten 5 enfier Farn ©on einer Nad?barwiefe fjeugerud? 


Diera. 

herüber. <£rid? fühlte fid? burd? ben Knblicf, ber ftd? 
ihm bot, erleichtert. 

3 u biefem Sinter, trofe ber niebrigen Secfe unb 
ber fd?malen 5enfter, wohnte etwas ■ perfönlid?es in 
©oüfter Kuspräguitg. Sa>ar war ber ©efamteinbrudP 
ein jlrenger, fafi nüd?terner. Über bie Knorbnung guter 
Kupferjlid?e an ben IVänben unb. ber grofee Schreib- 
tifd? mit ein paar BronseFunfiwerFen 3eigteit bie ^anb 
bes Kefthetifers. Sie 5 arbeutönung ber Vorhänge, eines 
gepolterten lehnfeffels unb eines leberbiwans war in 
bunFelgrün gehalten. Sem entfpradjen aud? öie Capete 
unb ber Ceppid?. 

„£?ier lebjt &ul* fagte <£rid? unb fah ftd? auf- 
atmenb um. 

„3o l ^ier lebe id?/ entgegnete ber anbere mit 
fiarFer Stimme. €r machte eine Paufe unb überflog 
fein Neid? mit beit Kugen. IVie er fo ©or £rid? taub, 
entpfanb biefer plöfelid?: ber ty** wur3elte in fertigem 
Bobeit. Sem brachte man nid?ts mehr. Ser fah aus 
wie einer, ber mit Vergangenem abgerechnet hut. 

„So, nun bewunbere meinen Kaffee," fagte £?ans 
IDilhelm unb ging 3U einem Ser©iertifd?d?en in ber Nähe 
bes 0 fens. €ine braune Stur3mafd?ine r Caffeu, 
Kfd?bed?er füllten bie platte. „3d? werbe nod? etwas 
nad?fabri3iereu, ©orläupg nimmt bu bie erte Caffe. 
Kber — armer Kerl, h<*ft bu benn etwas 3U JTiittag 
beFommen?" 

£rid? bejahte. <£r hotte auf einer Station aus- 
reid?enb Seit 3um Cafeltt gehabt. 

Ser Suft bes Kaffees mifd?te td? mit bem guter 
Starren. €rid? fafe auf bem leberbiwan unb fah bem 
ruhigen, ge|d?icften £?antiereit feines 5 reunbes 3 U. 

„(Sefällt es bir hi^ IVilh^lm?" fragte er. . 

„3a," entgegnete ber lel?rer, ohne fid? um3ufehm 
„2ftan 3wingt unb breltert fid? fein leben eben fo lange, 
bis es einem gefällt. Vor bem habe id? ntd?t ©iel NefpeFt, 
ber bas nid?t Faun." 

„ 3 a, bu hat beine Schüler/ 

„Natürli.v! Sie 3 ungeus! 3 d? bin 0 rbinarius 
ber SeFur.ba. Sieht bu, Zllenfd?, ba hat man bie 
Schlingel ©or fid?, bie gerabe in ber ©ntwicflung t*hu. 
Unb je ©erbogeuer, ftörrifd?er, rabiater fold? ein 3 unge 
ift- beto ftürFer 3iob?t er mid? an, beto lebenbiger Friegt er 
mid? 3U fühlen. 3 d? habe 5 reunbe unter bem PacF, 
fage id? bir. Über mirflid?e Äreunbe, was id? barunter 
©ertehe. Sie einem nid?t im iVege herumtehen, nicht aller 
IVelt meine Cugenben in bie 0 hren blafeu. Solche, 
auf bie id? mid? ©erlaffen Faun in bief uitb bümt!" 

€r fagte es mit hellen Kugen. 

£rid? war ftunim basu. €r bad?te nur immerfort: 
fo fertig ift er. E)at all feine Ojüren 3ugefd?loffen ©or 
uns 5 riihereu. Unb bod? ift er fo treu wie tarf. iV> 
her — woher —? IVie Fommt es nur? 



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Stummer 2?. 


f}ans IDilhelm fam heran uni) warf pch in ben 
Cehnßuhl, (Erich gegenüber. 

„So. Da mar id?. Bun Fontrnß bu bran. Sage, 
wie es bei bir auspeht." 

(Erich gab pch einen inneren Sucf. um 3U fprechen. 
Kber über bem UTitteilen feiner (Erlebnifle fiel oor feinem 
<ße;ß eine SdjranFe nad? ber anbern, bie ihn oon £?ans 
IDilhelm trennte. (Er oergaß, was er nod? eben gebadet 
hatte: baß pd? in ben 3 ahren ber (Trennung eine Kluft 
ge3ogen hätte 3wifd?en hüben unb brüben. 

£5 war ber 5 reunb wie eiuft, ben all fein (Erleben 
anging wie bas eigene. 

2lud? uon 3ürgens freiwilligem Cob fprad? er unb 
Preifte ftüd?ttg bie Urfadje. Da Fam eine jät?e Der* 
äitberung in fjans IDilhelms <ßeßd?t. Kües Kbgefd?loflene, 
I}arte oerfd?wanb. 

„ 3 ürgeit —" murmelte er. „Der 3 li ngc!" 

Dann würbe er lange pumm unb blicfte cor pd? 
nieber. 3 n feinen Schläfen Flopfte bas Blut. 

„Der 3 unge! // mieberholte er. „Unb an fold?er 
Barrljeitl Kber freilich — eine Starrheit mußte fommen, 
ihn 3U weefen. Unb an biefem 2 lüfmad?en ip er geßorben, 
Der Fleine 3 ürgen oon pontow." 

€s blieb lange pifl. €rid? empfanb: in biefer 
gemeinfanten (Trauer fanb ber 5 reunb pd? wieber 
3U ihm. <£ublid? fragte er: „IDarnm Famp bu nicht 3U 
meiner l}od?3eit?" 

Efans IDilhelm blicfte auf unb lächelte. Dann legte 
$r bie Faum angebrannte Zigarre fort. 

„Sd?niirchen," fagte er unb gebrauchte ben alten Spiß* 
namen aus ber Kabettenjeit, ber (Erich berührte, wie 
ein wunberfanter Klang oerfchollener (Tage. „Das wollte 
id? einfach nicht. Du biP ein rechter DummFopf in 
biefer Sache gewefen, mit beinern ewigen Schreiben unb 
Drängen. 3 d? b^ätte bir eigentlich fo oiel Decftanb 3U* 
getraut, baß bu bas Bütteln an, alten <ßefchid?ten 
unterließeß. 3 eßt habe id?’s ja längP hinter mir, 
aber — Donner nod?mal! Ulan läuft hoch folchen 
unltebfamen (Erinnerungen nid?t gerabe abpchtlich in bie 
Krme!" 

(Erich Parrte ihn an. So greifbar war bie Sache 
gewefen, unb er hätte nicht bie gertngße Kunbe 
baooit? 

„ 3 dt n>eiß ja gar nichts, IDilhelm —" fagte er un* 
pd?er. 

Der anbere lachte Fur3 auf, nahm feine «gigarre 
wieber unb ging ans 5enßer. 

„DanFe," fagte er über bie Schulter, „bu bip bisFret, 
mein 3 nitge. Bun aber —" er wanbte pch plößlich um 
unb fah mit ernftem, ruhigem Kusbrucf 3U (Erich hin* 
über. „(Ersätze mir ein bißd?en mehr. IDie getfl's beim 
beiner Sd?wefter in ber (Ehe? " 

„IDent? Knna*Beate?" 

Ejans IDilhelm ntad?te eine ungebulbige Bewegung. 
„IDiUft bu mich eigentlich fchrauben, Schnürchen, baß 
ich ben Barnen nennen foll? deinetwegen, wenn bir 
bas Spaß macht: alfo, wie geht es Buth in ihrer 
«he?" 

(Erich riß bie Kugen auf. „IDas meinP bu eigeut* 
lieh? Butt? iß nicht oerheiratet, IDilhelm." 


„Bichl? 3 P es wieber 3urücfgegangen?" 

„IDas?" 

„Buths Derlobuitg." 

„Buth war nie oerlobt." 

„Bun, bann follte pe es werben. Das ip mir ja 
gan3 gleich, ob es pch nachher 3erfd?lug ober nicht." 

„Uber IDilhelm, was rebeP bu ba nur alles I" rief 
(Erich unb Panb auf. „Ulit wem follte benn Buth nur 
oerlobt werben?" 

„ 3 a, &as frage ich bid?,* gab £?ans IDilhelm 3U- 
riief. Dann Fam er heran unb brüefte (Erich, auf ben 
Siß' 3urücf. „Kd?, lieber 3 u nge, laß hoch bie ollen 
Kamellen. Dir haben pe, wie es fcheint, biefen ge* 
heimnisoollen Bräutigam, auch unterfchlagen. f?errgott> 
es geht mich ja auch 9ar nichts an, was aus biefer 
Sache geworben iß. (Es war bantals bie große (Er¬ 
nüchterung nach bem großen Bauch, unb als folche hat 
pe ihre Dienße getf?an." 

(Er feßte pch wieber in ben Cehnftulp. 

„Uebrigens, (Erich, wenn bu wirFlid? fo total um 
wiflenb biß, muß ich bit meine Dorwürfe abbitten. Daun 
Fonnteß bu ja natürlich nicht wißen, wie Iäßig mir 
beine (Einlabungen waren." 

„3eßt, IDilhelm," rief (Erich ßarf unb energifd?, 
„bitte ich um Klarheit. IDer hat bir oon Buth* Der* 
lobung erzählt?" 

„ 3 rgeubein Fräulein bei eud?. (Eine fjausfreunbin. 
Buths uub beines Daters 3 »time, benFe id?." 

„Sräulein Beer? Unb wann?" 

„Bach meinem 3weiten (Examen." 

„Da warß bu in Cucfmühlen?" 

E?ans IDilhelms <ßepd?t ocrßnßerte pd?. „(Erich, 
bu biß, weiß (Sott, 3um 5 olterFned?t geboren. (Es ip 
nur gut, baß meine E?aut bief unb meine Beroen ßumpf 
geworben pnb. «gum 3wan5igßenmal bitte ich bid? jeßt: 
laß bie Sache ruhn!" 

(Erich blicfte oor pch nieber, er hörte Faum. was 
ber Sreunb fprad?. Dann murmelte er burd? bie ^ähne, 
ohne ihn ai^ufehn: „ffans IDilholnt — es Fönnte alles 
ein BTißoerftänbitis fein, ein —" 

Das IDort: Betrug flog an ihm oorbei wie ein 
Sd^atten, aber er fprad? es nidfl aus. 

„ 3 a, es Fönnte," gab fjans tDilh^lm 3urücf. 

(Erich fuhr auf. „Das benFß bu?" 

„ 3 di benFe es h^ute nach beinern Debatten, unb 
ich habe es fchon in ben leßten 3 a h?en hin unb wieber 
gebacht. Bidit in bem erften Sturm. Da iß mau ja 
nicht Flug ober gar gerecht." 

,,^aft bu Buth bamals gefehen?" 

„Biematib außer bem Fräulein. Buth faß irgenbmo 
unb oerlobte pch gerabe, würbe mir er3ählt. 3 d? Farne 
fehr 3 ur Unseit. Da fuhr mich 3 ürgen wieber 3ur 
Station." 

„IDilhelm, bie Sache muß ihre KufFlärung pnbenl" 
(Erich glühte oor (Erregung. „Unb wenn bu es badtfeß, 
warum thateß bu nichts, bem Zweifel nach3ugeheti? 
IDahrlich, IDilhelm, idi oerftehe bid? nicht!" 

Darauf Fam nicht gleich eine Antwort, ffans U^ilhclm 
ftanb wieber auf unb ging nach bem 5enfter. 

„IDie ftarF bas £}eu buftet," fagte er. 


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Kummer 2?. 


j?eite \ 26 ty. 


„IDiüft btt mir nicht antworten?" rief it]n Erich mt- 
gebulbig an. 

„Quäler, ber bu biß!" ijans IDilhelm breite ftd^ 
lächelnb herum. „IDenn bu etwas maßooöer unb ge* 
bulbiger u>ärß unb mir nid]t fo brüsf an bie Kef]le 
führß, fönnteß bu bir bie Kntmort melleicht felbß geben. 
2Us ber Sturm uorbei mar, mar aud] meine £iebe oor- 
bei. 3ch habe fo mel bamit 3U tl]un gehabt, über 
bies graufame fjerjeleib £}err 3U merben, baß id] meine 
gan3e — aber aud] meine ganse perfönlidjfeit baju 
brauchte. 3 ch tr>iH an bie Seit nicht mehr benfen, Erich. 
Die mar fehr fd?u?ar3. Unb als ich bamit fertig toar 

— ba toar ich eben mit allem fertig/ 

Erid] trat 3U ihm, er mar blaß, unb bas Sprechen 
fiel ihm fd]toer. 

„IDenn es fleh aber herausßellt, äaß pe ohne Schulb 
gegen bich iß?" — fragte er ßoefenb. 

„Dann mögen es bie oerantmorten, bie fold]e Ceufelei 
anrichteten!" rief Stans IDilhelm in jäher Erregung. 
„Sie hat mir eine» (Teil meines £ebens gefoßet! 3 e ßt 

— oerßehe es bod] enblid], Erich: es fann mir nichts 
mehr nüßen. 3d] bin ein gan3 anberer gemorben. 
Das fommt fo, man meiß es nicht mie. UTan fleht es 
erft, menn’s fo meit iß. Unb biefer anbere hat feine 
5 ühlung unb faum noch ein 3 ntereße für beine Schmeßer 

**h/ 

lieber Erichs Seele ging’s mie ein 5roßfd]auber. 
So falt unb leer fah ihn biefe Cebenserfenntnis an. 
Ein altes Dolfslieb fuhr ihm burch ben Sinn: 

„Soll ftdj bie £iebe fdjeiben, 

Unb ob ein £^3 3erbrid]t: 

Kein IDunber hält bie beiben, 

2 lud? Erb unb t?tmmel nicht. 4 

©h^e Schulb oieHeidjt — burd] ein UTißDerftänbnis, 
burch Derfd]ulben anberer auseinanbergeciffen — in 
einer einigen, bunflen Stunbe . . . 

Unb bann in £eib unb heißem £jer3ensfampf einanber 
fdjließlid] — oergeßen . . . 

„Kein IDunber hält bie beiben —" 

Spielt fo bas £eben mit bem lob? 

„Denfft bu baran, bich 3U oerheiraten?" fragte er 
ploßlid], unb ohne baß er es moHte, burdjfiang Bitterfeit 
feine Stimme. 

„ 3 a," fagte fjans IDilhelm. „Da bu hoch einmal 
heute alle meine Kommobenfächer umfd]ütteß, fannft 
bu auch bas mißen. 3 ^h gehe f«t einem Dierteljahr 
bamit um, bie Codjter meines Direftors um ihre Ejanb 
3U bitten." 

„So. fjaft bu ße lieb?" fragte Erich ßnßer. 

„Sehr." 

„Unb ße bich?" 

„3d] meiß es nid]t. 3^h glaube." 

„Du haß ihr noch nichts gefagt?" 

„Hein." Dann flog mieber ein £äd]eln über fein 
< 5 eßd]t. „Ein Dioifeftor fann feinem Kaninchen nid]t 
härter 3U £eibe gehen, als bu mir. Was miHß bu 
nun nod? hären? XDie groß? Ungefähre Ca£e hunbeit» 
fünfunbfech3tg Sentimeter. Wie fd?ön? 3 n lanb- 
läupg^m Sinn menig, in meinem nicht Diel unter flafßfd]. 
Wie gut? So gut ober fo menig gut mie ich felbfl. 


Denn bie < 5 üte bes Utenfchen erhält nur burch bie 
Ueibung an anbern ober ben Derhältnipen 5 orm unb 
(ßeftalt. Was nun noch?" 

Erich manbte pd] 3Ürnenb ab. „So marß bu fonP 
nicht," fagte er. „Unb ich fann mir nicht benfen, baß 
£iebe, bie fo fchnell oergißt —" 

„Das laß," unterbrach ihn Stans IDilhelm plößlkh 
mit broheitbem Ernß. „Sie hat nicht oergeßen, pe iP 
totgefdßagen. Unb fäme ein (Engel oom fjimmel, ich 
fönnte ihn nicht lieben, wie ich einß Huth non pontom 
geliebt habe. So milb, fo fräftetoH! Das fann ich 
nie oergeßen. Unb ich traure noch heute, baß biefe 
Kraft Derbluten mußte. SiehP bu, Erich, id? hätte pe 
entführen fönnen unb mollen. (Euch allen 3um Croß, 
mas hätte mir bas oerfchlagenl ®b ein £?ausglücf 
baraus gemorben märe für uns beibe — mer meiß 
bas? Uber baran bachte ich bod? nicht. Zlixr pe er¬ 
ringen! Hur pe erringen! — Uber pe hatte ja Seele 
unb Sinne bei einem anbern UTann. Das toar bie 
Untroort auf meine toilben, h^li^n pläne, eine grin- 
fenbe 5rafee: pe hat ja nie an bich gebacht." 

Er roanbte pch ab unb feßte pch uor feinen Schreib- 
tifch, bie ^anb in bas Staat oergraben. 

„UTan fann mit £ad?en Cob unb £eben überroinben. 
Die gan3e IDelt bebeutet nichts. Uber an biefer einen 
Karriere 3erbred?en Kraft unb Croß unb Seelenmut. 
Es iß eine fo, fürchterliche Erfahrung." 

Draußen ertönte bie Klingel. Stans IDilhelm fuhr 
empor. „3d? muß öffnen, meine Uufroärterin iß aus¬ 
gegangen." Unb bann mit einem I 3 licf auf bie Uhr: 
„Das fönnen hoch noch nicht meine 3 un 9ens fein." 

Erich blieb 3urücf. Die Störung fam fehr 3ur Un3eit. 
Da rief E)ans IDilhelm im Korribor feinen XTamen, 
oerrounbert fam er bem Huf nach. Draußen ßanb ein 
poftbote. „£}ier iß eine Depefche für bid?," fagte ^ans 
IDilhelm, „oon Seinem Regiment nachgefchidt. Der 
53 ote muß bid] fehn. So, iß gut." 

Erich fam ins <§immer surücf, bas oerhängnisooHe 
Blatt in £)änben. Ein plößlidjer Sd^roinbel roottte ihn 
ergreifen. Nachricht aus ber fjeimal! 

ZTTif jähem Hucf riß er bas Blatt auseinanber. 
3 m erßen UToment tan3ten ihm bie Buchßaben oor ben 
Uugen. 

„Ein fräftiger 3 unge, echte pontotofcheSaße. 5 d\wet, 
aber glücfüd? überftanben. Ulles in oortrefflidjer Der- 
faßung. Eberharb." 

Das toar ber Ur3t. 

Zlodi eine Sefunbe ßanb Erid] mie gelähmt. Dann 
brad] bie übermächtige Erfchütterung ßd] Bahn. 3 « 
ben Sd]reibtifd]ftuhl fanf er mit einem jähen Uuf- 
fd]lud]3en nieber unb oerbarg fein (ßepcht in beiben 
fjänben. 

„Ein 3 nnge — mein 3 mtge —" murmelte er, als 
müße er bie IDorte fpred]en, um pe 3U glauben. 

fjans IDilhelm hatte bie Depefd^e aufgenommen. 
Er fah hinein, bis es ihm heiß in bie Uugen ßieg. 

Da ßanb Erid] auf, er fd?ien ein anberer UTenfd] 
geworben. „£aß mid] nod] einmal lefen," fagte er. 

Unb bann mit einer Stimme, in ber fein £}er$ lag: 
„Eoa! Unb pe lebt! Sie leben beibel" 


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Seite {270. 


Hummer 27. 


„Beibel" Er griff pd] mit ben fjonben an ben 
Kopf- * 3^1 merbe ja perrücFt, IDil^elml 3 dj muß 
ja tfinl Unb follte id] Erbe unb £pmmel in Bemegung 
feßen. 3d] muß ja bod] meinen 3*mgen fehn. fjerrgott, 
mas ftub bagegen alle HTanöper. Das iDidpigpe auf 
ber Welt ift bod] mein tDeib unb mein 3 migel" 

Er mar im (SlücFspeber, ber glücFlid]e UTenfd?. 

Da faßte ihn £jans tDilhelm plößlid] an beibe Ejänbe. 

„So lauf, bu junger Pater, bu fjißfopf. Bift ja 
bod? pon biefer Ulinute an un3ured?nungsfähig für mid?. 
Hur eins möchte id] bir nod? fagett. Du. hoft mid? 
felbß neugierig auf beine beiben (ßößeit gemacht. IDenn 
bu mich l(i\b\di einlabefi, piellekht 3U ben ^erbftferien, 
bann Fomme id] gern!" 

Erich riß feine Ejönbe los unb legte fie bem 5reunb 
auf bie Sd?ultem. Er rüttelte ihn por EntjücFen. 

„IDilhelml XPilb^lm! £}ör id] beim recht? Unb 
3ur (Laufe fommft bu, bijt pate! pate biji bu!" 

„HTeinetmegen auch bas!" brummte fjans IPilhclm. 

„3a unb —" 

(Erich 30g plößlid? bie fjänbe herunter unb fah 3ur 
Seite. „IDirb es bid? ßören, IDilhelm, menn — aud] 
Hutf? — auch pate —" 

„Hein," fagte fjans IDilhelm lädjelttb. „ 3 eßt gar 
nicht mehr. Den erßen Schritt hoP bu ja bod] burd? 
bein pormißiges Einbrängen gemacht, nun fann id] 
fo piel Hutl?s begegnen, als bu münfd?epj" 

„Tllfo abgemacht! <?>u ben ^erbpferien. IDas nur 
<£pa fagett mirb! fjurra, bes Königs jüngPer Ceutnant!" 

Er mar mie pon Sinnen unb fuhr im «gimmer 
herum, feinen Degen 3U fud?e«. 

„Hithe bod], Hube! Dein näd?ßer <§ u 9 geht erp 
in einer halben Stunbe. Unb bann, lieber 3 U] tge, eins 
möchte id] bir bod] nod] fagen: baue etma Feine Er* 
martungen unb plane auf meine Begegnung mit beiner 
Sd?u>ePer." 

Eine rafche IDoIFe flog über (£rid]s <Bepd]t. 

„Hein, IDilhelm, id] thue es nicht. 3 ^h bin Fein 
phantap. 3 n liefen Dingen giebt es Feine HTärchen 
unb IDunber." 

„Was braud]P bu aud] bie! Du h<*P ja bebt 
ZTTärchen 3U £jaus," fagte £]ons IDilhelm. 

XIX. 

Es Farn ein langer Brief in £ucFmühlen an. 

Der 3 un 9 * mar ba! Der 3 un <je mar ba! (Broß* 
Paters erPer EnFel. Unb IDolfgang follte er heifeen* 
Unb pebeneinhalb pfunb mog er. Unb hotte ein 
(Srübchen im Kinn unb gait3 \\e\le, locFige Horchen auf 
bem Sd]äbel. Unb einen famofen BruPFaßen unb eine 
Stimme mie ein Kommanbeur. Des (Lags fd]lief er, 
bes Hachts brüllte er. Unb bas ganse Hous ftanb auf 
bem Kopf. 

Das mar bas <£rpe. Dann Farn <Eoa, bie piel ge¬ 
litten hotte, aber nun in feligem HTuttergliicF pd? 311* 
feheitbs erholte. Sie nährte ihn felbft, ben hefigen 
Huben. Uber pe mar fehr energifd], piel energi(d]er 
als ber papa. Sie litt es nicht, baß IDolfgang außer 
ber <§eit aus feinem tDägeld?en genommen mürbe, unb 
menn ber arm« Kerl pd] holbtot brüllte. 


< 3 um allerleßten Schluß Famen bie (Laufpläne unb, 
Fur3 ermähnt, bie Begegnung mit Hons IDilhelm. 

Uls Huth, bie ben Brief las, 3U biefer Stelle Farn, 
mürbe Herr pon pontom por Sd]recF plößlid] brennenbrot. 

IDas mar benn bas mieber? (Lauchte ber HTenfd] 
aus ber Dergepenheit mieber auf? 

3hm mürbe fo pebenbheiß, baß er entporfprang unb 
ben HocF aufriß. Kann man benn nie etmas thun, bas 
einem nid]t in alle (EmigFeit nad]läuft? Das, menn 
man es glücflid? begraben unb oergeflen t?ot, plößlid] 
mieber feine Äangarme aus ber (Liefe ftreeft? 

„< 3 u ber (Laufe fährP bu nicht!" fuhr er feine 
(Lod]ter an. 

Huth mar blaß gemorben. Sie 3Ürnte (Erich heftig. 
IDas that er ihr an? IDas moüte er bamit? , 

„Hein, id] fahre nicht," entgegnete pe. 

(Söß pon pontom fah pe an. 

Da ßieg plößlid] bie Sd]am über pd] felbp ihm 
mie eine heifce Welle 3U Kopf. Was für eine lumpige 
Holle fpielte er benn mit feinen emigen Hinterhalten 
unb Uengften — unb nun mieber mit biefem Der bot? 

Wie hätte er bas bei einem anbern genannt? 

Die plößliche Seeienaugß trieb ihm ben Schmeiß 
aus ben poren. pfui! IDas, hatte er gethan! Unb 
mas mollte er nun mieber thun! 

„£aß mid] ein Flein bißchen allein, Huth," fagte er 
mit belegter, faP uuperftäublid?er Stimme. 3 ß I €r 
mußte mal ein UDeilchen allein bleiben unb bie ganje 
Sache Flar por pd? hmPeHen mie auf einem Sd]ad]brett. 

So! Hun mar er allein, nun tonnte bas DenFen los¬ 
gehn. Kber bie (ßebanFen ließen pd] nicht fo ohne meiteres 
Fommanbieren. Die liefen ihm mohl nod] 3*hu Hlinuten 
lang burcheinanber, gefchüttelt unb permirrt burd] bie 
aufgeregten (Emppnbungen. 

Enblid] hatte er ben Sad?perhalt fo einigermaßen Flar. 

Er hatte Huth nicht hergeben moüen, burchaus 
nicht. Unb barum hatte er einen freier nad] bem 
anbern fortgejagt. Über XDilhelm p. Eiade hatte 

er eigentlid] nid]t fortgejagt — ben hotte 0 lga Beer 
fortgefchminbelt. 

0 lga Beer. ... Er ftöhnte. IDer ließ ihn biefes 
IDefen pergepen, bas ihm fein Kinb geFoftet hotte! 

HTit beiben 5 äuften ftüßte er ben Kopf, als mürbe 
er ihm 3U fchmer pon all bem DenFen. 

Hun ftanb bie Sache aus bem < 5 rab mieber auf unb 
fah ihn an . . . 

Einen pollen (Lag unb eine enblos lange Had?t ließ 
pd] < 5 öß pon pontom pon feinen Höten martern. Dann 
mar er fertig. 

Kües Fonnte er thun, fein eigenes Dafein unb fein 
£iebftes barin Fonnte er aufs Spiel feßen — ja, er 
mußte es! — aber biefe £aft meiterfdpeppen, bas ging 
nicht mehr, fo mahr er Ehre *im £eib hotte unb ein 
pontom mar! 

Da ließ er pd] Huth auf fein «gimmer rufen, bliefte 
il?r tapfer in bie Kugen, mie er als junger £eutnant in 
bie fraii3Öpfd]en5^uerfd]lünbe hiucingefehit hatte, unb fagte 
ihr feft uitb flarP: „Huth, *d? habe bid] einmal betrogen!" 

Dann aber marb (ein < 5 epd]t b^ißf unb er fah pe 
nid]t mehr an, mähreitb er il?r IDort für iDort mit 


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Hummer 27 . 


Seite \ 27 \. 


felbgquätmfdjer (Senauigfeit Öen öorgaitg jenes reg- 
nertfdjen Ubenbs er3ählte. 

Huttjs klugen mürben immer meiter unb garrer. 
VOas fie ba vernahm — bas änberte ja ihr gaii3es 
vergangenes leben. 

€r mar hier gemefen — unb man fyatte fte unb 
ihn umeinanber betrogen- 

€r mar fein leicht Pergeffenber, fein „£ebensfünffler". 
Umfonft hatte fie geh erbittert — umffonff mar er ge¬ 
gangen» Umfong — alles umfoitg. 

Der Cebensintjalt vieler 3 afc* umfonft . . . 

Da fdjlugen ihr bie flammen ins (Begeht. 

„papa! Wie bu ge^anbelt hag/ ig fd?ted?t — ig 
fdgecht!" fdjrie fte ihn an. Dann manbte fte geh um 
unb ftürmte hinaus, bie Ctjür flog hinter ihr ins Sdgog. 

Unb <ßög von pontom jlanb unb fah feinem Kinb 
nach, bas ihn verfluchte, bas er geh felbg 3um garten 
unb gerechten Hinter ge3ogen fyatte. 

* * 

Cinen gan3en (Eag blieben fte einanber fern. Unb 
bief«r Cag fam bem gleich, an bem 3^rgen geh er- 
feboffett f^atte» Das 3meite Kinb verloren I 

Unb bie beiben anbem? Uch benen — benen galt 
er fcoch nicht viel, X}atte er benn je verfugt, ihnen 
etmas 3U gelten? 

VOas tijut man nur mit einem leben, bas fo gan3 
leer gemorben ig? 

Uber am anbem HTorgen fam Huth 3U ihm, ungerufen. 
Uls fte ihn anfah, ftoefte il?r $\\%. Sein (Begeht fdgen 
länger gemorben 3U fein, bie fjaare grauer. Die Uugen 
maren mie eingefunfen unb mit bunflen Hänbern umgeben. 
€r fall *knb aus, mie nach einer ferneren Kranfheit. 

Sei biefem Unb lief fyielt Huth itjr £}er3 nicht mehr, 
bas fdjon bie gan3e Hacht bem Dater entgegenge- 


fdgagen hatte. Uuftveinenb marf fie bie Urme um 
feinen £}als unb fdguchjte an feiner Schulter, als motte 
fte vergeben. 

€in HucE ging burch feine (Bliebet. Dann fagte er 
fte mit beiben Urmen, brüefte fte an geh unb Ijiett fte 
feg unb ffunttn an fein £}er$ gepregt. Ueber fein ver- 
mittertes (Begeht liefen ihm bie Ctjränen unaufhaltfam 
in ben Bart. 

Huth lieg ihn gar nicht los. 3 ^ n>ar, als habe fte 
ein taufenbjähriges Unrecht gut3umadjen. „ 3 <h meinte 
es ja nicht fol" fdgud^te fie enblich an feinem fjals. 
„Unb ich höbe es bie gan3e Hacht über fdjon getvugt, 
bag bu alles nur gethan hag, metl bu mich fo lieb 
hag. Unb nun gräme bich auch nicht, bu gehft ja 
furchtbar elenb aus. IDer meig, ob ich fjans EDühelm 
auch genommen hätte. Dietteidg mar alles am 
begen fol" 

„Hein, nein," gotterte ber alte fjert. iDie ein 
täppifcher Bär tätfdjelte er ihr ben Kopf, ben Hacfen 
unb brüefte ge bann mieber an geh. „Uitb bie £}aare 
habe ich bir auch abgefdinitten — bamit ftng’s at —" 
brachte er mühfam heraus. Diefer fchrecfliche -Drucf 
in ber Kehle lieg ihn ja faum fpredjen. 

Huth lachte unter Chränen. „Hein, papa. €s 
fing viel früher an. HTit Diftor £}agenreuter, ber bie 
Creppe runterflog,nveigt bu nodj?" 

„3ö« Kber Hutfy, bas mar bodj nidit etmas fo 
Schlimmes?" 

„Hein, bas mar nichts Sdjlimmes, papa. Unb bas 
anbete audi alles nidit fo febr. Uber meigt bu, mas 
id] mir gebadit t|abe? EDir fahren jegt beibe 3ur laufe." 

„ 3 a," fagte fjerr von pontom. „Das mirb fdjon 
bas Sefie.fein." 

(fortfegung folgt.) 


o - ■ ■■■ — =0 


Was die Herzte iagen. 


5 ee* unb (Sebirgsflima. 

Die Jrage, ob man bei ber XDaljl einer Sommerfrifdje 
ben Stranb bes ZHeeres ober bas (Sebirge bevot3ngen fofle, 
toirb gegemvärtig, ivo bie Heifefation bereits in Slüte 
gebt, mit befonberem (Eifer erwogen. 3 n Besag auf bie 
XDirfungen bes See- nnb < 5 ebirgs!Iimas wirb gewöhnlich ein 
Oegenfag fongruiert, ber nach ben Uusführungen Dr. Siebelts 
in ber Salneologifchen gentral3eitung gar nicht einmal begeht. 
3 n vielen Stöden, Ueinheit, Bewegung unb Jeuchtigfeits* 
gehalt ber £uft, gnb beibe Klimate gleich» tDas ben kuftbruef 
anlangt, fo ig 3war ein erheblicher Unterfchieb vorhanben; hoch 
weig man noch immer nicht viel barüber. 3 eö ^ n fölls ig bas 
Unpagungsoermögen bes Körpers fo grog, bag etwaige bnreh 
ben £uftbrud h erv °r 9 ^ rn f^^ Schwanfungen, 3um Beifpiel 
ber Utmnng, fehr halb wieber ausgeglichen fein bfirften. 

Um eine wigenf^ftliche (Srunblage für bie IPertfchägung 
ber verfchiebenen flitnatifchen (faftoren 3U erhalten, hat ber 
Uttgemeine Deutfche Bäbertag eine Kommiffton eingefegt, bie 
auf bie Befchaffung eines nach einheitlichen <Seft<htspunften 
gefammelten Ittatertals hinwirfen fall. Bis bahin wirb man 
feine 2Dahl mehr ober weniger nach ben €rfahrungen treffen 
müffen, bie in Be3ug auf ben €ingug bes See« unb (Sebirgs* 

Cr 


flimas vor liegen. IDie in anbem Dingen, fpredjen allerbings 
anch hlar IHobe unb perfönlicher (Sefchmad ein gewichtiges 
IDort mit. (Serabe bei nervöfen Patienten fpielen bie inbi- 
vibueüen Derhältniffe eine bebeutenbe Bolle, unb tjier ig es 
oftmals fchwer 3U entfeheiben, ob ge ins (Sebirge ober an bie 
See gehören. 3 m allgemeinen befommt ben 3ahllofen nervös 
überangrengten Kranfen, bie man gemeinhin als Heuraghettifer 
be3eichnet, ber Uufenthalt in hochgelegenen (Sebirgsplägen 
vor3Üglichr währenb bie See ihr Hervenfygem itioch mehr 
alteriert. £J äu f h ^ann man mit günftiggem €rfolg (Sebirgs* 
unb Seeflima fombinieren. €rg follen fchwer .nervöfe per- 
fonen bem milberen (Sebirgsflima 3ugeführ| werben, unb 
nachbem ge h* e * — wenn nötig, unter grilglfenahme ber 
IDafferbehanblung — genügenb gefräftigt gnb, mögen ge bas 
Seeflima auffuchen. 

(für gewiffe Kranfheiten ig allerbings mehr bas eine ober 
bas anbere Klima geeignet» Die reine (Euberfulofe ber 
£ungen wirb gewöhnlich bem (Sebirge 3ugeteilt, währenb bie 
Sfrofulofe unb bie nicht tuberfulofen €rfranfungen ber £ungen 
ihre Bechnung beffer an ber See ffnben bürften. 3 n & e ff en 
gnb auch h*rr, wie bei bem $ee r ber nervöfen £eiben. oftmals 
rein inbivibuelle Derhältniffe von ausfchlaggebenber Bebeutung. 

i> 




WLi- 


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Seite [ 272 . 


Rümmer 27 . 



Fnigenbecfs 3nbi|d?e Karawane Photographie Kufnabme. 

Mus dem Berliner Leben. 


Klfreb ©örnemann, 
gewann bielPeltmeijleridjaft i. ßerrenfutjien. 


\. ^elif Dömtann. 2. Kbele Sireiber. 3. Bocjumil Kepler. (Seorg Cafi. 5. ©eorg Baoib Siulj 6. Knut. 
Raufen. 7. Diftor ^oHAnber. 8. Carla Ctngen. 3«”«® Hotbfiein. 10. £>ans ©Iben. 

©ruppe 00 m Sonnenwenbf eft bes Kabaretts „3™ Siebenten Fimmel*. 

Pbot. ©orban & Delius, Berlin. 


Born ©ermantfefjen Sonnenwenbf eji im ©runewalb: ©ermanifics Kriegsoolf. 
pb°t. ©orban & Pelms, Berlin, 


©in? Senbers, 

alsKöiin Heil inPörmattns „CebigeCeut". 


©babbAus Kobl, 

gewann bie ZDeltnieifteridpift i. Berufsfahrer 


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Hummer 27. 


Seite *275 


l 


Die deutTchen Ingenieure In DülTeldorf: Huffübrung des feftrplels* 

pbot. 3of. ftenne, Düffelborf. 



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Seite \27^. 


ZTummer 27 



Ob«rr«girreiir Leopold HdUr, Leipzig, Knfnnft bcs IHabarajal} pon 3cypur. 

in gleicher Sigenfdjaft an bas Kgl. 5d?aufpielbaus in Berlin berufen. Cxotlfcbe 0äfte ln London. 



Kammervlrtuofe f>ell% ^feytr, Berlin, Transport bes heiligen IPaffers Dom ©anges an Canb. 

am X. 3uli 25 3‘ 1 ht* fln &rr Königlichen ©per. j * ■ Sxotlfche ©äfte ln London* \j> 

Schluss des redaktionellen Ccils. 



der Wissenschaft ist 


^^^achweislHj 
" beste Mittel zur Pfj^- 
'Zähneund desMuH®* 



r^ / 

Odo 1 und Rose. 

p 4 

Was hat „Odol”mit der Rose gemein?- 



Die Schönheit.-die es den Zähnen Dein,- 

f 


Die Reinheit,- diees dem Munde verleiht- 
Den Duft,-mit dem es den Atem weiht,- 

r, 

i 1 

W 1 

Die Milde,-mit der es den Gaumen labt,- 

.. jMHB 

^Die Frische-mitderes Dich herrlich braabt! - )f 


■" ? 

< ^ 5 ^*" ^ \ m 




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Ilummer 28 


4. Jahrgang 


DiewocHe. 


Berlin, den 12.3uli 1902. 


Inhalt der nummer 28 . 

Pie fiebert Cage ber ZPodyt.. 

Ümfcbaa. 

Cne bit^tige (Srfinbung: ber eleftriidje $rrnt>nufer. 

^erienfHntmnng. Ton $rifc ^allberg. 

Pos Sndj ber IDoche . .. 

ttm*. 

Pie Bfefrmvod}*.. 

Pie Coten ber ZDod?r..., . 

Sport unb 3agb. 

IPie wirb bcrs XDetter noerben?. 

Silber pom Inge. (Cbotogrnptjifdje 2lufiuibm;n). 

Palila. €tne Keifrrrinnerung uon Piftor pon Mobleitegg. 

3b fb’s pon ferne, ©ebidjr pon Paula Pebmel •. 

Pie Secpobnbarfeit b. r fymmefeförper. Kltronomifdje piaubrrei uon 

Pr. IH. IPübelm ITterrr. (SdtfuR). 

Per Hofftaat bes franjdfifdjen Präfibenten. Pon Karl €ugen Sdmtibt. 

(OTit U Kbbilbunjen). 

Sdpvimmm unb tauchen. (ITIit 6 Kbbilbungen). 

Xlinpana. Sfijje aus bem Parifer (eben von Karl Cabm. 

Prinjeifln Pifioria Cutfe pon Preußen. (Pbotoqrapt}ifche Kufnabme) . . 
(Drcfribee^ucH im IPiener ßofgarten. Had? ben IHirtetlungen b. faiferl. £Sof* 
gartenbireftion ZDien*Sd?dnbnmn. Pon Bettina IPirtb. (ITIit 3 2lbb.) 

Knnbenfpracbe. OTIit 7 Kbbilbungen)... 

Pie. ZHobe auf Keifen. (ITIit 6 Kbbilbungen). 

3m Herrenhaus pon Cucfmüblrn. Konian uon lllarie Piers, (jortfegung) 

IDas bie llrrjte fagen.. . . 

ZPas foüen unfere Kinbrr ruerben. 

Silber aus aller ZPeli. (Pbotograpbifdbe Kufnahmen) ....... 


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1319 

1320 


J* 


Man abonniert auf die „Woche“: 

in Berlin nnb Pororien bei ber Pauptrrprbition <3»nimerflrafce 37/41. fotp-e bei ben 
• Filialen bes „Berliner CofaUKnseigers* unb in fdmtl. Bud?baublungeu, im 
P e u i f dj en K e i df bei allrn Sud?banblungen obrr Poflanftalten (3rttungs>Preisiifte 
Pr. 8221); unb ben <5efd?äftsflrUen ber „IDod?e": Bonn a. Rh., Kölnflr. 29 ; 
Bremen, (Dbernftr. 29; Breslau, Sd?n>eibniijerftr. €<fe Karlftr. 1 ; Ca (Tel, 
Obere Kdnigflr. 27 ; Chemnitz, Innere 3obannisfhr. 6 ; Dresden, Seeftr. 1 ; 
DOfTcldorf, Sd?abon?fhr. 59; Blberfcld, Hetjogflragf 38; 6ITm a. Rh., 
Cimberferplag 8 ; Frankfurt a. f*., 3 eil W; ©orlftz, Cuifenftr. 16; Balle 
a. 8., Ülittelftr. 9 . €tfe Sdiulftr.; Hamburg, rteuermafl 60; Hannover, 
Oeorgftra^e 39; Karlsruhe, Kaiferflr. 34; Kattowftz, poftfh. 12 ; Kiel, 
Holflenflrake 6 ; Köln a. Rh.» ßohf|ka|f. 145, Königsberg (. pr., 
Kneipttdffdp Canggaffe 55; Leipzig, petersflrafce 19; Magdeburg, 
Bretteipeg 184 ; plunchcn, Kaufingerflrafce 25 (Pomfreibeit); Nürnberg, 
Corenjerftrafte 30; Stettin, Breiteiirafee 45; Stuttgart, Königjlrafje U; 
Wiesbaden, Ktrdjgaffe 26; Zürich, Krnntpeg 48 . 

“Jeder unbefugte Nachdruck aus dlefer ZeltTchrlft 
wird rtrafrcchtlfch verfolgt. 



Die siebenTage der Woche. 


3. üuli. 

Das Ittanbfdjurciabfommen 3mifd?en Rußlaub unb (Efjina 
xft. roie aus Petersburg gemelbet mirb, bafelbß ratifaiert 
iporben. 

Der Kaifer fteflt ben in Kiel roeilenben Kronprinjen 
^friebrid? Ruguft uon Sacbfeu ä la suite ber tflarineinfanterie. 

3 n Königsberg i. Pr. wirb ber 30 . Deutfd/e Kerstetag 
eröffnet 

Bei (Satfcbina flögt ber 3mifdjeu Petersburg unb (Eybt- 
fntjnen oerPetprenbe Sdjuel^ug mit einem perfonen3ug 31t- 
fannuen. niedrere perfonen merben getötet unb über fcdijig 
ferner oerlegt. 

4. 3uli. 

3it Pene3uela erobern bie Kufjtänbifdjen ti adj oiertägigem 
Kampf bie Stabt Barquifiuteto. 

3 n Bayreuth mirb bei ber €rfaßmafyl für ben bei bem 
gfd;od?aner €ifenbaltnunfaü getöteten natioualliberalen 21b- 


georbueten friebel eine Stidjroafjl jioif^en nationalliberalen 
unb So3iaIbemofraten nottoenbig. 

Die bulgarifd/e Regierung Protzt ber Pforte toegen Be- 
leibigiutg bes bulgarifcfyen IDappens in Serres (Ittacebonien) 
mit bem llbbrud? ber biplomatifdjeit Be3iebungeu. 

Die 3n?eite babifd^e Kammer nimmt einen Kntrag auf 
€infütjrung bes birefteu IDaltloerfattrens für ben lanbtag an. 

5. 3uli. 

König (Ebuarb oon €tiglanb mirb oon feinen Ceibäriteit 
als auger (Sefafyr befinblic^ be3eid?net. 

3 n 5 d?meben ooÜ3ie^t ftd? bie Bilbung bes neuen IHini- 
jterimns mit Boftröm als praftbeuten. 

6. 3uli. 

3 « Petersburg mirb eine oon ber rnfjifdfen Hegternng 
an bie fremben Regierungen oerfanbte Bote oeröffentlid/t, in 
ber Ruglanb gegen bie Befd^lüffe ber Brüjfeler guderfonferenj 
proteft ergebt. 

€s mirb ber IDortlaut eines Sdreihens befannt, bas bie 
poluifd^en HTitglieber bes Pofeiter prooin3iallanbtags an ben 
0 berpräfibeiiten o. Bitter gerichtet traben, um ihr fern* 
bleiben oon ber Begrüßung bes Kaifers im Stänbetfaus an- 
3uPüubigeu unb 3U begrünben. 

7. 3uli. 

Der Kaifer tritt oon (Eraremüube aus feine Borblanb* 
reife au. 

IHinifter Cfyamberlain erleibet bei einer Knsfaftrt in einer 
DrofrfjPe einen fermeren Unfall. < 2 r mirb mit einer tiefen 
tPunbe au ber Stirn in bas (Otaring'droß-Kraufenl^aus 
übe rgefübrt. 

8. 3ul*. 

Die 3meite fö^fif^e Kammer nimmt bie Dorlage betrejfenb 
bie (Erhöhung ber ^ioillifte unb ber Kpanagen etnftimniig an. 

Das Hamburger Secwintt entfd?eibet, baß ber Jüfyrer bes 
euglifdjen KobUnbampfers »firsby*, ber bas (Eorpeboboot 
S 42 in ben (Srutib bohrte, fd^ulbig an bem Unfall fei. 

Die fratt 3 Öfifd?e DeputiertenPqmmer nimmt mit 475 gegen 
q Stimmen bas (ßefeg betrejfenb bie Ummaubluug ber 
3 Vzpro3entigen in eine 3 pro 5 entige Rente an. 

9 . 3ulJ. 

Der progcß megeu (Eottesläfierung gegen ben fferausgeber 
unb ben Uebcrfeßer ber Derteibigungsfdjrift bes (ßrafen 
Coljtoi, Dteberic^s • £eip3ig unb Dr. £ömenfelb-Berlin, oor 
ber Straffammer bes lanbgeridjts £eip3ig enbet mit ber 
f reifpred?ung ber RngePlagten. 

(Ebamberlain mirb aus bem KrauPent^aus <Dtaring-<£ro§ 
in feine prioatmol^nung übergefüt^rt. 


Umfchau. 

3 « Bayern f^errfd^t 31m geit eine ftarPe Spannung 3roifd/en 
ben Unioerfitätsprofcfforen unb bem Kultusminifter oon £anb- 
mann (Kbb. S. 1283 ). Scheinbar banbeit es fi<b nur um 
einen KonfliPt mit bem Senat ber UnioerfitSt lDür3burg, 
aber es ift ftd/er, baß bie aPabemifcben £cl]rcr in Ulüncbeu 
unb (Erlangen jum großen (Teil ebenfo benPen mie iljre O^ürj- 
burger Kollegen. Den KusgangspunPt bes gmiftes bilbet bie 
Befeßung einer außerorbeutlidjeu (ßefd?irbtsprofeffur, für bie 
aud? ber orbetitliit;e profeffor Cbrouft in jrage fam. Die 
profefforen miberrieten bejfcn Berufung in einer Eingabe' 
au bas Staatsmiuifteiium mit ber BemerPuitg, fie mürbe 3U 


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Seite ^ 276 . 


Hummer 28 . 


unhaltbaren guftänben führen. Farn barüber 3U einer 
heftigen polemiF, ja fogar 3U einem Beleibigungsprogeß. llber 
qU bas befchäftigte bie 0 effentlichPeit nicht, bis bie Sache im 
bayerifchen Bbgeorbneteubaus 3m* Sprache gebracht mürbe. 
Ejier äußerte fich ber Kultusminifter in 3iemii<h fdjrojfer 

form über bie fjaltuug ber 
Profejforen, beiten er Ittangel 
an 0 bjeFtioität unb Befangen* 
heit pormarf. Dielleicht mehr 
noch & ,e form als ber 3 n halt 
ber minifteriellen Buslajfuugen 
perfekte bie profefforen in (Er* 
regung, unb bie folge mar, 
büß ber BeFtor unb ber Senat 
ber JDürgburger Uniperfität in 
einer neuen (Eingabe an bas 
IHinifterium um ihre(£ntlaffung 
aus ben Ehrenftellungen baten. 
ß 

Beinahe gleichseitig Fam 
auch in ber Schmei3 ein Unioer* 
fitätsFonfliFt gum Ausbruch. 
Der (Sermanifl profeffor Detter 
aus Bern hatte bei bem 3 ubiläum bes (Sermaitifchen HTufeums 
in Nürnberg eine Bebe über ben gufammenhang beutfd?en 
unb fdjmeigerifchen (Seißeslebens gehalten unb babei fi<h ber 
IDenbung bebient, bie Schmeig merbe eine beutfche proping, 
allerbings mit ausgeprägten Beferpatrechten, bleiben. 3 n 
Bem mürben biefe IDorte mißperftanben; man überfahr baß 
fie nur auf bas geifiige £eben gemün3t mären, unb begog fte 
auf bie politif. Die Stubenten brachten bem profeffor eine 
KatjenmufiF, unb auch pon ofp3teIIer Seite mürben feine Bus* 
führnngen gemißbilligt, moburd? fich Detter peranlaßt fahr 
um bie (Enthebung pon ber profeffur 3U bitten. 3 n 3 u, *fd?en 
aber haben fld? bie (Semüter mieber einigermaßen beruhigt, 
unb burd? neue ErFlärungen ift bem angefehenen £eljrer bie 
Brücfe gebaut morben, nun fein Entlaffungsgefuch gurücf* 
3U3iehu. Schmieriger als h^r fcheint ein perföhnlidjer Bb» 
fdjluß bes KonfliFts in Bayern, meil es ft<h bort äugen*, 
fcheinlich nicht um IHißperftänbniffe, fonbern um tiefer gehenbe 
(Begenfätje unb fchmere Derftimmungen hanbelt. 

ß 


3 n Schmeben ip bem DTiniflerpräiibehten Boflröm bie 
Bilbung bes neuen ITTinifteriums perhältnisinäßig fchnell ge* 
lungen. Die. neue Begierung mirb natürlich ben XDünfchen 
ber Parlamentsmehrheit in betreff ber Ermeiterung bes 
JDahtredjts meiter entgegenPommen als bie früheren, im 
übrigen aber ift ein Syftemmechfel in ber inneren politiF 
Schroebens Faum 3U ermarten; bagegen fpricht fdjon bie Chat* 
fache, baß mehrere ber alten ITTinifter ihre Portefeuilles behalten. 

* 

Kaum hat ftd? bie Sorge bes rnglifchen DolFes um bas 
Beftnben König (Ebuarbs einigermaßen gelegt, ba'mürbe es 
burd? einen Unfall bes Kolonialminifters (Ehamberlain in 
neue Bufregung perfeßt. Das Pferb einer DrofchFe, bie er 
3U einer Busfahrt benutzte, ftürgte, unb infolge bes plötglicben 
Bucfes, mit bem berlDagen hielt* mürbe ber IHinifter gegen 
bie porbere IDanb gefchlenbert. (Er erlitt eine bis auf ben 
SchäbelFnochen gehenbe Stirn* 
muttbe, bie mit brei Babeln 
genäht merben mußte. Durch 
ftarFeit Blut per lu ft mar er fo 
gefchmächt, baß bie Berste bbs 
(Eharing* (Eroß*KranFenhaufes, 
in bas man ihn gebracht hatte, 
es für nötig halten, ihn bort 
3u behalten. 3nbeffen {teilte 
fid? balb h cr aus, baß fein 
guftanb 3U ernften BebenFen 
Feinen Bnlaß bot. 

ß 

(Eine Ueberrafchung hat 
Bußlanb ber IDelt bereitet. Es 
hat an bie ausmärtigen Be* 
gierungen eine Bote penanbt. Softröm, 

in ber es junädrft bie (grünbe b " nfuc minifierprapben*. 

barlegt, marum es an ber 

Brüffeler §ucferFonferen3 nicht teilgenommen hat, fobqnn 
aber gegen bie bort abgefchlojfene Konoention proteft erhebt, 
meil biefe gegen bie Ejanbelsperträge rerftoße. für bas 
Deutfche Heid? hat bie frage, bie übrigens fchou im Beides» 
tag erörtert mürbe,-beshalb Feine befonbere Bebeutung. meil 
ber beutfch»ruffifche EJanbelspertrag bereits pier ITTonate nach 
bem Jnfrafttreten ber' Brüffeler Konpention abläuft. 



profeffor Petter, Bern. 



Eine wichtige Erfindung: Der elektrische Temdrueker. 


Die geit ift noch nicht lange porüber, in ber Berlin 
hinter manchen Propingftäbten in ber Busnutguitg ber EleF- 
trigität 3itrücfblieb. Diefe Scharte ift nicht nur ausgemeßt, 
fonbern in einen Dorfprung permanbelt, ben bie Heid>shaupt» 
ftabt bei Busnutjung eleFtrifcher (Erfinbungen ftegreid? be» 
hauptet. Den größten Schritt pormärts mirb Berlin febon in 
ber allernächften §eit mit Einführung bes eleFtrifchen fern* 
bruefers thun, ber ungmeifeltjaft bagu beftimmt ift, auf bem 
(Sebiet ber Bachrichtenübermittlung eine röllige Ummälgung 
herbeiguführen. Der Bpparat ber biefe IDirFung h er Porbringen 
mirb, ftebt fehr unfeheinbar aus. Er befieht aus einem Fleinen 
Kaften pon ctma 20 Zentimeter Ejöhe. 20 Zentimeter Breite 
unb ^0 Zentimeter £änge. Bn ber Dorberfeite trägt er, mie 
bie Schreibmafchine, eine Bngaljl pon Knöpfen, bie mit Buch* 
ftaben, Zahlen unb 3 n terpunFtionsgeichen perfehen firtb. 

3 n bex Chat ift ber Bpparat auch nichts anberes als* 
eine Schreib* ober beffer gefagt DrucFmafchiue, bie nur bas 
Eigentümliche an fich bat, baß fie mit tylfe ber EleFtr^itüt 
bie gebrueften Buchftabeti auf eine bebeutenbe Entfernung hin 
perfenbet. unb nicht nur an einen Empfänger, fonbern an alle, 
bte burd? Drahtleitung mit ber Zmtrale perbunben finb. Dor* 
äuffg bemältigt ber fernbruefer etma 700 IDorte in ber 


Stunbe; bie Steigerung ber £eiftungsfähigPeit ift jebodj nur 
eine frage ber Z e it* 3 ” bem Fjauptteil bes Bpparats be* 
ftnbet fich ein Heiner BTotor, ber buwh DrucF auf eine ber 
Caften in Bemegung gefeßt mirb unb nun bas DorrücFen bes 
Papierftreifeus, auf bem ber Drucf in Flarer, heutiger Schrift 
erfcheint, bemirFt. 

Daß ber 2 lpparat noch nicht bie SchnelligFeit einer Schreib* 
mafchine erreicht, liegt baran, baß bie Drucfgeichen auf einem 
Bab pon etma 8 Zentimeter Durchmeffer nebeneinanber ftehen. 
Hub biefes Bab muß jebesmal (ich erft ein StücF um feine 
Bchfe brehen, ehe es ben gemünfehten Buchftaben abbruefen 
Fann. ferner muß bie porhergeheitbe Cafte fo lange feft*' 
gehalten merben, bis bie folgenbe herabgebrücFt ift. 

Diefen mingigen BTängeln flehen gang außerorbentliche 
Dorgüge gegenüber. Dor allem ber, baß ber Bpparat gang 
ohne Z n lf? un &es Befißers jebe anFomnietibe Depefche felbft* 
thätig empfängt. Bod? in einer anbern Bietung übertrifft 
er bas (Telephon, benn er erfpart im DerFehr mit bem Bmt 
bie Znfpr?d?gebühren. 

Es mirb intcreffieren 3U erfahren, baß in Berlin, Ijannoper 
unb Dortmnnb bereits Stationen für ben Betrieb bes eleP* 
trifchen fernbruefers begehen; in Berlin allein piergehn. 


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Hummer 28. 


Seite {277. 


3et$t wirb bie Anlage einer großen gentrale oorbereitet, 
bie oon f?öd?ßer wirtfd?aftlieber Bebeutung fein muß. Denn 
jeber (Teilnehmer wirb nid?t nur gleid?3eitig oon ber gentrale 
eine Bad?rid?t erhalten, fonbern Pann aud? feinerfeits an alle 
Hngefd?loßenen eine Depefcf?e ergeben laßen. tDeld?eit IDert 
biefe Einrichtung erlangen muß, liegt auf ber Tjattb. Dian 
braucht nur 3. B. an eine Derbinbung ber großen (Telegraphen- 
gefellfd?aften mit ihren ßänbigen Abnehmern, ben Leitungen, 
Rotels, großen (Sefdjäftshäufern, Bauten unb (fabrifen 3U 
benPett, bie äße ein großes 3 n * ere ß e baran h fl beu, bie polt* 
iifchen unb mirtfd?aftlid?en Bad?rid?ten fo fd^nell unb beutlich 
wie möglich 3U erhalten. 

Das Beid?spoßamt h a * augenfcheinlich bie Bebeutung ber 
neuen Erßnbung unb ihre pePuniären Dorteile für bie Beides* 
Paße erPannt, benn bereits am H. 3 u ni 19 ° l *ß ber eleP- 
trifche (fernbruefer auf allen Bebentelegraphettliitien 311m 
.Depefd?enaustaufd? mit ben (Telegraphenämtern 3ugelaßen 
worben. Den 3 ntereßenten iß baburch bie Dlöglichfeit ge« 
boten tuorben, in birefte telegrapl?ifd?e Derbinbung mit betn 
(Telegraphenamt 3U treten, was für (firmen mit ßarPem 
Depefd?enoerPel?r oon großem Dorteil ift, ba ber Botenbienß 
3uin unb 00m Hmt in IDegfall fommt. Hußerbem Pann mau 
ben (fernbruefer mit bem (Telephon berartig in Derbinbung 
bringen, baß man auf berfelben Linie ohne jebe Umfd?altung 
glei^eitig telephonieren unb telegraphieren Pann. 

Die neue Einrichtung legt ben (Teilnehmern Peine großen 
Höften auf. Die Apparate werben oon ber <Sefellfd?aft miets¬ 
weife überlaßen; bie miete beträgt 320 DIarf pro für 
fold?e firmen, bie eine elePtrifche Lichtanlage im Traufe haben, 
muß bie (Sefellfd?aft HfPuinulatoren liefern unb regelmäßig 
ausxoedjfeln, bann erhobt ßd? ber preis um 30 marP pro 
3 ah*- für bie Bnlage in Berlin hat bas Beichspoßamt ber 
(Sefellfchaft ihre Leitungen mietsweife 3ur Derfüguug geftellt. 
Hun iß noch bie (Senehmigung ber Stabt erforberlich, bie 
gegen eine geringe Hiterfennungsgebühr 00m magiftrat 
bereits erteilt iß. Die guftimmung ber Stabtoerorbneten* 
oerfammlung wirb ^öffentlich nicht ausbleiben. 

Br. $ri$ Berntjarb. 

< 35 » 

Ferien|timmung. 

Das (Sefühl brr Erwartung iß für ben mcnf<hen non 
heute unerträglicher als je. Den ßeten Kampf 3wifden 
(furdjt unb Ijoßnung oertragen moberne Herren nid?t Ieid?t, 
fie fühlen ßd? jelbß gerei3t unb irritiert burd? bie Erwartung 
auf (Slücf nnb auf frohe Stunbetu Denn gan3 bas, was bie 
Sehnfucht unb phantafte ihnen oorgauPelt, bringt bie Er¬ 
füllung bes IDunfd?es hoch nicht, unb barum trägt fchou bie 
leuchtenbe Blüte berßoßnung ben bittern IDurm bes gweifels 
in ßd?. ' So iß jebe IDacte3eit bem nid?t mehr Pinblid? 
benfenben unb nicht mehr Pinblich fühlenben menfehen eine 
geit innerer (Dual. Eine fold?e beinahe bösartige 
mifd?ung oon IDünfd?en unb fjoßnungen jeber Brt unb bem 
Unbehagen banger gweifel bieten befonbers bie je^tgen 
fenenwod?en. Es liegt unenblid? oiel (Slücf, f reifjeitsbrang 
unb IDanblungsfehnfud?t in bem fd?önen IDort „ferien". 
(für ben Lateiner waren bie „Feriae“ feiertage, uttb es ift 
ein glücflid?er Sprachgebrauch, ber mit biefem lateinifdjen 
IDort bie für uns lebigen (Tage von Umt, Beruf unb — 
Sd?ule be3eid?net hat. Das leibige IDort „Urlaub" Plingt 
baneben nüchtern unb bureauPraüfd?. DieUeidjt giebt auch 
gerabe bie Erinnerung an bie eigentlichen, wirflid?eu f erien, 
an bie Freiheit oon Sd?ulforgen unb gräßlichen, brohenöen 
Eyer3itien unb genfuren ben guten Klang unb ben fröhlichen 
(Ton bem liebgeworbenen feiertagswort. Darum follte bie 
f erienftimmung, bie in biefer geit ringsum in ber Luft unb 
uns allen in ben (Sliebern liegt, eine leidste, glücffelige fein. 


Befonbers bie Erwartung ber Pommenben freif?eit, bes Los- 
löfens oon aller HUtäglid?feit unb bes ewigen (Sleid?mdßes 
ber Dinge follte uns frohßnn unb Behagen fd?aßett. Der in 
ben ferien ftecPt, foll fte genießen, ber ße oor (ich hat, foll 
ße oertrauenb erwarten, ber ße überwunben, foü ihrer banPbar 
gebenPeit. Das wäie bie richtige Stimmung, ße gäbe am 
ßd?erften eine wahre Erholung für ben ftabtmüben Leib 
unb bie benPmübe Seele. Leiber giebt es für ben 
Beuraßhentfer oon heute — unb wer PÖnnte ßd? rühmen, nid?t 
fühlbare Beroen 3U haben? — 3U oiel 3 m P on ^ cra ^Ü e ^ 
bie ben (Settuß, ben gewefenen, beit oorhanbenen unb Pommen¬ 
ben bitter oergällen! 

Um fd?önßen unb freubereifßen iß noch bie Erinnerung 
an bas, was war. fjier iß ineiß bas Unangenehme oergeßen, 
bas freunblid?e unterftrid?en; bie (ferienftimmung beßen, ber 
tjeimPehrt, ift nad? biefer Seite hin roßg. Uber um fo 
fd?mer3lid?er fühlt ber Unglücfüd?e wieber bie Schwere bes 
UUtags, um fo neibifd?er blieft er bem fort3iehenben nach 
nnb feuf3t unter ber Laß oerboppelter Hrbeit unb trüber 
Dergleid?e mit bem glücflid?eren Kollegen. IDahrfd?einlich 
freilid? ift bas (Slücf biefes Kollegen, ber mitten im ferien* 
genuß fteht, aud? problematifd?. Es ift ja eine alte Streit¬ 
frage, ob nid?t bie Erwartung auf ben (Senttß glücflid?er 
mad?t als biefer felbß. Ulan hat es ßd? meift fd?öner ge- 
bad?t, meiß gefunbheitsförbernber, meiß billiger! IDer wäre 
im Hugenblicf 3ufrieben mit bem, was er augenblicflid? genießt? 
Die (ferienftimmung in ihrer unmittelbaren Dafetnsfreube 
ift aud? nid?t bie i?öd?ße unb reinfte. Unb bie erwartenbe 
Stimmung auf fommenbe freuben? Sie Pönnte hoch unge¬ 
trübt unb h*rrlid? fein! Uber aud? ße ift es nid?t gan3. 
£?ier fpted?en eben jenes neroöfe T?aßgefül?l unb jene Sehn* 
fud?tsuuruhe mit, bie uns 3ur täglichen regelmäßigen Urbeit 
faft untauglich mad?t. IlTau lebt fd?on nid?t mehr im 3 e 6 t 
man eilt ber geit fd?on ooraus, man rechnet, man mad?t 
piäne, man 3ählt bie (Tage, man iß im Baufd?, man iß im 
gweifel. Unb bod? muß mau nod? immer fein tägliches 
Brot in gewohnter Urbeit oerbieneit, man iß im Hmt 3er- 
ßreut unb ßnbet 3U £?aus im nid?t mehr behaglichen TJetm 
Peilte Sammlung mehr unb Peine Buhe. 

Das ßnb fo bie echten Jerienftimmuitgen, bie gewöhn¬ 
lichen, alltäglichen, immer wieberPehreitben. Sie ßnb nid?t 
an geit unb 0rt gebunben, bu ßnbeß ße überall, bu ßehß 
ße bei jebem nTeufd?en, bu füljlß ße in bir felbß! 

Uber ein Drittel giebt es, fte 3U bePümpfen unb 3U be- 
ßegen. Bimm beine Energie unb hab in bir ben IDillen 
5um (Slücf, 3m anfprud?sIofen Erholung, 3um be- 
fd?eibenen (Senuß! Baturgemäß fotnmen in ben (ferien 
mehr als im BÜtagsleben jene feltetten feierßunben, ba 
bu über bem (Dbjeft unb jeufeits bes Kampfes mit ihm 
ftehft. Bimm biefe Stuitbm wahr, bau ße aus unb laß 
fte itt bir wirfen, bann werben ße IDunber tl?un! 

5rifc I^aUbetg. 



Das Buch der Glochc 


^7^—S 



Die (Sefd?ichte eines Sd?neibers. 


Kein IDaßertropfen iß fo flein, baß er nid?t bie Sonne 
wiberfpiegelt. Keine Seele ift fo eng unb befd?ränft, baß an 
ihrem £?ori3ont nid?t Erbe unb ^itninel 3ufatnmenßießen. 
Sei nur gebulbig unb oon ed?ter (Sute. unb bu ßnbeß aud? 
in bem niebrigften Dlenfd?en einen IDittPel, ba (Sott wohnt 
unb plöfclid? bie gaii3e Eiefe unb IDeite bes tymmels ftch 
oor bir aufthut. 

Die <Sefd?id?te eines guten unb gebulbigen DTenfd?ett er* 
3ählt IDilheltn f?ol3atner in feinem Sd?neiberroman „Peter 
Bo cf ier* (Derlag oon ^ermann Seemann Bad?foIger, Leip3ig). 
Bur ein fd?mad?es, mageres Sd?iteiberlein ift ber peter Bocfler, 
aber er ift in feiner (Süte ftärfer unb tapferer als alle 
<Soliatt?s ber IDelt. Er hut jene große (Sebulb mit ben 


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Seite |278. 


Hummer 28. 


UTettfdjen, ©or ber ftd; auch bie mtoicfdjlacfjtcfte Körperhaft 
nub bie 3ügellofefte leibenfdjaft in ben Staub beugen müffetu 
(Er ift mehr als ein £}elb nub Ueberwinber, er ift ein fül^rer 
3um Beßeren t^in, nicht inbent er bas (Sute prebigt, fonbern 
inbem er aus ber iiturrften Boiwenbigfeit feines IDcfeits gut 
tjanbelt. Das (Sutfein ift ihm bas Ulltagsgewanb feiner 
Seele, wäljrenb es anbent ein Sonutagsftaat ift, mit bem 
fie bei befonberer Gelegenheit ©or ben lenten prunfen. Sem 
f)er3 ift roll ber uneublid?en liebe, bie alles ITTenfffolid^e um* 
fängt uitb 3U fidj emporhebt. „Hier fein halt alle IHeufdje,* 
ift fein lefctes gutes IDort, in bas bie ftille einfache <ße« 
fchidjte feines lebeits ausmfinbet. 

Ünb es ift betn Peter Hocfler nicht leidet gemacht worben, 
immer gut 31t fein. Das Sdjitffal hat ihn an feiner ©er» 
njunbbarftcn Stelle 3U treffen gemußt: in ber liebe 311 feinem 
D!äbd?en. Kurj bevor er feine Clife als Ctjeweib l^eimfu^ren 
gewollt, bjat fie fidj in einem jäh aufflammeuben (Erotj gegen 
bas ftille braue Sc^uciberlein einem aubern Burfcben hinge* 
geben. Da ift ber Peter Bocfler ins Dunfel gefehlten, wie 
ein geprügelter £}unb, unb im erften Sd?iner3 tjat auch er 
über blutige Badjegebanfen gebrütet — ,111er fein halt alle 
HTenfche." Uber bann tjat bie un©erwüftlid;e Güte feines 
XDefens bod? gefiegt, unb als bie (Elife ©or ihm geftauben ift, 
mit bem Kinb bes „anbern" unterm H cr 3 e n/ unb in it^rer 
Der3wciflung iljtt angeflel]t hat, fie wieber ehrlich ©or bett 
DIenfd?en 3U machen — ba hat er nicht nein gefagt. Seltfam 
groß ift ihm bas IHäbd^eu burd? bas ehrliche offene Geftänbuis 
geworben, unb iljre Sdjöitljeit, bie früher leidet unb flatterig 
gewefen, tiat ihm ernfter unb tiefer gebünPt, itadjbent fte 
burd; ben Sd;iner5 l;inburd?gegangen. „üerberben follft bu bod? 
nit, (Elife," t^at er 3U ihr gefprodjen. „Unb fein (feiger ift fo 
groß, er muß bod; wieber gut gemacht werben fönneu. Unb 
man muß auch büßen fönnen, unb man fann alles büßen. 11 

So bat ber Peter Bocfler bod; bie (Elife als fein (Eheweib 
beiingefübrt. Unb er ift immer gut 3U iljr gewefen unb auch 
3U bem fremden Kinb, bas fie 3m IDelt gebraut hat. Die 
leute haben roobl mancherlei gemunfelt über bie voreilige 
Geburt, aber ben Peter hat es wenig gefümmert. „tDeun 
man auf bie leute h© ren wollte — mau muß ©or ftd? be« 
ftetjen fönnen!" Doch bie <£life bat gelitten unter feiner 
Güte,- unb in manchen Stunben hat fte gemünfd;t, baß er fie 
lieber fdjlagen möchte. Sie ift nicht Herrin ihrer Schuld ge* 
worben, unb als ein 3weites Kinb, bas fte bem Peter geboren, 
früh geftorben ift ba hat ße’s als eine Strafe bes Rimmels 
genommen unb ift ihm laugfam ins Grab nachgeweift. Uber 
alles Gute unb Schotte in ihr hat bie Che mit petcr ITocfler 
geweeft, unb ein reines entfühutes leben hat ße bem (Eob 
bingeben fönnen. 

Schlidjt unb tief, wie bas IDefen Peter ZTocflers, ift and; 
bas Bud;, bas von ihm e^ählt. Cs hat nicht nur fünft leri« 
fd;en, fonbern auch meuichlicheu IDert unb gehört 31t ben 
wenigen IDerfen, bie eine läuternbe Kraft in fi<h tragen« 

Paul Hemer. 



Unter bem (Eitel „Kloberner Cicerone* beginnt bie 
Union, Deuifd;e Derlagsgefcllfchaft, eine Sammlung ©on 
Ulouograpbien h* ra us3ugeben, bie ber Beachtung aller Kunft« 
freunbe würbig ift. Dem Unternehmen liegt bie 3 & ee 3 U 
Grunbe, feine afabemifcheit, in »form unb 3 n halt wuchtigen 
Hanbbücber. wie fie ber Kunftbiftorifer braucht 311 fchafjen, 
fonbern angenehm gcfchriebene, topograpbifd? angelegte Führer, 
bie bem gebilbeten laien an (Drt unb Stelle 3ur Seite flehen 
unb ©or betn leibhaftigen Cicerone ben großen Dorteil voraus« 
haben, baß fie nur fpiedjeu. wenn fie gefragt werben, baß 
man fie aber gern fragt, weil fie 5U plaubern ©erftehen. 
ITem alfo bie troefnen Daten bes Heifchaublmchs nicht ge¬ 
nügen, bie Kusjühruttgen bes flajfijd;eu Burcfbarbtjchen 


„Cicerone" aber 3U©iel ßitb, bem fudjt ber „UToberite Cicerone" 
einen bequemen IDeg burd; bie ©erwirrenbe Beichhaltigfcit 
ber großen Galerien 31t weifen. 

Der erfte Banb ber neuen Serie ftammt ©on p. Schubring 
unb behaubeit bie Florentiner Uffaien unb beit pittipalaft. 
Cs ift ein äftbetifcher Genuß, bas rei3enb ausgeftattete. mit 
3ablreicheit (dürfen unb gut gewählten Bilberu gegierte IDerf« 
d;en 3U burchblättern. Der Derfaßer hat bie ihm geftellte 
Uufgabe mit auerfeitnenswertem Gcfchitf gelöft. befonbers 
wohlthuenb berührt bas Fehlen jener berühmten apobiftifchcn 
Sicherheit im Urteil, auf bie mau in Kunfthanbbüchern fo häufig 
unb nicht immer mit luftgefühlen floßt. S<hubriitgs Füh m 
empfiehlt ßd; nicht nur 3ur Dorbereitung unb 3ttin XlTitnehnten 
auf bie Beije, fonbern aud; 3ur (eltürc für alle, beueit es 
©ergöttnt war, am luugarno 3U waubelu, unb bie noch einmal 
bie uuocrgleichltchen Kunftfchätj» o.'r ihrem geiftigen Uuge 
©orüber3ichen laßen wollen. p. ©. 



Ubeitu nur irgenb Knlaß 311 einer etwas roßgrreu Kuf* 
faffung ber Börfenoerhältniße ©orhauben wäre, fo fönnte 
man bie herrfcheitbe, fdjier beifpiellofe (ßefchäftsoerobung 
weuigfteus teilweife mit betn Cintritt ber großen F er < en in 
gufammenhang bringen, ber alljährlich bie Bäume ber Börfe 
3U entoölfern pßegt. Ullcin biesmal liegen befanntlid; 3U* 
nächft tiefer murjtlube Knläße ©or. bie ritte allgemeine Cr* 
fdjlaffung, ja eine nahe3U ©ollftäubige Crtötung ber Unter* 
nehniungsluft f^erbeigefüt^rt haben, fo baß man nur im Dor* 
beigeh» ©on bem §ug ber Sommerfrifchler in bie Bäber unb 
ins (ßebirge an biefer Stelle 31t reben berechtigt ift. Unfer 
IHarft hat in ber lebten IDoche beit Beforb ber ( 9 efd;äfts* 
loßgfeit erreicht, nub bas will nad; ben ©orattgegangenen 
trofilofen Börfentageu fchou etwas h e *6 e n- ^ er loiiboner 
Ularft unb an feiner Seite Beuyorf fahren fort, für bie 
biesfeitige Cenbeu3geßaltuug inaßgebenb 3U fein. Da aber 
bie leiteube amerifanifche Börfe auch biesmal feinen befonbers 
hohen (Srab ©on lebhaftigfeit erreichte t:n> lonbon nach wie 
©or unter ben Schwierigfeiten 3a leiben hatte, bie bie Ueber* 
labung bes (ßolbiuiueitmarftes im (ßefolgc hat, fo blieb 
Berlin mehr ober weniger auf ßd; felbft angewiefen, was 
gegenwärtig fooiel heißt als: es war ba3u verurteilt, weiter 
auf bem Hullpuuft 5U ©erharren. 

♦ 

Das Cmifftoitsgefchäft ein3elncr (Sroßbanfen hat inbeßen 
auch in ber gegenwärtigen gefdjäftsarmen §eit, banf ber 
anhalteitben großen (Selbflüfßgfeit, eine befriebigeube Cut* 
wicfluug genommen. Der Kette ber ©oraiigegaugeueit ©er« 
fchicbcnen Beuten« unb fouftigen Cmifßonen feftper^inslicher 
XDerte fügte ßd; in biefen (lagen bie ©on ber Dcutfchen Banf 
geleitete Ausgabe ber bosuifchcit Anleihe an. Cs ift ja nicht 
3U bejweifeln, baß uufere leitettbett Banfen burd; bie (Se« 
fd?äftsftille uitb bie uiebrigen ginsiätje einen mcrflichen Bus« 
fall bei ihren biesjährigen Crtragnißen 3U ©crjeichiieu haben 
werben. Blletn biefeit 3 n ß*l utcn ßehcit an ftilleu Befcrven 
unb anberen fowohl im Kommifftons« wie im Cmifßons« 
gefd;äft mu^eliibett 0bjeften fo 3ahlreid;e Hilfsquellen 3m: 
Dcrfügung, baß man fehlgehn würbe, wenn man bie jefct 
mehr unb mehr in bie 0 effentlichfeit briugeitben Daten über 
bie Scmeftralabfchlüße eiitjcluer oft erreicht jeher Banfiuftitute 
als auf bie Crgcbniße ber großen heutigen Banfen über¬ 
tragbar betrachten wollte« Die fotnme^ielle, wirtfchaftlidje 
unb inuerpolitifche läge in 0 eftcrreich-Uugarn ift nad; mehr 
als einer Seite hin weit uugünftiger als bei uns, wenn 
auch ber Drucf ber Ungewißheit wegen ber (Seftaltung bes 
Zolltarifs unb ber Haubelsverträge, wie auch bie üblen 
IDirFungcn bes fcharfen Börfengeieöes in Deutfchlaitb fort- 
gefeit beeinträchtigeub unb reftringierenb wirfen. 

*• 


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Hummer 28 


Seite \279> 


3 n beit Krcifett unterer <Sroßßnan3 erblicft man aber 
oorerfi aud? weiterhin in ber Lage bes (SelbmarPtcs ein 
nungsoolles Moment für bie (ßejtaltuitg unfcrer ITtarPtoer* 
bältniße. Ulan oerweis’t unter anbenn auch, urtfr 3mar mit 
Bed?t, auf bie jeßt in Jluß fommenbe große Kotioerftons* 
Operation in Jranfreid}, burd? bie bem bortigen SparPapital 
ber ginsbrotPorb wieberum höher gehängt wirb. €s wirb 
bort ein Betrag oon nicht weniger als 6 789 Millionen JranP 
3 l /i projentige Beute auf ben 3 prosentigen §insfuß t|erab» 
gefegt, unb man nimmt an, baß biefe ^iitsrerPürjung oiele 
franjöfifdje Kapitaliften utnfomchr ocranlaßen werbe/ uitfere 
höher oe^ins liehen guten Staatspapiere ju Paufeu, als ja 
bePanntlieh in ber leßten Seit namentlich uufere 3 pro3eutige 
Heicbsanleibe bereits in größeren Summen nad? JranPreidj 
gewanbert ift. (Es hat fid? auch in ben leßten (Tagen bas 
<£e,'cbäft in unfern erftflaifigen Bn läge werten 3temlid? lebhaft 
gehalten fönuen, wenngleich bie Kursbewegung oorerft noch 
eine fchwerfällige geblieben ift. (Eine aU3u umfangreiche 
pia3ierung unferer Staatsanleihen im Buslanb hat allerbings 
ihre wirtschaftlichen Schattenfeiten, bie 3U leicht erfennbar ßnb, 
als baß es nötig wäre, jte l^ier febärfer 3U beleuchten. r>crus. 



Die Coten der Woche. 




jretbetr p. BuoI*Berenberg f 


Heinrich Bauer, bePaunter 3 °nrnalift, t am 8. 3 u li in 
Berlin im Blter oon 64 3 al ? rcn * 

Jreiherr oon Buol«Bereuberg, ehemaliger Beidjstags* 
präjibent t am 4. 3 uli in BabeuBaben im Blter oon 

60 3 al ren (f. Porträt). 

Bobert Byr, befanuter 
BomaufchriftfteUer, t am 30 . 
3 uni in Baben bei JPien im 
68. Lebensjahr. 

Profeffor Jaye, Bftronom, 
ehemaliger fran^öfifcher Mi* 
nijter, t am 4. 3 ul i in Paris, 
88 3atjre alt (f. porträt). 

(Scheimrat profeffor Dr. 
Bicbarb Jo er ft er, berühmter 
Bugeua^t, t am 8. 3 uI i in 
Breslau, 76 3 a h re alt. 

KonfuüPilhelmP?eui ffen, 
t am 4. 3 U Ü in Puerto plata 
(DominiPanifche BepubliP). 
profeffor Br. Keuffer, 
Leiter ber StabtbibliotheP in (Trier, t am 7 . 3 ul i- 

prof. Br. Kieffel, (Dhreua^t, t am 7 . 3 uli 11t Erlangen 
im 63 . Lebensjahr. 

< 5 eh- (Dberjuft^rat Karl 
Lüge ler, Laubgerichtspräsi* 
bent in Köln, t iin 74. Le* 
bensjahr. 

Br. Bbalbert SafariP, 

U nie erfttäts profeffor, t am 
2 . 3nü in präg 7 2 3 a h re alt. 

Bubolf Jreiherr oon 
Schmibburg, Österreich ifd?cr 
Kämmerer, f am (. 3 u ü in 
dxay 9( 3 a h re alt. 

3 oachim Siguen3a, <Se* 
fchicbtsmaler, t am 7 . 3 U ^ 
in Mabrib, 79 3 a h re alt. 

Mr. Jreb Smart, IPiener 
Sportsman, t am 2. 3 uJ i in profeffor t 

Mjrienbab im 73. Lebensjahr. 

<£eorg Bitter oon JPiniwarter, öfterrcichifcher (Sroß* 
inbuftricüer, f am 2. 3 nü in <Sra3 im Klier oon 80 3 a h rc| i- 





Bie uralte beutfehe Sitte bes preisfehießeus feierte in ber 
oergangenen IBoche in Schönhol3 bei Berlin wahre (Triumphe. 
(Es würbe hier im Beifein bes ProtePtors, bes Prisen 
Jriebrich IPilbelm oon Preußen, bes britten Sohnes bes 
Prisen Blbrecht, Begenten oon Brannfcbweig, bas XX. Mittel* 
beutfehe Bunbesfchießen abgehalteu. Bei biefer bemerPens- 
werten Peranjtaltung (Bbb. S ( 279 , (280 n. (290) waren 
ferner ber ÜTiniper bes 3 n nern Jreiherr oon ffammers*tein, 
^ausminifter oon tPebel, ber Kommanbant oon Berlin (Seneral* 
major oon fföpfner, ber 0ber* 
präfibent ber prooin3 Branbenburg 
oon Bethmaniuffollweg, berpolijet« 
präfibent oon IDinbheim, Pertretec 
ber Stabt Berlin unb ber Stabtoer* 
orbnetenoors'ieher Br. Laugerhans 
anwefenb. prin3 Jriebrich BOill^elm 
würbe oon bem faiferlidjen BanP* 
rat IPolf begrüßt. Beim Schießen 
felbft gab ber prin3 3wei Sdjüffe 
ab. Ber Perlauf ber Schießübungen 
jeigte, baß bie Schießfertigfeit bei 
uns in; ftetem IPacbfen begriffen 
unb bas 3ntereffe an ben Schüßen* 
Bereinigungen in allen Stänben 
überaus rege ift. 

Ber ffochfoinmer gehört natur¬ 
gemäß in erfter Linie bem IPaffer* 
fport, unb bei uns in Beutfchlanb 
werben bie iPafferübungen trabi* 
tionell gePrönt burd? bie Kieler 
IBoche, wenn ber Kaifer, ber bem 
IPafferfport felbft bas hödffte 3«ter* 
eße entgegenbringt Sportsmeu aus 
allen (Teilen ber IPelt um ßdj oer* 
einigt. Selbfioerftänblid? will bei 
biefer (Selcgentjeit auch unfere Bla* 
riue 3eigett, baß fte mit ben 
(Teerjacfeu aller Läuber erfolg* 
treten Patin. Unter ben Bugen 
wirb bann eine interne IPettfaljrt 
auf bem Kieler £}afen oerauftaltet, an ber ftd? faft alle Jahr* 
3euge, bie augenblicflich in bem größten beutscheu Kriegs¬ 
hafen liegen beteiligen. Unfere blauen 3 ul, 9 en legen fid? 
bann mit gaii3 befonberer Beroe in bie Biemen, gilt es bodj, 
bem Kaifer unb feinen (Säs'ten 3U 3eigen, baß fie Kraft in 
ihren Jäuftcn h a ben unb mit <ße;chicf bie Buber 311 führen 
wißen. Bie Buberregatta auf bem Kieler P^afen (Kbb. S. ( 288 ) 
ift ein wahrhafter Jejitag für bie Ularine, es wirb oon 
Kabetten unb (Dffr^iereii mit einer Leibenfchaftlichfeit gcPampft, 
bie erPennen läßt, baß es ihnen €rnft ift nin ihren fd?weren 
Beruf, uub bie Sieger in biejem IDcttfireit fühlen ßd? natürlich 
90113 bejonbers geehrt. 



Dom XX. mittelbeutfdjen Bunbes* 
fd?iefeen in Berlin: 
p a u I <D p i ft (Berl. Sdjätjfnöiilbc) 
Sieger auf ber Stanbfcf^eibe 
U5 m €ntfemung. 


rcid? in bie SchranPen 
bes oberften Kriegsherrn 


Buch in tfeapel hat man wohlgelungene Segelregatten 
abgehalten. IPir feheit bie fchlanPeit 3 fl d?ten (Bbb. S. ( 288 ) 
im jehönfteu (Sewaßer bes (Erbenrunbs, bem (Solf oon Beapel. 
Buch in 3talien ift ber IPaßcrfport in erfreulichem Buf* 
fchwung begrißen. 


Uetcr bem B)aßerfport wirb natürlich ber Sport auf bem 
Laube auch nicht oergeßcu. (Troß ber E)iße, bie 3eitweife in 
ben oergangenen (Tagen t^errfchte, übt man überall bas eble 
Luwutemtisfpiel, in allen großem Stäbten Beutfchlanbs ftnb 
heute fchou überall prächtige Spietpläße angelegt, unb unfere 
männliche uub weibliche 3ugenb tummelt ftch in bem grajtöfen 


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Sette J280. 


Hummer 28 



©eneralfeutmmt Pofyeipräfibent Priti3 $rict>ri<fj 2 Viß}eIm. 
pon ööpfner. non UOinbfjeim. 

Dom XX. mtttelbeutfdjen Sunbesfdjt efjen in Brrlin: 

Prin3 $rtebrid> tüilbclm bei ben Sd?eibenflänben. 

Spiel. 3 n München mar ein internationales £amntennistnrnier 
(Hbb. S. 1288 ) arrangiert tvorben, auf bem bie Müncf?ener 
ihre vortrefflichen £eiftuitgen äeigten. 

j 9 

Halbem in Berlin bie leibige fjunbefperre aufgehoben 
mar, regte ßd? auch mieber bie £uft am £?unbefport. Der 


herein „Rector" hat im SportparF Jriebenau eine fjimbe- 
ausftellung vrranftaltet (Hbb. 5 . 1290), beren Katalog 
700 Hummern aufmies, ein unftreitig fdjöner (Erfolg. 3 U 
ber großen Sporthalle mar bie Sonberausßellung bes (Tetfel- 
Flubs untergebracht, mährenb (ich bie Sonberausftellungen 
bes beutfehen unb bes nationalen DoggenFlubs, fomie bes 
BarfoiFlubs in ben breiten IVanbelgängen 3mifchen ben £amn- 
tennisplätjen befunben. Man fah Prachtexemplare unter ben 
3 agbhutiben unb ben größeren £ujushunben, mie Bernhar- 
hinein, £eonbergern unb Heufuttblänbern. (Ebenfo maren glatt- 
unb rauhaarige (Terriers gut vertreten. 

J* 

Vielleicht bas eigentümlichße pferberennen, bas jemals vor- 
geFommeit iß, mürbe vor einigen (Tagen in ber fjöh* von Kuj- 
tjaven bei bem Küftenborf Duhnen (Hbb. 5 . * 320 ) abgehalten. 
Die Hennbahit ift mährenb ber Jlut von fchämnenbem Meeres- 
maffer bebeeft, erft bei eingetretener Ebbe mirb bie Bahn frei 
unb troefen unb Fann für Hen^mecFe benuftt merben. dhatfäd?* 
lieh Fann man alfo fagert, baß bas Hennen auf bem Meeres* 
grunb vorgenommen mürbe. Der Verlauf bes Hennens, bas 
von mehr als *o ooo perfonen befudjt mar, hat ge3eigt, eine 
mie vor3ügliche Hennbahn bie IVatten abgeben, bie leicht, 
elaftifch unb frei von allem Staub unb ähnlichen Belüftigungen 
für bie Heiter fttib. Die 3 & c * ift jebenfalls als eine h 0< h* 
originelle 3U be3eid?nen. a. C. 

*9 


CQKe wird das (öetter werden? 


.Mehr als fonft bemegt 3ur Sommer3eit ben £anbmann 
nicht minber mie ben erholungsbebürftigen Stabtflüchtling 
eine frage, bie täglich in 3ahllofen Varianten von hunbert- 
taufenb £ippen Flingt: mie mirb bas IVetter merben? Da 
ift es roohl nicht unangebracht, einmal ein paar IVorte über 
bie Kunß unferer „IVettermacher" 3U fagen unb über bie 
Husßdjten, bie ftch ihnen auf £öfung ihrer nicht eben banF* 
baren Hufgabe bieten. (Seftehen mir im voraus, ba es ja 
hoch ein öffentliches (Seheimnis ift: mir Knlturmenfdjen, bie 
mir’s fo höflich »eit gebracht haben, mijfen trotj unferer 
tiefgrünbigen Kenntnis ber verfchiebenen Haturgefe^e 
menig von ber Fünftigen (Seftaltung bes IVetters! 

IVie Fommt bas? Die Bahn ber (Seftirne Fönuen mir 
vorausbeftimmen für bie 3 a h rtau f enöc » auf Bruchteile von 
SeFunben genau, unb IVolFen unb IVinbe, bie uns fo viel 
näher finb, bleiben uns unberechenbar? Unb bennod? hat 
biefe (Thatfache bei näherem gufehen nichts Ueberrafchenbes an 
(ich: bie (Sefetje, bie ben TjimmelsFörpern ihre Bahnen meifen, 
finb einfach unb unmanbelbar, ße laßen ftch mathematifch 
formulieren unb gelten für §eit unb (EmigFeit. Die 
IVitterungsvorgänge aber ßnb vielgeftaltig unb unberechenbar 
mie bie (SebanFen unb (Triebe ber Menfd?en. ljunbertfach 
greifen bie JaFtoren ineinanber, bie bas IVetter bebingett, 
unb jeber JaFtor ift babei Urfache unb IVirFung äitglcich: bie 
Strahlung ber Sonne beeinflußt 3. B. ben IVinb, ber IVinb 
feinerfeits bie BemölFung unb bie BemölFung mieber bie 
Sonnenftrahlung. Unb bie ei^elnen Beeinfluffungen in biefem 
Kreislauf finb babei mieber unenblich mannigfaltig unb 
mobulationsfähig unb merben außerbem noch bur<h 3ahlIofe 
anbere JaFtoren möbliert, bie fte 3. (T. auch ihrerfeits 
mieber beeinflußen: (Temperatur, £uftbru<f, Hiveauverfchiebem 
heiten, Bobenbefdjaffenheit, (Tages* unb 3 a h res 3 e *i/ geogra* 
phifdje ^ a 9 c u. f. m. 

Huf rein theoretifchem IVege, burch mathematifche Jormeln 
ben (Sang ber IVitterung vorherjubeftimmen, bürfte für 
immer unmöglich bleiben. HUes, mas bie praFtifdie IVetter* 
vorherfage 3U erhoßen h at / Fann f ie lebiglid? von ber empiri* 
fchen jorfdjung ermarten. Hur auf ber (Erfahrung, auf ber 
StatiftiF, auf feften Hnalogiefchlüßen Fann eine vernünftige 
IVetterprognofe bafieren — baher ift bie IVißenfchaft vom 
IVetter, bie Meteorologie, ein fo ungemein mistiger <§meig 


am Baum ber Haturforfchung, benn fie vermittelt uns bie 
Kenntnis von ben Vorgängen, bie 3ur Schaffung eines be* 
ftimmten IVitterungstypus 3ufainmenmirFen unb unter ähn¬ 
lichen Vorbebingungen auch ftets ähnliche Hefultate 3eitigen. 

3 n befchränFtem Umfang hat bie ITTöglichFeit einer IVetter¬ 
prognofe feit ben älteften feiten beftanben unb ift auch ftets 
unb überall nach Kräften ausgenütjt morben. (Semifle „Vor- 
3eid?en" ber IVitterung mußten bie Menfd?en fchon in grauefter 
Vo^eit 3U beuten: mie ftd? ein Sturm, ein (Semitter, ein 
Hegen, ein John an3uFünbigen pßegen, mie man an ber 
abeitblichen Järbung bes Rimmels, an ber Klarheit ber 
£uft bie Fünftige (Seftaltung ber unmittelbar bevorftehenben 
Witterung mit großer Sicherheit erFenneu Fann — bas ge¬ 
hört 3U ben erften geiftigen (Errungenfchaften, über bie bas 
Menfchengefdjlecht überhaupt verfügte. (Erft als bie mächtig 
aufftrebenöe naturmißenfchaftliche Jorfdpung 3ur Beobachtung 
bie (Theorie gefeilte, Fonnten neue IVege für bie IVetterprognofe 
gefunben merben. <£rft mußte (Torricellis michtige (Entbecfung 
bes Barometers (* 6 <* 3 ) uns bas IVefen bes £uftbrucfs enthüllen, 
mußten bie (Sefege erFannt merben, nach benen ßch bie (Se* 
biete mit relativ höherem unb relativ tieferem £uftbrurf fort- 
3ubemegen pßegen, ehe man imftanbe mar, bie prognofe 
ber IVitterung auf eine breitere Baßs 3U ftellen unb mit 
größeren Mitteln 3U ermöglichen. IJin3uFommen mußte bie 
fiaunensmerte (Entmicflung aller §meige ber (TechniF im 
großen 19 * 3 a hrhunbert, um bas, mas man theoretifd? neu 
gelernt, praFtifd? in bie (Et^at umsufe^en. (Erft mußte uns 
bas IVunber ber (Telegraphie befeuert merben, erft mußte 
bas moberne ^eitungsmefen 3U feiner heutigen Blüte gelangen, 
bamit bie meteorologifche IVißenfchaft uns in greifbarer (Se* 
ftalt (Tag für (Tag vor Hugen führen Fonnte, rnelche früher 
unbeFannten Mittel ße gefchieft an3umenben meiß, um aus 
bem heutigen IVetter Schlüße auf bas morgige 3U 3iehn. 3 n 
ber IVetterFarte, mie ße bie großen Leitungen dag für (Tag 
3U bringen pßegen, Fonbenßert fid? alles Können unb IVißen 
ber meteorologischen IVißenfchaft, fomeit ße rein praFtifdjen 
gmeefen bient. IVas ftecFt in fold?er oft fo menig beachteten 
IVetterFarte alles brin! IVas gehört ba3u, um am nach¬ 
mittag jebes (Tages burch IVort unb 3 ^ufiration für jeber* 
mann 3U veranfchaulichen, meid? IVetter um ad?t Uhr morgens 
am gleichen (Tag über bem gan3en Kontinent geherrjdjt h«tl 


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stummer 28. 


Seite \28\. 


XPie riel Kopfe unb XJänbe mußten ba pünPtlid? 5iir Stelle 
fein, um ein foldjes Hefultat 3U erzielen! XPetterbeobad?ter, 
(Eelegraphenbeamte, (gelehrte, Schreiber Kartenzeichner, 
dlidjefertiger, HebaPteure. Setzer, Drucfer — fte alle fiub (Teile 
ber großen Kulturinafcbine, bereu einzelne Häber fo PorrePt 
unb fidler ineinanbergreifen unb uns im £auf meniger Stunben 


tagtäglich ein XPerP liefern, bas n>iffenfd?aftlid? unb praPtifcf? 
pon gleid? hohem XPcrt ift, unb an bem fcod? bie große ITTenge 
meift achtlos unb oerftänbnislos uorübergeht wie an allen 
IPunbern bes HOtags. 

Die XPetterParte ift bas A nnb Z jeglicher XPetterprognofe 
auf wiffenfchaftlich*ejaPter (grunblage; mag fte aud? auf ben 
erften Blicf ben faien etwas frembartig unb rätfelhaft an« 
muten — bas Derftänbnis für bas Diele, bas fie 3U fagen 
hat, ift für einen halbwegs intelligenten XTfenfd?en leicht 3U 
erwerben. Die XPetterParte uermag uns erheblich mehr 3U 
fagen, als bie ihnen beigegebene textliche „prognofe 44 , über 
bereu leiber unoermeibliche Unbeftimmtbeit unb Dielbeutigfeit 
ftd? bas publifum mit Stecht fo oft bePIagt unb luftig ma;t?t. 
Unoermeiblich ift aüerbings biefe Hehnlid?Peit ber textlichen 
XPetterprognofe mit ben berühmten belphifd?en guPuufts« 
weiffagungen, weil bie Prophezeiungen ftets für ein größeres 
£änbergebiet gleichzeitig ausgegeben werben muffen. Unb 
ba nur recht feiten ber tägliche Derlauf ber XPitterung über 
einer größeren £anbßäd?e ber gleid?e ift, ba es feiten überall 
rollig trocfen bleibt ober überall regnet, feiten überall ber 
gleiche XPinb, bie gleiche BewölPuitg u. f. w. henrfd?t, fo ftnb 
bie einfd?ränfenben Kusbrücfe wie „Deränberlici?", „Peine 
ober unerhebliche Hieberfd?Iäge 44 , „Steigung 3U Hieberfd?lägen 
ober (gewittern 44 , .umlaufenbe XPinbe" u. f. w. thatfäd?Iid? 
nnoermeiblid?. XPer aber bie XPetterParte 3U lefen rerfteht, 
ber bebarf nid?t erft folcher fürs £aienpubliPum berechneten, 
in fo überaus rorßchtiger XPeife abgefaßteu Prognofen, 
fonbern lieft aus ben £inien unb feltfamen geid?en ber Karte 
mit wenigen Blitfen weit mehr h ef aus, als ihm ber be* 
gleitenbe, Pur3e (Eeft je fagen Pann. 

<£s Pann an biefer Stelle nicht weiter eingegangen werben 
auf alle bie d?araPtertftifd^en Kennzeichen typifd?er XPetter« 
lagen. Hur einige wenige Hnbeutungen mögen noch gegeben 
werben. Daß im (gebiet h°h*N £uftbrucfs ftets ruhiges 
unb meift h^teres XPetter h*Kf<ht' bürfte befannt fein. Der« 
artige (gebiete, barometrifche XHarima genannt, weifen gern 
ejtreme (Temperaturen auf, wie fte im (gefolge Plaren XPetters 


oft auftreten: im Sommer X^e, im XPinter frofi, wäfjrenb 
bie barometrifchen (Eiefbrucfgebiete (Deprefftonen, XTtinima) 
in ber Hegel Pultes Sommer« bezw. mtlbes IPinterwetter, 
Hieberfd?läge unb ftärPere XPinbe mit fid? bringen. Diefe 
XTtinima wanbern im (gegenfafc zu ben X}od?brucfgebieten. bie 
meift tagelang, zuweilen wochenlang auf faft bem gleichen 
<flecf uerharren, uerhältnisinäßig rafd? uorwärts, 
im wefentlichen oon XPeft nach ©ft ober bod? mit 
einer ftarP 5 ft liehen Komponente, unb haben 
außerbem bie Heigung, bie X)od?brucfgebiete im 
Sinn bes Uhrzeigers 31t umPreifen. Sie uer* 
folgen babei, was für bie prognofe befonbers 
wichtig ift, mit Porliebe gewiffe gugftraßen, wie 
oan Bebber gezeigt hat. 

Die am hänftgften benutzten gugftraßen finb 
in ber beifolgenben geichnung wiebergegeben, 
Jür Deutfehlanb am wid?tigften unb gefährlid?ften 
ftnb barunler bie Deprefftonen, bie auf ben als 
lila unb Vb bezeichnten, glücflicherweife nicht 
allzu häufig benutzten gugftraßen einherziehen. 
(Erftere bringen uns faft alle unfere größeren 
XPeftftürme, letztere 3umeijt bie großen Bieber« 
fdjläge unb Ueberfd?wemmungen, uon benen 
©efterreich unb bas füboftli<he Deutfchlanb nicht 
feiten 3U leiben hoben. 

Die Uusfichten einer einigermaßen fidleren 
Prognofe auf längere geit (mehr als 2* ober 
höchftens ^8 Stunben) ftnb leiber fehr ungünftig. 
Hur in ganz oereinzelten fällen ift fte möglich, 
im übrigen aber ift ein betaiüiertes prophezeien 
auf längere geit h* naus aus ben anfangs bar¬ 
gelegten (grünben fo gut wie uöUig unmöglich 
unb bürfte oielleicht auch immer unmöglich 
bleiben. (Es muß bies ausgefprochen werben — 
mag biefer wenig tröftliche Husblicf aud? recht 
nnbefriebigenb fein! Die meteoroIogifd?e XPiffen« 
fd?aft giebt offen 311. baß fte nicht imftanbe ift unb wohl 
nie fein wirb, für längere geit im uoraus bas TDetter 
mit genügenber Sicherheit 3U beftimmen. 3 n f°i9 e beffen finben 
bie 3ahlIofen meteorologifchen ©uacffalber fo utel gufpruch, 
uon benen angeblich jeber bas einzig fidlere Bezept beft^t, 
bie XPitterung auf UTonate unb 3 a h re uorljer 3U beftimmen. 
€s geht leiber in ber Xtteteorologie wie in ber Uleb^in: 
Peine Behauptung ift fo bumm, baß fie nicht ihre Anhänger 
finbet. X?ier fei nur ausbrücflicb Ponftatiert, baß Pein 
einziger uon ben nnenblich zahlreichen XPetterpropheten, 
bie allerorten ungebeten ihre XPeisheit uerzapfen unb 
manchmal 3U unoerbienter Popularität gelangen, wiffen« 
fd?aftlid?e Beachtung oerbient. 

Begnügen wir uns 3imächft mit bem Xnöglid?en unb 
jagen wir nicht locfenben (Trugbildern nach! Huch mit bem 
heutigen wiffenfchaftlichen prognofenwefen auf Purze geit 
läßt ftd? < 5 roßes erreichen unb unenblich uiel Segen ftiften, 
befonbers für bie £anbwirtfchaft nnb noch oiel mehr für bie 
Schiffahrt, bie ftd? fehr wohl bewußt ift, wie uiel DanP fte 
ber XTTeteoroIogie 3U 3ollen hat. 



Die Krönungsparabe in £onbon (Kbb. 5 . 1285 ) hat, 
obwohl bie Krönung felbft wegen ber dErPranPmtg bes Königs 
ausfallen mußte, bod? ftattaefunben, entfprechenb bem XPunfche 
bes in ber (genefung befinblichen patienten, baß bie einmal 
in 2lusftd?t genommenen (feft!id?Peiten, foweit es angeht, 
aud? abgebalten werben möchten. Kn ber (Truppenfd?au 
nahm aud? bie Königin Hleyanbra teil, bie bis bahin bas 
Burfinghompalats nid?t rerlaffen hatte, ba fte ftd? gan3 ber 
Pflege ihres (getnahls wibmete. 



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Seite \2 82. 


Kummer 28. 


Das Deitfmal Kaifer IVilhelms I. auf ber Ejohen* 
fyburg (Kbb. S. 1286 ) ift am 30 . 3 u,t * unter außerorbent* 
lieh reger Beteiligung feierlich enthüllt werben in Gegenwart 
bes Kronpritijen, ben ber Kaifer mit feiner. Vertretung bc* 
auftragt hatte. Die Prooin3 IVeftfalen barf auf bas IVerP 
O0I3 fein, öie monumentale Einlage, aus ber bas Heiterftanb« 
bitb bes alten Kaijers ungemein wirPfain l^eraustritt, macht 
einen bebeutenben Einbrucf, würbig bes Begrünbers bes 
neuen Deutfchen Hetcbes. 

Kaifer friebrichbenfmal in £efjnin (Hbb. S. 1284). 
3 tn Klofter £ehnin ift bem Kaifer ^riebridj ein DenFmal 
errichtet worben, beffen feftlid^e Enthüllung am 29. 3 un * 
ftattfanb. Hus ber gan3en Umgegenb mar bie BeoölFerung 
3ufammengefirÖmt, um ber vfeier betytmohnen, bei ber fid? 
ber Kaifer burch ben Prisen Jriebrid? fjeinridj oertreteu 
lieg. Die Kriegeroereine aus etwa Dreißig 0 (ten bes Kreifes 
gaucfj-Be^ig erfdjienen mit ihren Jahnen unb brachten fo 
reiche Hbwechslung in bas äußere Btlb. Die Statue, bie ber 
Berliner Bildhauer t?ans Hruolbt gefd;ajfen hat, hat ihren 
piaß nahe ber 3ur Erinnerung an bie ^reiheitsfriege ge« 
pflan3ten (fricbenseidje gefunben; »e fteüt ben Kaifer in ber 
Uniform feiner pafetoalFer Kürafftere mit t^elm unb Küraß bar. 

3 ubiläumsausftellung in Baben*Baben (Hbb. S. 
( 285 ). Eine originelle 3 & ee ift in Baben-Baben 3ur Bus* 
führung gefommen; in beut einft ron ber Großherjogin 
Stephanie, ber Hboptiotochttr Bapoleons, bewohnten Palais 
fjamilton hat man eine Husftellung oon wertoollen Kunft« 
werFen unb anbern SehensatürbigPeiten aller Hrt ocranftaltet, 
bie fich im prioatbefiß btftnbeu, im allgemeinen aljo ber 
Befidjtigung nicht jugängtid} ftnb. Der Großhe^og unb bie 
Großhe^ogtn toohnten ber Eröffnung ber Husftellung bei, bie 
mit Hüctficht auf bas Hegierungsjubiläum im Hpril biefes 
3ahres als 3 u i > iiäumsausftellung be3eichnet wirb. 

Soen Ijebtns fjeimPehr (Hbb. 5 . ( 287 ). Bach brei- 
jähriger Ubrucfenheit ift Dr. Soen fjebin oon feiner $ orfrhungs« 
reife burch bas tibetanifd?e tjochlaub toohlbehalten rnieber in 
feiner fd)webifchen Heimat eingetrojfen. IHehr oon Glücf 
begünftigt als bie Borbpolfaljrer hat er, toie er mit Genug* 
thuuug nach feinet/ HnPunft in Stotfholm e^ählte, fein Heife« 
Programm in allen öffentlichen punften erfolgreich Durch« 
führen Fönnen. Ueber bie Ergebniffe feiner jforfchungen ge¬ 
ben Pt er noch im Lauf bes Sommers ein populäres IVerP 311 
fchreiben, bann toill er barüber in ben größeren Stäbten 
Europas toiffenfehaftliehe Vorträge halten unb nachher rnieber 
nach (Eibet gehen, um weiter 31t forfcheit. 

Eine GebenPtafel tn ber Kieler Garnifon Fird?e 
(Ubb. S. ( 285 ) für bie bei ber Ebinaejpebitiou gebliebenen 
0fft3iere unb XHannfchaften ber 0 ftfeeftation unferer ITTarine 
ift am 30 . 3 uni glei^eitig mit einer folgen für bie 0 pfer 
ber „Gneifenau M «Kataftrophe enthüllt worben. Der Kaifer 
unb bie Kaiferin nahmen mit ben übrigen in Kiel anmefenben 
<fürftii<hfeiten uitb ber HDmiraiität an ber Jeier teil. 

Die leßte porträtaufnähme bes Königs Ulbert 
oon Sach feit, bie ber Ejofphotograph U?. f^öffert in Dresben 
gemacht hat, haben wir in unferer Br. 26 oeröffentlicht. Von 
E^errn fjofphotographen 0 tto ITTayer in Dresben wirb uns nun 
mitgeteilt, baß bies nicht überhaupt bie leßte Aufnahme bes 
oerewigten 2 Ttonard;eu gewefen ift, fonbern baß er noch fpäter 
eine foldje aufertigen Durfte. 

profeffor Karl HeinecFe (Ubb. S. (289) h a * fein Umt 
als Stubienbireftor am Königlichen Konferoatorium ber ITTufiP 
in Leipzig niebergelegt, nachbem er fchon oor einer Heihe 
oon 3 ah ren *>ou ber Direftion ber berühmten Gewaubhaus* 
fon5erte 3urücfgetreten war. IVenn Beiuccfe fich jeßt, nach 


VoHenbung bes ad? tun bfieb3igjien Lebensjahrs, entfchloffen 
hat. ben Heft feiner (Eage in Huhe 3U genießen, fo barf er 
es mit bem Bewußtfeiu thun, baß er feiner Kunft nicht nur 
treu unb ehrlich gebient, fonbern fie auch mannigfach geförbert 
hat. Ein oorsfiglidjer Klaoierfpieler, namentlich ein aus« 
ge3eicbneter 3nterpret Unarts, hat er 3 a h r 3 c h*tte hfnburch 
eine erfolgreiche päbagogifche (EhätigFeit ausgeübt, nebenher 
aber auch große Erfolge als Schriftfteller unb Komponifi e^iclt. 

Ct* 

Verfammlungen unb j^efte (Ubb. 5 . (289, ( 32 ( unb 
(324). Große Vereinigungen unb Verbänbe finben wie in 
jebem Sommer, fo auch jeßt in allen (Eeilen Deutfchlanbs 
ftatt. So würbe in Pofcn ber Samaritertag übgehalten 
währenb in Dresben bie freiwilligen SanitätsFolonnen 00m 
Boten Kreu3 im Königreich Saufen ihren britten Verbanbstag 
ocranftalteten unb Etfenach ben fiebenten Vertretertag bes 
Verbanbes Deutler (Eechutfcher Dochfchulen in feinen 
ntanern fah- 

CbS 

Uns aller (Veit (Ubb. 5 . ( 32 ( bis 1324 ). Prin3 
Hupprecht ron Bayern ftattete Pür5lich ber Stabt Brürfenan 
eilten Befuch ab, um an ber Einweihung eines feinen Barnen 
trageuben, oom bayerifchen VerFehrsoereitt erbauten Erholungs* 
unb (Seuefungsheims bei3uwohnen. — Das 3 u ^ l ^um ihres 
hunbertjährigen Befteheus feierte Für3lich bie ametiFanifche 
inilitäraFabemie in XVeftpoint in (ßegenu art bes Präfibenten 
Hoofeoelt unb 3ahlreicher anberer Ehreitgäfte. Uls Vertreter 
Deutfchlanbs war außer bem IVafbingtouer <Sefanbten oon 
fjolleben uoeb eine Sonbergefanbtfchaft anwefeub, nämlich ber 
Kommaubeur bes £ichterfelber KabettenPorps IHajor oon 
IVißleben, unb fjauptmann ITTülmann, ein £ehrer ber Uuftalt. 

— 3 n Deutfihfübwcftafrifa ift am (. 3 U ^ Strecfe 

ber Eifeubahu SwaFopmuub« 2 VinbhoeF eröffnet werben. 

— Der beutfehe (Sefaubte in Hio be 3 a neiro, £)err oon 
(Ereutler, ftattete Pür3lich ber Stabt porte UUegre einen Be« 
Befuch ab unb nahm au ber Enthüllung bes oon ben bortigen 
Deutfdjen bem f ürften Bismarcf errichteten DeuPmals teil. — 
Die 3 ufel ^elgolanb hat Pür3lich, ba ber alte ben Knforbe« 
riiugen bes SecoerPehrs nicht mehr genügte, einen neuen, bei 
weitem höheren £euchtturm erhalten, ber fich nachts burch 
helles BlinPlicht auf große Entfernungen beineiPbar macht. 

*3 

Perfonalien (Porträts S. (286 u. 1324). Sein ffiuf3ig* 
jähriges Dieuftjubiläum feierte am (. 3 u l* öer (Seneral« 
leutnant3- D. oouBoguslamsfi, Der als militärifcher Schriftfteller 
(ich bes größten Hnfehens erfreut. — Hls Bachfolger bes 
füglich oerftorbenen Dr. Kügler ift ber IHiuifterialöireftor 
im IHinifterium bes 3 Ttn eru peters 3um präfibenten bes 
preußifcheti 0beroerwaltungsgerichts ernannt worben, peters, 
ber im 6(. Lebensjahr fleht, h a * öem 0beroerwal!ungsgericht 
bereits oon 1^92 bis (899 3uerft als Bichter, bann als 
Senatspräfibent angehört. — Kn Stelle bes I?errn Douiner, 
ber aus bem Kmt gefchieben ift, um in Paris feiueii parla« 
mentarifcheu pflichten als ITlitglieb ber DcputierteuPammer 
genügen 3U Fönnen, ift 3Uin (ßeneralgouoerneur oon 3nöo« 
chiita 2 Hon(ieur Beau ernannt worben, ber feit bem oorigen 
3ahr ben poften eines frait3Öfifcheu Eefaubten in pefiug 
oerfehen hat. — 3 n DTünchen ift, so 3ahr* alt, ber frühere 
Direftor ber bayrifchen KriegsaPabemie Generalmajor 3. D. 
0 tto Kleemann geftorbeu. Kleemann, ber auch oielfach 
fchriftftellerifch thätig gewefen ift, galt als Hutorität in bent 
Gebiet bes JeftungsPrieges unb ber Befeftigutigslehre. — 3 n 
Jranffurt a. ITT. ift ber frühere 0 berregiffeur Der oereinigten 
Stabttheater ^riebridj Schwemer geftorbeu. — ifrau Dina 
ITTahleitborff, eine bisher unbePaunte Sopraniftin, würbe nach 
erfolgreichem Gaftfpiel als ITTargarethe unb ITTicaela an bie 
Königliche 0 per in Berlin engagiert. — Beben ben per« 
fonlichPeiten, bie aus Kitlaß ber Krönungsfeierli-hPeiten in 
Englanb Kus3eichnuugeu erhielten, befiubet fivi? auch ber be* 
rühmte Schaufpieler unb SchaufpielbirePtor Charles IVynDhan. 
3 hnt hat König Ebnarb ben Kbel oerliehen. 


'<U>- 


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Prof. in. ßofmeter. Prof» Philipp Siöfcjr. Prof. oon Öiircftyarb. Prof. Srcttnet. 

Prof. (Beorg Scf?oit 3 .; 23aYrifd?er Kultusminifler oon Canbmann. prof. KHIcfen. 

Prof, oon 5rey. prof. CI?» IHcurer. Prof. Üofj. 


Zum TOtirsburger dniverfttätdkonfUfet. •> 


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Seite * 28 $. 


Hummer 28. 


I. poti Sodjom (piejjon?). 2. ^rl. pon Kodjon?. 3. pon Hod>otP (Hetfabn). <k <5rof ^flrflenflem. 5. Conbrat pon (Efd?irsft. 6. prinj jeiebrid} £jetnrid}. 

7. ^rau pon Hodjorp. 8. IHojor pon Hodjorp. 9. ©eneralleutnant pon Cicbert. 

Sefud? in ( 30 I 301 P bei Cebnin. 
pi]Ot 5 r * Sdjröber, Sranbenburg a. Jj. 


Prin3 ^riebrid? £)ctnrid?. 

Oie Sntbiillung des Raiter friedricbdenhmals in Lebnin durch prinz friedncb Heinrich von preussen» 

pi'ot. £}. ^ernsborf, 53cl3ig u. Cetjnin. 


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E>on bcr «Enthüllung ber ©ebcnftafei für bie in £t?ina gefallenen I1lannfd?aften: 

Das Kaiferpaar mit dem flarineoberpfarrer Rogge nach der feierlichkeit vor der Kieler Oarnifonkirche. 

pijot 21. Scnarb, Kiel. 



v&roflijerjog von Baben. 2. ©tofcbcrjogin von Baben. 3. Ptinjeffin ^ürjlcnberg. Bürgeinuifta ^icf r. 5. ©cfyeimrat fraape. 6. Direftor 5d?aü. 7. von Jasberg. 

Die lubiUumsauerteUung von Kunftwerken im BamUtonpalais zu Baden-Baden: Brosoherzog u. Brossherzogin v. Baden verlarren die Kapelle. 

ßofpliot. XD. Kunfcenmnller. BabervBaben. 



hi 

: ttÄb' 


mÜ» mVjZtm 


Du erftc Ausfahrt der Königtn von Gngland wahrend der Krankheit des Königs: paradc der Kolonialtruppen in Hldcrsbot. 


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Seite 1286, 


Hummer 28. 



Das durch den Deutfehen Kronprinzen enthüllte Kaffer ÜEIilheltndentrtnal auf Koben fy bürg in BJeftfalen. 

Pfjot. IHunM, Sd?o>crte. 



Generalmajor 3 . D. Kleemann, IHöncfjcn f 
Direftor ber Kriegsafabemte, 
bebcutenbcr XTlilitdrfchriftflcUer. 


Kronprinz friedrich Wilhelm 

mätjrenb ber Gnttjfillung bes Denfmals auf f?ot}enfxburg. 
pljot. tltunfcl, Sd?n?erte. 


tflmifterialbircftor Peters, 
mürbe 3 um präfibenten 
bes ©berucrroaltungsgeridfts ernannt. 


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Hummer 28, 


Seite {287, 



Sven 


2 luf &er f?eimfai}rt 


5oen §eMn. 

2lnfunft in Stocfijolm. 



Dr. Sven §eMn 511 ^anjc. 

Die Heimkehr des berühmten forfchers Sven Hedin aus piittelafien* 

Jlufnafjmfu oon i?ofpbot. 2t JMomberg, Stocfijolm. 



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Seite *288 


Ztummcr 28. 





1* pumntcrer. 2. Knorr. 3. Pichl. 4. Heicbel. 5. PilpF. 6. Cottidj. 7. Cinbpnintner. I. $rl Kaufmann. 2. 5 r I. tnclliug‘’r 3 Baronefc llngeltir. 4 ^rl. Sinnet. 
Pas 3»itcmationalc Cauniteunisturnier in IHünd^cit: ©ruppeubilb Der Sieger unb Siegerinnen. 


üon ber iiegatta in Heapel: Pie 3ad}tcn ber italieni j djen marine. 

Bilder aus dem öportleben. 

Aufnahmen non K. Kcnarb, Kiel, Pr. rtcuflätter, ITlüncbcn, unb Cb. Kb6niarar, Kom. 


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Hummer 28. 


Seite {289. 




prof. Karl Kein ecke, der bisherige Studiendirektor des leipziger Kon fervatoriums, Inmitten feiner Schäler. 

pfyot. <5. Brofefd?, Ceip 3 tg. 


I. prof. Zimmer, Setjlenborf. 2 . Pr. Höbiger, ^ranffurt a. Ut. 3. 3 u Ü«3 ra t Pr. Ceromsfi, Stabtoerorbnetenporfteber, pojen. Stabtrat Ungrr. Pufen. 
S. Sanitätsrat Pr. vaoibfobn, Sdpieibrm&bl. 6 . <S5eb. JTlfb^inalrat Pr. Pietrid? Pom tfultusminifterium, Berlin. 7. f^auptmann Säubert, Pofen. 8 . Heg.* 
Hffeffor Sd?mäle. 9 . Pr. Kormann, £eipjig. 10. Prof. Pr. partfd?, Breslau. U. ©berturnleijrer Klofj, pofen. 12. Pajlor Coytfe, pofen. 13. Canbgertdjts* 
präftbent ©ifeoius, pofen. 14. (Seneralarjt BiÖaret, pofrn. 15. ©berflabsar 3 t Pr. Püms, Cetp 3 ig. 16. <&rceHemt>on Bergmann, Berlin. 17. ©berpräfibialrat 
tflfon. pofen. 18. ©berb&rgermeijler IDitting, pofen. 19. ©bera^t Pr. 3affe, Pofen. 20 . Prof. Pr. (Seorge Pleyer, Berlin. 21. ©eb. Sanitätsrat Pr. Paul?, pofrn. 

Gruppenbild vom Samaritertag in pofen. 

Cjofpfjot. 3 . €ngelmnnn, pofen. 




* V 


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Seite 1290. 


ZZummer 28, 



Kaiferl. Banfrat IPolf, Borfigenber bes Kusfcbuffcs. 2. Cangc. 3. Hcticfyag. <$. iloatf. 5. H. tPünfdmgel. 

Das XX. jvütteldcutrcbc Bundesrchiessen in Bchönholx bei Berlin vom 6 . bis 12 . “Juli: Der fertausrehuss. 

ptjot f?ans jninfe & € 0 ., Berlin. 



Prämiierung ber offenen Klaffe ber langhaarigen St. Bernbarbräben. 

Die Bundeausrtellung des Vereins „Bector" in Berlin am 5 . und 6 . ^uli. 

Spejialaufnahmen für bie ..IPodie*. 


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Hummer 28. 


Seite {2<H. 


jOallla. 

©ine Heifeerirtneruug von Diftor von Kohtenegg. 


d? fab bie beibeit 311 m erftenmal auf bem Dampfer 
nadi ©jebfer. Sie fielen mir gleid? auf. Kls id? 
in bie DecfFajüte eintrat, einen Fleinen, mit 
Ceber gepolfterten Salon, faßen fie fd?on vor einigen 
ftrohgelben Koteletts; bas Ijeißt, bie 5rau führte Faunt 
einen Bijfen 3 unt UTuttb, unb nad? einer IDeile ntifcbte 
ber ©atte aus einem Kryftaflfläfchd?en ein paar (Tropfen 
in ihr f eltermaffer. Die 5 rau lächelte unb nahm mit 

trocfenen tippen einen fleineit Sd?lucf. 5ürd?tete fte 
feefranf 3 U merben? Kd?, bas UTeer lag fo ruhig ba, 
türFisblau, mit einem gleißettben Silberglaii 3 , ben bie 
3ulifonne barüber gebreitet; ein ruitbes, faum merF» 
lid?es IDalleu träufelte bie fläche, als mürbe leud?tenbe 
Seibe bemegt. Die fd?lanFe Dame mit bem ftarFeu, 
bunfleit £?aar mar rnohl etmas anfällig unb ängftlid?, 
aber (Tropfen — (Tropfen —l? 3^? maiibte mid?, um 
ein ۊd?eln 3 U verbergen, jur Seite an ben Stemarb, 
um mir aud? fo ein ftrohgelbes Kotelett in blaffer, 
rumfarbener Butterfauce 311 befielleit. 

3« ein ©efpräd? Famen mir nid?t, aud? nicht, als 
mir bann auf Fleinen KlappfHihien vorn am Bug bes 
Dampfers faßen unb mit unfern ©läfern bie fjorijont- 
linie abfud?ten, mo ein paar Sd?oner mit blinFenben 
Fleinen Segeln quer über bie See Frod?en. Der ZTTann 
mar mieber voll KufnterFfantFeit, bemüht, fte 3 U 3 er* 
freuen, ihren BlicF in bie glimtnernbe IDeite 311 lenFen. 

3d? erl?ob mid? unb bot meinen Sift an. „Bier 
haben Sie bie Brife aus erfter £?anb, frifd? unb ftarF, 
gnäbige 5rau —." Sie nahm mit einem Zeigen bes 
Kopfes meinen plaft ein, völlig große Dame. Der T?err 
grüßte. IPeiter nid?ts. 

T?od? 3 eitsreifeube? — Kber nein! 3^ tarierte bie 
beiben auf miubejtens 3 el?n ©hejahre. Kllein bie 3 arte 
5 orglid?Feit bes ©atten, bas freu?tblid?e fjinitchmen ber 
5rau gaben einen <3uiammenFlaitg, ber mid? befd?äftigte. 
Denn mir 3unggefelleit ftnb immer geneigt, ber ©he 
im Durchfcbnitt nur für bie erften vier, fünf 3ahre 
Hei 3 uttb <§auberfraft 3 U 3 ufpred?en unb auf bas, mas 
bann nod? Fommen muß, mie auf eine enblofe, graue, 
ftaubige ©hauffee 3 U blicfen. 

3 n bem füllen, von b^iftorifd?er UToberluft ein menig 
©erlaubten Kopenhagen fab id? bas paar h^r unb ba 
mieber. JDir ßreiften int Uofenborgfd?loß vor ben 
munbervollen rieftgen ©obelins bes (Thronfaals attein» 
anber vorüber, trafen uns braunen auf ber (Terraffe 
von SFobsborg, bie glän 3 eub meiß hod? über bem 
blauen ©erefunb liegt, auf bem in fd?räger Cinie, 
alle auf eine Seite geneigt, bie Fleinen blinFenben 3ad?ten 
ber Kopenhagener manövrierten; es mar eittsücfenb, 
ber fjimmel mar bod?, bie See meit, baß man mit bloßem 
Kuge bie fd?mebifd?e Küfte in einem Silberbuft auf» 
hämmern fab- Kber mir begrüßten uns nid?t, nur bas 
flüchtige Stuften im erften ZHoment — ab, bas ift ber 
vom Sd?iff! — ein ©rFennen, bas mie ein £äd?eln aus 
ben Kugen fleht, eine untvillFürlid?e, h^be Bewegung, 


als müßte mau grüßen. Die Dame fd?ien etmas veränbert 
— ihre £?aut mar burd?fid?tig, rofig, bie grauen Kugen 
leud?teten, unb fte mar in (Toilette, trug eine meiße, 
geflicfte Seibenblufe mit ftlbergrauen Spifteit unb einen 
breiten Blumenfloreittiuer, beffeu fd?males, fd?mar 5 es 
Sammetbaitb ibr Kinn untfcbmiegte. Dornebnt alles, 
von ben 3 itternbeit Ca 5raitcerofeu bes Tjutes bis auf 
beit fd?maleu, 3 arteu 5uß im gelben £acffd?uh. Der 
©atte, ein junget Diesiger, bod?. ftattlid?, trug ftd? 
einfacher, meber Bügelfalte, nod? Scarf, nod? quer ge» 
Fitöpfte ZTTanfd?etten, aber alles mar gebiegeu. Sie faßen, 
mie id?, bei einem leid?teu Sontmermofel, beit fte mit 
Bilittermaffer verbünnteit, unb fabelt minutenlang mit 
großen, triiiFenben Kugen auf bas beüe UTeer. Dastvtfcheu 
plauberteu fie. Seine Stimme hatte einen ftarFeit, 
ruhigen Klang, bie 5rau fprad? mit fd?5nem Kit, ber 
meid? über bie Berven find?, baß eine feltfame Sehn» 
fud?t aufmad?te. 

3 d? verftanb fafl jebes IDört in ber flrahleitben 
lOafferluft, bie alles untmallte, jo 3 ufammeuhielt, baß 
Fein (Ton, Feine $arbe in Unruhe unterging; fie moüteit 
morgen früh mit betit Sd?iff ttad? UTalntö hinüber. 
Klfo nad? Stocfbolm. IDie id?. Unb ber Tjerr ftanb 
auf unb flrecfte ben Krnt aus: „Dort, T?ebby — boct 
briiben liegt UTalntö!" 

©rft in bem Suge non UTalntö nad? Stocfbolm 
lernten mir uns Fennen. 

3 d? meiß nicht, ob ber StifaH fpielte, ber g>\\$ 
mar nicht febr befeftt: mein ©hepaar rollte plöftlid? 
braußeit in bem ©ang bie breite ©lastbür meines 
Kbteils, in bem id? allein faß, 3 urücf unb trat ein; fte 
grüßten beibe. 3 d? ßaub auf, um ben Dorberfift am 
5 enjier 3 ur Verfügung 3 U jielleit. 

Diefe fübfd?mebifd?en ©ifertbabnen ftnb reijeub, b 
luftig, luftig, mie ber fd?mebifd?e Tjimntel; bob^ Spiegel» 
fd?eiben, gelbes Ceber, ambulante Kiffen, bie man aus 
bem 5 onb b^raus 3 iebt, um ftd? ben Bücfen, bie £?üfteit 
3 U ftüften, ein breiter ©ang 3 um promenieren unb 
Uaud?en, bi^^i^ttb b^fü^o Schaffner, bie einem bet 
jeber Begegnung falutieren, unb ein IDiegen, faft laut» 
lofes ©leiten, als führe man in einer DiFtoria auf 
Kfphalt. 

3d? blätterte in einem englifchen BeFlamebeft, bas 
bie Schönheiten Stocfholms in Bilbem 3 eigte, unb ba 
ber f?err ein paarmal horüberblicFte mit jenem leichten 
©lan 3 in ben 2 lugen, ber b a ^ Bleugierbe, bolb einen 
XDunfd? ausbrücft, legte id? ben £}errfd?aften bas läng¬ 
liche f?eft auf ben Klapptifd?, ber ftd? 3 mifd?en mir unb 
ber Dame Bebby am 5 enßer befaitb. 

„ 3 d? banFe 3b^” —* Der T?ertf lad?te bann: „So 
meinte ich’s nid?t, id? lefe Fein ©nglifd? — aber menn 
bu bir bie Bilber attfehn miflft, £?ebby, es ftärFt bie 
3üufton —!" Sie nicFte unb nahm bas l^eft. „U)ir 
Fontnteit 3 um erftenmal nad? Stocfbolm. 3^b bin über 
bie Botels nicht orientiert — ein h^Fler punft. Kopen» 



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Seite {292. 


Hummer 28. 


fragen hat uns troß bes Sterns im Heifebud? bereits 
im Stieb gelaffen. Sie Fennen Stocfholm?" 

„3a. It>ic Touriften es Fennen / 1 

„<£s iji reijenb —" 

„EVunbervoö. ETTan benFt an paris, an Vencbig. 
Diefes leichte, faltete, elegante £eben bei einer Sonne, 
bie Faum untergebt, unb baju bie eitrige tage, Reifen 
mitten in ber Stabt, unb überall EVaffer, EVaffer —" 

„Unb bie Ejotels? Der eine empfiehlt Hybberg, 
ber anbere nicht." 

EVir Famen ins plaubern. Sie gejianben, baß es 
halbe 2Ibficht gemefen, als fie hier eingetreten maren. Sie 
mollten nicht lange in Stocfholm bleiben, unb in einer 
milbfrentben großen Stabt ohne Direftion herumlaufen 

— nein, bas ifl nichts! — Vielleicht müßte ich E3cfd?eib 

— man tonnte fid? orientieren... „Die Elnjid?t meiner 
Srau," erläuterte ber E?err. 

3ch bebanFte mich bei ihr. 

Hun — mit jeber neuen Station, bie mir anliefen, 
mürben mir vertrauter. Da fiitb fjanbreichungen nötig, 
man beforgt Kirfd?en, Sobamaffer, holt ein (Sepäcfftücf 
aus bem Heß, jeber Saß, beit mau im (Etfeubahufupee 
fpricht, bebeutet gleichfam einen ganseu Cag Beifammen- 
feiits; meint man mieber ins Kupee tritt, begrüßt mau 
fid? h^ter, man fpricht burchs 5eufter, jebes Sid?tvieber* 
einrid?ten, Sid?bequemfeßen bringt eins bem anbent 
näher, bas mad?t ber enge Hauni, bie gemeiufatne, von 
Staub unb feinem Huß burch 3 ogene £uft, bie all bie 
Fleiuen Derangements natürlich erfd?eineit läßt, ber be- 
freienbe f?aud? ber 5 rembe unb bas Hemußtfein, fid? 311 
nichts 3 U verpflichten. 

Kurj vor Stocfholm über ber 2lrftabud?t mechfelteit 
mir unfere Karten. 

„Elber nein, E?err profeffor —!" rief ich erftaunt. 

„Das ift aber nett," Flang es 3 urücf. 

Ellfo mir Fannten uns bem Hamen nach! Das 
€h*paar ttttd? burd? einen Kollegen bes EtTaunes. Unb 
ich ben fiattlidjen fjerrn. €s mar Krola. Se% Krola, 
ber EHaler! EVie fo oft auf Heifeu hatten audi mir 
uufer SerufsiuFoguito ängftlid? gemährt. Das mar 
eine Ueberrafchung. 

EVir foupierteit nod? am felben Elbenb gemeinfam 
in BaffelbacFen, braußeu im StocFholmer (Eiergarten, 
auf offener Veranba bei fd?tvebifd?er ZTlilitärmuftF unb 
fühlten uns fofort heimifch 3 mifchen biefeit fd?öngemad}* 
fenen, leichtlebigen Offneren uub eleganten Sraueit, bie 
hinter leuchtenben (Eafelrofeit unb roten Ker 3 enfchleiern, 
lebhaft in EVort uub Hemegung, ben SeFt ihrer galli- 
fchen EVefensvettern fchlürften. EVeit nach elf fchlenberten 
mir am Quai entlang, an einem EValb von Hlaften 
vorüber, burch ben f?übfd?en HerjeliusparF heim, immer 
in bem 3 arten £id?t ber norbifchen Dämmerung, in ber 
bie EVafferluft mie feibiges (Sefpiuft hängt. EVir maren 
fd?oit Sreunbe. 

Das maren herrlid?e (Tage. Sd?on morgens im 
Srühftücfsfalou bes Ejotels — mie mau ftch begrüßte, 
bie E}äube fchiittelte, immer lad?enb, fid? ueefeub: „(But 
gefd?lafen?* „Hrillant!", allerlei Vertraulid:es flüfternb, 
bas bie anberu Tifd?e nicht 3 U hören brandeten. „Uub 
mas ntad?eu mir heute, Sir ETTanager?" 


3d? mar verliebt in bie Srau. HefpeFtvotl natiirlid?, 
fehr artig. 3ch verftanb nun ben profeffor, ich mürbe 
biefe E?ebby ebenfo vermöhuen. 3 mmexr ffcrriit, in eine 
bemegliche E3uf?e gehüllt uub in biefer ret 3 voll ver¬ 
borgen, mie bie Srud?t in ber E3lüte, ein gefuitbes, feit- 
fibles (Eemperameut. 3ch fpähte förmlich nach einem 
Sehl, einem Tabel, man hat 3&oleu gegenüber immer 
fold?e häßlidieti Hegungeit. Untfouft . . . 

Sal 3 fee, EITälareit, Saltsjöbabeu, Drottningholm — 
leuchtenbe punFte in bem <5u>ielid?t meiner (Erinnerung; 
ich fpüre bann nod? ben Duft ihres Ejaares um mich far, 
höre ihr £ad?en. 

(Eines Elbenbs faßen mir allein oben in HTofebacfe, 
profeffor Krola unb ich. Stau Ejebby mar miibe. 
ETTorgen mollteu fie nach Upfala meiter, nad? $re unb 
(Eronbhiem. 3^h n>ar traurig. 3ch fprad? bas auch 
aus . . . mie man ftch fchäßen lerne, mie einen bie 
Srentbe nahebriitge, unb baß bann eine tvirflid?e £eere 
in einem fei, meitu man ftch bie E}aub 3 um Elbfd?ieb 
gefd?üttelt. Krola tröftete: „Ulan vergißt ebenfo rafd?, 
Iteber Sreuitb. (Erifft anbere." Der (Egoift hatte gut 
tröffen, er hatte feine Srau . . . 

EVir faßen hoch über Stocfholm auf einem getual- 
tigen Selfenplateau mitten in ber Elltfiabt, ein Dampflift 
hatte uns heraufgebrad?t, eine Elrt Straßenbahn. Unten 
lag bie Stabt in leichter Dämmerung. Kein £id?t, Feine 
£aterne. Türme, Dächer, bas riefige, rötliche Schloß, 
hochragenb, vom Sal 5 fee uub ETTälarfee filberu 
umfehimmert, bie ruubeit HaumFuppen bes Djur* 
garbens unb überall EVafferarme, HrücFen unb meit 
braußen auf allen Seiten bis in bie buftige Serite 
buuFles EVaffer, EVaffer uub Seifen, unb EVälber mie 
Sammetftrcifeu. Das £id?t mürbe immer blaffer, unb 
bod? hätte mau lefen Fönnen. EVir micFelten uns mie 
bie aubern in rote EVollbecFen ein, bie bie Kellner 
brachten, mie Elraber in ihre Hurituffe, mir tranFen 
ben Föftlichen, tücFifcheu fd?mebifd?eu puufd?, ba 3 mifchen 
immer einen SchlucF Seltermaffer itehmeub, uub raud?ten. 

Von mas follteu mir reben . . . von ber Sraul 
3d? mar beinah feutimeutal geftimmt in bem riefeluben, 
FräuFlichen £icht, in bem greifen Silberhaud?, ber auf 
unfern roten füllen lag. 3ch fagte’s gan 3 offen: „So 
eine Srau . . . Die finbet man eben nicht." 

(Er uicFte. 

„EVo nahmen Sie fie hör?" 

„Sufatl. Der Ejimmel, miffen Sie . . 

»3a, ja." 

£r fd^ien h^ute nidit fehr gefpräd^ig. Kber bann 
fagte er mir, baß er feine Srau einmal gehaßt hätte. 
(Sehaßt . . . Seine Starre glomm feurig auf, als 
mollte jie’s betätigen. 

„EVeun Sie mich früher geFanut hätten . . . 3ch 
verabfd^eute jebes ausgeglid?ene Temperament mie 
eine Sd^mächo. Sie Fennen bie Kimfiler. Der UTufiFer 
berührt ftch mehr mit ber EVelt, ber SchriftfieHer me- 
nigftens theoretifd?, burch Siicher, burd? feine EVelt* 
aufchauung ... ber Künftler aber fieht am Einfang 
immer nur fid?, fühlt nur fein eigenes Temperament, er 
ift bariit etmas borniert." 

„El ber haffcit, biefe Srau haffen . . 


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Hummer 28 . 


Seite { 293 . 


„Kennen Sie meine früheren Hilber, meine Kn» 
fange? Huit fefyen Sie. fjonor^ Daumier rechts, 
fjans ©on ZTfartfe linFs. 2 ftau fie^t fleh ja felbfl nicht 
©or (Temperament. Unb biefe Ungfl, fein (Temperament 
3U verlieren, feine Samfonflärfe . . . aüe (ßlätte mar 
mir pefl, ein gut ange3ogener UTenfch, eilt JTtamt, ber 
mehr als fünf ZHinuten auf feine (Toifette ©ermaubte, 
3umiber, als märe er auch innen glatt, hohl/ leer, 
ptjrafe. 3 d\ ließ midi gehen, bas fjaar pel mir in bie 
Stirn, ber Hart mudjs mir auf ben £eib herab, bie 
Stiefel maren berb, geflicEt, ber Un3ug ©ertragen . . . 
Keine Seit, um 3um 
Sdineiber, 3um Schu- 
per 3U getjenl Sd?on 
ber (Bebaute fdiieu 
mir Haub an mir 
felbp, lädierlidi! Uls 
follte idi glatt ge¬ 
hobelt, um all bie 
geliebten milben ficfeu 
unb Kanten gebracht 
merben. Unb idi hatte 
auch mirflidj feine 
^eit . . . bas mar 
immer ein Sueben, 
ein IHollen, ein mil* 
bes, frampfhaftes Ur- 
beiten; (ßelaffenheit, 
bas ruhige, föplkbe 
Schauen, bei bem bie 
klugen ©or innerer 
Hemegung unb Ceiben- 
fchaft glühen, mar 
mir unbenfbar, fchien 
mir (Brimafle ber 
Scbmädie, pofe. Uudi 
bie immer mieber- 
Fehrenben Stunben ber 
Dumpfheit, in beiten 
ich ausgebörrt mar 
©on ber Sieberhiße 
bes ungebänbigten 
IDollens, marnten midi 
nicht. 3d? bin über¬ 
arbeitet, fagte ich mir; 
biephantape ip flügel¬ 
lahm. €in emiges 
Uuf unb Hieber/ 

„ 3 <h «>eiß. Unb 3 hre Srau . . .?" 

„Da lernte ich fle Fennen, fjebby. Heim alten £eit3e, 
beflen UTeiflerfchüler ich mar. Sie faß einmal im Utelier. 
3 di fah fle Faum an. €ine Dame. 3 ch haßte natürlich 
auch bie ,Damen 4 , obmohl’s mir oft mie ein £eib über 
bie Sinne flrich, menn mir in ber Sommerluft (0 eine 
blühenbe, unnahbare Schönheit ©orüberglitt. 3 <h be¬ 
grüßte pe Faum. Diefe Damen — pe ©erlangen ja 
auch, baß man blaitf gerieben mie ein Danby umher- 
fchleidit, flach, flach mollen pe einen haben! Uch, ich 
fannte pe ja gar nicht, bie fchülernben Dogelgefdiöpf* 
dien, mie ich fle nannte, ich ©erfehrte nirgenbs, nur in 


ber Kneipe. Unb ba regte fldi nun auch, mährenb id? 
mit Cenje fprad] unb hinter mir bas hubfdie Seibeit- 
gepeber rafchelte unb Fuiperte, in mir bas Unbehagen, 
bas ber Hauer auf bem parfett emppnbet ... in bem 
ZTComent mirb fogar fo ,eine Dame* 3um fatalen 
Kritifer!" 

„Unb fjebby — parbon, bie gnäbige 5 rau • • •* 

„3* foüte pe malen. £en3e moüte’s. 3hre (ßroß- 
eltern münfehten ein Hilb ©on ihr. Unb £en3e hatte anberes 
©or. U>ir hatten mohl beibe menig £ufl 3U einanber: 
fleh non biefem Här ba malen laffen? Konnte ber 

überhaupt fo mas 
feines, Duftiges, De- 
lifates auf bie £ein- 
manb bringen ? Unb 
ich . . .? Huu, idi 
fürchtete mich bireft, 
mit biefer großartig 
überlegenen £aby, 
oberen Höcfe fo herrifch 
raufchten, allein 3U 
fein. Uber ich Fonnte 
nicht nein fagen. Diel- 
leidit mollte ich audi 
nidit, mer meiß bas? 

„Hun, bieSißungen 
fanben im Utelier bes 
Ulten flatt, mir hatten 
ba einen U)infel mit 
(Sobelin unb einem 
hübfehen, fammetnen 
©hrenftuhl für uns. 
3 di Farn fo, mie ich 
immer mar, mit 
fdflechtem Seng, einer 
fchlediten Kramatte, 
ungefchoren, unge- 
ßußt, mas mar benn 
los ? Das maren 
(Tage, mie anbere 
audi.. I UTöglidj, baß 
ich ih^ babei ein 
menig meine (Bleich - 
giltigfeit unb (Be- 
ringfehäßung 3eigen 
mollte ... Du glän- 
3enbes, glimmernbes. 
(Bäuschen, barauf fommt’s nidit an . . . auf bie Kraft, 
auf bie £ömenfiaue! 3ch fühlte midi mohl auch ein 
bißdieu ©on ihr überfein, ablehnenb Fritipert. 

„ 3 ch hatte fou©eräit ihre Stellung angeorbnet: ben 
Kopf etmas 3ur Seite, mehr rechts, Fräulein l Danfe. 
Sie mollte miöerfprechen, aber ich Ich 11 ** bas Fühl ab, 
ihr überlegen ein paar äphetifche HrocFett hinmerfenb. 

„£Dir fdimiegen. 3ch gab mir nicht bie geringfle 
2 Tlühe, pe 3U unterhalten, mein Hlicf ging nur fcharf, 
beleibigeub fachlich ©on ber £einmanb 3itm UTobeH hin: 
bu intereiperp nur ben ZHaler! Uber bas mar am 
<£nbe nichts. 3 d? mollte bodi Feine puppe malen. 
Schließlich hat bodi auch fo eine Dame ihre (Eigenart, 




6 » liebt mein junger königlicher Vetter 
Berbflbunte Sträuße in gefchliffnen Vafen, 
Chryfonthemum und rot und gelbe Blätter, 
Verträumtes Lächeln und gefchomen Kafen. 

3 d) fchelt ihn nicht; doch feh ich mit Verlangen 
Die roten Kofen feiner Gärten glühn, 

8 eh neidifch drin die vollen Kirfchen hangen 
Und dunkelblau den Fiimmel um ihn blühn. 


entzücken pocht im 
heimlichen Getriebe 
Und lockt und lacht . . . 

mich h<Kt das toll gemacht! 
€r fchreitet achtlos durch 
die öommerliebe. 

€r fucht den fierbß mit 
feiner 6ternenprad)t. 


pauta Dchmcl. 



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Seite 1294. 


Zlummer 28. 


bie id) h*raus,locFen mußte. Die £einmaub 3 itterte unter 
meinen pittfclhieben, es mürbe mir nicht leidet. 

„Uub am britteu (Tag fprad)en mir. Das mar bod) 
auch natürlich- IDir fannten uns, fehen Sie . . . man 
braud)t ja gar nicht 311 rebeu. ba fpinnett ftd) fd)on un« 
miüfürlid) 5 äben, man gemöhnt ftd) aneiitauber uub 
man hat ein genteinfames <§i ei ZUan ift etmas neu* 
gierig, befdiäftigt ftch fdjon auf bem IDeg mit ber Stßung, 
fomntt erfrifcht oom Souuenfd)eiu, ©011 ber £uft, r>on 
ber (Eile; ob fte fd)ou ba ift? ,IDirFlid)? 3d) badete ... 
traben Sie gemartet ? 4 0 hne, baß ntait’s meiß, macht 
man einen Sd\er$, man läd)elt, uub bann: ,tt)ie meit 
fitib mir beim? Darf idfs nicht felgen? IDarum 
nicht ?‘ ,Zieht, Sie föitnten meine Zluffaffung übertreiben, 
Fönnten pojiereit . . .‘ <£s mar fd)ließlid) eine Brücfe 
ba 3 mifd:en uns, uitb id) munberte mid) eigentlich gar 
nicht barüber. Zluit brad)te id) fjebby — nur bes 
Bilbes megeit ttafürlid)! — 311 m Heben. 

„fjebby e^ählte mit ihrer ruhigen Stimme. 3d? 
meiß uid?t mehr mas. Zlatiirlid) fprad) fte aud) oon 
Kuitft, aber bas mar eigentlich gar nicht bümm, burd)- 
aus nicht, nur ein menig im Zllltag gemad)felt . . . ein 
5 iitger 3 eig t>on mir, ein aubeutenbes tDort, unb bie 
grauen Zlugen, in beiten fo t>iel Cebeu flaub,' mijfeit 
Sie . . . jenes innere £ebeu, bas auf bie fiinbrücfe 
märtet, ihnen nicht entgegeuftiirmt, fo baß bie Dinge 
ftch mitteileu Föituen, ihre Ztugen leuchteten ... ah ja 
. . . bas ift es . . . uub ihre Zlltftimme, bie alles 3 U* 
fammeuhielt, lüorte unb £ebhuftigfeit ..." Krola 
fchmieg uub fah in ben Silberbuft ber Stabt hinunter. 

„3d) Fönrtte immer auf fo eine Stimme hören," 
fagte id). „Uub fte hat ZHacht. Sie meiftert ben anberit." 

Krola lächelte unb 30 g ben roten Burnus fefier um 
bie Schultern. „3tem: id) mollte hören. ZDir fpradieu 
©iel. Unb bie Stimme riicFte alles fad)t, unnterflid) 
in ein anberes £id)t. fjebby mußte r>ont £ebeu ja oiel 
mehr als ich, beurteilte es oiel reifer, uiel natürlicher. 
Zlber ich mehrte mid), namentlich meun fte nach iraueu* 
art für bie äußere ZIettigFeit Partei nahm, ich mürbe 
bann fehr bitter, farFaftifch, aber fie läd)elte nur —: 
,DeuFeu Sie au (ßoethe, an ZTTojart... an Hembranbt, 
ZDagiter . . .‘ Unb bie Stimme fprad) uub umfpann 
einen, mie einen ZTTuftF utufpiunt, baß mau milber fleht, 
meiter, mit ber Zlbjtd)t, mit bem guten UMeit, 3 U 
erFemten . . . <£iitntal fagte fte mir auch, öaß fte ftch 
oor mir gefürchtet hübe, etmas eutfeßt gemefen fei, fo 
ein Soitberliitg, fo ein . . . »Zlun?* Zlber fie fagte’s 
mir nicht. 

„Ejörett Sie: ich mürbe nach fnapp 3 mei ZDod)en 
ftiller. 3 d? mochte baheim nicht recht arbeiten . . . 
ZTleine Bilber fd)ieiten mir ein menig laut, ba mar 
etmas (Semaltfantes in Stimmung uub 5arbe unb 
£ed?niF; fte fd)ieuen nicht eigentlich gemachfen, ruhig, 
in 5 üüe; 3 mifchett bas (Drgattifche, <£d)te brängte ftch 
ein 5 rentbes, bie gemaltthätige, nüchterne Z)aub bes 
IDillens . . . 3 d) fah bas ruhig, als gingen mich bie 
Bilber eigentlich gar uid)ts an; ich ftaub baoor, rauchte 
eine Sigarre unb lehnte eins nad) bem auberit gegen 
bie ZDaitb, nee . . . nicht fehen heute. Zlur hier uub 
ba, 001 t beit ruhigeren Gölten ging ein (Solöglaits aus, 


ber midi ermannte, erqnicfte . . . ZHerFmiirbig. 3dl 
ntadtfe mir aud) nicht red)t Flar, moran bas liegen 
Fouitte, moher bie gatt 3 e Stimmung Fant, mohiu jte 
mollte. Sie Fetmen biefes <§umarten. Sie mar ba. 
Unb id) ließ mich t>on ihr tragen, miegeit. Es mar 
ein leifes, heimliches Zlufatmen feit 3ahr unb Cag. ein 
mohliges Sid)behnen in milber, heller £uft, als hätte 
ftd) bie Seele, bis ins 3uuerfte erntübet, erfchöpft, als 
hätte fie ftd? feit 3 ahreit gefehut, immer gemartet, im 
tiefften gehofft... auf bas golbeite £idit, bas ZHittagsIicht. 

„rjöreit Sie, 5reuitb: au einem (Eag Fant id\ mit 
geftußtem £}aar uub gefchnittenem Bart ins Zitelter. 
3 ch glaube, EJebby lächelte . . . uub am Cag barauf 
mit .eiuent neuen Soiitmerait 3 ug, bie neuen Stiefel hatte 
ich mieöer ausge 3 ogen, meil ich mich fchäntte. Unb 
babei hatte id) ben Kopf in bie Ejäube geftiißt uttb auf 
ben Boben geftarrt: mas ift mit bir? . . . Uitb bann 
habe id? gelacht , unb gepfiffen, jene Stimmung miegte 
mich, biefe Fäftliche, heimlich fruchtbare 5aulheit. 2>ie 
Bilber flaubeit noch mit bem <Seftd?t gegen bie ZDanb, 
mie oerfd)üd)tert." 

,;Unb l^ebby?" v 

„bjebby? 3ä? fagte oben: fte läd^elte mohl. Uitb 
babei "fah id) ihre Zlugeit leuchten — aber laffen mir 
bas; bas gehört h^r nicht h^r. 

„Zitlein fehen Sie —: id) Fonnte baheim nid)t 
arbeiten. I)ebbys Bilb malte id) mie im Craum, ohne 
XDolIeit, ohne fud)ettbes, ftchtenbes Bemußtfeiit, gan 3 
naio, gait 3 ftd)er uub leicht. Unb 3 U Z)aufe iit meinem 
Stubio mar mir, als ftäitbe ein frentber ZTebel 3 mifd)en 
bem Bilb unb mir unb meiner Pergangeuheit. Zlur 
jene ftillereu (Eöue leuchteten geheintitisDolI hiuöurd). 
3 d) fchien mir ein bißd)en blutleer im ^iru. 3 d) lag 
ftunbeitlang auf meinem Dirnau, ohne Bemegung. (ßiug’s 
nicht mehr mit ber Kuttfi? €s mar beinah fo, mir 
mürbe ftebeubh^iß, uub id) läd)elte fchmad). Zlber fjebbys 
Bilb . . .? Daun ftaub ich feuf 3 enb auf, ging 311 
5reuubeit, überallhin. Unb; biefe £aitgmeile, biefes 
Sd)mebeit im ZIid)ts 3 ermarterte ntid) suleßt. 3d) 
mürbe geregt, bie Selbftquälerei fpielte mit mir mie 
bie Kaße mit ber ZHaus. ZDar id) überhaupt ein 
0riginal? 0ber ttur ein ZIad)beter, ber intnter nur auf 
frifche Hei 3 e lauert? Zimt, Sie miffen mohl um bie 
toten Stunbeit, memt bie (SebanFen über bie unbefd)iißte 
Seele h^rfallen mie ZIaubtiere über ihre Beute . . . 
meine 5inger 3 ucften itad) Zlrbeit, uub irgeubein oager 
Dormurf, ein liitienlofes Bilb, mie es bie ZHübigFeit 
erfinnt, fehlen blaß mie ein (ßefpeitft oor mir h^ r 3 U- 
fliehen, immer meiter, tueiter, unerreichbar.- £s mar 
ein <§rc>iefpalt,' toie eine £ähntung. 

„Da haßte id) E)ebby. Dalila . .. 3d) fühlte, baß fie’s 
mar. Unb bod) malte id) il)r Bilb mit einer Buhe, als 
hielte ntid) h^r bie £uft in Bann. ZDas mar bas? . . 
3d) Hefe mid) äußerlich mieber gehen. 3d) fchmieg. Unb 
fie faß mit ©erfchränFteii Zjänben. Unb ba, als mir 
einmal eine paufe mad)teit, 3 eigte id) ihr in meiner 
Stimmung bas faft fertige Bilb, mas id) fonft nie thue. 
Sie mar fehr ruhig, baß mir bas f;er 3 fd)mäd?er ging. 
Sie follte urteilen. Uub nun flimmerte es ntid) golbeit 
an, fie h^te mid) mit bem BlicF geftreift, mie blaß fte 


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Kummer 28 . 


mar — es mar mieber jenes £eud?ten. ,Das ift fd?ön. 
Bur ber BlicF . . .* ,Dod?I Bod) piel innerlid?err 3 d? 
moflte ,fd?öuer‘ jagen, aber id? befam bas EDort nid?t 
über bie tippen; aber mit ber marmen IDelle, bie aus 
meinem 2?er3en fd?lug, Fatn eine f?elligfeit in mid? unb 
ein £eben in meine Seele, eine Klarheit unb munber- 
fame Buhe, Kraft . . . Blein Bilb leuchtete, locfte. 
€s mar mie ein £ad?en in ber £uft. Unb E?ebby 
manbte pd? befangen 3um 5 enPer. Unb als pe 
fo über ben Teppich t^inglitt, pd? entfernte, 
faßte es mid? mie Bangen ... als braucht id? pe, als 
märe bie fruchtbare IDärme unb Buhe eben von ihr 
herübergefd?lagen. <£s raufd?te in mir, aber ich jagte 
nichts. 3 ch Panb blaß unb {ah bie feine, fd?öne ©e* 
ftalt pom £id?t umfloffen, bort am 5 enfter. Dalila. 

*Unb ich fann bie ganje Bad?t. Unb meiter. Unb 
lag am BTorgen in tiefer Buf?e, miibe unb hoch mach, 
pou mebenber f?elligfeit burchPutet. Aber ich hotte 
Feinen EDillen. Taufenb Föftlid?e Bilber 3ogen mir burch 
ben Sinn, es mar eine unerhörte 5 rud?tbarfeit. Bilber, 
bie pon innen leud?teten, bereit Strid?e pibrierten por 
Temperament, unb bie hoch eine Stille, eine nie ge* 
fannte Buhe bel?errfd?te, pe maren gaitj pont inneren 
Auge gefchaut, empfangen. Das mehte mich mit 
Ejeimatmärnte an, bie mid? mie EDonne überrieselte, 
meinen Atem leife*mad?te, bie 3um Schapen locfte; es 
mar eine £uft, unb bas erft ip KuitP, bas aus ber £uft 
Fornmt, bei aller Blühe. 3 <ä? mußte nun: fo mußt bu 
malen; bas erP bift bu. Du brauchP bie Buhe, bie 
BTilbe, bie Stille in aller Kraft. Dalila, Dalila . . .! 

„Unb id? mar banfbar. EDem? Sie fragen mem . . .? 
Diefer h^Heit Ausgeglichenheit, biefem lebenbigeu, blut- 


Seite {295. 

marmen unb bod? fo t^armonifdien 5raueitmefen £?ebby, 
beffen meid?er £cbenshoud? pd? mit bem meinen ge* 
mifd?t, baß ber ftürmijd?e, hoftige, pielleicht rohe pd? 
beruhigte. 3 d? bin reif gemorben an Ejebby, innen 
ünb außen, als hött ich auf pe gemartet. Sie hot 
mid? gemeißert . . 

<£r fchmieg. BTitternad?t mar ba. Das £icht per¬ 
blaßte 3U tiefer Dämmerung, faß pd7tbar, mie man 
einen feiger porrücFen pet?t. Die roten Burnuffe 
fd?immerte{i bunfel; es maren nur menige noch um uns. 
(Es mar ftitl. Stocfholm lag in feinem Bebelbuft, aus 
bem bie Kuppen unb Türme ragten. EDir traufen aus. 
Als es piertel fchlug, färbte pd? fchon mieber ber 
E?ori3ont, bas EDafter bes BTälarfees glühte in einem 
fernen Streifen golbig auf. (Ein frohes (£rfd7auern 
mebte burd7 bie £uft, ein €rmachen. UAr gingen hi”ob 
burch fd7male ©aflen, immer auf Stufen, bie in ben 
5elsftein gehauen, burd7 einen alten, miitfligen, fd?la- 
fenben Stabtteil. Unb bas £icht nahm 3U, mar mie 
heimlid7er 3ubet in ber £uft. 

Eüir perabfd7iebeten uns. 3 trug noch einmal 
©rüße auf. Das paar mollte in aller 5 rül?e fort, 
unb ich liebe es nicht, einem <§ug nach3ufehen, eine 
minfenbe EJaub mit bem Auge 51t perfolgen unb 
bann einfam, mie innerlich ausgeleert, ba3ußehen in 
einer großen Stille. 

„ 3 n Berlin alfol" 

„Auf EDieberfehen." 

Aber id7 freute mid7, baß ich nod7 gegen Abenb für 
5 rau Ejebby bie fd?önften Bofen Stocfholms beftellt hatte, 
für ihren Kaffeetifd7. BTar£d?al Biel unb £a 5 rance 
unb brum herum einen Kran3 glühenber Belfeu. 


Die Bewohnbarkeit der Himmelskörper. 

Apronomifche plauberei pon Dr. BI. lüilhelm Bleyer. 


II. 

(Ein Ausflug auf ben Blars. (Sd?luß.) 

Unfere 5 orfd?ungsreife 3ur EDelt bes Blars empor 
enthüllt uns immer munberbarere Tf?otf ad?en. Der 
amerifanifche prioataPronom £omeü, ber pch auf einem 
2500 Bieter hohen Berg in Ari3ona eine große Stern- 
märte houptfächlid? nur 3U bem &wed erbaut hat, jenen 
Planeten auf bas fchärfße in allen Begungen feiner 
Batur 3U perfolgen, ersählt uns Dinge pon ihm, bie gar 
nicht anbers als burch bas Dorhanbenfeiit einer Dege* 
tation gebeutet merben Fönnen, bie ber unfrigen in allen 
mefentlichen punften gleid? ip. EDenn bie Sd7neeflecfe 
in ber polarregion unb ber gemäßigten gone Fleiner 3U 
merben beginnen, umgeben pe fich 3unächp mit einem 
bunflen Banb, gan3 fo mie bei uns nach ber Schnee- 
fchmel3e bas bunFle (Erbreid? h^rportritt. Balb barauf 
nimmt bann biefe bunFle Umranbung einen beutlichen 
grünen 5 arbenton an. EDährenb im Sommer bes Blars 
ein Teil ber bunflen ©ebiete pch immer hdler färbt 
unb fo ben gelben EDüften ähnlich mirb, bas heißt 
austrocfnet, merben biefe Stellen nun im 5 rühjaf>r nach 
ber Sdjneefchme^e mieber bunFel, bie Beferpoire füllen 


pd? aufs neue mit 5 eud?tigFeit; aud7 pe übe^iehen pd? 
mit einer grünlichen Färbung. Bun merben aud7 bie 
Kanäle bunfler unb breiter, ja an pielen Stellen über¬ 
haupt erft pd?tbar, mährenb pe im EDinterhalbjahr per- 
fchmanben. Diefe Kanäle pitb 3meifellos eben fo menig 
EDaflerläufe, mie bie bunFlen Stellen eigentliche BTeere 
pnb. ©roße fpiegelnbe EDafleroberflächen pnb überhaupt 
auf bem Blars feiten; mir müßten pon ber (Erbe aus 
bas pon ihnen rücfßrahlenbe Sonnenbilb als hdlleud?- 
tenben punft fehen, mas niemals mahrgenommen ift. 
Die bunflen 5 lecFe hoben mir uns alfo als Bieberungen 
por3uftelIen, bie pielleicht früher einmal Bleere maren, 
bei bem 3unehmenben XDaflermangel aber pd? in feuchte, 
BToorgriüiben ähnliche ©ebiete permanbelten. Die 
fchnurgeraben, 3mifd?en ben bunflen ©ebieten burd? bie 
gelben EDüftenbiftriFte htH3id?enben fogenannten Kanäle 
müffen mir für ungeheure Bauten erfären, bie bie 
Blarsbemohner 3ur EDafferperforgung ihres Planeten 
errichtet hoben. Sie bepßen oft eine Breite pon hunbert 
unb mehr Kilometer; piel fd?mälere 0 bjefte mürbe 
man pon uns aus überhaupt bort nicht mehr fehen 
Fönnen. <£s märe miberpnnig, bei bem fonp h^rfchenben 


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Seite {296. 


Hummer 28. 


IPaßermangel amtehnten 3U moflen, baß biefe Kanäle 
mit IPaßer gefüllt mären. Es mag oielleidjt in ihrer 
ZTTitte ein fdjmaler IPaßerlauf oorhanben fein, bie gan3e 
Breite 5 er Kanäle aber mirb oon einem Pegetations- 
gebiet ausgefüllt, bas ebenfo mie bie bunflen (Sebiete, 
bie bie Kanäle oerbinben, 3ur <§eit ber frühjahrs- 
fd?neefd7me(3e geniigenb mit IPaßer gefüllt mirb, um bie 
pflan3emoelt neu 3U beleben. IPenn bann bie Bäume 
in ber Umgebung ber eigentlichen IPaßerläufe ßch neu 
belauben, er3eugeit fte baburd? bie bunflen Schattierungen, 
burch bie jene fogenannten Kanäle uns erß ftd^tbar 
merben. 

IPir haben nun aber bei einer früheren Betrachtung 
gefeheu, baß überall, tro pflögen fmb, auch (Tiere fein 
müffen, meil 3mifchen beiben Urten von IPefen ein be- 
ftänbiger Uustaufch ber Stoffmechfelprobufte ftattfinben 
muß, ohne ben balb bie für ben Cebensproseß nötigen 
(ßrunbftoffe chemifch gebunben träten. Die pflai^en allein 
oerbrauchen allen Koblenftoff, bie (Tiere ben Sauerßoff, 
beibe aber taufchen bie ihnen nötigen Cebenselemeute 
untereinanber aus. fjaben uns alfo bie oorher an¬ 
geführten Beobachtungen oon bem Porhanbenfein eines 
pfIan3emoud?fes über3eugt, fo bleibt 3ugleich feilt gmeifel, 
baß es audi (Tiere auf bem UTars giebt. Die Ent- 
micflungsgefchichte einer pfla^en- unb (Tiermelt muß 
aber, auf meldjem IPeltförper es auch fei, miteinanber 
nahe3U parallel laufen. 3 ^h meine, baß in einer IPelt, 
bie bereits hod?enttoicfelte pflai^en beßfct, bie Entmicf- 
lung ber (Tiermelt nicht u>eit bahinter 3urücfßehen fann. 
Hun haben mir aber gefehen, baß auf bem ITTars eine 
laubabroerfenbe Pegetation oorhattben fein muß, bie 
auch bort nur eine h°h* Entmicflungsßufe entnehmen 
fann. Daraus folgt toieber, baß audi bie (Tiermelt auf 
bem ZTCars eine oorgefchritteite Stufe entnehmen muß. 
Hiebt lauge nachbem in ber Ur5eit bie Caubgemächfe 
auf ber Erbe auftraten, 3eigte ftch auch 21 Tenfd?. So 
fomnten toir Schluß auf Schluß oon ben oerfchiebenften 
Seiten h^ r immer toieber 3U ber Ueber3eugung, baß 
unfer Had?barplanet intelligente IPefen beherbergen muß. 

Diefe IPefen haben bie oben Canbgebiete mit einem 
auf bas 3toecfmäßigfte ausgebadtfen Syrern oon IPaßer* 
Iäufen burchfurcht, bem bie Haturentfaltung folgte, um 
ben nötigen Hährßoft heroor3ubringeu. 

Bis hierher hat uns unfere toiffeufd?aftIid7e 5 ührerin 
geleitet. IPir toolleit uns nun etroas näher tragen, 
toobei allerbings hier unb ba auch &ie phantafie mit- 
toanbern muß. (Eins bemerfeit toir übrigens, auf ber Ober¬ 
fläche bes ZTCars nun enblid? anfommenb, gans beutlid?: 
toir fühlen uns toefentlid? leichter als auf unferm platteten. 
Es läßt ftch mit mathematifcher Sicherheit berechnen, 
baß ein Kilogramm, auf bie Oberfläche bes BTars über¬ 
tragen, nur 0.58 Kilogramm toiegen mürbe. Das 
(ßemicht aller Körper ift alfo faß auf ben britteu (Teil 
herabgefefct. IPir föitnen hieraus bie Permutung fchließen, 
baß bie Cebemefen bort um ebenfo oiel größer ent* 
micfelt ßnb, meil bie (Sröße ber Organismen offenbar 
oon bem Perhältnis 3toifchen ben molefularen Kn* 
3iehungeit, bie bie Organe aufbaueu unb ihnen bie 
nötige innere 5eftigfeit geben, unb ber allgemeinen 
Sd^mere abhängen muß, bie bei einem 3U üppigen 
(Empormachfeit biefer ^eßigfeit eine (Sren3e fefct, 5um 
Beifpiel bie < 3 toeige jum Brechen bringt. 

Üufere phantaße 3eigt uns alfo in ben (Seßlben bes 
2 Tiars ungeheure Caubbäume, bie ihre Krotten mehr als 
noch einmal fo hoch mie unfere mächtigfteit Eid7eu unb 
Buchen in einen emig flaren fßntmel erheben, bie 


Hieberungen unb fogenannten Kanalfurchen mit einem 
bidjtcn 5 led?tmerf ihrer großen Blätter überfd7attenb, 
um ihnen bas immer farger merbeitbe Cebensblut bes 
Planeten, bas IPaßer, möglichß lange 3U erhalten. 
Unter biefett bunfelgrünenben Blätterbomen tummeln ßch 
lebenbige IPefen oon riefeithafter (Sröße, ßellen mir uns 
UTeitjchen oor noch einmal fo groß mie mir. Dagegen 
mirb bie 3nbioibuen3ahl auf bem UTars auch relatio 
oiel geringer fein als bei uns, einmal meil bie 
(Sebiete, mo bas £eben ßch noch entfalten fann, bort 
oben fchon fehr eingefchränft ßnb, unb anbrerfeits bie 
geringere IPaßermenge unb Sonnenmärme biefe Cebens- 
entfaltung gleichfalls beeinträchtigen. Kußerbem haben 
mir 3U bebenfen, baß bie gan3e Oberfläche bes UTars 
etma oiermal fleiner iß als bie ber (Erbe. Unfere mißen* 
fchaftlich geleitete phantaße 3eigt uns alfo auf unferer 
Hachbarmelt eine flehte (Semeinfchaft oon förperlich großen 
unb geißig hochenlmicfelten IPefen, bie nicht mehr mie mir 
ihren IPeltförper mit Hationalitätsgre^en 3erßücfeln. 
Das bemeiß bas über ihren gan3en Planeten hm ein¬ 
heitlich burchgeführte Syßem ber „Kanäle*. Diefe IPefen 
bürfen, angeßd7ts ber immer farger merbenben (Sahen 
ber Hatur, ihre Seit unb ihre Kraft nicht mehr burch 
(Eiferfüchteleien oerlieren; ße ßnb enblich einig gemorbeit 
unb haben nur baburch bie ungeheure Kraft auch über 
bie Hatur gemonneit, bie oielleid7t in gan3 ungeahnt 
großartiger IPeife 3U ihrer mächtigen (Sehüfln mürbe. 
3n einem h^chß intereßanten Homan bes geißrekhen 
Haturphilofophen Caßmife: „Kuf 3toei Planeten", in bem 
jene oorgefd7rittenen IPefen bes BTars in Haumfchißen 
3ur (Erbe gelangen, ße erobern unb 3U einer prooin3 
bes UTarsreichs erflären, mirb ausgeführt, mie biefe 
UTarsbetoohner bie hod?liegenbeit (Sebiete ihres IPelt« 
förpers 3ur Errichtung oon Sonnenfraftßationen oer« 
merten. IPas Ißer romanhaft gefchilbert mürbe, iß eine 
notmenbige 5 olge ber Kulturentmicflung auf einem 
platteten mie unfere Erbe ober 2 Uars. IPenn bie 
aus früheren Spaltern aufgeßapelte Sonnenenergie in 
ben Steinfohlen oerbraucht fein mirb, merben mir ba3U 
ge3toungen fein, bie uns bireft 3ußrömertbe Äülle oon 
Sonneitfraft in ihren oerfd7iebetteit formen uns nufcbar 
3U machen. Sd7on fenneit mir IPittb- unb IPaßermotore, 
unb in beit fottueiireichen (Sebieten ber (Tropen, befonbers 
am Uanb ber Sahara, fängt man bie Sonnenmärme 
in großen fjohßpiegeln auf, um bantit bie Keßel oon 
Dampfmafd7inen 3U h^^en. Kuch auf uttferer Erbe 
mirb bas IPaßer immer mehr oerbraucht, fo baß in 
fommenben geologifchen Spaltern in *3e3ug auf bie 
IPaßeroerteilung auch in unferer Ktmofphäre ähnliche 
Perhältniße eintreten müßen, mie mir ße heute auf bem 
ZlTars oor uns feheit. 

Kber mir bürfen unferer phantaße bie Sügel nicht 
meiter fchießen laßen unb mollen uns lieber, ehe 
mir biefe intereßante Hachbarmelt mieber verlaßen, 
noch ein menig über ihre aftronomifchen Perhältniße 
orientieren, bie ßch mit oollfommener Sicherheit feß- 
ßellen laßen. (Tagsüber fehen mir bort einen faß beftäitbig 
flaren ^intmel über uns, ber mahrfcheinlid7 fo tief blau 
fein mirb, mie mir ihn bei uns im l}od?gebirge fehen. 
Die Sonne, ein menig fleiner mie bei uns, geht bort 
auch im 0ßen auf unb 3ieht ihre Cagesfreife gait3 
ebenfo mie bei uns. Kud? bie Cänge bes (Tages iß 
nahe3u bie gleiche. IPenn bann bas (Tagesgeßirit ßch 3ur 
Heige menbet, fehen mir mohl einen befonbers hell 
ßrahlenben Stern suerft bie Dämmerung burchbredjen; 
es iß unfere liebe Erbe, ber Kbenb* unb ZTTorgenßern am 


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Bummer 28. 


Seite 1297. 


Fimmel des ZtTars. Alle die uns mohlbefannten Stern¬ 
bilder 3ietjen über den Ejimmel in gemohnter EDei[e hin, 
nur ruhiger mögen im allgemeinen die Sterne erfd?einen, 
meil die Atmofphäre dort troefener und meniger be- 
megt ifl. Auch einen Blond fehen mir am fjimmel des 
BTars erglänjen, Fleiner mie der unfrige, aber fo mie 
er phafen 3eigend. <£r mechfelt unter den feflen Sternen 
feinen ©rt, jedoch fo, daß er, vom Ejorijont aus ge- 
meffen, fafl füll 3U fielen fcheint. Die Sterne 3tehen 
hinter ihm von Aufgang 3U Untergang; er macht da¬ 
gegen diefe tägliche Bemegung nur in geringem Blaß 
mit, aber er mechfelt nach dem veränderten Stand der 
Sonne befländig feine phafe. befand er ftch 3um Bei- 
fpiel bei Sonnenuntergang na^u im «genit, alfo gerade 
über unferm fjaupt, fo 3eigt er fich als sunefjmender 
fjalbmond. Bis Blitternacht ift er dreiviertel voll ge- 
tvorden und ift i^mifchen halbtvegs gegen den IDeft- 
hori3ont niedergeftiegen. IDemt daun am andern Blorgen 
die Sonne im ©jten mieder aufgeht, ifl er im EDeflen 
im Untergang als DoDmond. <£r bleibt nun einen (Tag 
unfichtbar, um beim nächflen Aufgang der Sonne mit 
ihr 3ugleid? als Beumond empor3ufteigen. 

IDir haben längft in3mifchen noch einen andern Blond 
bemerft, der im (ßegenfaß 3U allen andern (ßeftirueu es 
beliebt, im EDeflen auf und im ©flen untergeben. <£r 
ift ein gar munderlich fchuellfiißiger (ßefelle; dreimal 
mährend eines gan3en (Tags erfd?eint er an derfelbeu 
fjimmelsflelle und mechfelt ettva ebenfo fchnell feine 
phafen. Bei diefer fchnellen BemeglichFeit und dem 
befiändigen phafeitmechfel ift diefer UTond der denfbar 
befte «ge^eiger für die Blarsbemohner; fie gebrauchen 
vielleicht feine andere Uhr als diefe himmlifche. 
Beide Blonde führen ein tvühderbar mechfelndes Spiel 
mit einander, das die Blicfe jener glücflieberen IDefen 
immer mieder 3um Fimmel empor3iehen mag. 


€in Ausflug nach der Denus und dem BlerFur. 

Bei uitfernt Ausflug auf den Blars haben mir ge- 
fehen, eine mie michtige Bolle die Cemperaturverhältniffe 
für die (Entmicflung des £ebens auf andern EDeltFörpern 
fpielen. Das miffen mir ja auch fchon von der (Erde 
her. Das £eben ift bei uns nur innerhalb gemiffer 
(temperaturgren3en möglich, die fich immer enger sieben, 
mit je höher organifierten IDefen mir es 3U thun haben. 
Bei den marmbliitigen (Eieren bedeutet beFanntlich die 
Erhöhung der Blutmärme um nur menige (Srade über 
den normalen Stand den fieberen Cod. (Eine mefentliche 
AbFühlung des Bluts ift 3mar nicht unmittelbar lebens¬ 
gefährlich, hindert aber die Beguugen des Cebens; die 
Kälte macht uns erftarren. Beide (Erfcheiuungeu, die 
tödliche EDirfung der ^ieberhiße mie das (Erftarren durch 
die Kälte, erFIären fid? aus den (Eigenfchaften des (Eimeiß, 
das in der fjauptfache unfern Körper 3ufammenfeßt. 
jedermann meiß, baß das (Eimeiß in der Ejiße gerinnt 
und daß es dann auf Feine IDeife mehr in feinen 
früheren guftand 3urücfgebrad?t merden fann. niemand 
Faun aus einem gefochten €i mieder ein rohes machen. 
Dagegen Fann man €imeiß bis gegen null (ßrad ab- 
Fühlen, ohne daß es feine fiigeufchaften verliert. (Es 
erftarrt nur allmählich, mie IDaffer gefriert, und taut 
mie diefes mieder auf bei erhöhter (Temperatur. Aus 
diefem (ßrunde erftarren unfere Ringer in der Kälte, 
merden aber beim (Ermärmen mieder gefchmeidig. Bur 
darf die in den «geügemeben enthaltene 5 euchtigFeit nicht 
mirflidj gefrieren, meil £is mehr Baum einnimmt als 


IDaffer und deshalb in den gelten beim 5 efltverben nicht 
mehr plaß genug hat. <£s 3erfprengt fie und 3er» 
trümmert dadurch den ©rganismus. 

IDefen, die mie mir in der bjauptfadje aus €imeiß 
aufgebaut find, bedürfen deshalb auch auf andern IDelten 
ähnlicher Cemperaturverhältniffe mie bei uns. Aller¬ 
dings hot ja die Batur auch bei uns eine BTenge von 
Schuß Vorrichtungen erfunden, durch die die äußere 
(Temperatur in meit ausgedehnteren (Bremen fdjmanFen 
Faun, ohne einen verderblichen (Einfluß auf die innere 
Körpermärme aus3uüben. IDir Fönnen lange <geit hin¬ 
durch in den tiefen Kältegraden der polarregion leben, 
mo die (Temperatur der uns umgebenden £uft gelegent¬ 
lich bis 3U hnndert (ßrad gegen die unferes Körpers 
verfchieden ift, ohne daß die Blutmärme fich dabei auch 
nur um einen (ßrad erniedrigt. Anbrerfeits haben 
Blenfchen Furje Seit hindurch Cufttemperaturen vertragen, 
die über der des Fochenden EDaffers lagen. Die £uft 
mußte dabet nur fehr troefen fein, damit eine Fräftige 
Derbunftung der KörperfeuchtigFeit eintreten Fonnte, die 
eine genügende Kälte entmicfelte, um die Blutmärme 
normal. 3U erhalten. Bach diefen (Erfahrungen Fönnen 
mir alfo mohl vorausfeßen, daß uns gan3 ähnlich 
organifterte IDefen noch auf EDeltFörpern begegnen 
mürden, deren Durchfd?nittstemperatur felbft bis 3U 
hundert (ßrad auf oder ab von der unfrigen ver¬ 
fchieden ifl. 

3 nnerhalb diefer (Bremen aber liegen höchfltvahr- 
fcheinlich die Cemperaturverhältuiffe im ga^en Sonnen- 
fyflem vom BTerFur bis gegen den Saturn h*n. 

Damit ifl jedoch Feinesmegs gefagt, daß die übrigen 
aftronomifchen Bedingungen der £ebensentfaltung giinftig 
find. EDie mir gefunden hatten, daß die geringere 
Sonnenftrahlung, die dem BTars als planet im gan3en 
megen feiner größeren (Entfernung von der Sonne 3U- 
Fommt, durch feine dünnere Atmofphäre, die meniger 
EDärme verfdilueft als die unfere, für die ©berfläche 
jenes Planeten mieder ausgeglichen mird, fo Fönnen auf 
andern Planeten ja mieder andere Bedingungen ein¬ 
treten, die im umgeFehrten Sinn mirFen. 

Bei Venns 311m Bei piel, deren (Entfernung von der 
Sonne nur etma drei Dien eile von der unfern beträgt 
und die deshalb im galten noch einmal fo viel Sonnen* 
märme empfängt mie unfere (Erde, mird diefer Ueber* 
fchuß tvahrfcheiulich da3u benußt, durch Derdunftung 
großer IDaffcrmeitgen eine dichte, fafl immer molFen* 
behangene Atmofphäre 3U bilden, die einen großen (Teil 
diefer IDärme verfchlucft. <£s ifl deshalb fehr mahr- 
fcheinlid?, daß an der ©berfläche der Denus Feine 
größere IDärme h^rrfcht mie bei uns. 3 n diefer Ejinjtcht 
mürde alfo der (Entfaltung des Cebens, fo mie mir es 
Fennen, dort Fein Hindernis entgegentreten. Die direFte 
Beobachtung beflätigt unfere Schlüffe in Be5ug auf die 
Atmofphäre der Denus. 3 ” befonderen fällen ift diefe 
£ufthüüe direFt oder durch ihr* Strahlenbrechung mahr¬ 
genommen und ihre E^öhe mindejlens der der unfrigen 
gleich befunden morden. S^ar fehen mir, da Denus 
der Sonne näherfleht, meiji nur die derselben abge- 
mendete Seite, mo alfo Bacht h^^fcht, aber auch auf 
ihrer hellbeleuchteten Sichelgeflalt erFennen mir nur in 
felteuen fällen in gatt3 unficheren Umriffeit (ßebiete, die 
auf fefle Kontinente (fließen laffen. Die Atmofphäre 
der Denus gemährt uns offenbar nur fehr feiten einen 
Blicf auf ihre ©berfläche. EDir haben uns alfo mit 
3iemlicher Sicherheit eine diefe, dunftige, feuchtmarme 
£uft vorsufteden, die die Sonnenftrahlen noch nietet auf 


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Seite {298* 


Hummer 28 . 


Me ©berfläche gelangen läßt, Deshalb muß and? ber 
Hoben beftänbig feucht, moraßig bleiben. IPir haben 
Creibhausperhältuifle por uns, in beiten pflanjett üppig 
aufwuchern Fönnen, bie futnpßgen Hoben lieben unb 
bie birefte Sonnenftrahlung entbehren fönnen. 

Daraus folgt alfo mit 3ientlicher IPahrfcheinlichfeit, 
baß auf bem platteten Penus gegenwärtig bie Per- 
hältniffe ber für bie (Erbe um Hlillioneit pon 3 a h re » 
äurücfiiegenben Steinfohlenjeit herrfd?en. 

Hierfür iß eigentlich gar nicht als ein planet ansu* 
fehen. 3 « pielen aßronomifchett Hejiehungen gehört 
er in bie Klaffe ber Satelliten. Dies gilt im befonbern 
pon ber (Eigeitfchaft ber Hlonbe, ihren Planeten ftets 
bie gleiche Seite 3U3uFehren. Hierfür thut bies in He3ug 
auf bie Sonne. Deshalb giebt es für Hierfür feinen 
IPechfel pon Cag unb Had?t. (Eine Hälfte (einer ©ber* 
fläche iß ben Sonnenftrahlen beftänbig ausgefeßt, bie 
anbere fjälfte liegt in ewiger Had?t. Himmt man hm3»# 
baß bie Sonnenwärme wegen feiner großen Höhe 3um 
^eittralherb etwa fechseinhalbtnal iittenfwer iß als bei 
uns, fo begreifen wir, baß bort gan3 grunbperfchiebene 
meteorologifd?e Perhältuifle porliegen müffeit. Dasu 
Fommt noch» baß Hierfür feine ausgebehnte Atmofphäre 
haben fann, was aus ber geringen (Bröße bes platteten 
folgt. Sein Durchmeffer beträgt nur etwa ein Drittel 
pon bem ber €rbe, etwa ^800 Kilometer. Hierfür ift 
alfo nicht wefentlich größer als unfer Hlottb. Diefe 
notwenbig wenig bichte Cufthüüe, bie ber fleine planet 
nur feßhalteit fann, permag fidler aud? nur wefentlich 
weniger IPärme 3U abforbieren, unb es gelaugt besbalb 
ßcher noch Mel über fechseiuhalbmal mehr Sonnenwärme 
auf bie ©berfläche ber ber Sonne 3ugefehrten fjälfte 
biefes platteten. <£s fönnen h^r unmöglich £ebens* 
bebiitgungen herrfcheit, bie ben uitferigen ähnlid? finb. 
£uft unb (Erbbobett müffen pon ben Sonnenftrahlen pöllig 
ausgetroefnet fein, unb bie ©berfläche ntag wegen ber 
fortwährenben (Eiitßrahlung ben Kacheln eines glühen* 
ben ©fens gleichen, oon bem bie heiße £uft auffteigt, 
um irgenbmo einen Ausgleich 3U fud?en. 

(5an3 anbers ßnb bagegeu bie Perhältuifle auf ber 
Seite ber ewigen Had?t. Dem eisfalten IPeltraum be¬ 
ftänbig 3ugemenbet unb pon einer nur wenig fd?üßenbeit 
£ufthülle umgeben, fönnen bie Cemperaturperhältniffe 
bort troß ber größeren Sonnennähe ähnlich fein wie 
bei uns. Pon ber „Sonnenfeite" muß beftänbig ein 
heißer £uftftrom bie Had?tfeite temperieren, pon ber 
umgefehrt ein Falter £uftftrom 3iirücffließt. Diefe eigen* 
tümliche IPelt beßßt alfo einen IPärme* unb einen Kälte¬ 
pol. Heber beiben müffen beftänbig gewaltige luft¬ 
wirbel herrfchen. Heber bem IDärmepol, wo bte Sonne 
ohne (Cages* utib ohne 3ahreswechfel fortwährettb im 
<§enit ßeht, wirbelt bie heiße Cuft unaufhörlich empor unb 
ftrömt in ben oberen £uftfchid?ten bis sum Kältepol 
hin, wo fte aus allen Ceilen ber IPinbrofe sufammen* 
trifft, um hi<*, ber »Men abfließenben falten £uft nach* 
ftrömenb, 3ur ©berfläche l^inabgeriffen 3U werben. 

Swifdten ber Sonnen* unb ber Had?tfeite behüt ßch 
rings um ben Planeten ein (Sitrtel, ben man bie ge¬ 
mäßigte Sötte nennen Föitnte. 3 h n treffen bie Sonnen¬ 
ftrahlen nur fchräg, unb es ift fehr wahrfcheittlich, baß 
hier noch Me Sonne, ohne weber tief unter itod? höher 
über beit f^orisont 3U treten, bod? nod? auf- unb unter¬ 
geht. Hitfer HIonb führt auch nod? eine entfprechenbe 
Hewegung aus, inbent er um eine HTtttellage hi»' unb 

G- — 


herfchwanft. 3 » biefer gemäßigten ober Dämmerungs* 
5one bes Hierfür fann ßch pielleidjt genügenbe 5 eud?* 
tigfeit aufhalten, bie ftch Öen hier am fchwächften wehen¬ 
beit IPiitbeu mitteilt. Diefe 5 eud?tigfeit, bie auf biefe 
IPeife 3ur Hachtfeite hinübergetragen wirb, muß beim 
Kälterwerben ber £uft hier wieber ausgefchieben werben. 
IPir fönnen uns alfo bie Hachtfeite mit beßänbigen 
H>olfeit3Ügen überbeeft bettfen, bie einen fchüßeitbeit 
HIantel gegen bie aus bem IPeltraum einßrahlenbe 
Kälte bilben. Diefe IPolfen werben pon ber fechsein* 
halbmal größeren £id?tfülle, bie bem foititennahen Planeten 
3ußrömt, piel auffattgert fönnen unb beshalb aud? bie 
nachtfeite mit einem Däntmerfd;ein über3iehen, ber piel* 
leicht bei einer größeren £ichtempßublichfeit bort lebenber 
(Sefchöpfe pon IPolfenfd?leiern gebämpftes Sonnenlicht 
burchaus erfeßeit fann. Kur3, es Ißnbert uns nichts, an- 
3unehmen, baß pott jener gemäßigten «gone an bis in 
eine gewiffe (Entfernung pom Kältepol hi» eine £ebeits* 
entfaltung wohl porhanben ift. 

Aber wie feltfam perfchieben muß biefe IPelt pon 
ber unfrigen fein! Keine Abwechslung poit Cag unb 
Had?t, pon Sommer unb IPinter giebt es hier. Ciite 
grofee Heftänbigfeit aller aftronomifchen unb meteoro¬ 
logischen Perhältniffe iß eingetreten. (Ein weites (Sebiet 
bes platteten, etwas weniger als bie fjälfte feiner 
galten ©berfläche, iß h^iß c IPüßenei, alles £ebens bar; 
auf ber entgegengefeßten Seite aber herrfcht lebenbige 
Dämmerung, pon fallen IPolfen ausgehenb, bie immer 
nur in ein unb berfetben Hidßung, nach bem Kältepol 
hin3iehen unb in ihren £ücfen immer bie gleich«, nur 
im £auf poit 88 Cagen einmal auf- unb untergehenben 
Sterne 3eigeit, an einem ^immel, ber niemals eine 
Sonne ober einen HIonb fah- Str>ifd?cn biefen extremen 
(bebieten beßnbet ßch jene „gemäßigte" «gone, bte noch 
einen Souneuauf* unb Hntergang fenitt. Aber bas 
(Eagesgeßirn, faß breimal größer als bei uns, -fteigt 
immer nahesu an ber gleid?en Stelle bes X^orisonts 
langfam unb nur wenig empor, um an ber gleichen 
Stelle auch wieber h^rabsupenbeln. Alle .Haturpec- 
hältniffe bieten mefentlid? weniger Abwechslung, als 
wir es bei uns gewohnt ßnb; bas gan3e Haturbilb iß 
beshalb wohl auch in ben (Einselheiten eintöniger, aus* 
geglid?ener. ©b es bie £ebewefen bort perßanben 
haben, aus ihrer eigenen 3»teliigen3 heraus ftch bas 
£eben oielfeitiger 3U geßalten? IPir wißen es nicht. 
IPir haben überhaupt feinerlei Anbeutung bapon, baß 
auf Hierfür £eben herrfcht, wir finb jebod? bapon über* 
3eugt, baß überall ba im weiten Hniperfum aud? £eben 
ift, wo ihm bie Hebingungen 3U feiner €^iften3 ge¬ 
boten ßnb. 

Aber wir müffen nun pon unferm (Sebaitfenausflug 
3urücffehren, obgleich n?ir faum bie allemächften Hach- 
barftaaten unferes Sonnenreichs befucht haben. IDie 
piele anbere gait3 perfchiebenartige IPelten bepölfern 
ben £?intmel! Hnerfchöpflid? iß bie Pielfeitigfeit ber 
Hatur, bie ße aus ben einfachen prin3ipten ihrer 
(Sefeße eittwicfelt, unb bie wir beshalb auch, geleitet 
pon biefer uns befannten <ßefeßlid?feit, por beit 
Augen unferes (Seiftes entfalten fönnen, ohne all3ufaljch 
31t gehen. Denn was wir HIenfchen itt unferm fchwadjen 
(Seift 3U fombinieren permögeit, bas hat bie unenblich 
fchöpferifche Hatur, bie feine Hlöglichfeit uitbenußt läßt, 
ßd?er irgeubwo auch permirflicht, unb noch unenblich 
pieles mehr, bas feine phantaße ßd? träumen läßt. 

.- --=D 


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Hummer 28. 


Seite \ 299 * 



5tüu tLoubeu Coubet. 

6mpf«ng im ©arten des ©lyttepaUrtcs. 


Coubet. 

Houbet dekoriert einen Offizier. 


Der fiofstaat des französischen Präsidenten. 

fjierju U 2Iufnahmen oon ££on Bouet unb Chuffeau^Iaoiens, paris. 


2 lm 3uli mirb 5ranfreid? mieber unter raufchen« 
bem fein Hationalfejt begehen. Hei biefem 2ln* 


lafc mirb man fid? in erfter £inie ber Uiünner erinnern 2 lusnahmefäHen bie Hebe. 


gefchäfte, aber bas publifum befam iBjit nicht 3U (ßeftcht# 
unb t>on öffentlichem Auftreten mar nur in gan$ feltenen 


ntfiffen, bie berufen maren, mährenb bes nun 3meiunb 
dreißigjährigen Heftehens ber britten Hepublif bie <ße> 
fehiefe bes £anbes als Staatsoberhaupt 3U leiten. 

bjerr iLtyievs, ber erfte präfibent ber britten 
fran3Öfifd?eu Hepublif, ben man heute noch 
nicht anbers als HTonfteur Chters nennt, 
blieb aud? als Präfibent nod? ber Premier* 
minijier. <£in ungemein fleißiger unb ttjätiger 
Hlann, that er alles felbft — alles unb ben 
Heft, mie bie 5 ransofen fagen. 5 um Heprä* 
fentieren t^cittc er Feine 5 eit. €r arbeitete 
in feinem Kabinett unb leitete alle Staats* 


Unter feinem Hachfolger HTacUTahon änberte ftd? 
bas etmas, aber nicht fehr. §mar fiel es bem ZUarfchaH 



















































Seite {300. 


Hummer 2ä. 





lUkafen und Diener im 6lyf£e. 


(Erfcheineri beb ing- 
ten, flößten ihm ben 
größten IVibermißen 
ein. Die Ejauptfchulb 
an biefem Seneh* 
men, bas ihm unter 
Öen Deputierten unö 
Senatoren oieleSein* 
öe machte, mar im 
(ßrunb öer unüber- 
minblichen Schüch¬ 
ternheit öes ZTCar- 
fdjaßs 3U3umeffen, 
öie t£^n nur bann 
oerließ, wenn er 
unter feinen Solöaten mar, (Truppen infpi3ierte ober 
fx ch fonß mit militärifchen Dingen befdjäftigte. 

Der öritte präßöent, Ejerr (8r&>y, l^agte jeöes öffent¬ 
liche Auftreten, meniger aus Schüchternheit, fonöem 
meil er ftch eben nur in feinen oier IVänben mohl fühlte. 
Sn ihm fonnte öas publifum alfo ebenfomenig Fühlung 
geminnen mie 3U feinen beiöen Vorgän¬ 
gern. (Carnot 3eigte fleh 3n>ar öem publi¬ 
fum häufiger, huüte fich aber |tets in eine 
falte IVürbe unö Korrektheit, für öie ftch 
öie 5ran3ofen nicht ermärmen Fonnten. 
(Caßmir-pAricr eilte fo fdjneß oorüber, öaß 
er feine Seit hatte, ftch oröentlich 3U 3eigen. 

Sür 5 elif Saure beßanö fein 2lmt haupt- 
fächlich in öer äußerlichen Hepräfentation, 
unö er fchmelgte förmlich in offoieflen 
(Empfängen, Seßen, Sanfetten, Seifen u.f. m. 

Sei öem großen Raufen mar er öeshalb 
öer populärße präßöent. 

(Emil Coubet iß mohl öer erfte präßöent 
öer öritten Sepublicf, öer feinen Sepräfen- 
tationspflichten mit ruhiger (Semißenhaftig* 
feit nachgeht, öer ihnen meöer ausmeicht 
noch nachläuft, öer ße mit (Taft unö (Be* 
fehief ausfüBt, ohne ihnen eine übermiegenöe 
Stelle ein3uräumett. <£r hat nach unö nach 
öie Sympathien aller Kreife gemonnen unö 
iß jefet nicht mehr meit baoon entfernt, öem 
Siethen öes fran3Ößfchen VolFes näher3u* 
ßehen als jemals ein präßöent oor ihm. 

Seine ruhige unö bod? freunöliche % lVürbe, öie er bei 
feierlichen (ßelegenheiten 3eigt, h a * &en Ceuten impo* 
niert, öie einft für X}errn 5 eli£ Saure fchmärmten. 

3 d? erinnere mich einer VorfteBung im ©be'on 
menige UTonate oor öem (Coö Saures, 3U öer öer prä¬ 
ßöent feine (Begenmart angefünöigt hatte. Die Vor- 
ßellung mürbe megen öiefer Knfünöigung eine halbe 


JHonftevr Croude, erfter Spitzenreiter. 


Der Berr Bausmelfter im 61 yXit, 


Stunöe aufgehalten 
unö nahm erft ihren 
Knfang, als öer oon 
öen Klängen öer 
UTarfeiBaife unö oon 
einer Schar Spalter 
bilöenöer ftäötifcher 
(ßaröißen empfan¬ 
gene präßöent ge* 

Fommen mar. €in 
halbes 3ahr fpäter 
fah ich Coubet mit 
feiner (ßattin unö 
feinem Sohn ruhig 
unö einfach im 
Sran3Ößfchen Charter erfcheinen, ohne UTarfeiHaife, ohne 
(ßaröißen, ohne vorherige KnFünöigung unö ohne 
öaöurch oerurfadße Ver3Ögerung öes Schaufpiels. Coubet 
Fann man aBe (Tage in Öen Knlagen öer (Champs (Elyf&s 
ober im (Euileriengarten begegnen, mo er mit feinem 
Sohn ober mit einem feiner SeFretäre ober fonßigen 
palaßbeamten fpa3ieren geht unö öie (Srüße 
öer Vorübergehenben freunölich ermiöert. 
Unö fo iß unter feiner Kegibe auch öas 
(Elyfrfe meit 3ugänglicher unö gemütlicher 
gemoröen als 3U Saures Seiten. 

Der palaß öer fran3Ößfchen präßben- 
ten iß faum größer unö glän3enöer als 
öie IVohnungen oon h^nöert ober gar 
taufenö reichen Ceuten in paris. 2Tlit 
feinem (Barten nimmt öer (Elyf&palaß ein 
großes (ßeoiert ein, öas oon Öen Straßen 
St. Ejonor^, (Elyf ie, UTarigny unö (Sab riel 
eingefdßoßen iß unö öurdj öie letztgenannte 
Straße in öirefter Verbinöung mit öer 
Koenue öes (Champs (Elyf&s, öer präch- 
tigß^n Straße öer IVelt, fteht. Die Saßaöe 
öes palaßes liegt an öer engen unö burch- 
aus nicht majeftätifchen Hue St. J}onor£, 
mährenb öer (Barten an öie Koenue (Babriel 
grenzt. Seit menigen 3 a hren erß iß ein 
hübfehes (Chor burdj öie (ßartenmauer 
gebrochen, öas öem präßöenten geßattet, 
oon öiefer Seite feinen palaß 3U betreten 
ober 3U oerlaßen. 3 nöeßen mirö öiefe (Ein¬ 
fahrt bei öen ofßjieBen (Empfängen nicht benufet, fonöem 
öie tVagen öer (ßelaöenen fahren öurch einen (Chormeg 
in öer Koenue Utarigny in öen (Ehrenhof, oon mo 
eine breite unö ßattliche (Creppe in öie (Empfangsräume 
öes erßen Stocks führt. (Ein befonöers an3iehenöes 
Silö bietet öiefer 3 ^nenhof an öen (Tagen großer 
(Empfänge ober auch, menn öie UTinißer 3um Konfeil 



Die (Hagen der ^Knitter Im Bof des Slyttepalaftes. 


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Hummer 28 . 


Sette { 50 ^. 



im <Elyf& meilen unb 
nun ihre eleganten 
(Equipagen im £}of 
auf fle märten. Sie 
Säle im palaft finb 
reidj unb vornehm, 
aber nicht befonbers 
prächtig eingerichtet, 
unb auch an Umfang 
flehen fle vielen an* 
bern parifer paläften 
nach- £ine £}aupt« 
annehmlichfeit bes 
<£lyf& ifi ber I^err- 
lidje, mit hunbert- 
jährigen Uiefenbäu- 
men bepflanjte ©ar¬ 
ten, in bem fomohl ber präftbent als auch feine ©attin 
ihre intimeren Sommerempfänge unb ihre beliebten 
©artenfefte 3U geben pflegen (vergl. 21 bb. Seite \ 2 %). 

U?er nicht 3U biefen 5 efUichfeiten 3ugelaffen mirb, 


Präsident Houbet mit Gefolgt im CuUertengartcn. 


3enbfte Uniform an, 
fehmüeft ftch mit feinen 
3ehntaufenb ©rben, 
bie poftidone ber 
(Equipage, bie Cafaien 
unbSiener, einführen« 
ben X^uiffiers unb 
nicht 3ulefet bie esfor- 
tierenben republifa* 
nifchen ©arbiften glän- 
3en unb gleiten, bafj 
ben Sufchauern bie 
Uugen mehthun, unb 
£}err £oubet felbft 
fleht in all ber prun- 
fenben pracht fo ein¬ 
fach unb ruhig aus, 
ba§ man ben £jer3ensmunfch feines Vorgängers, ber 
abfolut eine fchöne Uniform hüben unb ben fchmarjen 
$vad aufgeben mollte, begreifen lernt. 3nbeffen geht 
es bermeilen auch im fdjmarjen 5racf, unb bie natür- 



Der eiytfepalaft, vom park aus gefehen. 



fann fid? bamit begnügen, bie ©äfte anfommen ober 
ben Präflbenten unb feinen fjofjlaat ausfahren 3U fehn. 
Sas festere gefehlt bei ben offenen ©elegenheiten, 
n>o fjerr <£ro3ier, ber feit bem ©obe fjerrn 5aures 
melancholifd? 3U rnerben brohte, mieber einmal ein 
frohes ©eflcht machen 
fann, unb mo £}err 
Croube, ber bem 
einjt fo berühmten 
UTontjarret als erfter 
Spifeenreiter bes prä¬ 
flbenten im 2lmt 
gefolgt ijt, ftch in 
feinem vollen ©lanje 
3eigen fann. Sann 
legt ber ©eneral- 
fefretär ber präjlbent* 
fchaft, ©eneral Su* 
bois, unb ber ©berft 
£amy vom militä* 
rifchen Stab feine glän- 


liehe Sonhomie, mornit ^err £oubet feine 5eflreben 
hält, ©ffoiere beforiert unb frembe Siplomaten unb 
Potentaten empfängt, fleibet ben Präflbenten einer 
Uepublif vielleicht beffer, als es ber von fjerrn 5eli£ 
5aure erfonnene, über unb über mit ©olbflicfereien 

bebeefte 5racf gethan 
hätte, fjerrn 5aure, 
ber ein großer unb 
ftattlicher UTann mar, 
hätte bie fchillernbe 
Uniform ja mohl 
gan3 gut gejlanben, 
aber Chiers, ©r^oy 
unb £oubet hatten 
höchflmahrfcheiniich in 
einem folchen Uuf3ug 
mehr fomifch als er¬ 
haben ausgefehen. 

Karl (Eugen Sd?mibt 

< 35 - 


Der präftdent fährt aus. 


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Seite 1302. 


Hammer 28 . 





Schwimmen und Caucben. 

J)tcr3U 6 ptfotograpbifdjc tnomentaufnaljmert. 



5 afi alle Cebetnefen außer bem ZTTenfchen Fommen 
mit ber Sähigfeit auf bie ZDelt, fd^mtmmen 3U föunen. 
€in Fleiner fjunb, eine junge Kafte, fetbß bas furcht* 
fame ffäslein Fönnen- in bem Zlugenblicf, roo fie jtch 
auf bem £anb bemegen Fönnen, fich auch im tSaffer 
über ber ©berfläche galten; 
felbß Sögel, bie nicht 3U 
bem ZSajfergeflügel gehören, 
oerftehen burch Schtoimnt* 
bemegungen im Ztotfatt ihr 
£eben 3U retten; ftd? menig* 
fiens oerhältnismäßig lange 
Seit burd? Schmimmbeme* 
gungen aller 2 trt oor bem (Eob 
bes (ErtrinFens 3U fchüßen. 

51 tegen unb 3 nfeFten aller 
Zlrt fchmimmen ßunbenlang; 
nur ber ZHenfch frnFt, toenn 
er bie Kunfi, ftd? im ZSaffer 
3U bemegen, nicht erlernt hat, 
rettungslos in bie (Eiefe. 

Sagegen giebt es aber unter 
ben £ebemefen, benen bie 
ZTatur bas Safeiit auf bem 
£aitb uorgefchrieben bat, audj 
feine Künfller bes Schtoim* 
mens im eigentlichen Sinn 
bes ZSortes; £anbtiere neh¬ 
men bas ZSaffer nur frei- 
toiüig an, meun fie fich er* 
frifeben ober bas ZDajfer als 
fjinbernis überminben motten. 

Sem ZTTenfchen bietet bas Senkrecht auf 


Sdjmimmbab in glübenben Sommertagen bie fchönfie 
(Erholung, bas Schmimmen gehört mit 3U ben erfolg* 
reichften förperlid^cn Hebungen, toeil es alle ©rgane 
in Semegung fefet unb befchäftigt. ZßmungsthätigFeß, 
E}er3 unb ZTTusFulatur finb gleichmäßig in Zlnfpruch ge* 

nommen, im gewöhnlichen 
£eben fagt man, baß man 
fich nach einem Schwimm- 
bab „wie neugeboren" fühlt 
Sas ifi feine bloße Hebens¬ 
art; jeber, bem fein (Sefunb- 
beits3ufianb ober eine unüber¬ 
winbliche Scheu ein Fühles r 
wohliges Sab nicht oerfagen, 
bat bie ZDahrheit biefes Zlus- 
fpruchs ficber febon am 
eigenen Körper gefühlt. 

Ser Sabenorfdjriften 
giebt es natürlich niete, hie* 
wie überall giß ber 5ri* 
bericianifcbe (Brunbfaß, baß; 
jeber nach feiner 5affon felig 
werben muß. (Einer liebt es, 
langfam in bas ZSaffer 3U 
geben, ein anberer mieber 
ftürjt ftcb fopfiiber in bie 
51 uten. (Es iß gan3 natürlid?, 
baß fich unter ber festeren 
Kategorie wahrhaft aFroba* 
tifebe Künftler herausgebilbet 
haben, bie, was perfönlkhen 
ZTTut, Ueberminbung bes na* 
dm enmd. türlichen (Befahrgefühls, Kraft: 


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1 















Hummer 28, 


Seite \303, 



Sd?mimm-, Caud?er* unb Spring- 
fports eine füf?renbe Holle gefpielt. 
Hid?t nur 311m Vorteil ber englifd?en 
BeoölFerung, benn ber Sport artete 
in SelbfamecF aus, unb bie jungen 
£eute in (Englanb tourten mit ihren 
atl?letifd?en HTusFeln nichts meiter 
anjufangen, als fportntäßige Hebun¬ 
gen aussufüfyren. ^Erofebem ift es 
fet?r intereffant, 511 erfahren, mie fid? 
bie (Englänber für ihren Sport trai¬ 
nieren. 3 » einer englifdjen Babe- 
anftalt maren t>ier Sprungbretter 
in r>erfd?iebener E?öl?e angebrad?t. 
Das erfte befanb fid? 20 5 uß über 
betn IDafferfpicgel, bas 3a>eite 30 , 
bas britte unb bas eierte 50 5uß. 
Huf bcu unteren „(Etagen" ging es 
gan3 gut, aber bei einer E?öhe oou 
^2 5 uß brauchte ein geübter Sprin¬ 
ger fd?on eine halbe Stunbe 5 eit, 
beoor er ben Blut fanb, fid? von 


Sprung auf Kommando. 


unb (ßerranbtheit anbetrifft, mit 
jebem, ber auf anbern (Scbieteu, 
fei es aus K>agentut, fei es aus 
<£rmerbsriicffid?ten fein Ceben 
aufs Spiel fefet, fiegreid? in bie 
Sd?ranfen treten Fönnen. (Es 
fefct fd?on eine gemiffe Hebung 
Doraus, ftd? felbft aus mäßiger 
f? 5 he in bas bunfle, gähnenbe 
IDaffer h^abjuftürsen. Die 
meiften, bie es in ber Sd?mimm- 
unb (Eaud?Funft meit gebrad?t 
l?aben, merben fid? genug nur 
ungern ihrer erften £ehr* 
fhinben erinnern, meint fie als 
Knaben auf einer nur meter¬ 
hohen Barriere geftanben haben 
unb bie erften perunglücftcu 
E>erfud?e eines mißlungenen 
Kopffprungs machen mußten; fie 
müffen 3ugeben, baß r>ielleid?t 
bas £?öhuen ber Kameraben 
mehr als eigenes HTutgefühl fie 
3U mieberf?olten Perfud?eit bes 
IBagniffes eeranlaßt haben. 
Hbcr mie hi^r, fo überall: 
„Hebung macht ben HTcifter". 

Huf unfern Bilbern fehen 
mir, mie meit ein fiihner 
Schwimmer es beim Springen 
burd? 2 Tiut unb < 5 efd?icFlid?Feit 
bringen fann. Hllerbings ge* 
hört h^r3ii aud? eine beftimmte 
IDijfenfdjaft, menn man nid?t 
gan3 gehörig 3U Sd?aben Font* 
men ober gar nod? bas £eben 
einbüßen mill. 

£Die bei ben meiften Forper 
ßd?en Hebungen, fo hat aud? 

€nglcmb auf bem (ßebiet bes 



flacher Kopffprung aue der Bdhe» 


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Sette \30^. 


Hummer 28 . 



oben Ijerab5uftür3en. Chat» 
fäd?lid? oerfiet?t benn aud? ein 
£aie f aurrt , tote bie £eute 
oon ben fd?toinbelnben 
£?öhen, bie unfere Silber 3ei- 
gen, fopfüber herabfpringen 
Fönnen, ohne irgeubtoelcben 
Schaben 3U nehmen. €s ge¬ 
hört eben eine gan3 außer* 
orbentlid?e Ced?niF ba3U. Die 
meinen phänomenalen(Eaud?er 
fpringen aus entfpred?cnber 
£?öhe 3umeift oonoärts nad? 
oben, fte biegen fid? in ber 
£uft fo 3ufammen, baß bie 
fjänbe bie 5üße berühren, 
unb reden ftd? erft toieber 
fur3 oor ber Serührung ber 
IDafferfläche auseinanber. 

Knbere oor3üglid?e Sd?toint* 
mer unb Caudier jhreden nie 
bie l^änbe soran, fie fpringen 
3unäd?ft mit bem Kopf oor* 
aus unb b^ten &te £?änbe 
erft im testen Kugenblid oor 
<Beftd?t unb Kopf. Sie be¬ 
haupten, baß bas bie bejte 
Krt fei, bas < 5 eftd?t unb ben 
Kopf 3U fd?üfeen. Sei einem 
Sprung aus bebeutenber 
I?öhe liegt bie (Sefahr oor, 
baß ber £uftbrucf bas (Trom¬ 
melfell 3erftört. Um ftd? baoor 3U betoahren, thut man 
gut, ftd? in ®el getränFte Saumtootte in bie ©hren 3U 
fteefen, toeil bann IDaffer nid?t plöfelid? in ben (Sehör- 
gang eiitbringen fann. 

Dor allen Z)htgen barf man beim Sprung bie Seine 
nid?t nad? hinten frümmen, toeil man fonft einen fehr 


empfmblichen Schlag auf bie 
IDaben erhält. <£s liegt 
hierin nod? bie große <ßefal?r, 
baß man ftd? überid?lägt, mit 
bem Süden auf bas IDaffer 
prallt, töoburd? man aus 
e»itfprcd?enber £?öhe, toie 
jeber Sd?toimmer toeiß, ftd? 
ben allergrößten £eibesjd?aben 
5U3iehn Fann. IDettn man 
aus beträchtlicher £?öfje in 
bas IDaffer fpringen toill 
ober muß, hanbelt man am 
beften, toeitn man 3unäd?ft 
hod? in bie £uft fpringt, ben 
Körper in h<>ri3ontale £age 
bringt, bie Krme nad? unten. 
Unmittelbar oor bem IDaffer 
fd?nellt man bie Seine, bie feft- 
gefd?loffen bleiben, 5ußfpifeen 
nad? hinten unb außen, in 
bie £?öhe, legt bie £?änbe 
über ben Kopf, bie Zeige¬ 
finger feft 3ufantmen unb bie 
£?anbfläd?en nad? unten. So 
hat man bie beften Chancen, 
baß man im rid?tigen IDinfel 
in bas IDaffer gelangt. 

£s liegt toohl ein eige¬ 
ner Sei3 bar in, getoagte 
Sd?u>imm- unb SpringFunjt* 
jtüde aus3uführen, aber toer 
nicht bie rechte Uebung hat, foflte ftd? nid?t 3U hals* 
bred?erifd?en Sprüngen oerleiten laffen, unb toer nur 
ein Kbfühlungs- unb <£rfrifd?ungsbab nehmen toill, 
ber thut am bejlen, toenn er es in ber IDeife aus¬ 
führt, bie ihm bie gefahrlofejte unb genußreichfie 3U 
fein fcheint. ntje. 


Sprung mit fcblecbt gefebütztem Kopf. 



6in salto mortale. 


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JTurmtter 28 . 


Seite { 305 . 


fMrtvana. 

SFfoe aus bem parifer Ceben von Karl Cahttt. 


amt, ein billet-doux! , # 3« ber emflen 

KrbeitsForrefponben3 nimmt pch folch ein 
rotgeränbertes ClfenbeinFoupertchen non 
unbefannter I}anb gar 3U neefifeh aus, unb 
man muß fdjon einhartgefottener Sünber fein, 
um nicht 3U erröten, flüchtig natürlich, mie 3tpifd?en 3mei 
Seilen. Über bie (Enttäuschung! €in parfümiertes billet- 
doux mit 5rauendjarafteren bemalt unb (ßafton unter- 
3eid)net. (ßajton, bahinter fteeft Feine Ftau . .. (Safton 
Cerrignac ip’s, ber Machbar, ber brüben im (Barten eine 
Dilleggiatur hat unb ber hinter ben U3aleenbäumchen 
feiner Deranba 3ugleid? bie ret3enb|te aller (Battimten 
perbirgt (Eine (Einlabung 3um Souperl Sieht ihm 
ähnlich. Kaum, baß mir uns 3mei-, breimal formell 
unb aalglatt bie fjanb gereicht, unb nun eine €inlabüitg 
fo 3tuangtos, fo unmotioiert unb blafiert 3ugleid?, bie 
fich in ihrer un3eremoniellen <£legan3 mit ber perfon 
bes Kbfenbers aüerbings 3ufammenreimen läßt. 

Mitunter taucht feine €rfd?einung auf ber Deranba 
auf, ßets tabellos ange3ogen, £}aar unb Bart ibeal 
gepflegt, ber echte Fleine parifer, ber ohne bie fcharfen 
Bügelfalten im pantalon feine Seele aushauchen müßte 
.. . nnb mit unenbüdjer Sorgfalt behanbelt er piertel- 
fhmbenlang feine Fingernägel, glättet unb feilt fie, bis 
nichts mehr bie Miniaturgeometrie bes 3ehnfad?en ©pals 
Pört Der KryPallfneifer mirb 3ärtlich mit bem blüten- 
meißen Cinnen eines eben bem Schrein entnommenen 
(fafthentuchs gerieben, immer mieber unb immer mieber. 
Dabei WicFt ber fo Befchäftigte mit leifer Melancholie 
jnm Fimmel auf, ober auf bie Flehten Beete im Dor- 
g&rtchen, ohne jebod? bie Blüten 3U 3ählen. ffinter ihm 
£eh* eine fchlanFe, hohe (Sefialt im hellen BouboirFleib, 
halb Kau, halb meiß, halb rofa, halb creme, bas reiche, 
btrnFle Staat um ben SüblänberFopf nur leife georbnet, 
«nb ihre Hechte fiüßt pch leicht auf feine linFe Schulter. 
Sie plaubern nicht, fie fehen nichts .. . hinter ihnen 
obt heüer Salon mit einem meißen Steinmayflügel; bie 
fchmalen, hochlehnigen Stühle, bie (Etageren, bie (Tifch- 
chen mobernen Stils, an ben IDänben allerhanb 3m- 
prefjtonijHfches. Das entbeeft ber er fie inbisFrete BlicF. 

^in unb mieber nimmt bas Drehen enter Siqarette 
bie Seit in Hnfpruch, bie anbere nötig hoben, um 3ehn 
3u rauchen ... Darnt fchaüen porn Flügel leichte 
StFforbe herüber, bie eine marme unb nicht 3U umfang¬ 
reiche Frauenstimme begleiten, fpanifdje IDeifen .. . Unb 
manchmal fleht mit einem (Bartenfchippchen in ber 
Hechten, flets in päubchenfreiem (ßehroef, ber felbji- 
pergeffene Kapalier am (Bitter feines (Bartens, um 
einige herübergefallene BobenFrumen pom Kiesmeg 
3urücf auf bie Beete 3U legen; unb itt3mifchen fegt 
fachte mit einem funFelneuen Stubenbefen bie fchlanFe 
Schöne in rhythmifchen Strichen bie pon ber Sofe eine 
Stnnbe 3uoor gereinigte Deranba pon etmaigem Staub. 
Hlit (Einbruch ber DunFelheit erhellen 3ehn in ade <£cPen 
perteilte tampen ben Salon unb bas anftoßenbe <£ß» 
Shnmer. £}err unb Mabame pnb beim Dinieren leicht 
31t fehen, bie Sofe ferpiert fchmeigenb, langfam, metho- 
bifd?. Um Mitternacht pnb bie Dorläben hermetifd? per- 


fchloffen. Der S\ett manbelt eine halbe Stunbe lang 
por feiner Deranba auf unb ab, raucht eine Stgarette 
unb fd?nal3t mit ben Fingern ben beiben Schäferhunben 
3U, bie mie Schlinge rechts unb iinFs pon ihm einen 
Schritt meit ftol3ieren . . . falbem Uhr nachts. Doll- 
Fommene Huhe, PoHFornmene DunFelheit im Räuschen 
'pis«a*pis . . . 

(ßütiger fjinimel — folches Familienleben xft fo 
feiten in ber gallifchen ffauptflabtl 

Unbba mittenhinein in biefenperfchloffenen (Barteneine 
(Einlabungl Heugierbe ifl nicht allein bieUntugenb ber 
Frauen. S«>ei IDefen fo aus nächjler Höhe täglich in ihrem 
dolce far niente 3U fhibieren, bas perurfacht bie pemt- 
genbe Frage: mie pertragen Menfchen pon Floifd? unb 
Blut fold?e freimütige (Befangenfchaft? Sterben fte 
nicht por Cangmeile? — 


Die Begrüßung gan3 einfach in un3eremonieHer 
£legan3. Cerrignac pellt in flüfiernber IDeife mit einer 
^anbbemegung por. Keine anbern (ßäpe. Sie hat pch 
in ihrem meißen Kleib am Flügel niebergelaffen, er 
lehnt fich am Fenjter nieber. (Carmen Cerrignac I Sie 
blieft mit ihren bunFIen, ach fo bunften Uugen nach 
mir hin, ohne mich 3U fehen, träumerifch, in ber Hich- 
tung, nach ber fte burch Faum merFliches Hicfen für 
meinen (Bruß gebanFt. €m ätherifdjes U)efen, bas 
nicht auf biefer (Erbe 311 manbetn fdjeint. 

„Sie mohnen fchön hkr/ beginne ich, um etmas 
3U fagen. 

„(Es ip piü. Man mirb nicht gefehlt," ermibert 
Cerrignac leife, als fürchte er ein lautes €cho pon 
ben XDänben. 

„Sie leben 3 hren Blumen im (Barten?" 

„tt)ir lieben unfere Blumen hn (Barten. Wie 
leben uns felbp." 

(Carmen Cerrignac nieft mie- im (Traum 

„IDir leben uns felbp," mieberholt (Sagten püpemb, 
eine piliperte Sphinj. 

„€iner für ben anbern," behne ich inquiptorifch bas 
(Thema aus. 

„Hein. 3 *ber für pch felbp," prä3iPert mit bem 
blütenmeißen Cafchentuch am pincene3 ber parifer. 
Unb mit langfamem Uugenauffdjlag fefet er hinsu: „Die 
Menfchen, bie für anbere leben, eyipieren nicht. Cgois* 
mus regiert bie XDelt. Bemußt ober unbemußt mirb 
er gefätfeht. (Ein Hebeneinanberleben, bas ip bas 
ein3ige 3U erreichenbe 3öeal, mein ^err." 

(Carmen Cerrignac nicFt mie aus ber Ferne Be- 
pstigung. 

€in mht3iges eleFtrifches (Blöcfchen fchlägt irgenbmo 
potorg en hn Sintmer an. Cangfam löp pd? bie meib- 
Bche Tichtgepalt pon ihrem Siß am Flügel los. Man 
fchreitet auf bem meichen heDen (Teppich bem Speife- 
3hnmer 3U, mo bie Sofe bas hors d’oeuvre ferpiert. 

„Sie mohnen fchon lange ht biefem (Barten?" per- 
fuchte ich oon neuem ein (ßefpräch ein3uleiten. 

„Fünf 3 ahre, brei Monate." 



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Sexte { 506 . 


Bummer 28 . 


„Befud?en Sie oft bas tEf?eoter?" 

Ser fjausfyerr lächelt milb. „(Theater? — V 0 \e 
meit liegt bas 3urü<f. (Benoffen traten mir es, bis 
hierher." Seine meid?e 5rauenf?anb beutet leidit m bie 
l^öhe feines fd?mar3en I?enry IV. 

„Al^upiel Theater? IPohl in ben erßen 3 ohren 
3tirer <£he?" 

Beibe lädieln. „Hein, neinl Siefe unfere Ch* marb 
unfere Rettung por bem Theater unb allem, mas brum 
unb bran bängt, por (Befeflfd?aften, Bällen, pferberennen, 
Babereifen unb bem gan3en tötenben lärm." (Baßon 
feßt fo langfam unb methobifd? feine ZDorte, tote bas 
golbene UTefferd?en bie 5oreHe 3ertei(t 

„Sie befuchen feine (Befeflfchaften?" 

„Bid?ts, rein nid?ts, mein J}err. Das mar unfer 
(Belübbe por unferer Perbinbung." 

„Unb Sie ftnb glücflid??" 

(Ein milbes lächeln, überlegen unb gleidigiltig, er* 
fdjeint auf beiber Sügen. 

„Um uns 3U perßehen, müffen Sie unfere <Sefd?id?te 
fennen. Sie iß banal, ße ifl nicht einmal originell 
IPir finb geborene parifer pon ben beneibeten upper ten. 
3 d], bis 3ur Schule in ben £?änben ber Sienerfd?aft, 
pon \2 bis \5 3 a I?ren bei ben üblichen böfen Streichen, 
pon \5 bis 20 lohnen lebemenfd?, Kenner bes fd?öneren 
(Sefd?led?ts, Perfd?menber mit allen Details, ab 20 3 <*hren 
beginnenber XPibermillen por ber entnerpenben <E|fißen3, 
por 5 rau, (ßelb unb pferb, mit 25 3 ohren einlaufenb 
in ben £?afen felbßgemählter Bube. Carmens ( 5 efd?id?te 
ber rpeibüche parallelgang ber meinen, penßons- 
fimpelei, bann bie Salonbeuchelei, bie 3 ogb über bas 
parfett, burch bie Theater unb bie UTobeorte. JUit 
23 3ohren fo meit mie ich, dägout compiet por ber 
tPelt." 

„Sie fahren nicht aus, ZTTabame? 3 ns Bois?" 
merfe id? nach einigem Schweigen ein, um auch fte 
3um Sprechen 3U bringen. 

„IP03U?" ermibert fte im Tonfall bes (Satten, „bie 
luft bi^r in ben (Bärten ijt gut." 

„Um bie 2 Tienfd?en 3U fel?en?" 

„0, ich h<*be einen Sd?re<fen por ben UTenfchen! 
Ser lärm, ber Staub! Unb bas fabe (Seplapperl 3 ^h 
gebe nicht aus." 

„Sie lieben bie XTCußf?" 

„Poch einen Ueborreß bapon. Spanifdie UTelobien 
poK füßer UTelancholie. Sie erinnern mich an bie Ab* 
fiammung meiner Familie." 

„Sie lefen beibe mobl piel unb gern?" 

„Behüte!" mehrt lerrignac mit pblegmatifcher (Beße 
ab. „Sie Bücher! Schweigen Sie mir pon ber 2 Peisf?eit 
biefer auch fo überlebten, bis 3um Ueberbruß genoffenen 
Unterhaltung." 

„Sodi bie Leitungen . . ♦?" 

„Seitungen! 2 T?ein fjerr, permögen Sie noch fo etmas 
3U lefen? <£tma bie politif? IPenn fich bie 2 T!enfd?en 
um berentmiHen bie Köpfe einrennen I Aud? mich hoben 
fte mit meinem (Selb einß in irgenbeiner guten propin3 
3um Deputierten madien rnoüen . . . Sann bie Beuig* 
fetten pom Tag! 2 Ule fchon bagemefen, lohnt nicht 
bec Blühe, fte anjitfebn ..." 3mnter langfamer fommen 
^ie IPorte; lerrignac fcheint bas ungemohnte Sprechen 
3U ermüben. 

„Sie lieben feinerlei Aufregung?" 

„Aufregungen?! (Siebt es folche für uns, bie uns 
httereffieren fönnten, bie mir nicht alle früher burd?* 


gemacht im Taumel bes fogenannten Gebens ? Bein, 
nein, es giebt feine Aufregungen." 

„Unb Sie arbeiten nidit, Sie fhtbieren nicht?" 

„Arbeiten? Stubieren? IP05U bas! <£s giebt feine 
Arbeit, bie pon Bebeutung für bie IPelt märe, gefchmeige 
benn für bie perfon, bie fte perrichtet. <£s fei, baß 
fojiales UTißgefd?icE 3um Arbeiten nötigt 3 ch hin nicht 
in ber läge." 

Perlegen fudie ich nach einer Drehung bes (Sefprächs, 
mährenb er forgfältig bas Seffert 3erlegt. 

„Sehen Sie nicht oft 5 reunbe bei ßd??" 

„Biemals! Keine Permanbte, feine fogenannten 
Äreunbe. IPir leben für uns unb merben bis an bas 
<£nbe unferer Tage fo leben. Bur feine frembe Seele 
in unfern UTauernl" 

IPie man bas (Erröten mitunter fühlt! 3 d? lehne 
mich mit einem Bucf 3urücf unb perhehle mein (Er- 
ßaunen nicht . ♦ . 

„ 3 o, mas perfd?afft mir bann bie &qce einer (Ein- 
labuttg?" 

langfam erhebt ßd? ber Hausherr; Carmen unb ich 
thun besgleichen. Cr hängt ftd? fachte in meinen Arm 
unb geleitet mich in ben Salon 3urücf. 

„Das miH ich 3 hnen braußen bei einer Si^orette 
por ber Peranba fagen." 

Carmen hot ftd? mit einem leichten Bicfen bes Kopfes 
perabfchiebet unb surücfgejogen. 

Draußen in ber Abenbfühle, immer auf meinen 
Arm geftüßt, beginnt lerrignac: 

„Sie fragen, mesholb mir Sie miber unfere prin* 
3ipicn 3U uns baten. Das iß nicht fo leicht 3U beant- 
morten. Unb bod? muß id? freimütig fein, ba ich nicht 
annehme, baß Sie beleibigt fein merben. Senfen Sie 
ftd?, Carmen unb id? leiben feit pier3ehn Tagen an 
einer feen 3&*e. iß ein mirfliches pfyd?ifd?es 

leiben für uns gemorben. Wxt fürchten fo jel?r bie 
Beobaditung in unferer Snrü<fge3ogenheit. Unb Sie 
bürfen miffen, baß mir beibe mie UTönd? unb Bonne 
für bie Außenmelt tot fein maßen —" 

„Sie hoben über 3 nbisfretion meinerfeits 3U 
flagen?" 

„Bein, nein, taufenbmal nein! Aber als unfer ( 5 e- 
genüber müffen Sie ge3mungenermaßen auf uns auf- 
merffam gemorben fein, für uns 3ntereffe gefaßt hoben. 
Pom portier hörte id? bann, baß Sie gar 3 °omaliß 
ftnb. Sie perßehn —!" 

„Bein, id? perftehe mirflid? nicht — V* 

„Sann muß id? mid? beutlicher erflären. 3 ^! — 
mir famen auf ben (Sebanfen, baß Sie ein großes 
3ntereffe für unfer — es ifi mahr! — etmas unge- 
möhnliches leben faffen müffen, menn Sie es jahrelang 
fo aus nächster Bähe perfolgen. Unfere ft£e 3 &ee iß 
nun, baß bies 3 ^ rc ffo 5 ie 3U einer Stubie in einer 
3hrer &e\tux\Q en über unfer leben peranlaffen fönnte, 
fo ein Chema mie ,bas €nbe 3meier ^ypermobernen 4 
unb bergleichen —" 

„ 3 hr Safein bas (Enbe 3meier ^ypermobernen! 
lieber (Sott, id? fd?mur bis heute auf bas Safein 3meier 
Curteltäubchen! Kein (Sebanfe an ein Cffay, bas Sie be¬ 
fürchten." 

„Sann iß es gut! Ser (Sebanfe an ein fold?es 
Se3ieren unferer <E^iften3 mar mir unausßehlid?, unb 
fo faßten mir ben fchmeren (Entfd?luß, Sie ein3ulaben, 
um Sie 3U bitten, ßd? nie 3U einer Seile über uns per* 
fud?en 3U laßen. Sie holten uns für Turteltauben* 


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Z&ttnmer 28 . 


Seite { 307 . 



prinzeffin Viktoria Luife von preussen. 

ZTeuftc porträtaufnaljmc pon £jofpl[ot. (L B. Doigt, fjomburg p. b. £j. 

J 




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Seite 1308 . 


Bummer 28 ; 


ibioten. Schabet nichts. 3 ch bin beruhigt unb banfe Sämmerungspromenabe por ber Deranba, felje feine 
3 h«en. Sie werben uns nicht 3Ümert/ Sigarette glimmen unb ii&ve hin unb wieber ein paar 

* * * leichte, warme, fanfte, einluüenbe Kfforbe burch bie 

3 ch bin nie wieber bei bem intereffanten (Ehepaar laue Kbenbluft wehen . . ♦ 
gewefen. 3 ch fehe nur bisweilen terrignac auf feiner Derlöfchen — Birwana . . . 

o — ■■■ 

Orcbideenzucbt im Cdicncr Rofgarten. 

Zladi i>ert 2 ttitteitungen bet Kotfcrlidjcn fjofgarten&ireftion £Dten*Sd) 3 n£>runn. Don Bettina tDirtlj. 

fjterju 3 pfjotograptyfcije Knfnafymett Dort 2L Karl Sdjufhr, Wien. 


3n ber öfterreichifchen SeichsgartenbauausfteHung, 
bie im ©ftober porigen 3 a h*es in 0?ien abgehalten 
würbe, war trog h^rrlichfler unb feltenjter Blumen- 
fammlungen ber „<£lou*, eine ©rchibeenfämlings3ucht 
größeren Umfangs, bie alle Kusbilbungsjtufen von 
ben erften Keimlingen bis 3ur entwicfelten pflanje um¬ 
faßte, bie $um Ceil nur burd? bie barüber gelegten 
Cupen für bas Kuge erfennbar waren. KusfteHer 
biefer hod?intereffanten unb gan3 neuen ©ruppe war 
bie Kaiferliche ^ofgartenbireftion in Schönbrunn. 5 ad?* 
männer unb Ciebhober proteftierten einftimmig bagegen, 
baß eine fo wertpotle Sammlung ber ©efat?r bes Der- 
berbens ausgefegt werbe, aber ber Kaiferliche f?ofgarten- 
bireftor Knton Umlauft perftdjerte, bas höbe nid?ts 3U 
bebeuten, beim bie Sol?t ber in ben ©rd?ibeenan3ud?t- 
t?äufem in Schönbrunn porhonbenen Sämlinge fei of?ne- 
bies fo grog, bag bei weitem nicht alle fertig fultwiert 
werben fönnen. ©benfo bereitwillig, wie fie bie Kus- 
jteflung befd?icfte, hot fich bie Kaiferliche £?ofgarten- 
bireftion bamit einperftanben erflärt, baß bas Schön¬ 
brunner Un3uchtDerfahren in einer Beif?e von Silbern 
für bie „IDodje" aufgenommen werbe, unb fte t?ot 
überbies noch bie UTitteilungen 3ur Verfügung gegellt, 
burch bie bas fonft fo forgfam gehütete ©eheimnis for 
©rd?ibeenan3ucht aus Samen offen bargelegt wirb. 
Um ben IDert biefer Silber unb ZlTitteilungen richtig 
fd?ägen 3U fönnen, mug man fich folgenbe befannte 
(Ehatfachen ins ©ebäd?tnis 3urücfrufen. Befanntlid? 
müjfen bis jegt alle ©rchibeen immer wieber neu aus 
ben Cropen, houptfäd?lid? ous Sübamerifa, geholt 
werben. Sie großen englifchen Jirmen fehiefen ihre 
Beifenben alljährlich aus unb richten beren Knfunft an 
©rt unb Stelle fo ein, bag fte bie ©rd?ibeen in ber 
Uuhe3eit einfammein fönnen. Sie perpacfeit bie ge- 
fammelten Pflai^en forgfältig mit £?ol3fpänen in 
Ääffern unb fchiden fte nach ©uropa, wo fie in per- 
bunfelten ©lashäufern aufgelegt unb porfichtig wieber 
an 5eudjtigfeit unb £id?t gewöhnt werben, bis fie nach 
tDod?en bie ergen Triebe 3eigen, benen halb bie Ü)ur3eln 
folgen. Sun erg werben fte in Cöpfe ober ZTToosförbe 
perpf(an3t, in beiten fte gewöhnlid? fchon im ergen 3^hr 
reichlich blühen. Solche 3ntportationen, bie aus pielen 
Caufenben pon pflat^en begehen, werben forgfam über¬ 
wacht, ob fich nid?t Spielarten barunter beftnben, bie 
im fjanbel unbefannt finb. 5 inben fich folche Spe3iali- 
täten barunter, 3. B. bie gan3 weiten Kbarten aller 
befannten Sorten, fo werben fte abgebilbet unb in 5 ad?- 
fdjriften befchrieben, worauf als halb bie Angebote ein- 
treffen. 23 000 ZTTarf ig ein pon Sammlern nicht feiten 
gebotener preis für eine gan3 feltene pflan3e. (Be* 
wöhnlich gelingt es nicht, eine pfla^e 3U teilen, fte 


bleibt ein Unifum, auf bas ber glücfliche Sepger unge¬ 
heuer P0I3 ig. Sie gan3 weige ©attleya ig 3. S. bet 
ihrem jebesmaligen Kuftauchen pon amerifanifchen 
Uliliiarbären fofort aufgefauft worben. 

(Es ift wohl begreiflich, bag biefes gan3e umftänb- 
liehe Verfahren bie ©rchibeen 3U einem beinah uner- 
fdringlichen Cujrusprobuft macht, unb bennoch finb fte 
fo allgemein beliebt, bag es wohl ein Derbieitg ift, wenn 
fte auch minber bemittelten Kaufluftigen 3ugänglid? ge¬ 
macht werben. Kber nicht nur bie Derbilligung unb 
allgemeine Derbreitung ber ©rchibee wirb burch beren 
2lii3ucht aus Samen erreicht, auch ihre ©ntwidlung unb 
Derpollfommnung gewinnt baburch. 

Sie Befruchtung ber ©rchibeen in ber Batur ge- 
fchieht burd? Ciere unb ift gan3 bem Zufall überlaffen. 
(Es fommen beshalb natürliche Kreu3ungen nur fehr 
feiten por. Sei ber Kn3ud?t aus Samen werben burch 
fünftliche Kreu3ungen eine ZTCenge gan3 neuer Kbarten 
er3ielt werben; es werben auch burch fünftliche Sucht¬ 
wahl wichtige Serbefferungen 3U erreichen fein. So 
giebt es ©rchibeen, bie prachtpoüe Blüten, aber gan3 
furse Stengel h a &en, fo bag fte 3ur Slumenbinberet 
nicht 3U perwenben ftnb. fjier wirb ber ©ärtiter eine 
Kreu3ung mit einer langgeftielten pftan3e pornehmen 
unb bem Uebelftanb baburch abhelfen. Kud? bie 
Kreu3ung 3wifchen blafcgefärbten, aber fchöitgeformten 
unb fchöngefärbten Blüten lägt ftd? ausführen. 

(ßroge Dorteile perfpricht man ftd? pon Kreu3ungen 
3wifchen fchönen ©rd^ibeen, bie ein fehr heiges Klima 
per langen, unb folchen, bie mägigere Cemperatiu: per¬ 
tragen,'weil bann bie Kultur ber erfteren weniger foft* 
fpielig fein wirb. 3 n Schönbrunn hot mau fdjon er¬ 
reicht, bag bie €r3eugniffe folcher Kreu3ungen in 
niebrigerer (Temperatur fich fröhlich entwicfeln. 

ZtTan hot fich longe nicht mit ber Keucht pon 
©rchibeen aus Samen abgegeben, weil fie aüerbings 
in ben Anfängen fehr fdjwierig ift, unb weil allgemein 
am (Blauben feftgehalten wirb, bie ©rchibee fomme erjt 
im 3ehnten 3 a hr 3ur Blüte. Siefer ©iaube würbe in 
Schön Brunn im grogen ZTCagjtab wiberlegt, benn man 
hat bort fchon im pierten 3 a hr pflogen mit Blumen¬ 
feheiben er3ielt. IDenn bie ©rchibee nicht pon Knfang 
an ben richtigen Bährboben erhält, bürfte fie aüerbings 
3ehn 3 ohre 3ur Pollen ©ntwicflung brauchen. 

3n ber ^eimat wachfen bie meiften ©rchibeen — 
mit Ausnahme ber (Erbordjibeen — auf ber borfigen 
Sinbe pon Stämmen unb Kejten, an Stellen, wo in 
ben Siffen Staub unb taub, flechten unb ZTToofe ange* 
fammelt unb permobert ftnb. Siefe Bahrungsporräte 
finb fehr gering, wesholb bie pflogen fo lange Seit 
3ur<£ntwidlung brauchen; befchleunigtwirbbaslDachstum 


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tTummer 28 . 


Seite {309. 




Die jviutterorchideen mit Samenkapreln. 


burd? Verabreichung beriet geeigneter Stoffe in reichlichem 
ZTZa§. €s hat (Ich in Schönbrunn gejeigt, baß man mit 
reinem, piljfreiemfiichenmober, Fleinen StücFchenf^oIsFohle 
tmb quarjigem Sanb gan3 überrafchenbe Befultate erjielen 
Fann. 3n neufter Seit hat man auch perfudjt, ©rchibeen 
in Cauberbe 3U Fultipieren, unb an manchen ©rten fchöne 
Befultate erjielt, aber es hnt ftch in Schönbrunn er* 
triefen, bafc biefe Krt Kultur piel größere KufmerFfamFeit 
erforbert unb bafc man, menn bie Cauberbe nicht im rich¬ 
tigen Dertoefungsftabium 
ift, leidet entmutigenbe 
ZTTißerfolge herbeiführen 
Fann. Die obengenannte 
ZJTifchung bagegen mit 
Beimengung pon 5arn* 
n>ur3elerbe giebt einen 
locFeren Boben, ber bem 
natürlichen Stanbort 
biefer pflogen fehr ähn* 
lieh ijt unb ein rafches 
Jüachstum beurirft. 

Bet ber Keucht aus Sa¬ 
men muß man por altem 
barauf bebacht fein, 
bafj bie ZTCutterpfIan3e 
nur eine SamenFapfel 
trägt; hat pe mehrere, 
fo urirb fte gefchmächt, 
unb bie Kusbilbung 
ber Samen leibet barun* 
ter. €irie SamenFapfel 
enthalt in ben meiften 
5äHen ^unberttaufenbe 
pon Samen, bie urie 
Staub ausfehen unbberen 


freiem 2Iuge nicht tpahr* 
3unehmen jtnb. ZTur bie 
in ber ZlTitte ber Kapfel 
liegenben Samen jtnb 
Feimfähig. Ser (Bärt* 
ner unterfucht mit £}ilfe 
bes BTifrofFops, rnelche 
Samen Feimfähig jtnb, 
benn bie Kapfel Fann auch 
gait3 mit taubem Samen 
gefüllt fein. (Ergiebt 
bie Knterfuchung ein 
befriebigenbes Befultat, 
fo Fanit fogleich 3um Kn* 
bau gefd^ritten merben. 
(£ichenmober, gehabtes, 
feines ZIToos ober ausge¬ 
gorene Sägefpäne merben 
in Santenfchüffeln auf* 
gefiellt unb mit Samen 
angeftaubt, bann in eine 
IPafferfchüffel gepellt, 
bamit bie 5 euchtigFeit 
pon unten ange3ogen 
tpirb. 2Tlan hot pielfach 
bie Samenfchüffetit por 
ber Sonne be tpahrt, fte 
in ben tiefften Schatten 
gesellt, unb bas Be* 
fultat mar, baß BToofe, flechten unb pil3e unbe* 
hinbert tpuchfen unb bie pflän3chen im Keim erjHcften. 
Blan muß bie Samenfchüffetn an lichte ©rte, an bie 
Sonnenfeite bes fjaufes fleüen, bicht unters (Blas, unb 
fte fo tpie bie Blutterpfla^en behanbeln. Blan hat 
eine (Srunbbebingung beim Knbau ber ©rchibeen bisher 
überfehen: bie Beachtung ber CrocFenperioben, bie 
man fte fo burchmachen laffen mu§ u>ie bie Blutter 
pflan3en. BTan hat ftch gefürchtet, fte troefen tperben 


ein3elne Körnchen mit Sieben Stadien im tKtachsUim der Sämlinge. 


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Seite \ 5 \ 0 . 


Hummer 28. 


3U taffen; es fchabet timten aber nicht einmal eine 
tpodjenlange Crocfettperiobe. Sotpie bie Degetations5eit 
in ber fjeimat anbricht, tpadjfen auch bie Keinen 
pflanäen tpieber. Die ©rchibeen feinten gan3 eigen¬ 
tümlich unb abmeichenb pon anbern pfla^en. 

Der Samen toirb 3uerft grün unb treibt auf einer 
Seite einen facfförmigeit Uusrouchs, aus bem bie erfien 
Blättchen h^ruorfommen. Das erfte tPürselchen ifi mit 
feinen Saughaaren bebecft. Das gan3e 3 nbipibuum 
liegt nur Iofe auf ber €rbe auf unb tpirb in ber Hatur 
pom tPinb pertragen. Wenn biefes Stabiunt eintritt, 
mug ber < 5 ärtner barauf bebacht fein, bem pflän3chen 
neuen Hährboben 3U geben, benn ber alte hat rtid?t 
mehr Kraft genug, um fte im rafchen IDadistum 3U er¬ 
nähren. Hun fommt eine furchtbare ©ebulbprobe. 
Die pf(an3en finb fo Kein, bag ber ©ärtner fte mit bem 
biogen Uuge faum tpahrnehmen faitn, beshalb nimmt 
er mit ber im Uuge eingeflemmteit £upe bas Umfegen 
por. <£r h a * * ln haarfein 3ugefpigtes Stäbchen, mit 
bem er bie pflän3chen aus bem Hährboben tuegholt 
unb fte auf ben neuen Hährboben legt. Diefe ©peration 
mug bis 3um (Erfcheinen ber eigentlichen U)ur3eln mehrere* 
mal tpieberholt tuerben, befonbers tpenn ftd? auf bem 
Hährboben Sdjimmelpi^e 3eigen. Hach bem erfien 
halben 3 <*hr, n?enn ftdE? bie jungen Keimlinge betpurseln, 
müffen fte etit3eln in Keine Cöpfe gefegt tuerben. 3 « 
biefen Cöpfen bleiben fte längere Seit, bis ftd? ihre 
XDurjeln ftarf entrpicfeln. Sie Cöpfe müffen mögliche 


nahe ans Cicfjt gerüeft unb nur gegen bie heigefte 
ZHittagsfonne gefchügt tuerben; auch müffen fte mit 
guter Drainage perfehen fein. (Erft tpenn bie U)ur3eln 
ben Copf ausfüllen, tpirb tpieber perfegt. 3 m neuen 
Copf barf bann fräftigere Kofi fein, faferiges (Erbreich 
mit englifchem „pit" (5armpur3elerbe) permifdjt. So 
toachfen bie pfla^en tpeiter, bis fte im pierten 3ahr 
Blütenanfäge 3eigen* U)enn fte fchon gröger ftnb, 
fönnen fte je nach ber ©attung in Körbchen ober (Töpfen 
meiterfultipiert tuerben. Cattleyen, Deutrobien, IDanben, 
©ncibien entrpicfeln fleh beffer in hängenben Körben; 
UTasbepaHien, Cypripebien unb alle (Erbodjtbeen fommen 
in Cöpfe. Die Crfahrung hat ge3eigt, bag bie aus 
Samen ge3ogetten pflan3en piel fchönere Blumen er* 
3eugen als bie alten Kulturpf(an3en. % 1 

3 n Schönbrunn ftehen jegt JO 000 <£in3etpflan3en in 
Cöpfen, bie in ben Samenfchüffeltt ge3ogenenpf(an3en aller 
©attungen unb Urten ftnb unsählig. ©egentpärtig tpirb 
ein neues fjaus nur für Sämlinge gebaut, bas 30 UTeter 
lang unb 8 UTeter breit fein tpirb. 5 ür bie Kreu3ungen 
tpirb eine reiche Uustoahl pon UTutterorchibeen bereit¬ 
gehalten, bie bireft aus ben Cropen importiert tpurben. 
Un alten blühenben pfla^en hat Schönbrunn J 5 000 
fchöne (Exemplare, bie in acht ©lashäufern untergebracht 
ftnb. 3m Horjahr hat bie faiferlidje fjofgartenbireftion 
3tpei Sammlungen angefauft, bie tpeit über bie ©ren3en 
©efterreichs hinaus befannt tparen, bie Sammlung bes 
Barons fjruby unb bie bes nürnberger pripatiers Sorfler. 



Im Baus der Sämlinge: Der Särtner verpflanzt mit der Hupe die hieinen pflanzen aus den Bamenfcbürreln. 


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Hummer 28. 


Seite 15U 



„fiter gtebt cs 6ITcii“. 

3U (Ettbe gellt beoor er 
ihm jufagenbe Arbeit ge- 
funben t^at, fo barf er 
getrojt bet einem Uteifter 
bas bjanbwerF grüßen unb 
um einen §ehrpfemtig für 
bie IDeiterreife bitten. Pas 
nannte ber fjaubwcrFsgefell 
echten", unb nod? in 
fpaten 3 a ^ rcn er3äl^lte ber 
5Ünftige IjanbmerFsmeifter, 
ber längft in gutem Srot 
unb tu IDürben faß, oon 
feinen ,fechtFunfiftückdicn; 
in ber 3 nan fP ruc *?nahme 
feiner Serufsgenoffen lag 
burdjaus nichts (Entwürbi* 
genbes. 

Pas ift gan3 anbers 
getuorben. Pie unerbittliche 
StatiftiF lehrt uns, ba§ bie 
^eerftraßen aller 3it>ilifter* 
ten £änber heute oon einem „Rier muss man 
Xjeer oon Dagabunben be- arbeiten“. 

oolFert ftnb, bie, nach 
£?unberttaufenben 3äl]lenb, ruhelos uon einem 
0 rt 3um anbern wattbern, benen bas Dagieren 
Selbfaroeck geworben ift unb mit ber Saga- 
bonbage 3ugleich ber fyftematifdte unb orgatti« 
fierte Settel. Per ftaatlichen Kuffi<ht ift biefer 
Krebsfdjaben fo wenig verborgen geblieben 
wie ber privaten Kbwehr; es haben ficf> 
Dereinigungett aller Krt gebilbet, um einer* 
feits ber Ueberhanbnahmc ber Pagabonbage 
3u fteuern, unb anbrerfeits jenen (Elementen, 
benen noch 3U h e lf cri ift» Kettung, Unter» 
ftütjung unb t>or allem Krbcit 5U t>erfd?affen. 
hierher gehören bie chriftlichcn Verbergen 3iir 
^rimat, bie Derpflegungsftationeu unb bie 
Urbeitsnachroeife, bie in fo3ialpolitifcher (Er* 
Fcnutnis biefes XTotftanbes gegrünbet würben. 
Pemt au bem Dagabunbenwefen trägt ber 
<Ein3elne feine Sdjulb, es ift eine folge ber 
Derauberuttg unferer probuFtion; ber (Sroß* 
betrieb unb bie allgemeine (Einführung ber 
ITtafchtne, bie bte h an ^ roer ^ntäßige Arbeit 


„plach, dass du forthommfti“ 


„Xm 6artcn ift ein Rund". 

oolle Reichen, bie fte bort, 
wo fic einmal gewefen ftnb, 
hinterlaffen, ihren „Scrufs- 
genoffen" Nachrichten, bie 
für biefe wertooll unb 
unerläßlich ftnb. Natürlidj 
ftnb fol<he Reichen nur bem 
(Eingeweihten oerftättblich; 
jeber anbere nienfdi geht 
achtlos an ihnen rorüber 
unb ahnt nicht, bag irgettb* 
ein Kreis, ein Quabrat 
ober einige Striche, bte an 
einer Plauer, einem §aun 
ober einem Ejaus ange* 
brad)t ftnb, eine gatt3e 
(Schichte er3ählen Fönnen. 

Pas gan3e Sieben bes 
„Kunbett" breht ftch um 
bett Settel; fein fühlen, 
PcnFen mtb Clradtten geht 
nur bahin, wie er ftch 
„Drei fraucn im möglichft mühelos bie 
fiaufc! “ wenigen Pfennige rerfd^aff t, 

mit beren b?ilfe er feine 
Jlafdte füllen unb in irgenbeiitent IDinFel einer 
Verberge nächtigen Faun, wie er ftch bie 
Nahrungsmittel erringt, bie er 311 feiner 
notbürftigen Sättigung bebarf. Ejat er ftch 
in ben Sefit3 biefer bringlidjften Pittge gefeßt, 
fo blickt er wohlgemut bem Fomttiettbeti (Tag 
entgegen, um ben Kampf ums Pafeitt rou 
nettem 311 beginnen. (Es ftrtb ber Sebürfttiffe 
nicht uiele, bie er h a *' aber f ie nehmen bod> 
feine gatt3ett Kräfte in Kttfprndi, unb biefes 
Sinnen unb (Erachten fornmt auch in ben 
geheimnisvollen Seichen unb 3 n fd? r tf* en f 
mir auf unfern Silbern wiebergebett, aus* 
fddieglid? 311m Kusbrutf. Per „Kuttbe" ift 

babei von einem gewiffen Solibaritätsgefühl 
befeelt; er will bem Sdjickfalsgenoffeit, ber 
nadj ihm biefelbe Straße 3ieht, feine (Erlcbniffe 
unb (Erfahrungen mitteilen, um biefett cor 
unnötiger „Krbeit" ober Schaben 31t bewahren. 
So beutet ber ÜTenfcheufreunb, ber bett §irfel 
mit bem Kreu3 auf ttttferm erften Silö auf 


Kundenfpracfje. 

f)ier$u 7 pbotoijrapbifdje Uufnabmen. 


Pie poefte bes IDattber- 
Iebens ift bahin. Per E}anb* 
merFsburfche, ber, wie es im 
Sieb hß^B^ nac *? f?anbroerFs* 
gebrauch wanbertt mußte, um 
fid? enblich als 3ünftiger 
I^anbrnerFsmeifter nieberlaffeit 
31t Fönnen, ift oon ber £anb- 
ftrage oerfchwunbett, fein fröh* 
Iid?cr Sang ift oerftummt, nur 
noch feiten unb vereitelt 
fieht man bett braven (Sc* 
feilen mit Härtel unb IPan* 
berftab feinen IDeg 3iehett. 
(Er ift im Beftß eines regel¬ 
rechten XDanber buches, ein 
väterlicher ober mütterlicher 
Spargrofchcn befdjwert feine 
dafd?e, unb wenn bas (Selb 


ablöften, machen namentlich 
bei Stockungen bes Setriebes 
unb bei ^anbelsFrifett viele 
Arbeiter überflüffig, bie auf 
bie £anbftraßen getrieben 
werben unb fdjlieglich in bas 
Dagabunbentnm verftnfen. 

(Es ift gatt3 natürlidt, bag, 
ba bas Dagabuttbetttum ftd? 
bei uns unb auch anberswo 
gewiffermagen 3U einer Fott* 
ftanten (Erfcheittung entwickelt 
hat, ftch bei biefen Unglück¬ 
lichen gan3 beftimmte Sitten 
uttb (Sebräuche gebilbet haben. 
Sie befißen ihre eigene Sprache, 
bie fid? nicht nur in IDorten 
ausbrüeft, fonbertt fte über¬ 
mitteln auch bur<h geheintttis* 


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Seite \ 5 \ 2 . 


Rümmer 28. 


■ Me Ittauer gemalt tyat, an, baß Me £ente, bie hinter 

btefer Blauer wohnen, ben müben IPanberer mit einem 
Jrnbiß unterftütjeiu Pas Dierecf auf ben gaunp laufen 
bes jmeiten Bilbes warnt baoor, ben gaun 3U über« 

(teigen, benn — es ijt ein fjunb im (Saiten. 0 b bas 
geidjen auf bem britten Bilb ebenfalls eine IDarnung 
ober eine (Ermutigung beöeuteu foll, fann nur ein 
mafdjedjter „Kunbe" wißen, es bebeutet: „fjier giebt 
es Arbeit" Pie„lPinfel3Üge" auf unferm Merten Bilb 
geben bem Kunbigen eine fetjr wertvolle JPeifung. 

3 n unfere Sprache überfeßt, lautet fte: „(E^ähle eine 
rütjrfelige (Sefdjiihte, es finb brei grauen im f?aus!" 

Pa heißt es alfo lügen — „Kohl machen", wie ber 
Kunbe fagt — e^ählen oon ber großen Krbeits- 
lojtgfeit, oon gräßlichen Unglücfsfällen in ber familie 
tu f. w. Pie pfeilftridje auf bem fünften Bilb geben 
eine beher3igens werte Bräunung: „Btad? fc^ueü, baß 
bu fortfommft," unb biegeichen auf ben beiben anbem 
Bilbern l^abeii ebenfalls troftlofen Inhalt: „(Es hat 
feinen gweef ", unb „ber Beftfeer läßt bie pol^ei holen". 

So geht man, baß Bieroglyphen unb Keilfd^rift 
in nnferer geit nod? nid?t ausgeftorben ßnb, mit 

__ ihrer <Ent3i(ferung befchäftigen m aber weniger 

„Bier bat'« keinen Zweck". (Seieste als pol^ei unb (Senbarmen. a <L „Der Befitzer Utost die poUzei holen". 


Die JMod« auf Reifen. 

Qiequ 6 llufnobmett non Becfer & IHaas, Berlin, unb üatla, Paris. 

Das IDetterl VOat lugt jefet nicht ängftlich jeben ZHünchen, Sylt auf Zteaumur, auf „molfig, bebeeft, 
ZlTorgen aus, wie fich’s anläßt; wer jhibiert nicht plan- Segen" u. f. to.I ^öffentlich bleibt bas IDetter günftia 
mäßig bie IDitterungsberichte unb prüft XDien, gürich, unb hc&t &en Blut aller 5 erientx>anberer, bie ins <ße- 




l. plantet aus leichtem Cuch. 2 . Reifemantel aus dunklem Coverteoat. 3. Bakkomantel aus hellem Cuch. 


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Summer 28 . 


Seite ^5^5 


birge, ans ZHeer unb nach walbum- 
fianbenen Seen pilgern wollen. X£)er 
einen öabeort auffudjt, thut gut, 
mit ber (Toilette auch für fchlechtes 
2X>etter oo^uforgen, ebenfo wer fid? 
auf bie lüanberfchaft begiebt. 3n 
erfier £inie mug bie (Eouriftin praf- 
tifch gef leibet fein, einem ergiebigen 
<Sug alfo mit Seelenruhe entgegen« 
fe^en fönnen, erfi bann fall fie an 
bie äugere ©egan3 benfen. Das 
£obenfojiüm wirb beshalb ftets bas 
3beal aller Seifefleiber fein. ZTTit 
ein paar Blufen, einer feibenen für 
bie (Eable b’hdte unb 3wei anbern 
aus mittelfarbenem IDafchfioff, bie 
innerhalb weniger Stunben gereinigt 
finb, fommt eine 5erienfolonijiin, bie 
nur mit einem fjanbföfferdjen reift, 
noüfommen aus. 2lnbers natürlich, 
wer fich ein ober mehrere (Tage in 
einem (Drt aufhalt, in Rotels erjien 
Sanges wohnt unb einen patent« 
foffer mit fid? führt, ber mehrere 
Kleiber, minbejiens 3wei fjüte unb 
einen Seferoemantel enthält. Auger 
bem Seifefleib müffen bann min« 
befiens noch 3wei Kojiüme mitge¬ 
nommen werben, ein bunfles, mög« 
lichfi feibenes unb ein gelles, luftiges, 
5. S. für Kbenbfoii3erte im treten. 
Daneben natürlich ber elegante 
ZHantel, ber als britte (Toilette rechnet, 
ba feine £änge unb fchöne Aus« 
fiattung bas eigentliche Kleib gan3 
»erbunfein. dagegen genügt — 
auger bem 5il3hütchen — ein £}ut, 
ber am beften gan3 fchwar3 unb mit 
viel Straugenfebern garniert wirb. 
Das pagt überall unb 3U jeber Seit. 
Hnfere Abbilbungen geben manchen 
guten 2Dinf 3ur Sefdjaffung einer 
mobernen, aber nicht ejrtraoagant 
umfangreichen Heifeausjiattung. 

Der lange Saffomantel Abb. 3 
aus gelbweigem (Euch, hächft elegant 
mit (ßolbfilet3wifchenfägen, weig« 
golb*rofa paffementerien, bereu 2 T?e« 
baiflons oon rofa Chiffpnrofetten 
umrahmt finb, unb breiten Doppel¬ 
bia ifen ausgeftattet, bebeutet eine 
tEoilettenhilfe nicht 3U unterfchäfcenber 
Art. ZTTangelt 3. S. bie Seit 3um 
Hmfleiben, fo lägt fich eben mandjes 
auf biefe tüeife wirflich „bemänteln". 
Aud? mit einem anbern als bem h^ 
gewählten grogen 5lorentiner mit 
weiger Seber unb Schleifenarran¬ 
gement am Stirnbügel wirft ber 
Saffo, ber fich auch für ben Aufent¬ 
halt an ber See eignet, oornehm 
unb ruhig. ZTTobern in ber 5orm, 
aber einfach in ber Ausführung — 
bas befte ATittel, allgemein 3U ge¬ 
fallen — finb bie ZTCäntel Abb. \ u. 2. 



Saffontoilctte aus fehwarzem Caffet. 

pbotogrnpbifcbe Jlufnabme. 


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Seite J3J4. 


Hummer 28 . 


tüährenb ber 3u>eite 
aus bunFelgraume- 
liertem (Cooertcoat 
mit hellgrauen, offen- 
Fantigen Cuchaufla- 
gen, biefe wieberum 
mit Spadtfelgaton 
©ediert, fo recht ein 
praFtifcher Begleiter 
ift, bürfte berUlantel 
in 2 U>b. weil 3ar- 
ter in Farbe unbZHa* 
terial, jebem Wette r- 
ftur3 nicht ohne nach' 
teilige Folgen troßen. 

Ubb. 4 bringt ein 
fd?leppiges Koßüm 
non fcf]tr>ar3em Caf- 
fetas. Die 3wöif 
Sahnen bes HocFs, 
am (Sürtel natur¬ 
gemäß nur fdjmal, 
laben nach unten 
fehr feilig aus. (Ein 
etwa hanbbreiter, 
mehrreihig burch* 
fteppter Schrägftrei- 
fen giebt ber beinah 
fünf UTeter weiten 
Hocfrunbung erfi bie 
redete Form. ©rigineU ift bie fefte FracftaiHe, unb als 
wahres UniFum Fann ber Kermel gelten, ber oberhalb 
bes (Ellbogens mit einer aufftehenben Stulpe eng 
abfdjließt, an bie bann brei tellerrunbe Formoolants in 
abgejiuften Sreiten anfeßen. 3 nnen füllen fchwarse 
Cfyiffonpliffees bie IDeite aus. HTit.ber Stulpe harmoniert 
ber Kragen aus weißer Seibe. Dev große fchwa^e 
Strohhut ä la Fontainebleau trägt am inneren empor- 
gefdjlagenen Hanb eine langwatlenbe fchroarse Straußen¬ 
feder, oben eine gleiche, aber flache (ßarnitur. 

(Eine helle Coilette aus ecrufarbenem Satiftleinen 3eigt 
2 lbb. 5 . Klles tofe, faltig, auf- unb nieberflatternb. Der 


HocF in tiefen, oben abgenähten Falten, bie Um- ober 
Verhüllung ber bequemen Stufe unb ber ptuberärmeL 
Was oon ber Stufe oben fichtbar wirb, ift mit irifdjer 
(Suipüre bebeeft. Der oon ben Schultern abfaflenbe 
Kragen, mit feibenen HTaFram^flechteu gebunben, ift mit 
Faffeebraunen, b*h* ca ^ au lait-Seibenßreifen bogenförmig 
bejeßt, ein Kuspuß, 
ber ftch auf ben 
oberen Kermeln, 
ben UTanfchetten unb 
ber „(Sarbine" wie- 
berholt. Der runbe 
Ejut ift mit Spißen- 
infrujtationen, Sam- 
metfchleifen unb eini¬ 
gen Hofen hübfd? 
aufgefteeft. 

Dem atlerneujten 
prin3ip ber §wang- 
loftgfeit hulbigtKbb. 

6 . Die beinah form* 
lofe 3 acFe aus opal- 
weißem Cuch mit ben 
glodenförmig fich er- 
weiternben Kermelu 
trägt äußerlich ein* 

3elneCafchen, bie, wie 
beifpielsweife an ben 
Kermeln, feft inein* 
anbergreifen. Die 
eigentliche Elegan3 
beruht auf bem licht¬ 
grünen Seibenfutter, 
bas, mit fchwarsen 
Sammetbänbern ab¬ 
genäht, oor3Ügtid? 

3U ber orientalifchen 
Sticfereiborte fteht, bie ben Sdjulter fragen umgiebt. Den 
Schäferhut umranFen rofa Spalierrösd?en. 

21 Hen benen, bie jeßt ben Stäbtemauern entfliehen, 
wünfehen wir „leidstes Cßepäcfl" (Dtyne Coilettenfd?mer3en 
ift bie Hatur hoppelt fchön! c. d. 



5. Kette Coilette aus Batiftlefnen. 





Int Btmnljöua tmn Liufemüfrtfn. 

Homan oon 


12 jortfegung. 


JMarte Diera. 



fo\ Öen jungen pontoros fyatte man Öen fo* 
genannten Fleinen Salon 3ur CaufFapeHe 
umgeftaltet. 2 tus einer IVanbnifche war 
bie Statue einer bort poftierten Kma$one 
entfernt unb mit Slattpf!an3en unb Slumen 
ein ftimmungsooller £}intergrunb gefchaffen. Daoor ftanb 
ein Fleiner Kltar, weißbebecFt, mit Cauffchate unb 3wei 
Sron3eleuchtern. 

21 n biefem (Ehrentag bes jüngften pontow war bie 
Familie wieber oerfammelt. Philipp HTarius im Calar 
oollsog felbft bie Caufhanblung. 21 nna-Seate hatte ftd) 
in ben <ßefichts3Ügen Faum ueränbert, feit fte ihr Vater¬ 


haus oerlaffen h<*tte. Hur ihre Kugen fchienen aus* 
brucfsooHer, ftrahlenber. 21 us ihnen fprad? ber verborgene 
<Slan3 eines beglücften unb ausgefüllten Dafeins. 

Um ben 3 ungen, ben tVolfgang, war fte von erfter 
Stunbe an herum, als fei er in ber Chat bie aus- 
fchließliche Jjauptperfon. „So mütterliche fjänbe, wie 
Knna-Seate, h a * Feine fonft," fagte <£oa in erfter Stunbe 
3U ihrem UTann. „tVas wirb fte ihren eigenen Kinbern 
einjt für eine HTutter fein." 

„ 3 a, jal" lachte (Erich, über tüotfgangs U?agen 
gebeugt, in beffen bicFe Fäuftchen hinein. „Strenge bid? 
an, 3 unge, bu Friegft halb ein Couftnchen. Denn ein 


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Hummer 28. 


Sette 1515. 


HTäbel iß es, bamit bie Sache paßt. Daß bu bief? oon 
ber nicht unterfriegen läßt, oerßauben?" 

I}ans IDilhelm fam erft im lebten Kugenblicf. Kaum 
öaß er geit hatte, in feinem £ogier3tmmer Toilette 3U 
machen. Kl s er eintrat, mar bie Caufgefellfd?aft fd?on 
ocrfammelt unb ßanb fd?meigenb auf bem teppichbelegten 
Hoben, ber jeben Schall ber Schritte aufßng. Hlumen 
unb JDadjsfe^en gaben ber Ktmofphäre eine feltfam 
feierliche Stimmung. 

3m fjalbfreis follten fid? bie paten [teilen: Hutf?, 
eine Sd?u?eßer oon ©oa unb er. 3 n *>ev ZTTitte faß 
©oa in einem Seffel unb fydt ihr Hiibchen in bem 
langen Spißeufleib auf bem Sd?oß. ©rid? trat rafch 
auf £?ans IDilhelm 3U unb 30g ihn h^an. Da fah er 
Hutt? mieber. 

IDar bas mir flieh Huth? 

©r begrüßte ße ßumm. Hein, bas mar hoch Hutl? 
oon pontom nicht, bas junge ©efd?öpf, bem einß Croß 
unb IDübheit burch bie feine X}aut glühten? 

Diefe hier fchien größer gemorben, fchlanfer, ernfter 
— ober mos mar es fonft? ©emißlid? eins: frember. 

©r hörte nicht oiel oon Philipps ebel gehaltener, 
marmer Hebe. ©r fah in bie dichter hinein unb trauerte 
leife. ©r trauerte noch einmal um bie felige, herrliche 
Seit, um bie läge finnbethörenber £eiben(d?aft, um bie 
3ugenb, um bie man ße unb ihn betrogen hotte. — 

Kls er bas Hünbeld?en auf ben Krm befam, ßng 
es laut an 3U fchreien unb mit ben £?änbd?eit um fich 
5U fuchteln. ©r machte feine große Knßrengung, es 3U 
beruhigen, aber es meefte ihn aus feinen Cräumett, 
unb er fah fich 3um erßenmal feines 5reunbes Huben an. 

Hrao fo! 3n bem Kerlchen ßeefte ja Cemperament! 
IDie er ßd? beim Schreien mit bem fleinen Körper 
orbentliche fleine Schubfe gab oor lauter IDut, mie 
ftd? fein ©eßd?t oe^errte unb blaurot färbte unb er fo 
aus gau3em I^e^en heraus brüllte l 

Don irgenbmoher langte ein meiblicher Krm unb 
nahm ber ungefchieften Kinbermuhme bas Hünbel fort, 
(gleich barauf hörte f}ans IDilhelm ein beruhigenbes 
Summen hinter ßd?, bas ©efd?rei nahm allmählich ab, 
nur ein paar ärgerliche Cönchen oerrieten, baß ber 
junge IHenfd? ftd? mit feiner £ebensanfd?auung nod? nicht 
ganj in Harmonie gefeßt habe, ftch aber bod? fd?on barauf 
einlaffe, ben HiHigfeitsrücfßchten Hed?nung 3U tragen. 

fjans IDilhelm fühlte ftd? menig baburd? blamiert, 
©r fah bas Hünbeld?en, als es mieber in feinen ©e» 
fid?tsfreis rücfte, ein bißchen fpöttifd? an. HTein Sohn, 
öu mirß beinern achtbaren Dater oiel 5reube machen! 
öad?te er. JDirß bie pflichten eines Staatsbürgers balb 
begreifen. 

©r ßanb ßocfßeif ba, als ihm bas Hünbeld?en 
roieber 3ugefd?oben mürbe, fo baß bie meiblid?en Krme 
es ber näd?ßen patin, Hutt?, 3ureid?en mußten. 

Kuf Hutt?s Krm eine fleine 5riebenspaufe, bann 
ging bas temperamentoolle (ßefd?rei oon neuem los. 
Huth hatte nod? nie ein fleines Kinb im Krm gehalten, 
in ihren Hauernhäufern lief ße oor IDicfelfinbern baoon. 
3eßt mollte ße ben milbeit, fleinen Kerl, ehrenhalber, 
gern beruhigen, aber ihr Kuf* unb Hieberfd?aufeln unb 
fleines Cän3eln fd?ien ihn nod? immer mütenber 3U machen. 


Unb über alles hm tönte ungeßört bes jungen t}of- 
prebigers meid?er, flarer Hariton. €r hatte fd?on mehr 
Kinber getauft unb nahm ihr JDutgefd?rei nicht fo 
mid?tig, mie bies anbern £euten pafßerte. 

b?ans IDilhelm fah Huths Hentühungen 3U unb 
lächelte. „(Beben Sie ihn mir," fagte er leife. 

Huth marf ihm als Kntmort einen fur3en, beteibigten 
Hücf 3U. Dann fd?aufelte ße um fo heftiger, unb um fo 
heftiger fd?rie ber erbofte Knirps. 

Da ßanb ©oa leife auf, unb mit einem begütigenben 
Drucf auf Hutl?s Krm nahm ße bas ungebärbige 
Hürfd?d?en felbß au ßd?. Kuf ihrem Schoß beruhigte 
er ßd? 3U Hutl?s Kerger beinah in berfelben HTiuute 
unb bliefte nun ftitt, nur nod? mit 3ornnaffen Keuglein 
in bie £icf?ter hinein. 

Had? ber Cauffeierlid?feit mußte £?ans IDilhelm 
nod? bie ihm Hefannten unter ben Knmefenben auf- 
fud?eu. ©öß 001t pontom, bie ßarfe ©eßalt in 5racf 
unb meiße IDeße ge3mängt, reichte ihm beflommen 
bie Hed?te. 

Der alte f}err hatte (greuliches burd?gemad?t mährenb 
biefer Caufhaublung. Philipps Hebe mar aud? an ihm 
total oerloren, unb bas ©ebrüll feines erßen ©nfels 
hörte er nur mie burd? einen biefen Hebel 

©s mar ein infames ©efühl fo bem ©pfer feines 
böfen Stretchs gegenüber3uftef?n l 

Unb oergebens fragte er ßd?: mas nun? IDie 
mirb ßd? bie Sad?e jeßt geßalten? ©in Stachel faß 
ihm im 5leifd?, ber trieb unb fporute ihn oormärts: 
au bir iß es! Du haß ben armen 3ungen ba hinein* 
geftoßen, nun hole ihn aud? mieber heraus! 

3a — aber mie macht ßd? bas? £?ier, im Hann 
ber Konoention, in $rad unb meißer IDeße, in gefell- 
fd?aftlid?e 5ormen gefd?nürt, ba gehört fold?e muuberliche 
Heid?te nicht 3U ben Dingen, bie man f?anbf?abt, mie 
(Eoaße unb Komplimente. 

Unb bann — er mußte ja nid?t einmal, mas £?ans 
IDilhelm bamals gejagt morben mar. — Unb bas Ding 
mar alt, oerjährt, oielleid?t oergeßen oon ihm. 3ebeit- 
falls: läitgß übermuuben. 

Keine bequeme ©rfenntnis, mahdid?! IDährenb 
rings alles in Knbad?t unb Hührung oerfd?mot3en, plagte 
ßd? ©öß oon pontom, ber bod? alle Urfad?e hatte, 
nebft ©rid? unb ©oa ber Heglücfteße 3U fein, mit biefem 
unerträglichen ^ußanb. 

Kls ihn ber junge Dr. £?acfe jeßt begrüßte, lag 
ihm ein bitterer ©efd?macf auf ber <§unge, unb er 
machte ein grimmbeißiges ©eßd?t. 

f?ans IDilhelm bad?te: ber Klte fleht mid? nod? ge- 
rabe fo an, mie oor fed?s 3ah^cn. ©laubt er mirflid?, 
baß fold?e Hlumen unter ber Sd?neebecfe meiterblüf?en? 
€r fönnte ßd? beruhigen! 

Hei Cifd? erhielt £?aus IDilhelm feinen piaß 3mifd?en 
3mei jungen Damen, 5reunbinnen oon ©oa. Die eine 
mar ©fß3iersbraut, bie anbere bie ©attin bes Stabs- 
ar3tes ©berf?arb. Die Hraut ftid unb oerträumt, bie 
junge Doftorsfrau fehr munter unb plauberhaft. Huth 
oon Pontom faß an berfelben Cifd?feite, bod? fo 
entfernt oon £?ans, baß er ße meber fehen, nod? 
ein einiges IDort 001t ihr hören fonnte. 


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Sexte {3 <6. 


Hummer 28 . 


Darüber mußte er innerlich lächeln. ®r burd?- 
flaute fo einigermaßen (Ericas (Sebanfen, bie it?n bei 
ber Cifdjorbnung geleitet Ratten: ein prinjipiefles 5 eft* 
galten am Kontraft — alfo Uuth in unerreid?bare 
5erne gefd?oben. 

UTehr als er mollte, mußte l?ans ZVilhelm über 
biefe Caftif <£rid?s grübeln, uitb allmählich ging bas 
(Befühl ber Belüftigung in Verßimmung über. 

tVar er beim oerbammt, an biefer alten Kette, bie 
er oon (einem (Empftnben längjt abgeftreift hatte, oor 
anberen Leuten metter3ufchleppen bis in alle 
Cmigfeit? 

3 a einer IVelt, mo man fonfl nid?t mehr oiel an 
Creue unb romantifd?es Kusfyarren glaubt, l^ing ihm 
allein ber Schein bes Coggenburgertums an? Ulan 
glaubte allenfalls an (einen ^orn, an bie Kraft feiner 
€ntfagung, aber nie an feine innere (ßleid?giltigfeit. 

ZVas mochte (Erich ba mit feiner 5 rau getufd?elt 
unb pfyifofopfyiert haben, als fie bie lEifchfartett legtenl 

f?ätte er ihnen nur fagen föttnen, mie er füllte l 
So gän3lid? ernüchtert, fo im tiefjten fertig. IVäre 
es nod? bie Huth oon früher gemefen, oielIcid?t hätte 
ftd? ba bod? noch etmas oon alter tVilbf?eit in ihm 
aufgebäumt. 

Diefe — Dame mar ihm nichts als fremb. Sremb, 
fremb — fremb 1 

(Er mar fein Cifchherr nach bem X?ersen Knigges. 
Knfangs mohl, aber feine launenhafte Verbiifterung lag 
nid?t innerhalb ber (Bremen bes guten Coits. Sogar 
bie lebhafte, gutmütige 5 rau Dr. (Eberharb oe^meifelte 
allmählich an ihm unb manbte ftd? geärgert ihrem anberu 
Had?bar 3U. 

(Böß oon pontoms fpe3ieües UTalheur mar es, 
I?ans IDilhelm 3temlid? bireft gegenüber3ufißen. Hun 
hatte er es beftänbig oor Bugen, mas biefer UTeufd? 
that unb trieb. 

(Er felbß gab ftd? ehrliche Blühe, mit <£oa, bie 
feine Cifd?bame mar, liebensmürbig 311 fein. (Er Fonnte 
bas, menn er es mollte. UTod?te er auch grauföpftg 
fein, innerlid? unb äußerlid? oermittert — ber flotte 
Ceutiiaut unb Dameitfaoalicr alter oerfchollener feiten 
mar bod? noch nicht gan3 aus feinem Blut. 

Bber heute ging's nur mangelhaft — ftreifenmeife, 
mie er felbft empfanb. 3mmer mieber unb mieber 
faßen feine Blicfe an feinem (ßegeniiber fefi. ZVenn bu 
müßtejU bachte er. Unb bann mieber: mie mürbe 
alles fein, ohne biefe eine Chat? — 

€r fah 3U Butt? hinüber. 3 hr Cifchh^rr plauberte 
auf fte ein, ein h^bfeher Urtillerijl, einer oon (Erichs 
Begimentsfamcraben. Sie fd?ien nur einftlbig 3U ant- 
morten, unb überbies fah fte blaß aus. 0ber täufchte 
ihn bas ungemiffe graumeiße UTittagslid?t? 0ber aud? 
feine eigene Voreingenommenheit? (Es mar alles möglich. 

(Böß oon pontom marb es immer heißer in feiner 
engen IVejie. 3 n feiner Aufregung ftür3te er ein (Blas 
tVein nach bem anbern hinunter. (Er fonnte oiel oer* 
tragen, aber fein Kopf begann fchon 3U glühen, unb 
fein (Empfinbeit mürbe auch nicht beruhigter. 

Da fprach ihn feine linfe Hachbarin an. (Es mar 
ein älteres 5 räuleiu, über bie 5iiuf3ig hinaus, eine 


0fft3ierstochter, jeßt aber gan$ afleinftehenb in recht 
bürftigen Verhältniffen. <£oa hatte ihm oor Cifch eilig 
etmas oon ihr mitgeteilt. Sie mar einfl eine gläit3enbe, 
gefeierte (Erfcheinung gemefen. Der Cob bes Vaters, 
fchlechte Vermögensoerhältniffe hatten in beinah ffanba- 
löfer IVeife ihrer bamaligen Verlobung, bie bicht oor 
ber X?od?3eit ftanb, ein (£nbe gemacht. Seitbem mar 
ihr Ceben eine Kette oon Demütigungen. Vielleicht 
barum, meil bie 5reunbe, bie fte ftd? in ihren guten 
Cagen ermählte, nicht folche maren, bie in böfen ftanb- 
halten. 3 eßt mar fte oerbittert unb einfam. Bus ZTTit* 
leib nahm man ftd? ihrer an, fuchte ihr trauriges Btter, 
ihr Bltjungfernbafein im fchrecflichfien Sinn, 3U erhellen 
unb 3U bereichern. 

tVährenb fte eine oberflächliche Salonplauberei mit (Böß 
oon pontom eröffnete, fah er ihr ins (ßeftd?t. Von 
einziger Schönheit fanb er nicht mehr oiel baritt. Sie 
mar hager mit fcharfen tinien. Um HTunb unb Hafe 
fpielte bei ber geringßen (ßelegenheit ein höhnifd? 
bitterer <§ug. 

€r antmortete ihr mechanifd?, mas es eben auf 
folches Phrafengeflapper 3U antmorten gab. Dabei 
brannte ftd? allmählich eine ft^e 3bee mit fürchterlicher 
(Bemalt in fein (Behint. 

3n breißig 3ahren — ba mar Buth fo alt mie fte. 
Da fonnte fie aud? eine alte 3 u ngfer fein. — Unb 
aus UTitleib eingelaben rnerben. — Unb fold?e Ciitien 
im <Beftd?t haben — 

3 « breißig 3 a hrenl Unb fold?e <§eit if \ h*rum, ehe 
man es benft. IVas ftnb benn breißig 3 ahre? Unb 
bann mar er tot unb fonnte fte nicht mehr fd?üßen. 
Unb fte fpielte eine 5 igur, mie biefe Ulte hier. *Par 
grau mit lauter Schrumpeln unb fold?em harten, an» 
geftrengten £äd?eln . . . 

3h m mürbe plößlid? fo feelenangfi, baß er hätte 
auffd?reien mögen. Dem bebienenben Z 3 urfd?*n befahl 
er, ihm U>affer 3U bringen. (Er goß es hinunter. Von 
ber Stirn mifchte er ftd? beit biefen Schmeiß. 

(£oa fah es. w Papa, ijt bir nicht mohl? Ä fragte 
fte äitgftlid?. 

„Dod?. UTad? feinen £ärm, Kiitb. Die ^?iße, ber 
IVein — unb bann regt ntid? alten Knochen fo etmas 
aud? fd?on mehr auf. Caß mid? gan3 ruhig, bann 
mirb’s fd?on beffer." 

Diefe alte Perfon hat Sd?icffalsfd?läge gehabt! bad?te 
er meiter. Das hat fie fo h^nntergebrad?t, baß fte nie 
mieber geehrt unb mürbig rnerben fann, mie anbere, 
bie aud? alt rnerben. Vielleicht aud? eigene Sd?ulb, 
baß fte (eid?tftnnig unb unpraftifd? mar. Uber mas 
hat Huth? 

U>eber Sd?icffalsfd?läge, nod? Sd?ulb. Bloß einen 
alten, oerrüeften, gemiffenlofen Papa! Unb menn fte 
nach breißig 3ahren fo ftßt mie jeßt biefe tixex, fo fann 
fie ftd? bei mir bafür bebanfen! 

2 XtIes Blut mollte ihm mieber 3U Kopf mallen, aber 
er legte ftd? mit (Bemalt Buhe auf. 

(Einmal an ben Ringern nad?red?nen, mas id? ihr 
cethan habe: er ft ben Croubabour bie Creppe hinunter! 
Das mar feine Sünbe, ber hatte es bod? nur auf Dumm¬ 
heiten abgefehn. Dann: ber Hed?tsanmalt mit ber 


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Hummer 28 . 


Seite 1517 . 


Platte — wie hieß er gleich? 3 d? meiß nicht mehr. 
Das mar and? nur, meil id? ße bemalten mollte. <£s 
ftefyt bod? nirgends gefd?riebeu, baß ein Plann mit einer 
platte als 5 reier eine Unmöglid?Feit iß. 3 ch blatte mid? 
menigßens fäuberlid? erFunbigen Fönnen. Uber nichts 
ba! Dann bie Ejaare! — Herrgott, mar id? ein Un¬ 
geheuer. Unb bann — ad] bann fperrte ich fte jamof?l 
noch ab, liefe fte nicht fet?n — ja, ja, ich meiß fd?on! 
brauche mir gar nicht alles einjeln an3ufagen. 3^? meiß 
fd?on — ich meiß fd?on! 3^h höbe Buth 3ur alten 
3ungfer gemacht. 

€r (chaute mit bohrenben Blicfen 3U ihr hinüber. 
Sah fte nicht mirFlid? fd?on alt unb ©erbittert aus? 3 a, 
gemiß! Der Sd?mel3 ber erßen Blüte mar ©orüber. 
Sie mar auf bem IDeg 3ur alten 3 mtgfer! 

So macht man es, menn man fein Kinb liebhat! 
(Senau fo macht man es! höhnte er ftch in oer3meifelter 
BitterPeit felbß aus. 

Dann fah er Ejans IPilhelm mieber an, ber jeßt 
tief in feiner Derbüßerung ßecfte. Kiitber, ich Bin euer 
ilnglücf gemefen! bad?te er. 3d? hätte lieber ßerbeu 
foflen ftatt £eonore. Dann märe alles, alles anbers 
gefommen! 

Der Cäußing erfchien in ber Chür, auf bem Urm 
feiner IPärterin. (Er foflte ftch Öen (Säften noch einmal 
präfentieren, ehe er in feinen langen Had?mittagsfd?laf 
jd?lüpfte. Das golbbraune Köpfchen lag auf bem Kiffen, 
er fah jefet bicf, gefättigt unb in tieffter Seele be* 
friebigt aus. 

€in lautes X}urra begrüßte ihn. 

<£©a minfte ber IPärterin, heranjufommen, unb nahm 
noch einmal ihren 3 mtgeu auf ben Schoß, unb er brehte 
feine leuchtenben Uugen bem (Sroßpapa 311. 

Da marb ber plößlid? ©on Bemegung erfaßt. <£r 
legte feine große I}anb auf bie beiben mutigen däußd?en 
unb fagte mit einer faß feierlichen Stimme, unbefümmert 
um bie Cifd?gefeHfd?aft: „Der liebe (Sott fchenFe bir 
einen recht gefcheiten Pater, mein 3 nngl €inen Pater, 
ber bid? nid?t nur liebhat, fonbern auch bein £eben 
ein bißchen ©erßänbig einsurichten meiß —" 

Ciefe Stille trat plößlid? ein. Kein £ad?en ober 
Scher3mort magte ßd? h*r©or. Denn alle empfattben 
iit biefem UugenblicF, baß biefe IDorte ein Pater fprach, 
beffen Sohn ben bunFelften IDeg gegangen mar — 
unb baß aus feinen IPorten ©ielleidß eine traurige 
SelbftanFlage Flang. 

<£oa aber, übermannt ©on ihrer (Empßnbung, beugte 
ftch nieber, mo noch bes Ulten ^anb auf ben 5 äußd?en 
lag. unb Füßte beibe, bie große unb Fleine, mit Chränen 
in ben Uugen. 

f}ans IPilhelm fah ßarr herüber. Uud? ihn mahnte 
^errn ©on pontoms Perhalten an ben toten Sohn, ber 
fo gan3 aitbere tPege hätte gehen Fönnen, menn ihm 
©on früh an Derßänbnis 3ur Seite geßanben hätte. 
Uber er ©on allen 5 remben mar ber einige, ber auch 
einen anbern Sinn heraushörte — bas ScbulbbeFenntnis 
einer alten, unberührten, einer längß ©erjährten Schulb. 

Cangfam begann fein I}er3 su Flopfen. Schon lange 
mar ber (Täufling hinaus, bie Schmere bes UugenblicFs 
©on ber Cifd?ge{ellfchaft iibermunben, fd?on tönte mieber 


£ad?en unb Stimmgefchmirr um ihn h*r, unb er faß 
immer noch unb haftete feine Blicfe auf bas Kngeftcht 
bes Ulten, bas fleh jeßt in brütenbem Sinnen gefenFt hatte. 

IPas in ihm emporßieg unb fein (Empßnben 3U be- 
herrfchen begann, mar ein feltfam neues (Sefühl. €in 
PTitleib — aber nicht jenes Heroenmitleib bes Schmachen 
mit bem Schmachen. 

fitmas ©iel Stärferes. (Ein PTitleiben um frembe, 
begriffene Sd?ulb. (Eine (Sabe bes StarFen an ben StarFen. 


Hach Cifd? 3ogen ftch öie unter ben Ejerren, bie 
Perlangen nach einer gigarre trugen, in (Erichs <§immer 
unb bas banebengelegene £efe3immerd?en 3urücf. Dort 
fanb fjans IPilhelm ben alten Pontom. 

Diefer hatte ftch eine Starre angebrannt unb ftch 
in bie breite 5 enßernifd?e bes £efeFabinetts gefeßt. €in 
japanifcher Schirm ©erbecFte ihn halb, aud? hatte man 
ihn ungeßört gelaffen. Plan fah ihm (Ermübung unb 
neroöfe Ubfpannuug an. 

Uber Ejans IPilhelm ließ ßd? jeßt ©on foldier Hücf- 
ficht nid?t leiten, unb auch jebe Spur ©on <£mpßnblid?Feit 
unb 5 urd?t oor falfcher Auslegung mar in feiner Seele 
ausgelöfcht. 

„fjerr ©on pontom," fagte er ernß, mit ruhiger 
Stimme, „ich mußte 3 hnen noch fagen, baß mir 3 ärgens 
Cob fdimeres fjer3eleib bereitet hat/ 

„ 3 a," fagte ( 5 öß ©on pontom aufblicfenb. Unb 
bann plößlich, mährenb ftdj bie Färbung feines <ßeßd?ts 
©erbunFelte. „Seßen Sie ftch 3U mir. IPir — mir 
haben ©ieüeicht noch einiges 3U fagen." 

l?ans IPilhelm gehorchte. 3 m Ejintergrunb bes 
fdjmalen, länglichen Kabinetts faßen 3t©ei ältere Herren 
über bem Schachbrett. Pon nebenan tönten laute 
Stimmen unb (ßelächter. Der Duft feiner &\Qar ren 
mifchte ftch mit bem bes Kaffees, ben ber Burfche unb 
ein Cohnbiener in PToFFatäßd?en herumreichten. 

„ 3 ürgen iß tot," fagte £}err ©on pontom. „Unb 
er Fönnte fo gut noch leben — fo gut noch." 

„ 3 a," fagte fjans IPilhelm. „Uber aus folchen 
bunFlen (Sefchehniffen mächß uns bie (ErFenntnis bes 
Gebens." 

€s mar Fein Croß, ben er bem Pater gab. ^ans 
IPilhelm mollte auch nicht trößen. (Er hatte bie harte 
IPahrheit längß erFannt: es gäbe ©ieHeidß mehr Kraft 
auf (Erben, menn es meniger Croß gäbe! 

fjerr ©on Pontom fah ihn plößlich groß an. Das 
fchmere, felbßquälerifche IPort, bas ßd? ihm eben ©011 
ben tippen löfen mollte, blieb ungefprodjen. Dielleicht 
begriff er bie IDorte bes anbern nicht einmal gan3, 
aber er fühlte, baß ©on bem PTann ©or ihm eine 
Klarheit ausging, bie bie bunFlen Höte feiner Cage, 
ftatt ße beifeite 3U fdßeben, mit intenß©em £id?t burch- 
leuchtete. 

fjans IPilhelm hatte ßd? auf einen lehnelofen, hoch¬ 
beinigen Schemel ihm gegenübergefeßt. <Er fah öent 
Ulten ins ( 5 eßd?t, nicht überlegen, nicht feinblich- ®od? 
mie ein 5reunb, ber ctmas 3U forbern hat. 

3 n feiner eigenen Seele aber hatte ßd? in biefer 
Stunbe etmas ©eränbert. (Er hatte jene £el?re begriffen, 


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Seite 13ia 


Hummer 28. 


Me große, fömglid?e HTenfchheitsIehre: nicht oerseihe 
Me Sdjulfc, Me an Mr gefdiah, aber oerpehe fte! Schaue 
mit ungetrübtem Blicf ihre Enttoicfluug an. Dann 
toirP bu gar feine Seit unb feine Stimmung mehr haben 
für bas Dechen. Dann ijt ja jebe Kluft gefdjloffenl 

Darum fam in feine garten güge ein toarmer, 
leudjtenber Schein. Den fah £}err oon pontoro. Da 
beugte er ftd? oor, unb ohne Einleitung fprad? er toie 
3u einem langjährigen 5reunb. 

„HTein 3unge, ich habe 3h n *n oor 3ahren einen böfen 
Streich gefpielt. 3 ^h habe Sie aus bem fjaus gejagt — 
jagen laffen. — 3 <h n>eiß nicht, ob Butt? etwas für Sie 
empfanb, aber i d\ habe 3hnen feine geit gelaffen, bas 
3U ergrünben. IDeil ich Buth nicht hergeben toollte." 

„Unb fte tr>ar nie oerlobt, nicht roahr?" fragte 
fjans IDilhelm. 

„Derlobt?" 

„So fagte mir bas Fräulein.* 

X}err oon pontoto fah ihn betroffen an. Hur lang» 
fam fchieit ber (ßebanfe in feinem Kopf plafo 3U ftnben. 
£}ans IDilhelm fah ihn erb laffen. 

„Das that pe?" — fragte er in fcheuem 5 liißcrton. 
„Das toar ihr Saubermittel?" 

Er lachte bitter auf. 

£}ans IDilhelm ertoiberte nichts. (Er bliefte auf bie 
bunten (Blasfcheiben, bie bie Auspdjt nach ber Straße 
oerbeeften. 3 n biefem Augenblicf hatte er nicht oiel 
Sinn für ben alten HTann. Er badjte nur: fo bid]t 


oorbei ip mir bas (Slücf gegangen! Ein Schritt roeiter 
— unb alles märe anbers gefommen. 

£)erru oon pontotos Starre mar längP ausge* 
gangen. 3 efe* legte er P e *>on pd? unb faßte nach ber 
Ejanb bes jungen BTannes. 

„Es ip nicht mieber gut 3U machen —" fagte er. 
Kaum als 5 rage, nur als eine fchmere 5 eppellung. 

„(ßut 3U machen? Das? Hein," entgegnete ^ans 
IDilhelm mit harter Klarheit. „Aber bas ip ja nun 
ooriiber. 3^ bin ein anberer HTenfch, ber gaii3 anbere 
IDünfche ans leben hat, als bie bamaligen. Erfüllbare, 
in ber eigenen Kraft beruhenbe. Das giebt einen pcheren 
Schritt. Es ip mir aber lieb, baß ich über bas Der» 
gangene jeßt oöHig AufPlärung habe. Es fopete mich 
hoch manchmal noch Hachbenfen. Hun fann ich es 
enbgiltig begraben." 

Sie blieben noch ein Stünbchen 3ufammen, ber 2 IIte 
unb ber 3 unge. £}ans IDilhelm fpradj oon feinem 
leben, unb ber Alte härte 3U. Ein paarmal bachte 
biefer: IDenn bu jeßt gingep unb bir meine Buth 
holteP, froher fönnte ich ja garnicht merben! 

Es mar mohl ein Stücfchen alter pontomfeher lebens* 
naioität, bie immer nod\ glaubt, mas pe münfeht — 
baß er ben galten nachmittag unb Abenb biefen <ße» 
banfen hegte. Er fah aud? ein paarmal, baß £}aus 
IDilhelm unb Buth 3ufantmen fpradjen. IDas, bas 
hätte er fürs leben gern gemußt. 

(Sd?luß folgt.) 


G = Z2£5 

Odas die Herzte Tagen. 


Die l^iße. 

(Tagtäglich liep man oon fpßfdjlägen, Sonnenßid? unb 
anbern unangenehmen HebenmirPungen ber Sonne, burd? 
beren Strahlen mir bis Enbe 3 u «i öcrabe nid?t fetjr uermöbut 
morben pnb. Die Stäbte, bas fdjattenlofe *felb, bie fonnigen 
Ehauffeen pnb bie Stätten, mo Apolls pfeil bie arbeitenben 
ITTenfdjen unb (Eiere erreicht unb pe blißartig ba^inftreeft. 
IDorin bepelzt ber Kranft?eitS3uftanb, ben mir als f?ißfd?lag 
ober Sonnenftid? 3« be3eidjnen pfegen? gunädjp fei l|eroor* 
gehoben, baß beibe Be3eichnungen pd? nid?t oöllig bedeit, 
mit bpßfchlag bejeidjnet man bie Sdjäbigung, bie burd? innere 
Ueberfyßung ^es Körpers erfolgt, mit Sonnenßid? bagegen 
bie KranPheitserfcheinungen, bie burcf? birePte Beftratpung 
oon außen eintreten. IDir merben felgen, baß beibes faft 
auf bas (Sleidje tpnausfommt, unb bod? mußte biefe Unter» 
fd?eibung ermähnt merben. Der menfdpidje Körper probu* 
3iert pünblidj IDärme, unb 3mar burd? d?emifdje Derbrennungs* 
Vorgänge, bie in feinem 3 nnern oorgel^n unb beren inani« 
feßes Hefultat mir beifpielsmeife in ber XTTusfeltfjätigfeit er* 
blicfen muffen. Dicfe probu3ierte EDärme ip teilroeife als 
eine ermünfdyte l^e^ung bes Organismus auf3ufaflen, teil* 
meife pellt pe aber aud? überfc^üfpge EDärme bar unb muß auf 
irgenbeine IDeife nad? außen abgegeben merben. Diefe Kb* 
gäbe non IDärme gefd?iel?t normalermeife entmeber burd? ein* 
fad?e Uusprablung non ber £}aut aus ober burd? Sd?meiß« 
probuftion. Die letztere ent3iel?t bem Körper XDafler unb 
bamit XDärme unb uerbraud?t anbrerfeits 31m Derbunftung 
biefes EDaffers außerbem nod? IDärme. Die Sdjmeißabfonbe« 
rung ift bal?er, gan3 abgelegen uoit anberer Bebeutung, ein 
mächtiges Entmärmungsmittel für ben Organismus. Diefe 
normalen IDärmeregulierungsmittel bes Körpers reichen für 


gemöl?nlid? aus, pe pnb bagegen nn3ureid?enb, menn bie 
Außentemperatur fteigt, unb uor allem, menn ber (feudjtig* 
Peitsgel?alt ber utngebenben £uft eine Derbunftung bes fecer« 
nierten Sd?meißes erfd?mert ober unmoglid? mad?t, in fold?en 
fällen tritt Ueberhi^ung ein, unb es entmicfelt pc^ ein aus¬ 
geprägtes, mef?r ober meniger ferneres Kranftjdtsbilb. Der 
patient fühlt einleitenbe Beflemmungen, Atemnot, h^ftiöm, 
plöt3lid?en Kopffd?mer3 unb bridjt fd?Heßlic^ ol?nmäd?tig unb 
faft pulslos 3ufammen. 

3ebod?, es braudjt nid?t gleid? 3U biefen fjeftigßen Er* 
fd?einungen 3U Pommen, oft bleibt es aud? bei Kopf|d?mer3en, 
UebelPeit, gittern unb einem eigentümlichen, mit ber Um¬ 
gebung parP Pontraftierenben Kältegefühl. Es ift eine oft 
beobachtete uub pd?er ermiefene (Ehatfad?e, ^aß nid?t alle 
UTertfchen gleich unter ber f?*Ö e leiben, es giebt „harte" Ha- 
turen, bie pd? in ben hÖd?f* en (Temperaturen mohl fühlm, 
mährenb anbrerfeits neroös oeranlagte 3 n ^l°^ uen 0an3 be» 
fonbers 3U leiben pPegen. Bei biefen gefeilt pd? 3U einem 
allgemeinen Pörperlid?en Unbehagen ein neroöfes gittern ber 
f?änbe unb Beine, bas oöllige ArbeitsunfähigPeit bebingen 
Pann. Am fd?merften mad?en pd? bie Erfdjeinungen ber 
ßißcmirPung bei ben UTenfchen geltenb, bie burd? unoernünf* 
tige febensmeife, AlPoholgeuuß, fonftige E^eße, unnötiges 
Sichbemegen, laufen, Spielen u. f. m. ben (Sefamtorganismus 
fdjmächen. 

Unter UmPatiben Pann burd? bie Sonnenfirahlung auch 
eine birefte Ueberhißung bes (Sehirus erfolgen, bie (folge* 
erfd?einungen pnb bann gan3 ähnliche, mie oben befd?rieben. 

Es ift natürlich ermunjd?t, gegen bie immerhin nicht 
gleichgiltigen, oft mirflid? ernften folgen fomtnerlicher E?*6 e 
ITTaßnahmen 3U fennen unb 3U trepen. Als erfte Hegel muß 
eine möglichft gleichmäßige, oon E^eßen freie Ernährung be* 


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Hummer 28 . 


Seite \ 5 \$. 


3eid?net werben. UeberlabPner Klagen gerabe fo wie bas 
Ueberfjnngem ßnb fehr ungünfiige ITTomente. Der 
genuß muß als gan3 befonbers fd?äblid? bejeidjnet werben 
unb giebt fehr hä“fl9 bie Urfadje für töblid?e (fälle ©on 
Sonnenßid? ab. Tin großes (gewid?t iß auf bie Kleibuttg 3a 
legen, ße foll leid?t, Inftig nnb ©or allen Dingen weit fein. 
Klle ben Körper einengenben Kleibungsßücfe ßnb 3U ©er* 
werfen. b?ieri?er gehören Korfetts, enganliegenbe Taillen, 
hohe, ««9® Kragen, gefdjloßene Uniformßücfe nnb fo fort, 
(falfdj iß es bagegen, bie BePleibung 3U rebu3ieren, man 
erinnere ßch in biefer f?inßd?t ßets an bie Beniner ber 
Reißen IVüßen, bie Bebuinen, ße Zöllen ßd? in ihren weiten, 
faltenreichen Bnrnns ©ollPommen ein nnb fd?ütjen ft cf? fo am 
beßen ©or ben fengenben Strahlen ber tropifd?en Sonne. 
3ebe naefte Stelle am Körper erleibet unter ben birePten 
Sonnenftrahlen eine Verbrennung, bie unter Umßänben feljr 
heftig fein Pann. Der Kopf muß burd? einen leidsten, oor 
allem luftigen f?ut gefdjüfct fein. Km beften eignen Ad? 
Strohhöte, wenn ße weiß ßnb, allerbings iß barauf 3U achten, 
baß ße im Kopfteil einige nid?t 3a Pleine £öd?er haben* 
um eine mirPtid?e Ventilation ber £uft im Ijut 3U ermöglichen. 
3ß bas nicht ber (fall, fo entwicfelt ßch unter bem 
©on ber Sonne beßrahlten Strohbach eine fehr f^ot^e Tempe¬ 
ratur, bie gelegentlich ferner fd?äbigenb wirPen Pann. IVot?!* 
thuenb unb nüglid} iß ber Gebrauch ©on Sonnenfernen, 
merPwürbigerweife ©erbietet bas, wenigftens in Deutfdjlanb, 
bie launifche (göttin Ktobe ben männern; man fdjeint es 
mohl für unmännlich 3U halten, ßd? ©or b?it5fd?lag 3U fdjütjen. 

Be3üglich ber (Setränp3ufuhr 3nm Körper beßehen 
eigentümliche Kuffaßungen. (Eine Heif?e ©on ITCenfd?en 
hält alles IVaßertrinPen bei I$it$e für falfchr bas iß 
natürlich eine grunboerPeljrte Knßd?t wie uns eine Pur3e, 
logifd?e Ueberlegung leicht fagen muß. XVenn ber Körper 
bauernb IVaßer in (form ©on reichlichem Schmeiß abgiebt nnb 
©erliert, bann muß biefes IVaßer and? erfeijt tuerben, ba 
fonß eine aÜ3ugroße, nn3uträgliche Tinbid?tung, Kon3entration 
bes Bluts eintritt. Dian fagt oft: „nur nid?t trinPen, 
bas muß man alles mieber ausfd?wifcen" — gan3 gewiß, bas 
iß aber auch bas mittel, ZVärme los 3U werben. man foll 
alfo reichlich IVaßer bem Körper 3uführen, jebod? nur gan3 
Pleine Sdjlncfe unb nicht 3U Paltes IVaßer. (früher h a *te 
man allgemein eine große Scheu, bei ßarPer b?itje bas 
TrinPen 3U geßatten, feilte iß man glücflid?erweife 
anberer Knßd?t geworben, man giebt 3Utn Beifpiel 
Truppen auf bem ntarfd?, fo oft es nur irgenb angängig, 
3U trinPen. ®ft iß bas Durßgefühl aber ein fo mächtiges, 
baß es trofcbein bie menfd?en ungeheuer quält, ba empßehlt 
es ßd?, bes Öftern Kusfpülungen bes munbes mit angefäuertem 
IVaßer (gitronenfäure) ©or3unehmen. (Es liegt natürlich fehr 
nahe, bei red?t h*iß c * IVitterung ben Körper burd? Palte 
Bäber ab3iiPühlen. ber TffePt iß jebod? nid?t immer ber ge* 
roünfd?te. Sehr oft fühlt man ßd? nad? einem Palten Voll« 
bab ©iel Reißer als ©ortjer. Ts erPlärt ßd? bas baraus, baß 
bei bem fdjroffen Temperaturwedjfel bie £?autgefäße ßd? 
fdjnell ©erengen, um nach bem Bab beßo weiter uub blut¬ 
gefüllter 3U werben. Viel empfehlenswerter fdjeint es 
bagegen, lauwarme, ja h*iß e Säber 3U nehmen, wie 
es bePanntlich in (Dßaßen Sitte iß. 3 e ^ en f a ^ s h<*t mQn 
nad? einem heißen Bab bas angenehme (Sefühl ber Hb* 
Pühlung. man muß jebod? mit fold?en Bäbern ©orßd?tig 
fein, weil baburch bas E?er3 in bebenPlidjer IVeife angegriffen 
merbeit Pann. Km beften bewährt ßch ber (gebrauch einer 
Palten Kbreibung. einer Dufd?e ober eines Vollbabes in ber 
früheren Püljlen morgenßunbe, am Tag ober abenbs bagegen 
ein £uftbab an einem fdjattigen, gut ©entilierten ®rt. (gerabe 
bie fchranPenlofe Kusbünßung ©on ber b?autoberfläd?e iß ein 
für bas KUgemeinbeßnben ungemein wichtiges IHoment. 

XVas nun bie Behanblung, bie erße 4^f e ' bei ©om f?it3« 
fd?lag getroffenen menfd?en anlangt, fo beßeht ße ©or allem 
in Qnterbringung an fchattigem, moglichß Pühlem ®rt, gu« 
fuhr ©on IVaßer burch ben munb ober, follte bies infolge eines 
nicht aÜ3u feltenen KinnbacPenPrampfs nid?t möglich fein, burd? 


Klyßiere ober burd? fubPutane (Einfpriftungen. (ferner burd? 
Befeitigung aller beengenben Kleibungsßücfe, Uebergießen bes 
Körpers nnb ©or allem bes Kopfes mit Paltem IVaßer, menn 
nötig Pünßlid?e Ktmung, EJebung ber I?er3thätigPeit burd? 
Kether, f?offmannstropfen unb bergleid?en. Ebenfalls empßehlt 
es ßd?, einen Kr3t 3U3U3iehen, ba bie (folgen einer folgen 
(ErPranPung ernß fein Pönnen. 

Glas tollen untere Kinder werden? 

Der DTarineingenieur. Tin fehr empfehlenswerter 
Beruf ©erfprid?t nad? ber „Heuorganifation bes mafchinen- 
perfonals ber marine* bie marineingenieurlaufbahn 3U 
werben. Das DTarineingenieurPorps ßeht an ber Spille bes 
aPtioen ted?nifd?en marineperfonals, bem bie Verforgung unb 
Bebienung ber mächtigen mafd?inen» nnb Keßelanlagen unferer 
in Dienß geßellten Kriegsfd?iffe obliegt. <£s gliebert ßch in 
fünf HangPlaßen: 

marined?efingenieure mit bem Bang ber ®berßleutnants, 

„ (Vberftabsingenieure mit bem Hang ber ITTajore, 

„ Stabsingenieure „ „ „ „ l?auptlente, 

„ ©beringenieure „ „ „ „ ®berleutnants, 

** 3 n 9 en teure * * „ „ £eutnants. 

iVäf?renb bisher bie marineittgenieurParriere bem ge* 
famten mafd?inenunterperfonal offenßanb, unterfd?eibet jetjt 
bie eingangs erwähnte „Heuorganifation* eine obere, bie 
marineingenieur*, unb eine untere, bie mafd?inißenParriere 
unb ©erlangt für erftere bie Trfüllung nad?ßehenber, befonberer 
Knnahmebebingungen: \) Berechtigung 3um einjährig* frei¬ 
willigen Dienß, 2) 3omonatige, praPtifd?e ThätigPeit in 
Dampfmafd?inenfabriPen (fold?e in Schiffsmafd?inenfabriPen 
wirb be©or3ugt), 3) Beßehen einer theoretifd?en unb praP* 
tifd?en (Eintrittsprüfung (bie näheren Kngaben herüber ßnb 
beim Kotnmanbo 1. be3w.. Q. IVerftbiüißon in Kiel bejw. 
IVilhelmshauen 3U erfragen); <*) (Ein (Eintrittsalter nid?t 
über 2 { 3ahre; 5) Verpßid?tung bes Vaters ober Vormunbes 
3ur (Semührung einer gulage ©on qo IHarP monatlich bis 3ur 
Beförberung 3um etatsmäßigen ITTarineingenieurappliPanten 
(etwa \ 2 - \ 8 monate lang), fowie 3ur Beftreitung ber Koßen 
ber erßen TinPleibung als Knwärter unb als Kfpirant. 

Die <£inßellungsgefud?e ßnb bis 3 un * i* 3 S - 0« bas 
Kommanbo ber I. be3W. II. IVerftbiüißon ein3ureid?en. Bei« 
3ufügen iß: 0 Schuljeugnis, 2) (führungs3eugnis, 3) £ehr3eug* 
niße, q) etwaige Seefahrtsbüd?er, 5) bie Verpflichtung bes 
Vaters, 6) Sd?wimm3eugnis, 7) Gebens lauf, 8) militär- 
ärjtlid?es Ktteß. Die Tinßellung als mafchineningenieur« 
anwärter erfolgt am ®Ptober. hierauf breimonatige mili» 
tärifd?e Kusbilbuug, neunmonatige ted?nifd?e Kusbilbung an 
Borb, Kblegung einer praPtifd?en Prüfung unb Beförberung 
3um 3”9 e «teurappliPanten (mit Unterofß3iersrang); bann 
weitere, 24 monate wäl?renbe Kusbilbung an Borb in mafd?i* 
niftenmaatenftellen. 3^ Knfd?luß hteran 3wölfmonatiger 
Sd?nlbefud?, barauf Kblegung ber Kfpirantenprüfung unb Be* 
f örberung 3um marineingenieurafpiranten (mit De<# ofß3ierrang); 
als fold?er 4 3 a h^ Vienß3eit nnb mafd?inißcnßellen. EJterauf 
einjähriger Befud? ber 3 n 9*nieurPIafle unb nad? Kblegung ber 
3ngenieurprüfung Beförberung 3um marineingenieur. 

Die (EinPommensuerhältniße ber neuen £aufbahn laßen ßch 
annähernb folgenbermaßen berechnen: 

6 IHon. 3ngenieuranwärter((5emeiner)monatL etwa 1 9,00 mp. 

6 *r w sr ((gefreiter) „ „ 24,00 „ 

18 „ 3ngenieurappliPant „ „ 103,00 „ 

18 „ 3 n 9 en ' en roberappliPant „ „ 12 {,00 „ 

30 „ 3ngenieurafpirant „ „ \ 82,00 „ 

30 „ 3«9^* e u^berafpirant „ „ 2 \ 9,00 „ 

Heben biefen (gebühmißen an Borb freie Verpflegung. 

Das penßonsfähige jährliche DienßetnPommen ber 3 n 9 e * 
nieure beginnt mit 4538 ITTarP unb ßeigt bis etwa 9000 
marP; nebenbei erhalten ße freie Verpflegung »ührenb ber 
Kommanbos an Borb ber Sd?iffe. 


<U> 


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Seite \520. 


Hummer 28. 


fia 



Pie Kennbahn eine Stunbe por Beginn bes Kennen». 


/ 



IPäbrenb bes Kennen». 



Kftcffeijr pom Kennen. 



Pie pr etspertcilung. 

Bin Pferderennen auf dem Meeresgrund (auf den Dunenwatten bei Kuxbaven)* 

Spcjialaufnabmcn für bie „IPodie" pon l?ofpljot. Klb. Kngelbecf, Kurtjapen. 


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ZZummer 28. 


Seite <521. 



Prinz Rupprecht von Bayern In Brüdtenau. 

pbot. Heintonlb. 



Kranfentransport: I. (Praf Difctbum oou (Erftfäbt, PoHitjrnbcr &*s fäd?ftfd?cn Conbesnereins. 2. Ko'onnenföfyrer Irobler. 

DerlabungoonPerapunbeten 3. ftabsarjt t>r. jifd>rr. ©cnrral.rumant uon ^eid>uu, Canbesbelegierter uom Koten Kreu 3 , 

in einen €ifenbubnn?agen. Kritif nad? ber Hebung. 



Per laben pon Df rt»unbeien auf einen €lbfatjn. 


Tom III. Terbandstag der freiwilligen Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz Im Kdnlgrelch Sachten zu Dresden. 


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Seite 1322. 


Hummer 28. 



I. ©eneral 3 oun 9* 2. fjauptmann pon ntülmann. 5. Der fr<tn33ft|‘cbe tTlilitärattacbk 4 (Dberfl pon ZPigleben. 5. Kriegsfefretär €Iit}U Boot. 6. General 
£orbin. ?. IPu (Eing Jang, d?ineftid?er Botfd?after in IPaftyngton. 8. Der englifdje OTilttärattad?£. 

Die ^e^gdfie in beu ©artenanlagen ber militära fab ernte 



Die beutfdje aufcerorbentHdje <5efanbtfd?aft: präfibent Hoofeuelt beforiert einen Xabetten, 

©berfl pon tPifcleben u. £)auptmann p. Jftälmann. brr fid? in <Ct?ina au$ge 3 eidjnet fyat 

Ton der lubiUumsfeier der ffUitärakadcmie in KUrtpoint. 



J. Baron pon (Ereutler, beutfd?er ©efanbter 2 fj p. Sd>mitt. 3. Dr ftorft^offntann, Bertpefer bes beutfdpn Konsulats. 

Betuch des deutfehen Gefandten Baron von Creutler in porto Hllegrc (Hrgcntfefcn), 

5pe3talaufnabme für bie „IDodjc". 


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Hummer 28, 


Seite 1323. 





Die €ifenbat}nfiötion Honiöas. 

Zur Vollendung der fudweftafrlbamfcben BtfcnbabnUme öwabopmund-TOndboeb am i. 3ulu 


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Seit* J524. 


Stummer 28. 



^riebjridj Sdjmemer f 
früher ©berregiflfeur her pereinigten 
itabttljeater Jranffurt a. Ul. 



Dina Itlablenborff, 
nnirbc an bie Königliche ©per 
in Berlin perpflichtet. 




I. O).©perhoff (Braunfdjtpeig). 2. U>. ßcrbricht (Karlsruhe). 3. CL^Ieper (manchen). 

€. Brinfmann (Dresben»t>orort). 5. ß. £)erfd?cl (DarmflaOt). 6. <C- (öcrltn>. 
7 . K. Brehme (£)annoper). 8. ©. Sanber (Stuttgart). 9 . 21. Damenberg (£)annoper). 

Vom VII. Vertretertag des Verbandes deutfeher Cedmifcber 
Rochfchulen in 6irenach. 

f)ofpbot. 3agemann / €tj enadj. 


Der alte und der neue Heuchtturm auf Helgoland. 

£)ofpl}ot. <B. $ricbcrid?s, £)e(go!anb. 


Schluss des redaktionellen Cetls« 


3n eigene v Sac^e« 

(Es giebt praftifdpe unb unpra'ftifche £cute. Sd?on üerfdjiebene 
Htale ift uns aus £eferfretfeit gefdjrieben inorben: „^tjr 0bol ift 
ausge3ettf?net, unb icf? mochte faum nod? ebne 
0öol leben, aber flauen* Derfdjlufc taugt 
nichts". Der jdafchen-Derfchlufj ift fdjon gut, 

Jadjleute b^^en beu 0bol*Derfchluf5 überhaupt 
für Den uoüPommenften f lafchemDerfdjlufj, aber 
bas JTtalbeur ift: Kein Utenjch lieft h*ut3utage 
eine (Sebrauchsanweifuug. 

Um enbltd? einmal Klarbeit 3 U fdjaffen, 
geben mir b* erni *t folgenbe (Erklärung: 

ITTau b at nur zweierlei 3U beachten: 

(. ZTimmt man eine neue 0bolfTafd?e in (Sebraud?, fo muß 

bteDerfchlufjfcheibe 3 a* 
näcbft nad? linfs ge* 
brebt werben (uergl. 
fig. O- Dabet öffnet 
fid? bas irtittellod? (a). 
Hun nimmt man bas 
m jeber ^flafcbe beilie* 

dtJ ^rpame^UAädädem genbe Stäbchen (d) in 

5»g. 2 . bie ffanb unb führt 

es burch bie entftanbene 0 effnung (a) ein (rergl. Jig. 2 ), wobei 

bas hinter ber Derfchlugfdjeibe befinblidje Pergamenthäutchen*) 




519 . 1 . 


p 

a , 

älg. 3. 


burchftogen wirb. Diefes Pergamenthäutchen ift baburd? ein für 
allemal geöffnet. 

2 . Das 0effnen unb Derfchlteßen wäfjrenb bes weiteren 
(Sebrauches ift nun fehr einfach. Hach rechts 
wirb gebreht, um bie Uusgufjöffnung (a) ber 
iflafche 3 U Derfdjliefsen (^fig. 3), nad? linfs, um 
bie flafdje 3 U öffnen (Jfig. 0 . 

IDill man eine Heife mad?en, fo ift natürlich 
nöthig, ba§ bie 0bolflafd?e oor bem (Einpacfen 
in ben Koffer §mt Derfd?lojfen werbe unb 
nicht halb, wie bas ITTattche in ber (Eile thun. 

£ägt man bie <flafd?e h<*l& offen (Jig. ^), fo 
fiefert bas 0 bol ganj felbjtoerftänblich burch ben offen gelaffenen 
Derfchlujj burd?. 

(Es ift genau basfelbe wie bei einer Stubenthür. Schiebt 
man ben Hiegel blos halb oor, bann bleibt bie (Ehür bod? offen. 

Der Hiegel mufj eben fo weit gefdjoben wer¬ 
ben, bis er nicht weiter geht, bann erft ift 
bie (Ehüre wirtlich 3 U. (Ebenfo bei ber 0bol* 
flafdje: man mu§ foweit brehett, bis es nicht 
weiter geht, bann ift auch bie 0bolflafche 3 U. 
<£s ift ja nur eine fur 3 e Drehung nöth*g. 
Ulan braucht nur barauf 3 U achten, ba§ bic 
fleine Harbe (b) senkrecht unter ber Husgufj* 
äig. Öffnung (a) fleht. (Dergl. <fig. 3.) 

Hun richte man fid? aber aud? banachl 



*) Das pergamentl)äuld?en bat ben £wcf, bas ©bol, folange es auf bem Cager in ben <5efd?äftcn u. f. tp. liegt, gegen äußere ©nflaffe ju fchütjen. 2ltl$erbeni 
tpirb bem faufenben publifum baburdj eine hoppelte Stdjerljeit für (Echtheit bes ©bols geboten. 


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flummer 29 


4. Jahrgang. 


DiewocHe. 


Berlin, den 19. 3uli 1902. 


Inhalt der Ilummer 29. 


Die ftcben Tage ber lPod?e.1325 

Umfd>au.1J25 

Das Canb ber unbegrenzten lllöglic^feiten. Don Cubwig ITTar ©olbfeerger, 

Berlin. I.’.1326 

Berliner Sommerbttt?nen.1329 

Die Toten ber tDod^e.1330 

Tin £sftnbd?en bei paul JTleTerbeim.1330 

Bilber oom Tage, (pbotograpbifd^e Kufnafcmen).1333 

€s war ein alter König . . . Don Hubolptj Stratj.1341 

Kus ben fSeyenfüc^en moberner KldnTnitfen. Ted?nifdje piauberei non 

Siegmunb Saubermann . 1346 

ärembe in Berlin. Don fjans ©ftwalb. (ITlit 10 Kbbilbungen) .... 1348 

Dachgärten ber ©rofcrtabt. (OTtt 4 Ilbbiibunaen).1352 

Kmenfaniidje $ifd? 3 udit. (OTil 5 Kbbilbunge'n).1554 

Tin gaftronomtfebes Dofument. plauberci oon lobanncs Trojan. (ITlit 

1 Kbbilbung). 1352 

3m Canb ber weißen Darbte. Don ß. Haft. (ITlit 4 Kbbilbungen) . . . 1359 

Dacht am ITleer. ©rbiebt pon 3ot)n fjenry marfay.1362 

©Ymnaftif mit ben« ßanbtud?. Don £}. ColjniäUer. (IHit 20 Kbbilbungen) 1362 

Heues Tifcbgeräl. (ITlit 3 Kbbilbungen).1364 

3m Herrenhaus pon Cucfmfiblen. Homan pon ITlarie Diers. (idjlufi) . . 1365 

Krta. ©ebicht pon Karl Danfelotp.1367 

XDas bie Hicfcter faaen.1368 

Knaüfiqnale für Tifenbabnen. (ITlit 2 Kbbilbungcn).1369 

Der llferfdjuß an ber Horbfeefäfte. (ITlit 3 Kbbilbungen).1370 

Bilber aus aller IDelt. (pi}otog*apl}ifd?e Kufnabmen).1371 


Man abonniert auf die „QQoche“: 

in Berlin unb Dororten bei ber Faupterpebition ^intnterflrafje 37/41, fow:e bei ben 
Filialen bes „Berliner CofabKmeigers" unb in fämtl. Budjbanblungen, im 
DeutfchenKeicbbei allen Burbbanblungen ober pofTanftalten ($eituugs*preislifle 
Hr. 8221); unb ben ©efrbäftsfteüen ber „IDodje": Bonn a. Rh., Kölnflr. 29 ; 
Bremen, ©bemftr. 29 ; Breslau, SchweibnißerfTr. Trfe Karlftr. 1 ; CafTel, 
Tbere Königfir. 27; Chemnitz, 3n«"* 3<>b<»nnisftr. 6 ; Dresden, Seefir. 1 ; 
DüfTcldorf, Scbabowfh. 59 ; Slbcrfeld, Her 3 ogffrafce 38; 61Ten a. Rh., 
Ctmbederplaß 8 ; Frankfurt a. fl., 63; 6orlitz, CuifenfTr. 16; Balle 
a. 8 ., DlitteliTr. 9 . Trfe ScbuHTr.; Baniburg, Heuenpall 60; Bannover, 
©forgjlrafte 39; Karlsruhe, Kaiferftr. 34; Kattowitz, pojTftr. 12 ; Kiel, 
ßolfienftrafce 6; Köln a. Rh., ßobcjhafie 145; Königsberg i. pr., 
Kneiptjöffwe Canggaffe 65; Leipzig, peterstfrafce 19; Magdeburg, 
Breiteweg 184 ; ^lunchen, Kauftnqrrftrafje 25 (Domfreibeit); ffQrnberg, 
Coren 3 enira^e 30; Stettin, Brettetfrafie 45; Stuttgart, Königßrafte U; 
Wiesbaden, Kirdjgaffe 26; Zürich, Kenn weg 48 . 

7eder unbefugte fiaebdrud aus diefer Zeit lehrt ft 
wird ftrafrechtlich verfolgt. 



Die sieben üage der Woche. 

10. 3ulf. 

3n Klejisbab ftirbt im 9(. £ebensjahr fjerjogin frieterife 
pon Knhalt-Bernburg. 

König Piftor (Emanuel tritt pon Bacconigi ans feine 
Seife nach Sujjlanb an. 

Per babifdje £anbtag mirb Pom (grofjhrnog mit einer 
(Ebronrebe gefdjloffen, bie mit ber Bitte fehltest, bie Kb- 
georbneten mosten ben Danf bes <grofjher3ogs für bie ihm 
anläßlich feines Hegierungsjubiläums entgegengebrachten 
Bemeife ber £icbe unb (Treue ben ein3elnen Be3trfen über- 
mittein. 

3 m englifdjen Unterhaus teilt £orb (Eranborne auf eine 
Knfrage mit, bie englifd?e Hegierung h a be ber beittfdyen ihr 
tiefes Bebauern über ben (Eob bes Kapitänleutnants Kofettfiocf 
pon Hhoenetf unb ihre marme Knerfennung für bas gro^ 
mütige unb tapfere Verhalten bes perftorbenen (Dffaiers beim 
Untergang bes (Eorpeboboots „S ^2" ausgefprochen. 

11. Pull. 

Bei ber Stichmahl 3um Heichstag in Bayreuth mürbe ber 
nationalliberale Kanbibat fragen gemäht. 


Petn bayrifdjen Kultusminifter P. £anbmaitn rnirb aus 
(Sefunbheitsrütf|ichten bis auf tueiteres Urlaub beipiüigt. 

Katfer EDilhelnt empfängt in (Dbbe an Borb ber „flohen- 
jollern" ben früheren fran3Öfifd)en UTinifterpräfibenten IDalberf- 
Houffeau; er labet ihn 3ur Ubenbtafel unb h a ^ exne 

pierftünbtge Uuterrebung. 

HeidjsPa^ler (graf Büloro begiebt jich 3ur (Erholung narf? 
Horberney. 

12. 3uli. 

£orb Kitchener trifft mit ben (generalen frenefy unb 
fjamilton in £onbon ein, ipo er Pur3 nach feiner KnPunft 
pon bem fraitfeit König empfangen mirb. 

3 n (Eetinje ftnbet bie Permählung bes dürften IHirPo pon 
IHontenegro mit ber (Eod?ter bes ferbifcf>en 0berften (Eonftanti- 
nomitfeh ftatt. 

13. Pull. 

König Piftor €mauuel pon 3 talien trifft in Peterhof ein. 
Km Bahnhof jtnben fid? 3U111 (Empfang ber §ar, ber <&xo%- 
fürft-(Thronfolger unb fämtliche IHinifler fornie ja^Iretc^c 
(generale unb QoftPürbenträger ein. 

14. 3uli. 

3 « (Englanb n>itb amtlich befannt gemalt, baß ber 
premierminifter £orb Salisbury am Jreitag feine €ntlajfuug 
eingereicht unb erhalten höbe. Sein Hadjfolger mirb ber 
erfte £orb bes Schafes Sir Krtljur 3 a ^ e * Balfour. 

3»i Denebig ftür3t ber berühmte (glocfenturm ber IHarcus- 
firAe 3ufammeit. 

15. 3uü. 

König (Ebuarb reift pon £onbon nach Portsmouth^ voo 
er ftch an Borb ber 3 ac ^?^ w Pictoria anb KIbert" einfetpifft. 

311 ber babifchen Kbgeorbnetenfammer ertlärt ber UTinifter- 
präpbent (graf (Erailsheim, ba§ ber Kultusminifter p. £anb* 
mann thatfächlich aus (gefunbheitsrücffichten pon feinem Kmt 
3urücftrete. 

3 n paris tritt eine internationale Konferen3 3ur Be* 
fämpfung bes Uläbchenhanbels 3ufammen. 

16. Pull. 

Kus Petersburg mirb gemelbet, ba§ ber gar ben pri^en 
£ouis Hapoleon 3um Koinmanbeur ber Faufajtfchen Kapallerie* 
bipifion ernannt hot. 

<39* 

Umfchau. 

König Piftor (Emanuer pon 3 ta ^ en am 

garen; er traf an bem (Tag, an bem ber Pertrag über bie 
(Erneuerung bes Dreibunbs in Kraft trat, in peterhof ein. 
Bimmt man h' n 3 u » & a § ^ ur 3 Porher Kaifer IPilhelm in (Dbbe 
mehrfach mit IPalbecf-Bouffeau 3ufammengefommen ift unb 
mit ihm eine mehrftünbige Unterrebung hatte, fo ergiebt ftch, 
ba§ augenbltcflich bie beften Beziehungen 3mifchen bem Drei- 
bunb unb bem gmeibunbe h^rfchen. falfch märe es inbejfen, 
baraus auf eine Perfchle<hterung bes Perhältniffes ber per- 
bünbeten Ulächte untereinanber 3U fchliefeen. 3 n 3 talien 
mar man einen Kugenblicf etmas unangenehm berührt, als 
befannt mürbe, ba§ ber öficrreid^ifd?*nngartfdje Botfchafter 
Baron Kehrentbal unmittelbar por ber Knfunft bes italienifcfyen 
Königs auf ruffifchem Boben Petersburg perlaffen h®^^ 
Die an biefe (Ehatfache gefnüpften Beforgniffe ermiefen fidj 
jeboch fehr fchneü als hinfällig, ba ftd? hrrausfteüte, bag bie 
Heife bes Botfchafters mit ber Politif gar nichts 3U thun 
habe unb längft beabftdptigt mar, ehe noch jemanb an bie 


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Seite J326. 


Bummer 29 . 


ATonarchen3ufammcnkunft dachte. Auch ber Preibunb h a * 
feine (Segiter, bie gar 311 gern irgenb etwas gefunben 
hätten, mit fidj auf einen beginnenben Verfall ober 
wenigßens auf Perftiinmungen innerhalb 
bes Dreibunbes berufen 311 fönneu. 3 n * 
beffen if^r Perfnch, einen fall Aehrenthal 
3u fonftruicren unb daraus Kapital 3U 
fdjlagen, ift uergeblich geblieben. Per 
Preibunb begeht unverändert fort unb 
ebenfo ber gweibunb, unb immer deutlicher 
ftellt ßdj heraus, ba§ beibe groge Staaten* 
gruppen friedliche (Eenbenjen verfolgen. 

(Es biege bie Augen gegen bie (Ehntfadjen 
verfliegen, wollte man leugnen, dag 
ber friebensgebaute and? in frankreidj an 
Boden gewinnt, wenngleich es vorerft noch 
eine Fleine ITTinorität iß, bie fid? offen 
3um Per3idjt auf bie Bevauche befenut. 

3 n biefer Hidjtung tft bie Begegnung 
unferes Kaifers mit IPalbecf-Houjfeau 
ßdierlidj minbeftens von fymptomatiicber 
Bedeutung. Penn biefer Staatsmann be- 
fi^t obwohl er 3tir ©eit nidjt ber Hcgie- 
rnng augehört, 311 f?aufe doch f*h r 9rogen 
(Eiiißug, ja er dürfte wohl noch einmal 
in eine höhere Stelle berufen werben, als in bie bes ATinifter- 
präßdeuten, bie er während ber letzten 3 a h re als Hetter 
ber Hepublik befleibete. 

3 n (England ift ber laug erwartete Atinißerwechfel ein» 
getreten. Hadjbetn £ord Salisbury ( 21 bb. S. *353) vor jwei 


3 abren bas ATiuifteriutn bes Acußern an £orb fausbowne 
abgegeben t^atte. war es nur noch eine frage ber ©eit warnt 
er fid} gan3 ins Privatleben surucfjieben würbe; vermutlich 
wäre es ohne beit f übaf ri kan ifchen Krieg, 
beffen <Enbe er abwarteit wollte, febon be- 
beuteub früher gefächen. £orb Salisbury, 
ber nab^u ein h al & es 3abrbunbert im 
öffentlichen £eben gewirft unb bereits im 
3 ahr 1866 3um erftenmal einen ATinifter* 
pofteit bekleidet hat, ift mübe geworben; 
ber gweiunbftebsigjäbrige h a t bas Bedürf¬ 
nis nach Hube unb macht beshalb einer 
jüngeren Kraft piatj. (Eine anbere Be¬ 
deutung bat ber Atinißerwechfel 3unä<hft 
nicht, wenigftens nicht, foweit bas Ausland in 
Betragt fomntt. Sir Arthur 3 antes Balfonr 
(vergl. bie nebeuftehenbe Abbildung), ber 
3U feinem Hachfolger ernannt wurde, bat 
feine £aufbahn als privatfekretär £orb 
Salisburys begonnen, und niemals ift 
eine politifdje Ateinungsverfchiebenbeit 
3wifdjen beit beiden Staatsmännern 3U 
(Eage getreten. 

Pag Balfonr, der erfte £orb des Schafes, 
Salisbury erfc^eit würbe, war voraus- 
3ufebn; er batte als Rührer bes Unterbaufes nach englifchen 
(Sepflogeuheiteu gewiffermagen Anfpruch darauf. (Er eignet 
fid> auch perfonlid? feb r sunt Premierminifter, da er ftd? 
nicht nur in den Heibeit feiner pefrtei, ionbern ebenfo bei 
beit politifiheu (Segncrit allgemeiner Ad?tuug erfreut. 



Sir Hrttjur 3dmrs Halfour. 


<U> 


Da$ Cand der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Beobachtungen über bas EDirtfcbaftslebeu ber bereinigten Staaten o 011 Amerika. 

Von Etidwig mäx 6oldbcrgcr, Berlin.*) 


I. 

Boden unb ATenfchen. 

Per ©aubergarten der bereinigten Staaten bat auf einem 
wunderbar reichen Boden TPunberwerte bes Atenfchengciftes 
entgehen feben, und nidjt bas Fleiufte IPunber liegt darin, dag 
bie hachft* Anfpannung, bie darauf faittt, durch ATafchineit- 
fräfte den Arbeiter abjulöfen, in ber Annäherung an bas 
erftrebte §iel immer mehr fänden nährende unb fruchtbare 
Arbeit gab. Blicht ausfdjlieglich fegensvolle Kräfte wirken in 
jenem ©aubergarten; nicht alles ift eitel £icht unb Sonne. 
Aber im grogen unb gan3en ftrablt aus ber Heuen IPelt 
auf bie ATutter ihrer Kultur, die Alte IPelt, bette* <ßlait3 
3iirürf, weit mehr baju angetban, unferer Spannkraft neuen 
Antrieb 51t geben, als uns mit neigender ATiggunft 3U 
erfüllen. 

IPir dürfen mit Anerkennung auf bie jüngere IPelt jen- 
feits bes 03eaus blicfeit, ber wir den (Sebrauch und felbft 
einen, naturgeinäg vorübergehenden, kleinen Alehrgebraudj der 
„(Ellenbogenfreiheit" gern nachfehen. Sogar für öie oft feit* 
fatnen Uebertreibungen, bie man ^uweilen au 0 rt und Stelle 
wahrnimmt unb bie über bas IPeltmeer h* r überklingen, 9 e* 
5iemt nacbßchtsvolles Urteil. Penn in biefein ^titanifd?eu" 
Uebernehmen liegt ein tüchtiger, guter Kern; es ift im (Srunb 
immer nur ber Ausdruck eines unerfchutterlich gefeßigten 


*) ©ebeimer Kommerjicnrat ©olbberger, ITtitglicb bes „U?irtfd?aftlid?cn 
Husfcf?uffes 3 ur Dorbereiluiig unb Hrgutad?tung banöel>politifd?er ma|nabmen", 
ift vor fur 3 er 5 e ü uon e,Mer ’^lubienreile jurütfg^ft’brt. öle er im l>erbft uer* 
gangenen 3abrs tuid? ben Dereitiiatcn Staaten uon ^(merifa unternommen unb 
über bie er brn amtlid?en Stellen int Heid? unb in Preußen ausführlich Herid?t 
ermattet bat. Huf untere ©inlabung t|at berr ©ebeimrat ©olbberaer über bas 
©r^ebnis ferner Stubieureife für bie „Woche" eine Heibe non Huffaßen gc* 
fd’rieben, mit bereit l>eröffent!id'unkj mir Ijeute beginnen. 

Die Hcbaftion. 


und an ftch rühmlichen nationalen Selbftbewngtfeins. Pie 
Jfreube an ber (Sröge des eigenen £aubes befeelt den ein- 
3elnen, macht ihn mitteilfam und entgegenkommend dem 
fremden gegenüber, der Auskunft erbittet. (Es ift, als ob 
ein jeder uon dem (Sedanken erfüllt wäre: der fremde foll 
feben, wie grog dein £anb ift und wie ftark! IPährend 
meiner achtmonatigen Stubienreife durch bie Union b a ^ e '<h 
überall offene (Ehürcn gefunden, 3um (Eintritt einladend, und 
nirgends bin ich einer (ßebeimnistbuerei ober ähnlichem be¬ 
gegnet. Auf Stritt und CEritt fab ich eine gan3 ungemeine, 
aber nicht unftete Hegfamkeit arbeitsfroher unb 3ielbewugter 
lAäntter. „It is a bi^ country 44 — bas iß bie Be5eicbniing 
ebrfürcijtiger Bewunderung, bie ber Bürger ber Pereinigten 
Staaten für fein Paterlaub gefunden h a t; bas (Sroge nach 
ATag, (Sewicht unb ©abl ift es, was ihm oor allem imponiert. 
Aber audi unfer eigenes Fünftes Urteil mug den Pereitiigten 
Staaten in ihren £eißungen in oielfachem Betracht erftaun- 
liehe < 5 röge 3nerkeunen. 

Unb neben beit £eijtungen fiol3C (Erfolge! Unb biefe (Er¬ 
folge, fo beranfebenb fie auf bie (ErfolggeFrönten wirken 
müffen, b^^ en Bewohner ber Pereinigten Staaten nicht 
allem befoubers güuftigcu Porkoinmitiffen 3U banken — 
fie b a ^ e n ftch in erftaunlicher 2 lrbeitsfreube unb Arbeits¬ 
kraft, in unermüdlichem Porwärtsßrebeu und in einer fdjier 
übermenfchlid^eit Anfpanuung ron (Seift unb Körper 3U ber 
je^igen Eiöbc allmählich/ fo3ufageu organifd? bur<hgerungen. 
(Es ift üöllig uerfehrt, bei ber Beurteilung bes augerorbeut- 
liehen Auffchmuugs, den bie ökonomifdjen Perbältnijfe in den 
Pereinigten Staaten genommen h^ben, ju glauben, dag bi^r 
nur Zufälligkeiten ausfdilaggebenb gewefeu feien. XPie 
töricht folche Auffaßuitg wäre, ergiebt ein 5ufatnmenfajfenber 
Hücfblick auf bie Porkoinmuif|e bes 3 a h l 'S 190^ und bie ber 


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stummer 29. 


Seite {327. 


erßeit Hälfte biefes 3 a hrs* 3 m Porjahr Me (Ermordung des 
Prüfibenten IttacKiitley, eine fdjlecfyu IHaisernte, eine ernfte 
€rfdjfitterung am KnpfertnarPt, ber berüchtigte „Northern 
Pacific <£orner" mit feinen uerluftbringenben folgen in ben 
Kreifen ber Börfe unb bes PrioatpubliFums, bann anbauernb 
UrbeiterftreiFs innerhalb wesentlicher probnPtions- unb 
PeiFehrsgebiete — wahrlich IHomenle, bie geeignet gewefen 
wären, im (Einzelnen unb im (Sanzen 3erjiörenb 3U wirFeit 
unb nadjzuwirfen, wäre bie (Srunblage bes IPirtfchafts- 
Förpers nicht an ft<h gefunb unb gefertigt. Uudj ijt es grunb* 
falfch, wie es bei uns vielfach gefdjieht, ron beoorjtehenben 
ferneren Krifen unb dergleichen mehr mit befonberer Be¬ 
tonung 3U [preßen. 3<h ft*Ü* nid?* i n Hbrebe, baß in beit 
Pereinigten Staaten wie in jebem anbern 3U hoh*r Blüte 
gelangten Staatswefen einmal Hücffchläge Pommen müffen. 
Solche IPinterfiürme ftnb brübeit gerabe fo unausbleiblich, 
wie fie es anberwärts gewefen ftnb, unb manche Speichen 
hierfür ftnb auch in bem gautergarten ber Union rorhanben. 
Uber bas £anb ift mit einem fo ftaunensmerten Ueberfdjuß 
an Bodenfräsen gefegnet, es ift mit fo unermeßlichen Hilfs¬ 
quellen ausgeftattet feine 3 n ^ u f lr * en find mit einer fo be* 
rounberungswürbigeit PerooUFomntnung ber mafchinelleit 
(EedjniP ausgerüftet, baß h*er jebem IPiuterjTnrm — man 
benPe nur an bie IPanbluitg nach ber BeaPtion mitte ber 
( 890er 3 ahre — rafdjer, als man es fich rerfieht, ber per- 
jüngenbe früffling unb mit ihm neues unb befruchtenbes 
£eben auch in guFunft folgen bürfie. 

Das £aitb ber unbegren3ten IHöglichFeiten! Pie (Ein* 
wohnerfchaft ber Bereinigten Staaten zählt nach ber Befitz* 
nähme Portorifos, ber H anj aifchett unb ber Philippineninfelu 
etwa 88 UTiüionen Seelen, bas ift Pautn über 5 p^ent ber 
(Erbberölferung nach ber hofften Schälung. Piefe 5 Prozent 
ber (ErbbepölFerung aber h a ^ en 3 ur 5*it 25 Prozent alles 
bebauten Ureals ber (Erbe in Kultur genommen, (60 pon 
6$o IHiüionen ^eftar Ucferlanbs. (Eine überaus banPbare 
flache h a * ßd? ^ er Bearbeitung bargeboten unb h at dem 
Hcfersmanu bie frucht förmlich entgegengebracht. Pie 3ung- 
fräulichPeit bes Bobens h<*t bas IPerP erleichtert, unb feine 
Uusbehnung hat bie Unwenbung fünfrticher Hilfsmittel 3ur 
geit wenigßens entbehrlich gemacht, obwohl — was h* er 
nebenbei bemerPt werben foll — bie Ucferbaubehörben bes 
fandes unausgefefct bemüht finb, ben Bewohnern burch Hat* 
fchläge unb fachoerftänbige Unordnungen IHittel unb IPege 3ur 
intenitperen Bewirtfcbaftung an bie H at1 b 3 U $eben. 

IPährenb in ben fechs 3ah r *n 1895—1900 bielHahernte 
ber IPelt pon 2.6 bis 3 IHiüiarben Bufhels gefchwanPt, 3U- 
fammen (6 6 IHiüiarben, im 3abresburchfchnitt 2,7 7 IHil- 
Iiarben Bufhels betragen bat, entfielen auf bie Bereinigten 
Staaten allein 1,9 bis 2,3 IHiüiarben Bufhels, 3ufammen 
12,$. im 3ahresburchfchnitt 2,07 ITTiüiarben Bufhels ober 
75 pro3ent. 

gu ber IPeizenernte ber IPelt in ben fünf 3 a h rerl *>oit 
(896—1900 haten bie Bereinigten Staaten mit 20,7 Prozent 
beigetragen, währenb im 3 <>h r 19 ° ( &*r Anteil ber Ber* 
einigten Staaten an bem IPeltwe^enertrag fich fogar auf 
25 pro3eut gefieüt hat. 

Bon ben (*,7 IHiüiarben Bufhels H a f er ' b' e * n 
geitraum pon (896—(900 auf ber (Erbe er3eugt würben, 
muebfen in ben Bereinigten Staaten aüeiu 3 , 7 $ IHiüiarben 
Bufhels ober 25,5 Prozent. 

3n ber förberung ron (Eifener^en waren bie in ben 
Bereinigten Staaten fich barbietenben „unbegrenzten Kläglich- 
Feiten" gerabe3U erftaunlieber Urt. Pas £anb ift au ber 
IPeltprobuPtion mit nahe3u 36 pro3ent beteiligt, unb bas 
mit bem Por3üglichften IHaterial. Un ber IBelter3eugung 
pon Hoheifen waren im abgelaufenen 3 a h r bie Bereinigten 
Staaten mit 39,3 pro3ent beteiligt, an Stahl probu3ierten 
fie im 3 a h* 1900 runb (o. (IHÜlionen (Tonnen ober 42 pro3ent 
ber IPelter3eugung, im 3 a h r 1901 fogar (3,5 IHiüionen. 

Un ber KupferprobuPtion ber (Erbe finb bie Bereinigten 
Staaten mit nahe3U 55 pro3ent beteiligt. Pie (Entwicflung 
ber ameriPanifchen Kupferinbuftrie war pielleicht noch Piel 
rapibec unb typifdjer für bie ameriPanifchen Berhältniffe; 


unaufhalifam unb uugeftüm hat fie ftch in inerPwürbig Furzer 
geit aus ben betreibenden Umfängen emporgehoben unb ftch 
3um weitaus bedeutenden JaPtor ber IPeltprobuPtion empor* 
gefchwungeu. (870 betrug bie KupferprobuPtion ber Ber¬ 
einigten Staaten (2000 (Tonnen, im 3 ah r 1880 hatte fie ftch 
fchon auf 27000 bei (53 000 IPeltprobuPtion gefteigert. 3 m 
3 ahr (890 produzierten bie Bereinigten Staaten ((6 3(5 (Tonnen 
Kupfer pon 269 ^5 5 IPeltprobuPtiou. 3 m 3 a hr (895 per¬ 
mochten fte bereits mehr als bie Hälft* ber IPeltprobuPtion 
3U Pontrollieren, unb an ber IPenbe bes 3 a hrh un berts probu- 
3ierten bie Bereinigten Staaten mit 2 70 000 (Tonnen mehr, 
als 3 ehn 3 ahre 3UPor bie gefamte IPeltprobuPtion betragen hätte. 

Pie BleiprobuPtion ber Bereinigten Staaten Ponnte ftch 
feit (895 fo heben, baß fie an Steüe ber fpanifchen bie Rührung 
•im IPeltoerPehr übernommen hat* 3 m 3 a h r 19 °° hat bie 
probuPtion ber Bereinigten Staaten 29,6 pro3ent erreicht, 
währenb bie fpanifche auf ( 8,7 Prozent 3urücPgegangen ift. 
3 m 3 a h r I 9 °l hat bie Bleie^euguug ber Bereinigten Staaten 
fegar noch eine weitere Steigerung auf 250 000 (Tonnen erfahren. 

Huch in ber (QuecfftlberprobuPtion ber IPelt ripalifierte 
Spanien mit ben Bereinigten Staaten, unb auch h*er mit 
nachlaffcnben Kräften. Penn fchon (900 ift Spanien um 
eine KleinigPeit überholt, unb (90( ift es gefchlagen, ba es 
auf eineti Unteil pon 28 pro3cnt rebi»3iert ift, während bie 
Bereinigten Staaten 33 pro3ent lieferten. 

3 n ber (SefamtprobuFtiou ber (Erbe an ginP ift ber Unteil 
ber Bereinigten Staaten erheblich geftiegeu, unb bie Ueber- 
Icgenheit bes Bhcinlanbes, Belgiens unb H°^anbs betrug 
nicht mehr wie ehebem (00 pro3ent, fonbern Pautn noch 
60 Pro 3 ent. 

Pie wirtfehaftliche €ntbecfnng pott UmeriPa macht pon 
(Tag 3U (Tag neue uttb ungeahnte ^ortfd?ritte. Pie Staaten- 
gebilbe, bie pon ben HocPy IHountains. ihren Husläufern unb 
ben Sierras burch3ogen werben, gelangen burch (Energie unb 
Kühnheit ber Bewohner 3U immer weiterer (Erfchließung mit 
uuperfieglidem Heichtum an Silber uub (Solb. 

Pie <Solber3eugung ber (Erbe wirb für bas 3 a h r 19 °° 
auf 2 55,6 IHiüionen Poüar, bie Silberer3eugung auf einen 
IHün3wert pon 223,5 HliUionen angegeben, (für bas 3 a h* 
(90 ( gehen bie Schätzungen in beiden IHetaüen auf je 
26 5 IHiüionen Poüar. 3 n beiden 3 a h^on h fl bcn bie Ber¬ 
einigten Staaten ben größten Unteil an ber ProbuPtion 
beider HTetaüe gehabt, 31 Pro3ent für bas (Sold, 33 pro5eut 
für bas Silber. Bon beit 3 ( prosent ber ameriPanifchen 
(Erzeugung entfaüen allein auf ben Staat Kolorado be¬ 

ziehungsweife auf ben Be3irP (Tripple CreeP mehr als ein 
Prittel. (Es mutet geradezu wie ein Klärchen an, wenn 
man ben wunberbatett (Eutwicfluugsgang biefes BejirPs 
überblicPt, ber in ber (Befeuchte ber IHineninbuftrie wohl 
einzig bafteht. 3 n «nein Pe3enniuin hot bie Uusbeute der 
(Solberje 5U ttachftehenben €rgebniffen geführt: ( 89 ( 200000 
Pollar, (895 7200000 Pollar, (898 (5000000 Pollar, 
(900 22 538 200 Pollar, (90( 255(^090 Pollar. Port 

oben auf den oon kipple (TreeP, 9800 fuß über 

bem HTeeresfpiegel, ift in biefen lebten 3chn 3 a h retl e * ne 
neue IPelt entftanben. Bis (889 Pein Baus, nur einzelne 

Hütten für bas Pieh; (890 Pamett bie erften (Eyperten, bie 

Hoffnungen erweeften. Pas genügte, unb bas (Solbfteber 
begann. Einwohner pott Kolorado Springs 3ogen h^rtauf in 
bie Berge, und mit 3ät|er (Energie, nachdem mau fchon (892 
600000 Poüar fördern Ponnte, arbeiteten fte weiter, durch 
Feinen IHißerfolg abge chrecft, bis fte immer wieber an bie 
richtigen, (Solber3 fpertbenben Steüen Famen. 

Pas £anb ber unbegrenzten IHöglichPeitenl 

Pas Kohlenareal (Europas ha* eine Uusbehuung von etwa 
(( 000 eugli.chen (Quabratmeilen, bas ber Bereinigten Staaten 
hat 50 000 (puabratmeilen. Un ber Kohlenförderung der 
(Erbe waren in beit lebten beiden 3 a h r *n Bereinigten 
Staaten mit nahezu 33 Prozent beteiligt, (Sroßbritaunien 
mit 30 pro3ent, Peutfchlanb mit (9,6 Prozent. 

3 n die petroleumprobnftioit teilen fid^ bie Bereinigten 
Staaten unb Hußlanb, wobei Hußlanb uorait fleht. Bon beit 
( 5 ( IHillionen Barrels, bie tin 3 a ^T r ( 9 °° produziert wurden, 


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Seite {328. 


Sftummer 2g. 


fommen ? 7,2 IHillionen ( 51,2 Prozent) auf Buglanb, 63,3 
IHillionen (42 pro3eut) auf bie Pereinigten Staaten. 3 m 
3 ah* 190 1 h at Huglanb mit 7 1,6 IHillionen Barrels nur 
noch einen ganj fleinen Porfprung vor ben 69,IHillionen 
Barrels ber Pereinigten Staaten. 

3m vergangenen 3 a br *ft ein nener, gewaltige (Dellager 
enthaltenber petroleumbiftrift nah* ber Stabt Beaumont, 
(Eejas, entbecft worben. Pon (Erfchliegung ber erften Quelle 
3 U Einfang 3 a,luar 1901 bis (Enbe IHäs 1902 finb von 
Beaumont mehr als i<* IHtllionen Bartels 0el 3 ur Per* 
fenbung gelangt. 

Pie probnftivität ber Kalifowifchen petroleumquellen 
betrug im 3 a ^ 1876 1<5 000 Barrels, fte hat im Porjahr 
nalje3u 9 IHillionen Barrels betragen, bie Setzungen für 
bas laufenbe 3 atH gelten auf i ^ 000 000 Barrels. 3 « Point 
Bidjmonb, nahe San Jrancisfo, h at feit fn^er geit bie 
„Pacific (Eoaft 0 il Company", eine Schöpfung ber „Stanbarb 
0 il Company", groge Bauten angelegt. Pie bort ttal^u 
vollenbeten Petroleuntrafftiterien werben bas Holzöl auf- 
nennen, bas 270 IHeilen weit burd? Boljrenleitungen von 
bem I)aupt3entralpunFt ber Kalifornifd^en petroleumgeroin* 
nung burch eigens erroorbenen (Sruttb unb Bobett nach bem 
eben ermähnten point Bichmonb geführt roirb. 

3 n welchem IHag bie Pereinigten Staaten bie Baum- 
roollprobuftion beherrfdjen, erfennt man baraus, bag fte von 
1895 bis 1900 3U ber IPelteseugung von 68,7 IHillionen 
Ballen 58 , 1 IHillionen ober 84,5 pro3ent beifteuerten, roäh- 
rettb Eiegyptens Einteil in feinem 3 <*h* über 13 p^ent 
hinausging, ber Einteil von 0 ftinbien unb China auf 5 pro3ent 
fanf. 3 n ber IPollprobuftivn ber (Erbe fielen bie Pereinigten 
Staaten nach ben lebten vergleidjenben (Ermittelungen mit 
10,7 pro3ent, ebenfo in ber Ejanfprobuftion (feit ber (Erwer¬ 
bung ber Philippinen) mit 12,8 pro3ent in vierter, in ber 
<flad?sprobuftion mit 20 ,7 IHillionen Bufhels in 3roeiter Heihe. 

Unb immer neue (ßebiete roerben burd? Einbau roirtfehaft* 
lief? erfdjlojfen! 

Bisher haben bie Pereinigten Staaten gar nicht ober nur 
wenig Heis pröbu 3 iert. Por fur 3 er geit h at man in 0g* 
teras ein Stücf £anb burch Beroäfferung mit arteftfehen 
Brunnen für ben Heisbau herange 3 ogen; etwa 250000 Elcres 
£aub rourbett binnen 3^h r ^^frift mit Heis bebaut, unb bie 
(Ernte (teilte ftdj auf 20 Pollar per Here! 

Hoch einige galten mug ich auführen. So troefen 
fte fcheinen, fo rebeit ge hoch eine laute unb einbriuglidje 
Spraye, unb ihre pofttive roie ihre vergleichsroeife (Sröge 
ig es, bie ihnen ben Charter ber Hüchternheit nimmt. 
3 m 3 ahr 1870 prohibierten bie Pereinigten Staaten 
, 236 IHillionen Bufhels IPei^en, im 3 a h r 19 ° l prohibierten 
ge 7^8 IHillionen. gunahme: 217 pro3ent. Pie IHaiscrnte 
von 18 70 betrug 1094 IHillionen Bufhels, bie von 1900 
belief geh auf 2(05 IHillioneiu gunahme: 92,4 pro3ent. 
Pie IHigernte bes vorigen 3 a h res ' bie einen Crtrag von nur 
1500 IHillionen bradjte, ertnägt bie gunahme auf 38 pro3ent. 
Pie IPollprobuPtioit von 1870 roar 162 , bie von 1901 
302 IHillionen pjuub. gunahme: 86 pro3ent. Pie Baum- 
roolleiternte von 1870 roar 3 U^ IHillionen Ballen, bie von 
1901 betrug io ^86 IHillionen. guuahme: 236 Pro3ent. 
3 m 3 ahr 1870 h fl Ue ber Piehbeftanb einen IPert von 
1822 IHillionen Pollar, 1900 betrug er 2981 IHillionen. 
gunahme: 64 pro3ent. Per IPert ber lanbrotrtfchaftlichen 
(E^eugnijfe gellte fid? 1870 auf 2W IHillionen Pollar, 

1900 auf 4739 IHillionen. gunahme: 94 p^eut. 3 m 3 a h r 
1870 rourben 32 IHillionen (Tonnen Kohle geförbert, 1901 
290 IHillionen. gunahme: 806 pro3ent. Pie probuftion 
von Hoheifen betrug 1870 1,6 IHillionen (Tonnen, 1901 be¬ 
trug fie 15,8 IHillionen. gunahme: 887,5 Pro3ent. 3 m 
3 ahr 1870 roar bie Stahlprobnftion 68 000 (Tonnen, im 3 a hr 

1901 roar ge 13,5 IHillionen. gunahnte: 19753 pro 3 ent. 
3m 3 a h r l 870 mürben an Baumwolle in amerifanifchen 
Spinnereien verarbeitet: 857 000 Ballen, im 3 a b* 190 1 
waren es 55^7000 Ballen, gurtahme: 302 pro 3 ent. Pie 
Husfuhr von Jabrifateseugniffen bewertete fich 1870 auf 
6 8 IHillionen, 1901 auf <112 IHillionen. gunahme: 506 pro- 


3 ent. Pas in ben Jabrifen angelegte Kapital betrug 1870 
2 U 8 IHillionen, 1900 betrug es 987^ IHillionen. gn* 
nähme: 366pro3ent. Per IPert ber (fabrifate betrug 18 70 
4232 IHillionen, 1900 betrüg er 13 040 IHillionen. gu¬ 
nahme: 208 J)ro 3 cnt. 3m 3 a b* l 87 o roar ber IPert ber 
(Sefamteinfuhr ber Pereinigten Staaten 332 IHillionen, im 
3atjr 1901 roar er 880 IHillionen. gunahme: 165 Patent. 
3m 3 a fa l 870 mar ber IPert ber (Sefamtausfuhr 25^ IHil* 
liouen, im 3 a h r 19° 1 betrug er H87 IHtUionen. gunahme: 
485 pro 3 ent. 

Per aufmerffamc £efer roirb burch bie oben mitgetoiften 
giffern, bie ich ohne weiteren Kommentar gebe, leicht er¬ 
faßen, roie grogartig bie (EntroicFIuitg ber amerifanifchen €r- 
3 eugung in verhältnismägig fur 3 er geit geroefen ift. Pas 
fann man geh atierbings f<hon baheim am grünen (Tifch flar 
machen. Poch bas (Erreichbare ift noch nicht abgefdjioffen, 
unb bas wirb einem erft flar, unheimlich flar, roenn man 
bas £anb von ber ailantifchen bis 3 ur pa 3 igfchen Küge burch* 
reift, roenn man in bie IPerfftätien amerifanifchen (Bewerbe* 
geiges ein tritt, roenn man geh ben Fomme^iellen Betrieben 
prüfenb nähert unb mit ben IHännern Jüfgung nimmt, bie 
bie roirtfchaftliche (Sröge ber Pereinigten Staaten 3 U förbern 
raftlos — 3 uroeilen wohl auch rücffichtslos — mitgeholfen 
haben. Unb in nüchterner Elbroäguitg bes alfo Beobachteten 
halte ich mich aüerbings 3 U bem Befenutnis verpgidjtet bag, 
je mehr ich gefehen unb fennen gelernt habe, unb je weiter 
ich nach bem IPeften ber Pereinigten Staaten vorgerüeft bin, 
bas friebliche IPirtfchaftsarfenal, bas bis 3 U roeitragenben 
flöhen gd? ftreeft, bie unbegrert 3 ten Schäfte unb bas Be* 
ftreben, ge 3 U eutroicfeln unb bienftbar 3 U machen, bie grogen 
Pimeugonen im perfonen* unb (Sütertransport ber (Eifert* 
bahnen mich überwältigt unb mir ge 3 eigt haben, bag man 
bem Staatsfefretär ber Pereinigten Staaten 3 uftimmen barf, 
ber erft jüngft von ,.the ginnt strength of the nation“ — 
von einer „Hiefeuftärfe ber amerifanifchen Hation" — ge* 
fprod?en hat. 

Pon feinem einengenben Bureaufratisntus gehinbert unb 
immer von frifc^em einfeftenb, finb bie IHätuter in 0g unb 
IPeft bemüht, ben Perfehr aus 3 ugeftalten unb ihm gefieberte 
Jormen 311 geben. Pie (Eifenbahnen hatten alle 3 eit, freilich 
in härteftem Konfurren 3 fampf, burch anhaltenbe (Ermägigung 
ber jrachtfoften ber 3nbuftrie roeiteftgehenbe Porteile geboten. 
Kugegdjts ber beseitigen glän 3 enben (Befamtroirtfchaftslage 
betrachten es bie Bahnverroaltungen als eine ihrer vor* 
nehmften unb auch gnan 3 iell erreichbaren Hufgaben, bie Ein¬ 
lagen unb bas rollenbe IHaterial 3 U verbejfern unb 3 U er- 
gän 3 en. IPeitn matt bie fjerftellungs* unb Husrüftungsfoften 
ber amerifanifchen Bahnen mit ben entfprechenben Kofteit 
ber europäifchen Bahnen im Perhältnis ber IHeileisahl in 
Pergleich 3 ieht, fo hatten — freilich ohne Berücfgchtigung 
bes Unterfchiebs ber (Bruuberroerbsfoften — viele IHiüiarben 
Pollar in Elmerifa mehr aufgeroenbet werben tttüffen, roenn 
man bafelbft mit ber gleich peinlichen Behanblung unb forg* 
fälligen, oft reichen Uusführung, wie in (Europa, bie Bahnen 
von vornherein angelegt unb ausgeftattet hätte. Pies roar 
eben nicht gefächen. Perbinbungsglieber follten gefchaffen 
roerben. Pas roar in ber Qauptfadie alles. So fam es, bag 
bas Sdpienenneft, bas geb allmählich über bie Pereinigten 
Staaten fpann, geh bis auf 19 ^ 000 englifche IHeilen, abge- 
fehen von 60 000 IHeilen Hebengleifen, behnte, roährenb in 
(Europa nur 173 000 englifche IHeilen, in Peutfchlanb unge¬ 
fähr 33000 englifche IHeilen 3 ählen. hielten bie Perbinbungs¬ 
glieber nicht biebt, fo fonnteu fte in 3 ufünftigen guten geilen 
gefeftigt roerben. 3 n ^ cm ^ au ber Heben- unb auch oft ber 
I)auptftationsgebäube waltete bie größte (Einfachheit vor. 
(Seroöhnltch nur Bretterfdjuppen, bie nid?t einmal IPetter unb 
IPittb 3 U trofteti imftanbe finb, ohne jeben Komfort. Ellies 
fo billig roie möglich — bei verhältnismägig hohen Kapitali» 
jationen, in benen Unternehmer unb Promotoren fpäterhin 
ihren Hüften guben wollten. 

IHit Stol 3 blicft ber Elmerifatter auf bas von ihm (Er¬ 
worbene unb auf bie eigene Kraft, auf bie er geh gegellt hat. 
„IPir finb geigig", fagte mir ein amerifanifcher Staatsmann, 


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Hummer 29. 


Seite {329* 


„leben unferer Arbeit unb benPen an unfern großen Benjamin 
franPlin, ben fein Pater in bem Xezenlaben in Boßon mit 
ben IPorten ber Bibel 3U ermahnen pflegte: Siefyft bu einen 
Mann, ber in feinem (Sefdjäft fleißig ijt — oor Königen 
Pann er ftefyen!" 

(Eines mochte ich fdjon an biefer Stelle l^eroor^eben, was 
mir bei ber Beobachtung ber öPonomifdjen Pertjältniffe ber 
Pereinigten Staaten oon KmeriPa befonbers bemerPenswevt 
erfdjienen ift: Irtetjr als in trgenb einem anbern Wand ber 
JPelt tritt auf bem (Sebiet oon PerPefjr, Handel unb 3 n * 
bnftrie hier gerabe jeftt bie (Sewalt ein3elner perfonen in 
ben Porbergrunb. (Seroiß ift ber mächtige roirtfdjaftlidje Huf» 
fdjwung bes Wanbes bem Unternehmungsgeiß oon Männern 
mit 3U banPen, beren Hamen bie <Sefrf?id?te ber Union für alle 
feiten oe^eidjnen roirb. Pie (Soulbs, Panberbilts, Macfays, 
Hocfefellers, Carnegies, Tjarrimans t)iüs, Morgans, Still- 
mans unb anbere haben ber PerPetprs- unb JnbnftrieentroicP* 
Iung ber Union ungeahnte IPege geroiefen, fte waren, roie 
mit (Thomas Earlyle ber Präßdent ße nannte, roirflich „the 
captains of industry“, bie bas Eifenbatjnneft über bas Wand 
gebreitet, ben fytnbel aufgebaut unb bie 3 1f bnßrien entfaltet 
haben. Unb roeil ße damit fraglos bem PolP (Sutes unb 
(Sroßes gefchaffen haben, ßnb ße leitenb unb herrßhenb;<bie 
Hation bringt ihnen um fo mehr Pertrauen entgegen, als 
ße in richtigem Erfaßen ber IPirPung auf bie 00IPstümliehe 
(Eigenart große Summen aus ihren imtnenfen Schäden für 
bie öffentliche IPohlfahrtspßege — oft nicht ohne einige Pe* 
monftration — h cr 9^ben. Pas bebenPlicbe aber liegt barin, 
baß bie roeitoezroeigten unb befonbers bie neueren Unter¬ 
nehmungen augenblicklich fo eng mit ben ein3elnen ITTännern, 
mit ihrer Kraft unb mit ihren Pispoßtionen oerwachfen ßnb r 
baß ein Perfagen ober Hnsfcheiben bes großen unb allgewal¬ 
tigen <£in3elnen, roenigftens für eine geraume IPeile, 3U oer- 
berblichen f olgeerfdjeinungen führen Pann. 3eber Menfch ßnbet 
einen Erfäft, unb felbß bie größten Heidje ber Ulten IPelt 
haben ßch ohne Erfdjütterung weiter gebeihlich fortentroicPeln 
fönnen, auch wenn ihre Ulitbegrünber aus ben Heihen ber 
Mitthätigen ober Webenden haben 3urücftreten müffen. IPenn 
aber 3. B. Tjerr pierpont Morgan h eute abberufen werben 
follte, würben 3unächft bie TDerte all ber UTilliarbenfchöpfungen, 
beren intellePtuelles ©behaupt, beren ßnan3ielle Stufte er 
gewefen war, in Perroirrung geraten. Penn vielfach noch 
3U jung, 3U frifch, 3U wenig erprobt, 3U nnPonfolibiert ift 
manches, was biefes unb ber anbern UTänner weit ooraus» 
eilenber Blicf erfaßt unb ihr raftlos fchaffenber (Seift auf¬ 
getürmt hat. Pann erft wirb ßd> 3U erweifen haben, ob 
genügenb Pommezieller Hadjmuchs 3ur IPeiterführung oor» 
hanben iß, unb oor allem, ob bie ßnan3ielle (Srunblage ber 
3nbuftrien in ihrer gegenwärtig groß angelegten Hnsdehnung 
ejifte^bereditigt ift. 

(Erßaunlich aber unb unoergleichlich ßnb einerfeits bie all¬ 
gemeinen £eißungen ber ameriPanifchen Urbeit, anbererfeits 
bie probuPtionsmöglichPeiten bes Wanbes. Pie Schafte, bie 
ber Boben auf feiner ©berßäche bem Pflug entgegenführt, 
unb mehr noch bie Schäfte, bie ber Boben in feinem Schoß 
an allem birgt, was Hetchtuin. StärPe unb UTacht oerleiht, 
ßnb fo riefenhaft, baß fie imftanbe ßnb, oon einem 3 a h* 
3um anbern, beinahe non einem (Tag 3um anbern, bie Per* 
hältniffe in bem IPettberoerb ber Hationen 3U (Sunften ber 
Pereinigten Staaten 3U oerfdjieben. (Tritt an einer Stelle 
ber Union eine Stocfung ein, 3eigt ßch ein UTißerfolg, ein 
oorübergehenbes ober felbß bauernbes Perßegen ber Quellen, 
fo haben Boben unb fleiß auch fdjon an einem anbern ©rt 
für ausgiebigften Erfaft geforgt. IPas bie Hatur bort ge¬ 
geben, iß unenblich oiel, unb ber unermübliche fleiß gewinnt 
ber (Sabe ber Hatur ben rollen TDert ab. 

hierin liegt ein beachtenswertes (Segengewicht gegenüber 
ben BebenPen, benen ich des IPirPens ein3elner 

überragenben PerfönlichPeiten Husbrucf gegeben habe. Pie 
innere (Tüchtigkeit ber (SefamtbeoölPernng ift marPig. Ulan 
mag bas unausgefeftte Streben nach „make money“ als 
ITTammonsbienft betrachten — man hat 3U einer Perur- 
teilung um fo weniger Hecht, wenn man ßelß, baß im großen 


unb gan3en, im guten Purchßhnitt, bas Streben nach Erwerb 
ßdj ßreng an bie Bebingung binbet, baß ber Erroerb auf 
anftänbige IPeife gewonnen fei. Pie (Sefefte ber Pereinigten 
Staaten ßnb etwas behnbar, unb ber Bürger bort geht auf 
bem IPeg, ben bas (Sefeft erlaubt. Uber bas gegebene TPort 
ift heilig 3eber oerlangt oon bem anbern unb feftt ooraus, 
er folle genau überfchaueit, roo3U bas gegebene TPort ben 
einen wie ben anbern oerpßichtet. Per (Sefchäftsmann ber 
Pereinigten Staaten Pennt Peineit anbern <£hrgei3, als bie 
anftänbige IPahrnehmung feines (Sefdjäfts unb bie (Erreichung 
gefchäftlichen Erfolgs burch ausbauernbe unb Pluge Hrbeit. 
Er oezeiht nicht unb oergißt nicht eine Perfelßung gegen 
ben gefchäftlichen Hnßanb, auch bem Erfolg nicht, unb bas 
oerleiht ihm eine felbßbemußte EharaPterßärPe ohnegleichen. 
Per ameriPanifche (Sefchäftsmann überlegt ßch reißieh unb 
lange, ehe er auf ein Ungebot eingeht; hat er es aber ge» 
than, fo ift er mit ga^em fjezen bei ber Sache, unb man 
hat an ihm einen thatPräftigen Mitarbeiter oon unbebingter 
guoerläfßgPeit gewonnen. Selbßoerftänblich trifft biefe 
Schilderung nicht auf jeben ein3elnen 3U; ße 3eichnet aber 
bas gefchäftliche Weben im gan3en, wie es ßch mir in ben 
maßgebenben Kreifen ber mirtfchaftlichen IPelt ber Pereinigten 
Staaten bargeftellt hat. 

UTan fpricht mit Unrecht oon einer Herooßtät bes er* 
werblichen Tjaftens auf ber anbern Seite bes ©3eans. Pas 
(Segenteil ift ber (fall. Hur unendliche BegfamPeit nimmt 
man bort wahr, angeßrengten fleiß unb immer wieber 
fleiß; aber bie Heroen ber (fleißigen ßnb wie oon Stahl 
unb un3errüttbar. (€in 3 treiter Urttfel folgt) 

berliner 8otmnerbüf)nen. 

3 ?ftt iß Berlin bePanntlich „leer". IPer geit unb (Selb 
übrig hat, ift ber (Sroßßabt entßohen, ruht am fetjr Pöhlen 
UTeeresßranb ober Prajelt im (Sebirge herum, anbere wieder 
fudjen bie Schöben, bie ber oorige IPinter ber (Sefunbheit 
gefchlagen hat, in heilbringenden Bädern aus3ugleiden, um 
ßch auf biefe IPeife wieber für bie Pommenbe Saifon gebrauchs¬ 
fähig 3U machen. Pie Eifenbahnen haben bas wirPlich be* 
wunbernswerte UTeifterftüc! fertig gebraut, alle bie ungezählten 
(Taufenbe, bie beim Beginn ber Schulferien ber Heicbsbaupt- 
ßabt in wenigen (Tagen unb Stunden ben Hücfen Petzen 
wollten, ohne irgenb einen Unfall 3U beförbern; bie Beamten, 
bie bie SchrecPen einer förmlichen Mobilmachung bes publi* 
Pums überftanben haben, feigen erleichtert auf roie jeinanb, 
ber ein ungeheures IPagnis glücPlich erlebigt hat. 

Berlin wäre alfo leer? Wieber tfimmel, in einer Millionen* 
ßabt merPt man es wirPlich nicht, wenn einige gehn* 
taufenbe fehlen, denn bas Weben felbß fpielt ßch genau in 
ben gleichen formen ab, als wenn wir alle h*er ool^ählig 
oerfammelt wären. Sonntags ift, obgleich wir angeblich 
etwas mehr Ellbogenfreiheit haben wie gewöhnlich, Pein 
plaft auf ber Stadtbahn 3U erhalten, bie elePtrifdjen Bahnen 
ßnb genau fo überfüllt wie immer, unb oon ben fonftigen, 
uns liebgeroorbenen Kalamitäten oermiffen wir auch nicht 
eine einige. SPeptiPer betrachten es allerdings als eine un¬ 
oerbiente (Sabe bes Sdjicffals, baß mit bem Perfchwinbeit 
oon „tout Berlin“ auch alle Kunfttempel, auch bie, bie es 
nur fein wollen, ihre Pforten gefchioffen haben, unb baß für 
bas publiPum in biefer Be3iehung nunmehr auch eine Sdjon- 
3eit angebrochen ift. 

Pennoch ruht bie Kunß auch jeftt Peineswegs in Berlin. 
3m Tjochfommer, un & wenn er fo Pühl unb unfreundlich iß 
wie der diesjährige, haben wir immer eine gewaltige 3 n ' 
oaßon oon allen möglichen Mimen unb Miminncn aus ber 
prooin3 3U überßehen, bie bie Hbwefenheit ihrer berühmten 
Kollegen unb Kolleginnen oon ber Metropole da3u benufteit, um 
einem geroiffen (Teil bes Punftliebenben Berliner publiPums 
3U 3eigen, baß man auch in Köftfchenbroba oder in perleberg 
eine anftänbige unb oernünftige Komödie 3U fpielen oerßeht. 
Pem aufnierPfatnen Beobachter bes Berliner Straßenlebens 
entgehen biefe typifdjen figuren nicht. (Sleich bei Beginn 


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Seite {330, 


Hummer 29 » 


ber (Eheaterferien erfcheinen fie, unb fie promenieren juitädjfl 
nur in ber £eipjiger- unb friebridjftrage unb Unter beit 
£inben, uitb fte Ijeben ftd? angenehm burdj ihre majeftätifdje 
Ejaltnng non ben übrigen, gemöhnlichen philifterpaffanlen 
ab. Hiemaitb fanit einen ähnlichen ^faltenmurf bes ettuas 
oerfeboffenen Ejaoelocfs prob^ieren, niemanb trägt ben breit- 
fräinpigen Künftlerljut mit ähnlicher (Senialität, niemanb hat 
eine meheitbere Kramatte non abfonberlidjerer färben- 
3ufammenflellnng, niemanb bie £ocfeit fo buftig pomabiftert 
mie biefe Künftler, bie in ihrem äugent Auftreten ihre 
fo3taIe Ulachtftellung in mürbiger form 3um Ausbrucf bringen. 
JTlit beit Uatnen oerhält es fid} in ähnlicher JDeife, ihre 
(Eoiletie eutfpriebt 3toar nicht ben legten Anforberungen ber 
UTobe, bafür aber brilliert fte bur<h bas feltfame unb farbeu- 
freubige Arrangement. 

Allmählich nerfchmiitben biefe auffallettben figuren 3uin 
Schaben bes Sirageitbilbes. Der EDanberer, ber in bcnt 
„leeren" Berlin auf feinen gügen Stubien macht, fieht fte 
bann in gan3 anbern Stabtgegenbeit toieber. Drangen in 
UToabit, in ber Brmtnenftrage, in ber perlebergerftrage, in 
ber Kaftanienallee, in ben oielbefuchten Dororten ftnbet er 
fte in beit Sommertheatern rnieber, mo ber fleiite Utann mit 
feiner familie nach bes (Eages £ajt uttb Ulühe (Erholung 
fudjt, bie er burch einen Kunjtgenug oerftärft. gmar üben 
hier auch Berliner Küitftler ihren h°h e n Betuf aus, aber 
bie fremblinge merbeit gern anfgeitomnien. meil ihre Alt- 
fprüche gemeinhin befcheiben ftnb unb ber Unternehmer in 
feinen Dritteln meift befdjränft iji 

Denn bas (Entree, bas für ben Kunjtgenug auf ben 
Sommerbühnen erhoben mirb, ift ber ETatnr ber Sache nadj 
ein minimales. Dielfach mirb ein (Eintrittsgelb überhaupt 
nid?t erhoben, ber f amilienoater, ber mit f rau unb Kinbern 
erfcheint, lägt fleh lieber „inbireft" befteuern unb 5ahlt einen 
fleinett Auffdjlag für bas Bier, bas ja ohnehin fonfumiert 
merben mug. (Er geniegt als Kunftleijtungen am liebfteit 
poffett unb fleine £tiftfpiele, es merben ihm aber auch — 
o (Srauen! — bismeilen Hitterfomobien oorgefegt. bie burdj 
Blutoergiegen unb Pathos belebenb auf bie Heroen toirfen. 
EDemt es regnet, finbet bie Dorftellung im Saal ftatt, mas 
ber Elaturaloerpflegung ber gufdjauer natürlich feinen Ab¬ 
bruch thut. 

rrtit Anbacht laufcht man unb fommentiert bie fjanblung 
unb bas SpieL gmifchenrufe toie „fauler gauber!" „fefte. 
EDi 11 ein!" bei befonbers aufregenben Vorgängen auf ber 
Bühne ftoren toeber bie Darftelier noch bie auftoartenben 
Kellner, unb felbft ber Umftanb, bag ein fleiner, noch nicht 
ftubenreiner Urbetiitter brüllenb nach feiner f lafche oerlangt, 
ruft höchftens bas Ulitleib unb bie Teilnahme ber nmjigenben 


Ulütter mach. Die Ejauptfache ift, bag ftch ber Berliner 
amüfiert, unb bas gefchieht faft immer. Sonntags mirb na¬ 
türlich in ben (Sarten ber Sommerbühnen auch „Kaffee ge- 
focht", beim ohne biefcs (Setränf ift ein toirfliches Dergnügen 
thatfäcblidj unbenfbar. Hach ber Dorftellung lägt fich ber 
Ejelb unb £iebhaber h era &/ mit aiigefehenen (Säften einen 
Schoppen 311 trinfen, unb bei biefer (Selegenheit er3ählt er 
bann (Sefchichten, bie bie (Ehrfurcht unb Beiounberung feiner 
guhörer h^roorrufen. Augeibem giebt es natürlich auch 
Danbys, bie ber Soubrette eine £imonabe fpenbieren. 

So enttoiefeit fich reges Kunftleben in Berlin, auch toettu 
bie offtjiellen Kunfttempel gefd>loffen fmb, wenn bie berufenen 
Dertreter ber bramatifchen Kunft fich in Bäbertt ober auf 
(Saftfpielreifen beroünbern laffen. Der fleine ITTaitn mill tu 
Berlin genau fo gut feine (Erholung unb gerftreuung hoben 
roie ber Betoohner bes feinen IDeftens, unb er ftnbet fie in 
ben heißen (Lagen bes Jahres faft ausfchlieglich auf ben — 
Soinmerbühnen. c. 



Die toten der &locl)e. 


Klare Antofolsfy, rufftfeher Bilbhauer, t am 14. Juli 
in Hamburg im Alter oon 60 Jahren. 

Anna oon Bennigfeti, geb. oon Heben, t 14 - Juli int 
Alter oon 69 Jahren. 

Benjamin Bilfe, befannter 0r<hefterbirigent, f am 
1 3 . Juli in £tegnig im 86. Jahre. 

fjofrat Julius fiefer, Hechtshiftorifer, f jo. Juli in 
Jnnsbrucf, 76 ^Jahre alt. 

E?ofrat (Emanuel Ej er mann, €rftitber ber Poftfarte, 
t 14 . Juli in EDien. 

Hicharb Krägfdjmar, profeffor ber Rheologie, t 10. Juli 
in Utarburg int 35 . £ebensjahr. 

Senator Antonio Ulorbini, alter (Saribalbianer, t am 
(4. Juli in Ulonte^atini. 

(Eheobor Ulüller, (Seneralmajor 3. D., t am jo. Juli 
in Bun3lau, 84 Jahre alt. 

(Dberbaurat Karl preuniitger, f ain Juli in 
Heidjenhall, 73 Jahre alt. 

(Seheimer 0berjufti5rat Hicharb, £anbgeri<htspräfibent, 
t am 12 . Juli in 0 snabrücf. 

Karbiital Schlauch, Btfd?of oon (Srogtoarbeiit, t (0. Juli, 
7 8 Jahre alt. 


<u> 


Cin Stündchen bei Paal meyerbeim. 

Su feinem feefoigften (Seburtstag. 


Als ich mich banfeitb oon betn grogen ITTaler unb liebens- 
mürbigen Ulenfchen oerabfehiebete, gab er mir lächelnb bie 
f7anb unb fagte: „Bitte fehr, bitte fehr! — Unb machen 
Sie’s gnäbig!" Das ift ein be3eichnenbes IDort für ben 
fuorrigen Ulann mit bein gut gefchnitteneit (Sefidit, für feines 
IDefens ^reunblichfeit mit bem h ll, noroollen <£iitfdjlag unb 
bie befcheibene Abmehr aller aufbiinglicheu ^eier. (Er hatte 
mir er3ählt ooit ber fröhlichen feftlichfeit, bie bie jfreunöe 
feiner gefdjä^teii Kunft unb feines gaftlichen Kaufes 3U feinem 
jech3igfteu (Sebnrtstag eben oeranftaltet hatten. Die iin (SefeU- 
fdjaftslebeu Berlins befannteften perjönlichfeiten, mie ber 
greife Dlei^el, £eyben, EJilbebranbt, Knaus, Koberftein, pietfdj, 
hatten fid? ba in feinem frönen E^eiin in ber Ejilbebranbt- 
ftrage 3ufammengefunben, um ben IHeifter 3U ehren. Unb 
in freubigfter (Erinnerung fprad? ber (Sejeierte oon feinem 
(Ehrentag, uub fein l)et$ mar noch ooll oon ben finitoollen 


(Sahen unb Darbietungen, bie man oon allen Seiten trog 
feiner ftillen gurücfhaltung in fein Ejaus h'tteinjutragen 
gemugt hatte. 

Der ITCeifter er3ählte oon feinem (Seburtstag in behag¬ 
lichem piaubern. l?icr 3U fcheitfeit unb in feinen (Sefcheit- 
fen unb freuttblicheit (Sabeit fo oerftattben 311 merbeit, 
inug bas (Sefchenf für ben (Sehet mie für ben Begabten 
mertooll unb fie beibe froh machen. Ulan tnerfte es ben 
gügen feines lebendigen (Sefld?ts mirflich an, mie er fich in 
feinem gansen füitftlerifchen Schaffen oerftaitben fühlte butd? 
jene Art unb IDeife, mit ber man ihn ans bem Kretfe ber 
Jfreunbe bes goologifchen (Sartens erfreut hatte. Don all 
ben €ittmohnerti bes Berliner (Eierparfs, bem er fo oiel 
Anregung 3U feinen Bilöern oerbanFt. unb in bem er fo 
hittgebeitbe Stubien gemacht hat, hatte es ber nach Darmin 
am meifteit ba3U Berechtigte übernommen, bie (Slücf- 


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Hummer 29» 


Sette {55{. 



Begrüssungsdiplotn 

jum 60. (Geburtstag 
uoti paul UkytEi-ciü;. 


wünfd?e ber (Eiern?eit 
3U überbringen. €in 
freunMid? breinfdjau» 
enbcs Kffenejemplar 
bot ein Begrüfiungs» 
biplorn bem Weifter 
bar, bas bie üor^üg* 
lidjften Pierfüfcler in 
uit3weibeutigcr Klau» 
enfdjrift unterzeichnet 
hatten (f.nebenftehenbe 
Kbbilbuttg). 

Unb n?ieber nad? 
attberer Hidjtung hin 
erinnerte ber grofce 

Waler fid? in gleicher 
Danfbarfeit ber fünft* 
lerifdjen Peranjial* 
tung, biewohlbefannte 
freunbe bes all3eit 
gaftfrcien Weyerheimfdjen Kau¬ 
fes, wie Waj: Jiieblänber, 
Dr. Sewanbowsfi, griene Jor» 
ban, prof. Krüger-Weibel, burd? 
ein ron Hobert Kahn fompo* 
uiertes unb birigiertes Quartett 
ihm bargebradjt hatten. Penn 
fein mufifalifches Pcrftärtbnis 
bleibt hinter bein für feine 

eigene Kunft nid?t 3iirfnf, n?ie 
er auch 311 ben regelmäßigen 
Befacfrern ber Joadjimfchen ©uartettabenbe gehört. Unb 

befonbers freubig bewegt fpradj er üon bem gebanfen- 
unb phantafiereichen Singfpiel feines alten Jrenn» 
bes, f)rofejfors Posner, ber < 5 oethes „Jahr* 
marftsfeft uoit piuitbersweilern" 311m Porwurf 

einer ftnnnollen IPürbiguitg ber Weyerheimfchen 
Spejialfunft nahm. Poll t^uinor fdjilberte ber 
Sechsigjahrige, wie bas Perbot bes allgemeinen 
Spielbuben» unb Wenagerietreibens auf bem 
3 ährmarft einer (Eierbänbigerin Knlafj giebt, in 
einem Jefaug uon Weyerheimfchen Bilbgeftalten 
bie poetifche Schönheit unb £ebensfraft all ber 
Figuren unb Kreaturen anf5U3eigen, ohne bie ein 
echtes Jahrmarftsfeft ebeuforoenig benfbar ift wie 
bie Kunft eines Paul Weyerheim. Unb wie ber 
ITTeifter in (Sebanfen an ben wohlgeluugeneu 
Sd?er3 noch jefct fröhlich lachte, fam mir ber ganje 
€rnjt feines £ebeuswerfes 5« ooUftem Bewußtsein. 

Pie (fülle feiner Arbeiten 30g au meinem 2 luge 
rorüber, wie jte ror einigen Jahren bie benf» 
würbige KoUeftiuausitelluug im Uhrfaal bes alten 
Kfabeniiegebäubes Bereinigt hatte. XPein follte 
auch ber €inbrucf, beu man bamals uon Weyer« 
heims (Sefamtfchaffen befain, fo fchnell wieber 
entfd>minben! IPie freuten fich bamals bie 
alten Perehrer unb (freunbe feiner Kunft über 
bies abgerunbete (Sefamtbilb, unb wieuiel Hefpeft 
mußten auch bie (Segner ihm 3otlen! Spricht hoch 
aus jebem einzelnen IPerf nicht nur bie fouueräne 
Beherrf.hung bes (Segenftanbes, foitbertt auch bie 
glübeube farbenfreube bes Walers. Penn er 
malt nicht bas (Eier, um bas (Eier 31t fonterfeien, 
fotibern er ftellt es in eine Komposition, ber bie 
tarbige Harmonie Sinn unb §wecf ift. Bad? 
biefer Kid?tung hin hat er etwas r>oit ber Krt ber 
Wobernen unb Jüngeren wie SIcrogt unb bie 
aus bem Kreife ber Se3efjton. 

Solche KunjtgebanFen begleiteten mich auf 
bem Hunbgang burd? bas Weiter an ber Seite 
bes Weifters. Piel ha* man bem fyxxn bes Baumes 
hier nrd?t gelaffen. Bur wenige eben entftehenbe 
Bilber haben fich gerabenodj ben £iebhaberbegierben 


ent3ogen. (Ein prächtiger £öwenfopf blieft mich non ber Staffelei 
herunter lebenbig an. Efeibeerinnerungen erweeft bas Bilb ber 
arafeitben Siegen auf ber 211 m, unb ber 3eitgemäße Porwurf 
einer reifeitben jungen Pame im (Eifenbahnfupee wollte aud? 
meine Beifeluft anregeit. Sonft fah i<h an Kunftwerfen bie t?on 
bem Hausherrn felbft hochgefchätjten Baryefdjen (Eierfftilpturen 
unb wunberbare (Sipsabgüffe oon Pferben pott bem be¬ 
rühmten rufftfehen Bilbhauer Barott pon dlob. IPas aber an 
ben mit alten fran3Öftfchen (Sobelins gefdjmücften Werlier» 
wänben meine Kufmerffamfeit befonbers fejfelte, war eine 
pradjtpoll ge3eichnete Hücfenaftftubie ponber Weifterhanb<£buarb 
Weyerheims, bes berühmten Paters bes berühmten Sohnes. 

ZPohl hätte ich aud? uott bem £ebenben uor mir über ftd? 
felbft, über feine eigene Kunft unb fein Perhältnis 3U ben 
Jüngeren gern einiges gehört, aber feine liebenswürbige 
Befcheibenheit lie§ es nid}t ba3U foinmen. Jm Scher3 er¬ 
innerte er mid? an feine gelegentlichen Peröffentlichungen 
unb feine erften Jlluftrationen uoti Büdnern wie „lieber bie 
Regung ber Höhlenbrüter' 1 unb über „Kusftopferei pon 

Pögeln unb Säuge¬ 
tieren". Pas war 
alles, was er Dort 
fid? unb feiner £e» 
bettsarbeit fagte. 
Kber was braucht 
aud? ber Wunb bes 
Weifters 311 rebeu, 
wo feine XPerfe fo 
beutlich fpredjen! 

S. *?• 



paul jvicpertmni. « 

Ztadj bem Ceben tjejeiebnet pon Jlrtbur HaJjfa. 


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Seite 1532. 


Uunimer 29 - 


önf«r« 

Kus bem mtlitärifd?en £eben. Unabläfßg arbeiten 
bie europäifd?en ITtäd?te an ihrer Krtegsrüßung, jebe maßen* 
ted?nifd?e Erßnbung mirb ßubiert unb probiert, mie bei unferer 
Jußartillerie gerabe Derfud?e mit einem 2 * cm-IHörfer (Kbb. 
S. 1373 ) angeßellt merben. Kber bie lTtÖglid?Feit, baß in 
ferner guFunft einmal bie fjeere einanber gegenübertreten 
Pönnten, ftört nid?t bie guten Bejahungen in ber (Segen¬ 
mart. feiern bie Regimenter ber einjelnen Armeen Jefte, 
wie fürjlid? bas rufßfd?e £eibgarbePürafßerregiment fein jrnet* 
hunbert jähriges Jnbtläum (Kbb. S. (33 7 ), fo gebenPt man 
ihrer aud? im Kuslanb mit fympatt^tfdjer KufmerPfamfeit. 
Pielfach ßnbet fogar, namentlich an ben (Sren* 

3 en, ein birePter DerPehr ber 0 fß 3 iere oer* 
jcbiebener l^eere forpot^I augerbienftlid? mie 
and? bienftlid? ftatt. So haben crft Pü^lid? 
mieber einige l?öh erc ©ff^iere ber öfter* 
reicbifchen £anbesgenbarmerie ber Beßditi* 
gung einer preußifd;en (Senbarmerieabtei* 
lung in £aubait (Hbb. 

5. *336) beigemohnt. 

Daterlänbifd?e J e ß* 
fpiele. 3 n berfd?meijerifd?cn 
Eibgenoßenfd?aft ift es 5 ur 
löblichen Kegel geroorben. 
patriotifdje (SebenPtage burd? 

DoIFsfchaufpiele 3 U feiern. 

So ßnb an ben lebten Sonn* 
tagen in T)od?borf im Kan¬ 
ton fcujern 3 ur (Erinnerung 
au bie Sd?lad?t bei Seinpad? 

IDinfelriebfpiele. (Hbbilbung 
S. 1340) oeranftal* 
tet morben, bie in 
gemißen perioben 
mieberholt merben 
follen. — 2 lnberer 
Krt maren bie 
raterlänbifchen 
Spiele, bie im 
Knfd?Iuß an bie 
Derfammlung bes 
Dereins für DolPs* 
unb 3 ugcnbfpiele 
in Köln am K^ein 
(Hbb. S. *372) 
fiattfanbeu. Dort 
hanbelte es fid? 
nid?tfomohlbarum, 

Bilber aus Deutfd?» 

Ianbs Dergangen* 
heit oor3iiführen, 
als 3 U seigen, mie 
in Deutfchlanb 
burd? turnerifche unb fportlid?e Hebungen Kraft unb <Se* 
lenPigfeit bes Körpers gepflegt merben. 

CvS 

£onboner Kugenblicfsbilber (Kbb. S. *334 unb *33 5 ). 
Die englifche £?auptftabt ift in ber lebten geit aus ben Kuf* 
reguugeu gar nicht mehr h* ra us9*foutmen, bie glücflid?er* 
meife nic^t alle eine fo traurige Urfache h at t*u, wie bie 
Derfd?iebung ber KönigsPrönung. 3 a * hat fogar febon 
mieber ein Jreubenfeft feiern Pöunen; 3U einem folcben ge- 
ftaltete ßd? nämlich bie QeimFehr £orb Kitd?eners, ber ben 
• Krieg in SübafriPa 3um fiegreichen Enbe geführt hat. 

Dem Sport (Kbbilbungen 5 . *3 7 * unb *374) unb ben 
Spielen aller Krt mirb allenthalben eifrig meiter gehulbigt. 
IDtr bringen heute Bilber uom IDaßerfport, ber jefct im 
Dorbergrunb bes 3 n terejfes fielet, aus Hamburg unb Englanb. 


Bilder. 

ferner ßnben unfere £efer bie (Sefd?enPe, bie unfer Kaifer 
für bas XX. mittelbentfcbe Bunbesfd?ießen unb für bas inter¬ 
nationale £amntennis* (Turnier in goppot gegiftet hat. 

Der hunbertfte (Seburtstag Klejanber Dumas* 
bes Keltern (Kbb. S. * 336 ) iß oon ben Jranjofen aufs 
feftlid?ße begangen morben. 3 n ber Daterftabt bes großen 
Romanfd?riftßeUers, in Dillers-Cotterets, fanb bie Enthül¬ 
lung bes ihm errichteten DenPinals ftatt, unb an ber Jeier, 
bei ber aud? ber Unterricbtsminifier Chaumiö eine Knfpradje 
hielt, nahmen mohl 25000 perfonenteil, barunter 3ahlreid?e 

(Srößen berKnnß 
unb £itteratur. 

UnglücPs* 
fälle. 3 n ber 
gan3en Welt hat 
bie Had?rid?t leb¬ 
haftes Bebauern 
heroorgerufen, 
baß ber (Slocfen- 
türm ber Klärens- 
firebe in Denebig 
(uergL neben* 
ftehenbe Kbbil- 
bungen) einge- 
ftürjt ift. lieber 
bie (Srett3en Ju¬ 
liens hiuaus fin* 
bet ber (SebanPe 
KnPIang, bas 
herrliche Bau- 
merf neu erftehen 
3U laßen. — Eine 
nerheerenbe Jeu* 
ersbruuft hat in (Trier gemutet (Kbb. S. * 339 ). 
Die Petersmeße hatte gerabe ißr Enbe er¬ 
reicht, als in einer ber 3 ahrntarPtsbuben ein 
Braub ausfam, ber in Furjer geit etroa ein 
Diertel aller DerPaufsftätten einäfeberte. 

Hus aller IDelt Die (Teilnehmer am 
ScbißahrtsFongreß in Düßelborf haben nad? 
Bcenbigung ihrer bortigen Derljanblungen 
noch einen HusfTug nach Hamburg (Kbb. 
S. *538) unternommen. — Der altberühmte 
Dom in IDorms erhält einen neuen IDeft* 
d}ov f 311 bem ber (Srunbftein (Kbb. S. * 339 ) 
bereits gelegt ift. — (Sroße EJoßnungen fe^en 
auf ben Bau ber (£ueisthalfperre in IHarP* 
!ißa bie Bemohner ber gan3en, non lieber- 
fdpmemmungen jo oft heimgefudjten (ßegenb. 
— Unter großem 3ubel ßnb aud? in biefem 
3ahr mieber 3 ahlreid?e Kinber ans Berlin 
mit ber Bahn in bie JerienPolonien (Kbb. S. *3 74 ) nad? 
ben 0 ftfeebabern befördert morben. 

Cb 4 

Perfonalien (Porträts S. * 338 ). Die uerßorbene 
f^erjogin JrieberiPe oon Knßalt* Bernburg mar mit ihren 
91 3 a h ren bie ältefte europäifebe Jürftin. — Der in fiegni^ 
uerftorbene Kapellineifter Benjamin Bilfe hat ßd? in früherer 
geit burd? bie Populariftrung guter ITTuftP bie größten Der- 
bienfte erroorben. — Der in Breslau uerftorbene berühmte 
Kugenar3t (Seheimrat Jörfter mar, feit bem 3 ah* *8 73 , ber 
erfte orbent!id?e profeßor ber Kugenheilfunbe an ber bortigen 
Uniuerfttät. — Der präßbent pon 0 berbayern, £?err u. Kuer, 
ift in ben Huheftanb getreten. Sein Had?folger mürbe nid?t, 
mie man angenommen hatte, Kultusmtnifter u. fanbmann, fon- 
bem ber erfte Beamte in beßen IHinifterium, Staatsrat u.Scbraut. 



Der etiemallgeSIocfentutminDcnebig unbfcincllmgebnng. 


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Hummer 29 


Seite J333. 



* •% 


Zum Rücktritt des engUfcheu premierminifters Marquis of 6alisbury« 


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Seite \55^< 


Hummer 29« 



l . Ute IHenge tpnrtet por ber 2Imlsirot)nung bes Corb ITlctyors nuf n<id?rid?teu über bas Ucftnben bes Königs. Don ber Speifung ber Jlrnten auf K offen 
bes Königs: 2. prinj uttb prinjeffin pon'lDales auf bnn £rftplaft «« ^ulbant. 3. Das l>ari£te 3 ur Unterhaltung ber 2lrmeit. 4 . Ute Königsgiffe in XDtfhninfter. 

Bilder aus London* 


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J 


























Hummer 29« 


Seite \335< 



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Von der Reimkebr Lord Kitcheners aus Südafrika: Die Hnhunft des „friedenbringers“ in London* 














Seite *336. 


Hummer 29 . 





Dfe entbQUung de» Denkmals für Hlexander Dumas <L Heit, ln Villers-Cotterets. 


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3n ber unteren Heibe (oon linfs nadj rechts): l. ßptm. Ziemers. 2 . ßptm. Htrolal. 3. ©berftltn. v. ben Brincfen. <$. IHajor r>. IDalbott*. 5. Ctn. Hotter. 
6 . ©berft v. puttfamrr. 7 . ©enrral ^rbr. i>. BammerjieimCortrn, Cbef ber preuft. Caubgenbarmerte. 8 . ©berft u. tTeitenrrrbcr, H. K. €anbgrnbarmeric»Kommanbo 
Prag. 9 . ©bern fiaacf. 10. ©berlt. Srcbre, I. 2lbj. Prag. U. JTlajor o. £iebcr. 12. frptm. o. IDerner. 13. Bpmi. t>. (Ecicfyuann. H. ßptnu i>. (Erbniannsborff. 

Ton der CeÜnabme der öfterreicblfcben Gendarmerleoffixiere an der Berichtigung durch frhr. v. Dämmerftein-Hoxten in Hauban. 

Pbot. ITlar OTitllcr, Cauban. 


































Zlmnmer 29 . 


Seite {337. 



I* ©bupeifpmg ber nennt ^atpie in ©egentpart bes garen. 2. ©tneralmajor prefdjenjoff, Komnianbeur bes Regiments. 3. Die ©rftyere perabfdjieben ßrf} 

pon ber alten £al;ne. gar, garin unb garintpirtpe im Kreife ber <l>ffi$iere. 

Tom 200 jährigen Regimen tsjutriläum der ruffifcbeti keibgardekOraffiere in Zarskoje Sfelo. 

2lnfnaijmen pon C. ©. BuHa, 5t Petersburg. 



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Seite {538. 


Rümmer 29 




Herzogin fricderike von Hnhalt-Bernburg 

bie d11efle curopdifcbe ^ürfHn. 
ptjot Bemljarb, BaUenjiebt 


Benjamin Bilfc, Ctegnig +, 
aübcfanrler ttonjertbirigent 


prof. Dr. H. Breslau f, 

tjeiDorxr.r.euber Jiugenarjt. 


tniniflerialbireftor Sdjufft. 2. tPaffcrbauinfpeftor IDenbemutlj. 

Die CeUnehmer des Bdrfffahrtskongrcsses in Hamburg am 8. 7ult 

pljot Sdjaul. Hamburg. 



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Hummer 2g. 


Sette |539. 



Do nt bäum et fl er Pcof. Karl £)ofmann. Der ©runbflein, ber ein ge mauert mürbe. 

Die feierliche 6rundrteintegung des Udeftchor® am Olormrer Dom. 

f)ofpljot. <£b. fjerbjl, ITorms. 



Vom grossen Brand auf dem Jahrmarkt der petersmelTe in Crier: Die OnglQdisrtdtte. 

pl?ot. C. fyövel. Irier. 


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Seite *3^0. 


Stimmet 2 % 


* 



1 . Xnficfy oon £)od?borf. 2. jamilie IDinfelrieb. 3. 2lmoIb IDinfelrieb. 2Ius bem £eßfpiel: Das ^oflager £)erjog Ceopolbs auf SdjIo§ Stein bei Baben. 

(I. 21ft, 2 Scene ) 

Schweizer Volksfchaufplele: Die TOnkelrled-Hufföhrungen In Rochdorf (Kanton Luzern)« 


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Hummer 29» 


Seite {3^. 


Ga mar rin alter König. *. 

Von 

Rudolph 8trat z. 


eit gefpißten Sleißift in ber I}anb, bas 
Hot^bud? auf bem Knie, hotte ftd? ber 
3nterpiemer auf feinem Stuhl etmas por* 
gebeugt unb martete, was it?m ©£cetlen3 
pon Sraunfdjeibt meiter für fein beutfd?« 
atnerifanifches Slatt offenbaren mürbe. 

Kber an bem Krbeitstifd? bes berliner EDürben« 
trägers — einer richtigen politifdjen IDerFßätte ber 
lüilhelmßraße mit hochgetürmteu Stößen pon Kften unb 
papier« unb DrucFmerF aller Krt — blieb es 3unäd?ß 
ftumm. Die bläulichen EDolfen ber E?apana fliegen 
empor, ein tiefes Käufpern grollte, bann mürbe es 
bunfel por bem 5enßer. Die ©eßalt E?errn ooit Sraun« 
fcheibts hob ßd?, breitfdjultrig, alles mit ihrem liefen« 
toud?s überfchattenb, in bie E?öl?e. 

€r gähnte fdjmer, mit einem 3erßreuten SlicF auf 
ben fleinen, fchmächtigen KTann ber 5eber, ber ihm 
Faum bis 3ur Sruß reichte, unb fagte bann, ein lißig« 
jooiales lächeln in ben ftahlgrauen Kugen: „©enug 
bes graufamen Spiels, Derehrteßerl Die Zitrone ift 
ausgequetfchtl KU meine Weisheit iß 3U Cnbel 3d? 
fd?meige. Unb glauben Sie mir, es ip eine große 
Kunp im potitifchen leben, all bas 3U perfd?meigen, 
was man nicht meißl" 

Der 3°urnalip lachte. 3hnt tpar befannt: bem 
hünenhaften alten 5ud?s ba briiben burfte man nicht 
über ben Weg trauen. Der fpielte, wenn bie laune 
über ihn Farn, Fangball mit ber gan3en Welt unb per« 
riet babei Faum burch ein uieberträchtiges, pergnügtes 
&w\ntevn in ben Kugenminfeln, tues ©eißes Kinb er mar. 

„3d? bin eigentlich ein ftiller, alter lanbmirt," fuhr 
ber Hausherr unbefangen fort unb fchaute auf feinen 
Sefucher nieber, ber gleid?faHs aufgeßanben mar. „I^ier, 
in biefem KToraß pon (Einte unb Drucferfd]toär3e, Friegett 
Sie Fein richtiges Silb pon mir. Sie hatten mid? im 
<Dßen auffud?en müßen — auf meinen (Sütern — noch 
por einem 3 a hr* 3nt 3ogbmams, mit hohen Waßer- 
ftiefeln, bie lange ©ntenflinte über ben Schultern — 
ba iß mir mot?l. Kber hier in Serlin ... bie ©roß» 
ßabtluft legt pd? mir auf bie Sruß! KTir mirb gan3 
angß unb bang por all ber 3nteHigen3 um einen herum. 
Das befchämt mich- früher Farn ich in aud? nur feiten 
her . . . nur 3um Keid?stag. Dahinein mählen mich 
bie Säuern nun einmal beharrlid?. 3d? hob ihnen 
oft gefagt: } Kinber, laßt mich in Trieben! ©laubt 
mir, bie politif perbirbt nicht ben (Ehorafter, fonbern 
ben Derßanb! Diel Heben macht bumrn, piel 5 u ^reit 
macht bümmerl Seßer, in ©ftelbien fein eigenes Stroh' 
bach flicFen, als in Serlin frembes Stroh brefchen, unb 
lieber baheim eigenen Kohl bauen, als hier frembeit 
anhören . . . 4 ja . . ftenographieren Sie nur fleißig. 

Schreiben Sie bas ruhig 3^ren Kmerifanern. Das pnb 
golbene Weisheiten!" 


„Danfe, ©£celleii3l Unb por 3nhresfriß hoben pd? 
©£cellen3 nun alfo bod? entfdjloßen, nach 3ehnjähriger 
paufe mieber in ben Staatsbienß unb bamit nach 
Serlin 3urücf3ufehren?" 

„leiber!" fagte ber Würbenträger Faltblütig. „3d? 
mar fchon 3U allgemeiner Sefriebigung pon ber Silb* 
fläd?e perfchrounben, meil es mir hier in ber Wilhelm» 
ftraße 3U Iangmeilig tourbe — unb nun plößlid? bin 
id? mieber ba unter bengalifcher Seleuchtung — toie 
Samiel in ber Wolfsfd]lud?t . . . allgemeiner SchrecFen 
. . . hörtl h^rtl Hnfs . . . aber mas miH man machen? 
J’y suis, jy restel" 

„Unb rparum, menu man fragen barf, ©£cellen3?" 

„Kus eitel CücFe unb Sosheitl" E?err pon Sraun» 
fcheibt 3Ünbete ftch Pirnrun3elnb eine neue &\Qavxe an. 
„3d? bin ein fd?auberl?ofter Heaftionär! nicht 3um 
Sagen, ©egen bie Segnungen bes liberatismus blinb 
mie eine neugeborene Klaus. ©in heillofer Ur», Stocf« 
unb Kitpreuße I Wenn ich in peFing Klanbarin märe, 
ßatt an ber Spree — ich fdjlöße mich fofort bem 
äußerßen rechten 5lügel ber altdßneßfchen HücFfchritts» 
partei an. lefen Sie nur nachher int Kaffeehaus bie 
nächße Leitung — je linFfer, beßo beßer! Da pnben 
Sie fchmar3 auf meiß, mas ich für ein ilud? unferer 
fonß fo aufgeFlärten (Eage bin . . . Unb nun: münfehen 
Sie noch etmas 3U mißen?" 

Dabei manöprierte er mie abßdtfslos mit feinem 
Hiefenförper berart, baß er, alle 5lanfenbemegungen 
unb Kusmeichuerfuche bes 3 ,l leroiemers gefdjicFt ab« 
fattgenb, biefen in fcheinbarer gerßreutheit unerbittlid? 
3ur Chüre hinbrängte: „3d? benfe, Sie entlaßen mich 
jeßt?" plauberte er babei gan3 gemütlich, mit einem 
treuher3igen Slicf nach feinem Quälgeiß hinab: ,3dl 
fehe: 3h* Wißeitsburß iß nod? groß — aber mein 
Ejunger iß noch größer i Sie hoben noch oiel auf bem 
Ejer3en, aber id? hohe nod? nichts im Klagen, unb es 
iß in fold?en 5äHen eine Fleine Sd?mäd?e f>on mir, baß 
id? 3uerß an mid? benfe, bann an nichts unb bann 
nod? einmal an mid?i ©efunbe Heihenfolge — nicht 
mahr?" 

Kn ber (Ehür machte ber Sefudjer nod? einmal ent« 
fd?loßen ^alt. „Hur nod? ein paar Had?rid?ten über 
3h** 5amilie, ©^cellen 3 l" bat er, ben Sleißift in ber 
^aitb. 

€s metterleuchtete unangenehm in ben Kugen bes 
alten E?errn, bie gebieterifd? fein gebräuntes, grimmig 
gefchuittenes ©eßd?t mit bem eisgrauen Schnurrbart 
beherrfd?ten. Dann 30g er bie bufd?igen Srauen hod?. 
„Kieme Familie? ED 03 U bas alles? 3d? hott’ eine 
5rau! Die iß totl 3d? hob einen Sohn — ber iß 
in Kfrifa ober pielmet?r — er Fommt in 3mei Stunben 
aus Kfrifa nad? Serlin 3urücf, unb id? muß gleich auf 
bie Sahn, ihn holen I Unb wenn Sie jeßt 3^tn Slatt 



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Seite 


Hummer 29. 


barüber berichten, was Sie hier in ber E}öhle bes £öwen 
erlebten, bann pergeffen Sie, bitte, bie eitrige £icht* 
feite in bem büfeeren Bilb nicht — ben einigen erfreu¬ 
lichen §ug meines (EharaFters — bafe idt nämlich ber 
Dater bes berühmten 5 orfchungsreifenben Krpib 
pon Braunfdjeibt bin, bes HTannes, ber jefet eben auf 
unbetretenen pfaben KfriFa burchquert hat. Stol3e 
Sache — nicht? 3 ^? wollt' f ich märe babeigewefen!" 

„Unb ^ter leben (E^ceHenj in3wifchen gan3 allein?" 

Der alte BecFe horchte, ohne ft d\ um bie EDorte bes 
anbern 3U Fümmern, auf. €r hatte leidste Sdtritte im 
5Iur peruommen. „3uttal" fchrie er in feinem tiefen, 
bröfynenben Safe. „3uttaaaa!" — unb gleich barauf 
antwortete eine h^e Stimme: „ 3 a — ich Fomm fchon I" 

Der 3 aterpiewer ©^beugte pch por ber hochqe* 
wachfenen, fdpanFen Blonbine, bie rafdj in bas gimmer 
trat, nod? Ejut unb ZTTuff in ber E}anb unb bie IDangen 
Pom Spa3iergang gerötet. Sei feinem KnblicF feufete 
fie nur gan3 wenig, als fei pe längfe an bas Kommen 
unb (Sehen unbeFannter (Befealten in biefen Säumen ge* 
wöhnt, erwiberte mit einer flüchtigen Kopfbewegung 
feinen (Srufe unb trat 3U bem alten ^errn, ber zärtlich 
ben Krm um fie legte. 

Don ber Seite her fchien bie winterliche HTorgen* 
fonne heH auf bie beiben aüsbrucFsooHen unb pon* 
einanber fo Perfdpebenen HTenfchenFöpfe — bas ge* 
furchte, herrifdje, pon farFafeifchem EJumor burchwetterte 
Kntlife bes grauen EDürbenträgers unb baneben, ihm 
bis über bie Schulter reichenb, ein Fluges, junges, fd?önes 
(Seftcht mit glän3enbem SlicF unb lebhaften Sippen — 
aber alles pon läd^elnber Selbfebeherrfd^ung geglättet 
unb nach aufeen perfchloffen in liebenswürbigfter EDelt- 
gewanbtheit. Unb ebenfo waren ihre Sewegungen. 
£eidfe unb elafeifch, aber pon einer ZurücFhaltung, bie 
gar nicht 3U ihren 3wait3ig unb etlichen 3ah r en ftimmte. 

tlTan mufete ftch in biefe Süge hineinfehauen, bis 
man fte fchön fanb. Dann hielten fie einen fefe. €s 
war eines ber (Sefichter, bie man nicht wieber pergafe. 

Der 3 n ierpiewer fühlte, bafe er nun 3U piel war. 
Sein IDiffensbrang war gefeint. (Er Flappte fein H0H3* 
buch 3ufammen, feecFte es ein unb perbeugte pch in ber 
Chür 3um (Sehen. „ 3 ch banFe fehr, €£ceüen3l (Buten 
Slorgen, gnäbiges Fräulein!" 

Sie neigte ein wenig bas blonbe Ejaupt unb ladfee bann 
leife unb belufeigt. Der Ulte neben ihr aber brummte: 
„E}örfe bu, 3 utta? (Er fagt Fräulein l Klle EDelt fagt 
5 räuleinl Kein HTenfch tr>iU glauben, bafe bu meine 
5rau bife unb nicht meine (Eodfeer! — UTeine 3weite 
5rau!" wanbte er ftch 3U bem Zeitungsmann. „<£nt- 
fchulbigen Sie pd? uidfe erfel 3 ch fuge 3 ^nen ja: bas 
Fommt alle KugenbücFe por. Das HTifeperfeänbnis ife 
chronifd]. 3 ^? trage es mit ber Huhe bes EDeltweifen. 
2 llfo notieren Sie pch noch als lefeten Schluß: auch eine 
3weite 5 rau hat ber Derbrecher. Seit beinah einem 
3 cthr. HTit Dornamen 3 utta genannt unb ber HTajorats* 
liitie bes alten Kaufes ber pon Dalchow auf UTefeow 
eittfeammt. Sie ife geimpft, nicht porbeferaft, im Bepfe 
ber bürgerlichen Ehrenrechte, hat blonbes Ejaar unb 
bläulich-grünliche Kugen. Unb wenn Sie pe fdfelbern, 
geben Sie ihr Feinen (Bebidfebanb in (Solbfchnitt in bie 


EJanb — lieber im Efentcrgrunb Hangüfee unb (Bothaer 
Klmanad?, Blau-, (Brün* unb (Selbbücher, Ba3arpro* 
gramme, (Ea^Farten, £ebenbe Bilber — bas ife unfer 
5 aH. Hun — ich fehe: Sie wollen gehen l 3 ch wage 
nicht, Sie 3U halten 1 Sitte — Feinen DanFI (ßan3 meiner* 
feitsl Sie glauben nicht, wie mich bas freut, wenn 
einmal jemanb 3U mir Fommt l Klfo (Bott befohleni 
(ßrüfeen Sie 3 hre freien £anbsleute pon einem armen, 
alten, rücffeänbigen (Europäer l Kbieu!" 

(Er lachte beglich, würbe bann plöfelich ernfe unb 
fchlofe forgfältig, als gelte es, einen gefährlichen 5einb 
fern3uhalten, bie Chür. „(Es ife fchrecFlich, 3 uttal" 
fchrie er in bas Heben3immer. „Das ife Feine EDohnung 
mehr, fonbem ein Kfyl für ©bbadjlofe. 3” einer 
Straßenlaterne pfet man gemütlicher. EDer will, bleibt 
feehen unb fchaut, was bei uns 3U HTittag geFodfe 
wirb, unb bringt es ins Blättchen. EDas ife benn los?" 
(Er trat in ben anfeofeenben Speiferaum, wo feine junge 
Ärau auf einem Sdjemel por ber Kaffeemafdfene 
Fauerte. „EDas brobelfe bu benn ba 3ufammen?" 
„©ttfrieb, bu hafe noch nicht gefrühfeücFtl Um 
Uhr morgensI" 

(Er nahm behaglich an bem Cifch plafe. „Dann 
werbe ich eben jefet. 3^ hab bis um 3ehn gefchlafen. 
3a, mein Cieb — bu tan3efe bie Hächte burch, unb ich 
arbeite. 3<h gualme unb büffele bis 3um UTorgeit» 
grauen über ben KFten, unb bu bife h^de wieber un¬ 
gefähr um bie von beinern EDohlthätigFeitsball 

heimFutfchiert geFommen, recht wie ein Hruber Cieberlid?! 
Sei feiH! 3 ch hab bid] wohl gehört, 's ife bie per* 
Fehrte EDelt. Der UTann pfet 3U Ejaus, unb bie 5 rau 
fdpeicht pch auf ben 5 ufefpifeen heim, um Feine (Barbinen* 
prebigt 3U befommen. Kriegfe auch Feinei Ca^e, mein 
Ejer3, tan3el Schlage bir beine 3 ugenb um bie ©h r ^* 
(Beniefee bein £eben, wie bu’s perfeehfe. EDas macht 
benn unfere große Kbfütterung morgen?" 

Sie niefte. „€s ife alles in ©rbnung. Selbfe ein 
5 einfchmecfer wie Heunteifeer foH Feinen Stoff 3um UTe* 
biperen pnben. Unb bas ife hoch ein KunfefeücF in Herlinl" 
Hei bem EDort „Berlin" per pufferten pch feine §i\ge. 
„© 3utta," fagte er, „warum haben pe mich ausge¬ 
graben? 3 d? hatte mich fchon fo fchön Pom Staats* 
bienfe auf meine (ßüter 3urücFge3ogenl 3 ^h wat fchon 
fo fchön im EDinterfchlaf, wie ber Bär im Baul Da 
Fomrnen pe mit Spießen unb Stangen über mich unb 
fchleppen mich im (Triumph in bie EDilhelmferafee 3urücF. 

„Unb in bem Reichstag pfee ich auch, bamit mir 
nur ja auf jebe EDeife Flar wirb, mit wie wenig 
XDeisheit bie EDelt regiert wirbl 3 fe &as ein £eben? 
DenFe nur, wenn wir featt beffen jefet im Splitten 
über unfere eigenen gelber fahren unb unfern eigenen 
I}afeu bas Cebenslicht ausblafen FönntenI" 

„Dann würbe ich aus HefpeFt por bir gewiß mein 
(ßähnen unterbrüefen." 

£r war etwas betroffen unb fchaute pe lange an. 
„EDunberlich — wunberlid? feib ihr UTenfchen," fprad? 
er bann langfam. „3d? glaube, bu nimmfe bas alles 
hier, Hang unb Kmt unb IDürben, gan3 ernfe?" 

„Unb obl Unb bu wirfe bid? auch fchon noch 
hineingewöhnen, ©ttfrieb." 


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Hummer 29. 


Seite 13 ^ 5 . 


„Du meinfl, id? perpmple fd?ließlid? aud? unter ben 
anbern? Sehr glaublich, meine Cod?ter, fel?r glaublich! 
Kber bann bitte feine Dormürfe! Du hofl’s gemolltl 
Unb hofl’s erreicht, mie alles, mas bu miHfl. Da pßen 
mir mit ©ottes E?ilfe als frifdjgebacfene ©£cellen3en 
unb machen beim Kaffeetrinfen biplomatifd?e ©epd?ter. 

Kber pel? mal, mein Kinb —." ©r nahm eine 
23 utterfemmel aus ihren fjänbett. „ 3 ch bin eigentlich 
ein naioer HTenfd?. Das ip meine Siinbe. Die Sönbe 
miber ben ©eifl ber IDilhelmflraße. 3 d? bin fo naip, 
baß idj bie meipen £eute in meiner Unfd?ulb für ©fei 
halte, unb wenn pe bas einmal merfen, gel?t*s mir 
fd?limm." 

©r lachte, unb babei peränberte pch plößlid? fein 
©epcht. ©s perjüngte pd?. ©s rpurbe lipig unb per« 
fchlagen. ©s paßte gar nicht mehr 3U ber ferneren 
HTaffe biefes Körpers. Unb feine fchöne, junge 5 rau 
bad?te für pch: es ip bod? ein großes ©lücf, baß 
©ttfrieb fed?s 5uß lang ip unb über 3mei Rentner miegt: 
bas beruhigt bie anbern. Heber folche Kolofle grübeln 
pe nicht rpeiter nach unb ahnen nicht, mie flug er ipi 
Unb glauben ihm, wenn er pch auf ben treuher3igen, 
fdpichten Detter pom £anbe auffpielt. €r, ber ieinfle 
unb Ejinterlifligfle pon allen. 

Unb laut fagte pe: „Kd?, ©ttfrieb! Wenn bu 

nur nicht fo fd?recflid? faul märfl ..." 

fjerr pon öraunfd?eibt faute phlegmatifd? mit beiben 
Sacfen. „Die 5autt?eit, meine Cod?ter, mar bisher 

mein ©lücf im Heben . UTein E?emmfd?uh, wenn ich ben 
Deubel in mir rumoren fühlte — unb 3mar oft grünb¬ 
lich — bas fanitP bu mir glauben. Unb fd?ließlid? hob 
ich meinen Deubel in ©ßelbien gan3 an bie Kette gelegt 
unb bas ©ut meiner Däter übernommen unb hob ge« 
lebt, mie man leben foH . . . braußen in ©ottes freier 

IDelt — gefunb unb Parf unb 3ufrieben — unter pch 

ben ©aul unb feine eigene Scholle, über pch ben meiten 
Ejimmel unb bort, hmterm tDalb, fein £?aus unb feine 
Sieben. SiehP bu mot?l, mein Kinb — ba mar ber 
Deubel um feinen Knteil geprellt." ©r leerte in großen 
gügen feine Cheetaffe unb fchaute über ben Hanb hinüber 
nach feiner 5 rau. „Du hop ben Kerl mieber losgelaflen 
auf feine alten Cage, mein blonbes f?er3. Hll mein 
fchöner ©leichmut ip bahin — burd? bich- Unb nichts 
bagegen 3U machen. Du thup, mos bu mittfl. Unb 
ich gehorche. Hie mar ein ZTCann fo unter bem Pantoffel. 
Hie mar ein UTann fo perliebt." 

Sie lachte leife unb bot ihm, pch pom tEifch er« 
hebenb, mit einer beinah finbUchen Kopfneigung bie 
meiße Stirne 3um Kuß. Dann trat pe 3urücf unb be¬ 
gann eine Hn3ahl frifcher Blumen, bie pe pon ihrem 
Spa3tergang mitgebracht, in ben Hafen unb ©läfern 
ber 5'mmer 3U perteilen. 

€r fah ih* tiefpnnig^u. „© bu Derfchmenberin! 
Slumen im 3onuar. IDas foH benn bies junge ©emüfe?" 

Sie orbnete mit leichter £?anb unb prüfenbem Hlicf 
bie Cilienpengel unb 5lieberbüfd?e meiter. „3o — bu 
benfp natürlich nicht an berlei. Kber meinp bu, id? 
lape es gefd?et?en, baß Hrpib bleute heimfommt unb fein 
Unterhaus gau3 ohne Schmucf porpnbet — gerabe, als 
ob man ihn gar nicht ermartet hätte?" 


„Kd?, Kinb. Du fennp Krpib nod? nicht. Der 
unb Hofen unb Deild?eit." 

„U)enn er es nicht pel?t, ip es feine Sache. Dann 
hab id? meine pffid?t gethon." 

„ 3 o, Pflicht." Der fjüne flanb fdjmerfällig auf unb 
trat 3U ihr hm* „Kn bas IDort möd?t id? gerabe mal 
anfnüpfen, 3 u tto, eh id? jeßt geh unb Kroib pom Bahn¬ 
hof abhole. Sd?au ... ’s ifl für ihn aud? nid?t leid?t. 
€r betritt ba meine Sd?melle unb pnbet ba alles . . . 
alles fo anbers — als er gemahnt mar, fann id? nicht 
fagen, benn er mar ja nie baheim. ©r perflanb es, 
pd? feiten 3U machen bei benen, bie ihm bas £eben ge« 
geben hoben. Ueberhaupt ... in ©mpflnbfamfeit 
planfd?en — bas ifl feine Sache nid?t. Das mirfl bu 
halb merfen. Über immerhin: er ifl mein Sohn unb 
hat als erflen ©ruß nad? feinem tDieberauftaud?en aus 
bem bunfelflen Kfrifa an ber Küfle einen 33 rief pon 
mir befommen: mein lieber Krpib — anburd? teile 
id? bir mit, baß id? mid? in3mifd?en auf meine alten 
Cage 3um 3meitenmal perheiratet hob. Eta unb fo 
meiter. 3 ^h mußte ja: Krpib faßt fo etmas pernünftig 
auf. €r fümmert pd? nicht piel barum, mas anbere 
ZTCenfd?en thun, aud? nid?t, wenn biefer HTenfd? fein 
Dater ifl. €s ifl ja nur bie erfle Begegnung. ©r 
taut fo fd?mer auf. ©r geht fo fd?mer aus pd? h**ous. 
Du mußt ihm 3U I}ilfe fommeit. Sei lieb mit ihm. 
(Es ifl nicht leid?t, bas fag id? bir. Kber laß bir bie 
2 Kühe nicht perbrießen. Setrad?te es als beine Pflicht. 
Um meinetmiüen." 

„3ch perfpred?e es bir. 3^? mill alles thun, mas 
id? nur permag." Dabei flang ihre Stimme märmer 
als fonfl, unb ein aufrichtiger (Ernfl fd?immerte burd? 
bie glatte ©berfläd?lid?feit ihres IDefens h'nburd?, über 
bie fonfl bie (Einbrücfe pon außen leichthin mie Sd?aum« 
fprißer über bem IDafterfpiegel medjfelnb unb pergehenb 
hinliefen. 

„(Er trifft ja ohnebies ein fd?önes tDiHfommen," 
fuhr ©£cellen3 pon Hraunfdjeibt groHenb fort. „Da 
placft er pd? nun im Sd?meiß feines Kngepd?ts in Kfrifa, 
macht bem beutfd?en Hamen ©fc?re, tl?ut, mas er fann 
— unb hie* bemerfen ihn ein paar Kerle, ehe er aus 
bem Kupce fleigt, fd?on mit Drucferfd?n?är3e. 3 nfam 
ifl bas §eug." <£* bliefte büfler in einen IDinfel feines 
Krbeits3immers, mo einige pon mud?tiger 5aufl 3U 
Knäueln 3ufammengeballte Seitungsbogen lagen. „ 3 n» 
fam. Kber id? friege ben Sfribifaj. 3 ^? foß ihn am 
©enief unb beutele ihn mie eine Hatte." 

Das Hlut mar ihm 3U Kopf gefliegen. 3 ntta legte 
ihm bie £?anb auf ben Krm. „©ttfrieb — bu foüft 
bid? nicht aufregen! Der Kr^t hot es fo ftreng perboten." 

(Er fchaute 3ärtlid? 3U ihr B?e*ob unb tötfd?elte ihr 
bie IDange. „3ch hin ja aud? fd?on mieber frieblid?. 
©in UTenfd? mie ein Kinb. © — bu Sd?üngel — bas 
mad?fl bu aus mir." ©r blin3elte liflig unb tippte ihr 
mit bem S^epnger auf bie fd?male Stirn. „ 3 ch möchte 
nur miflen, mas eigentlich bahinter peeft. 2Tlir ahnt 
immer: id? fenne bid? nod? lange nicht, mein blonbes 
Cieb." 

„U>as ifl benn ©roßes an mir 3U fennen?" fagte 
pe unbefangen. 


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Seite { 34 K. 


Hummer 29 


„€in Hätfel iß nicht groß unb nicht flein — es iß 
eben ein Hätfel. Unb trenn es lange fjaare bot, bot 
ßch febon mand^er bie Söhne baran ausgebißen. Sag 
mal — h$rß bu nichts? natürlich — bas iß eine 
Stimme ©on offtjiöfer fjeiferfeit im 5 lur. Stöffel-Stier, 
mein melattcholifcher Housfnedjt. Der bringt mir Hach- 
rieht über bie Krtifel gegen Kr©ib. (Ein gräßlicher 
Kerl — bies hinfenbe (Setriffen aus ber ZDilhelmßraße." 

„HIuß man folcbe Seute eigentlich hoben?" fragte 
bie fdjöne ©£cellen3. 

Der lißige Hecfe niefte unb raubte. „Ulan muß. 
3 ebes Hous bot feine Hintertreppen unb Hinterntenfchen. 
Herein! . . . HTorgen, lieber 5reunb. (Eben fprachen 
trir ron 3 hnen • • • <§igarre? . . . Sefeen Sie ßch. 
HTeine 5rau hört 3U — mie gemöhnlich. Hlfo — 
quid novi ex Africa?" 

Der ©ffijiofus räufperte ficb unb bügelte nach ben 
papierfnäueln in ber €cfe. „©£cellen3, bie Sachen 
bort bot alfo ein Dr. Belling gefchrieben." 

„Belling? Belling? ZDer ift bas?" 

„€in troblbobenber ZTTenfch, ber früher mal brüben 
in Hfrifa an ber Küße herumgebummelt iß unb ron 
3 hrem Herrn Sohn nicht ernß genommen unb 3iemlich 
fdßecht bebonbelt mürbe. Hun rächt er ßch unb fchimpft." 

„Unb trer fänbe ba bei uns fein publifum." Der 
alte Hiefe fchlug ein Bein über bas anbere unb 
lachte. „tDir ßnb nun einmal eine Hation ron miß- 
rergnügten (Eblen. ZDas meinß bu, 3 utta? Krrib 
foll ihn rerflagen? ZUein Kinb — bu biß jung unb 
hifeig — ich hin alt unb treife unb fage barum: ab* 
märten! 3n3mifchen holten Sie unfere Dunfelmänner 
noch on ber Seine, lieber Stöffel-Stier. Hiebt 3uriel 
entrüßete Drucferfchn>är3e unb ßttlich empörtes H0I3* 
popier als Kntmort. €s iß noch 3U früh." 

„Sehr trobl, <EfcelIen3." Stöffel-Stier rerfchtranb 
ßitl, trie er gefommen. 

Huch fein Brotherr rüßete ßch 3um Hufbruch. „Ha 

— abieu, Schafe. Hun bol ich ntir meinen Sohn. Unb 
bu biß tapfer unb lieb. Unb flug trie immer, bu fluges 
Buch mit ßeben Siegeln — unb empfängß ihn red?t 
beglich, bamit ber arme, trilbe ZTTanit recht halb auf¬ 
taut. Huf ZD'ieberfehen!" 

(Er füßte ße unb eilte bie (Ereppe Ißnob. Das 
Stiegenbaus frachte unter ber ZDucht feiner tEritte. 
Dann ßel unten bie (Ebüre bröbnenb ins Schloß. 

Sie fab ihm nach. Seine mächtige Crfcheinung, 
noch gehoben burch ben fehleren pel3 unb ben hohen 
Sylinber, beberrfchte treitbin bie Straße. €r ging rafch, 
in ßraffer Holtung trie ein junger UTann. 

Unb hoch mar ihr (Seßcht ernß unb beforgt. (Serabe 
biefe (Eile, biefe nerröfe Sebhaftigfeit, biefe fprubelnbe, 
in ihrem Ueberfchtrall einanber überfdßeßenber ©e* 
banfen unb (Einfälle, leife, ron ferne an bas ©reifen- 
alter mabnenbe Sprache — bas alles fdßen ihr bie 
Unraft eines UTenjd?en, ber felbß fühlt, baß er nid}t 
mehr ©iel Seit im Seben 3U rerlieren bot. 

Hber ße trußte: er blieb aufredtf. Danf ihr. Durch 
ße. (Es trat neue 3ugettb in ihm trie ßarfer ZDein 

— bie große Siebe feines Sehens. Die hotte ihn trach- 
gerüttelt aus bem grimmen Phlegma, mit bem er ßch, 


im Beßfe feines trofeigen, überßarfen „ 3 ^?^^ hie langen 
3 ahre auf ber ererbten Scholle ror ber ZDelt abge- 
fchloßen hotte unb allgemach ein3ufchlafen brobte. 

Unb läfßg, bie gemahnte fühle Hube auf ben 
fchönen gügen, trat ße in bas Sinimer 3urücf, um bie 
lefeten Dorfehrungen 3um ©mpfang ihres Stieffohns 3U 
treffen. 

Huf ber Straße fab ©£cellen3 ron Braunfcheibt einen 
fleinen alten Herrn auf ßch 3ufommen, gleich ihm im 
pel3 unb Sylinber, unb barunter ein rerrun3eltes 5uchs* 
geßcht, bas fdßäfrig 3ur Begrüßung niefte. 

€r unb fein Hmtsgenoße Herr ron Heumeißer maren 
5 reunbe. Sie fannten ßch ron ihrer 3 u 9enbjeit an 
unb trauten einer bem anbern nicht über ben ZDeg. 
Der erße bachte: menn ich einmal in bie unterirbifchen 
ZUinen meiner ©egner hineinleudßen fönnte, mürbe ich 
ßcher im bunfelßen ZDinfel auch ben guten Heumeißer 
ßfeen ßnben — unb ber jmeite mieber fagte bei 
ßch: hoffentlich iß ber alte Braunfcheibt beute nicht 3U 
nieberträchtig beglich 3U mir. Das iß immer ein böfes 
Uor3eid?en. Unb fo febritten ße beibe, ber ©roße unb 
ber Kleine, frieblich int ©efpräch babin unb maren ein 
Her3 unb eine Seele. 

„Heute laufe ich enblid? mal nicht 3trifchen ZDilhelm- 
ßraße unb Heichstag hm unb her!" fagte bie alte €$• 
ceüen3 behoglich. „3<h hob mich für beute freigemacht. 

% ZHorgen freilich beißt es mieber: mit ben ©eheimräten 
muß man beulen. Hber jefet geh ich unb bol mir meinen 
Sohn." 

„©," fagte ber Kleine erfreut, „meinen ©lücfmunfdjl" 

„Danfe. ZUein Sohn — ßehß bu — bas iß ein 
gan3er Kerl. Der thut, mas ich hotte tbun fallen, er 
macht unfern ehrlidien alten Hamen berühmt in aller 
ZDelt." 

„<£i — unb ob." 

„Unb trofebem — fd?au — ich mar ja feß über- 
jeugt, ich feb ihn nidß mieber. Ha — bas märe ber 
Sauf ber ZDelt! (Ein ZTTann muß auf feine 5 «ßon 
felig merben. Unb fchließlich iß bas gan3e Seben un« 
gef unb 1 Km €itbe ftirbt jeber baran. Hun iß Kroib 
bod] b«il roieber ba, unb ich freue mich, mie man ßd? 
als redßfchaffener Dater freuen fott. Über: ich bringe 
ihm nicht mehr mein gan3es H* r 3 »uit auf ben Bahn¬ 
hof mie bantals beim Kbfchieb — ich hob noch einen 
(Teil 3U Hous gelaßen — bie größere Hölfte. Unb bas 
brüeft mich ein bißchen nieber. €s giebt mir ein fdßechtes 
©emiffen. (Es ftimmt nicht 3U meinem Klter. 2 Uir iß, 
als hotte ich fein Hecht mehr bar auf." 

„Kd? mas!" fagte Herr oon Heumeißer. „Denfe 
bir einmal, bein Sohn märe jefet eben ©erheiratet unb 
©er liebt, ßatt bir ..." 

„Kr©ib? Das pafßert bem nicht." 

„Kber menn — glaubß bu, baß er bann Kugen 
unb ©hren für bich hoben mürbe?" 

Diefe (Ermägung beruhigte bie graue ©£ce(leu3. 
,/s tß mabr," meinte er leichthin, in einem ©eränberten 
Con. „Schönen Danf unb abieu! 3 ^h utuß jefet hier 
linfs hinein. Unb hör mal —" (Er blieb ftehen, faßte 
feinen 5 reunö am Hocffnopf unb bämpfte ©ertraulich 
feine Stimme. „Sieber alter Heumeißer . . . intriguiere 


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Hummer 29 » 


Seite 15^5. 


boef] nicht immer in ber tPilhelmfirafee fo gräfelid] 
gegen mid]." 

,,3d]?" fagte ber Heine Ejerr permunbert. 

„Ha — lafe mal gut fein. IPir Raiten ja beibe in 
bie gleiche Kerbe. C’est le mutier! Über eine IDeile 
fonnten mir uns fdjonen — n>as? Wenn mir uns 
mieber mie 3mei fd]mar3e Maulmürfe in unfern unter* 
irbifchen (Sängen begegnen, bann blii^eln mir uns per- 
ftänbitisinnig an unb bubbeln uns rücfftchtspoll feit*, 
märts aneinaitber porbei. E]anb brauf? Schön! Ha 
— 'Morgen.' 4 

(Er eilte in laugen Schritten bie Strafe 3um Sat?n* 
t^of hinab unb fam gerabe nod] surecht. Kuf ber (Treppe 
begegneten ihm fd?on bie erjten Heifenbeit. (Er brängte 
ftd? hinburd]. Oben, im (Setümmel por bem eben ein¬ 
gefallenen 5 >u< 5 , blieb er, mit feiner Hiefengeftalt bie 
27 Tenge ringsum überragenb, flehen, furchte bie Sraueit 
unb blicfte fud?enb umher. 

Da trat jemanb por ihn hin unb mujterte ihn, bie 
£iber unter bem &vo\dev sufammenfneifenb, mit ber 
Unftcherheit bes Kur3fid]tigen. Dann fagte er gait3 ge¬ 
laufen, als Ratten fte ftd] geftern abenb 3um lefetenmal 
gefeiten: „(Buten (Tag, papa." 

„Krpib, mein 3 un 9 * . . ." ber alte Hecfe fdjlofe 
feinen Sot?n in bie Krme. So blieb er fhtmm eine 
IDeile, unbefömmert um bie Porübergehenben. Dann 
rdufperte er jtd] mit einem tiefen Kufatmen: „Ha 
alfo . . ." unb trat einen Schritt 3urücf, um bem anbern 
ins (Beftcht 3U fchaueit. 

Krpib mar etmas Heiner als er, piel fchntäler in 
beit Schultern unb lagere r pon (Beftalt. Seine Ejaltung 
liefe ben früheren ©ffoier nicht erfennen. €r ging etmas 
rornübergebeugt, unb fein herrifd?es, bleiches (8eftd]t 
erinnerte mehr an ben Sd?reibtifd] als an Kfrifa. €s 
lag barin bas Hed]thaberifd]e, bas fjerausforbernbe 
eines geiftigen Kämpfers unb Seffermiffers. Man mufete 
fchon genau b^tnblicfen, um unter bem fur3en Schnurr¬ 
bart im Spiel ber Munbminfel bie un3ähmbare IDiflens* 
fraft, h^ter ben Kugengläfern bie leibenfchaftslofe, 
ftählerne Ejärte eines Mannes ber Chat 3U erfennen. 

„Ha — nu fomm," fagte ber Klte unb fchob feinen 
Krm in ben feines Sohnes. (Er that jefet auch, als fei 
gar nichts Sefonberes porgefallen. „IPie geht’s bir benn?" 

„Danfe. X}ör mal: mer ftnb beim eigentlich biefe 
Kerle h^r, bie gegen mich ein Krt Keffeltreiben por* 
bereiten — megeu angoblid?er (Sreuel in Kfrifa?" 

„Ha — lafe mal gut fein. Darüber reben mir noch. 
Das h at bod] noch Seit." 

„Seit?" Krptb (lieg, ftd] leicht auf einen Stocf fliifeenb, 
neben feinem Pater bie Creppe hinab unb fd]Iug unten 
ben Mantelfragen hoch, um fid] gegen bie ungemohnte 
IDinterluft 3U fdjüfeen. „Ejabt ihr hier immer nod] 
fortmährenb ^eit? 3d? nicht." 

€r fprad] ftofemeife, abgebrochen. Die Säfee famen 
mie fortgefefetefintlabungen einer aufgefpeid]erten€nergie 
heraus, bie in feinem 3 nn ern ruhte. Dabei glitt fein 
Slicf 3erjireut über bas (Betümmel am Sahnhof hin 
in bie Äerne uitb blieb ba au irgenbeinem gleichgiltigen 
Punft haften. Man fah ib]tn an, bafe er, mo er ging 
unb ftanb, fein eigenes Heid] an (Sebanfeit unb pläiten 


mit ftd] herumtrug, ohne auf bie Menfchen unb Dinge 
aufeen piel 3U achten. Unb aud] in biefer träum* 
manbeluben Krt, 3U fd]auen unb 3U reben, offenbarte ftd] 
etmas pon bem Stubenforfd?er, ber ftd] in ferne, ben 
anbern perfd]loffene JDiffensmelten perloren hat, mie 
jener in mirfliche IDelten über bem HTeer. 

Unb bod] mar er bem Pater ähnlich. €s mar Ejod]* 
ntut in feiner Krt, ben Kopf 3urücf3ulegett, bie ^aitb 
3U reichen, felbft in feinem itadjläffigen (Saug. Hur 
mar biefer Ejochmut bei ihm ernft unb falt, mährenb 
er ftd] bei €£cellen3 pon Sraunfdjeibt iit farfajtifd?e 
Saune fleibete. 

„IPenn es bir redtt ijt, Krpib," meinte biefer, als 
bie Koffer famen, „bann fährt ber Diener mit bem (Se* 
päcf poraus, unb mir gehen bas (Eitbe 3 U 5 ufe. 3 d] 
ftnbe es greulich, menn bie Kerle auf bem Socf jebes 
IPort hören, bas man fprid?t." 

Sein Sohn iticfte, unb fte traten auf ben plafe por 
bem Sahnhof. Der £ärm ber Strafee, bas Häbergeraffel, 
bas Kontmanbieren ber Sd?ufeleute unb bas h^if^re 
Schimpfen ber Drofd]fenfutfd]er untereiitanber Hang 
ihnen entgegen. 

„Klfo mal mieber in ber Kultur," fagte Krpib, 
mähreitb er einem (Ecfenfteher ausmid], ber, im Schnaps* 
bufel etmas Unperftänbliches por ftd] hi nm arntelnb, mit 
ben Ejänben in ben ^ofentafcheu burd] bie 2 Ueitge trollte. 
„Zla — man mufe ftd] mieber an bie allgemeine (Bleichheit 
gemöhnen. Uitb an bas (Sefd?reibfel gegen einen aud]. .. 
U)eifet bu benn mirflid] nicht, mer biefe Eingriffe 
gegen mid] losläfet?" 

M €in Dr. Selling." 

„Kch ... ber Kerl." 

Der Klte lächelte. „ 3 amohl. ©n Kerl, mit bem 
bu fo 3iemlid] bas Unflugfte gethan haft, mas man 
überhaupt mit einem HTenfchen anfangen fann . . . bu 
haft ihn töblid? in feiner Citelfeit gefränft." 

„Das h^fet, ich hab ihn als einen hohlen Sd?mäfeer 
entlarpt — als einen unnüfeen Küfteitbummler, ber fein 
(Selb unb feine tangmeile bei uns pon einem fjafen 
3um anbern fpa5ieren führte. Solche Henommiften fann 
ich nicht ausftehett. Die 3ertret ich, mo ich fie ftnbe." 

3 n feinem Slicf, ber fonjt, menn er ftd] gehen liefe, 
bie Plattheit bes Kur3fid?tigen perriet, glätte es babei 
unerbittlich — graufam. Das mar er felbft, hart gegen ftd? 
unb anbere. Unb nach aufeen fd?einbar immer gleichgiltig. 

„Chörid]te Kmmenmärchen," hab er mieber an. 
„Cief im 3«aern mürben einmal bie Kriegsgefangenen, 
bie mir bei einem Kngriff auf uns gemacht hatten, 
nachts pon unfern fannibalifcheit Sunbesgenoffen mit 
IPeibern unb Kinbern ermorbet. U?ir fonnten es nid]t 
hinbern, obmohl mir uns mit ben Hepolpern in ber 
f}anb baporftellten — Pier (Europäer gegen taufenb 
pon E]irfebier betrunfene tPilbe. Da liefe id] por Morgen¬ 
grauen aufpaefen unb 30 g mit ber (Ejrpebition in (Eil- 
tnärfchen meiter, um nicht felbft um 3 ufommen. Das ijt 
bie gan 3 e <Sefd]id]te." 

„Unb bafür haji bu &e\XQen? u 

„Meine Heifegefährten. Sie ftnb porf]in mit mir 
ausgeftiegen. Sie moüten blofe jefet unfer Mieber) ehen 
nicht ftören." 


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Seite \ 5 <k 6 . 


Bummer 29. 


„Unb ron Hichtbeteiligten ifi fein Seugnis ba?" 

„Die eibesfiattliche Derfidjerung ber nächfien 5 ran 3 is* 
fanermiffion. Unb bie Berichte non 3wei englifchen 
©feieren unb einem belgifchen Kautfdjufhänbler unb 
auch fonfi noch eine HTenge." 

*Ha — bas genügt," Jagte bie alte €£cetlen3. „Da 


wollen mir bem 3üugling mal kräftig auf ben Kopf 
fommen. £r fyat Ceute gefunben, bie bie Sache im 
Heidjstag 3ur Sprache bringen trollen. Ha — ba 
werb ich, benf ich, felbfi anhnorten. Unb 3trar 
grünblich." 

(fortfeßung folgt.) 


/ 

Aus den Hexenküchen moderner fllchymüten. 

Cechnifdje plauberei von Siegm. Saubermann. 


Sie Seifen, ba gelehrte magistri unb doctores in 
bunflen ©ewölben, umgeben ron allerlei furios ge* 
formtem ©erät unb feltfam fdfiflemben unb fdfimmernben 
Znigturen unb Kriftallen, ber geheimen fchwar3en Kunfi 
hulbigten, burd] IHifchen, ©lühen unb Schme^en rer* 
fdfiebenartigfier Materialien neue, nod? nie auf (Erben 
gefehene liquoresunbsubstantias her3ufiellen, finb nur fchein* 
bar roritber. freilich, nid]t mehr wie efyebent fchleidjt bas 
Dolf fd?eu in treitem Bogen um bas rerrufene ©e* 
bäube herum, in bem ein folcher langbärtiger, feiten bas 
helle £id]t ber Sonne unb nod] feltener ben Beidjtfiuhl 
auffuchenber Sauberer tjaufie, unb nicht mehr trie 
ehebem befreu3igt es fid], in frommer ©ottesfurdjt bes 
Sunbes gebenfenb, ben ber Derfehmte un3treifelfyaft mit 
bem Böfen gefdiloflen fyabe; im ©egenteil, jebe ^ö^ere 
Bilbungsanfiatt rechnet es fid] 3ur befonberen (Ehre au, 
ein fdjönes unb reich ausgefiattetes Caboratorium für 
bie ron ben ägyptifdjen ©eiehrten ber römifchen IDelt* 
herrfd]aftsepod>e nad] bem altägyptifchen IDort chemi 
(bas Dunfle, ©eheimnisrolle) ars chimiae benannte 
IDiffenfd]aft 3U befißen, unb mit lebhaftem 3 ntereffe 
rerfolgt bie 3 utelligeu 3 ber gan3en IDelt bie Erfolge 
ber artiger prirater unb öffentlicher 3 uftitute. Unb 
nicht mehr geht bes emftgen 5orfd]ers ©euius auf bie 
Suche nach bem UTagifterium, bem Stein ber IDeifen, 
ber mit ber ©igenfdjaft begabt fein follte, uneble UTe- 
talle in lauteres ©olb unb Silber, oröinäre Kiefel in 
firatfienbes (Ebelgefiein 3U rerwanbeln, unb fogar bem 
glücflichen Befißer etrige 3 ugenb 3U rerleihen. (Eroßbem 
erflärt bie ejafte moberne IDiffenfchaft bie Bemühungen 
ber armen, ron launifchen Saf allen fiets genas* 
führten Ubepten nicht unbebingt für eitle fjirnge* 
fpinfie rerfchrobener phantafien, fonbern ifi fchon lange 
3U ber burch riele Chatfachen gefeftigten Ueber3eugung 
gelangt, baß alle Körper ohne Unterfchieb aus einem 
einigen Urfioff horrorgegangen fein müffen, bem3ufolge 
nur als Kompofitionen biefes leßteren 3U betrachten 
finb, beren Derfchiebenartigfeit bloß in ber jebtreber 
befonberen Subftan3 3ugehörigen Knsahl ber Urfioff* 
teilchen unb ihrer rerfchiebenartigen Cagerung neben* 
einanber liegt, unb baß baher bie einßige ITlöglicheit 
ber Umrranblung eines ©runbfioffes in einen anbern 
burchaus nicht in bas Heid] ber 5abcl gehört. Uber 
es fällt jeßt feinem rernüuftigen UTcnfchen mehr ein, 


fid], außer rieüeid]t im 3utereffe ber Haturforfchung, 
irie 3. B. profeffor 5 ittica in Marburg, bie £}erbei* 
führung einer berartigen Umtranblung 3ur Cebens« 
aufgabe 3U machen, benn heut3utage föunte fein furcht¬ 
bareres unb rerheereitberes Unglücf bie menfd]ltd?e ©e* 
feüfchaft treffen, als trenn es gelänge, bie ©runblage 
bes IDelthanbels unb ber wirtfd]aftlid]en Derhältniffe, 
bas ©olb, burd] feine füufiliche Darfiellung mit einem 
Schlag 3U entwerten. (Ebenfo bürfte bie fabrifmäßige 
probuftion ron echten diamanten unb anbern <£bel- 
fieinen, beren IDert hauptfächlid] in ihrer Seltenheit 
liegt, nur fur3e Seit Quelle großer Heidjtümer bilben, 
benn ihr preis fiele mit bem Cag bes Befaitnttrerbens 
ber (Erfinbung. Uus biefem ©runbe befißen bie übri¬ 
gens feht fofifpieligen ©xperimente ron 5r^my 3ur 
©etoinnung ron Hubinen unb Saphiren, ebenfo trie bie 
berühmten Arbeiten Moiffans unb fjoyermanns, beren 
Hefultat mifroffopifd]e Diamanten bilben, lebiglid] wiffen* 
fchaftlidjes, aber feinestregs gewerbliches 3ntereffe. 

Die mobernen ©olbmacher fchlagen gan3 anbere 
IDege ein, bie IDelt mit Sd]äßen 3U bereichern, felbft 
einen gan3 anfehnlichen ©etrinn nach fjaufe 3U tragen 
unb ewig jung, b. h- unfterblichen Hamens su werben, benn 
wem heute bas ©lücf lacht, ber wirb Millionär, berühmter 
(Erftttber unb mit IDürben unb Citeln reid]belohnter ©e* 
lehrter. Solcher Uuserwählter finb nicht wenige, unb bie 
©efd?id]te ber technologifd]en Chemie fennt fo manchen, 
ber einmal ein fo armer Ceufel war, baß er bas ©elb 
für feine (Experimente ron fremben, bem Ubepten rer* 
trauenben Ceuten entlehnen mußte, unb heute ©eheimrat 
ober Direftor großer Uftiengefeüfd]aften, Freiherr ober 
profeffor an einer £}od]fd]ule unb nebenbei mit weit 
mehr Berrus rerum rerfehn ifi als all bie thörichten 
Ulchymifien, bie Blei in ©olb um3uwanbeln h°fflen, 
ober als jene Ijerren Spifebuben, bie rerfchiebenen hohen 
5ürfilid]Feiten weißmad]ten, es 3U fönnen, unb eine Seit¬ 
lang, bis ber Schwinbel auffam, ein feines, wenn auch 
nid]t gan3 forglofes Ceben führten. Denn es giebt 
nicht einen einigen Stein ber IDeifen, ber reich unb 
glücfüd] unb unftcrblid] macht, es finb beren riele, 
fd]ier un3ähli9e auf ber IDelt, nur ift ein jeber anbers 
befchaffen uttb führt ben Hamen irgenb einer chemifchen 
Subfiait3, bie an unb für fich neu ift ober irgenb ein 
mühfelig gewonnenes unb teures Haturprobuft roll* 


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stummer 29. 


Seite \ 3 <k?. 


fommen erfeßt, fo baß er in ber CediniF ober Biebern 
Perwenbung ßnben Faun. IPollte man Beifpiele an* 
führen, fo müßte man faß ben ganzen Katalog großer 
PerFaufsftellen djemifcher probufte abfdjreiben, unb habet 
biirften ßdjerlich nod? 3ahllos mehr für uns BTenfdjen 
wertvoller unb nüßlicher Präparate, als fett bem erßen 
chemifchen Kunßftücf bis auf ben heutigen Cag bereitet 
würben, aufßnbbar fein. Boch immer harrt bie Synthefe 
(b.i.Sufammenfeßung auf chemifchem IPege) bes Chinins, 
KautfdjuFs, Petroleums, Büben3ucFers, (Eiweißes u. f. f. 
bis ins Unenblidje feiner gliicFlichen (EntbecFer, unb baß 
biefe nicht unbebingt uralte, weißbärtige, mit Satanas 
in feuflifdjem Buitb ßehenbe unb ihm ihr Seelenheil 
verfchreibenbe Sauberer fein müßen, erhellt 3ur (ßenüge 
aus (Beheimrat prof. VOxtts — auch fo eines ZTTagißri 
ber fchn>ar3en Künße — feffelnbem Porwort 3U bem 
Katalog ber parifer Kusftellung beutfeher chemifdjer 
5 abriFen, in bem er nachweiß, baß mehr als neun3ig 
pro3ent ber biefe 3 nbußrie 3ur blühenbßen ber IPelt 
machenben firßnbungen unb (EntbecFungen Verhältnis* 
mäßig jungen Caboranteit 3U3ufchreiben ßitb. 

Doch nicht nur eine mächtig fprubelnbe Quelle bes 
Bationalwohlßanbes in jeglicher I^inßcht bilben bie 
fjejenfüchen ber mobernen Klchymißen mit ihren für 
(Eechnif unb f}eiltvißenfchaft fegensreichett <Er3eugnißen, 
ße halfen auch bie Baufteine formen, aus benen bie 
Baturwißenfdjaft einß ben prächtigen palaß ber voll- 
fommenen BaturerFenntnis, einem fünftigen maFellos 
eblen unb erhabenen BTenfchengefchlecht 3um IPohnßß 
beßimmt, erbauen tvirb. Denn genau fo, tvie bie 
Arbeiten ber noch in tiefbunfler Unwißenheit tappenben 
Kbepten teils 3ufällig, teils methobifch 3ur Kufßnbung 
vieler bis bahin unbeFannter (ßrunbßoffe, Sal3e, Säuren 
unb Bafen führten unb mit ber IPahrnehmung ber 
variierenben (Eigenfchaften ber BTaterie bie heutige, 
hochenttvicfelte GLtymie vorbereiteten, fo bilbet biefe 
gletchfam auch nur eine Porßufe 3U einer fünftigen 
XDiffenfchaft, beren IPert, Bebeutung unb (Erhabenheit 
vorläußg noch gar nicht aus3ubenfen, gefchtveige benn 
3U überfehn iß. Kls ßichhaltigßer (ßrunb für biefe 
phantaßifche Behauptung möge, gatt3 abgefehn von 
taufenb attbern Erfolgen ber analytifchen, fynthetifchen, 
phyßfalifchen, technifd^en (Chemie unb ihrer Kb3tveigungen, 
bie fchon 3U 3ahllofen, in ber Batur gar nicht vorFom* 
menben Derbinbungen geführt unb bie unenbliche 
Pariationsfähigfeit ber Dlaterie bewiefen haben, bie er* 
ftaunliche Chatfache gelten, baß es immer aufs neue 
gelingt, in technifd? fogar vielbenußten Subßan3en gan3 
unbefannte unb feltfame BaturFräfte 3U entbecFen. Damit 
ßnb natürlich nicht foldje 5 ähigFeiten gemeint, bie ftch 
auf bie Cigenfchaft ber (ßrunbßoffe, Derbinbungen ein* 
3ugehen, be3iehen. Derlei imponiert niemanbem mehr, 
nicht einmal bem pennäler, ber mit Seuf3en chemifdje 
5ormeln auswenbig lernen muß. €s foll alfo burchaus 
feine Bewunberung für bie boch auch gan3 merFwürbigen 
(Erfcheinungen eriveeft tver ben, baß beifpielsweife 
5wei gefühlte (Safe, Sauerßoff unb IDaßerßoff, ßch unter 
enormer fßßeentwicflung 3U einer 5lüfßgfeit, IDaßer, 
vereinigen, baß bas tveiche BTetaü (Calcium mit bem (Bafe 
5luor ben ßeinharten, burchßchtigen, fd^önfarbigen 5laß* 


fpat bilbet unb bas mit bem BTeßer 3U fdjneibenbe' 
Kluminium mit gan3 gewöhnlichem Sauerßoff Korunb, 
Saphire unb Bubine ergiebt, bie ben fefteßen Stahl 
rißen, baß 3wei feße Körper, Kohle unb Schwefel, 
miteinanber verbunben als 5 lüfßgFeit, SchwefelFohlenßoff, 
erfcheinen, ober gar baß, wie Kußens 5unbamen* 
talverfud? lehrt, ßarres Blei gan3 erhebliche BTengen 
ebenfolchen (ßolbes auf3ulöfen unb in ßch auf3unehmen 
fähig iß. Bein! 2 lde biefe Zaubereien verfchwinben 
gegenüber ber fchon lange befannten, aber nicht genügenb 
gewürbigten Cigenfdjaft verfchiebener Subßan3en, ohne 
irgenbwie an einer chemifchen BeaFtion teil3unehmen 
unb bemnach ohne felbß in bie refultierenben probufte 
ber ßch miteinanber vereinigenben Stoffe ein3utreten^ 
bie betreffenben BeaFtionen 3U ermöglichen ober ein3u* 
leiten ober 3U befchleunigen. JTlan ßetle ßch gefäüigß 
vor: Da liegt ober hängt eine Subßan3, unb um ße 
herum beßnben ßdj 3wei ober mehrere Körper, beren 
Kffinität fehr gering iß, b. h* bie unter normalen Per* 
hältnißen nichts miteinanber 3U thun haben unb nidjts 
voneinanber wißen woüen. Unb nun müßen biefe ein* 
anber feinbfeligen Stoffe entgegen ihren fonßigen (Bewohn* 
heiten ßch innerhalb einer gemeßenen 5riß 3U einer be* 
ßimmten Perbinbung vereinigen, bloß weil bie baneben* 
ßehenbe, gleidßam nur 3ufchauenbe unb Fommanbierenbe 
Subßan3 es will unb, mit geheimnisvoll fchöpferifchen 
Kräften auf ße einwirfenb, es er3wiitgt, ohne aber ßch 
auch nur im geringßen mit ihnen in nähere Be3iehung 
3U bringen, hierauf entferne man bie neugebilbete 
Perbinbung unb bringe abermals eine gewiße UTenge 
bes früheren (ßemifches in bie Bähe bes befpotifchen 
Körpers: — ßehe, er 3wingt ße abermals unb gan3 
mit ber gleichen €nergie 3ur Pereinigung. BTan ver¬ 
mag bas Spiel un3ähligemal 3U wieberholen, ber (EffeFt 
bleibt ber nämliche. €s iß bemnach Har, baß ber 
BTirafel thuenbe Körper nie ermübet unb nie bie ihm 
innewohnenbe Kraft verliert, ebenfowenig wie er auch 
nur ein Quentchen von feinem Ceib hergiebt, was mit 
unfern felbß ein Staubförnchen wägenben 3 nßrumenten 
nachgewiefeit werben Fann. Billigere unb ibealer arbeitenbe 
Helfershelfer bürfte wohl faum fonß noch eine Kunß ober 
Cechnif aufweifen Fönnen. 3ubes bie 2Dißenfd?aft, ber 
fchon eine erFlecfliehe Un3ahl berartigerStoffe feit Ber3elius 
unb UTitfd?erlich — bie ße mit bem Barnen Katalyfatoren 
be3W. Kontaftfubßan3en bebadß unb ihren CinßußKatalyfe 
be3w. Kontaftwirfung benannt haben — gute Befannte 
ßnb, noch intenßv bemüht iß, eine CrFlärung für bie 
chemifchen phänomeita, bie in gewißer fßnßcht bem felbß* 
thätig ßrahlenfenbenben Babium unb feinen Brübern 
gleichgeßedt werben bürfen, 3U ßnbeu unb mit ihr Aber¬ 
mals ein Biegel an bem noch verfdßoßenen Chor ber 
BaturerFenntnis 3U fprengen, hat ßch bie CechniF ihrer 
teils unbewußt fchon längß bebient, teils bewußt in 
neueßer Seit auf ihre CeißungsfähigFeit mehrere 
5 abriFationsverfahren aufgebaut, bie fchon jeßt reichen 
(ßerninn ergeben unb halb im übertragenen Sinn bes 
XPorts aus wertlofem BTaterial (ßolb mad?en werben. 
Schon BTitfcherlich, ein beutfeher 5 orfd?er unb Sdiüler 
bes genialen Schweben Ber3elius, unterfuchte bie be* 
frembenbe (Eigenfdjaft ber fonß energifch au BeaFtiouen 


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Seite 13 ^ 8 . 


Bummer 29. 


teilnehmenden Schwefelfäure, StärFe in <§ucFer und 
ZllFotjol in Zlether und IVaffer um3uwauöeln und den* 
noch fo gäitslich unverändert 3U bleiben, als ob fie die 
ganje ©efchictjte gar nichts anginge, und das ferntente 
jeglicher Zlrt verwendende ©ärmtgsgewerbe bediente 
fid? feit undenflicher &e\t ihrer un3weifelhuft Fatalytifchen 
fähigfeit, Starfe in Dextrin und Sucfer 3U verwandeln. 
(San3 befonders tüchtige und wertvolle KontaFtfubj!an3en 
ftnd nebft dem Fermente ZTTaltin das ©ifenchlorür, ge- 
wiffe Vanadinverbindungen, Quecfjtlber und fein ver¬ 
teiltes platin, fogenanntes platinmohr; daneben ejiftiert 
noch sine ZTTenge minder leifhutgsfähiger. £s ift jedoch 
nicht unbedingt ausgefchloffen, daß jeder ©rundjToff und 
jede feiner Verbindungen unter beftimmten Verhältniffen, 
deren ©rforfchung eben Aufgabe der ZViffenfdjaft fein 
foH, den gleichen ©injluß wie jene aus3uübeu vermögen, 
und baß vielleicht fchon jeßt, ohne daß mir es tviffen, 
bei vielen djemifchen Beaftionen foldje uneigeitnüßige 
Helfershelfer ihre H an & mit im Spiel hüben. 

Vorläufig iverden von der technifchen Chemie, ab* 
gefehen von den bereits genannten. ZTTethoben, drei 
fogenannte Katalyfatoren abfichtlidj und mit außer¬ 
ordentlichem ©rfolg verwendet, und 3 war: das <£ifen- 
chlorür bei der BebuFtion des ZTitroben3ols in Zlnilin* 
öl, das befanntlid? das Zlusgangsmaterial der jährlich 
für |30 ZTTillionen ZTTarF XVare er3eugenden 3 nduftrie 
FünfHicher organifcher Farben bildet; das Quecfftlber 
als Befchleunigungsmittel der Umwandlung des ZTaphtho- 
lins vermittelft der Schwefelfäure in phtholfäure, die 
nach der weniger mühevollen Ueberführung in die 
Zlnthranilfäure das BohproduFt für den von Baeyer 
entdeeften fünfUichen 3 ndigo liefert; das platinmohr 
bei der von Clemens ZVittfler ausgebildeten C^eugung 
reiner und hochpro3entiger Schwefelfäure durch Ueber¬ 
führung der fchmefeligeit Säure (S 0 2 ) in Schwefel* 
fäureanhybrib (S 0 8 ), das mit ZVaffer oder verdünnter 
Schwefelfäure fofort eine beliebig 3U fon3entrierende 


Cöfuitg ergiebt. Sei allen drei, mehr oder minder Fompli* 
3ierten Verfahren, deren (Theorie feftfteht, aber deren 
Details 3umeift von der betreffenden fabriF als ©e* 
heimuis gehütet werden, ift — theoretifch — ein- für 
allemal nur die 3Ur erften Beaftion erforderliche ZTTenge 
der Koiitaftfubftan3 für eine endlofe Seihe von He* 
aftionen notwendig. So würde unter idealen Verhält* 
niffen im erften faß die vom Unbeginn vorhandene 
Quantität Cifenchlorür bei ausreichender Anfuhr von 
ZTitroben3ol und Cifenfeilfpänen ewig Zlnilinöl, im 
3weiten das angeblich durch einen Sufall — Serfpringen 
eines (Thermometers im Keffel während des^ chemifchen 
pro3effes — als KontaFtfubjTau3 entlarvte Quecffilber 
ununterbrochen ZTaphthalin durch Schwefelfäure in 
phthalfäure umwandeln helfen, im leßten fall das fein 
verteilte platin die Höjlgafe von Schwefelfiefen unab- 
läffig in Schwefelfäure überführen; doch da die Cechnif 
mit den vorhandenen Schwierigfeiten, Verunreinigungen 
und nicht idealen Zlpparaten rechnen muß, werden die 
Kontaftfubftan3eu teils doch ein wenig abgenußt, teils 
einer jeweiligen Heinigung bedürftig. ZTichtsdefto- 
weniger find ihre Crfolge unerreicht und bewunderns¬ 
wert. H at die erfte KontaFtfubftan3 eine mächtige 3 ndujtrie 
erft ermöglicht, fo hat die 3weite, das Quecfftlber, 3ur 
fchnellen, alfo billigen phthalfäurefabrifation und mit 
ihr 3ur lufrativen Darjtellung des fünftüdien 3 ndigos 
geführt, der den natürlichen allmählich vom ZVeltmarft 
verdrängt und bald jährlich den dreißig bis fed?3ig 
ZHiUionen ZlTarF betragenden XVeltbedarf von der deutfehen 
3nduftrie deefen laffen wird, 3umal die birefte, foge¬ 
nannte Kontaftfchtvefelfäureproduftion außer unsähligen 
andern Setrieben der ©ewinnung des 3 ndigos ungemein 
zugute fomnit. 

So hilft der Crfolg der einen 3 udufirie der andern 
auf eine höhere Stufe, und fo wird in den H*£enFüchen 
moderner Zllchymiften aus minderwertigem ZTTaterial 
mit Hilf* wunder wir fender ZTTagifteria ©old gemacht. 


<U> 


Frnnttt in Berlin. 

Von H au5 ©ßwalb. 

£)ierju io f^otograpfjiföe 2Iufnat)men. 


Zille möglichen Völfertypen, alle möglichen €rd- 
bewohner treten jeßt das pflajTer vom (Tiergarten bis 
3um Schloß und vom Sahnhof friedrichftraße bis 5um 
potsdamerplaß. Die halbe ZVelt ifl „Unter den Cinden" 
und in ihrer Umgebung 3U finden — nur die Berliner 
nicht. 3 n den Straßenbahnen und in den ©mnibuffen 
find 3U gleicher §e\t die öftlichen und die weftlicheit 
3diome 3U hören; faum, daß drei fahrgäjte die gleiche 
Sprache fprecheit. Vor den Cheaterfaffen drängen fie 
fid?, die ZTTufeen und die XVarenhäufer überfchwemmen 
fie — viele ©efchäfte, viele Unternehmungen e^iftieren 
im Sommer nur von ihnen. XVelcher Berliner ginge 
jeßt, in der Hunbstagshiße, in die (Theater? 3 nt Kunft- 
ausftellungsparF, im Soologifchen ©arten und im ©rune- 
wald ift doch eine andere £uft als im parfett und im 
foyer. 3 eßt gehört Berlin den fremden. 


©iuige Bilder aus ihren Berliner (Tagen: Drofchfen- 
hulteplaß an einem großen Bahnhof. Von vorn bis 
hinten, von rechts bis linfs ftnd die Drofdjfen in dichten 
Beihen aneinandergerüeft. Die Pferde laffen die Köpfe 
hängen und dufeln in der fommerlichen ®ie 

Kutfcher ftehn in ©ruppen beifantmen — wenn's geht, 
im Schatten. Zlnbere fißen auf dem (Tritt ihrer Drofchfe 
— und die wilden (Tauben fönneit ungeftört 3wifcheu 
den Bädern und den Pferdehufen futter aufpicFeit und 
verliebt herumftotyereit. piößiich Fontmt aus der Bahn¬ 
hofshalle ein dumpfer Schaß: „Zlufjieigen!" 

ZVie die Kutfcher alle laufen Fönneit! Den Pferden 
die futtereimer abgenommeit, die DecFeit 3ufammen* 
gelegt. Zille ftarreit nach dem Chor des Bahnhofs¬ 
gebäudes, durch das „fie Fommen". H^r und da fleht 
fich auch ein pferd um. 


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ft ~ V . J 





Drofchkenhatteplatz am Stettiner Bahnhof: „Die fremden kommen ! 44 


guerfi fommen ein paar (BepäcFträger mit gewaltigen 3 u beit Sttatyn, wo fonji nur bie Dienftmäbchen 
Koffern unb Pacfen. Dann ein3elne beraubte Heifenbe. einhermanbeln, in biefett Strafen, wo fpajierenbe 

IMnter ihnen jlrömt erjl ein ganjer Schwarm h^aus.: (Bärten nichts Seltenes ftnb, begegnen ihm grauen in 

in Staubmänteln, Beifemüfeen, mit Ofchchen unb Kleibern aus ben teuersten Stoffen. (Brofce brillanten 
Schachteln behängen unb bepaeft. Sie rufen bie Bummer in ben (Dtixen, am fjalfe, an ben 5 ingern, am ffanb* 

ihrer Drofcbfe. Schleunigft oerjlaut ber Kutfcher bie gelenf — aber ohne fjutl Bur ein fd?war3es Seiben* 


Kiefenfoffer unb Körbe — bie ZHenfd?en baju — unb fpifeentud? um bas runbe, oolle (Befiehl. Das ficht 

nun raffelt er hinein in bie Stabt, in bie IDettjiabt Berlin* eigentlich nicht fdjlecht aus. ZTCanchem jungen BTäbchen 

IPas, Berlin ift Feine tDeltftabt? _ mürbe bas beffer fiehen als irgeub 



lüer bas nicht glaubt, ber muß 
jefct in ben Strafen 3tx>ifchen bem Bat* 
hau: unb bem Beichstagsgcbäube hin 
unb her penbeht. Da finbet er bie 
hall clDelt— ja, fogar bie gan3e!Delt. 


fo ein aufgetafeltes Strohgeflecht mit 
Blumen, Blättern, Bänbern, Gebern, 
Spifccn, Seibe unb wer weiß was noch. 

Tibet natürlich: bie Dame mit 
bem fchmat3en Spifcentuch fomntt ja 


„Berliner Hlbum gefällig ?** 
„Sämtliche Hnficbten von Berlin ! 44 


Tor dem Königlichen Schloss. 


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Seite *350. 


Hummer 29. 





Xtn pergamonmufeunw 


pon jenfeits 6er 
IDeichfel, pießeidjt 
fogar von jenfeits 
6er IDolga. Unb 
was pon 6a 
Fommt, ift ja nicht 
nadjahmensreif. 

3a, wenn’spon 
jenfeits öes Ka¬ 
nals ober pon jen* 
feits 6es großen 
Ceidjes Fämel 
©6er auch pon 
jenfeits 6es 
Steins . . . 

Ueberbies, ge- 
ra6e aus <£nglan6 un6 aus KmeriFa fdjeint Berlin 6ie 
nteiften fontmerlichen Befucher 3U beFommen. IDahrfch£in* 
lid? fommen piele, 6ie 6er Kusfaß 6er Krönungsfeierlich* 
Feiten aus Conbon getrieben hat. Kber eigentlich ift 6as 

je6en Sommer 
3U beobachten, 
baß 6ie eng* 
lifdje Sprache 
por aßen 
an6em frem* 
6en Sprad^en 
in Berlin 3U 
hören ift. 

Die Kngel* 
fachfen fin6en 
es ja hi^ 
auch am be* 
quemjteit. (Eine 
Beihe pon 
Rotels iftbireFt 
auf ihren < 5 e* 
fchmad 3uge- 
fchnitten. Da 
fahren fte in 

einem fort por. 3 « <£quipagen un6 DrofchFen. Die 
UTäitner mit 6en charaFterijtifchen glatten (ßeftchtern, nur 
einen Fleinen Sd^nurrbart über 6em energifchen UTunb. 
Die grauen in einem eleganten pornehmen BeifediiF, wie 
er eben nur 6en KnteriFanern 
eigen ift, bie ja 6ie fjälfte 
ihres £ebens in Rotels, Wag¬ 
gons un6 Schiffen perbringeu. 

€in fjotel h a t es ihnen be* 
fonbers bequem gemadtf. Da¬ 
mit fte ftd? nicht afl3ufehr nach 
6en heimatlid^en köpfen fehlten, 
hat es ihnen eine Bar im f)aufe 
eingerichtet. IDer 6ie CrittF- 
fittcn 6er <£?tglanber un6 2Inte* 
rifauer Fennen • lernen miß, 
braucht nur in einem fold^eit 
I}otel eiit3uFehren. 2 luf hohen 
Seffeln hocFeit fte 6a, ihren 
„DrinF" in 6er £}anb. Kßerlei 
intereffante (Seftalten. 

(Etwas gan3 Cypifdies im 
Berliner 5 rem 6 enleben fm6 6ie 
Crupps 6er jungen KttteriFa* 
nerinnen, 6ie ohne männlidie 


Huf der Rochzeftsretfe. 


Begleitung, ohne älteren weiblichen Schüfe 6en euro- 
päifchen Kontinent burchqueren. 5ünf, fechs, fteben, 
manchmal auch mehr, wanbem fte pon einem UTufeum 
ins anbere, pon einer (ßalerie 3ur anbern. Kße gehen 
fußfrei, ein Beifetäfdjchen am < 5 ürtel, einen rotgebun- 
benen 5 ührer in 6er fjanb. Sie ftnben ftch 3an3 gut 
3ured?t, ohne ältere Beaufftchtigung. 

2 tuch aus BTejriFo, SübameriFa unb ben umliegenben 
3 nfeln Fommen fo manche nach ben SehenswürbigFeiten 
Berlins. IDer fte afle fehen miß, ber muß ftch mittags 
por bem Schloß auffteflen, wenn fte auf bie ein3iehenbe 
Kblöfmtg ber Schloßwache ober auf bie Kusfahrt bes 
beutfdien Kaifers warten. Das ftiße BTütterdien aus 
ber Kleinftabt fteht ba neben ber lebhaft fprechenben 
freolifchen Familie, • ber Curnperein aus Soffen neben 
bem BTißiarbär aus BrooFlyn, ber blonbe Schwebe 
neben bem bunFlen fjochfehüler aus ©beffa. Um btefe 
Seit ber auf3iehenben 
IDache tritt bie Blaffen- 
haftigFeit ber 5 remben in 
Berlin fo recht 3U Ca ge. 

Die gan3en Bürgerfteige 
in ber Bähe ber palais 
unb BTufeett, ber Uniper- 
fttät unb ihrer Uad}bar* 
fchaft ftnb bid]t befefet 
pon Blenfchen, bie bod? 
auch mal in Berlin ge* 
wefen fein woflen. 

Cine ftärtbige (Erfchei* 
nung ift auch ber rufftfehe 
fjochfdiüler. Blit (einer 
Uniform, feinem geftidten 
Kragen unb ber mit einem 
€mblem per3ierten Blüfec ein Kunftenthururt. 

ift er ftets in Begleitung 

feines Daters am Dormittag Unter ben £inben In 
einigen (Exemplaren 3U ftnben. 

2 luch bas paar auf ber fjod^eitsreife ift Feine Selten¬ 
heit. €s ift natürlich nur ber SehenswürbigFeiten wegen 
in Berlin. Bber — es geht wohl an aßen DeuFntälern 
unb Bauten porbei — jeboch nur porbei. IDer wirb es 
ihm übelnehmen, baß es fo pertieft baherFommt unb 
einanber für bie widjtigfte SehenswürbigFeit hält? 


Xn der Öiegesattee. 


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s s. « e> 



b mitten in 
Das ZTTofaifftiieF 


Die beutfdie proDiii3 


Xn einer ,.Hmcncan ßar‘ 

pbot. Dicfrnbiici? u. «Haffrl 














































Seite ^ 352 . 


Hummer 29. 




Dachgärten der Gross ftadt. 


II I enn ber Huf oon be r HücFFehr 3ur Hatur auch 
nicht immer berechtigt erfcheint, auf bem (Bebiet 
bes (ßefühlslebens, bas in ber (ßroßftabt fo oft oernach* 
läfjtgt mirb, Fann nur bie Hatur helfen. Denn ihr gegen* 
über jdjmeigt jebes DenFeit unb alles rein intedeFtuede 
Ceben; es herrfcht nur bas (Befühl, beffen Xüichtigfeit 
befonbers im Ceben unb in ber (EntmicFlmtg bes Kinbes 
noch immer 3U oiel überfein mirb. Das (BroßftabtFinb 
vor adern leibet an 3U oiel Kultur unb 3U menig 
Hatur. HTan 3eige einer Meinen <ßroßjiabtpfIan3e 
einen leudjtenben Sonnenuntergang, eine prächtige Slüte, 
man laffe bas Kinb einer Hadjtigad laufchen unb frage 
es bann, u>as es fühlt. Das Hefultat. folcher 5 rugen 
unb Seobad?tungen mirb gemiß oft negatio unb befdjä* 
menb fein. €s ift barum bie oornehmfte Hufgabe aller 
berer, bie es angeht, bas (Sefühlsleben ber (BroßjtabtFinber 
burch freien Derfehr mit ber Hatur planmäßig 3U bilben 
unb 3U heben. ®ie Schule Fann bafiir nicht alles thun, 
bie <£rholungs3eit nach ber Schule, bie freien Stunben 
nach ber Hrbeit müffen unmittelbare Haturfreuben 
geben. Das Hüßlichjte, Schönfte unb Hngenehmfte 3U 
folchent bireFten Haturwngang ift felbjtoerftänblich ein 
(Barten. VOo aber ftnbet bas Kinb unferer mobernen 
Hiefenftäbte, bas eingemauert ift in bie trojtlofe, naefte 
Steinöbe ber turmhohen HTietshäufer, bies adernot* 
menbigjte StücFchen freier Haturentfaltung? 3 n ben 
engen £}öfen ficherlid? nidp unb auch nicht in ben meift 
prunFoodeit Dorgärtdjen, bie Fein HTenfch betreten barf, 
bie nur ba ftnb 3unt Fümmerlichen SchmucF meift un* 
fdidner StucFfaffaben. €s fchien für bas arme Kinb 
Feine £}ilfe 3U geben. Unb hoch fanb man in ein3elnen 
Stabten, 3unächjt befonbers in UnteriFa, ein einfaches 
uitb praFtifches HTittel, ben Kinbern ber FTeltjtabt 
HücFFehr 3ttr Hatur unb Hnfchluß an bie Hflmutter 
5U ermöglichen. HTan fchuf auf ben flachen Dächern 


f}ier3U 4 pfyotograptjifcbe Uufnafptten. 


ber hohen Käufer (Bärten. €s mürben nicht nur Flehte, 
befcheibene(Särtd?en mit traurigenCopfpfIan3en unb einem 
ftaubigen ©leanberbaum im Kübel angelegt. Hein, bas 
gan3e DadjoierecF eines großen fjäuferblocFs mürbe 


Huf dem Dach: dfc Kinder im Sande. 


Sommerabend auf dem Dach. 

oereinigt, €rbe mürbe hinauf gef chafft, Fleine Säume 
mürben gepfla^t, Hafen gefät, fchöne Kiesmege unb f 
mo es möglich mar, große Kiespläfee hergeftedt — fur3, 
es mürbe in mögliche oollFomntener Ürt hoch broben 
in luftiger l}öhe ein natiirlidies Kirtberparabies gefchaffen, 
bas von aden Fleineit Semohnern bes fjaufes mit 3 ubel 
erliegen unb benußt mirb. Sunächit mid ein Spielen 

unb Coben fo hoch auf biefen 
oielftöcFigen Käufern gefähr* 
lieh unb metiig oertrauener* 
mecFenb erfcheinen. Die Ejöhe 
erfchrecFt manchen. Über ein 
honbfeftes, engjpaltiges, fehr 
hohes f}ol3gitter fd?Ueßt bie 
(Bärten ringsum ab, bieÄurdjt 
oor ber (Befahr felbft tötet 
ben IDagemut auch bes mifr 
beften Knaben, ein Stur3 in 
bie (Eiefe ift nach menfehlichen 
SicherheitsoorFehrungen aus* 
gefchloffen. Unb bemgegen* 
über ift ber IDert folcher 
Spielpläße in freier £uft ge* 
rabe für bie Hrmen unb 
Hermften ber Stabt auch tn 
gefunbheitlidjer Se3iehung 
unermeßlich. Die Heichen eilen 
nach Schluß ber (Befchäfte 
hinaus in ihre freien Diden 
unb IDohnungen, ber HTittel' 
ftanb macht menigftens feine 
Spa3iergänge unb Sonntags 
feine Huspüge ins 5reie. Uber 



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Säen und pflanzen fm Dachgarten. 

^icix>irtfd?aftItd?5d2iDöcf?enunbKIeinen jtnb in bie buntpfen beim eine £ujl, alle armen Kinber ^inauf3ufd?icfen in 

Kellerlöcher, in bie flehten Säume ber engjten (Baffen luftige f}öhett, eine Crholungs* unb Silbungsftätte 3U 

3ufammengepreBt, fie feheu ben fjimmel faum, atmen fdjaffen unb benen, bie bie Sufunft unferes Dolfes 

bie fernere Ksphaltluft nnb merben gleichgütig unb tragen, Seele unb £eib 3U ftärfeu für Öen fehleren 

fhtmpf gegen Satur unb gegen Hygiene. Da iji es £ebensfampf. 2 luf unfern Silbern, bie folche Dach* 


Dfe Kinder beim Spiel. 


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Seite J 354 . 


Hummer 29. 


gärten in Derfd]iebeuer Krt unb Derrocnbuug 3eigett, 
läßt fid] bereu Bebeutung für 5 ie < 5 roßftabtFiuberrc>elt 
leidet erfemien. f^ier ift ein Spielplaft, groß, meit, für 
ade Ä £auf- unb Betoegungsfpiele trefflid] geeignet; bort 
ift ein Fleiites (Bärtchen, bas fid? bie Kinber felbft mit 
KTatrafce 3unt Sd]lafen unb einigen Bäumen unb 
pftanjeit „roohnlich" gemad]t traben; unb in beut britten 
(Barten ftnb bie Kleinen mit ihrer licbfteit Krbeit be» 


fd]äftigt, mit Säen unb pflanjen, bas fo oiel fülle Hoff* 
nungen unb lebhafte phantajie entioicFelt. fjier oben 
fieht mirFüd] bas Kuge ben ^immel offen. 

Unb bie £uft ift gut unb frifd], unb ber BUcF roeit. 
Das muß unb mirb für oieles entfdjäbigen, bas natur¬ 
gemäß bem Dad]garten gegenüber ben glücFlicheren 
Brübern bruuten in ber (Liefe fehlt. Kuf jeben 5 all ift 
bie 3 bec gliicFlid] unb, roie mir fetten, mohl ausführbar 


^— — 

Hmertkamfcbe ftfebzuebt. 

fjicrju 6 pfyotograpbifdje Uufnnbmen. 


Die Bereinigten Staaten fttib bas parabies bes Kolumbiafluß, im 5 rafer Hioer unb bis hinauf nach 

5 ifchers. 3 hre Seen unb (Leiche, ihre Ströme unb Bäche, KlasFa fo maffenhaft gefangen toirb, baß man in ben 

bie ZHeere, bie ihre Küften befpülen, bergen einen un- bortigen Stäbten, mie einfi in ber guten alten «Seit in 

geheuren 5 ifd]reid]tum. 5 oreUen beleben bie Flaren Jameln, in bie ZTTietsoerträge ber Dienftboten fefcen 

(ßebirgsbäche. ber Bocfy HTountains, ber KbironbacFs follte: mehr als 3toeimal barf in ber XPod]e Cachs nicht 



fang von pfaififchen. 


unb ber tBeißen Berge Permonts, bie 5 lüßchen unb 
Bad]e, bie (ich auf ber Fanabifd]eu Seite in bie großen 
Seen ergießen. Diefe beherbergen Föftlid]e CachsforeUen, 
EJed^te, Sd]lete, tBeißfifdje unb Ztlaififche. 3 «' ZTTifftffippi 
unb in feinen Hebeujlüffen trifft man ben Stör, ber einen 
gan3 guten Kaoiar liefert, ben Biiffelfifd], ber ad?t3ig, 
ja hunbert pfuub fd^rner mirb, ben Kaftenfifd] unb bie 
übrige Sd]ar ber Süßtoafferfifche. Kn ben Küften ber 
Heueuglanbftaaten toirb in großen Blaffen ber fjering, 
ber Sd]ellfifd7, ber Kabeljau unb bie BlaFrele gefangen. 
Der (ßolf oon BTejüfo liefert neben anbern 5 ifcben ben 
pompano, einen ber fd?macFhaftcfteu 5 ifd?e, einen teefer* 
biffen für jeben (Sourmet, unb bort tummelt fid] aud] 
ber (Lrapon, ber SUberfönig, beffen aufregenbe 3 mit 
Sd?leppangel unb Harpune Föniglicher Sport ift. Die 
pacificFüfte hat ihren £ad]s, ber im SaFramento, im 


auf ben (Lifd] Fommen. 3ebenfaüs giebt es in San 
5rau3isFo eine BTenge Hausfrauen, bie fid> genieren, 
£ad]*, bies Krmeleutegericht, auf ben (Lifch 3u bringen. 

Bei biefem Beichtum hat bie 5 ifd]erei in ben 
Bereinigten Staaten neben ber fportlid?en auch eine 
mid]tige oolFsrmrtfchaftlid]e Seite. <£s ftnb fehr anfehn- 
liehe Beträge, bie bie 5 ifd?erei alljährlich abmirft, 3. B. 
im 3 a h r \890 laut Bericht bes «Seufusbureaus — £ er 
Bericht für liegt nod] nicht oor — mehr als 

eiuhunbertneun3ig ZTliüionen BTarF. natürlich entfällt 
auf bie H oc hfeefifd7erei ber größte (Leil biefer Summe. 
Kber and] ber (Ertrag ber Binnengemäffer ergiebt eine 
gan3 bebeutenbe «Siffer. Kns biefem (ßrunbe ift es 3U 
oerftehn, baß ber Bunb unb bie (Einjelftaaten fid] ber 
5 ijd?erei uad] Kräften anuehmen unb fie auf jebe IBeife 
3U förberu fuchen, iubem fie für bie BeftocFung ber 


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Hummer 29 - 


Seite { 355 . 



Dfe fifcbe werden aus den Bruttefcben genommen. 



Sortieren von forellcn. 


! * -t * 


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Seite { 556 . 


Hummer 29. 




Brutanjialt bebarf. ©amt 
toerben bte laichreifen 
5ifdje 3um Stuecf ber 
Befruchtung ber uon ben 
IPeibdjen abgelegten 
(Eier aus bem Behälter 
genommen, ©as BUb 
S. J 355 jeigt bie 5 o- 
redenbrutan jtalt 3uHorth - 
Dille, in ben tEannenrpal* 
bungen BTichigans ge¬ 
legen. Sorgfältig per* 
paeft u>irb ber fo por* 
bereitete £ai<h nach ben 
geeigneten 5lüffen unb 
Bächen gefanbt unb bort 
ausgefefet. ©er ©erfanb 
gefchieht in Spe3ial* 
eifenbahntpagen, beren 


Verpacken von •fifcbefcm. 

(ßetuäffer mit 5if<hbrut forgen unb ber Baubftfcherei 
burd? (Befefee entgegentreten, ©ies iji bei ber BTiß* 
achtung, bie ber ©urdifdinittsamerifaner gegen alles 
hegt, mas ihn in feiner perfönlkhen Freiheit befchränft, 
eine fchmere Aufgabe, ©aber ift es erfolgreicher, bie 
£ücfen, bie Hefe unb Angel in ben Scharen ber 5 ifd?e ge* 
fd^affen, burch neuen Hachmuchs 3U erfefeen, unb bie 
hierauf abjielenben Bemühungen ber bem ZHinifierium 
bes 3nnern unterteilten Bunbesftfchereifommifjion ftnb 
pon außerorbentlichem (Erfolg begleitet. 

©en Befud?ern ber Ctyfagoer ZDeltausfieHung tpirb 
ber geräumige pauitlon noch in (Erinnerung fein, in 
bem biefe Uommiffioit eine gan3 h^porragenbe Sonber» 
ausfiellung untergebradtf h^tte, ein Biefenaquarium, 
bas fo 3iemlich alles • enthielt, tuas in amerifanifchen 
(Setuäffern fchtpimmt unb friecht. ©ie Kommiffton 
rnirb pom Bunb mit reichen Bütteln ausgejiattet unb 
pon h«ro°? r a0«nbe!t 5 ad?leuten gebilbet. An ihrer 
Spifee fteht ein (Belehrter, ber bas (Betier, fo ba in 
ber Ciefe hnujt, 3U feinem befonbem Stubium gemacht 
hat. ©er Kommiffion 
fteht ein eigener ©ampfer 
3ur Verfügung, mit bem 
Stubienreifen im 3 »*«** 
effe ber fjochfeefifd^erei 
unternommen tperben. 

An geeigneten pläfeeit, 
an ber BTeeresfüfte fo» 
tpohl roie an ben Binnen- 
tpäffern, liegen bie gro߬ 
artigen Anftalten, in 
benen bie junge 5ifch* 
brut ge3üd?tet ipirb. 

Unfere Bilber per- 
anfd^aulidien ben Betrieb. 

Abb. S. J 354 führt 
uns an bas Ufer bes 
potomaf, bes prächtigen 
Stroms, an bem bie Bun- 
beshauptftabt Xüafhing* 
ton liegt, unb 3eigt uns 
bas (Einholen eines Hefees 
polier BTaififdie, beren 
man 3ur Befefeung ber Inneres eines 6tfenbahnwagens zum Verfand von flfebbrut. 


3nneres untenfiehenbe 
Abbtlbung peranfehau* 
licht. An ben £ängsfeiten 3iehen fich niebere Behälter 
hin, tu benen ftch ber £aid? unb junge 5ifchchen, bie auch 
3um Beftocfen ber (Bernäffer penpenbet tperben, be* 
ftnbeit. ©ie IDagen finb mit allem ausgerüftet, beffen 
man bebarf, um bie 5ifd?e am £eben unb bie (Eentpe* 
ratur bes IDaffers auf ber geeigneten £}öhe 3U er¬ 
halten. ^ebex ZDagen enthält ein fleines £abora* 
torium unb einen Baum 3um Aufenthalt für bie Be¬ 
gleiter ber Senbung, beren Betten ftch oberhalb ber 
5ifd?Fäjien befinben. BliQionen pöu 5ifchen unb BTilliar* 
ben pon (Eiern tperben auf biefe IDeife all jährlich per* 
fenbet unb ausgefefet. BTag auch «in großer (teil bapon 
3u (ßrunbe gehen ober bie Beute ber Baubftfdje tperben: 
es bleibt noch genug übrig, um bie (ßetpäffer 3um Hufeen 
ber 5 ifd?erei unb 3ur 5 reube bes Sportliebhabers neu 
3U beleben. 

(Einige Staaten finb bem Beifptel ber Bunbes* 
regierung gefolgt unb forgen burch eigene Behärben 
unb Anftalten für bie in ihrem BTachtbereich liegenben 
(Bernäffer, tuenn auch in fleinerem BTaßjiab. 3 h*« 


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Hummer 29 . 


Seite 1357, 


tjauptfädjlid?jie Aufgabe ift es, bet Haubfifdierei 31a 
jleuern, foroie füt ftrifte 2lusfü{jrung bet Derorbnungen 
übet bie Sdjonjeit 3U forgen. 

San! btefer 5ürforge »erben bie ilüffe unb Seen 
ber bereinigten Staaten ht <§ufunft »oljl it)ren #fdj* 

c — - 


reich tum bewahren. Unb »ie jefet, »irb man aud} in 
fpäteren feiten an ihren Ufern ganje Scharen oon 
Ünglem erblicfen, bie in flider Sefdjaulidjfeit ihrer 
Liebhaberei frönen. 3 bnen allen ben (Srufj bes beutfdjen 
Ungterbunbes „St. petri £jeill" $. «. ©. 

=--D 


Bin gaftronormfebes Dokument. 

plauberet von 3 ot?annes Crojatt. 



jSPBSSiB 

vom Königlichen H of* Traiteur 
unter den L inden No. 2. 


Rhein-Stein- undi 
Mosel-VY cWc. 

Joh»nne»befger Ä. * J 


( Suppen, 
l^ippui U Jardiuier mJ^ocktoj 
(ßouülon tu. Reif» — 1 


A pfeUineocompoti 
BintMicompI>t . 
Aepialcompft . 




£ Hors d’oeuvres. 

2 Meine Pu«telrn — I 

|2 Sardellen-Saliad — 

2 Ce vier — —- I 

> 12 Ämtern - — > 

[•> Gesuche; teu Rheinisch» 
p Lactu Mute a lltalieone j 
V Rühreier mit Locbi — t 
[SGt-baeken* Sardelleo. . > , 

Kj witzeier I 

iOmclet au Jul — — I 

^Blanquet de rolaille mit 2 
fli Ämtern ea Coquille | 
db Auiuiu cq Coqmüe 
[♦Rinderbrust an naturell 
[»Harn melke®. tnSauceRobert 
Kfieeisteakl — —- 


Rofh© Rübe □ 
Hadieicheu 1 iit ] 
Limburger »a*< 
Schweiurt < ito 
Cheiter d to 


Rüdeshcnmer lSiOf 


6c hl oll Johannesberger - 
Auibiuch r. Mumm I 
Markebrnnner 22«’ | 

Stein-Wein . ll r 

Gefrorner Steintrein 
eine halbe dito . 

' WoMlwa^AWehMr. 
. tloM^otenwein i/SJ. 
, „dito llr. 

h®be dito llr. 
Wiuuburger IVandej- 
ackcT IHrjä * 
Dito eine halb* 

- As!>rtunn*bn jr* . 

Rothenberger IS. 
Crea<en-\% ein 11 r * 
Lieb frtPggjpte V Ä 

#>.n^ Tiilbe 


Ent reim 6 t s 

Reift a la M&lthe 
Alacaronj |. . • 

Schlagesahn* . . 

Sallad de rabi!!* 
Omelett inif Conßtux 
Beägceu v.jAcpielv [ 


Geld voo F heiowein 
Rosinen un I MandeL 
1 Abricose In firantn) 
Reine Cbm e dito 
Wirsich dito 

Früchte ii ZncJß 
Melone in i lucker ui 
£«lg . . 


F.iitrdes. 

Henmiel-Coteiet — je 

1 ja nt. Iiuho tn. 3 Austern l 
O elbiaopi a la Turin« 1 ' 
IIVagoiR v, A'ebh&hoei 11 gorolj 
jGcäptckte l'ilet» r. hapauol 
1 xu. Marelolt v. l’iudetnl 


dito eine naibe 
Markrtxonner br- 

Dito ?io* halb* 
Niarec steinei 22r. 
Dito eine halbe 


1 Orangen 
Ingwer 
A prirosen 


Reine Clan Ae. 
huschen 1 ► 


2>.fidrf-/JV/7/d. 


la»? 


^cim ' Enf g .Wnm 1 


> Bordeaux , .* 
St. Julien 
r Chktean AI jge 
Ch.itean Li fite 
i Grave« 
Haut-S.nlet ucs 


Spinath mit leiern 

Fisch e. 
Zatuler mit Butter 


nom-danu. 
- 1 iant-SautH 

Dito lJj 
Dito Hm 
X Chambertm 
U V--Ina 7 
// Nrnu . 
y dito ein« 
(O Chot&u g> 
2L Champagne 
A' dito viue ‘ 
| Va Ifeimitjgel 
f Dito !OI 
Ot. Terraf 


(fnpT.Vtdn IÄ» 1 ® 

Extra alt.Tr.kayerruen* 5 
Dito ' J 4 

Prien ToV*)'*t l2» 

Cardinal 9 (fl 

Strohwem eine halbe ! Ji 
Üngar-Wein y.'jtthth. 3 


Braten. 


rrammaUvogel 


• i’utbe — —- 

te !; .«n halb Rabhuhn 
LSI kleine Bnm»id< 
rS jr jung Ituhn 
ijl Waldichtirpfe 


Dor mtr liegt bie Photographie einer Speife* unb 
IDeinfarte bes fjoftraiteurs 3. 3 ^ 9 or, Unter ben Ctnben 
^tr. 23 tn Berlin, ©om 3 a ^ r \825. Das Original 
befinbet Pch tm 
Beftfe ber U?ein* r 1 
hanblung peter 3 ^ - 
feph Dalcfenberg in 
IDorms, €igen* 
tilmerin bes £\eb* 
frauenmilchtoein- 
guts, unb ift ©on 
bem Urgr ogoater bes 
jefeigen Befifeers 
biefes IDeinguts, ber 
alljährlich 3 um Per- 
fauf feiner £ieb- 
frauenmilch nadj 
Berlin reifte, ©on 
bort mitgenommen 
toorbem 

3 a $o* toar im 
©ormär 3 lichen Ber¬ 
lin, t©ie man bas 
Berlin ber Seit ©or 
18^8 nennt, etn>a 
bas, t©as nachh^ 

Borcharbt, filier 
unb Preffel mürben. 

Berlin hatte 1825 
ctroa 250000 £in- 
t©ohner, roar alfo 
immerhin fchon eine 
grofee Stabt unb 
ba 3 U Sejiben 3 ftabt, 
ber es nicht an 
(ßourmets gefehlt 
traben u>irb, bie 3 U 
3 « 9 or gingen, um 
fein 3 U effen, 3 >iefe 
Speije- unb IDein¬ 
farte aber ijl inter- 
effant in mehr als 
einer £}infid?t. 3\x* 
nächjt ift ih* bas 
Z)atum bes Cages 
bereits aufgebrueft, 
unb 3 u>ar bas bes 
* 9 .2lpril 1825. Sie 
preife aber ftnb 
berechnet in Ult 
(Courant, bas h^ifet 
btChalent unb guten 
(ßrofehen. „Pier 


(ßute" t©aren gleich fünf Silbergrofchen, alfo toar ein (Suter 
(Srofchen fo ©iel mie 12 x /2 Pfennig nach heutigem (Selb. 
2>ie 3 ö 0 orfche Speifefarte t©eift feine fehr lange 

Seihe von ©eli» 
fatejfen auf. Suerft 
3 U nennen ftnb 
2 luftern, ohne Zwei¬ 
fel h^ljieinfche, bas 
©ufeenb 3 U 18 (Sr. 
= 2 IW. 25 pf. 
©as erfcheint, t©enn 
man bebenft, bafe 
bamals ber XPert 
bes (Selbes min» 
beftens noch einmal 
fo groß t©ie jefet 
t©ar, als etn recht 
hoher preis, freilich 
aber famen um jene 
geit bie Uuftern 
noch nicht auf ber 
Bahn ©on Hamburg 
nach Berlin, fonbern 
mußten mit ber poft 
©erfanbt tuerben, 
unb bas ©erurfachte 
natürlich, t©enn bie 
Beförberung, rote es 
bei Uuftern t©ün- 
fchensmert tjl, recht 
rafch t>or fid? gehen 
foÜte, bebeutenb meh* 
Koften. Pon Uujter- 
gerichten ftnb bann 
noch auf ber Karte 
©ermerft: »Blanquet 
de volaille mit 2 
Kujiern en Coquille« 
3 U 6 (Sr. » 6 Uuftern 
en Coquille« 3 U 9®r. 
unb „ \ junges ^uhn 
mit 3 Kuftern" 3 U 
9 (Br. „2 Kituife- 
eier A fojlen 6 (Br., 
t©os auch ols ein 
3 temlich hoher preis 
an 3 ufchen ift. 2 lud> 
XPüb ift nicht billig. 
Pon foldjem ftnb 
auf ber Karte außer 
Heh ©er 3 eichnet: 9 \ 
Krammets©ogel Ä ä 


Bertfner Öpeifc- und KUfnhartc aus dem 3 fahr 1825 . 


^ <5r. unb „V 2 Heb» 


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Seite ( 358 . 


Hummer 29. 


huhu" ä 9 ® r - ferner finbet ftd? „Bagout pon Beb» 
hühnerit game" (fo gefd?rieben) ä 8 <ßr. 5ür einen 
Kramntetspogel unb für ein fyalbes Bebhuhn ift bas 
fel?r piel (ßelb. Uebrigens muß man mof?! annehnten, 
baß es fid? um fonferpierte Bebhühner unb Krammets* 
pögel hunbelt, bie im fjerbft febon gebraten unb bann 
in 5ett eingelegt jtnb. 

Don anberm Hogelmilb finben ftd? nod? auf ber 
Speifefarte „( fleine Becafjhte" unb „( XDalbfd?nepfe". 
(Erftere foftet 7 <ßr., leßtere ( Cblr. ^ (ßr. Die XHalb* 
febnepfe ijt bas teuerfte (ßerid?t auf ber gan3en Karte. 

Unter ben (ßemüfeit fmb als Heues porn 3 ^ außer 
„Spinatb mit (Eiern" <ßr.), „HTorcheln mit Sauciffes" 

(ßr.), „Blohrrüben mit £ad?s" (7 (ßr.) unb „(ßrüne 
Bohnen mit ©melett" (8 (ßr.) an3ufiihren. <£s mürben 
alfo aud? bamals febon grüne Bohnen unb Blohrrüben 
im Bliftbeet für ben Schlemmer ge3ogen. Spargel 
fehlen auf 3 <* 9 ors Karte, obmohl bie Spargeltreiberei 
febon por n>eit mehr als hunbert 3<*hren befannt mar. 

Unter ben übrigen Speifen unb Sufpeifen bes 
3 agorfcben Beftaurants, bie am 19 * Kpril 1825 3U 
haben maren, ift mir niehts Befonberes aufgefallen. 

Sehr intereffant ift bie 3 agorfcbe XHeinfarte, auf 
ber fid? in auffallenber IHeife ber XHechfel ber Blobe 
auf bem (ßebiet bes IHeintrinfens funbgiebt. Sie um* 
faßt „ 5 eine 5ran3*IHeine", „Bhein*, Stein* unb Biofel* 
XHeitte" unb „DefferMHeine". Unter ben fran3Öftfd}en 
^Deinen beftnben ftd? brei rote Borbeau^meine, pier 
XHeißmeine, pier Burgunbermeiite, eine Sorte Chant* 
pagner, bann meißer unb roter »Hermitage«, eine pon 
alter Seit her berühmte IHeinmarfe 3U 2 Cblr. bie 
5 lafd?e, unb »Perrey«, ber ebenfopiel foftet. Hon ben 
Hot* unb XHeißmeinen ftnb „Borbeaug" unb „(ßrapes" 
Cifd?meine 3U A /2 Cblr. bie 5 lafd?e. Der teuerfte Bor* 
beau£ ift »CMteau Lafite« (fo geschrieben) 3U 2 Cblr.; 
unter ben XHeißmeinen fojten Ejaut Sauternes pon (807 
unb biefelbe Blarfe pon \ 81(9 \ 1 ^ 2 aud? bie 

Burgunber geben nicht über (V2 Cblr., unb ber preis 
bes Champagners betrügt 2 Cblr. für bie 5 lafd?e. 
Deutfd?e Champagner ober Sefte gab es bamals noch 
nicht. Hon ben fran3Öjtfd?en XHeinen mürben bie XHeiß* 
meine pielfad? ben roten porge3ogen, unb biefe Horliebe 
für meiße fran3Öftfd?e XHeine erftreefte ficb noch bis in 
meine Seit hinein. 3d> b^rte noch in ZHecflenburg 
fagen: „Der richtige CrinFer (ober ,Siiper‘ pielntehr, 
mie man bort fagte) fängt erjt mit XHeißmein an." £ängjt 
ftnb bie fransöftfehen IHetß meine altmobifcb gemorben, 
unb ebetifo ift es ben Burgunbermeinen ergangen, bie 
einft fo fehr bei uns beliebt maren. 2 Tüit bem Auf* 
hören ihrer Beliebtheit ftnb bann mohl aud? bie präch* 
tigeit Burguitbernafen feltener gemorben. 

3 d? Fontnte 3U ben Bhein*, Büofel* unb Steinmeinen. 
XHeit mehr hier nod? als bei ben fran3Öfifchen mad?t 
es ftcb geltenb, baß ein anbersbenfenbes (ßefcblecbt pon 
Sed?ern aufgefontmen. 3 eßt fann man ftcb feine 
XHeinfarte beitfeit ohne eine lange Beil?e pon Blofel* 
unb Saarmeinen, auf biefer alten 3 agorfcheit Karte 
aber fommt unter 3man3ig beutfeben IHeinen nur ein 
ein3iger Blofelmeiit por, unb 3mar ohne befonberen 
Hamen als „22er Blofel *Abftid?" 3u V2 Cblr. bie 
5 lafd?e. Der Blofelmein mar fo3ufagen nod? nicht ent* 
beeft morben. XHenn man übrigens auf biefer IHein* 
farte nod? Pier (Elfern begegnet, 3mei Bheinmeinen 
barunter, einem Steinmein unb einem £eijtenmein, bann 


mirb einem gan3 mehmütig 3U Blut, unb bas XHaffei 
läuft einem tnt UTunb 3ufammen. © bag ntan ntd?l 
bamals fd?on gelebt bat! Das fleht jebod? felfenfeft, 
ba§ etmas fo (ßutes mie in bem großen Kontetenjabi 
(8U nad?ber nicht mieber gemaebfen ift. (Es giebt noch 
(Elfer. Hör fur3er S^it fanb ht Berlin eine Herfteige* 
rung XHilbelmjfcber 5 lafd?enmeine flatt, 3U benen auch 
60 5lafd?en Bübesbeimer pon (8(( aus ben Kellereien 
Hapoleons I. gehörten. Hon biefem ZHein habe id? poi 
ein paar 3abreit nod? getrunfen, fanb ihn aber bod? fd?oii 
3U fehr gealtert. Dagegen muß er (825 nod? pon portreff* 
lid?em (ßefd?macF gemefen fein. (Es ift auf ber 3agorfd?en 
XHeinfarte ein nod? älterer IHein als ber (Elfer, nämlid? 
ein E?of*£ei(lenmein pon ( 783 ,3U finben, ber mohl bamals 
mehr feiner Seltenheit als feines guten <ßefd?macfs 
megen gefdjäfet morben ift. Die preife ber beutfd?en IHeine 
fteigen bei 3 a 9ar bis 311 5 Cblr. für bie 5 lafd?e unb 
ftnb im allgemeinen mäßig. 5 ür 93 er Bheingauer IHeine 
aus guten £agen mirb jeßt mehr als nod? einmal fo 
piel, als bamals ber teuerfte IHein foftete, be3ablt. 

Cs finben fid? bei ben beutfeben XHeinen ber Karte 
3met unter eigentümlichen Benennungen por: ein „Creffen* 
mein" pon (8(( 3U 2 Cblr. unb ein „gefrorener Stein¬ 
mein" 3U bemfelben preis. IHas „Creffenmein" ift, 
habe id? nid?t erfahren fönnen, obmobl id? bet ben 
IHeinfennern Berlins unb bes Bheinlanbes auf unb ab 
gefragt höbe. Darin nur ftimmten a'Oe überein, baß 
an eine Beimifd?ung pon Kreffe 311 bem IHein nicht 
gebad?t merben fönne. IHas bagegen unter gefrorenem 
IHein 3U perftehen ift, mürbe pon mir ermittelt. <ße- 
frorener ^Hein ift IHein, aus bem man einen Ceil bes 
IHaffers h a * ausfrieren laffen, eine früher beliebte 
BTetbobe, ben Klfoholgehalt unb (E^traftgebalt bes 
IHeines 3U perftärfen. Seßt man IHein in flachen 
Schalen bem 5 roft aus, fo friert 3uerjt bas IHaffer, 
bas man bann als bünne Cisfd?id?t abbebt. <£iit 
mefenllid? perftärfter IHein bleibt übrig, ohne baß er 
an fonftigen (£igenfd?aften perloren b<^t. So fommt 
es aud? por, baß bei jtrengerem 5 roft bas IHaffer in 
überreifen IHeintrauben gefriert, trenn man fte mie 
es am Bbein früher hte unb ba in befonbers günftigen 
3 abrett gejd?ab, bis in ben IHinter hinein büngen läßt. 
IHenn bann beim Keltern bas €is porfichtig entfernt 
mirb, fo giebt bas Uebrigbletbenbe einen „gefrorenen 
IHein" ober „(Eismein", mie ein fold?er nod? int 3 uh* 
(890 in Hattenheim b^geftellt morben ift. 

Unter ben 3 a 9 or f c h^n Deffettmeinen fpielen bie 
BTusfatmeine, bie aud? mit ber <3^* altmobifd? gemorben 
ftnb, nod? eine bebeutenbe Bolle. Hon anbern ftarfen 
IHeinen ift fd?on Kap Konftantia 5U finben. Der teuerfte 
IHein biefer Bubrif unb überhaupt unter allen IHeinen 
ber Karte ijt neben bem Schloß 3 °fyuunesberger Kus- 
brud? pon BTumtn ein alter Cofayer 3U 5 Cblr. 

Das ift bie 3 a 9<> r fd?c Speife* unb XHeinfarte pon 
( 825 , bie Per3iert ift mit einem Bilbd?en, bas Bacchus 
auf einem 5 aß tbronenb 3mifd?en Ceres unb Diana mit 
ihren Attributen barfteüt. So bilbet eine fold?e Karte, 
Me einer 3ufäüig einfteeft, unb bie burd? günftigen Zu¬ 
fall aufbemahrt geblieben ift, einen fleinen Beitrag 3ur 
Knlturgefd?icbte pergangener Seiten. Blanche Bemerfung 
läßt fid? barüber machen, manches ftd? habet benfen. 
Ueber mas für Dinge fid? bie mohl unterhalten buben, 
bie am (9. April (825 bei 3 a gor in Berlin beifammen 
faßen, fd?mauften unb 3ed?ten? 


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Kummer 29. 


Seite {359. 



Der Marktplatz in altborg. 


Im Land der weissen JVacbte. 

^ierju 4 pfjotograptyfäc ^fafnafjmen. 


Wenn man jeßt, ha oon bem Meinen eifernen nor« 
bifchen Pölfchen ber Sinnen allgemein fo oiel bie Ziehe tft, 
burdh Sinnlanbs ernft-fchöne (Bauen toanbert unb ha 
unb bort in ben hübfdjen Dörfern ober auf einfamem, 
hoch über ben Saimafee fdjauenbem (ßehöft bie wette r* 
gebräunten ZTlänner 3U ftittem Hat oerfammelt fteht im 
Schimmer ber meinen Sacht, bie niemanbem ben Schlaf 
uergönnt; toenn man ihre ernjteu (ßefichter betrachtet, 
entfchloffene leibenfdjaft im Slicf, toenn man im Sanfter 
bin unb toieber eine fchtuarjgefleibete Srauengeftalt fieht, 
traurigen Angefichts, wenn man hört, es bitten fich, troß 
einmaliger Auffcßtebung ber Aushebungen, hoch toieber 
faum 30 projent ber (ßeftetlungspflichtigen 3um Pienjt ge« 
ftellt — bann toirb einem fchtoül unb fehler 3U Sinn . . . 
Per Sinnlänber faßt bie Seiten, bie er eben burch* 
lebt, als fehr fchtoere auf unb nimmt nicht leichthin 
Stellung ba3u, fonbern mit tiefem (Ernft. 2 Pas habe i 
befonbers auffallt, ift bie große Paterlanbsliebe unb bie 
Seiounberung für feine b e iniifche Kultur* Wie fo Ute 
er auch anbers fein? tPie ift alles in Sinnlanb unter 
Öen benfbar fchtoierigjten hiftorifchen Umftänben ge« 
toorben, toie mühfam ift jeber Erfolg, jebe Srucht ben 


ungünjtigjten Perhältniffen abgerungen! Pie Selber 
finb 3um großen Ceil auf bem Hücfen tm Sacf 3um 
Selbplateau, bas Acfer toerben faßte, hmaufgetragen. 
XPieoiel 3 (*hrhunberte bauerte es, bis bie fuchenben 
Xt>ur3eln ber Söhre im Stein ben fürglichen Sährboben 
fanben, bis bie fnorrigen, fturmgebeugten Säume 
herantouchfen unb IPälber ftch über bas Seifen« unb 
Seenfanb oerbreiteten, bis bann fjäufer unb .Soote 
gebaut tourben unb ber Sifd?er 3um Acferbauer tourbe. 
Sun aber ift Sinnlanb einer ber erften Kulturjlaaten, 
Canbtoirtfchaft unb 3nbuftrie blühen, toie anberstoo 
faum, Architeftur, Kunft unb oor allem bas Schultoefen 
ftehen fehr h^ch f Sinnlanbs (Befeßgebung ift berühmt, 
befonbers bei ben Kriminaliften, feine politifchen unb 
anbertoeitigen 3njlitutionen finb einheitlich unb oor5Üg« • 
lieh organiftert. Staunenb fleht man ba. 3 ft es nicht 
toie ein tPunber in ber Steimoüjte getoachfen, biefes 
Meine Kulturlaub? 3 <*f man oerfteht bie liebe unb 
Perehrung bes Sinntänbers für fein £anb. <£s ift feinen 
fehleren, großen (EnttoicElungsgang ruhig gegangen, auch 
unter ber fjerrfchaft bes ruffifchen Seiches. HTan fpürt 
toahrlich eine echte unb große Panfbarfeit loyaler 



ffanffchcs Kadettenkorps Cn predriksbanut. 


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Sette 1 ( 360 . 


Hummer 29. 


2 Xrt noch rings im £anb, 3ugleich über tjaHt es 
roie ein fdjmerjlicfar Seufjer über bie lachenben Seen 
bin burch bie fiitfter raufchenben JDälber bis in bie 
nerfchatteten (Liefen, mo bie Sagen unb XDunber wohnen, 
unb ber Schaß moosbumpf perhattt . . . . 

Uber ift 5innlanb nicht mirflich bas*£anb ber norbi* 
fchen tDunber? Da liegt hoch oben im Horben, am 
Corneafluß, iin (ßouoernement Uleaborg, ein 5 els — 
„Upafa^a" pou ben Ulten benannt. <£r ijt nicht einmal 
fo hoch, bloß 200 unb einige UTeter über bem UTeeres* 
jpiegel, aber menn UTittfommernacht ijt, bann per« 
jammelt ftch oicl Dolfs oben auf feiner Kuppe, um bas 
große IDunber 3U fchauen, unb fpielt fonberbare Spiele, 
bie non Urpäter3eiten her bort oben gefpielt rnorben, 
■unb (6e fange er Hingen, morin manch alter ®ott noch 


michtig mie ber (Sranit, por adern ausbauernb mie 
feines Ucfers magere Krume, aber auch reich in 5 rucht 
mie ades Schmergemorbeite ift ber 5 innlänber. Unb 
bas ftnnifche Volt ift eine Hation, geprüft, gereift, eine 
ftarfe, leiftungs* unb miberftanbsfähige Kulturnation. 
Unb mie liebt ber 5 inne fein £anb, fern „suomi!" Die 
£iebe ift einjig in ihrer Urt — (Sermanentreue mit ber 
leibenfchaftlichen <§ämgfeit ber Ugrotataren gemifcht, 
toie mir fte an ihren Srammesbrübern, ben Ungarn, be* 
tounbern. Unb manbem jeßt auch 3ahlreiche 5 innen 
aus, befonbers junge ZHänner, bie nicht rufftfehe Sol* 
baten merben moden, ba fie nicht mehr finni|che fein 
fömten — aus bem Kuslanb fließen (Selber über (Selber 
in bie ftnnifchen Sparfaffen für bie 3urücfgebliebenen 
(Eltern unb (Befchmifter, ber «gufammenhattg 3erreißt nie, 



Der Xmatra: Die grössten BtromfcbneUen von Guropa. 


lebenbig ift. Die Sonne aber fcheint mahrhaftig ftiß 3U 
flehen. Sie geht nicht unter. Wenn fte herabgefunfen ift 
in bie blutroten, bunftigen Chäler bes fjor^onts, bann 
fcheint fte jaubernb 3U ruhen, als märe fte bes IDanberns 
mübe, am Hanb ber fleinen Erbe, mährenb Spiel unb 
(Befang laut merben — ein fchaubernb Erbeben geht 
leis burch bie meiße Hacht — unb mit perjüngtem 
feuchten hebt bie marme Sonne ftch empor 3U 
neuer Udmacht. Unb mahrlich ein (Sott ber fleinen 
<£rbel Unb bie lüunber ber meißen Hacht merben ade 
3 ahre lebenbigl Der Äinulänber glaubte eher, bie 
Sonne fei einmal in biefer Hacht hoch unter* 
gegangen, unb unfer Utt märe geftorben, unb bie 
XDelt märe Äinfternis gemorben, als baß er an feiner 
XDc It, an 5 innlanbs «§ufunft 3meifeln Fönnte. Croßig 
unb unbeugfam mie bie metterfefte 5id?te unb 3äh 
auie bereit felfenfprengenbe U>ur3eln, hart unb ge« 


unb fei er auch noch fo lange fern gemefen, es fomntt 
ein Cag, mo ber 5 innlänber bas in bie 5 rembe mit* 
genommene Stücf X}eimat unuerfauft unb treu geborgen 
in feinem fje^en nach fiaufe 3urücfträgt. Unb fehrt er 
3urücf in fein heißgeliebtes »suomi«, fo finbet er bieeinft 
uerlaffene fjeimat als mirfliehe f^eimat mieber por. Wie 
fodte ftch oiel änbern, mo 5 elfen ftehen? Unb — bas 
ftnnifche Dolf ift eine Hation unb feines £anbes Kinb, irt 
ihm gemachfen, feiner Urt entfprechenb gemorben unb 
ftarf gemorben, mit ihm (Eins. Der 3matra, jene ur* 
gemaltige Siromfchneüe, bereit U?affer in emiger Uner- 
fchöpfbarfeit burch bas enge felftge Bett bahittftürmen, 
brauft unoeränbert in bie Ciefe, mit einer milben Kraft, 
als gäbe es ferne Hüacht ber (Erbe, bie er nicht in 
Splitter trümmern fönnte, fo baß man uor ihm in bie 
Knie ftnfen muß. Das nationale ZHoment, mo es un¬ 
gebrochen unb ftarf ijt, ijt auchHatur, auch eine folctje. 


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3 .- 












ZTiimmer 29. 


Seite *56^ 



Der Qafmafee bet punkabarju. 

ptjotograptyfefre 2Iufnal}me. 


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Seite { 562 . 


ZTuminer 29. 


feft in ftd? beruhen&e, unerfd?ütterliche Urfraft. Die 
alten grauen, tDoljlgepflegten 5eftungs» unb ©lafs* 
bürgen aus bem Zttittelaltet flehen feft am blauen, 
lachenben Saimafee, 3»ifd?en feinen garten, grani¬ 
tenen Ufern, unb hinauf in ben ZTorben. 5 innlanb 
hat nicht nur feine ©efd?tch*e, es hat auch pietät unb 
Crabition. 3f* UTauermerf auch uralt, es ift- nicht 
oercoittert, es liegt nicht in Huinen. Sage unb ©e* 
fdjichte oererbten manch unjerftörbares BoH»erf oon 
©eneration 3U ©eneration. Unb bie ftnnifche 3 ugenb 
»eiß, »as ftarf ift, unb »as ftnnifch unb bem 5inn* 
länber heilig* 

Siegt über bem fchroffen ©eftein ber Sfären 
unb ber Seeufer, über ben »eiten 5 ichtenn>älbern, ben 
KTooren unb auch über ben lieblichen, pappelbeftanbenen 
unb birfenumgrünten 3nleln, »ie punfaharju eine ift, 
ben füllen) frieblichen lPalb»iefen, bureb bie bas Elch 
feinen fchmalen pfab getreten, ein Schimmer t>on poeti- 


fcher 5 ch»ermut, oon Heftgnation; ift es, als hörte man 
in bem bumpfeit tPalbesraufchen einen büfteren UTänner* 
fang oon Enttäufchung unb (Entbehrung — an Kraft 
fehlt es. nie unb nirgenbs! Unb ficht man bie feft» 
gefügten fauberen Bauernhäufer neben ben reid?»ogenben 
Kornfelbern, fieht man bie fd?u>erbelabenen finnläubi* 
fchen Kauffahrteijchiffe ins Kuslanb bampfen unb bas 
bewußte Seben ber Stäbte — bann »eiß man, baß bie 
(Enttäufchungen 3U Siegen geworben unb baß Ent* 
behrung unb Kampf — reiche 5 rucht getragen haben. 
Klan lernt es auf einer IDanberung burd? ben mitter¬ 
nächtigen Kulturftaat begreifen, baß biefes Pottes 
fchweigfante, felbftänbige unb oielgeprüfte Kraft nicht 
ohne weiteres 3U ©runbe gehen fann, »eil et»as 
Urgefunbes, für alle Seiten Bobenftänbiges in ihr liegt. 

Ulan befehle hoch bem IDilbftrom 3 matra, fein 
taufenbjähriges Bett 3U oerlaffen unb fanft »ie ein 
IDiefenbächleiit bahinsuplätfchernl Saft. 


{jj 


gso Nacht am ]Meer. gss 


Wie Purpur das IDeer und wie Silber der Strand - 
Auf wogender Bruft eine {ebimmemde Rand. 

Dod) du trö(te(t, du kummergebietende naebt, 

Uiie tonft nid)t dein Kind, das zu 5üßen dir warbt. 


Denn wer wagte es, febwermutumtebattetes Raupt, 
Und bat deine Stirn {einer Krone beraubt? 

(Das verbttllft du, o mutter, (age: vor wem? — 
Dein Stemengefcbmeide? — Dein Cicbtdiadem? 


Du febweigft. Und es fcblafen die Cande ringsum. 

Die Rimmel find leer und die (Deere find ftumm. 

Weift gleisst hur der Strand wie ein {ilbemes Band: 

Durd) das Dunkel des Schweigens die grüßende Rand! 

7obti Henry Jttadtay. 

— ( U ) 


ßymnaftik mit dem Randtucb. 

^iei 3 u bie pbotograptjifdjen 2tufnafjmen Seite 1363. 


Pie Hbbilbungen 3Ctgen eine Perwenbung bes f}anbtud?s 
3ur Pornahme förperlidjer Hebungen, bie man bem 33 aben 
ober ber Hbwafd?ung folgen laßen fann Pie IPirfmtg wirb 
baburd? befonbers burdjgreifenb, baß bie Hebungen mit polier 
HMensäußerung ausgeführt roerben müffen, inbem bie £?änbe 
bas Cud?, bas fie etwas über Hrmlänge poneiitanber entfernt 
gefaßt galten, burd? feften gug fpanneu, als wenn fte es 
3erteißen wollten. 3 n ^ cr Kusgangsftellung unb beim 
§urücfgef?en wirb bas Eud? leidet gefpannt. Bei ber Ein« 
Übung ftellt man ftd? fd?räg 3um Bilb auf, bie rechte 
Körperfeite 3U if?in hm. 

Kbb. {. Stellung i: Hrme porgefjoben. 

Hbb. 2. Pon ber Stellung \ aus Beugen ber Hrme unb $eben 
ber f erfen. Porftrecfen ber Hrrne unb Senken ber Werfen. Piefe 
beiben Bewegungen werben etwa 3ehnmal ausgefüfjrt 3 n ‘ 
folge ber e^ielten Pefjnung bes Bruftforbs eignet ftd? bie 
Stellung 2 3unt Eiefatmeit (bei gefff?laffcnent HTunb). 

Hbb. 3. Pon ber Stellung t aus Porfpre^en bes mäßig 
gebeugten linfen Beins bis 311m Berühren bes Eud?s. Senfen 
bes linfen unb Porfprei3en bes red?ten Beins. 


2 ibb. Pon ber Stellung ^ aus Seitfprei3en bes linfen 
Beins unb Seitfd?wingen ber Hrme nach linfs, Senfen bes 
Beins unb Porfd?mingen ber Hrme (Stellung 0 * Parauf 
entfpred?enb bie Hebung red?tsf?in unb IPieberholung wie bei 
Hbb. 3. 

2 lbb. 5. Stellung 5 : Hrme f?ocbgchoben. 

2 Ibb. 6 unb ?: Pon ber Stellung 5 aus wirb ber Kumpf 
burd? Beugung im £?üftgelenf möglid?ft geftreeft porwärts 
geneigt. Hrme unb Kumpf magered?t, ber Kopf etwas 3urücf« 
gebrüeft, bie Körperlaft ruf?t auf ben Werfen. 

Hbb. 8 . Pon ber Stellung 5 aus Beugen unb StrecFen 
ber Knie bei hod?geh°tett*n Hrmen unb aufrecht gehaltenem 
©berförper. 

Kbb. 9 unb to. Pon ber Stellung 5 aus Beugen bes 
linfen 2 lrms unb SeitwärtsfenFert bes geftreeften rechten. 
Pas Euch fontmt fd?räg auf ben Kücfen. Pie linfe l^anb 
3ief?t bas obere Eud?enbe hinter ben ©berarm. Pann werben 
bie Hrnte ho^gefchwungen, worauf ber rechte Hrm gebeugt 
unb ber littfe gefenft wirb. 

2 lbb. u* Stellung \\i Krme gefenft 



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Hummer 29 . 


Seite {565. 


W~ 


6yirmafttfdu Hebungen mit dem Randtutb. 

Kufnabnten ron Karl Sd>ul$, .Köln-£inbentbal. 



2 Ibb. 12 . Don ber Stellung [ \ aus Sinfsbrebett bes 
Humpfes mit Doripärtsbochfchunngen ber Hrnte; bie ^füße 
bleiben feft* Huf bem gleiten IDeg Segnungen ber Hrme 
mit Dorroärtsbreben bes Humpfes. 

Hbb. 13 . Don ber Stellung 5 aus Bumpfbeugen por» 
inärts mit (Eieffdjtoingen ber Hrme. 

2 Xbb. H. Stellung i^: (Euch magerest por ber Stirn, 
Kopf unb €llenbogen 3urücf. 

Hbb. 15 unb 16 . Don ber Stellung^ 1^ aus weites 
Hücfßelleu bes linfen ,fufjcs mit gebenjtanb (^ferfe gehoben) 
»nb Kniebeugen rechts. 

Hbb. 17 . Don ber Stellung 5 aus Sdjmingen ber Hrme 
mit Dorbeugen bes Bumpfes unb tiefem Beugen ber Knie 
üormarts tief. Die füge bleiben mit polier Sohle auf bem 


Boben, bie Hrme legen ftdj gegen bie Kniee, unb bas (Eudf 
iß möglidjß tpeit por ben f üß cn bem Boben nahe. 

Hbb. 18 , 19 unb 20. Don ber Stellung U aus tPtrb 
ber linfe Hrm gebeugt über ben Kopf gehoben (Hbb. 18) 
3um Heber beben bes lEudjes rücfmärts in bie tiefe Haltung 
tpageredjt hinter bem Bücfeit (Bilb 19 unb 20). Der redete 
Kr nt bleibt geftreeft. Das Ueber beben portoärts gefdjieht mit 
Beugen bes rechten Hrtnes, ber linfe bleibt geftreeft. Had? 
ettpa fünfmaliger Husfübrung biefer Hebung beginnt ber 
rechte Hrm mit bem Heberbeben rücfioärts, unb ber linfe fjebt 
portoärts über. Schließlich bleibt bas (Euch hinter bem Bücfeu 
3uin (Eiefatmen, bas bureb Huf* unb Hbgehen unterbroden 
merben Fann. §uletjt läßt eine bjanb bas (Euch los. 

£?. Coljmällcr. 




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Seite J36^. 


ZXummer 29 



p f e f f c* r * u 11 b S n 15 g c f ä %. B I u m e tt f dj ci I rf? c n. 


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Silbernes Beftcch. 


<£.ierbedjer unb £la f djentcller. 5‘9 arrcnljcd ? ei: - 

Druca Tifdjgerät. 

£)icr 3 u 3 Uufnofynen oon ED. van Oelben, Berlin. 

tDie alljährlich, fo f)at aud? in biefem 3 ahr bie (große Berliner 
Kunßausßellung ber angemanbten Kunß, ben »erfdjönernben unb 
»erfeinernben Iftitteln. unferes £ebeits nnb Krbeitens einen nid?t 
unbebeutenben plafc ein geräumt. Unfere einheitliche Stim¬ 
mung »erlangt nicht nur Kunßmerfe im (großen unb fünft* 
lerifdje £eißungen, bie ber Kugenblicf genießt, mir mollen 
unfere gefamte (Ehätigfett, unfer tDirfen unb Sud?en ringsum 
anfüllen unb umgeben mit gleichwertigen Schöpfungen, bie in 
£inie, (form, (färbe unb (Eon ßd? harmonifd? unferer iitbioi* 
buellen perfönltd?Feit anpaffen. So werben Qaus unb gimmer, 
Ulöbel unb (gerät Kunßleiftungen, bie Fünßlerifdjes Zeugnis ob¬ 
legen »on bem (Sefdjmacf feines Beßfcers. Diefe erfreuliche 
Knmenbung ber Kunft geht immer mehr ins Kleine, ins (Ei^elne. 
tt)ir bringen h*e* neues (Eifchgerät, bas ftd? in feiner (Eigenart 
gewiß bie £iebe bes aufmerffamen Befdjauers erwerben wirb. 
Uber man muß fleh hineinfehen in biefe Kiebifunßarbetten, bie 
uon h crntanu friling gefdjaßen worben ftnb, h* nc W e *l en etwa 
wie in ein neues Bilb, in ein Porträt, um bie hatnionifche Der- 
binbung »on praftifdjer Derwertung unb fünßlerifcher Derarbeitung 
erfennen unb anerFennen 3U fdnnen. Die Blumenfchaie, bie 
(Eierbecher unb (flafd?enteller, ber gigarrenbedjer unb bas Pfeßer* 
unb Sa^gefäß, bie färntlid? in (Ebehinn gearbeitet finb, fallen 
burch ihre ßdjere Stabilität unb bie einfachen praftifd?en £inien 
wohithuenb auf. Über auch bas in Silber angefertigte Kaffee- 
unb (Eheegefchirr unb bas fchwere ßlberne (Eßbeßecf laßen nirgenbs 
praFtifdje Derwenbung unb Fünftlerifche Beherrfd?ung bes HTaterials 
uermißen; bie h<* u Ptf(Khe in angewanbten Kunft iß fß er 
achtet: es iß alles motiüiert, es fehlt jebes Ueberßüfßge. IDer an 
biefem HTerfmal feßhält unb fo mobeme KleinFunßwerfe betrachtet, 
wirb balb ein jreunb biefer eblen Bereicherung unferes Fünßle* 
rifchen Kußenlebens unb ber Dertiefung aud? unferes inneren Seins. 



Kaffee- und Cbeegcfdrfrr aus Silber. 



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Stummer 29 - 


Seite { 363 . 


Im Bmrnljaus oon Luthmüljlnt. 

2tomau pon 

s<«iu6. JVtarie Durs. 


uth mar mirflich blafj uitb 3eigte einen ab- 
gefpannteu Kusbrucf. £}err pon pontom 
hatte pch alfo bei Eifdj bod? nicht über fte 
getäufdit. Ein paarmal ergriff ihn bie 
Kug.'t. IDenn es £}ans IDilhelm nun mirflich Entft 
bamit märe, baß er äße ©efühle für Uuth über 23 orb 
gemorfen hätte? Km liebpeu märe er 3U ihm ge¬ 
laufen: 2timm pe hoch, 3unge, id? gebe pe bir ja. 
UTupt tiid?t gleich fo rabiat fein unb bas Kinb mit bem 
Sab ausfchütten. Sie ip bod? noch gan3 biefelbe, nur 
ein bifechen reifer unb ruhiger. Du follft fd?on nterfeit, 
mas bu an ihr befomtnP. Solche UTäbels mie meine 
Kuth pnb nid^t im Dufoenb 3U habeul 

(ßaii3 biefelbe? 2 Xd? nein, bas mußte ^ans IDilhelm 
bcper. Sie mar burdiaus nicht mehr biefelbe. 

Damals mar pe ein unbänbiges < 5 efd}öpf gemefen, 
mit Äeuer im Slut, in jeber Semegung milb unb ebel 
mie ein rafpges, junges Cier. 

^eute —? Konnte pe beim überhaupt noch lachen? 
Damals lachte pe funfenfprühenb, fo felbftpergeffeit, fo 
poß anftecfeuber Kraft. 

Es marb ihr piel ber £}of gentadtf, befonbers ihr 
(Cifd^herr, ber Krttßerip, fdpen förmlid? eiferfüdpig be¬ 
müht. Sie mar ja ein hübfches Uläbdjeit. liaits 
IDilhelm härte pe aud? einmal ladien, aber es mar 
nichts bahinter — feine Seele, bie mitladjte. 

3 hre Kugeit fahen nach burchlittenen ZIäd7ten aus. 
Kuf ihrem gan3en IDefeit lag bie Ueife bes Sd7iner3es. 

Sie fprachen miteinanber unb fahen pd? an. Sie 
mußten beibe, baß pe nicht mehr bie alten maren. 

Huth bachte: er hat es pöflig übermunben. Eine 
mübe, unfäglid] bange Craurigfeit fchlidi pd? in ihr £^5. 

Es mar in feiner Unterhaltung fein Dermeibett alter 
Erinnerungen. Kein 5 ußeu auf neuen Erlebuiffeit. Er 
fnüpfte ruhig an ( 5 efd?ehenes an, als enthielte bas 
läitgP feine Stadieln mehr. 

Huth mußte, baß er jefet über alles im Klaren mar. 
Der fünf UTinuten hatte es ihr ber Dater im Dorbei- 
gehen gefagt. Da hatte pe mit gittern feiner Kuiiähe* 
rung entgegengefehen. 

3efet oerftanb pe ihn pläfelidj fo flar: er hatte ge¬ 
raten unb übermunben. So mar er — fo mußte er fein! 

Dem Krtiflerieleutuant gepel ihre Unterhaltung mit 
Dr. ijaefe nicht. Uber er empfanb es hoch als im* 
paffenb, pch ba hinein3ubrängeu. Die beibeit faimten 
pch pou früher her, hatten gemiß alte Sesiehungen — 
bagegen mar nichts einsumenben! 

„bjaben Sie fchon meine Sdjmefter gefprod^en?" 
fragte Uuth- 

„(ßemiß. Sie ip eine leud7teitbe 3 ^apration 3U bem 
alten Cieb: 

,Unb roann ift £ieb am tiefften ? 

IDarm fie am ftillften ift * 


Dod] es ip eine alte Erfahrung, baß ber (Slücfs- 
begriff bes einen nicht in bes anbent Cafche paßt. 3^7 
freue mid7 aber, baß bem brauen Philipp ein fo fchönes 
Cos in ben Schoß pel. Er fchäfet es auch genügeub, 
mie id7 fehe." 

v 3 a, er fdjäßt es, 11 fagte Uuth. Dabei mußte pe 
faum, mas pe fprad7. 3 h f e Kugeit gingen mit einem 
bunflen, fd7mermütigeu Kusbrucf an Bans IDilhelm porbei.- 

3 » bem Kugeitblicf trat Kuna- 23 eate h er 3U, unb er 
30g fid7 3urücf. 

XX. 

2Tun mar bie laufe porüber, jeber an feinen ©rt 
3urikfgcfehrt, unb alles mar äußerlkh mieber, mie es 
gemefen mar. 

Ein unfreunblicher £}erbp ging in einen frühen 
IDiitter über. 

^err pou pontom brad7te feine Cage in innerlichem 
germürfnis tim. Es mar alfo bod7 gefdjeheu: biefe 
ppan3e mar mit ber IDu^el ausgeriffen! 

Das alte, pergrämte 5 räulein pon IDolfgaitgs Cauf- 
biner fpufte burd7 feine Eräume. UTit 3äher Selbß- 
peinigung forfchte er beftänbig in Huths (Sepd7t. 

IDurbe es nicht fd?oit alt unb fchrumplig? geigten 
pch um Kugeu unb UTunb nicht fchon bie bäfen ^ältchen? 

Er mürbe tteroös in biefer imntermährenben Quälerei. 
3 cber Cag, ber ins Canb ging, perurfachte ihm Kip- 
briiefen, benn jeber Cag brad7te Uuth ja bem entfefc- 
liehen Stabiunt jenes alten 5 räuleins näher. 

UIand7mal brachte er es fertig, iitnerlid7 fo recht 
pon I}er3eu heraus auf Baus IDilhelm 3U fchelteu. 
Das erlekhterte ihn mie ein frifd7es 23 ab. Kber es 
hielt nicht por. 3 a näd7Per Stunbe fchon png bas 
(ßemipeit mieber au 311 3micfeu unb 3U bohren. Unb 
er hatte itiemattb, ber ihn mit Karen, fepen 23 licfen an- 
fah, bie Siiitbeit feiner Dergangeitheit mit reifer Er- 
feuutnis burchleud7tete, bap pe pch fchmar3 abhobeu pon 
ber Beeile bahinter, aber bodi angreifbar, mie ein ehr¬ 
licher 5*iub. 

2 Tein, fo einen hatte (Söfe pou pontom nicht 3ur 
fjaitb. Er Pecfte fd7ier hoffnungslos itt ben fürchter- 
lid7eu Schliugppaii5eu, unb menit er einen Krm frei, 
hatte, fap er mit bem 5ufj mieber barin. 

gu Huth fagte er nid7ts pon allem. Um ©ottes 
mißen# bie auch nod7 aufmerffam mad7en! Kber er 
3erbrach pd7 beit alten Kopf, mas pe mohl bächte unb 
mie pe ittuerlid7 3U fjans IDilhelm ftänbe. 

Den Kopf fonnte er pd7 fre‘tlid7 lauge 3erbrechett. 
Ehe ein junges 5rauenher3 bas ausplaubert, mas es in 
fold7ett Dingen beuft, unb nod7 ba3u bem alten papa, 
ba lügt es lieber bas 23 laue pom Bimmel h^ranter. 

Küerbings, pe ging blaß einher uitb mar pou einer 
perräterifd] fttßen, etmas fchmermütigen ireimblichfeit. 



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Seife J366. 


Hummer 29 


2 lber fie juefte nid?t 3ufantmen, menn fein Harne ge« 
nannt mürbe, fte errötete nicht unb I^ielt fogar etmaigen 
(ßefpräd?en über itjn jtanb, bie (ßöß pon pontom por* 
ftd?tig ansufdilagen magte. 

Hein, auf fold?es Httpod?en burd? bie üblichen 
£}ämmerd?en unb Klopferd?en antmortet bie junge 
Ärauenfeele nicht. Da fann fie fo fyerb unb fühl fein 
unb aße Hiegel Porfd?iebeit, meitig geftört burd? bas 
jammern ba braunen. 

Das müßte fd?on ein anberer Sturmminb fein, ber 
biefe Hiegel pon ber Pforte reißt I 

Hber ber Sturmminb braußen fd?lief, unb brinnen 
f?errfd?te bas große, munberbaire Sd?meigen. 

Hur ein leifes Hegen in bem Sd?meigen, mie ein 
tDeflenf räufeln im HTorgenminb: bie erjte, tiefe Sehnfud?t! 


Dev erjte Schnee fiel. Schon im Hopember mar 
man eingefd?neit auf bem flißen f}erreithof. 

„Hufd?el,* fagte ber Pater. „lüoflen mir uns nicht 
ein bißchen Cuftigfeit ins f}aus fd?affen? Hlte Hefaimte 
einlaben? 3 ns Cl|eater fahren?" 

Da lächelte il \n Huth an. „Das laß nur tjübfd? 
bleiben, papa! Da3U fabelt mir ja gar fein (8elb. Ä 

Hber nicht im (Eon ber Entfagung fprad? fie bas. 

Heber ihren Husbrucf babei mußte f}err pon pontom 
lange nachfinnen. Es mar überhaupt permunberlid?, 
mie gut er ftd? jefet auf bas Sinnen perftanb. 5rüfyer 
— ad? bu lieber (Sott! 

21ber menn man alt mirb unb bas Hheuma in ben 
Knochen ftßt unb mau bie pferbe nicht mehr hot, bann 
perfäßt mau eben auf fold?e Hefd?äftigungen. Sie finb 
menigfieits geräufd?los unb Fönnett in ber marmeu Stube 
abgemacht merben. Hnb aßmählid? munbert mau fid?, 
baß mau früher gan3 ohne fo etmas ausfommen fonute! 

Es märe aud? piefleid?t beffer gemefen, man fyätte 
es nicht jo gut gefonntl 

I}err pon pontom grübelte über Hutt?s Husbrucf, 
als fte läd?elnb bie (5efeßfd?aften ablet?nte. Hein — 
ein HTärtYrertum bliefte nicht baraus fyerpor, aber aud? 
feine offenfunbige (5eringfd?äßung. 

Wenn einmal Hefud? fam, 3eigte Hutt? basfelbe (Be« 
fid?t. Sie fprad? unb that, mas fie tl?un unb fpred?en 
mußte, es mar nid?ts Huffaßenbes in il?rem IPefeit. 
Kber l}err pou pontom fpionierte bod? 311 genau: im 
fjintergrunb it?rer Hugen mar eine Derträumtfjeit, eine 
Hbmefenheit ber Seele, bie ihn ergriff. 

Dabet perftanb er feine (Eod?ter gar nid?t, jtanb 
I?eute mie gejtern unb aße (Tage por 3ugejd?loffener 
(Ef?ür — ja, por Hätfeln. 

lOenn bie IDelt um fie l?er it?r innerftes 3utoreffe 
nid?t mel?r meefte, bann mußte es irgenbmo feftliegen. 
Das mar bie erjte flare Schlußfolgerung. Die 3meite: 
menn es irgenbmo feftlag, muß es bei I}ans H?tß?elm 
fein. Das mar fd?on ein etmas gemagterer Sprung, 
aber er glaubte, il?n fid? geftatten 3U bilrfen. 

Hun aber fingen bie fjafen unb IHirrniffe an. IPenn 
fie I}ans IDilhelm liebl?at, muß fie bod? miinfd?en, mit 
il?m pereint 3U merben. Dafür lag aber nid?t bie ge« 
ringfte Knbeutung por. Etmaige Hriefe l?ättc er be« 


merft, ba er ftets felbft bie pojitafd?e öffnete. Uitb ba 
feine berartige 2lusftd?t porlag, märe es bod? bie einige 
Konfequen3 gemefen, baß fte Hetrübnis ge3eigt hätte* 
Sie 3eigte aber feine Hetrübnis. 

Das moßte f}errn pon pontom gar nid?t in ben 
Kopf. Er fing nod? einmal pou porn an, fteßte aße 
feine Hetrad?tungen mieber an unb fam immer mieber 
auf feinen alten Schluß 3uriicf: fte müßte fid? grämen. 
Hber fie grämte ftd? itid?t. 

Hein — Huth grämte ftd? nicht! 

Hnb bod? marb bie Set?nfud?t in il?r jtärfer als 
bas Häufchen bes jungen HTorgeitminbs über bem tDaffer. 
Sie marb fo jtarf, baß fte oft in ihrer Einfamfeit bie 

f?änbe hob — jtammelnb: fomm-— 

Hber es mar fein Per3ehren unb (Srämen, fein 
Kranfen an unbefriebigten (Befühlen. 

Es mar bas Strömen ber Kraft, bas fie 3um erjien« 
mal empfanb. Das perhaltene 3oud?3en bunfler, um 
eingejtanbener (Bemalten: er Fontntt ja! Er fommt ja bod?l 


(ßlißentber Sd?nee in ber 3 onuarfonne. Beßer, 
flingenber 5rojt. Huth mar im parf, an ber 5luß« 
mauer, mo hinaus ber alte (ßärtiter ihr einen fchmalen 
pfab gefd?aufelt hotte. Hon hier ous fah matt meit 
über bie 5elber, über beit gefrorenen 5luß, bis briiben 
an beit Kiefernmalb, beffen «Jmeige ftd? pon ber Schnee« 
laft bogett. 

Solchen Husblicf mußte Huth hoben. tPeit herum 
unb meit hinaus! 

Sie hotte ein meid?es (Eud? um ihre Schultern ge* 
fd?lutigen. 3hr blaffes (Beftd?t rötete ftd? in ber flaren 
H>interluft. 

Ein (Eraum aus biefer TXadit moßte ihr nicht aus 
bem Sinn. Hod? mar bas (Erauntläd?eln in ihren 
Kugen, bie in bas IPeite fd?auten. — 

Kls fte Schritte hörte, maitbte fte fid? um. Da jianb 
ihr Craum lebenbig por ihr. 

Ein paar Schritte entfernt, unten por ben Stein* 
ftufen, bie auf bie fleine 21usftd?tsperaitba heraufführten. 
Vians IPilhelm mar in HTantel unb meid?em 5il3hut. 

Sein plößlid?es €rfd?einen feßte fte nicht in €rftaunen. 
3 hre Sehnfud?t hotte ihn ja gerufen. Sie hotte ja 
iüngft — längjt gemußt, baß er fommett mürbe. 

HTit einem ttad?tmanblerifd?en £äd?eln trat fte auf 
ihn 3U. Sie jianb oben an ben Stufen, unb er unten. 

€r aber mar nid?t ruht9, toie fte es mar. Hub 
jeßt, bei ihrem Hnfd?aun, als fte mirflid? — mirflid? por 
ihm ftartb, nicht nur im (Beiji, nicht nur in ber Er¬ 
innerung — ba 3erfIogen, 3erflatterteu aße bie grauen 
Hebelmänbe, bie ftd? 3mifd?en ihn unb fte gefd?oben hotten. 

3ähüngs breitete er bie Hrme aus — er mußte 
gar nicht, mas er tl?at. 

Hnb fte — bie Stufen hinunter — aße auf einmal 
— mit einem Sprung — mit einem einigen, mortlofen 
3ubelruf- 

Es mar fein (Eraum, er befaß fte. Er beugte ftd? 
über fte — „Huth —?" 

Eine 5 rage. Die Qual pon HTohaten lebte barin 
nod? einmal auf. gum leßtenmal. 


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UmraufcM von Gärten, wo der UJind 
verloren 

Die Blüten [freut auf unbetretne Pfade, 
fjocf) hinter IHauern und verfcbloffnen 
Choren 

Ragt einPalaft vonlüannorwie einCraum. 
Cief unten brüllt am fteinernen Geftade 
Das dunkle TDeer mit bergehohem Schaum. 


Doch raubt der Raufch von unvergeffnen 
Cagen, 

Die Du mir gönnteft, meiner Jugend Dächte, 
Und meiner CUünfche lüogenftürme fchlagen 
CUiId auf, wild auf mit meergewalt'get 
macht. 

Du fDarmorweib von fürftlichemGefcblecbte, 
Dach Deiner Schönheit königlicher Pracht, 


Ich ging mit Dir jasminumblühte Steige, 
Gin Abenteurer, den das Glück verwöhnte. 
Du warft fo fchön, — durch fommergrüne 
Zweige 

Brach von der Sonne ein verftreutcr 
Strahl, 

Der Deine Stirn mit rotem Golde krönte, — 
Und ich war Dein, — Dein König und 
Gemahl. 


Börft Du mein Rufen? Duftend fteht der 
Jlieder. 

Kommft Du noch einmal die umblühten 
Pfade? 

UJann winkt vom Söller des Palaftes wieder 
Dein weites Cuch? — Ich [eh Dich noch im 
Craum, — 

Und [föhnend brüllt am fteinernen Geftade 
Das dunkle IDeer mit bergehohem Schaum. 

fcai-l TanKlc*» 


Die (Qual unb bie ^raae: bift bu’s? Kann ich 
mir oertrauen? Kann id? fofchem Schicfjalsfpiel Der* 
trauen — ? 

€r fdjob feine £?anb unter ihr Kinn unb ^ob it^r 
<ßepd?t empor. Uid?t mehr Craummanbleraugen maren 
es, bie ihn grüßten. 

<D (Bott im £)immel, nein! lVad?e, lebendige, ftrah' 
lenbe HTenfchenaugeu! 

„Was fagft bu baju, baß id? fam?" fragte er leife. 

„IVas — id? meiß nicht." <£in meid?es Hot brängte 
fid? in ihre IVangen. „Du mußteft ja." 

„3ch mußte —* 

€r oerftummte in Hemegung. <D tVeistjeit, mie bip 
bu fo groß — unb reid?ep bod? nicht h^an an bie 
(ßröße biefes Vertrauens in geliebteftem £?er5en. 

„ 3d? habe bir hunbert Hriefe gefd?rieben unb feinen 
abgefd?icft," fagte er. „3m (ßrunbe habe ich P* mir 
felbft alle gefchrieben. 3<^? mar fo ein perrotteter 
Cheoretifer, fiehft bu. (ßlaubte gar nicht mehr an meine 
eigenen (Befühle. IVar fo munberfd?ön fertig mit allem. 
€s mußte mir erft bitter mehthun, ehe ich es begriff: 
bas lebenbige £eben läßt pd? nicht foppen. €s ift ba. 
Huth, es ift ba!" 

Huth hatte ihm mit halbem fächeln 3ugehört. Ver- 
ftanb pe ihn überhaupt? 3 n ihren Kugen las er bie 
lofe Kntmort: „IVas ift bas alles für bummes 5 eil g!" 

„Dummes geugl" jubelte er ihr nach. <£r 50g fie 


an pd? unb füßte pe, im Schnee, ben blauen IVinter* 
himmel über pd?. 

„Unb bip bu nicht mehr bie, bie bu marP, fo bip 
bu eben eine anbere Huth. Unb auch ich bin ein anberer! 
Unb es ip eine £äd?erlid?feit — eine £äd?erlid??eit, baß 
mir ohne einauber leben mollten!" 

„ 3 a — bas geht ja gar nicht!" rief Huth aus pollem 
fersen. 

<£r hatte pe nie füffen bürfen, als er am h^ife^n 
um pe gelitten hatte, IVar bie braufenbe IVilbheit 
biefer 3 a h r * mieber in fein Hlut 3urücfgefehrt? 

„Komm, fomm! IVir fpringen über bie HTauer, ich 
mit bir. Keiner foH uns fehn. 5 ^lbein bis brüben an 
bie £anbpraße. Ciuft habe ich öid? entführen moHen, 
nun thue ich es heute." 

IVie 5 lammen fchlugen feine tVorte über Huths f?er3. 
Sie hörte nichts, pe fah nichts, als nur ihn allein. Hlit 
ihr im Krm fprang er bie Stufen empor, bort — mit 
einem Saß, fchneU mie ein (Bebanfe fd?mangen pe pd? 
auf bie Steinmauer unb aufs freie 5 elb. 

HTitten im tiefen Schnee blieben pe ftehen. Sie fahen 
einanber an, unb plößlid? lachten pe beibe. <£in feliges, 
glücFsheHes £ad?en in Schnee unb Sonne. 

„IVas pnb mir 3mei für Kinber!" rief Huth. 

Da faßte £?ans IVilhelm ihre beiben £?änbe unb 
brüefte fein <ßepd?t hinein. „ 3 d? muß ja erP 3ur Vernunft 
fommen," murmelte er. „ 3 ch bin ja mie ein Sinnlofer —'" 


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Seite {o 6 d. 


Hummer 29 - 


Sd?tpieriger als bas Verabfpriugen toar bas Wieber* 
hinaufgelangen an ber glatten Blauer. ^ans Wilhelm 
müßte poraus unb feine Braut an ben Ejänben empor* 
3iehen. <£s ging Bei bem erfteu Derfud]. 

*3dj habe ja Flügel!" rief fte. 

Der fd]tnale, gefdjaufelte pfab, ber 311m f}aus führte, 
bot nid]t Haunt für fie beibe. I 3 ans Wilhelm mußte 
ft d] 3U Reifen. <£r hob Huth empor unb trug fte, bie 
mit beiben fjättben feinen HacFen umfd]lang. 

„ 3 ch Fann mein (Slücf nod] tragen!" rief er polier 
Hebermut. „Dann fanit es nod] nicht aüsu fchtoer fein." 


f)err pon pontom gefaltete Feinem, an5Unehmen, 
baß er ein nad]mittagsfd]läfd]en hielt. 

Aber heute pormittag mar er lange braußeit ge* 
mefen. Der Sd]itee F|atte ihn geblenbet unb erntübet, 
ba geriet Freute fein perjtofylenes £ehnftuhlfd]Iäfd]en um 
ein paar S°H tiefer. <£r fd]recFte erft auf, als feine 
beiben fjänbe erfaßt mürben. 

Ad] freilid?! <£s lohnt ftd] fd]on eitt3ufd]lafen, tpettn 
man beim <£rmad]en fold] liebliches Bilb por ftd] fielet. 

„Sd]Ocffchmerenot!" €in her3ensFväftiger 5 lud] aus 
ber Jchöneit Solbatenjeit mar bas erfte, mos ihm 3mi;d]cit 
bie Söhne fuhr. Aber mahrlid], bie beiben leuchtenben 
H 7 eujd]en por ihm fühlten ftch fetjr menig perflucht. 

HTan fiitbet fid? meit behenber in bas (ßute, als in 
bas Böfe. Diefe alte (Erfahrung ntad]te auch (ßöfe poit 
pontom. £s mar noch feine Stunbe perftrichen, ba fchien 
ihm ber £auf ber Dinge fchon bas Hatürlichfte pon ber 
Welt, unb er begriff es faum, baß er heute früh keim 
Aufftehen noch eine gan3 anbere Welt por ftch gehabt hätte. 

ZTTit ber Cittgemöhnung in bas (Sute aber fontmen 
gleich allerlei Cort unb Derbruß. 

„So, ihr lauft nun bauott, unb ich Faun allein hier 
fleben!" murrte er. 


„papa, bu 3ieh(l mit uns, natürlich!" rief Butt]. 

Unftitn! 3 n bas polnifche Heftl <£c rniffe etmas 
p’tel Befferes: fjatts Wilhelm folle bie unbanfbare Sd]ul« 
meifterei an beit Hagel hängen unb £aitbmirt merben. 
Dann fönne er £ucfmühlett Friegen. 

Da fah fjatts Wilhelm ben eilten fonberlich att. 

„Dater — ich bin pon £jer3eit Schulmeifier," fagte er. 
„Wenn ich ntit meinen Dreißig noch nicht fo eiugerpur3elt 
unb bobenftänbig in meinem Beruf märe, baß ich mich, 
mie_matt fjanbfchuhe mechfelt, bapon trennen Fann — fo 
Fönnte Fein ehrlicher Kerl uitb ich felbjt nicht BefpeFt 
por mir haben. 3ch bleibe auch fürs erfte in meinem 
fogeuannten ,polnifchen Heft‘. €s ift nicht fchön bort 
für Butt], unb ich mad]te es ihr gern häbfcher. 
21 ber —" 

€r fagte nichts meiter, er fah Bnth nur an. Unb 
fte biß bie Sahne 3ufammen unb ermiberte feinen Blicf. 

fjerr pon pontom gucfte mit fdjiefem (Seftcht in fein 
Weinglas. 

„Ad], fchmaßt bod] nicht erft lauge. ZTTit Ciebesleuten 
ift ja Fein Heben. ZTTacht man, baß ihr mir balb aus 
bem fjaus fommt." 

Da hn»<5 ihm Huth Iacheitb unb meineitb am £>als. 

„papa, bu mußt mit! 3ch miß Dich habet haben, 
immer unb immer!" 

Ha, bas geht fold]em alten Knafterbart fchließlidj 
bod] uod] gatt3 fad]te ein. 

„Ha, na, nun laßt mich matt. 3 <*? befud? euch fchon 
mal uitb bie Anita-Beate auch uitb ben Fleiitett pußigen 
Kerl, ben Wolfgang. HTuß mich als alter (ßroßpapa 
bod] noch auf bie Socfeit machen. So bas 3 ah* reihum 
unb 3mifd]euein in CucFmühlen. Unb bie 5 erien bringt 
ihr hier 3U, bas moHte id] mir ausgebeten haben. Dann 
mirb ja mohl bas bißd]eit £eben uod] immer anjtäitbig 
aussuhalteu feiitl" 

€nbe. 


Q-— " "H ) 

Was die Richter Tagen. 


Haftung für <£rbfd]aftsfd]ulben. 

Wenn and] im h* u ü$ en Hedjt nod] ber (Srunbfafc gilt, 
baß mit einer <£rbfd?aft aud] bie Sdjulben bes Derftorbenen 
auf ben < 2 rben übergeben, jo ift bod] ber (Erbe nid]t rer- 
pflichtet, perfönlid] für bie Sd]ulben eiii3utreten; er Fattn 
rtelmehr regelmäßig, aud] menn er nad] Kblauf pon 3 a ^ ren 
erft 3m Be3al]lung pon (Erbfd]aftsfd]ulben aufgeforbert mirb, 
ftch burd] Verausgabe bes Had]laßes pon meiterer V a f tu ng 
befreien. 

Der €rbe, ber mit ber Hegulieruug bes Had]Iaßes über¬ 
haupt nichts 3U tt]un h J ben mill, Faun am grünblid]ften 
immer nod] baburd] pon allen Weiterungen ftd] befreien, baß 
er bie <Erbfd]aft ausfd]lägt. Die 2lusfd?lagung erfolgt gegen¬ 
über bem Had]laßgerid?t in öffentlich beglaubigter ^’orm. 
ZIad;laßgerid]t ift bas Amtsgericht, in beffen Be3irf ber (Erb* 
laffer feinen lebten Wohttfi^ hatte. Die Ausfdjlagung ift 
aber nur mirtiam, trenn fie erflärt mirb por Ablauf pon 
fed]S Wochen, feitbem ber (Erbe pon bem (Eobesfall unb pon 
feiner Berufung — alfo 3. H. burd] (Eeftament-Keuntuis er¬ 
langt hat. 

Wer aus irgenbmeld]en (Srünben nid]t ausfd]lagen miU, 
ober mer nicht mehr ausjd]lagen fann, führt bie Bejd]ränFung 


feiner Raffung auf ben Had]laß baburd] baß er heim 

<Serid]t bie Had]laßpermaltung ober ben Had]laßFoufitrs be¬ 
antragt. 3 n beiben fällen mirb bie Hegulierung bes Had]* 
taffes burd] eine Pom <Serid]t beftellte perfoit unter gericht¬ 
licher Auffid]t bemirFt, unb ber (Erbe erhält, mas nad] Be- 
3al]lung ber 5d]ulben übrig bleibt. Die Had]laßpermaltung 
empfehlt ftd] naturgemäß por3ugsmeife für <fäüe, in beiten 
es 3meifelhaft ift, ob ber Had]laß überfchulbet ift ober nid]t. 

Sinb mehrere (Erben beteiligt, fo Föitnen fte nur ge- 
meittfam bie Had]!aßpermaltung beantragen. Sobalb ße bie 
€rbfd]aft unter fleh Perteilt haben, iß ber Antrag nicht mehr 
3uläfßg. Die Dermaltung Fann aud] auf Antrag eines Had]- 
laßgläubigers angeorbnet merben unb ^mar bann, meitn er 
mit (Sruttb beforgt, baß feine Befriebigtitig gefährbet fei. 
3 ß bie Had]laßpermaltuitg nid]t 3U erreichen, fo Fann jeber 
(Eibe allein immer nod] ben Had]laßFonFurs beantragen unb 
fo feine Haftung für bie ZTachlaßfd]ulben auf ben Had]laß 
befchränFen. 

Der (Erbe, ber bie ZTacblaßfd]iiIben nicht be3ahten miü, 
muß alfo häußg ben Umfang ber auf ihn übergegatigenen 
<Erbfd]aft barthuit. Diefen Had]meis Fann er fid? am ein- 
fachften ein für allemal fid>errt burd] 3 nDCn larerrid]tung, 
b. h- burd] Einreichung eines Ziadüaßoe^eidjuiffes bei bem 


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ttummer 29 . 


Seite 1369* 


tTadjlaßgericht. gu ber Aufnahme bes 3no*ntars muß aber 
ein 3uftänbiger Beamter ober XTotar hi n 3 u 9 c 3 ° 9 en werben, 
ober ber (Erbe muß bie Kufnatjme bei bem ZTadjlaggeridjt 
felbji beantragen. 2 Xuf Antrag eines Bachlaßgläubigers muß 
bas Hadjlaggeridjt bem (Erben eine friß 3ur (Errichtung bes 
3«oentars fetjeti. IDenn bies gefdjieht, fo ffeigt es auf* 
paffen. Denn wenn ber (Erbe bie gefegte friß nicht einhält, 


bann haftet er für alle Badjlaßfchuiben unbefd;ränft. Kbge» 
fefjen oon biefem fall tritt bie unbefdjrättfie Haftung fonß 
nur bann noch ein, wenn ber (Erbe abft^tlich eine erhebliche 
Unricbtigfeit bes 3 m?et rt ars f?erbcifüh r ^ ober toenn er bie 
(Errichtung bei bem nadjlaßgeiicht beantragt ty** unb bann 
bie Kusfunft perweigert ober abfidjtlidj in erheblichem, 
ftorenbem Ittaß oe^ögert. 


<r 




x> 


Knall ftgnale für Gtfenbabnen. 


gur Decfung eines auf of¬ 
fener Strecfe ober por ber (Ein¬ 
fahrt haltenben guges gegen 
gufammenßöße mit bem auf 
bem gleiten (Steife begnblidjen 
rollenbeu ITTaterial perwenbet 
man fogenannte „Knallfignale". 
Dlit Knatlpräparaten gefüllte 
Kapfeln werben im geeigneten 
momeut auf ber Schiene be* 
fefiigt unb beim Ueberfahren 
ber (ofomotioe 00m Habfran3 
3ermalmt unb baburch 3ur €nt- 
labuug gebracht. 

Die (Entlabung erfolgt unter 
einem mehr ober weniger ßarfen 
Knall unb entfprechenber Blitz* 
licht* unb Haudjentwicflung. 

3 e ftärfer bie Detonation, 
je intenfioer bie Blitzlicht- unb 
Kauchentwicf lung biefes Strecfen- 
fignals, um fo 3uoerläfßger feine 
XDtrfung auf bie Ejor- unb (Se- 
fichtsorgane bes Sofoinotipen* 
perfonals. 

IDer jemals Gelegenheit 
hatte, eine fahrt auf ber £ofo- 
motipe eines SchneÜ3ugs mit3u- 
macheit, bem wirb bas neroen- 
erfchütterube Dibrieren, ber be* 
täubenbe £ärm auf bem f ührer« 
ftanb unvergeßlich bleiben, uub 


£jier 3 « 2 pfyotogrcipbifdje Jlufnaljnien. 



Befcftigung der Patrone auf den Bchienen. 


ieber f achmann wirb ben großen 
JDert eines niemals perfageti* 
ben Knall fignals 3U f<hä$en 
wiffen. Die bisherigen Knall« 
ftgnaie 3eigen aber noch oiele 
f ehler,unb bie (Eifenbahntechnifer 
bemühen fich beshalb, bem Debet 
burch ein „patent" ab3uhelfen. 
(Einem jungen frai^ofen ift es 
benn auch gelungen, eine Knall« 
fapfel 3U ergaben, bie ungefähr 
bas Bereinigt, was ber fach¬ 
mann oerlangt. 

Beim Dorführen biefer 
praftifchen Klarmfapfetn auf 
bem Uebnngsterrain ber Be¬ 
triebsabteilung ber €ifenbahn« 
brigabe würbe ein bebeutenb 
fchärferer Knall, ein größerer 
fenerfchein unb eine intengoere 
BauchentwicFlung foußatiert 
als bei ben fonß gebrämhlichen 
Knallggnalen; ba3u fymbltchfeit 
beim Befeßigen auf ben Schienen 
unb fein Derfager. 

IHan follte nicht glauben, 
baß ein folches Ding von <Ei- 
größe fo oiei Speftafel macht 
unb trotz ber intenfioeit <£$plo« 
gen nicht . fchäbigenb ober 3er- 
ftörenb auf bie Schienen wirft. 



Rauchentwicklung bei der 6ntladung der Patrone. 

l?ofpbot. (Dttomar Unjdjttß, Berlin. 


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Seite 1370 . 


Hummer 29. 



Steinlager zum Hufrichten des Deiches. 


Der Qferfchutz an der JVordfeeküfte. 

Qterju 3 pbotograpbifd?e Jluftuibmen. 


Wie überall in ber Hatur ein (Schert utib Werben beobachtet 
werben Fann, fo auch an ben UTeeresFüßen ber Horbfee. Pie 
(ßefchichte lehrt, baß an ber WeftFüße von Sdjleswig-Fjolßein 
3. B. bie jetjt vorliegenben 3 n f e ^ wi* Pellworm, Horbßranb, 
Kmrum, Sylt u. a. früher mit bem (feftlanbe oerbunben 
waren, burch mächtige Sturmßuten aber abgeriffen ßnb unb 


3erf lüften unb 3U 3erreißen; auf unferm erjten Bilbe fehen 
mir bie nTaterialien lagern nebft (frühftücFs* unb Defperhütte 
ber Arbeiter, hierbei ift es intereffant, bajj bie bort lagern« 
beit Steine in ber Oftfee geßfdjt, mit Heineren Schiffen 
burch ben Katfer WilhelniFanal nach ber Horbfee gefchafft 
unb hiff entlaben werben, um, an (Dtt unb Stelle gebracht, 



Die Steine werden dem Ufer vorgelegt. 


je^t ifoliert in ber Horbfee liegen, bem IKutterlanbe ge* 
miffermafjen als Wellenbrecher bienenb. Per Küßenbewofjner, 
ber fich in ßetein Kampf mit bem UTeer beßnbet, hat beshalb 
fein KugenmerF barauf gerichtet, wenn auch nicht in allen 
fällen bem UTeer tuieber Sänberßtecfen abjuringen, fo hoch 
bas, was ba iß, bem PTutterlanb 3U erhalten. §u biefem 
§wecf werben Fünßlich Pämme aufgeworfen, beren Seefeite 
burch vorgelagerte SteinbecFen vor bem Übbröcfeln gefetü^t 
wirb. Welle auf Welle nagt ja an bem Ufer, um es 311 


ber branbenben unb unterfpülenben Horbfee ein gebieterifchcs 
l?alt entgegeu3urufen. Wie bie Steine bem Ufer vorgelagert 
werben, 3eigt bas 3weitc BUb, wo mit Jammer unb fjebe« 
ßange ihnen bie richtige (form unb Sage gegeben wirb. Pas 
britte Bilb enblidj 3eigt einen vollenbeten Seebeich mit 
vorgelegter fertiger Steinbecfe unb bringt fo recht Flor 3ur 
Parßellung, wie bie über bas bjinbernis fcheiubar wü« 
tenben Wellen ohnmächtig an ber Steinbecfe abprallen unb 
3erßieben. _ n . 



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S3ilder aus aller Welt 



«urrerrport in Sngland; Ruderübungen vom feiten Sitz aus. 
pl}otogrüpt}i|d?e Ittomcntmifnafyme. 



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niTfl 

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tfif) 





Hue dem Hamburger dportleben: Die Htfterregatta des „fforddeutfcben Ruderbimdes“. 

ptjot. Sd?aul, Hamburg. 


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jvioacrnc fussartülcrugcfcbützc: i\ cm-Dörfer in Cbätigkeit. 
ptjot tDalter 3aeobi, lllrfc. 





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I 


Die Quetötbalfperre bei jtforklüTa im Bau. 

pbot. €uacn 5cibt, Caubmi. 


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Hummer 29. 



Der Käferpreis 

311111 XX. fllittelbeutfdjen Bunbesfdjiefjcn 
in 5d?önt)ol3 bei Berlin. 


Baronin pan ^uylen. <S 5 raf paul S3apürY, präfibent bes 2 Iutomobilflubs. 

Die franzöfirchen Hutomobüiften in Budapeft. 

pbot- €. Brob, Bubapeji. 


Serien in Berlin: 

Hbretfe der ferienholoniften nach den Oftfeebädem 

pijot. < 5 . Buffe, Berlin. 


Der Bbrenpreis de® Käfers 

für bas Camntennistnrnier in Qoppot. 
pbot. ID. Coren3, ^PP 0 *- 


Scbluöö des redaktionellen Ceils. 


>V 


























DiewocHe. 


Hummer 30. 


Berlin, den 26. 3uII 1002. 


4. Jahrgang. 


Inhalf der Hummer 30 « 


Pie ftrben (Tage bet £Pod?e.1375 

Um(d>cu.H375 

Pas Sdiiffsmtalfitf bei Pamburq. . ,..1376 

^emiprecben otme Prahl. Pon'Pr $rift Brmbarb.1377 

Berliner ©äfte ;... . 1378 

Pas lefjte ZTIcxI nuf beni OT<irfu$turm. Bon Peter Hofenget.1379 

Pie (Toten ber IDodje.'.1380 

Bilber vom (Tage. (Photograpbifdje 21ufnnbnirr0.1383 

€s war ein alter König . . . Don Hubolpt? Straft, (^oiticftrr.a't . . . 1^91 

Pas Canb ber unbegren 5 ten mögHd?feiten. Pon fubwig Blär ©oibberget, 

ß Berlin. II..'.J395 

(Eine föniglidie 5orjd?ungsreiftnör. Pon €ugen IPolf (Hotimannsböb). 

(Pitt 7 TIbbilbnngen) . ..1399 

Canbunasmandoer. JTlilitärifdbe Sfi$$e poii (Sraf <2. Heoentlow, Kapitän* 

leumam a. P (ITTit 5 Kbbilbungen).1402 

Ktnberfrft» im freien. Pon P. ©oebeler. (IHit 7 Kbbilbungen) .... 1405 

Pie Kapu 3 inerd?en. Sfijje von Käthe Sd?irmad?er, paris.1407 

(Bartenrub. ©ebidjt oon QChaffilo oon Sdjeffer ..1409 

Patentmobelle. Bus ber HuntFelfammer ber €rfinbungen uon 21. (Dsfar 

Klaufttnann. (mit 6 Kbbilbnngen).1410 

Pie größte Caubenfarm ber IPelt. (mit 2 Kbbilbungcn).14-12 

ITlobcme ©urtelicbnaUen. Pon Pr. £?. pubor. (IH« 5 2lbbilbungen) . . 1414 

Pon Berlin nadj Sorrent im Kutomobil. Pon ©tto 3 u bus Bierbaunt. . 1415 

Bilber aus aller IPelt. (Pbotograpfyjdje 2lufnabmenj*.. . 1419 


J* 

Man abonniert auf die „CUocbe“s 

in B erltn unb Pororten bei ber f^aupterpebition 5'Hinierftrafte 37/41, fowie bei ben 
Filialen bes „Berliner Cofal» 21 n 3 eigers" unb in fämtl. BijdfbanNnnaetr im 
PenifcbenHetd^bei allen BndjbanMungrn ober poftanftalten (5«tungs*preis[ifte 
Pr. 8221); unb ben (SefdjäftsfleUen ber „IPocbe": Bonn a. Rh., Kölnftr. 29; 
Bremen» (Pbemthr. 29 ; Breslau» Sdjweibniftrrfhr. €tfe Karlfhr. 1 ; Calfet, 
(Pbere Köntgftr. 27; Chemnitz, 3nnere lobannistlr. 6 ; Dresden, Seefir. 1 . 
DCrrcldorl, Sd?abowfh. 69 ; Biberfeld, fierjoqtfraße 38; BITen a. Rh.» 
Cimbetferplaft 8 ; (Frankfurt a. Mv 5 eil 63; ©örlitz, tuifenftr. 16, Balle 
a. 8., IHiitrlftr. 9 . €<te Sd?ulftr.; Bamburg, Peuermall 60; Bannover, 
©eorgflrafce 39; Karlsruhe, Kaiferftr. 34; Kattowitz, potfftr. 12 ; Kiel, 
£?ol$rnftraße 6 ; Köln a. Rh., ftobntrafje 145, Königsberg f. pr., 
Kneiptjöffcbe Cangaaffe 65; Leipzig, petetsflrafce 19; Magdeburg, 
Breiteweg 184; J^unthen, Knuftngerörafce 25 (Pomfreibeit), fftiniberg, 
Corenjerftrafte 30; Stettin, Breitettrafte 45; Stuttgart, Hönigjtraße 11 , 
Wiesbaden, Kircbgaffe 26; Zürich, Kenn weg 48 . 

3eder unbefugte Nachdruck aus diefer Zeitfchrift 
wird ftrafrecbtlich verfolgt. 



Die sieben üage der Woche. 


17. 3ull. 

Cbamberlain nimmt 511m erftenmal feit feiner (ErFranFung 
©ieber am Kabinettsrat teil 

Jn ben Kohlengruben in DorFfhirc bricht ein Kusftanb ber 
jungen Hilfsarbeiter aus. 

König DiFtor €manuel reift nad) fünftägigem Befudj beim 
aren non peterbof mieber ab. 

Jn Brüßel wirb ein panarmenifcher Kongreß eröffnet 

18. 3uli. 

Jn bem Projeß wegen bes Sufammenbruchs ber Spieltagen» 
banfen wirb ber H au P^ an 9 c ^ a 9 l e €buarb Sanben 3U fedjs 
Jahren (Sefängnis unb 15 000 ITtarf (Selbftrafe perurteilt. Die 
übrigen KngeFlagten erhalten Heinere (Selb* unb Für3ere (Se* 
fängnisßrafen, bie burd? bie Unterfudjungshaft oerbüßt ßnb. 

Kus Sanßbar mirb ber Cob bes fnltans fj amu & gern eibet. 

Kmtlich mirb'mitgeteilt baß bie abgeFiirjte Krönuugsfeier 
m £onbon auf Befehl bes Königs am 9. Kuguft ftattßnben foü. 

10. 3uli. 

Di« H am burger §immerleute befdiließen nad> ad)tmöd)igem Kus s 
ßanb.bie Krbeit unter ben alten Sebingungen mieber aufsunebmen. 


König £eopolb non Belgien ftattet in ber Bud^t uon Solent 
bem König €buarb. an Borb ber Jad^t „DiFtoria cmb Klbert" 
einen halbftünbigen. Befud? ab. 

20. 3uli. 

2luf bet Unterelbe in bet Ztähe »on Blanfenefe getjt bet 
non einer Dergnügungsfabrt h c * m f e ^ ren ^ c Dampfet „primus #/ 
infolge einer Kollifton mit bem Schleppbampfer ber KmeriFa- 
linie ^Hanfa'" 3U (Srunbe. Bei ber Kataftropfye jtnben über 
hunbert perfonen ben Q[ob. 

21. 3uli. 

Jit mirb ein Begcntfd?aftsgefe^ publiziert, burd? bas 

bie eoentuelle (Thronfolge bes £anbgrafen Kleranber ^riebrid} 
im (Sroßher3ogtum feftgeftellt mirb. 

Jm „Keichsan3e!ger // mirb ein (Sefeftentmurf betreffenb bas 
Urheberrecht an IDerFen ber Photographie 3um KbbrucF gebracht, 
ber ben Bunbesregierungen 3m Prüfung unterbreitet rnorben ift 

22. 3uli. 

Der aus ber Seit bes KulturFampfes beFannte ehemalige 
(£r3bifchof pon pofen (Snefen, Karbinal £ebochomsFi, ftirbt in 
Hom infolge eines Schlaganfaüs. 

Jn ber ^olltarifFommiffton bes Reichstags treten IHeinungs* 
rerfchiebenheiten unter ben Dedretern ber Regierung 3U (Tage. 
(Sraf PofabomsFy marnt einbringlicb uor Ueberfpannung ber 
Solle unb oor (Sefährbung bes (Tarifs burd? (Seitenbmachung 
pon <£in3elipünfchen unb £oFalintereßen. 

Die Behörben in Kap teilen ben Konfuln mit, baß 

ße angeßefats ber Repolution für bie Sicherheit ber ^remben nicht 
mehr einftehen Fönnen. 

23. 3uII. 

Jn ©efterreich ruft ein (Erlaß bes ITIinifterpräßbenten 3ur 
BeFämpfung ber (TuberFulofe, ber feht ftrenge UTaßnahmen 
forbert, große Aufregung h^rpor. 

Kus Dresben mirb gemelbet, baß König (Seorg pon Sachfen 
an £ungenent3Ünbung ferner erFranft ijt 

<3* 

Umlchau. 

Die (Erinnerung an bie Seiten bes Kulturfampfs in 
Deutfchlanb mirb madygerufen burd? bie OTelbung pom (Tob 
bes Karbinals £ebod?ott>sFi (f. Porträt auf nächfter Seite), 
in Rom. IDar er bodj einer ber entfd)tebenften Kämpfer 
gegen bie UTat.iefeöe, ber lieber ins (Sefängnis ging, als baß 
er pon bem IDiberßatib, ben er für red?t hielt, abgelaffen 
hätte. Jürft Bismarrf felbft h^tt* ih« 3 a hr 1866 als 
<Er3bifd?of für pofen* (Sitefen in Porfdjlag gebracht als bie 
geeignetfie perfönlid^Feit. um bie burd) ben ruffifch-polnifchen 
Kufiianb unter ben polen herporgerufene (Erregung 3U be* 
fänftigen. £ebochon>sfi h a F hie ihm jugeöadjle Kufgabe 
glän3enb gelöß, trat aber in fd^arfe ©ppofition gegen bie Re¬ 
gierung, als biefe es ablehnte. Schritte 311t 2 luf rechter ha Itung 
ber weltlichen & es papftes 3U thun. UTan muß es 

£ebochorosfi laßen, baß er, fo leibenfchaftlich er aud) Fämpfte, bies 
nid?t um bes Kampfes, fonbern um ber Sache roiüen ttjat, unb baß 
er fich treu geblieben tft. ITTit ber gleichen Energie, mit ber er 
einft gegen bie Ulaigefefte opponierte, nahm er neuerbings 
gegen ben „KulturFampf" Stellung, ber 3ur S*it i n Jranfreidy 
bie (Semüter erhit^* £ebochon?sfi, ber am 22. ©Ftober (822 
in Klimontoro bei Sanbomir geboren mürbe, erhielt 1845 
bie prieftenpeilje nnb ftieg, getragen pon ber (Sutiß bes 
papftes pius IX., fchneü 3U h(?h en Stellungen empor. IDäh* 
renb ber 3weijährigeit H a fh bie er im (Sefängnis 5U ©ftrowo 


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Seite \576. 


Rümmer 50. 


rcrbüßte, würbe er 187 5 
311m Karbinal ernannt, uttb 
iiad^ feiner freilaffuitg ging 
er ttadj Hont. wo er suleßt 
als fetter ber Propaganda 
fidei wirFte. lllit ben beut- 
fdjen guftänbeu t^atte er 
fid? läugft ausgefötjut. 

3n ber §otltariffom- 
miffion ift es, nadjbem eine 
Seitlaug Hulje geherrfd?t 
bat, neuerbings wteber 31t 
. erregten §n>tfdjenfallen ge* 
fomtnen, bie für bas (Er¬ 
gebnis ber Arbeiten bebeitF- 
licher erfcheinen als alle 
früheren. Denn wätjrenb 
bisher 3U leibenfd?aftlid?en 
Kuseinanberfeßungett nur 
Hleinungsrerfcbiebenheiten 
Kardinal Hcdodyowski f 3n>ifd^en ben perfdjiebeiten 

Parteien untereiuanber, 
ober 3ti>if<heit biefen unb ber Hegierting, gelegentlich auch 
(Segeitfäße 3tpifchen ITlitgliebern ber Kommiffiott unb ihrem 
präftbeittett ben Kulaß boten, fittb jet$t Dioergei^cn 3iuif<hen 
beit Dertreteru ber ein3elnen Hegicrutuen 3U (Tage getreten. 
Das Hecht jebes Huitbesfiaates, feilte pon ber ber Ulehrhcit 
bes Hunbesrats abweidjenbe llleinung 3Utn Knsbrucf 3U 
bringen, ift burd? bie Derfaffuttg gewährleist; aber es ift 
immerhin auffallenb, wenn pon biefem Hecht bei einer fo 
hart umftrittenen, in alle Derhältniffe tief eiiifchiteibeitbett 
Dorlage (Sebraudj gemadjt wirb, bie ftdj als bas tnühfain 
311 ftaube gebrachte Ergebnis eines Kompromiffes unter beit 
Runbesftaaten barfteüt. (Es ift begreiflich» baß ber fonft fo 
ruhig unb fachlich perhanbelnbe Staatsfcfretär besamtem, (Sraf 
PofabowsFy, tterpös mürbe, als fid^ hrrausftellte, baß gewiffe 
Hbänberungsanträge 311m (Tarif unter bem (Einfluß eiiijelner 
Hegierungett eiitgebradjt waren, unb als gar pon ihm be- 
Fampfte Hmeiibements pon aitberit Hepollniächtigten befür- 
rnortet mürben. Unrichtig ift 3war eine in bie preffc gelangte 
Darftellnug, nach ber er gefagt h d & en foü, er glaube, baß 
ber (Tarif niemals 3U ftanbe fontmen werbe, aber er hot oon 
ber (Sefährbuitg bes Kompromiffes bttreh (Selteubmachung von 
(£iu5eln?ünfd?en unb fofalintereffeit gefprocheit unb babei 
Wenbuugeit gebraucht, bie hier unb ba bie Uujfaffung erweefett 
founten, baß er att einem erfprießltchen Hefultat ber He- 
ratungeit 3U 3tt*eifelit aufaitge. 

j* 

3 n Bayern 1 -aben fich bie innerpolitifchen (Scgenfäße itt 
folgenfdjmerer Weife 3iigefpißt. Der Kultusminifter pon 
fanbmanu wirb oon feinem Urlaub nid?t mefcr in fein 21 int 
3urücffehren, bas ift nad? ben pom Ulinifterpräfibeuten tu ber 
Kammer abgegebenen (ErFlärtingen als (Ttjatfadje 311 betrachten. 
Swar h a * (ßraf (Trailsheitn perfidiert, baß für ben Hürftritt 
lebiglid? < 5 cfuubhcitsrücffid>te»t tttaßgebenb feien, baß bie 
Kollegen ben Kultusminifter nicht hätten fallen laffen, baß 
er Feineswegs bem ihm poit ber liberalen Ittinberheit ans 
Uitlaß feines KonfliFts mit ben Würzburger profefforen er¬ 
teilten IHißtraueusootum weidje, aber bas bie ITTcl^rtjcit 
bilbenbe Zentrum h a * fi<h nicht überzeugen laffen. (Es 
perharrt bei ber Uuffaffuttg, baß l^err pon fanbmamt 
bem fiberalismus geopfert tporbeit fei unb 3ieht baraus bie 
politifcheu Konfequenjen, inbetn es gerabe im (Etat bes 
Kttltusminifteriums bebeuteube Ubftriche ntadjt. mehrere 
Jorberungen, bie im 3 ntcre ff e & er HunftentwicFlung iit 
müitchen geftellt waren unb bie unter anbern Derhältuifjen 
tpohl Knnahnte gefnuben hätten, futb abgclehnt tuorben. 
Die läge erhält eilte bebeuteube Der(d)ärfmtg noch ba- 
burd?, baß in ipeitereu Kreifen bie llleinung h* r *f<ht, 
bie 0 ppofition ber Kammermehrheit ridde ihre Spiße 
ojfenbar gegen ben priitzregeitien perföulicb. 

w 


Das Scbiffsunglück bei Hamburg. 

Das banale unb Ijilflofe Sprichwort, baß ein Unglücf 
feiten allein Fommt, hat wieber einmal red>t behalten. Kaum 
ift bie feidje bes Komntaubattten pou S ^2 3ur einigen Huhe 
beftattet, ba perftuFt ber Dampfer „Primus" in ben fluten 
ber (Elbe unb mit ihm über hunbert Ulenfdjettleben. 



Dt« önglüdisftell«. 

Per Punft f bedeutet bie Stelle, mo ber Pampfer „Primus 4 ' (P) mit 
Pampfer „f?anfa" (H) jufantmenjtiefc. 


Was ift bie Urfache biefer großen gahl fehlerer Unglücfs* 
fälle auf bem Wajfer? Wir ftnb fo ftolz auf unfere geit mit 
ihren techitifd^eit <Errungenfhaft<m, bie uns gegen frühere 
Seiten eine ungeahnte UuabhängigFeit pou ben elementaren 
(Einflüffeit h a l> e « erreichen laffen (Es tnag ja ridjtig fein, 
baß tpeniger Schiffe als früher, 3ttr Seit ber Segel, burd) 
Stürme untergeben, ohne Smeifel aber ftnb Sdiiffsperlufte 
infolge pou Kollifiotteit piel 3ahlreicher gemorbett. Die ftets 
tpachfcnbe (SefchtpiitbigFeit ber -d^iffe, bie Unraft überhaupt 
uitferer (Tage mit ihrem ,.Tiiue is money“ h at (SebaitFeu 
an bie Sicherheit ber Uleitfcheuleben erheblich h* n ler 
ben materiellen Hürffiditen 3urürftreten laffen; bas Flingt hart, 
läßt fid? aber leiber nicht aubers attsbrüefen. Halten n>ir 
uns ait bie beiben leßteit FonFreteu Jfälle, beren beiber Schau- 
plaß bas pielbefahrene (Semäffer ber €lbe tuar. 3 n beiben 
dfälfeit mären bie äußeren Utuftäube PÖUig normal, fo baß in 
ihnen nicht ber Schimmer einer (Sefahr gefud^t werben Fottnte. 
(Es hat and? Fein Öerfagett bes Steuerrubers im leßteit Kugelt* 
blief ober Kehitliches ftattgefuuben, fo baß alfo als unmittel¬ 
bare Urfache perföitliche Jfehler unb unrichtige fymMttngen 
ber Sdpiffsführer übrigbietben. (Ein UToineut ber Unentfchloffen* 
heit, ein falfcher <Eittfd)lnß, eilt augeiiblicfliches Kußeracht- 
laffen ber 3ahireicheit Dorfchriiten bie bett gewaltigen Der- 
fehr auf einer fo belebten unb engen j^ahrftraße regeln — ein 
Kugeublitf uerpöfer Kbfpanttung — unb bas Uitglücf ift ba. 



Der {ft Grund gebohrt« Dampfer „primus“. 


Der Sduilbige, ober ptelmehr ber, ben man fchttlbig 
glaubt, wirb beftraft unb geht tneiftens feines Schifferpatents unb 
bamit feines Hroterwerbs perluftig — —; bamit ift bie 
Sache 31t <£nbe, bis 311m nächften llrtglücf. 

Selbftperftänblid) ift eine Heftrafung ber Schulbigen unb 
eoentl. th^c UnfchüMidmiachuiig für fpäter uotwenbig. 
Ulan wirb zwar nie erreichen, baß alle S.htjfsführer fee- 
mäiiiiifche 3 öeaIc niemals fehler begehen; was 



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Goc gle 






Kummer 30. 


Seite \377. 


aber erreicht merben müßte, bas ift, foldjc per (Öii liehe ^'etjter 
mtnber folgeufchmer 311 n adjen, unb 3t»ar 3111t 5 d}ß burdj 
genauere unb einfachere Dorfchriften üoit internationaler 
(Siltigfeit, ftrengere Durd?]Tt^rmig bes Sotfenjmaitges 3. B. 
auf ber Elbe unb ror allem ein befferer Sdjuß ber Skiffe 
felbft. Rettungsboote unb Rettungsringe u. f. m. fiitb auch 
feine anuäfjernb »ollfominene Kushilfe, ba fie meift nicht im 
Verhältnis 3ur Rnjaljl ber paffagierc fielen, anbrerfeits im 


gegebenen, plöglidj ctutreicubcn llTomcut burdnurg nicf^k fd;iicll 
genug beit paffagieren 511 gute fommen föuuen. 

0bne gmeifel aber märe cs möglidj, bie Sdjijfe tu unb 
unter ber IVafjeilinie btirch biefe VaiFcitlagcit unb Korf- 
fülluitgeu 0011 entfprrdietiber Stärfe fo meit 311 fcbüßcit. baß* 
ber Sio\3 fic nicht 311 m SiitFeu bringt, ober aber mau fönnte 
bur.b Diele »erteilte SuftFäftcn crreid>cit, baß ber Rumpf 
immer |d?mimmfät]ig unb über IVaffer bleibt. 


» —- Q j) - - ■■ - 

fern fpre eben ohne Draht. 

Von Pr. friß Bern ha rb. 


Pie Erftubtingen auf bem (ßebiet ber geheimnisrolleit 
Kraft, bie mir Elcftr^ität nennen, traben fidj in ben leßteit 
3aljren fo überflürjt, baß es ihnen fefjon fdjmer fällt, bas 
Erftaunen bes gebilbeteu Publifums 3U erregen. 2Uas ptjan- 
taficDolIe cErjäbjIcr »orgeahnt, ift 3unt (Teil fdjoit erfüllt, 311m 
(Eeil fogar übertroff eit. IVer cermag jeßt noch 3U fagen, meldje 
<Sreit3en ber IHenfd?l|eit ceftecft ftnb, feitbem bie IPtjfeufc^aft 
in bas (Seljeimnis bes JVefeits eleftrifd^er Energie ein3u- 
bringen beginnt! 

Pas mid?tigfte unb folgen ferner fie Problem auf biefem 
(ßebiet ift bas ber elcftrifdjen Kraft* 

Übertragung ot^ite Prallt. (Es tyitft 
3i»ar jeber Vergleich, aber l]icr fönnte 
mau mirflid? fagen, baß ber Prallt 
bie Krücfe ift, an ber bie Kusnußintg 
ber Eleftr^ität bisher mübfam einher- 
Ijinfte. Pesfjalb mar auch bas 
(Erftaunen berechtigt, mit bem bie IVclt 
bie Kunbe »ernahm, baß es möglich 
mire. ohne bie bisher als unumgäng¬ 
lich notmenbig angefeheitelTTetallleitung 
3U telegraphieren. Unb mit atemlofer 
Spannung »erfolgen bie 3 ntelleftuellcu 
aller Sanber ber IVelt bie Verfuge, 
bie theoretifch erfannte UTöglichfeit in 
bie Praxis 3U überführen. 

Pas gleidpe 3 ,l ^ ere ff c Tonnen bie 
Verfudje, ohne Praht 3U telephonieren, 
beanfprucheit. Pie Uebertragung ber 
meitfchlichen Stimme burch ben Praht 
bes (Telephons ift uns bereits ein un¬ 
entbehrliches Hilfsmittel bes Verfehrs 
gemerbett; es »erblüfft uns nicht 
mehr, menn jemanb »on Berlin aus 
mit einem guten freunb fpricht, ber 
ftrfj 3ur gleichen geit in Paris beftnbet, 
aber mie es möglich fein follte, auf 
meite Entfernungen bie menfchlichc Stimme ohne »ermittelnben 
Praht 3ur Empfaugsjiatiou 3U fenbett, bas l\abe\\ bis »or 
roenigen 3 a fy ren nicht einmal bie IHänner ber IViffenfdjaft 
geahnt. Unb nun ift es 3ur (Thatfadje gemorben . . . 

Pie UTöglichfeit, ohne Praht 3U telephonieren, mar in 
bem Kugettblitf gegeben, als Pr. Simon in frauffurt a. UT. 
bie Schallmetlen erregeuben Schmiugitugeit eines eleftrifchen 
Sidjtbogens beobachtete. Es bauerte beim auch nur gaii3 
fur3e geit, ba mar bie „fingeube unb fprechenbe Bogenlampe“ 
erfuubeu. Unb fofort banach tauchte ber (Sebanfe auf, baß 
biefe mufifalifche Santpe 31t IVidjtigerem berufen fei, als 3ur 
Vorführung intereffanter afuftifcher Kunftftücfe. Kus bem <Se- 
banfen ift fehlt eil IVirflichfeit gemorben. Heute bereits bient 


bie fpredjenbe Sampe als (Seberftation einer (Telephonanlage 
ohne Praht . . . 

Pas IVefen ber neuen Erfinbitiig beruht auf ber Empjtitb- 
lichfeit bes eleFhifdjeu Sid?tbogens, ber fchon unter bem Einfluß 
fauin erfeiuibarer Störungen feine Stärfe mechfelt. Solche Stö¬ 
rungen ftnb 5. B. geringfügige Veränberungen bes Seitungs- 
miberftnitbcs. Piefe Veränderungen merben baburch h er ^ c *9^ - 
führt, baß mau im Stromfreis lofe Kontaftftellen aubringt, 
3t»ifd?en beiten fid? unter ber Einmirfung geringfter Erfchütte- 
ruitgcit, alfo auch unter foldjen, bie bie angefprochene UTembrane 
bes UTifrophoits auf bie bahinter- 
liegeitbe Kohlenanorbnung ausübt, bie 
IViberftäuöe änbertt unb eleftrifche 
Sdjmingungett er3eugt merbeit, bie 
fleh in ber UTetallleitung fortpflait3ert 
unb im eingefchalteteu fernhör er bie 
gefprochenen Saute miebergebeu. Pie 
Entbecfung ber fingenben Bogenlampe 
erfolgte baburch, bajj fid} nahe an einem 
ihrer Stromjufühmngsbrähte bas Kabel 
eines ftarf bijfereii3terten aitbern, »on 
einem funfetiinbuftor fommenben 
Stroms befaitb. Paburch mürben in 
ben Schminguitgen bes Sichtbogens 
Veränberungen uitb Schallmetlen h ej > 
»orgerufeit, bie bem Kuifiern uttb 
Praffelii bes f uiifeuftroms cntfpracheu. 

Eine gute (Seberftation für braht- 
lofes (Telephonieren mar alfo »orhan- 
beit, es fehlte nur noch eine Kleinig- 
Feit: bie EmpfaiigsjTatioit, bie imjtanbe 
märe, bie ausgefaubten Sichtfchmin- 
gütigen auf3ufangert unb mieber in 
Uiembraufchmiugungeu 3urücf3u»ermau- 
belu. Pas mar, mie bie (Technifer 
»erfichern, nicht gar ferner, als man 
beobachtete, ba§ ber Sichtbogen nicht 
nur Sdjallmelleu erregt, fonbern auch Sichtmelleit »on ittter- 
mittierenben unb »erfchiebeu langen Schmingnngen entfeubet. 
Pentt bie IPiffenfchaft fyatte fd^on ein PTittel, biefe Sicht- 
fchmingungen auf3ufangeit unb fie in bie nTembranfchmin- 
gungeit eines fernhörers umsumanbelu. 

Pies PTittel h^ß* Selen. Es ift, mie bie JPiffeufchaft 
fagt, ein djemifch einfacher Körper, ber fich in ber ZTatur 
fehr »erbreitet ftubet, aber ftets in fehr geringen Klengen 
uitb niemals im freien guftanb. Eittbedt mürbe es bereits 
( 8(7 »oit Ber3elius. Es begleitet faft allgemein ben Schmefel, 
felteiier Blei, Kupfer uitb Silber uitb fammclt fich bei ber 
Verarbeitung ber Kiefe auf Sd^mefelfäure in bem Schlamm 
ber Bletfammerit, aus beut es bann gemomten mirb. TPie 



6mpfangsrtatton 

bes telepbonifd]en ©efprdd^s ohne Draht. 


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Seite {378. 


•TTutnrner 30. 



Geberftatfon der CeUphonft ohne Draht. 


alle anbern UTetalloibe hat es bie (Eigenfd?aft, TlePtrijität 
nid?t 31t leiten. Bringt man es 311m Schniefen unb erniebrigt 
feine Temperatur auf 200 bis 2jo (Srab Telfius, bie man 
einige §eit auf biefem punPt erhalten muß, bann fteigt bie 
Temperatur plöglicf? ohne jebe äußere TinwirPung auf 2(7 
(Srab. tPenn biefer äußerft merPwürbige Porgang fid? ab« 
gefpielt hat, bann läßt man bas Selen erPalten, wobei, es 
fid? 3U einem bleigrauen, Pryftallinifd?en unb metallifd?e (Eigen- 
fd?aften aufweifenben Stoff perbidjtet, ber im DunPefn <EleP* 
trijität nod? immer fcf?led?t, unter ber TinwirPung bes £id?ts 
aber 3iemlict? gut leitet. 

Ulan fd?altet nämlid? ein bünnes pjättd?en bes Selens 
in ben gefd?loffenen Strompreis einer nur mit bem fernerer 
ausgeftatteten Telephoitaulage ein unb fegt cs ber Belichtung 
feitens ber non ber fpredienben Bogenlampe ausget?enben 
tid?tfd?wingungen aus. Unter ber TinwirPung bes bifferen- 
3ietten £id?ts leitet bas Selen beu im Apparat fließenben 
<Sleid?ftrom halb beffer, balb fdjledjter, fo baß er Sd?wanPungen 
unterliegt, bie mit ben in ber (Seberftation auftretenben ge* 
nau übereinjtimmen. Diefer bifferen3ierte Strom inbujiert 
im fpiralförmig umfloffenen (EifenPern ber X?örrohrfpule eine 
an StärPe wed?felnbe magnetifd?e Kraft, bie bie UTembrane 
balb mehr, balb weniger ai^ietjt uub fie ebenfo wie beim 
(fernfpred?en mittels birePter Eeitung in Schwingungen perfegt. 

Bicht wahr, bie Sache ift rerbluffenb einfach — feitbem 
fie erfunben ift? Unb bas Befte ift, baß fie fich aud? in 
ber Prajris bewährt. 3 n ^ cn legten £agen haben auf bem 
IPannfee Perfud?e mit Apparaten ftattgefunben, bie pon 
(Ernft Buhmer-Berlin fehr forgfältig fonftruiert unb.in Tilget- 
heiten wefeutlich perbeffert wotben finb. Die (Seberftation be- 
fanb fid? fff 1 60 , bann 150, bann 500 Uleter, 3ulegt 2, 3 unb 
4 Kilometer pon ber. (Empfangsftaiion entfernt, unb ftets, 
auch bei fehr ftarPem Begen, war bas pon ber Bogenlampe 
(Sefprod?ene beutlich 3U perfteljen. (Es war ein unpergeßlid?er 
UToment, als im E?Örrol?r ber (Empfangsftation bie Eaute ber 
menfchlicheu Sprache pernehmbar würben, bie uns eine Bogen¬ 
lampe burch bie Schwingungen ihres £id?ts 3ufaubte. 

Der praftifd?e JPcrt biefer (Erfiubung ift nicht leid?t 311 
ermeffeit. Ulan h at bereits Scheinwerfer Ponftruiert unb 
gebaut, bie ihr Eicht 150 Kilometer weit eutfenben, wie ber 
Scheinwerfer auf bem Ulount TPafhington, ber eine Eid?tftärPe 
pon looooo l^efnerPerjen befigt. (Es ift aber nicht erforberlid?, 
baß man gleich mit jold?en (Entfernungen rechnet, für bie 
Ulariue wäre es 3. B. fd?ott pon allerhÖd?ftem IDert, wenn 
3wei Sdpiffe fid? auf eine (Entfernung pon 5 Kilometer 
telephonifch perftänbigen Pönnten. Unb bie Kriegsfd?ijfe fmb 
ja bereits alle mit Scheinwerfern ausgerüftet. Die (Ein¬ 


richtung ber Tmpfangsfiation mürbe alfo wohl 3U erfchmingen 
fein. Buch für bie großen Dampfer ber ffanbelsmarine wäre 
es pon großem Porteil, wenn fie pon Eeudjttürmen ober anbern 
(Seberftationen ausführliche Nachrichten erhalten fönnten,miejie 
bie brahtlofe Telegraphie ihnen nie wirb übermitteln Fönnen. 

Jür ben prioatperFehr wirb fid? bie Trßnbmtg 3unäd?ft 
Faum permerten (affen, beim bie Scheinwerferanlagen mit 
ben ba3U erforberlicheit Dynamomafd?inen finb nid?t gan3 
billig. Uber wenn man auf bem Prin3ip weiter baut . . . 
(Ernft Huhmer wirb es mir nicht übelnehmen, wenn ich 
ausplaubere, baß er bereits einen neuen Apparat 3um patent 
angemelbet hat, ber nid?t nur perblüffenb einfach ift, fonbern 
aud? fo billig l?ergcf^eÜt werben fann, baß ihn jebermann 
fid? befd?affen wirb. Tr. fiellt oor eine Eidjtquelle ein X?in- 
bernis, bas einen fd?malen Spalt enthält. Die eine fjülfte 
bes f?inberniffes ift beweglid? unb mit ber UTembrane per- 
bunben, perurfad?t alfo burd? ihre ben Schwingungen ber 
UTembrane im Telephon folgenben Sd?wanPungen bie £id?t* 
fd?wanPungen wieber, bie »on ber Selen3eüe ber Tmpfangs- 
ftation aufgenommen uub in IPorte überfegt werben Fönnen.. 


Berliner Gälte. 

3 n Berlin weilen augeublicFlid? 3wei f?od?tniereffante 
perjönlid?Peiten. Der eine ift £?err Dr. meb. B. 0 . Kellner, 
ber Bürgermeifter pon Bloemfontein, ber aud? nad? Dem' 

tfriebensfd?luß bas 0ber-- 
haupt btefer Stabt geblieben, 
ift unb . feiner §eit bie 
Sd?lüffel -ber. X?auptftabt bes 
0ranjefreiftaates an Eorb 
Boberts übergeben m.ußte. 
Bürgermeifter Kellner ift ein 
Tharlottenburger Kinb, et 
befnd?te in biefer Stabt bas 
(Bymnafium, ftubierte in 
Berlin* unb .biente bei ben 
,2_ (Sarbeulatten fein 3 ®h r 
ob. 3m 3ahr 1863 man- 
b?rte er nad? bem 0ranje- 
freiftaat aus. . Das allge¬ 
meine Pertrauen mad?te ihn 
3uni UTitglieb bes PolFsraab, 
es fanbte ih» in bie Stabt- 
pertretung . unb mad?te ihn 
Sörgrrmcifirr pon sioemfontein. fct?-ließlid? 3 u m Bürgermeifter. 

(Er hot jegt ein halbes 3 al?r 
Urlaub genommen, um • enMid? emmdl bie X?eimat wieber-. 
3ufehen. Der anbere (Saft, ber in ber Bcid?shouptftabt, 
weilt, ift ber japanifd?e ^clbmgrfd?all Prin3 Komatfu, 
ein Perwanbter bes ja- 
pauifchen Kaifers. , Der 
hohe militär war bereits 
im 3ahr 1886 mit feiner 
(Semahlin in Berlin, er 
war jegt 3ur euglifd?en 
Krönung poin UliPabo mit 
großem (Sefolge nad? Tng« 
lanb entfanbt werben. 

Nad? längerem Aufenthalt 
in Paris h a t er fid? jegt 
wieber ber Beid?sl?aupt- 
ftabt 3ugewanbt. Der Jelb- 
itiarfd?all wirb pon Berlin 
auf bem Eanbmeg nad? 
feiner I?eimat 3urücfPehreu, 
um auf biefe IPeife 3ugleid? 
bie fibirifd?e Tifeubahn ftu- 
bieren 3U Pönuen. 



Prinj komatfu. 



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rtummet 30. 


Seite ^379- 


Das letzte JMal auf dem JMarkueturm. 

Don Peter Hofegger. 


3t*? bin ein Jreunb oon rafd?em Heifen. Wenige Stunben 
genügen mir an jedem herrlichen 0rt, um ben fünften, 
bleibenbften (Einbrucf auf3unehnten. Die Welt überfliegen! 
Das mögen fte oberßävbtich nennen, ift aber bas befte ITTittel, 
um frot^ 311 bleiben. Kn ber; 0berßäche liegt bie Schönheit. 
IHag es in ber „(Tiefe" gar oiele Wahrheit geben, nodj 
mehr giebt es bort (Scineintjeit unb fjaßlichFeit. Jür mich 
ift bie Weit feine Hur, bei ber man bie Schale wegwirft 
unb ben Kern ißt. ^ür mid? ift fte ein Pftrjtd?, bei bein 
man bas Ueußere genießt unb ben Kern oerfchmäht. 

UTit fold^er Heigung begrüße id? bie ßinFen (Eilfahrten 
auf bas Sebljaftefte, bie jegt ber ©efierreidjifdje £loyd oon 
£rieß aus nadj Denebig eingerichtet hat- 
Kn jebem ITTittwoch um \2 Ut?r mittags 
fäljrt 00m UTolo St. Carlo ber Schnell- 
bampfer „(Sraf Wurmbranb" aus nach 
Denebig, um noch oor IHitternacht bes* 
felben (Tags mieber 3urücf3ufein. 3 n Denebig 
ein Kufenthalt oon brei Stunben. 

Sange haß bu, auf bem Decf ftef?enb, 
nid?t geit, bas gurikFmeidjen (Triefts unb 
ber Berge oon 3f*rien 31t befd?auen, bie 
(ßlocfe ruft 3ur (Table d’hote. 3 m traulichen 
Speifefaal, burd? beßeu farbige 0berlichte 
bie Sonne auf bie (Tafel fallt, läßt man 
fidj’s fchmetfen, unb bie See ift fo glatt, baß 
gum fdftlichen Dalmatiner feingefcbliffene 
Stengelgläfer gereicht werben Fönuen. See* 
franFheitsfchilberuitgen finb alfo nicht 311 
befürchten. (Endlich fteigft bu wieber auf 
bas Decf, unb macht es bir Dergnügen, gu 
benfen, bas Sd?iß treibe mitten auf bem 
fiillen 03ean, fo hat niemanb etwas ba¬ 
gegen. Hmgsum grenjenlofes ITTeer. ITTit 
Kusnahme ber jehäumenben, quirlenden 
Straße hinterher, bie ber fcharfe Dampfer 
ge3ogen hat, regt ßdj nichts. (Segen bie 
Sonnenfeite h* n ift bie fläche blenbenb 
licht wie eine Silberplatte, bein Kuge fann’s 
nid?t ertragen, hingegen ruht es gut auf bem tiefgefättigten 
Blau nach Horben hin» bas nur feiten oom Sternchen eines 
^fifdjerfegels unterbrochen ift. €me Schönheit unb eine 
Buhe — unfagbar. Du bift froh- Doch wehe, wenn bein 
DenFen unb Wißen aus biefer feligen 0berßädje nicbertaucht 
in bie (Tiefen, wohin nach wenigen Ittetern Fein Eichtftrahl 
mehr bringt, wo ewig in ber Seetierwelt ber Kampf ums 
£eben geführt wirb, noch rafenber, als bei uns im Sicht! 
— Tjaft bu fcharfe Kugen? Dann bewahre fte, um bie (Tiefe 
ber 0berfiäche 3U burchbringen. Siehe bort bie nörblichfte 
Kimme, wo bie Sd?nur ITTeer unb fjimmel fd?eibet. Siehft 
bn im Dunß bes Rimmels nicht etwas Weißes ftehen? 
Klarer tauchen fte auf, unb fchneeweiß ra.jen bie gaefen ber 
Berge h' n und ^trt r eine nach ber aitbern. Das finb bie 
3ulifchen Ulpen. Die- fläche bes ITTcers unb bie weiten 
Cbenen ^friauls unb bas ausgebehnte Dorgebirge trennen 
uns oon biefen felsriefen, unb dod? leuchten uns ihre beutlichen 
(Scftalten unmittelbar ins Kuge. 3 e weiter wir ber Sonne 
na<hgleiten in ben Sübweften hinein. je näher tritt 3ur 
iinFen ber Klpenjug, aber immer nur in ei^elnen befdjneiten 
Spigen aufragenb aus bem Dunft, ber über bem ITTeer fern* 
hin liegt. Die Schnur wirb weißlichgelb unb beFommt perlen. 


Hiebt allein bie f ifd?erboote finb es, auch weiße punFte oon 
Porffirchtürinen unb eiit3elnen Bauten tauchen auf, unb lichte 
Sanbftriche werben fichtbar. Wir nähern uns ber Küfte 
Dene3iens. Die paßagiere oerfatnmeln ßdj auf bem Decf 
unb bliefen aus mit Spannung. „3**? f*h e ru ft jemand. 
Kn ber Kimmung ein bunfler punFt. „Der (Tqptpanile!" 
KUmählich tauben ße aus bem ITTeer auf, bie (Türme, bie 
Kuppeln, bie ginnen — oon Denebig! Wir ßnb oon (Trieft 
her Faum über 3V2 Stunben gefahren, gur Sinfen ragt aus 
bem Waßer ein SteiitwaH, ber ß<h h* n 3t*ht bis an bte 
Sagunen unb uns bereits trennt oom oßenen ITTeer. gur 
Hechten 3 u felß re if en and Jeßungswälle; halb an beiben 
Seiten 0rtfchaften, fo baß wir auf einem 
Hiefenftrom hinein3ufahren fd?einen tn bie 
oor uns ßch ausbreitenbe Stabt. Hachbem 
burch eine italienifche BarFe, bie eilig 
herangeFommen war, auf bem Dampfer 
bie gollahgelegenheit geordnet iß, beginnt 
uns fchon bie gubringlichfeit oon Fleinen 
Dampffchißen unb (Sonbeln 3U beläftigen, 
bie um bie Wette uns nachjagen unb um- 
Freifen. Kls wir enblich ein paar h^nbert 
ITTeter weit oor ber piajetta halten, ßnb 
wir oon hundert fdjwa^en j r ahr3eugen um* 
3ingelt, deren Rührer lärmenb ßdj um nns 
paßagiere raufen. Das ungewohnte Schau* 
fpiel macht auf ben fremben KnFömmling 
Faum einen (Einbrucf, fo fefjr ift er gefeßelt 
oon ben (Sebäuben, bie er längft oom Bild 
her Fennt unb bie jegt wirFlid? oor feinem 
Kuge fteßen. Der Dogenpalaft, bas Fönig* 
liehe Schloß, bie ITTarFusFirche, alles h<><h‘ 
überragt oon bem Hiefenturm. 

Dom Hugeiiblicf, als wir bie Stabt in 
Sid?t beFanten, bis 3U jenem, ba wir aus 
ber (Sondel auf bas glatte Pßafter ber 
pia3etta fteigen, iß eine Stunbe oer¬ 
gangen, fo nmftänblich ift bie (Einfahrt 
mit bem Kniegen, ber gollreoißon unb 
bem Kusfchißen. Dafür iß man nun wirFlich bal Da, 
mitten auf bem fabelhaften plag, umßattert oon ben (Tauben 
bes heiligen ITTarFus, betreut oon feinem ßiegenben Söroen. 
Diefer plag, ber an Schönheit feinesg leiden nicht hat, *ft 
bas Stelldichein oon Helfenden ber gan3en Welt, gur Stunbe 
unferer KnFunft tummelten ßd? wenigftens fünftaufenb Per¬ 
sonen auf bem plag unb in ben ihn umgebenben (Salerien 
herum, in allen (Tracf?ten unb mit allen Sprayen, wooon 
inan freilich bas Flingenbe 3talienifd} am lauteßen hörte. 
ITTein erfter (Sang war auf ben (Tampanile. ITTan ßeigt 
nid?t auf Stufen, man geht im 3 nne m bes (Turms wie auf 
einem fanft ßdj anwärtshebenben parFweg. Hapoleon foll 
ja hinaufgeritten fein, wahrfcf?eiitlich auf feinem Schlacht* 
pferb. €iner ITTenge oon (Touriften begegnet man auf 
biefem Bergftieg im 3 nn ern des (Semäuers. Kein £uft3ug 
ftrich burd? bie ^fenfter, bie nieberßnfenbe Sonne mit ihren 
langen fcharfen Schatten 3eid?nete wunberbar! Unb fo habe 
ich nun Denebig gefeiten oon oben herab. Unglaublich enge 
ineiiunbergebaut, weit hin^edehnt unb bann febarf abgegren3t 
auf bem (Sewäßer liegt bie Stabt, oorherrfchenb bas bräun¬ 
liche Hot ber (Semäuer ber unfagbar iueinanbergefchobenen 
Dächer unb (Siebei, oft unterbrochen oon grünen Kupfer* 



Die 6ngct8figur, 
bie ben geflttrjteu Campanile frönte. 


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Seite 1580. 


XTuimiier 30. 


Fuppelit, tief unter uns bte Kuppelgruppe ber Kirche bes 
heiligen KTarFus. Pon ben 3ahllofen Kanälen ber Stabt 
geht man nur ben ffd? breit hiafchlängeltibcn Kanal (Sranbe. 
Don ber 3 nfeljtabt fdjnurgerabe bie €i;eubahu hinein 3tun 
feften £anb. Die tagunen naef? biefer Seite f^itt gub fd?ou 
nid?t mehr feeähnlid?, fie fe^en fid? 3ur <Sbbe3eit an, wie 
überfchwemmte IPiefen, »on benen überall (Erbffreifeit Terror* 
ragen. Die Alpenffüffe tt^nu itjr moglidjftes, um biefe Sümpfe 
mit Bergfanb aus3itfüüen unb alfo Penebig allmählich mit 
beni ^feftlanb 31t »erbinbeit. Bad? 0 fteu unb Süben fliegt 
unfer Blicf über bie Saguncn unb bie Pororte hinaus aufs 
offene IHeer. 3 m Sübwejicn ragen über Stabt unb IDaffer 
in ber ferne ein paar blaue Berge als Dorpoften ber 
Apenninen. — 

Um bas »on Sirfjt überlaffete Ange ein menig ausruheit 
3U lagen, Feierte, id? bann in bas ^eilige Dun Fel ber KiarFus* 
Firdje ein. 3 n öem märchenhaft »on (Solbglan3 burcfoogeiten 
Kaum biefes alten (Tempels lieg ich mich ein menig ron 
beit Seelen »ergangener 3 a hrhunberte umfächeln, bis eine 
bes gegenwärtigen Farn unb mich hinauswies. Diefe hinaus* 
roeifenbe Seele gehörte einem Kirchcnbieuer an. (Es beginne 
ber (Bottesbienff, fagte er. Da tnügten bie f rembeit hinaus, 
bie alten frauen Famen l^erettt, bie UTarfusFirche gehörte 
nun wohl nicht mehr ber IPelt, fonbertt ber frommen 
(Semeinbe. 

Dann ein Spa3iergang burd? bie bunFleit (Saffm ber Stabt, 
bie fo eng ftnb, bag 3mei paar fid? begegnenbe Fjochjeits* 
reifenbe einanber nicht aus3uweichen »ermögen, ohne bag 001t 
bem einen eins mefentlid? nadgiebt, was um biefe geit 
immer bebenFlich ift. Um meine Stunbe mar bas überhaupt 
Fein (Sehen in folgen (Eugpäffen, »ielmehr ein (Sefchoben* 
merben in bem frembenftrom, ber auf allen pläfcen mtb in 
allen (Sagen furrte. (Sin fo feltfames, glehhntägig furreitbes 
(Seräufd? hat Feine Stabt, als biefes Penebig; Fein IPageii* 
geraffel, Fein fabriFsgepolter, nur bas ewige (Setrappel ber 
fuggängcr auf bem glatten pflafter, bas Kufen ber Krämer 
unb ber (Sottbelführer. Me (Saffengefdjäfte haben bie (Ehürett 
weit offen, unb in ihrem re^ettbeu Duitfel rühren ffd? malerifche 
(Seftalten. (Sucfe nid?t 31t lang unb nid?t 3U tief, fonft wirb 
bas Ke^enbe 3um (Eleub unb bas KTalerifche 311m Scbwutj. 
(Sleite rafch auf ber 0 berffäd?e bahin, befonbers in 3 *aÜen. 
— Bis 3um Ponte Kialto brang id? burdj, bort fprang ich 
in eine (Sonbel, um mich 3mifchen beit paläfteit bes Kanal 
(Sranbe hindurch 3U meinem Dampfer rubern 3U lagen. So 
unpraFtifd? wirb man in biefer wunberbareu Stabt, bag id? 
rergag, mit bem (Sonbelführer ben fahrpreis aus3umad;en. 
für bie fahrt »on einer Diertelfiuube »erlangte er bann 
brei Sire. 3 ^? bot ihm fünfzig (Tenteffmi, unb wenn es ihm 
nid?t recht fei, fo möge er mich blog mieber 3111 ücfbringen 
nad? bem ponte Kialto, bort herum mürben mir ein Schiebs» 
geriet gnben. €r begnügte geh mit beit fünfzig (Tenteffmi 
unb bebanFte geh obenbrein mit einem hÖgidjen Sprudj: bie 
IHabonna möge mich befchüfcen! — Denn ich hatte ihm um 
bie Hälfte 5U »iel be3ahlt 

Butt mar i<h mieber auf Öfterreichifdiem Boben, fo3ufagen 
in ber prooin3 „IDurmbranb 11 . (Es mar Abfahrtsseit, aber 
bas Schiff wartete noch auf paffagiere. 3 ch fag auf bem 
0 berbecf unb flaute hin auf bie Paläfte, bie in ber Abenb* 
bämmerung noch munberbarer mürben. Ueber ber weiten 
Stabt tönten meid? bie AbeubglocFeit. Dann Farn bie (Sonbel 
mit einer DolPsfängergefellfchaft unb fang aus ed?t itatieiiifdjen 
UTetallFehlen »or bem „IPurmbraub": „UTarghcritta! (Ein* 
fame Königin, Siebling ber Seligen, UUitter bes DolFes!" 
Hub ge fangen ben Abfdjieb »on Penebig: „Pcue5ia, bu greife 
Königin ber Stäbte! Dein Begleiter fei Sanft IHarPo in 
allen (Tagen! Abio!" 


Kleine Stimmung mar fo geworben, bag ge mit allem 
(Semöhnlichen nichts mehr gemein hatte. Das PolF fprid?t 
»01t einem gebeuten Fjimmel. Der mar es ungefähr. 3 n 
früheren 3 a hren bin id? mehrmals in Penebig gemefen unb 
ftets auf mehrere (Tage. 3 $ hatte Stabt unb Bewohner mir 
genauer befehen, hatte bie Kirchen, (SlasmerFftätten, (Semälbe* 
galerien unb anbere Sammlungen bcfudjt, hatte fogar einmal 
eine ber berühmten Pollmonbnä.hte auf ber pia3etta burd?* 
fchmärmt — aber fo innig tief ift Penebig mir nie gegangen, 
als bei biefem breiftüubigen Aufenthalt. 0 ja, aud? bie 
0 berffäd?IichFeit hat ihre (Tiefe. IPenn alles »ergeffen wirb, 
was ich auf Keifen je erlebt, gefühlt — biefe brei Stunben 
werbe ich Faunt »ergeffen. Sonnenhell uub bämmer»oll 311* 
gleid? wie ein Klärchen — fo fleht bas Bilb in mir, id? will 
es beFräi^en unb »erehreit, aber befdjreiben Fann id? es nicht. 
— (Enblid? begannen bie bunFlen fjäuferinaffen, ihre (Türme 
unb ihre £id?ter ffd? 5U bewegen unb 5urü(f3ugleiten. Pene5ia, 
bu greife KTärcheuPönigin, lebe wohl! 

Auf ber Kücffabrt waren lauter Deutfche an Borb. 
3eben hätte id? umarmen uub ihm mein F?cr3 ausfcbütien 
mögen, aber ich ftanb abfeits auf bem DecF unb febaute in 
bie buitFle Bad?t hinaus. 

Drei Stunben lang rollte ber Dampfer über bie See 
burd? Bad?t, Fjinunel unb KTeer — eine einjige Jinfierttis. 
3 n ber Kichtung, ber uufer Sd?iff 3ufteuerte, lag ein matter 
roter Schimmer, wie ein Borblidjt. Der £ichtfd?ein »01t (Tricff. 
IPo mar id? gemefen in biefer Furien geit, was habe id? ge* 
fehen? (Bleidjfain im (Taubenffug über Alpen unb KTeer 
hatte id? mid? einen AugenblicF niebergelaffen auf bem platj 
bes heiligen KTarFus. flüchtig — »ergeffeitb ber T^ärte aller 
Körper — montte»oll fchauettb im £id?t. 3 U ^ er diefe 3mar 
liegt bie IPabrheit, aber auf ber 0berffäd?e bie Schönheit. 



Die toten der ülocl)e.^| 

profeffor Dr. Karl (Berharbt, (Seheimer !TTebi3inalrat, 
t am 2 t. 3 uli in Sd?log (Samburg (Baben) im Alter »on 
69 3 a h r en (f. untenftehenbes Porträt). 

Sultan f^amiib bin 
Kluhammeb »on San* 
3ibar, f am t8. 3uli 
im so. Cebeusjahr (Por¬ 
trät S. 1588 ). 

Profeffor T?einrid? 
F> of mann, beFannter 
Komponift, f am 16 . 3 uli 
in (Tabar3 ((Thüringen) 
im Alter »on 6 o 3 ah*en. 

Karbiital £ebo* 
cbomsFi, f am 22 . 3 nli 
in Korn im Aller von 
80 3 ahreit (f. Porträt 
S. 1 376 ). 

3 oh« IPilliam 
IHarfay, ameriPaitifcher 
SilberFönig, t am 20. 
3uli in £onbon. 

TKonob, fianbels* 

attad?c ber frait3ögfd?en Botfdjaft in Berlin, f am *8. 3uli 
in F^ögenäs (Schweben). 

IHarfchall ITTarquis Saigo, t am ( 7 . 3 ȟ in IJoFohama. 
Profeffor Dr. Jricbrid? Sd?lie, (Sei?. FJofrat, t am 
2 t. 3 uli in Bab Kiffingeu im Alter »on 63 3 a h ren * 

< 5 * 



Profeffor Dr. Ktirl (Serfcarto f 


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Hummer 30.' 


Seite 1381. 



Onfere Bilder. 


Pott fremben ftöfen ( 2 lbb- 5 . 1387 uttb t<U9). X)ie 
unbegrenjte Siebe, bie Kaifer Jfranj 3 °f e f in allen Säubern 
ber öfterreicbifch*ungarifchen UTonarchie geniest, überträgt bas 
Polf auf fein ganjes T?aus. Selbft für bas (Ergeben ber 
entfernteren Derwanbteu bes' Kaifers befuubet es bas leb- 
baftefte 3utereffe. tPer fid? baoon überjeugen wollte, brauchte 
mir 3U beobad>tcn, wie ber (Er3ber5og (Eugen in Karlsbab, 
als er bort jur Kur weilte, pou 3 un g unb 2 Ut begrüßt 
würbe. Hub bie Siebe macht an ben fd?war3-gelbeu (Srenj- 
pfählen nicht X?alt. ^füt?len ftd? bie 0 efterreid;er fdion burd? 
bie (Erinnerung an bie Dergaugeuheit 3U Bayern ljiuge3ogen, 
fo wirb biefe ^remtbfd?a)t friid? erhalten burdj bie 3al|lreid?eu 
ehelichen Perbiubungen 3wifcheit ben IPittelsbadjent unb ben 
ßabsburgern, beren neufte bie bes X?er3ogs Siegfrieb mit 
ber (Er^herjogin UTaria Anuunciata ift. — Pie Stabt UTons 
in Belgien würbe jüngft burd? ben Befucfj bes (Thronfolgers 
priii3en Albert erfreut; er Pani mit feiner (Semahlin, ber 
bayrijdjen Prin3efftn (Elifabetfy, borthin, um an einer Peuf* 
malsentljüüung in ber Ecole des Mines teiljnuebmeu. 

CbS 

Pie Porblanbreife itnferes Kaifers (Abb. 5 . ( 386 ) 
nätjert fidj ihrem Tube. Picht geftört burdj irgcnbweld>e 
groifcbenfälle, Fann ber Kaifer biesmal bie für bie (Erholung 
feftgefeßte geit ausfofteu, währenb ihn im porigen 3 a h r bie 
bange Sorge um bie UTutter Beseitig in bie Tjeimat 3iiriicfrief. 

Cnü 

Pie Bußlanbreife bes Königs pon 3 io^en (Abb. 
S. 1583 unb t 38 < 0 . Per König Piftor Tmanuel ift nach 
fünftägigem Aufenthalt in Petersburg ober eigentlich in 
peterbof nach 3tal* e n 3urücfgefehrt, ficherlich fehr befriebigt 
pon bem Befud?, ben er bem garen abgeftattet h<U. XPas 
bie beiben X^errfcher unter Pier Augen niiteinanber gefprochen 
haben, fann natürlich niemanb wiffen; aber ans beu offi* 
3ieUen Knubgebungen geht 3iir (Seuüge h*rpor, baß bie gu* 
fatnmenfunft eine Betätigung bes Jriebens unb ber j^reuub» 
fchaft gewefen ift. 3 m großen unb gatten unterfebieb fie 


ftch gar nicht pon ben anbern UTonarchenentrepuen, bie in 
ben leßteu 3<*hren ftattgefunben ha&rn. Pie Häupter ber 
beiben (Sroßmächte erwiefen einanber felbft unb ber beiber- 
feitigeu Umgebung bie üblichen AufmerffamFeiten nnb€hrungerf. 
Pie Auwefeuheit bes italienifchen Kriegsfchiffs „(Tarlo Alberto" 
im Trafen pon Kronftabt benußte ber gar fogar, um feinem 
(Saft an Borb eine Art (Segenbefuch ab3uftatten. Unter ben 
,fe[t lieferten, bie 311 (Ehren bes Königs ftattfanben, fehlte 
natürlich nicht bie übliche große (Truppenfchau im Säger pon 
Krafnoje Sjelo, unb ebenfowenig unterließ es ber gar, Piftor 
(Emanuel 311m <£h e f eines ruffifd^en Begimeitts 3U ernennen. 
Auserfehen würben ba3U bie Sitauifchen Pragoner. 

Pie Pationalfeier in Paris (Abb. 5 . (38 ( u. 1389 ). 
Pie (Erinnerung an bie (Erftürmung ber Baftille ift am \<k. 3 ulif 
wie üblich, in Paris unb in gan3 Jranfreid? gefeiert worben, 
pielleicbt 3U111 leßteiunal. Picht etwa, baß ber republiFanifdje 
(SebanPe im Piebcrgang begriffen wäre, im (Segenteil, feine 
ßerrfchaft fd^eint gerabe jeßt befottbers flarf 3U fein. An 
ein Aufgeben bes Pationalfeiertags benft niemanb, aber es 
wirb bie (frage erörtert, ob er nicht beffer in ben X?erbft per* 
fdjobett würbe, man fönnte bann au bie proFlamation ber 
erften BepubliF anFnüpfen. Ulaßgebenb für berartige piäne 
ift nid?t bie politiF, foubern bie Temperatur. Pie Jeier 
gipfelt in ber großen Truppenfchau in Songchamps, für bie 
bie heiße 3 a h res 3 e tl nicht gerabe bie angeuehmfte ift. (Serabe 
biesmal h at hi* parabe, au ber übrigens auch & er heutfebe 
Ulilitärattachc Uiajor p. X?ugo teilnahm, 3ahlreiche 0 pfer ge* 
forbert. UTehrere hunbert perfonen, barunter piele UTilitärs, 
erlitten Sonuenftich ober X?ißfdjlag, unb baburch würbe natür¬ 
lich bie Stimmung arg getrübt. 

Pie Tjod^eit bes pri^en Ulirfo pon UTontenegro 
(Abb. S. ( 386 ). (Einen Tag, bepor ber König pon 3 * a li*n 
am ruffifchen Ejof anlaugte, feierte itt UTontenegro prin3 
UTirPo, ber Brttber ber Königin Rclena, feine Dermähluug 


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•Seite *382. 


Bummer 30. 


mit ber (Eochter des ferbifchen . 0 berfteit Konftantinomitfch. 
Es fönnte fcheinen, als fei bie gufammenftellung ber beiden 
Ereignifie trog ber permanbtfchaftlichen Bejie^ungen 3wifct?en 
Bom unb (Eettinje durchaus miilfüriicb. 2 tUein in Klonte* 
itegro felbft denft man barüber anders, bort legt man beiden 
Ereigniffen politifdje Bedeutung bei, die aud? das Jürfier.tum 
berühren. Panadj mürbe in der Beife Piftor Emanuels 
eine Anerfennung des Panflamismus auf beni Baifan unter 
ruffifdjer Jfihrung liegen, mährend bie EJod^eit des Prisen 
IHirfo bas Jürftentum IHontenegro 0 eßerrei<h näherbringen 
Fönnte, da 0berft Konftantinomitfch als ausgefprodjener Jreuud 
0 efterreid?s gilt IPie dem immer fei, prin3 IHirfo folgte 
bei feiner Perlobung jedenfalls dem gug des fje^ens. Seine 
Ejochjeit aber mürbe gleid)fam 3U einem PolFsfeft, bie gan3e 
Beoölfernng braute in Eettinje dem Ejof und iusbefondere 
dem jungen paar tyer3lidje 0pationen bar. 

Der<Einftnr3 des (GlocFentnrms PonSanlHarco in 
Penebig (Abb. S. x 3 79 u. 1385 ) befdjäftigt bie 3 taliener 3ur 
geit mehr, als bie midjtigften politifd?en fragen. Per Unter* 
gang des mehr als ein ^atjrtaufend alten Baumerfs, bas 
als IPa^etd^en ber £agunenftabt allenthalben gefannt mar, 
mirb beinah mie ein nationales Unglücf empfunden, Jür 
bie IHeh^atjl des Polfes ift es eine ausgemachte Sache, 
dag ber Campanile mieder aufgebaut mirb, unb emjig mird 
in dem großen Schutthaufen, der pon dem (Eurm und der 
£oggietta des Sanfopino übriggeblieben ift, nach Befianbteileu 
gefucht, die bei der Erneuerung mieber oermandt merden 
fönnen. Natürlich mirb piel raifonniert, und mährend man 
früher marnenbe Stimmen mißachtete, macht man jegt bie 
Uuffichtsbeamten perantmortlich, baß fie bas Unausbleibliche 
nicht perhütet haben. Allein . man begnügt fich nicht mit 
bloßen Klagen, fondern es regt fich auf ber andern Seite 
in bemunbernsroerter IPeife bie 0 pfermilligFeit, um den 
Schaden mieber gut 3U machen. Um (Eage nach dem <Einftur3 
des Campanile maren fchon beinah eine IHtllion £ire für 
den IPiederaufbau ge3eichnet, und aus allen Kultu^entren 
ber gan3en IPelt gehen Beiträge 3um Baufonds ein. 

IHilitärifche Jefie (Abb. S. (387 unb H2i). Pas 
Jubiläum feines 3meihundertjährigen Beftehens feierte jüngfi 
bas ößerreichifche Infanterieregiment Edler pon Probf3t Br. 5 (, 
bas bei diefer (Gelegenheit eine neue Jahne erhielt. — An 
dem legten Begimentsfeft des rufftfehen 3nfanterieregiments 
IPiborg nahm auch der beutfehe Botßhafter (Graf Alpensleben 
mit den andern Herren ber Botfchaft teil. Pabei mürbe er 
als Pertreter unferes Kaifers, der £h e f des Begiments ift, 
3um (Gegenftand lebhafter 0 pationen gemacht. 

Schiffsunfall (Ubb. S. 1388 ). Per dem Borbbeutfchen 
£Ioyd gehörige Pampfer „(Erier", ber auf der Keife oon 
Bremen nach Kuba in £a Corufta anlaufen follte, um bort 
Auswanderer an Bord 3U nehmen, ift, beoor er den 0 rt er¬ 
reichte, an einer Flippenreidjen Stelle geftrandet. Per Pampfer, 
ber eitj ftarfes £ed befommen hat, dHt trog angeftrengter 
Bergungsarbeiten als oerloren. Auch pon der £adung ift 
piel, ttaupttäd^lid^ durch Piebftahl ober, menn man mill, 
Piraterie perloren gegangen, hingegen mürben bie an Bord 
befindlichen perfoneu erfreulichetmeiiegerettet, fo baßlHenfchen- 
leben nicht 3U beflageu find. 

«3 

(Eh*ater nnb HTuftf (Abb. S. H2^). IPährenb in 
Peutfchlanb die Klagen über den Perfall der (Gefangsfunft 
nicht auf hören mollen, feiern in Amerifa beutfehe Sänger 
und Sängerinnen Criumphe. So gehört Jrau 3 °h anna 
(Eaufcher*(Gadsfi fchon feit 3 a h rcn 3 U ^ en beliebteften IHit* 
gliedern ber (Graufcben 0 per in Beuyorf, für die fie auch 
jegt mieder perpflichtet morden ift. — Pret Künftlerinnen 
find in Iegter geit dem Königlichen Schaufpielhaus in Berlin 


untreu geroorben. Jrl. Elfriebe IHahn ifi an bas Ejoftbeater 
in Karlsruhe unb Jrl. Jelicitas Cerigioli an bas Berliner 
Charter übergefiedelt. Schließlich ift auch Jrau paula Konrad* 
Schlenther, bie in den legten 3 a h ren noch vertragsmäßig 
gaftierte, gan3 aus' dem Perbanb ausgefchieden. — 3 n J*anf* 
furt a. IH.v 4 ft Jrl. Elia Berny als Koit3ertfängerin erfolgreich 
aufgetreten. — Pireftor IHormig giebt auch in diefem Sommer 
mieber mit einer ad hoc engagierten (truppe 0pernoorftel* 
lungen in Berlin. tPir bringen im porltegenben Ifeft eine 
pon (Eieg hergefiellte Aufnahme ber Soliften des Enfembles 
und ihres Pireftors. 

IPafferfport (Abb. S. 1390 und 1420). Bei ber 
Begatta I^elgoland-Poper hot des Kaifers neue 3 ac h* »IHeteor*, 
mie ftets mähtenb ber Kieler IPod?e, wieter 3uerfi bas giel 
erreicht, 3mei unb eine holbe Stunde por ber 3meiten 3 ac ht' 
Aber mieder blieb ihr ber erfte preis nach ber berechneten 
geit perfagt. Es ift daher bapon gefprochen morden, baß in 
ber Konftruftion des „IHeteor“ Peränbernugen porgenommen 
merben follen; indeffen fann es fich thatfächlicb höd?ftens um 
Aenberungeu ber (Eafelage hondeln. Per „IHeteör" ift gar 
nicht eigentlich als Bertnjacht gebaut, fondern als £uftja<ht, 
unb als foläje genügt er foroohl in Be3ug auf Segelfähigf?tt, 
mie in Bejüg auf die innere Ausftattung felbft den größten 
Anforderungen. — IPährenb die Segel* unb Buderregatten 
fich in fchiteller Jolge aneinander reihen, findet auf dem 
IPannfee eine internationale IHotorbootausfieUung ftatt, bie 
pon den bedeutenden Jortfchritten des Automobilismus auch 
auf dem IPafier geugnis ablegt unb intereflante (Eypen 
pon IHotorboten im Betrieb porführt. 

‘ . ,' x 

Aus aller IPelt (Abb. S. bis H 23 ). Per breißigfte 
Peutfche Aer3tetag fand in Königsberg i. pr. fiatt. Pie (Eetl* 
trehmer machten nach Schluß ber gefdjäftlichen Sigungen einen 
Ausfiug nach dem nahegelegenen maldigen Bauichett. — 3 n 
Briefen in IPeftpreußen mürbe für3lich ein £u$uspferbemarft 
abgehalten, den auch der 0berpräfident pon (Goßler befuchti. — 
Unter den 3ahlreichen Schügenfefien, bie in Iegter geit ge* 
feiert mürben, hotten befonbere Bedeutung bas fechshundert* 
jährige 3 u Mäum ber (Gilde 3U Puderftadt in t^annooer und 
bas IHannfchießen in £iegnig. 

Perfonalien (Porträts S. ( 388 ). Per perftorbene 
Sultan pon Sanfibar £)amtib bin IHuhammeb bin Said bin 
Sultan, ber im 3 a h r ^ 853 ols Sproß der alten arabifchen 
Eultansfatnilie pon IHasfat geboren mar, regierte das 3 n f e l* 
reich, fo meit bei bett\ eitglifchen protefterjt pon einer Be* 
gierung bie Bede fein Fann, feit 1896 als Hachfolger feines 
Petters f^amud bin (Ehmain. — ginn Buntius in HTünchen 
ift jegt der bisherige Buntius in Brafilien IHonfignore 
(Giufeppe IHacchi ernannt morden, der am (0. 3 “lt 
geboren murde. —. Am 19. 3 U K pollenbete der ehemalige 
preußifche Kriegsminifier, (General der 3 n ionterie 3 u ^ n$ 
pon Perdy du Pernois, fein fiebjigftes £ebensjatr. Per 
3ubilar, einer utiferer tüchtigfien IHilitärs, ber den Krieg 
pon (870 bereits als Abteilurgschef im (Großen (Generalftab 
mitmachte, ift 3tigleich eine ungewöhnlich geiftoolJe, pielfeitige, 
auch Fünftlerifch begabte PerfönlichFeit. Er meiß mit dem 
geichenftift ebenfo gut um3ugehen mie mit der Jeder. Be¬ 
funden feine 3ahlreichen militärifchen Schriften, unter denen 
bie „Studien über die CEruppenführung" den erften Plag 
einnehmen, tiefes IPiffen, fo 3eugen feine Jeuilletons pon 
großer ßiliftifiher (Gemandtbeit und fein Prama „Alarich* 
pon bichterifcher Peranlagung. — 3n Jreiburg i. B. feierte 
der berühmte (GynäFologe profeffor Pr. I}egar fein fünf3ig* 
jähriges Poftorjubiläutn. — profeffor Pr. Aloys Schulte in 
Breslau hot bie £eitung des preußischen hifiorifeben 3 nftituts 
in Beapel übernommen. 



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Hummer 30. 


Seite 1383, 







Bilder vom Cagc 


^ ... 




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Tom Befucb des Königs von Italien in Petersburgs 

Die 0ffi$iere bes £itaulfcf?en Dragonerregiments fiellen fid? in tSegenroart bes ^aren bem König, ifjrem neuernannten Cifef, vor. 

pljot. <L 0. £uDa, Petersburg. 


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Seite 138<fr, 


Hummer 30. 


©roßftirfiKCbronfoIgcr inid?acl. König oon 3talien. Per^ar* ©roßfürftin Zniliftct. £?er$ogin uon teucbtenberg. 

K b f <1 b r t nad) b e r P a r a b e in Xrafnoje Sjclo. 




X. König uon Jtalicn. 2. Per ^ ar - 3- Pie Kaiferiniuitroc. 4. Pie £jarin. 
IPdbrenb bes © e b e t s beim 5 rt Pf cn ^ re td?» 



Per § a r mit feinem ©oft bei ber großen Cruppenbeftdjtigung in Krafnoje Sjelo. 

Tom Befucb des Königs von Italien In Petersburg* 

pbot. C ©. Sulla, Petersburg. 


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Hummer 30. 


Seite 138S* 



Die Crömmer des 6lodtenturms in Venedig. 


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Seite *386. 


Rümmer 30. 



J. Pie Öraut am 2lrm iljrcs Sd?n>agcrs, bes prinjen Danilo oon Montenegro. 2. Der t?odj 3 eits 5 ug auf bent IDege uon ber Hirdje nadj bem Sd?lo§. 

Die Vermählung des Prinzen ptirfco von ^Montenegro mit ffatalie Konftantinowitfcb in Cettinje. 


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Hummer 30. 


Sette *387, 



lierzog Siegfried von Bayern und Brzherzogin ffaria Hnnunciata 

auf Sdjlofc poffenljofen am H- 3uli. 

5pejtalaufnat)me fär bie „tPodje" pon ITCidj. Pietrid?, manchen. 


6 rzherzog Bugen von Oefterreicb mit Oberft ftenniger, 

feinem Kbjutanten, unb feinem Ceibarst in Karlsbab. 
Ktelier „^reunbfdjaftsfaal*, Karlsbab. 



Ton dar zoo Jährigen Jubelfeier dee öfterreiebifeben Infanterieregiments edler von probfzt fir, 51 : Die neue fahne vor dem Kapellenzelt«. 

l)ofpbot. ©ebvnber Punfy, Kolc^soar. 


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Seit« 1388, 


Hummer 30. 



OTonf. tnacd}i, 

ber neue ttuntius in manchen. 



Geheimrat Prof, Ijegar, ^reiburg i. 8., 
bebeutenber (Syndfologe, 
feierte fein 50 jähriges Poftorjubiläuni. 



General oon £>erbf bu Dernois, 
feierte feinen 70. Geburtstag. 


Ifamud bin ptuhammed f 

Sultan oon Sanfibac. 


Profeffor 2Hofs Schulte, 
übernahm bie Ceitung 

bes preu§ifd?en hifloiifchen 3nftituts in Hont. 





Ton der Strandung des deutfeben Dampfers „Crier" bei U Corufia in Spanien: Das fe ft ritzen de Schiff, 

5* 8arral. 



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Ztummer 30. 


Seite *389. 



X. Her beutfe^e ZTHIitdrattad^ IHajor oon £>ugo auf ber druppenfdjau in Congrf^mtfs am 3uli. 2. Per 2Jnbrang bes publifums 3 a ber ^reiporfleUung 
im ©pemfyaus. 3. Bas JTlafonnen im Automobil. % präfibent Coubct grä§t bie franjöjtfdje Brmee auf ber (Cruppenfdjau in Congdjamps. 

Bilder vom JSationalfeft In Paris* 

pijotograpljif<f?e Aufnahmen pon Ct}uf[eau«,$Iapiens, ©ribaYeboff unb £6on Bou£t, Paris. 
























©cfamtanfid?t ber 2iusfte!Inng. 

Die flotorbootausrteUung in VUnnree bei Potsdam. 

pbot <Borboit & Delius, Berlin. 


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Ztummer 30. 


Seit« 139{. 


Ga mar rin altrr König... 

Pon 


Rudolph 8tratz, 


X. $ortfetjun<j. 

rpib blieb erßaunt ftefyen. „Siß bu beim 
im Heidjstag, Dater?" 

^3rgenbmo bei eu4 ba unten im Ur- 
malb," ermiberte fyxv pon Sraunfcheibt 
melancholifd? — „ba liegen alle bie 
Sriefe, bie idi bir nad? Ufrifa nad?gef 4 icft hab • • • 
pier lange öriefe im lebten 3 afyr t^intereinanber — ße 
haben bid? nie erreicht, unb jeßt treiben mol?l bie (BoriHas 
ober bie Uegerfönige bamit ihr Spiel. VLun muß ich 
alles noch einmal e^ählett. 5 unäd?ß, mein Sohn — 
ja: ich hin im Heid?stag. 34 gehöre 3 U ben 3^7, 
bie nie ba ßnb. Unfere Säuern mollten mich burd?aus 
barin hoben/ (Er ßreifte bie Uf4e pon feiner Efaoana 
unb ßoefte, ßd? tief räufpernb, eine IDeile. Dann fuhr 
er mit einem rafd?en Entfdßuß fort: „Sieh mal, mas 
foHt ich fonft auf bem £anb machen? 3 n hen langen 
3af?ren, feit ich mid? megen ber Kranfheit beiner ZHutter 
ba braufeen in ber Einf amfeit per graben hab? • • • 
Denn einfam mar’s — bas fannft bu mir glauben. 
Du felbß marß ja nie ba. Das große, leere fjaus unb 
in ihm 3 <*hr um 3 a hr «in ZHenfd? 3 U>ifchen £eben unb 
Sterben — faum mehr bei uns — eigentlich fd?on 
hinüber. Unb ich baneben — ich, «in Kerl tpie id]I 
34 faß allein in meinem IDinfel, mährenb bu beine 
großen Seifen machteft, unb mürbe alt unb badete mir 
bes Ubenbs fo bei ber sehnten «gigarre unb ber 3 meiten 
5 Iafd]e Hotfpon, menn braußen ber IDinb um unfern 
morfchen Haften pftff: ,Schabe, baß bas bißdien £eben 
fo rafdj um iß . 4 (ßeh«ult hob ich nicht, ba 3 U bin ich 
3 U biefblütig unb 3 U bieffeilig, ich habe mein £os ge¬ 
tragen n>ie ein HTann. Unb fchließlid? gemöhnt mau 
fleh au pieles, auch an bas d?ronifd?e Elenb. Das merft 
ich erß, «>i« «s 3 U Enbe mar. Da mar auf einmal 
alles fo leer in mir. So öbe. So gottsjäinmerlid? 
fahl. 34 fam mir gaii 3 nußlos por auf ber Welt. 
Unb fagte mir: ,3«ßt lebe bu eben noch bie paar 3ah^« 
bebten Stiefel meiter mie bish«r, unb bann fcharren 
ße bid? auch «inmal ein, unb bie arme Seele hat Hut?.* 
„Sa — unb nun hatte alfo ber alte Dalchom auf 
bem <But neben mir — bu fennft ihn nicht, er hat bas 
UTajorat erß übernommen, mie bu fchon aus bem 
Elternhaus meg marft — alfo ber hatte eine Codßer. 
Erß lief fte einem mal fo als Sacfßfd? übern IDeg — 
flinf unb fd?eu mie ein IDiefel. Daun muchs fte ran 
unb fam ber ZTad?barfd?aft aus ben Hugen unb per* 
fdpoanb auf einige 3 a h^ in fo ’nem fran 3 Ößfd?en 
Plapperinßitut am 2?hetn. Eines fchöiten Cags taucht 
ße rnieber auf, lang, sappelig, mager, bilbhüb(ch — 
achtsehn 3 a h*«> unb ber Hlte fagte 3 U mir beim U>hiß: 
,lOenn ich ße bloß fchon perforgt unb aufgehoben unb 
unter ber Efaube hätte . 4 

„Uber bas gäb’s nid?t. Sie mollte nicht. So gingen 
rnieber ein paar 3 a h*« ins Canb, unb mie's £}erbß 
muibe, ba machten ber alte Dald?om unb feine 5*au 


Ernß unb 3 ogett mit ihr für ben IDinter ua4 Berlin. 
Da machte ße nun ihren Kni$ bei fjof unb tankte ’rurn 

— unb bas bauerte beim auch nicht lauge, ba mar es 
glücflich um ße gefd?ehen. 

„Es mar ein Sübbeutfdjer. Ein Diplomat, ber in 
Berlin mithalf, ben meiß*blauen (ßlobus bei uns 5d\watfr 
meißen 3 U pertreten. Unb biefer Sayer hatte bloß einen 
5et?ler: «r mar fchon perheiratet. Uber fef?r. Unb 
fonnte ßd? als guter Katholif nicht f4«i^«n laßen. Unb 
mollte es moht auch gar nicht. Kursum: es hatte ni4t 
follen fein. 

„Das alles hat mir ber Dater, ber alte Dalchom, 
bes Hbeubs tiefbefümmert beim U>htß ersählt, mie «r 
rnieber heim auf feiner Sd?otle mar. Unb bie 3utta 
mit. Die mar gan 3 ruhig unb gelaffen unb fagte nur: 
,<Sut, menn ich ben nicht hab haben follen, bann über* 
haupt nid?t — 4 

„Dabei blieb ße unb richtete ßd] bei ihrem Uater 
häuslich auf bie alte 3ungfer ein. §u Unfang ber 
Sman 3 ig I 

„(Bern hab id] bas fd?öne HTenfd?enbilb immer an* 
gefeh«n. Unb nun plößli4 fHrbt ber alte DaWjom — 
fur 3 e &e\t t nachbem aud] mein E?aus leer gemorben 
mar — por einem 3 ah*. Hub mie id? ih* ba am 
(Brab bie ^anb brüefte unb ße baßanb mit bem blaßen 
fchöiten <ßeßd?t unb bem fd]mar 3 en Kleib unb mir beibe 
an unfere £iebeit bad?ten — ße an ben Dater, id? an 
bie Stau. — ba — ja, bas läßt ßd? nicht bef4r«ibcn 

— nUf?t, menn man ein junger UTann iß mie bu, unb 
ni4h menn man ein alter Ulann iß mie id?. Huf ein¬ 
mal iß*s ba. Erinnerß bu bid? als Kinb, mie es ein¬ 
mal in uitferm SdjafßaU gebrannt hat? Die gan 3 e 
Sa4t burd? hat es fo langfant por ßd? h^9«f4u>«lt, 
ohne baß bie perßudßen Kned?te recht barauf geachtet 
haben, unb bann, bes UTorgens, f 4 lug gan 3 plößlid? 
bie flamme lichterloh aus einer £ufe, unb faß 3 ugleid? 
ßanb aud? f 4 on bas gatt 3 e Strohbad] rettungslos in 
flammen. TXa alfo: bas iß ber 5aH biefes meines 
grauen ffauptes ... 

„ 3 uttas UTutter 30 g nun 3 U einem perh«irateten 
Sohn nad] UTeß. Sie mit. 34 fat] ß« 9 ut ein halbes 
3ahc nicht unb fonnte mir bie Sache überlegen. 

„U:un mag id? ja fonß ein 3 iemlid? unangenehmer 
<£t?riß unb Ulitmenfd? fein, mein lieber Hrpib, aber ge* 
rabe Dummh«it haben mir meber 5 reunb nod? 5 «inb 
bisher 3 um Dormurf gemacht. 34 fenne bie UTenfdjen 
unb fenne mid? unb ließ mir bas £ieb: ,Es mar ein 
alter König . . . 4 pom f?einri4 £]eine burd? ben Kopf 
gehen. Unb bann fragte id? mid?: iß bein E?er 3 mirflich 
fd^on fo ßed? unb bein £?aupt fo grau? — unb mußte 
immer rnieber benfen: ,Der arme alte König — ber 
nahm eine junge 5 rau . 4 

„^Iber babei fiel mir immer ein, mie bie Damen 
Ct?ee machen. Der erße Hufguß iß bitter, ben gießen 



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Sette 


ttnmmer 30. 


fte weg. Daß mid] feine mehr aus Ciebe nimmt — 
— na natürlich! Hber wenn einHTenfd], wie3utta, bie 
erfte Bitternis ber Ciebe hinter fict? hot unb nur noch 
eine Sarbe im fyr^en, bie noch 3uweilen weh thut unb 
fdjließlid] gatt3 perfdiwinbet, unb wenn fte nun abge- 
flärt unb ruhig geworben ift unb porn Ceben gar nichts 
Sefottberes mehr erwartet unb hoben will — warum 
follte fte bann bies Ceben nicht an meiner Seite ebeitfo- 
gut wie anberswo 3ubringen? 

„Sie hotte ja eigentlid] fein rechtes £}eim mehr. 
Huf bem <But wirtfdjaftete ber ältefte Sruber. HTit 
bereit 5rau fam fte gar nicht aus. 3?t ZHefe langweilte 
fte ftd] unb merfte benn hoch allmählich, wie es ihr 
im Ceben gehen würbe, wenn fte mal uid]t mehr jung 
unb fchön wäre — erft alteritbes Stäbchen — bann 
alte 3ungfer — HUerweltstante, ein uitnüßes 5amilieit- 
möbel, bas man ba- unb borthin riicft, wie gerabe 
plaß ift. 

„So hob ich mir bas alles überbad]t unb hm* uub 
her ge wä 13 t, einen langen IDinter hmburch, ittbent ich 
wie ber Sär im Sau midi in meinem einfamen Haften 
auf bem Canb eingefpomten hob uitb holbe Säi]te 
burch im Zimmer auf- unb abgegangeu bin unb midi 
gefragt hob: Soüft bu wirf lieh frech fein unb auf 
beitte alten (Eage beinern lieben Herrgott ein Schnippchen 
fchlagen? Unb wie’s nun 5rühlmg würbe, ba regte 
es ftd] mir immer mehr im (ßemüt unb (ßeblüt: — ,ja, 
bu follft ! 4 Dabei hott ich immer noch beit SebeugebanFen: 
<£s ift ja nur, bantit bie <ßefd]id]te rafdi eilt (Enbe hett. 
Sie nimmt bich ja bodi nicht! 

„So einen bireften Horb wollt ich mir ja nicht holen. 
3ch ging 3ur UTutter uub ftellte ber bie Sache por wie 
eben bir: €iufad] eine Deruunftehe! Satürlid] . . . 
weil ich ben Derftanb oerloreu hob, nennt es alle IDelt 
eine Deritunftehe. 

„Drei Cage barauf bie Antwort! (Einfach: 3 ol 
Sa — lieber Hroib — unb fo ift es nun gefontnteit, 
uub fte ift nteine 5rau, unb alles geht gut. Hu bas 
pon früher — ba benft fte gar nicht mehr! Der Sayer 
ift ab unb tot. Döüig pergeffen. Sie fpridit gait3 un¬ 
befangen barüber, wie 001t einer Kranfheit, bie mau 
glücflid] überftauben hot. 3h* fy *3 — bas hot fte 
eben fd?on feit 3 oh**u fYftematifd] 3um Schweigen ge* 
bradit. Das hot einfach bie Hrbeit eingeftellt — in 
höherem Sinn. Huch, was midi anbetrifft! — Denn 
id? bin natürlich nicht blinb unb taub genug, um mir 
ba Dinge ein3urebeu, bie nicht ftitb unb gar nicht 
fein föunen — unb bas ift unb bleibt bod] nun einmal 
beftehen: 3ch bin alt unb fte ift jung! 3ch liebe fte 
uub fte läßt ftch’s gefallen. Sie lebt an meiner Seite 
flott in ben (Eag hinein — unb was fo ein (SefeHfchofts- 
winter ift, bas weißt bu ja: — ein IDettrenneu, ein 
Seforb, wer am längften tanjen, am meuigften fchlafett 
unb am töblichfteu bie Seit totfchlagen fautt. 3^1 hob 
nie einen fieberhafteren HTüjftggaitg gefehen. 3ntta 
unb ihre gait3e Clique arbeiten wie bie De^weifelteu, 
um nichts 3U tf]uu, bis fte täglich bie r>ierunb3wau3ig 
Stunbeit bis auf bie leßte 3ttr Strecfe gebracht hoben 
uub um ZlTitternacht triumphiereub ^alali blafett uub 
,morgen wieber luftig 4 . 3ch höbe fein Ijaus, fouberu 


halte einen Caubeitfd]lag — einen IDartefaal erfter 
Klaffe, ben gan 3 en Cag brummt bas (Bong im 
€ntree, bas Celephon bimmelt, im HTuftf 3 immer üben 
fte bas ,Menuet k la Reine 1 , unten holt eine Seihe €qui* 
pagen — unb id] mache fd]ließlid], baß id] baoon« 
Fomnte: in bie EDilhelmftraße." 

€r lad]te in feinem tiefen, bröhnenbeit Saß. „ 3 o — 
bie IDilhelmftraße! 3 utta 3 uliebe mußt id] wieber 

in ben Staatsbienft treten als Son 3 e 3 weiter Klaffe 
mit pfauenfeber unb Knopf. Die Sebiitguug 
fnüpfte fte an ihr 3ou>ort: Sie wollte nach 

Serlin. Sepräfentiereit. 3m großen Stil leben. Hls 
ceüen 31 ^o — unb ba 3 u ift fte ja fd]ließlid? aud] ge- 
fd]affeit. £eid]t ift’s mir ja freilich nid]t geworben, auf 
meine alten Cage wieber meine UnabhängigPeit aufju- 
geben, wieber einen ,Dorgefeßten‘ 3 U hoben unb mit 
ben anberu HTaubarinen in ber großen Cretmühlc mit« 
3 uftampfert. Hber jeßt mad]t mir aud] bas Spaß! 
HUes! 3i? lebe wieber! €s ift, als hött mir jemanb 
3 unt (Seburtstag fünf 3 ehn 3 a h*e riiefwärts gefdjeuft." 

€r blieb ftehen uub bämpfte feine Stimme: „Hrpib!" 
fprad] er leife, faft angftpoll. „ 3 d] bin mit ihr fo un« 
menfdilid] glücflid] I Derarg es mir nid]t! (Blaub mir, 
id] höbe Sdiwetes im Ceben ttad] 3 uholen. Set nach- 
ftchtig gegen mid? alten <£fei — perbirb mir itid?t mein 
<5lücf!" 

* 3 papa?" 

„Das thuft bu, wenn bu mein (BlücF nicht mit mir 
fühlftl 3d] fann mich jo in beitte Cage benfen! Da 
fommft bu aus fernen Cättbent 3 urücf unb finbejt alles 
nun fo gait 3 aubers — ein frembes fjaus — eine 
frembe junge 5 rau barin — na, feutintental bift bu ja 
freilii] nicht." 

„Sein," fagte ber junge 5orfd]er trocPen. 

„Hber immerhin ... bie Ccinnerung! . . . €h^Uch: 
id] hob ben gatten Cag Hngft unb hob mir immer 
gebacht: fjättet ihr beibe euch nur fd?on ge.'ehen uttb 
eud] bie ^attb gegeben unb bie erften IDorte mit- 
einanber gewed]felt ..." 

„Das wirb ja gleich gefd]ef]en!" 

„ 3 a — aber oorher wollt id] bir eben mein 
£}er 3 ausfd]üttert! Sun fteht alles bei bir! 3utta wirb 
fo fein, wie bu bid] 3 U ihr ftellft." 

„IDir werben 5 reuube werben, natürlich!" 

Der Hlte feufjte tief auf, währettb fte weitergiitgen. 
„Sa — fd]öul Dann bift bu mein guter Sohn! Daun 
ift alles in ©rbnuttg! 3 ^ hob’s mir ja gebad?t!" 

Hroib lächelte flüchtig, wie aus einem gutmütigen 
STitempfinben h^ous. Dies £äd]elit war auf feinen 
gügen frembartig. €s paßte nicht su ihnen. Unb 
gleich barauf war auch ber gewohnte €rnft, bie Palte 
(Energie wieber ba. (Er erwiöerte nichts. Sie fdiritteu 
eine lange Strecfe fdiweigenb ttebeueinanber h^. 

£]err uott Srauufcheibt glaubte, baß fein Sohn ftd] 
bas eben (ßehörte noch einmal flill burd] ben Hopf 
gehen laffe. Hber ftatt beffett begann biefer nad] einer 
U)eile: „Perjeihe! fjaft bu bie Hbreffe biefes Doftor 
Selling?" 

„Sein. XPie fanufi bu bettit immer nur an beit 
2 Tieit{d]eu benfen ?* 


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Hummer 30* 


Seit# 1593. 


, 211 t meine 5einbe benF icf? bei Cag unb bei Had?t." 

, 2 )as iß bie ffälfte 3 u oiel. Had? Cifd? tf?u id? 
bas nie mehr. Unb id? bin bod? aud? ein ehrlicher 
Raffer/ 

„Eben. Wer nid?t Raffen Fann, Fanit aud? nid?t 
lieben." 

„£]aß bu beim je geliebt?" fagte ber alte fjerr 
mitleibig. 

<r 3 d? bin bocf? u>eit genug in ber 2 Delt tjerum* 
gefommen, um oiel grauen Fennen 3 u lernen." 

„Ad? ja — bas! Aber id? meine — entsaft? 
3<h glaube, bas Fannß bu gar nicht." 

Aroib fd?aute leer oor ßd? hin, bann fagte er gleid?« 
giltig: „Da 3 U t?ab idj nie Seit gehabt." 

*Sei frohl" fprad? bereite, unb fie traten in basfjaus. 

®ben in ber 5 lurtl?ür ßanb 3 utta, bie fie oom 
5enßer aus batte Fommen feben. Sie mar etwas blaß, 
aber gan 3 einfad] unb natürlich, als fie rafd] ben beibeit 
ein paar Stufen entgegenging unb bem ©aß bie f]anb 
bot, mit einem halblauten, beglichen: „ZDiHfommen 
baheim, Aroib." 

Unb er antwortete ebenfo ruhig, ih*e Hechte er« 
greifenb: „3 d] banFc bir." 

HL 

Eine halbe Stunbe barauf faßen ße alle brei beim 
Cund?, in bem großen Speiferaum, auf beffen Suffets 

— bas einige, was Aroib an bas Elternhaus er« 
innern Fonnte — bas oergilbte Sraunfd?eibtfche Familien* 
filber prangte. Sonji war alles oerfd?ieben oon ber 
fd?merfälligen HehaglidjFeit eines oon ©enerationen 
eingewohnten, altfränFifchen Qerrenßßes auf bem Canb 

— alles neu, ge{d?madooH — oornet?mßer, unauf¬ 
fälliger Cujus einer fdjönen, jungen 5 *au. 

Aroib rebete bei Cifd? faß allein, oon feiner großen 
Durchquerung Afrifas, bie feit HTonaten — feit oom 
Kongo bie Had?rid?t oon feinem glüdlidjen IDieber« 
auftauchen an ber IDeßFüße angelangt war — bie 
Kolonialpolitifer unb bie ©elet?rtenmelt in Atem erhielt. 
Seine Sprache Flang eintönig, ohne Hebungen unb 
SenFungen, leibenfchaftlos unb leife, fo leife 3 wifchen 
ben S^nen, baß bie anbern manchmal Hlühe hatten, 
ihn 3 U oerßehen, befonbers am Schluß ber Säße, wp 
er bie Stimme gleid?giltig fallen ließ, als lohne es ihm 
nicht mehr ber Hlühe, weiter 3 ureben. Unb bod] u>ar, 
was er berid]tete, fcffelnb genug — eine lange 5 olge 
oon Abenteuern unb ©efahren, oon Hlühen, KranF« 
heiten unb Entbehrungen, bie ßd? wie eine bmtFle 
Perlenfchnur an ber Kette eines sähen, un 3 erreißbareit 
HTanneswiHens, eine hinter ber anbern, bis 3 um ßeg« 
reichen Schluß aufreihten. 

Die beiben anbern, bie graue unb bie bfonbe Ej« 
ceHen 3 , harten fchweigenb 3 U, unb 3 umeilen befonnte ein 
grimmiges, befriebigtes Cächeln Qerrn oon Hraun« 
fcheibts gebräunte güge. Sein Auge hing an bem 
blaffen Antliß bes Sohnes. Er laufdjte mit tiefer Auf- 
merffamFeit bem troefenen, ßoefenben Sericht oon Hot 
unb Cob in taufenberlei ©eftalt. 

Sei biefem afriFanifcheit Cotentan 3 , ber ftch ba oor 
ihm entrollte, Flang etwas Herwanbtes in feinem 3 nneru 


mit, ein tt>ieberermad?en lange oergeffener unb be« 
grabener 3 ugenbwünfd]e. Dor einem HTenfchenalter 
war er aud] einmal 3 U Anfang ber Dreißig gewefcit, 
ein baumlanger, wilber, hagerer ©efeHe, 3 ehnmal wilber 
als biefer bleid]e, äußerlid] fo unfeheinbare ©eiehrte 
ba neben ihm. Damals hatte er nicht gewußt, wohin 
mit bem 3 ornigen Ctjatenbrang, ber Abenteuerluß, bie 
in feinen Abern Föchte unb hämmerte. Er hatte baoou 
geträumt, frembe Kriegsbienße 3 U nehmen, bie tüelt 
3 u umfegelit, irgenbwie ben Ueberfd]uß an unruhiger 
Kraft los 3 uwcrben. Aber in feiner 3ugenb war man 
in Deutfchlanb nod? feßhafter als jeßt in feinen alten 
Cagen. Die Scholle hielt einen feft unb mehr nod] 
nad] bem Cobe bes Daters bas ftol 3 e Selbßgenügeu bes 
©roßgrunbbefißers an feinem eigenen, ihm allein unter« 
thanen StücF Erbe. So war er, nad? ben Fur 3 en Sr auf e* 
jat?ren ber Unioerfitätsseit, faß unmerFlid? in ben alt¬ 
gewohnten Cauf ber Dinge hineingeglitten, weiter unb 
weiter im Staatsbienß, unb als er ßd? baraus aufs 
Canb unb in bie 5reif?eit gerettet, waren feine beßen 
®age fd?on oorbei — er hatte eine ßerbensFraitFe 
Ärau — fein Cebensfdjiff lag für immer feß oeranFert 
im trafen unb fein angeborenes Phlegma ließ ihn biefe 
H>elt 3 urücfge 3 ogenheit als bie würbigße unb oornehmße 
5 orm bes Dafeins erfcheinen. 

Aber ein grimmes Set?agen war ihm bod? geblieben, 
wenn er oon HTenfd?en unb Ehaten härte, bie ber All- 
täglid?Feit ber Dinge fpotteten. U?er über bie Sd?ranFen 
bes philißeriums hinausfprang, war fein Hlann. Dem 
fühlte er ßd? feelifd? nah« in feiner tiefen, gelaffenen 
Uerad?tung ber HTaßen unb ihrer ©efeße. 

Sein Sohn ba hatte bie £aub« unb palmenwölbungeit 
bes unbetretenen Urwalbs über ßd? raufd?en gehört 
unb bas IDeltmeer im Sturm gefd?aut, er hatte bas 
ffeulen ber Kugeln unb bas Surren ber ©iftpfeile hart 
am ®t?r oernommen — er hatte ßd? aus dieberFröüen, 
aus Stromfd?nellen unb bem Hachen reißenber Seßien 
gerettet — er hatte mehr erlebt unb erlitten, als fonß 
HTillioneit oon HTenfd]eu befd?iebeit, unb wußte wohl 
gar nicht mehr recht, wie farblos, wie nüchtern ßd? im 
norbbeutfd?en Hebel bie U?od?en unb bie 3uhre 
bahinfpinneit Fönnen. Dem heintifd?en mittag war er 
fremb geworben. HTan brauchte nur fein ©eßd?t an 3 U- 
fehenl Da hatten jahrelange 3**fährten in ben ge« 
heimnisoollßen Cänbern ber Erbe beutlid? mit ihren 
Hünen unb Hui^eln gefd?rieben: ,ber ba iß anbers wie 
bie anbern/ 

Der war ein HTann unb hatte gelebt wie ein HTann. 
U?ie ein HTann oon früher, als bie U?elt nod? nid?t 
3 ahm war. Als man nod? burd? bief unb bünn über 
Canb unb HTeer feinem Sterne nad?ritt unb Hot unb 
(Eob um ihrer felbß willen, aus Cuß am Abenteuer, 
herausforberte unb beßanb. Unb ber fo bad?te unb 
hanbelte, ber war fein 51eifd? unb Slut. Diefer Stol 3 
wärmte ihm bas E?er 3 wie alter IDein. 

„3a — ßeh mal, 3utta," fagte er, als Aroib oer« 
ßummte unb wieber nad? feiner Art leer auf irgenb* 
einen unßchtbaren ©egenßanb in ber 5 erne ßarrte, 
„bas iß ein Sohn, an bem man IDohlqefaüen haben 
Fann. 3^h hab es gut getroffen als Haler. 3<h hab 


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Sette 159$. 


Bummer 30. 


nur einen eitrigen, aber ber ift aud? banad?. Er f?ätte 
aud? was anberes werben Fönnen — ein Sd?ulbeiv 
mad?er im Kttila ober Küraß, ein oerlieberter Bennfriße 
unbKartenfünßler im 3*uflub ober fo ein <§ioilftreber, ober 
gar bas <Sräßlid?ße auf (Erben: einfad] ein bummer Kerl. 
Seelengut, aber 3U nifd?t 5U gebraud?en — aber nein: 
er mad]t mir Efyre. Er ijt flüger als fein Pater. 
Unb bas will bod] immerhin fd]on was .Reißen." 

Er lächelte unb 3eigte babei wie ein gutgelauntes 
großes Baubtier feine gäfyne unter bem eisgrauen Schnurr* 
bart. „ 3 <* — id] fann banfbar fein. Dir aud], 3 utta. UTir 
5uliebe, Kinber: 3 d? bittend], oertragt eud]! Es giebt 
ja braußen in ber IPelt fo eine UTenge Ceute, mit benen 
il?r eud] raufen Föuut — aber fyier, in meinen oier 
tPänben, foll Triebe fein. 3d? t]<*b iB?n oerbient. Denn 
id] bin alt. Unb will nid]ts met]r oon bem Ceben, als 
3wifdjen 3wei UTenfdjen pßen, bie id] lieb i?abe unb pe 
mid] — unb t]offentlid] halb aud] einanber." 

Der Diener fjatte eine <£t]ampagnerflafd]e in ben 
Kiibler neben it]m geßeHt. Er goß ein. Seine £]änbe 
3itterten etwas. Uber er lai]te: „tPas, 3 u tt a — wenn 
bein Pater unb id] nun nid]t Bad]bant geworben 
wären? Dann wirtfdjaftetef! bu jeßt oieHeid]t irgenb- 
wo in ©ftelbien als notleibenbe Kgrarierfrau auf bem 
J}ül?nert]of f]erum, ßatt Iper an bem wirflid]en £}of, unb 
ftopfteft bie (ßänfe, ftatt fyier wol?'.tf]ätigen Damen* 
fomitees oor3upßen — alfo bas alles l]at unfer lieber 
Herrgott in feiner (ßnabe wol]lgefügt, unb wir wollen 
U]m banfbar fein.* 

Er (ließ mit feiner 5 rau unb feinem Sol]n an. 
EPäf?renb bie (ßläfer 3ufammenflangen, fing 3 utta einen 
BlicF oon il]m auf, ben pe oerpanb. Kls ifyr Seftfeld] 
ben Kroibs ftreifte, neigte pe it]m im Stegen, mit einem 
leifen £äd?eln in ben Kugen, bas fjaupt entgegen, unb er 
berührte flüchtig mit feinem Sdjnurrbart if?re tippen. 

Dann festen pe pd] wieber, unb Kcoib fagte nur: 
„Das ip bas erPe Blal feit brei 3 ^f]ren, baß id] jentanben 
gefüßt l?ab." 

„ 3 d? glaube, bas lernp bu nie orbentlid?, mein Sol?n,* 
lad]te fferr oon Braunfd?eibt. „FPas, 3 ut ta — baitad? 
pet]t er nid]t aus. 5 ür eud] t?at er Feine Seit. <£r 
Ijat’s felbp oortpn gefagt." 

Er war in ropgfter Caune. „ 5 riebrid]," wenbete er pd] 
an ben wieber eingetreteuen Diener. „X^errit StöffebStier 
empfange id?. Sonft niemanb. Sagen Sie ben Ceuten, 
f?ier im £]aus feien bie fd]war3en Blattern, ober id] 
fäße im Bab, ober id] läge im Sarg unb wollte meine 
Bul?e t?aben. Perftanbeu?" 

Dabei nidte er feiner 5 ruu liftig 3U, ein riepger, 
etwas greifenfjafter lHept]ifto, um beffen Kugen es in 
fdpaueit Sd]langenfältd?en 3winferte unb beffen grauer 
Sd?nurrbart nur I]alb eine bösartige, um bie UTunb* 
winfel fpielenbe £]eiterfeit oerbarg. „Kd? ja — Bul?c! 
Einmal fd]meißen pe mid] bod] aus ber tPilljelmftraße 
heraus, 3 u ll a ^ 3 < 3 ] I?ab eine beftimmte <§uoerpd]t, 
baß id] mid? auf bie Dauer bort unmöglid] mad?e! 
Den (Eag werb id] preifen. (ßlaub mir, Kroib, es ift 
fein äftf?etifd?er (ßenuß, ben ^eiligen Bureaufratius 
täglid] nacft 3U fel]en, unb es gefd]el?en oiele Dinge 
3wifd?en tinben unb £eip5igerftraße, oon benen bie 


IPeisljeitbesSteuersafyfers nid?tsat]nt. Kd] — malfyeraus! 
— weg aus Berlin — weld? eine IPoune. freies 5 elb. 
(Eine Beif?e pappein — ein StücF Ci^erne, in ber 5 erne 
eine Kompagnie IPinbmüf]len — Sonne — IPalb — 
weiter fjimmel — o, id] l?ab eine Finbifd?e Set?ufud]t, 
einmal wieber 3ur Entenjagb l?ol]e (Efyranpiefel an3iet]en 
3U biirfen. Kinb meines f]er3ens — begreifP 

bu bas mirflid? nid]t?" 

„ 3 d? b^be nod] nie f?ol?e (Etjranpiefel angetjabt," 
erwiberte bie fd]öne (Efcelleus etwas fropig. 

3f?r (ßatte lernte beluftigt feine mächtige (ßepalt in 
ben KrmPuf)! 3urücf. „<D — il?r ptjilijier! Sie nimmt 
es fd?on wieber ernp. Sie F?at fd?on wieber KngP, baß 
id? pe nad] Sibirien l?eimf d]leppe. 3 mnter füllt 
pe auf mid] rein — immer. Unb babei f?ab id] iB?r 
bod] heilig oerfprod?en, l?ier am grünen Stranb ber 
Spree 3U bleiben — im DienP unb als abgetjalfterte 
Staatspüße erP red]t. 5 reilid] nid]t gern. 3 < 1 ] bin 3U 
naio für Berlin, gerabe wie unfere unortl]ograpf]ifd]en 
Porfafyren. Die plünberten and] grunbfäßlid] nur 
außerhalb unb Famen erP 3uguterle(3t in bie Stabt herein, 
um pd] auf allgemeines Perlangen föpfen 3U laffen. 
Die Quißows waren eben Feine (Sefyeimräte, fonbern 
notleibenbe Baubritter — eine tüd]tige (6efellfd]aft troß 
allebem — was, Kroib?" 

Der blape junge 5 orfd]er läd?elte nur. 3 ^ biefcnt 
KugeitblicF war er feinem Pater äf?nlid]. 3 ” beiben 
regte pd] bas alte troßige 3 wnFerblut ber Biarf. 

„Du fparP beine IPorte," fagte ber alte b]err be¬ 
trübt. „bjaft red]t. Du 3at]lft in 0 ?aten. Unb id] 
pß ba unb rebe. Unb getimt fyab id] nid]ts. Kls 
pfyiliper F?ab id] gelebt, als ptjilifter werb id? perben 
unb war bod] Feiner. Über 3U fd]wer an Blut, 3U 
fd?wer an Knod?en, oiclleid]t aud? 5U fd?mer an (6el]irn. 
Ulit fold?em (Sepäcf Fann man nid]t wie ein E]anbwerFs* 
burfd?e burd?s Ceben bummeln. Da bleibt man ftill 
im Sd?loß feiner Päter unb enbet in ber piUen iPil- 
l?clmpraße. Unb oon bort führen pe bei ber leßten 
BTasFerabe, bei meinem Begräbnis, einen UTanbarinen 
auf ben Kird]F?of, ber eigentlid? gar feiner war, fonbern 
im (ßrunb feines £]er3ens ein gan3 gottlofer Strold]. 
Unb alle EPelt t?at ipn um feine bleierne firbenlaP — 
um Bang, Kbel unb Beidjtum — aud? nod] beneibet. 
Kd? nein, il?r junges PolF — leid?t unb tF?örid?t follt 
man fein wie ein 5 lol?. £in Springinsfelb 00H fonniger 
Dummheit. Dann lernt man bas DümmPe auf ber 
U)elt nid?t Fennen — bie Beue. 3 ^ feib aud? 

fd?on oiel 3U eruft für eure 3 a ^ rc * /# 

Seine Stimme war bei ben leßten Säßen tief unb 
murmelnb geworben. <£r faf? oiel älter aus, wie er fo 
bas mächtige ffaupt auf bie Bruft pnfen ließ, pnßer 
oor pd] Ipnbrütete unb bann wieber begann: „Klles 
umfonft. Da l?at man nun feinen Sd?weiß bei ber Per* 
waltung feiner (Siiter, feine (Einte im Staatsbienß oer* 
goffen unb pßt nun ba ol?ne Cebensquittung in ber 
^anb, ot?ne eine red]te (Erinnerung. Das war alles ewig 
|o nüd?tern unb farblos — altpreußifd? — eine fd]nur* 
gerabe pappelallee ooit ber IPiege bis 3um Ceid?en* 
pein. Unb an bem dämmert oielleid]t fd?on irgenb ein 
Steinmeß oor bem £jallefd]en (El]or, ol?ne baß id? es weiß.* 


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Hummer 30. 


Sette {595« 


Die Beiben aubent mußten nid?ts Hechtes bet biefetn 
plöfelidjen Umfdjlacj feiner Stimmung 3 U erroibern. 
<£5 entflanb ein Fu^es Sd?t©etgen. Dann richtete ftd) 
ber alte HecFe plöfelid? auf, Beiter unb elaftifd? t©ie 3 U©or. 

„Ha — ba mir’s ja," fprad? er rafd], t©äB* 

renb bet Diener eintrat unb ibm halblaut einen Hamen 
mclbete. „Stöffel*Stier, ber meland?olifd 7 e Ejausfnecbtl 
Unb in bringenbfter Angelegenheit? Schön. 3d? fomme. 
Der 3 eib / Ar©ib, aber es betrifft bidj. 'Die Seüingfd?en 
fjänbel. Hee — bleib nur pfeen, mein Sohn. 3d? bänbige 
meine Heptile nid^t gern ©or beugen. 3 ^? ba nebenan 
hinein. Unterhalte bu bidj nur tn 3 t©if d>en mit 3”tta." 

<£ 1 * marf bie lefeten Säfee leicht hi”/ aber bod? ©oll 
innerer Unruhe. IDemt er bie beiben jefet allein liefe 
— mürben jte ftd? etmas 3 U tagen haben? €r Hopfte 
feinem Sohn, B”tter beffen Stuhl tretenb, auf bie Schulter. 

„Du mufet eben benFen, Ar©ib, bu h^ttefl bei beiner 
HücfFehr eine Schmefier uorgefunben — bie meinet- 
megett irgenbmo bet Dermanbten in ber 5 erite aufge- 
machfen ift, fo bafe bu fie nie h a ft (ernten lernen. Unb 
nun tfi fie eben mieber ba unb ihr feib bod? eben mit- 
einattber ©ermanbt unb nun fcfcaut, bafe ihr gut mit- 
einanber ausfommt, Kinber! Auf IDieberfehen!" 

£r iticFte ben beiben freunblidj 3 U unb burchntafe 
mit langen, muchtigen Schritten ben Baum bis 3 ur 
Chfire, bie fidj geräufdjooll hinter ihtn fd?lofe. (Bleich 
barauf fragte 3 ”tta, rafd?, um ja feine peinliche paufe 
eintreten 3 U laffen: „Hun — mie ftnbeft bu papa?" 
,<£r hat ftch ©eränbert." 


„Hid?t mahr? €r felbft behauptet aud} immer, er 
fei minbeßens um fünfjehn 3 <*B rc ©erjüngt." 

„ 3 a. €r ift noch ©iel lebhafter als früher . M 

So fprad} Ar©ibs Ulunb. Aber in feinem Kopf Hangen 
bie gleichen Säfee anbers. Der Vater flöfete ihm Sorgen 
ein. dr mar 3 U betriebfam gemorben. 5 u eilig. 5 U 
laut unb leutfelig mit Bi'xni unb Kun). Die Stimmung 
fchlug jäh hm unb fax. Das Sd?mergemicht fehlte. 
Statt beffen IDorte — ©iel, aÜ 5 U©iel IDorte — unb 
manche melfe barunter, fjerbfoeichen. €r mürbe alt 
ober ©ielmehr — er mar es fchon in feiner Unraft. 
Denn bie Angft ©or bem Alter — bas mar ja eben 
bas Alter felbft. 

Unb laut fagte er: „Ejoffentlid] bürben fte ihm im 
UTinifterium nicht 3 U ©iel auf." 

„Ad? — bas Fann er ftch einrichten. Der Ar 3 t 
meint, es fei gerabe in feinen 3 ah**n ein (ßlücf, mettn 
man eine beftimmte (EhätigFeit hat." 

Sie rebete gan 3 unbefangen ©on feiner Betagtheit. 
Unb ebenfo fuhr fte fort: „papa hat ja eine fo ftarfe 
KonfUtution. ZDenn man fonphier feine abgearbeiteten unb 
Derbrauchten Kollegen pefyt ... er ift ein Hiefe bagegen." 

<£r niefte ftumm. <£s berührte ihn feltfam, bafe fte 
fo einfach aon ,papa‘ fprach, als märe er mirFlich ihrer 
beiber Vater. Unb fte Bruber unb Schmefter, mie 
jener ©orhin halb im Sd?er 3 meinte. Dem Alter nach 
ftimmte es mohl. Sie mar fünf, fedjs 3ahrc jünger 
als er. Unb fchöu — bas fagte ihm fein Auge, bas 
ernft auf ihr ruhte. (fortfefeung folgt.) 


c - ^ -> 

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Beobachtungen über bas XVtrtfdjaf tsleben ber Bereinigten Staaten ©on Amerifa. 


Don Eudwig iftax 

II. 

Arbeit unb IDerFftätten. 

Der freien mirtfchaftlidjen Betätigung ift in ben ber¬ 
einigten Staaten nirgenbs hemmenber §mang angettjan. Die 
Hegterung ber dt^elftaaten mie bie Bunbesregiernng iji 
mit ben Bürgern eins in bem Beftreben, bie roirtfdjaftlidje 
(Brofee bes £anbes 3U lieben. VerFehrs* ober BaubefdjränFungen 
beftehen nur in ©erhältnismäfeig geringem Umfang, übrigens 
nicht gleichmäßig in ben ©erfebiebenen din3elftaaten. 

Iber ein (BrunbftücF bepfet, barf barauf ein (Befdjäfts* 
gebäube fo hod? errieten, mie er mag, unb Feine anbere (Brenje 
als bie ber tedjnifdjen UTöglichFeit ife ihm babei geftellt. Iber 
ein JVarenhaus entrichtet, ber tffut es nach ben ihm beFannten 
ober ©on ihm ©orausgefefeten JDünfchen bes publiFums, unb 
Feine Befjorbe mifcht ftch aus (Brünben ber Sicherheit ein. Der 
Unternehmer mirb nicht beoormnnbet unb bas pubtifum auch 
nidjt, bas felbft bie Augen offen 3u halten gemöhnt ift unb 
in biefer (Semöhnuttg erhalten merben foll. Die Ziehung 
ftellt bett IHenfchen auf fleh felbft unb giebt ihm für Denfen 
unb fjanbeln bie £ebensregel: „£}tlf bir felbft!" Ungemein 
charaFteriftifch iß, mas ich mährenb meines Aufenthalts in 
SübFalifornicn fah- Bei bem h* rr lich gelegenen doronabo 
Beacb führen langgeftrecfte (fufegängerbämme einlabenb in 
ben Stillen ©3ean hi nfl us. An ber Dämme Anfang aber er¬ 
zähl* ein behörbliches Schilb mit mächtigen £ettern: „IDer 
^iefe BrücFe betritt, thut es auf eigene Gefahr." 


Goldberger, Berlin. 

t 

Die öffentlichen Anlagen finb überall nur Uufeanlagen 
im engften Sinn. Auf nichts roirb geartet, als mas bem 
DerFetjr felbfe bient. (Brofee Dorpchtsmaferegeln im difertbahn» 
betrieb merben nicht für erforberiieh angefehen, mohl aber 
bie bejten £oFomotioen, 3ugleich in ben fern3ügen mit aUen 
BequemlichFeiten bes Beifens ausgerüftete Speife-, Schlaf- 
unb BibliotheFsmagen. Bahnbarrieren finb nicht ©orhanben. 
Schilber mit ber Auffchrift: „Artung! U^agettl" gelten als 
ausreicbenber Schüfe. Auf ber enblofen Atcbifon (EopeFa anb 
Santa ^fe*difenhahn bemerFt man nur ©ereinjelte Bahnmärter- 
häufer. bjier unb ba liegen 3ur Seite bes (Bleifes einige 
drfafefchienen für ben (fall raf<h benötigter Ausbejferungen. 

dine Art Arbeitsfanatismus bcherrfcht bie (Bemüter. 
Die Arbeit ift in ben 3 n & u f ,r ie3entren fo inteupo, bafe pe 
faum eine anbere drholmtg als ben Schlaf 3uläfet, unb bes- 
balb pttb, menn man ©on ben grofeen Stäbten abpeht, bie 
(Einrichtungen für meltliche Vergnügungen überaus fparfam. 
IVo es bem (Befchäft gilt, mo man ber ermerbliehen, Fauf- 
mäitnifchen (EhätigPeit nachgeht, felbp an Fleiueren unb ent¬ 
legenen piäfeen, pnbet man Rotels, bie mit allem Komfort 
unb mit überraphenbem (Blanj eingerichtet pttb. Die dr* 
holungspläfee bagegen bieten nur mäßige Unterfunft, fchlechte 
tVege, mangelhafte VerFehrsmittel. Die BaftlopgFeit fdjliefet 
bie drholung aus, bie ber ameriPanifche (Bemerbetreibenöe 
aud? gar nicht baheim fud?t. f^at er (Selb übrig, mtll er 
für Furje §eit raften unb pd? ©ergnügen, fo geht er nach 
duropa. 3 m eigenen £anb Pennt er faum etmas anberes 


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Seite 1396. 


stummer 30. 


als bas (Sefdjäft, hat er nur für biefes Sinn, fo 3war, baß 
fogar non ben IBohUjabenben nur wenige bie lanbfdjaftlichen 
Schönheiten ber fjeimat Fennen. • Don ben Bewohnern bes 
0 ßens fjat nur ein Fleiner Ceil bas fonnige Stücf (Erbe bes 
fernen JDeßens mit feinen Blüten unb Blumen, mit feinen 
früdjten unb IDeinbergen, mit feinem milben uitb reinen 
Fjitnmel, mit feinen palmen unb 0 rangen gefeheit. Das er* 
flärt ßd? Feineswegs aus Abneigung gegen bie Itatur ober 
aus befonberer Iteigung 3ur SeßhaftigFeit. Bad? bem IDeßeit 
geht man eben nur, wenn man im 0 ften nid?t (Erfolg gehabt 
bat, ober wenn man fein Arbeitsgebiet ausbefynen will. Daun 
freilich iß manfd?nell 3um Aufbruch entfdjloffen. Das^b^tigPeits* 
felb ift weit, unb w unbegren3te IHöglid?Feiten" hatman oor ftd?. 

Der Arbeitsfanatismus, oon bem ich eben gefprodjen 
habe, beginnt bereits in jungen 3ah**n. 3nng n>ie 3n* 
bußrie bes £anbes ßnb auch bie Seiler großer Betriebe, bei* 
nabe noch 3 ö n 9 ^ n 9 e * Anbrerfeits giebt es brüben Faum 
Männer, bie fich als Beniner jur Bube fegen, aud? wenn fie 
Millionen erworben haben. Sie wagen ben (gewinn ober 
hoch einen großen (Teil baoon immer aufs neue, unb fo 
häufen fid? im fall bes (Erfolgs bie großen Dermögen, bie 
übrigens nicht feiten — im (Segenfag 3U ben oft bemonßra* 
tioen Aufioenbungen, bie id? früher ermähnt h a & e — ücn 
ben Beßgern mit föniglicher fjanb wieber gemeinnügigen 
gwecfen 3ugefübrt werben. Als ein erfreuliches Symptom 
iß es ai^ufeben, baß biefe BiefenfcheuFungen nicht minber 
wie Fleinere (Sahen, abgefeben oon ben IDerfen reiner Häuften* 
liebe, in beträchtlichem Umfang ber förberung bes Unter¬ 
richts unb ber IDiflenfchaft gewidmet werben. 

IDie ber Entfaltung bes iDirtfdjaftslebens nirgenbs f efleln 
angethan ßnb, fo befteht aud? im Derfehr ber ITTenfcheu unter* 
einanber bie größte Bewegungsfreiheit, allerbings oft in uns 
befremblicben formen, groifdjeu ben jeweiligen Machthabern 
unb bem Dolf hat ß<h naturgemäß ein gan3 anberer gu* 
fammenbang ergeben als in ben Monarchien; unb ba brüben 
nod? alles neuer ift, fo möchte ich behaupten, fogar nod? 
weit freier unb unbis3iplinierter als in ben BepubliPen ber 
Alten IDelt 

Daß ber „BefpeFt oor ber Autorität" in ben Bereinigten 
Staaten nicht übermäßig ausgebilbet iß, Fann nach bem eben 
(Sefagten Faum wunber nehmen. Das läßt aud? ein freutib* 
lidjes Behältnis 3wifchen Arbeitgeber unb Arbeitnehmer nicht 
red?t aufFommen. Es machte einen eigentümlichen EinbrucP 
auf mich, als id? in ben „Union 3 ™n IDorPs" in San f rancisFo 
mit bem Schöpfer biefer Werte, 3 *wng' Scott, burd? bie Um* 
gebung ber Anlagen ging unb wahrnahm, baß oon allen ben 
Arbeitern, bie wir auf bem IDeg 3um Mittagejfen trafen, 
Faum einer feine Müge oor bem in Ehren ergrauten Mann 
30g, ber eine gierbe bes ameriFanifcheu (Sewerbeßeißes iß. 
Unb ße Fannten alle 3 ™ing Scott l Auch werben pettßonen 
unb Buhegehälter in gefdjäftlidjen Betrieben nur in ben 
feltenßen fällen gewährt. IDer nicht mehr im oollen Um* 
fang 3U arbeiten oermag — felbß wenn er in bem gleichen 
Betrieb alt geworben iß — muß gehen; rücfßd?tsIos erhält 
er feinen Saufpaß, er hat jüngeren Kräften 5U weichen, bie 
arbeitsfähiger ßnb. So erforbert es bas 3 ntere ff* &es <Se* 
fchäfts, unb etwas anberes barf nicht in frage Fommen. 
„Ejilf bir felbß", fo h ei ß* es aud? fß er * H?i* fyaben gute 
Söhne unb Honorare gejault — baoon hätte genügenb 3urücf* 
gelegt unb für Alters* unb Sebensoerßdjerungsprämien oer* 
weubet werben Fönnen. 3 « benBanF* ober 3 nbußriegefellfchafts* 
bilan3en höbe ich, foweit ich mich entßnne, penßonsfonbs für 
Beamte gleichfalls nicht gefunben. Einige größere Eifenbahn* 
gefellfchaften beginnen allerbings mit ber Einrichtung oon 
penßonsanßalten. Das ßnb aber 3unächß Ausnahmen. (Se* 
meinfame f eßlichFeiten ber Arbeitgeber mit ben Arbeitnehmern 
aus Anlaß eines befonberen (Sebenftags gehört 3U ben größten 
Seltenheiten, gwei (gruppen ßehen ßch in bem Arbeitgeber- 
tum unb in ber Arbeiterfdjaft gegenüber — ohne innere 
gufammengehörigFeit unb ohne „BefpeFt oor ber Autorität" 
— jebe partei beßrebt, fo oiel 3U gewinnen, wie nur möglich iß. 

Man muß aber bas DolP ber Bereinigten Staaten bei ber 
Arbeit felbft gefeiten haben, um begreißid? 3U ßnben, baß es 


leißen Fonnte, was es gelcißet h a * ün & 3 U fctß en fortfährt. 
Mafchinen überall, um im (großen 3U fdjaffen, unb bie Arbeits* 
teilung fo fehr burchgeführt, baß fdjließlich ber Menfd? felbß 
entweder 3ur Mafchitie ober 3um Auffetjer einer Maldjine 
geworben iß. 3 m (ßegenfag 311 Europa, wo in langem ge* 
fchid?tlichen IDerbegang bie felbßänbige 3nbioibualität eine 
ber ßhönßen unb ebclfien Blüten ber Ausbilbung war, hatte 
in ben Bereinigten Staaten urfprünglid? bie feltfante Paarung 
oon freiheit unb harter wirtfdjaftlicher HotmenbigFeit, bie 
wunberlidje Berbinbung einer menfchlidje Sagungen nur iit 
befchränFteßem Umfang Fennenben unb anerFennenben 
SelbßwiüigFeit mit rücFßcbtstofem gielbewußtfein bahin ge* 
führt, baß ein BolF oon felbßherrlidjen 3 nbioibuen bei ber 
ßhaffenbeu (EhätigFeit auf alles Eigenfein oe^idjtete unb ßd? 
gan3 unb gar in ben Dienft bes ArbeitS3wecfs (teilte. IBo 
es möglid? iß. bie Arbeit in einielne bjanbgriffe 3U 3erlegen, 
ba wirb ber ein3elne bjanbgriff 3um Beruf gemacht, weil ba* 
mit eine Uebung gewonnen wirb, bie eine größere Sicherheit 
in biefern Ejanbgriff giebt unb feine h^ußgere IBieberholung 
in einem beßimmten geitmaß 3uläßt. Der £eiter ber IBeßing* 
houfe Electric Mfg. Eo. in pittsburg, ein DeutfchameriFaner, 
fagte mir: 

„Der große Erfolg bes amcriFanifchen tDettbewerbs 
beruht, abgefehn oon ben unermeßlichen Schägen bes 
Bobens, 3um (Eeil auf bem mafchiuellen Erfag ber Menfd?en* 
hänbe, auf Sd?nellbetrieb, auf Kon3entration bes Betriebs* 
— 3um (Eeil aber aud?, unb 3U einem wefentlichen (Teil, 
in ber Spe3ialißerung ber Arbeitsgebiete, unb oor allem 
in ber notroenbigen Spe3ialißerung ber Arbeiter, benert 
wir bod? gaii3 anbere Söhne 3ai?len, als Sie brüben! Unfere 
Arbeiter bleiben in ber gleichen IBerPßätte, an berfelben 
DrehbanF, an bemfelben Krahn, an berfelben Mafdjine; ße 
werben nie oon einer Abteilung in bie anbere gefd/icFt, ße 
werben immer 3U ber gleichen Arbeit oerroeubet. So ge¬ 
winnen ße an ber Stelle, an ber ße ßehn, eine außer¬ 
gewöhnliche fertigfeit — ße werben Spe3ialißett in ihrem 
fach, in bem Bereich ih«* Arbeit, unb leißen burd? bie 
jahrelang getätigte Uebung quantitatio unb qualitatio in 
acht Stunben oielleicht mehr als ein Arbeiter brüben in 
ber hoppelten geit l So fallen bie hohlen Söhne für uns 
gar nid?t in bie IBagfchalel" 

gwecfentfprechenb oerfahren — bas iß ber (Srunbfag ber 
3 nbußrie in ben Bereinigten Staaten. Man ift auf bas 
äußerße fparfam bei ber probuFtion, aber nicht, inbein 
man Fargt, fonberit inbem man Feine Ausgabe fd?eut, bie 
irgenb einen Ertrag oerfprid?t. Der Amerifaner wirft eine eben 
geFaufte Mafd?ine 3um alten Eifen, wenn ße nicht 3wecFent* 
fpred?enb iß, um alsbalb ein beßeres Mobeil 3U erßehn; er 
hat bas bjer3, überall bie teuerßen unb beßen Spe3ialmafchinen 
an3ufchaftcn. 

gwecfentfprechenb oerfahren — bas iß ber (Srunbfag ber 
3 nbußrie in ben Bereinigten Staaten, unb bas giel iß ein 
boppeltes: felbß für ben heimifchen MarFt 3U forgen unb ben 
Sanbesreichtum unb bie Sanbesfraft burd? (Sewinnung frember 
MärFte für ßch fruchtbar 3U mad?en, wobei burd? intenßoe 
BeroollFommnung ber (Eechnif einerfeits bie äußerße Ausnügung 
ber Bohmaterialien, anbrerfeits ber allmähliche Uebergang 3ur 
Erseugung oon qualitatio hochßehenben JBaren fd?arf in ben 
Borbergrunb tritt. Es iß begreiflich, baß bem unermeßlichen 
fortfehritt ber Bereinigten Staaten in ber probuFtion unb Ber* 
Wertung oon Bohftoffen bei 3unehmenber BeoölFerung ber wirt* 
fchaftliche Umfd?wung folgen mußte. Es war gar nid?t anbers 
möglich, als baß ein £anb, bem unaujhörlich Arbeiter ber 
oerfchiebenßen (Sewerbs3weige aus ber Alten IBelt 3ußrömten, 
ßch auf bie Dauer nicht bamit begnügen mochte, ben Qanb* 
langer ber fremblänbi(chen 3 n & u ß*i e ab3ugeben, ihr bie 
Materialien 3U liefern unb bie oerarbeiteten ab3unehmen. 
Die natürliche Entwicflung oerlangte bas Eutßehn oon eignen 
3 nbußrien 30t DecFung bes hcimißhtn ^ebarfs. Der nächfte 
Scbritt war, baß bie unter bem goHfd?ug erßarFenbe 3 «^»ßriö 
ßd? erportierenb 3U bethätigen begann. Hicht langer geit hat 
es beöurft, um bas Beginnen 3a mächtiger Entfaltung aus* 
3uweiten unb ben f abriFatsejport immer erheblicher 3U ßeigern* 


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Bummer 3Ö. 


£eite ^597. 


Ulan null pd? burdjaus Dom Huslanb emanjtpterert, Be« 
fonbers ba, wo man in biefer Befreiung einen Porteil er¬ 
blickt. 2 Iuf oielen Sdjaufenjtern prangen P0I3 bie felbft- 
Bewußten IPorte: „Made in America.“ Beweiskräftiger als 
ßatifitfche galten ift ber faji überall beutiidj erkennbare 
(Entwicklungsgang in ben betreffenben (Befdjäftsbetrieben. So 
ift 3. B. ber amerikanifche Bebarf an Spielwaren ein enor¬ 
mer; bie beutfd?e Husfuhr h a * pd? barauftjin um über 
400000 Dollar im legten 3atjr erhöhen können; pe wäre 
noch erheblicher gewefen, wenn pd? nicht jugleich in ben 
Pereinigten Staaten fehr Beachtenswerte Anfänge einer eigenen 
Spielwareninbußrie 3eigen würben. 3 ^? erwähne ferner 
bie probuftion ber amerikanifchen Seibeninbuftrie unb ihrer 
I?ilfs3meige, wobei in ber Seibeitftoff- unb Seibenbanbfabrifatioit 
ber mechanifche IPebpuhl ben in ber Ulten IPelt Dielfach 
noch oerwenbeten f^anbwebpuhl gä^lich Derbrängt hot. Der 
IPert ber 3 ahresprobuftion beträgt jegt Bereits naheju 
joo millionen Dollar. ^ebt weiter bie Saminetinbuftrie 
heroor. Die Einfuhr ip burdj bas Aufblühen ber amerikani- 
fchen Fabrikation erheblich 3urücfgebrängt worben. 3 n billiger, 
für ben maßenoertrieb geeigneter IPare ift bas amerikanifche 
Fabrikat an bie Stelle bes früher bominierenben auslänbtfdjen 
probukts in ber Ijauptfache getreten. 3 n Befagartikeln unb 
fjanbfdjuhen kommt gleichfalls bas Huslanb nicht mehr wie 
ehebem in Betracht. 3^ nenne außerbem bie Korbwaren« 
inbuftrie, bie fich in anfehnlichem Umfang in Hmerika auf« 
3ubauen beginnt 3 <h «innere fobann an ben ftarfen Huf- 
fchwung ber amerikanifchen gementinbußrie, bie 3ur geit 
nicht einmal ben 3 n ^ an bsbebarf 3U becken Dermag unb mit 
ifilfe moberner unb höchf* erfolgreicher Hrbeitsmethoben einen 
portreßlidjen Hrtikel probu3iert; an ber pa3ipfchen Küpe be- 
peht allerbings eine nennenswerte gementinbußrie nodj nicht. 
3 n Buntbrncke^eugnißen, bie noch Dor etwa 10 3 oh ren bei¬ 
nahe Dolipänbig importiert würben, entwickelt pch in Hmerika 
ein paunenswertes (Bewerbe mit Derhältnismäßig billigen 
preifen, 3ugleich in 3unehmenb guter Qualität, bank täglich 
neuen drpnbungen in ben chroinolithographifchen unb Der« 
wanbten DruckDerfahren. IPährenb duropa bem amerikanifchen 
Klavtt, wenn auch in befcheibenen Quantitäten gegen früher, 
immer noch F en f* er- mtb Tafelglas liefert, beherrßht bie 
amerikanifche (Slasiitbußrie in allen anbern ihrer Hrtikel 
ben heimifdjen IHarkt beinahe Dollkommen. 3 n gefdjlijfenem 
(Sias leipen bie amerikanifchen IPerkßätten Ijeroorragenbes 
unb führen felbp bei Derhältnismäßig teuren preifen bereits 
jegt nid?t unerhebliche mengen nad? duropa aus. 

Huf ber anbern Seite ift ber augenblickliche 3 nlanbsbebarf auf 
manchen probuktionsgebieten ein fo überragenber, baß man 
an ben (Export überhaupt nicht benken kann. Da3U kommt, 
baß man Dielfach in ben mittleren Betrieben bie richtigen 
<E£portbe3iehungen erp 3U organiperen unb auf3ubauen 
anfängt. 

Huf bie F ra 9 e ' Deutfchlanb wohl ohne amerikanifche 
Hohbaumwolle auskommen wolle, ip biesfeits mit ber (Segen¬ 
frage geantwortet worben, an wen bie Hmerikauer ihre Baum¬ 
wolle uerkaufen wollten, wenn Deutfchlanb tn abfehbarer geit 
in ber Sage wäre, pch in erhöhtem maß aus alten probuktions« 
länbern ober aus neuen probuktionsgebieten, nach F cr ^9* 
pellung ber Bagbabbahn, 3U Derforgen. »Kn niemanben,* 
erwiberte mir ein Beuyorker Kaufmann, »wir Derarbeiten 
bie Bohbaumwolle einfach felbp unb werfen bie Fobrikate 
auf ben IPeltmarkt.* — Das ift eine jener „titanifdjen" 
Uebertreibungen, bie pdjer nicht gaii3 ertip genommen fein 
wollen. din in feinem Urteil abgeklärter, h erüorra 9enber 
Sachoerpänbtger auf bem (Sebiet bes Baumwollwaren* 
gewerbes fagte mir aber: 

„IPir könnten fdjon jegt oiele Hrtikel nad? duropa 
bringen, mit Bugen felbft in bie burch götle gefügten 
Sänber. IPir thun es aber nicht, ba ber europäifche Kauf¬ 
mann Diel eigner ip, felbp bei billiger IPare, als feine 
Kollegen anbermärts. dr hot wohl mehr geit, bie IParen 
3u prüfen unb fo etwaige IHängel h«ous3ußnbeu. Kleinig¬ 
keiten, gegen bie er dinfprudj erhebt, überfeinen wir ge¬ 
wöhnlich, Dielleicht weil bie 3um (Srübeln uub F e ^^ er f* n ^ en 


aufgewanbte geit für uns größeren IPert hot, als eine 
Heklamation einbringett kann." 

I?Tein kunbiger F rcun b betonte ferner, was er nur auf 
fein Spejialgebiet bejog. was aber bodj, mit finngemäßer 
Hnmenbung. als typifch für alle Probuktionsgebiete bes 
amerikanifchen (Bewerbeßeißes gelten kann unb beshalb h* er 
erwähnt werben foll: 

»Die Seiftung einer Druckmafchtne ip größer, wenn 
pe ben gan3en dag über in ber gleiten geichnung unb in 
ber gleichen gufammenßellung Don Forben arbeitet, als 
wenn man pe ein bugenbmal anhält, um IParen unb 
Farben 3U änbern. IPir laßen unfere Ulafchinen nicht 
ftilipehen unb arbeiten lieber mit Perluft, ber allerbings 
*o pro3ent nicht überfteigen barf. Die 3nlanbsprobuttion, 
bie wir Iß« nicht uerkaufen können, geben wir an bas 
Huslanb 3U niebrigen preifen ab. 3 n fdßedjten geilen 
pnb wir aggrefftuer als in guten.* 

Seine Kusfüljrungen fchloß er mit ben bemerkenswerten 
IPorten: 

»UTit einer Beuölkerung uon über 80 millionen, bie 
alle in Sprache, drabition, denbenj gleich Pnb ober wenig- 
fteus es fein wollen, können wir alles in weit größerem 
ITCaßßab fabr^ieren als duropa, unb bie Hrbeitserfparnis, 
bie folch größerer ITtaßPab in ber Fobrikation geftattet, ip 
meiner UTeinung nach bieljauptquelle unferer Ueberlegenheit." 
Huf Dielen bebeutenben (Sebieten hot 3ubem ber ameri¬ 
kanifche Fobrikant oor bem auslänbjfchen Konkurrenten ben 
erheblichen Porteil uoraus, baß bie räumlich naheliegenben 
Betriebe eine promptere Hblieferung ber IPare unb eine 
fchnellere Berückpchtigung fpe3teUer IPünfdje gewährleißen. 
Huch Dermag pd? ber amerikanifche Fobrikant rafcher einer 
Henbermtg bes im £anbe h«rfd?enben (Sefchmacks an3upaßen. 
gubem beginnt er Dielfach, felbpänbige 3 bren, mufter unb 
Bonitäten an ben markt ju bringen, wobei ich allerbings 
ausbrücklich feftpellen möchte, baß bies 3umeip mit E^ilfe 
europäifdjer geidmer unb oielfadj auch mit Ijilfe europäifcher 
Krbeiter gefchieht. 

(Sroße Perhältniße 3eigen pdj, wie bekannt unb bereits 
oon allen Seiten befprochen, in ber (Eifen- unb Stahlinbußrie. 
Sie hot inlänbifche Uufträge in erbrückenber Fö^ e » nn b 
es fcheint gar nicht übertrieben, wenn uon einer „förm¬ 
lichen Panik ber Käufer* gefpro<hen wirb. F^ r bie haupt« 
fächlichften amerikanifchen (Eifenbahnen, beren dinnahmeu 
im Dergangenen 3 a h* rwnb 1400 millionen Dollar betrugen, 
136 millionen mehr als im 3°hr 3uoor, honbelt es pch nicht 
nur barum, neue Linien 3U bauen — es müßen, wie fdjon in 
bem uorigen Hbfchnitt angebeutet würbe, auch bie Diclfach 
üeralteten Schienenftränge erneuert ober umgeftaltet werbeiu 
(Eine große gahl wichtig geworbener Bebenlinien unb £okal- 
bahnen foll normalfpurig ausgebaut werben; auf einer £änge 
uon daufenben Don meilen werben bie leichten Schienen, ent« 
fprechenb ben Knforberungen ber ferneren inobernen £oko« 
motiren unb (Süterwaggons, burch fchwere Stanbarbfchienen 
erfegt. Huch fü* Brückenbau unb (Eifenbahnmaterialien, 
namentlich aber für £okomotiDen uub <£ars ip ber 
Bebarf außerorbeutlich, unb baher fd^eint es glaubhaft, 
wenn oerßehert wirb, baß bie einfehlägigen IPerke auf 
lauge geit hi n ous im I^eimatlanb mit gewinnbringenber 
Hrbeit Derforgt pnb. Bid?t weniger ßürmifch unb großartig 
äußert pd? bie Bachfrage für bie IHaterialien ber Derfdjiebenen 
Baugewerbe. KonPruktions* unb Foßoneifen aller Hrt werben 
bringenb begehrt, unb alte £ieferungen pnb feit IHonaten im 
Hückftanb. 3 m IPefien flocken thatfächlich bie ^Sauten feit 
Dlonaten, weil bie difenlieferungen ausbleiben. Huf biefe IPeife 
wirb bie probuktion Don difen- unb Stahlfabrikateu innerhalb 
ber Pereinigten Staaten felbp einen willigen unblohnenbenHbfag 
behalten unb, foweit bis jegt überfeinen werben kann, 3unächft 
Don fdparf unterbtetenbem IPettbewerb auf ben IPeltmärkten 
abfehen. Unb ba3u nergegenwärtige man pd?, baß, währenb 
ber Hoheifenbebarf ber IPelt in ber geit oon 1866—1870 
auf ben Kopf ber Berölkerung (7 pfuttb, im oorigen 3 ahr 
57 pfunb betrug, er ftd? in ben Bereinigten Staaten allein 
in 1901 auf 455 pfurtb gefteigert hotl 


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Seite 1393. 


Hummer 50. 


Unb nodj eine andere X^er^Ietd^sjaljI mag f}ter eingefügt 
fein: mähreitb oon ber amerifanifchen ©efamteinfuhr die 
Ejälfte europäifchen Urfprungs ift, geben bie Pereinigten 
Staaten Preioiertel ihrer Kusfuhr nach (Europa ab. Kbfolut 
ift bie Ausfuhr ber Pereinigten Staaten nach (Europa er^eblid? 
mehr als hoppelt fo groß mie bie (Einfuhr aus Cnropa. 
Piefes Perhältnis ifi feit 3 a h re a ungefähr fonftant. 

Kuf allen (Eebieten ber amerifanifchen <Süterer3eugung, 
in allen IPerfftätten amerifanifchen ©emerbeflcißes begegnen 
mir Biefenbimenftonen unb Hiefenjal^len. Ku<h bie im (Ent- 
fielen begriffenen jaljlreid^en Heuanlagen finb in ihrer jefet 
bereits erfennbaren Kusbehnung nicht minber impofant. Pa3u 
gehören in erfter Heilte bie IPerfe ber £acfamaitna Steel 
Company in Buffalo. Diefe merben bereinft baju berufen 
fein, ber Uniteb States Steel Corporation beträchtliche Kon* 
furrenj 3U machen. TPenn bie IPerfe in geraumer geit 
fertiggeftellt fein merben, merben fte ungefähr [ 300 000 Connen 
fdjmere unb leichte Stahlfdjtenen, Stahlfnüppel Unioerfal* 
platten, Konftruftionsftahl, fehlere unb leichte Stahlplatten 
probu3ieren fönnen — ungefähr *o pro3ent ber probuftion 
ber Pereinigten Staaten. 

Cin charafteriftifches UTerfmal, bas fich bei bem Knblicf 
ber amerifanifchen IPerfe in ben Porbergrunb brängt, ift, baß 
im allgemeinen auf bas Keußere ber Knlagen nicht ber TPert 
gelegt mirb mie anbermärts. Pie (Sebäube finb einfach unb 
prunflos; häufig finb es nur mächtige Bretter* ober tPellbIe<h- 
fdjüppen, in benen bie mertoollften PTafchinen untergebracht 
finb. Selbjt bie Carnegiemerfe ber U. St. Steel Corporation 
in pittsburg*£jomefteabt, bie toohl bas ©roßartigfte unb Poll* 
fommenfte auf bem (Sebiet ber (ßefamtanlagen non tjodjofen, 
Stahl* unb IPa^merfen barjiellen, entbehren jebes äußeren 
Sdjtnucfes. freilich, tritt man in bie IPerfe ein, fo fühlt 
man ftd? in eine IPunber* unb gaubermelt perfekt. Per £aie 
mochte an bas fPalten unfichtbarer (Seiffcer glauben, menn er 
fteht, mie durch mechanifche Porrichtungen in einem ununter¬ 
brochenen gug bas Hohmaterial bis 3Uin fertigen probuft ge¬ 
führt unb bas fertige probuft 3m Perlabung gebracht mirb. 

Kus ber fülle bes Beobachteten oermag ich immer nur 
einige Beifpiele h cc aus3ugreifen, am an ihnen, menn aud? 
nur in gebrängtem Kbriß, bas toeite ITTaß unb bas eigen¬ 
artige ber amerifanifchen probuftion 3U beleuchten. 3 n ber 
IPeftinghoufe Clectric UTfg. Co. in pittsbürg, beren Kn lagen 
aud? äußerlich einen überaus ftattlidjen (Etnbrucf machen, 
mürben, als ich im 3anuar boirt mar, oier sooo-Kiloroatt* 
mafchinen fertiggeftellt, bie für ben eleftrifdjen Betrieb ber ur* 
fprünglich mitPampfbetrieb eingerichteten „(EleoatebBailroabs" 
in Hem IJorf in Kuftrag gegeben maren. 

3n bie mir eben ge3ogenen ©regelt fallen nicht minber 
bie Knhäufer Bufch*Brauerei in St. £ouis unb bie pabft 
Bremery Company in JTlilmaufee. Pie Ungenannte Brauerei 
er3eugt jährlich faft \ ütillion Barrels Bier (i Barrel ift 
gleich \,\8 ffeftoliter). Pie Knhäufer Bufch*Brauerei hat es 
auf naf)e3u 1,2 Millionen Barrels gebracht. UTit biefer 
Brauerei ift für ben f lafchenbebarf eine (ßlasfabrif oerbunben. 
Bei pabft fah ich eine antomatifebe PTafchine, bie ftünblich 
neuntaufenb flauen meidet, ausfpült unb oollfommen 
reinigt. 

3n ben „Karitan Copper tPorfs" in perth Krnboy, H. 3- 
oeranfdjaulidjte fich mir ber ProbuFtionspro3eß, ber bie 
Krbeitsinethoben ber „alten unb ber neuen geit" — fo nannte 
ber £eiter ber IPerfe bie 3 a h re und 19°° — in 3n>ei 
nebeneinanberltegenben, meitgebehnten ©ebäulidjfeiten Fenn* 
3eichnet. tjier mie bort erfolgt bie Parftellung bes IPerbe* 
ganges bes Kupfers burch Höftung ber Kupferer3e, Perfchmel* 
3ung mit Kohle unb gufdjlägen, <Sarma<hung in flammen* 
Öfen bis 3um fertigprobuft in Kupferingots — mit bem 
Unterfchieb, baß in ben jetjt neu eingerichteten tPerfftätten 
technifd? oeroollfommitete unb oon nur menigen Krbeitern 
gemartete Plafchinen in Chätigfeit finb, bie bas hoppelte 
Quantum oon bem e^eugen, mas in ber noch in Betrieb 
befinblichen älteren Abteilung minber ausgetüftete Plafchinen, 
btbient oon einer oiermal fo großen gatjl oon PTenfchenhänben, 
3U leiften oermögen. 


3n ber oben ermähnten Ktthäufer Bufch*Brauerei finb 3ur 
fertigftellung oon 2000 Bufhels PTal3 im flurma^haus 
(b. h- beim ffanbbetrieb) ^2 Krbeitsfräfte benötigt, mogegen 
basfelbe Quantum im automatifchen Crommelmal3haus 
(PTafchinenbetrieb) mit nur 8 Krbeiterfräften er3eugt mirb, 
bas (5an3e, mie man mir fagte, mit einer folgen Koften* 
erfparnis, baß bas 3ur (Einrichtung bes Cromtnelmal3haufes 
angelegte, allerbings 3iemlich h°h e Kapital in fur3er geit 
abgefchrieben merben fann. 

3n Be3ug auf ben automatifchen Betrieb ift auch ber 
mafchinelle Porgang, ber ftd? in beit Kn lagen ber Hatural 
f00b Company, Hiagara falls, H. t}., oolljieht, in hoh*nt 
<5rab lehrreich. Port mirb in einem einigen pro3e§ ber 
lPet3en 3ermahlen unb bis 3unt reinen JPei3enbrob (shredded 
whole wheat Biscuit) fertiggeftellt, ohne ba§ ber Arbeiter, 
ber bie Plafchinen märtet, etmas anderes ift als ihr Kuf- 
feher, unb ohne ba§ bas fertige <5ebäcf bis 3um bftnein* 
fd?ieben in bie ©efen oon einer PTenfchenhanb berührt mirb. 
Pie fpäter oon PTenfchenhänben in bie Koftöfenhineingefdjobenen 
platten, auf benen ftch bas <5ebäcf befindet, merbeit in ben 
BadPöfen felbft bann mieber burch äutontatifche Porrichtungen 
fo lange auf* unb niebergef<hoben, bis bas <5ebäcf als fertig* 
probuft für ben Perfanb bereit ift. KUes ift eteftrifch be¬ 
trieben. Pie Kraft mirb oon ber Hiagara falls poroer 
Company geliefert, in beren Knlggen 3ur §eit oon nur 
15 Krbeitern 50000 HP bedient merben, mährenb eine 
gleiche Kn3ahl oon Kräften in einer neuen Knlage bemnädjft 
in Betrieb gejtellt merben foll. 

Pie IPerfe ber Peering ^ aroe P er £0. in Chifago fe^en 
in (Erftaunen. Sie nehmen in Be5ug auf (Sröfje, probuftion 
unb Kusftattung mohl mit ben erften piaft in ber EJer- 
ftellung oon Crntemafchinen ein. ^err Charles Peering machte 
mich auf bie Schöpfungen aufmerffam, bie aus feinen f abrifeu 
heroorgegangen finb, unb be3ei<hnete mir bie für bie ©efdjichte 
ber (Entmicflung ber (Eedjnif befonbers bebeutfamen Konftruf* 
tionen, bie bei ihm h er 9ejiellt morden ftnb. Pie f irma be¬ 
festigt 9000 Arbeiter unb unterhält 70 faufmännifebe 
f tlialen in ben Pereinigten Staaten. — Kus dem ungeheuren 
Slbfatj ber bjaroefter Company im £anbe felbft erhellt bie 
Blüte ber £anbmirtfchaft in ben Pereinigten Staaten. Pie 
Kauffraft ber farmer, fo fagte Ejerr Peering fei ber PTagftab 
für bas (Sebeihen ber Pereinigten Staaten und ihrer 3nbuftrie. 
(Er betätigte ^ugleidj, bafj bie IPohlhabenheit ber f armer, 
mie es fur3e geit oorher ber präfibent in feiner Botfchaft 
geäußert hatte, bereit eine augergemöh«liehe fei. 

3n ©ränge, H. 3-' M ^ TPcrfe oon (Ehomas Kloa 
(Ebifon, nämlich bas „£aboratory M unb bie „(Ebifon Phonograph 
IPorfs". fjerr Cbtfon seigte mir hierbei Piufter ber in ber 
„Cbtfon Storage Battery Company" h cr 9 e f tc W^n Kffuntu* 
latorenbatterien für Kutomobilfahr3euge. 3n biefer feiner 
neueften (Erfindung fleht er eine oollftänbige Ptmoä^ung bes 
Perfehrsmefens; hofft er doch, bag feine Batterien, ohne dafj 
fie felbft Schaben nehmen, es ermöglichen merben, bei ein¬ 
maliger £abung 85— joo engl. Kleilen = ungefähr *<*0 bis 
l«o Kilometer tPegfirecfe 3urücf3iilcgen. 3n einer ein3igen 
ber 3toölf Stationen der »Hem IJorf Cbifon Company" in 
Hem tjorf, in ber „IPater Sibe*Station", merben bis 3ur 
enbgütigen fertigftellung ber Knlggen \oo 000 HP bereit 
fein. 3n den (Sefamtanlagen ber Berliner Cleftr^itätsmerfe 
find für £icht* unb Kraft3mecfe 150 000 HP in Ch^tigfeit. 
KUcrbings hat Hem IJorf mit (Einfd?Iu§ ber Boroughs 3V2 JTTil- 
lionen (Einroohner. 3 n & cr »PTetropolitan Craction Company", 
Hem t}orf, finb für einen Ceti des eleftrifchen Straßenbahn- 
oerfehrs 3ur geit 60 000 HP in Kraft. 

Kuf den großen Schiffsbaumerften oon IPilliam Cramp 
and Sons in Philadelphia, bie ftd? aus fleinen Knfäitgeu 
allmählich 3U ihrem jefcigen Umfang ausgemeitet haben, 
maren mährenb meiner Knmefenheit 3mÖlf Schiffe im Bau 
begriffen, oon denen bie »Finnland" und „Cronlaitb" je 
*7 000 Connen Haumgehalt umfaffen. 

3 n &en -djiffsbaumerften ber „Union 3^° n iPorfs" auf 
ber andern Seite bes £anbes, an ber pa3iftfchen Küfte, in Sari 
^rancisfo, maren elf Sdpiffe, gleichfalls Kriegs- unb ifanbels- 


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Summer 50. 


fdptffe, im Ban. Dort ftnö 31»ei ITCafdjtnen in (DjätigPeit, 
eine „boring mill" 3ur ijerfteüung oon panjertürmeu unb 
panjerrtngen unb eine „hydraulic bending press", bie Sta^l* 
platten oon 2^ (fuß £ange ohne €rbiftitng in jebe erforöer* 
lidje, nodj fo fompl^ierte (form biegt. Serbe toerben als 
ein3igartig in ber amerif an ifcbeit Skiffs bantedjniF bejeic^net. 

Den AbermSltigenbften (Einbruch traben aüf midj bie 
„Buntham, IDilliams 6 c (£0. Balbmtn £ocomotioe IDorfs" in 
pbtlabelpbia gemalt Der (Srünöer ber <f abriF, fjerr ITCatttyas 
ID. Salbroin, hot feine erfie £oFomotioe „ 01 b 3 r ° n ftbes" 
für bie ptjilabelpfiia, (Secmantonm 6 c Horristomn Bailroab 
Company im 3 a h* \ 83 */ 3 2 fonftruiert 3 m (februar biefes 
3 aipes nmrbe bie 70 * 3 ahrfeter ber IDerFe nnb bie Qerßel* 


Seite {399. 

lung ber 3tvan5igtaufenbfien £ofomotioe fefiltdj begangen. 
IDie mir l?err Ulb. B. 3 0 h n foN/ einer ber (Eigentümer ber 
(firma, fagtc, tjat man (eitler allen oerlocfenben Anträgen, 
bie (ftrma in eine öffentliche 2lFtiengefeUfd?aft umjumanbeln 
ober fie mit anbern ÜoFomotiofabriFen 3a verfeineren, auf 
bas beftimmtefie mtberftanben. Die Jfirma befd? 3 ftigt 
t2 000 Urbeiter, im 3 a h r 190t hat fie *360 £oFomotioen 
hergeftellt unb wirb es in biefem 3<*h* onf bi® (fertigftellnng 
oon 1500 £oFomotiven bringen. 

gman3igtaufenb £oFomottven in einer (fabrtF her* 
gefteütl — fünf3ehnhunbert £oFomotiven bie Arbeitsteilung 
einer (fabrif in einem 3 a h f i — Drahtlich, bas £anb ber 
„unbegren3ten Alögl id? feiten " l («n brttter Urtifei 


CT ■ = ^” -—- ■■ =0 



6tm königliche forfcbungsreifende. 

öoit (Eugen lüolf, Kottmannstjöt) (Starnbergerfee). 

Jjierju 7 pl)otograpt}tfd?c Uirfnafynen oon ,$• ©rainer, tttfindjen. 


3n ber langen Seihe unferer * rotffcnfd^aftlicftcn 
Heifenben nimmt bie prin 3 efjtn k Ch®*efe t>on Bayern 
einen ehrenvollen piafe ein. Die prht 3 effin iji am 
12. Sovember 1850 geboren, als ein 3 ige Cochter bes 
prin 3 en Cuitpolb, beffen ©emahlin, priit 3 effin Augufta 
von CosFana, ftarb, als Prin 3 efftn tEtjcrefc 13 3 a h*e 
3 ählte. Die KönigiifBTutter BTaria nahm ftd? ber be¬ 
gabten prinjefftn an, bie 
für Sahir roi|jen fchaft unb 
Blathematif fchon früh* 

3 eitig Dorliebe 3 ei^te. 

Die gewonnenen wiffen* 
fchgftlichen Kenntniffe be* 
reicherte bie Prin 3 efftn 
burch Selbjijhtbium unter 
befonberer BerücFjtchti* 
gung ber Cänber* unb 
DölFerFunbe, Zoologie, 

Paläontologie unb Bota* 
nif. Außergewöhnliches 
Calent bejtfct fte für 
frembe Sprachen, bereit 
fie 3 toölf beherrfdjt. Dom 
3olp: \8?l ab unter* 
nahm bie prin 3 efftn aus* 
gebehnte Seifen, bie fte 
burch ganä Europa, Sorb* 
afrifa, Kleinaften, Sorb* 
amerifa, IDefiinbien, De* 
nejuela, Kolumbien, 

(Efuabor, peru, Bolivien, 

<£fyik t Argentinien unb 
Brafilten führten. 

Änter meifiens glücf* 

Geh burchgeführtem 3n* 
fognito hot prin 3 efftit 
Slherefe von Bayern 
it?re 5orfchungsreifeit 
unternommen, bie, unter 
ben befchtverlichften Um* 
flänben ausgeführt, reiche 
(Ergebniffe für bie IDiffen» 
fdjaft gebracht hoben. 


Sicht nur unfere BTufeen fönnen ftd? einer An3at?l h^chft 
feltener unb wertvoller ©egenjtünbe als <Sefd?enFe ber 
prin 3 efftn Ojerefe rühmen; fie hot auch m ber föniglidjen 
Seftben 3 in Blünchen eine eigene naturtoiffenfchaftliche 
unb ethitographifche Sammlung angelegt, bie manchem 
Blufeunt $ur 5'®rbe gereichen tvürbe. Den gewöhnlichen 
Seugierigen finb btefe Schofee nicht 3 ugänglid?, aber 

benen, bie tvirfliches 
3ntereffe an ben €rgeb* 
niffen einer 5orfchungs* 
reife hoben, werben fie 
von ber hohen 5rau ht 
liebenswürbigfter IDeife 
geöffnet, unb höufig über¬ 
nimmt pe felbfi bie 5üh* 
rung in ihrem Blufeum. 
Sie ift €hrenmitglieb ber 
©eographifchen <ße feil* 
fchoften in IHünchen, 
Ciffabon unb IDien, 
Chrenmitgtieb ber Afa- 
bemie ber IDiffenfchoften 
unb €h r ®nboftor ber 
phtlofophifd?en 5afultat 
ber EubwigBIayimilians* 
Univerfität in BTüncben, 
Chrenmitgüeb bes Der* 
eins für Saturfunbe 
ebenbafelbfi, ber Satur* 
wiffenfchoftlichen ©efeil* 
fchaft in Sürnberg, ber 
Anthropologifchen ©efell* 
fchaft in IDien, Forrefpon* 
bierenbes Blitglieb bes 
(gntomologifchen Dereins 
in Berlin u. f. w. 

3hr erfles umfang* 
reiches IDerF, teilweife 
mit eigenen 3^uftra* 
tionen, erfd]ien im 3ohr 
\885 unter bem Eitel 
„SeifeeinbrücFe unb 
SFt 33 en aus Bußlanb" 


pHnzerrtn Cberefc von Bayern. 


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Seite \^ 00 . 


Hummer 30. 


pon (Eh- p. Bayer, ©nt aitberes tVetf über ihre erfte 
Seife nad? Braftlien, an bem fie acht 3ahre gearbeitet bot, 
nimmt einen herporragenben plafe iit ber »iffeujchaft- 
lieben Citteratur ein. ©in brittes, auch 30 m (teil pon 
ihrer ^anb mit Zeichnungen perfehenes Bud?, bas fte 
im 3ahr J889 peröjfentlidtfe, führt ben (Eitel „Ueber 
Öen polarfreis /J pon (Eh t>. Bayer. 2 ln ffeineren 
Kuffäfcen aus ihrer 5 eber ftitb 
unter anberen befannt: „Kusflug 
nach (Eunts", „Kngufta 5erbi- 
nanbe, prin 3 effut Cultpolb oon 
Bayern, geb. prinjejfin pon (Eos- 
fana", „Cattleya Scbiüeriana 
£inb, Beuberts beutfdies ©arten- 
magajin \89l", „Ueber einige 
5ifd?arten 2Tte£ifos unb bie Seen, 
in »eichen fie oorfommen* (Senf- 
fchriften ber mathematifch-natur* 
u>iffenfchaftlid?en Klaffe ber 2lfa- 
bemie ber IViffeitfchaften 3 U IVien, 
Banb LXIL); ferner „Zmecf unb 
©rgebniffe meiner im 3 ohr J 898 
nach Sübamerifa unternommenen 
Heife" u. f u>. Hufterbetit ftnb in 
Zimmermanns „5ürftlid?e Schrift- 
fteller bes 19- 3 ohrh*mberts" *>er- 
fehiebene ©ebtehte ber prin 3 efjtn 
peröffentlicbt. 

jm 3 ohr \888 unternahm 
prht 3 effin (Eherefe mit einem gait 3 
fleinen ©efolge eine fünfmonatige 
Seife nach Braftlien, \893 eine 
3 »eite 5orfchungsreife nach Horb- 
amerifa, auf ber fte oon Kanaba 
bisSübmejifo fteb 3 ehn oerfdjiebene 
3 nbianerftämme fennen lernte. 
Hach Verarbeitung ber roiffen- 
fchaftüchen Befultate biefer Heile 
folgte \8ty8 eine britte fechsmonatige Heife nach 
Zentralamerifa, nach ber IVeftfüfte oon Sübamerifa 
unb pon ba lanbeimoärts über bie Kuben nach ber 
©jlfüfte pon Sübamerifa, in Begleitung ber Baronin 
£aro<he unb bes Kammerherrn Baron Ulbert SpeibeL 
3 n ethnographifcher Be 3 iehung am intereffantejten bürfte 
bie Heife 3 U ben Botofuben getoefen fein, am Hio So^e 



KopfTchmudt 
einet ^ererofran. 
(Dentf djf ftbmeftafrifa.) 



VUldhauthemd des Indianerhäuptlings 
©ne Bull, 

oon Kugeln burd?löd?etL 




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JUbcnsgerchtchte eines Indianers, von ihm in färben aufgemalt. 


in Brafilien \ 888 . 

Canbjdjaftlkhe Hei^e 
boten am meiften bie 
5 ahrteit auf bem 
Uma 3 onenftrom unb 
bie Heifen im ©ebiet 
bes Hio Hlagbaletta 
in Kolumbien. Sie 
Un 3 ahl ber in ben 
Vereinigten Staaten 
pon Umerifa, in 
Kanaba, HTefifo, 

IVeftinbien, Zentral- 
unb Sübamerifa, 
peru, Vene 3 uela, 

Kolumbien, ©fua- 
bor, Bolipien, Chile, 

Urgentinien, Bra¬ 
ftlien gefammelten 
©egenjtänbe unb le- 
benbeu (Eiere ift 
fehr bebeutenb. Srei 
grofte, im föuiglichen 
Schloß beftnbltchen Bäume ftnb angefüllt mit Vö¬ 
geln, 3 unt Beifpiel papageien, mit 5ifd?en, Käfern, 
Schmetterlingen, fonftigen 3 n feften, Kffen, ©ürteltieren, 
©ibechfen, Sd^latigen, Schtlbfröten, Spinnen, ©idtftörn- 
djen, präriehunben, Hiiffclbären, bann mit pflaii 3 en, 
Verfeinerungen, Vafen unb allerlei Kusgrabungen, 
ferner mit mumifaierten Hlenicbeit unb (Eieren. 

IVie getpiffenhaft bie prii^eifm bei ben ©rgebntffen 
ihrer 5 orjchungsreijen in ben ©Übelheiten porgegangen 
ift, hot man ©elegenheit 3 U beobachten, toenn man bie 
naturipiffenfchaftlichen Sammlungen eingehenb befid?tigt, 
Sa ift 3 um Beifpiel ber Stimnifacf eines Brüllaffen aus¬ 
genommen unb porfichtig präpariert, unb feltene (Eier¬ 
arten, »ie 3 um Beifpiel ber f^orneb (Eoab (Phrynosoma) 
aus Kalifornien, ber Lagothrix huraboldtii vulgo Chuluco, 
ein graubrauner Kffe, ein Iguana tuberculata pom mitt¬ 
leren Hio HTagbalena, feltene Ifirfchfäfer (Megasoma 
Typhon) aus Hio be 3 onetro, fletne Kolibris u. f. ». 
Sie alle ftnb mit Sorgfalt bearbeitet. Bemerfenstpert ftnb 
alte inbianifd?e ungebrannte(Ehonpafen aus bemUma 50 * 
nengebiet, aus Bajt gefertigte Befee aus ber propitb 
©spirito Santo, bie ben Botofuben 3 um (Etagen ihrer 

Kinber bienen, Sehnig- 
fachen, toahre Kunjttperfe 
aus bem HIarf einer 
pflan 3 e hergejiellt, nterf* 
tpürbige 0 pfertöpfchen 
pon 3 nbiaiiern, 5 oultier* 
föpfe als Zierat präpa¬ 
riert, Körperfchmucf ber 
©ftefuabor- 3 nbianer aus 
ben Köpfen bes inter* 
ejfanteit pfefferfrefferoo- 
gels hergeftellt, altinbi- 
anifche ©etpanbfchliefjeii 
in 5 orm europäifcher 
£öffel, 5 eberfopffd?mucf, 
X^unberte pon pfeilarten, 
Stoffe, altperuanifchen 
©räbern entnommen, 
altperuanifche Kinber- 
mumien, norbamerifa- 


' 


r-.tr :um^i 


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Stummer 30. 


SeiteJ40J. 




nifche 3 nbianerhäuptlingsh*mben ans JVilbhaut, bie 
mit oerfchiebenartig gefärbten, gefpaltenen Stachel- 
fchmeinfebern m originellen STuftern befticft finb, oiel 
intortffante 5 ad?en aus 3n&ianerlagern, fo 3. S. bie 
garten €rlebniffe eines 3ubianers, oon ihm in farbigen 
Silbern auf einem großen 5 ell auf gemalt ( 2 lbb. S. J^OO), 
altme£ifanifd?e ©ößenbilber aus Silber, 3n&ianerpnppeit 
aus 2lri3ona u. f. w. Kuf bem (Eotenfelb oon Kncon 
hat prin3effin (Eherefe 3 ^ altperuanifche Sdjäbel aus* 
gegraben. Sie hat oon einer ihrer Seifen nicht weniger 
als 2\3 Wirten oon lepibopteren unb \5 2lrten Saupen, 
außerbem 70 Wirten Koleoptercn mitgebracht, oon benen 
manche als neu bejlimmt worben finb. Die prin3efftn 

hat im weftlfcben 
Sübamerifa 91 Spe* 
cies unb Varietäten 
unb int öftlkhen Süb¬ 
amerifa noch eine 
weitere Kn3ahl oon 
SToüusfen gefam- 
melt unb in gutem 
Sujtanb in bie £}ei* 
mat gebracht. Kber 
auch in ©riechen- 
lanb, Sußlanb unb 
in oielen anbern 
(Eeilen (Europas, bie 

Zahme« 0 Ort,.«er J“ 

im IBniglidjen Sd?ioft ju münden. W WUrOe ftetS 

eifrig gefammelt 
unb bas ©ewonnene an bie STufeen abgeführt. Der 
Katalog biefer ethnographifdjen unb naturwiffenfd?aft* 
lichen Sammlungen umfaßt eine Stenge ber feltenften 
unb intereffanteften ©egenjtäube aus aller fjerren länbern. 

5ür ihre Seifen hat fte bie Vorbereitungen felbfi 
getroffen, 5elbbetten, 

Seite, Kochgefchirr, Kon* 
feroen ausgefucht, bie 
notigen Karten befdjafft; 
bief}unbcrte oon©läfern, 
bie 3um Kufbetoahren ber 
(Eiere in Spiritus nötig 
toaren, bie Seße 3um 
5ijchfang. bie 3nftr umente 
3um Schlangenfang, ©e- 
wehre 3um (Erlegen ber 
Vögel unb größerer (Eiere, 

Sotanifterbüd}fen, pflan- 
3enpreffen, Kngeln, ©ift 
3um Präferoieren, (Ehe* 
mifalien, IVatte, ©las* 
fäften, Seftecfe für bas 
Slusnehmen ber (Eiere, 
fur3 unb gut, alt bie 
£?unberte oon Kleinigfei- 
ton, bie notwenbig für 
eine erfolgreiche 5 or* 
fdjungsreife ftnb unb oon 
fcenen nichts oergeffen 
»erben barf, hat fie per* 
fönlich angefchafft unb 
oerpaeft Die Wahrten 
auf bem Kmajonenftrom 
unb> feinen Sebenflüffen, 
öas tagelange Seifen 


über lanb auf ftörrifchen 
STaultieren über Stocf unb 
Stein unter KTitnahme bes 
©efammelten, einfchließlich 
eines Krofobils 001t brei 
Sieter länge, ftnb feine 
Kleinigfeit; nantentlid? an 
ben Sebenflüffen bes großen 
STagbalenenftroms in Ko¬ 
lumbien mußte meift in3n* 
bianerhütten ber fchlintm- 
flen Sorte, bie oonUngesie* 
fer wimmelten, ein prooi- 
forifches lager aufgefdjla- 
gen werben. Sach einem 
furjen ^rühffücf, bas bie 
prin3efftn bereitete, würbe 
abgejpült, getroefnet, 5elb- 
betten, Seite unb ©epäcf 
3ufammengepacft, bie oon 
ihr bis tief in bie Sacht 
hinein bearbeiteten Präpa¬ 
rate mußten oerpaeft unb 
an ben Sätteln befefligt 
werben, bann ging es häufig ben Vormittag über auf 
STaultieren weiter bis 3ur SIittags3eit, um nach fur3em 
5rühftücf unb ohne ab3ufochen, ein fchlechtes lager, 
häufig nad? Dunfelwerben, 3U erreichen. Stsbann 
würbe bei fchlcchter Kerjenbeleuchtung noch flunbenlang 
gearbeitet, bie tagsüber gefammelten (Eiere würben aus¬ 
genommen, präpariert, ausgeflopft, bie ba3u gehörenben 
©tiquetten gefchrieben unb befefligt, bas (Tagebuch nach* 
getragen. (Eeile ber Seifen würben auch auf 5 lößen unb 
in Kanoes ansgeführt. Ejäuftg mußte man mit bem oor- 
lieb nehmen, was bie (Eingeborenen an Sahrungsmitteln 


Srafllfonirchc Heffchen 

im mfind^encr Uefit>enjfdjlofc. 


Hus den Sammlungen der prinzefftn Cbcrefc von Daycm. 


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Seite 1 ^ 02 . 


Hummer 30 , 


3U Bieten Ratten, aber bie prin3ejftn ift äußerft anfprud?slos 
in Be3ug auf Unterfunft unb Perpflegung. Kuf ben Ueifen 
Bat fte jtets felbji alles angeorbuet unb beftellt, bie Per- 
Banblungen mit ben «Eingeborenen über Beihilfe 3um 
iangen von (Eieren geführt, perfönlid? erlebigte fie bie 
Einfäufe unb Beforgungen auf ben HTärften, unb it?re 
großen Sprachfenntniffe tarnen ihr babei fetjr 3U E?ilfe. 
2 in Enttäufd?ungen finb fold?e Seifen mitunter uid?t 
arm; menn man ben (Tag über feltene Schmetterlinge 
unb Käfer ^efammelt hat unb finbet morgens, nacBbem 
fte mät?renb ber Bad?t 3um (Erocfiten auslagen, nur 
noch Hefte beffen, tvas bie alles veruid?tenben Kmeifen 
3urücfgelaffen, fo ift bas für ben (Belehrten fein geringer 


Sd7tner3 unb Kerger. Ebenfo läßt es ftd? leicht vergehen, 
baß ber (Transport t>on Sd?ntetterlmgen unb Käfern in 
Satteltafd?en, an benen noch (ßlasflafchen baumeln, barm 
ftd? itt Spiritus aufbemahrte (Eiere befinben, 3U mand?em 
Slißgefchicf Peranlaffung giebt. 

iPohl menige 5ürftentöd?ter föitnen ftd? rühmen, ihre 
Seit fo erfolgreich in ben Pienft ber EPiffenfchaft geftetlt 
unb ftd? fold?en Strapasen unb Entbehrungen ausgefeßt 
3u haben, um bie h«imifd?eu ZHufeen 3U bereitem unb 
bei3utrageu 3unt Huhm U nb 3ur Ehre ber beutfd?en 
XPiffenfd?aft. £Dir 2 >eutfd?e, infonbeirt?eit mir Bayern 
fäniten ftoij fgi n au f 5orfd?uttgsreifenbe prin3ejftn 
(Eherefe, bie geiftroHe Cochter bes prin3en £uitpolb. 



Landungemanöver. 


ZTCUifärifdje Sffoe oon (ßraf <£. Keventlom, Kapitänleutnant 

^ier3M 5 pbotograpfyifdjc Jlufnatjmen üon tVolffram Sc Co., Borfum. 

Eanbungsmanövcr mer- 
ben im tt>irflid?en Krieg 
ba unb bann nötig fein, 
menn man feften 5uß auf 
einer feinblid?en Küfte 
faffeit min, entmeber, um 
bie Stellung bes (Segners 
an ber Küfte 3U vernichten, 
ober aber, um in bas 
3nnere bes feiublicheit 
Eanbesein3ubringen. Unter 
fold?en Unijiänben ift ein 
Eanben von (Truppen an 
frember Küfte t?eut3utage 
ein fchmieriges unb ge* 
fährliches Hlanöver, bas 
mit großer Sorgfalt vor¬ 
bereitet unb burchgefithrt 
merben muß, menn es 
nicht mißglüefen unb ftarfe 
2Tlenfd?enoerlufte im <5e* 
folge haben foll. 

Bequem 3itm Eanben 

fann ein plaß an unb für ftd? genannt merben, menn 
bie großen Schiffe recht bid?t an bie Küfte heranfahren 
Knnen, bas tPaffer alfo möglid?ft tief ift, menn ferner 
bie Boote bis unmittelbar an bas Eanb herangebrad?t 
merben fönnen, fo baß bie aus3ufd?iffenben Hlann- 
fd?aften nicht nötig haben, burd? bas IPaffer 31t maten. 


täte pferde ausgeladen werden. 


a. 2 ). 

IPeiter fomntt 3U ben Kn- 
forberungen, bie man an 
einen guten Eanbmtgsplaß 
ftellen muß, ttod? hwsu, 
baß er einigermaßen gegen 
IPinb unb Seegang ge- 
fd?üfet ift, bantit nicht ein 
plößltd? ftd? erhebenbes 
Unmetter nid?t nur bie 
Cattbung felbjt unmöglich 
machen, fonbern aud? bie 
Sd?iffe 5mingeit fann, bie 
Knfer 3U lid?ten unb bie 
gelanbeten (Truppen im 
Stid? 3U taffen. Diefer 
leßte Umftanb bringt uns 
auf bie EDid?tigfeit, bie 
bie Schiffe mährenb ber 
galten Kftion nod? für 
bas Canbungsforps be- 
ftßen. Sanächft müffen fte 
bie Caubung „vor ber eiten", 
bas h^ifet, ben IPiber* 
ftanb, ben ber 5 einb ihrer Kusführuitg entgegenfeßt, 

brechen ober bis 3U einem (Srab fd?mäd?en, baß bas 
Eanbungsforps bes Heftes ber Sd?mierigfeiten allein 
£?err merben fann. Erläutern mir ben (Sang einer 
fold?en Canbung an einem praftifd?en Beifpiel, mie es 
unfere Bilber, bie gelegeutlid? einer had?intereffanten 


Landung von ffannfehaften und Pferden. 



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Hummer 30. 


Seite \403< 



Hebung auf unb t>or ber 3 nfel Borfutn aufgenommen 
würben, ©eranfd?aulid?en. 

Dte 3 nfei, bie nicht befeßigt iji, war 3um &xx>ed 
biefes 2 Ttanö©ers burd? 3wei Batterien ber (ßarbefuß* 
artillerie befefet worben, beren eine ben Sübweftftranb, 
bie anbere ben ©flftranb befefet t^ielt. Außerbent jtonben 
im Dorf felbji nod? 3wei Batterien, unb ein friegsftarfes 
3nfanteriebataillon, betn nod? Dragoner ujtb pioniere 
sngetetlt waren, lagerte ©erteilt unb gebecft 3wifd?en 
ben ^otjen, mit Sanbt?afer bewachfenen Dünen, bie 
einen natürlichen Schüfe bes Stranbes unb eine ©or* 
3üglid?e Decfung ber 3erftreut Uegenben Schüfeen bilbeten. 
HIorgens erfchienen bie Pan3erfd?iffe „Baben" unb 
„IDürttemberg", fou>ie ber Heine Kreu3er „Sichen", 
bie fid? 3unüchjt über bie £age ber feinblid?en Stranb* 
batterieen orientierten, fie bann im Derlauf bes 
(Tages nacheinanber befchoffen unb jebe ©on ihnen nad?' 
fur3em (ßefecht 3um Schr©eigeit brachten. <£s leuchtet 
ohne weiteres ein, baß bie beiben £tnienfd?iffe mit 
ihren mächtigen < 5 efd?üfeen unb bent btchten £?agel 
aus ihren 2Ttafd?inenfaitonen unb *gewehren ben 


fd?wad?en unb nur burd? ihre geringe Sid?tbarfeit ge« 
fdjüfeteit Batterien i©eit überlegen waren. €s fommt 
hin3U, baß ber ftarfe panjerfchufe bie Sd?iffe gan3 uu©er* 
lefelich unb ihre beftänbige Bewegung burd? £?in* unb 
^erfahren fte 3U fehr fd?wer treffbaren Sielen machte, 
um fo fd?werer, als ja bie 5ußartiüerie fonft niemals 
(Belegenheit hat, ftd? im Schießen auf fd?nellfahrenbe, 
weitentfernte Schiffe 3U üben. Der Eingriff fon3entrierte 
fid? fchließlid? auf ben Sübweftftranb, unb aud? bas 
T?erbeil?olen ber ©ftbatterie nad? biefem am meiften ge* 
fährbeten punft fonnte nicht hinbern, baß am Bad? - 
mittag gegen ©ier Uhr bie Sd?iebsrid?ter unb Unpar* 
teiifchen bie gan3e Artillerie ber 3 n fel als niebergefämpft 
ober ©ernichtet erUärten. <£s fann feinem gweifel 
unterliegen, baß bie Arbeit ber Schiffe ©iel 
fd?wieriger unb langwieriger gewefen wäre, wenn 
anftatt biefer leichten unb ungefd?üfeten £anbgefd?üfee 
fcbwere Küftengefchüfee, burd? jtarfe U>äHe ober pan3er* 
türme gebecft, ©orhcmben gewefen wären, wie fte bie 
wichtigen £?afen* unb 5luß3ugänge auf weifen, 3. B. an 
ber HTünbmtg ber (Elbe unb IDefer, ber Kieler unb 



liegende Schützen in Deckung am Strand. 


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Seite HCH-. 


ZTummer 30, 


ZDilhelmshaoener Bucht. Stnb fold?c Befeftigungen unb 
(ßefchüße ©orhanben, fo müffen bie Schiffe natürlich 
weit mehr auf bie Erhaltung ihrer eigenen (Sefechts» 
fähigPeit bebaut fein, ba bie mobemen Küftengefchüße fo 
jehweren Kalibers unb fo weittragenb ftnb, baß fte 
felbft bie ftarPen Schiffspanjer noch auf ©erhältnismäßig 
große (Entfernungen burdffdftagen unb bie Bebieitungs* 
mannfehafteu auch im 5rieben beftättbig in ber Be* 
fdfteßung fd?wimmenber unb in Bewegung beftnblicher 
Siele geübt werben. 

Dor BorPunt bitten es alfo bie beiben alten Schiffe 
unferer SachfenPlaffe bebeutenb leidster, unb als bie 
£anbbatterien fd)wiegen, war ber Augenblicf bes Aus* 
febiffens bes Canbungsforps gePommen. Das Korps hatte 
nunmehr nur noch bas (Sewehrfeuer ber in ben Dünen 


bieKiifte anlangt. DampfbarPaffen fcbleppen bieSootS 3 Üge 
mit Aufbietung aller ZHafchinenPraft heran, unb fowie 
bie Rötungen, bie SidjtbarPeit bes ZTIeeresgrunbes ober 
aber bas Aufgruitblaufen ber Boote 3 eigen, baß nun 
gewatet werben Pann, bann heißt es: heraus aus ben 
Booten unb fo fcbnell wie möglich aufs CrocPenel Die 
erwähnten DampfbarPaffen ober «pinaffen führen ZHa» 
febinengewebre mit an Borb unb beftreichen mit ihnen 
fortwährenb bie Stranblinien, wo bie feuernben Schüßen 
©ermutet werben, unb auch bie großen Schiffe 
feuern mit allen (ßefchüßeit über bie Boote ober bie 
Köpfe bes £anbungsPorps hinweg, um es ©or Derluften 
311 bewahren unb bie Derteibiger am Stranb 3 U fdjwächen 
unb ein 3 ufchüchtern. Da 3 u ftnb gerabe bie 3 ahireich auf 
unfern Schiffen ©orhembenen ZTiafchinenPanonen unb ZTla* 



Zur Kritik nach dem pianöver. 


©erteilt liegenben Schüßen 3 U fürchten, bas, wenn es auch 
bie £anbung nicht ©erhinbern Pann, fo hoch Peineswegs 
gering 3 U achten ift. ZHan muß bebenPen, baß bas 
£anbungsPorps, in ben Booten ber Kriegsschiffe ©er» 
teilt, {ich ©erhältnismäßig langfam ber Kttfte fo weit 
nähert, bis bie tüaffertiefe geftattet, bie Boote 3 U ©er*’ 
laffen unb bie leßte Stredfe bis an ben Stranb 3 U burch* 
waten. 3« ben Booten nun fißt eine ©erhältnismäßig 
große Anjalft ©on ZHenfchen, bicht 3 ufammengebrängt, 
fo baß fte ©on ihren (Bewehren Paum (Sebrauch machen 
Pönnen, 3 umal fie bie ©erftreut unb gebecPt liegenben 
Schüßen gar nicht fehen. Diefen bieten bagegen bie 
Boote ausge 3 ekhnete «Siele, unb es ift wohl anjunehmen, 
baß biefer Seil ber £anbung noch manches (Dv**v an 
ZHenfchen unb Booten forbern wirb. Deswegen ift 
hier and? bie größte SchnelligPeit geboten, fowohl was 
bas Bemannen ber Boote, wie aud? bie Annäherung an 




fchinengewehre gait 3 ausge 3 eichnete ZDaffen, ba ihre 
ungeheure 5euergefchwinbigPeit geftattet, aud? ohne bie 
ein 3 elnen Sd?üßen 3 U fehen, hoch ein ganjes Cerrain 
berart unter 5 euer 3 U nehmen, gleichfam 3 U rafteren, baß 
es Pein ZHenfch bort aushalten Pann. 

ZDenn bann bie ausgefchifften Cruppen erft einmal ge» 
lanbet ftnb, h<*hen fte meift gewonnenes Spiel, benn ber 
5einb, ber bie £anbung nidff h<*t ©erhinbern Pönnen, 
ift noch weit weniger imftanbe, mit feinen gefchwädften 
Kräften ben Angriff bes noch ©öflig frifchen £anbungs» 
Porps abjufchlagen. Diefes bilbet fofort am Stranb 
Schüßenlinien, auch bie ZHafdftnengewehre werben aus 
ben Dampfbooten an £anb gebracht, um eine wirP» 
fame Unterftüßung 3 U bilben, nun geht es fYftematifdj 
unter Benußung aller natürlichen DecPungen bes <ße« 
länbes gegen ben 5 einb ©or, unb es entfpinnt ftch ein 
reiner £anbPanipf. 


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s 



Kettezfehen. 


Kmderfefte im freien. 

610311 7 photographische' 2Tuf nahmen. 


Kinberfeji — gaubermortl Die Kugen ber Kleinen 
jkatjlen, bie £?er3en fdjlagen Ijölier, menn man bapon 
fprid?t. ZDas giebt es in ladjenben Sommertagen aud? n>ot|I 
Schöneres für ein Kinbertjerj als foldje t feße im freien? 

Kinberfefie mären 3U allen geiten beliebt JDenn bie 
-familien pergattgener 
(Tage im Kremfer 
f?inaiiS5ogen in ben 
IDalb, menit bie Klei¬ 
nen auf grüner tjaibe 
ftd? 3ufammenfanben 
3u aflerhanb frohen 
Spielen— marbasnidjt 
and? ein Kinberfeji? 

<Es iß mit ben 
mobernen Kinberfejien 
nicht anbers mie mit 
jenen alten; aud? fie 
rnoüen nidjts meiter, 
als bie Kinber für ein 
paar Stunben im (Srünen 3U l|armlofer (frohlid?feit 
oereinen. Hur ein anberer gug ift itt bas <5an3e gefommen. 
Es finb nid?t bloß bie Kinber aus ein paar befrennbeten 
Familien; es finb Kinber von nah nnb fern, bie fld? auf bem 
richtigen Kinberfeß perfammeln. Das giebt biefen ben Hei3 
alter Polfsfefte, befonbers, menn es in einem (Sarten per* 
anftaltet mirb, mo bie 3 u 9 CTt b aller Stänbe nebeneinanber 


fpielt. Kinberfefte feiert man heute überall unb 3U jeber geit 7 
pom erßen (frühliitg bis in ben fjerbß hinein, in ber Stabt 
unb auf bem £aub. 3 c & cr Perein giebt feinem jungen Had?- 
mudjs menigßens einmal im Sommer ein Kinberfeß; 3n 
ben Habeorten metben bie (feße ber Kleinen ebenfo peran* 

ftaltet mie bie (feße 
ber (Sroßen. Der Dil» 
lenbeßtjer mie ber 

£aubenFoloniß per* 
fammeln bie Kinber 
ihrer Hefanntfdjaft 
3U einem (Tag, ber 

nur ihnen gilt, ihnen 
allein, (für bie Som* 
merlofale ber (groß- 
ßäbte bebeuten bie 
Kinberfefie fogar einen 

roid?tigen Jfaftor in 

ben Einnahmen, unb 
fo überbietet beun 
nid?t feiten ein XDirt ben anbern in lorfenben Heran* 
ßaltungen. Da giebt es Stranbfeße, Ernte- unb IDi^er- 
fefie mit Spiel unb IHuftf, bis es Kbenb mirb. 

Unfere Silber führen uns mitten in ben 3ubel unb (Trubel 
moberner Kinberfefte hinein. Die (großen treten babei faft 
gan3 3urücf. Das Kinberfeft gehört ben Kleinen. KUes, mas 
an biefem (Tag gefdjieht, gefdjieht nur für fie. Da giebt 



Wettrennen der 7&ngrteu. 



ÜÜIHt 





























5eite W6. 


Hummer 30. 


es alles, mas nur ein Kinberhcr3 entjücfeu Faun. IPürfel- 
buben unb Kat'perletfjeatcr, Schaufeln uub (Turngeräte, melleicht 
aud? gar ein Karuffell unb bann t?or allem bie Spiele — unb 
bie Spiele finb unb bleiben bod? bas Hefte r>ou allem. 

Die „Habies" intereffiert befonbers bie IDürfelbube, unb 
menn ber XDurf „für’tt (Srofcben über 3mölf" gewonnen 
bat, mirb natürlich eine Schippe unb ein Sanbeimer gemäht, 
unb ba fi^en fie beim 3ii>tfd?eit (Tifd? unb Stühlen auf bein 
Hoben unb „mollen" mit einem (Eifer, mic er nur Kiitbcru eigen. 

Die (Srögeren ftnb febott etmas mählerifcber, meint fie 
ge min neu. Die IHäbchen nehmen in ber Hegel Puppen, bie 
Knaben peitfd?e unb (Semehr ober ein Schiff. Das Sdjijf 
ift befonbers begehrt, bas fanrt man auf bem JoutäuebecFeit 
fdjonntmeit laffeit unb am nädjßen (Tage auf bem lug ober 
gar auf ber See. Der 3 un 9 e ail f unferm Hilbcbett bat gleid? 
eine ftol^e Fregatte genommen, unb mit einem langen 
Stöcfcben lenft er fte bebäd?ttg über bie „mogeube flut*. 

Der I7auptan3iebungspunft bleibt aber bod? ber Spielpla^. 
Da ftrömt bie gan3e Kittbcrfchar 3ufammen. XDas fpielt 
man ba für Spiele! Das Zeitalter bcs Sports, mo alle Kräfte 
fi<h nteffen, fegt aud? auf beut 
Spielplag jene Unterhaltim- MM 
gen, mo cs Förperlichetßemaitbt- 



Sandbachen. 



beit 3U jeigen gilt, obenan. 
XDettlauf, Kette3ieben, Klettcr» 
unb (Turnübungen flehen hod? 
in (Suitft. Unfer Hilb S. 1^05 
3eigt ben XPettlauf ber 3uug* 
ftett. Hlit £eib unb Seele 
jtnb fte bei ber Sache. Strah* 
ienb über bas gatt3e (ßeficht 
rennen fte über beit meiden 
Hafen. IPer 3uerft am §iel ift, 
erhält eine Düte; ba h e *6 t es 
freilich: laufe, mas bu Fattnft! 

Unb and? bie fleinen Xlläb- 
d?en ftnb emfig bei ber Sad?e; 
tapfer unb feft ftehen fte ba, 
bamit bie Kette nicht reigt, 
lägt eine „Schmale" aber 
enblid? bod? los, iß ber 
freilich um fo gröger. 

Unb bann bas (Topffchlagett, 
bas gute alte beutfd?e Spiel! 


fange oergejfett, ermaebt es 
auf bem Kiuberfcft 3U neuem 
febett. 3 ß ^ as eitt Spaß, 
menn ber Stocf ttad? ben aller* 
uttmöglid? ftett Hid?l uiigcn trifft! 
2 Per beit (Topf 3erfd?lägt, er¬ 
hält mieber eine Belohnung. 

Jür bte größeren Knaben 
merben baneben Kletterbäume 
aufgerichtet, oben in ben 
«gmeigen hängen bie fd;önfteit 
Sachen, große pfefferFucheu 
uitb (feberfäfteu, (Scmehre unb 
Peitfcben unb (Trompeten. Da 
lohnt es fid? fd?on, ben Stamm 
hiitauf3uftcigeit unb 3U h^lett, 
mas man erreichen Faun. Huct? 
bas SacFhüpfm unb bas XPurft- 
febnappen gehören 3U beit be¬ 
liebteren Spielen ber Kirtber» 
fefte. Uub finb bie allgemei¬ 
nen Spiele 3U (Enbe, giebt cs 
Schwimme, Schiffchen, fchwimme ! noch immer Hbmechslmtg ge¬ 
nug. Da minFt mohl gar ber 
Curnpfag mit Harren unb ScbauFel, mit feinem „Hunblauf". 
Ja. biefer munberrolle Hunblauf! ITTatt Fautt att ihm febmebett 
mte ber Dogel in ber fuft, mau Faun ftd? fcbmingeit unb 
fd?auFelit. Der Hunblauf mirb beinahe niemals leer. Die 
fleiiteit XTTäbdpen finb feine gatt3 befoitberett Perehrerinnen. 

Da3mifd?en miuFt benn and? nod? bie (Tombola, bei ber 
man alles mögliche geminneit Faun. Huf Herliner Kinber- 
fc|tett murbett fchott gatt3e SiegeubodPgefpamtc rerloft. Diele 
amüfiereit ftd> auch auf eigene Jauft. 

Huf bem Kiuberfeft fbließt man fchnell Jreunbfchaft. Die 
Jrembefteit ftubett ftd? plögiid? 3ufammctt 3U fröhlichem Spiel. 

unb Derftecf — alles muß h^h^ten. Daneben merben 
aud? eigne Spiele erfunben, bie alleruärrifchften Spiele mit¬ 
unter, unb gerabe bie atnüfieren. Da Fommanbiert bas Fleine 
Uläbcben: „(Seht 3U Hett !“ — unb augenblicflicb finFt bie übrige 
Sd?ar in ben Sanb unb thut, als menn ge fd?liefe. 

llitb fo mirb beim gefpielt, gejubelt, gelabt unb gefungen, 
bis ber Ubettb Fommt unb ber Jacfe^ug mit ben bunten 
Storflaternen, oorau bie HTufiF, ben „Hnfang oom <Enbe" bringt. 

3 ft &as dfeuermerf bann aud? verpufft, ftnb bie lebten 
beugalifcbeu flammen nerglüht, gebt es mübe unb felig nad? 
^?aus, unb tiod? im (Traum ftammelti Fleine rote Sippen: 
„Hd?, UTutteribcn, es mar 3U fd?öit!" 

D. iSoebcIrr. 


Copffcb lagen. 


<35* 


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Ztummer 30. 


Seite ^ 07 . 


Cie Kapuzmerd)eru 

Sffoe von Käthe Schirmacher, paris. 


ß ie tarnen eines Zages bei mir 3ugereiß, 3wei bilb* 
tjiibfd?c Vögeld?en mit braunen Röcfd?en, wie 
es Kapu3inern nach ber ©rbensregel 3iemt, mit 
fchmar3en Köpfen, Augen unb Kragen unb — höchß 
eleganter Abfd?luß biefer etwas bunflen Crad?t — 
mit hellgrauen, fegeiförmigen Schnäbeln. Sie waren 
munbetnieblid?. 

3n ihrem Seifefäjidjen freilich fonnten biefe Rei3e 
nicht oöUig 3ur (ßeltung fomnten, hocften fie hoch öid?t 
aufeinanber, mußten nicht, was ihnen gefd?al?, unb 
mären noch gait3 ergriffen non ben Abenteuern unb 
5 ähmiffeu ber leßten Stunbe: hatten jle nicht fogar im 
(Tramway fahren ntüffeu? 

3 h**er Rot ein <£nbe 3U machen, 50g ich bas (Bitter 
des höhnten Reifefäftchens auf unb ließ fie in bas 
geräumige fjaus ihres Vorgängers, bes fo heiß geliebten 
unb ad] fo bitter beweinten Bibigi hüpfen. Sibigi war 
nur ein gan3 gemeiner Seifig gewefen, jebod? mit fo 
ausge3eid]neten Qualitäten begabt, fo gemütvoll . . ♦ 
hoch i^h will lieber abbred?en, ben Sd?nier3 unb bie 
Klage nicht erneuern. Um einen Seifte lächerlich 1 
So ließ id? bie neuen Anfömmltnge in Bibigis oer* 
laffenen palaß bttnetn. Voran fchoß ein Fleiner 5 eber* 
floß, ein bewegliches Kitgeld?en auf 3wei feinen, fleinen 
Seinen, bas fofort beit Käftg nach allen Seiten unter* 
fuchte. Diefes war „(Bigine", bie Kapnjinerfrau. 

Bebäd?tig folgte ihr bas ZHäitnchen. <£s war ein 
großes, ausgewachfenes Rlännchen, mit fingen, etwas 
fuT3ftd]tigen Augen unb Kletterfängen, bie lauge Rägel 
unb einen für ein fo Fleutes IVefen gewaltigen Sporn 
trugen. tVährenb (Bigine ßd? auf bas Butter ftür3te unb 
auf ber Kante bes (Erögleins fein unb 3ierlid? wie ein 
Dämchen im Seibenfleib faß, hatte bas Rlännchen bas 
Sd?aufelchen erfpäht unb fid? hinaufgefchwungen. 

Dort blieb es gan3 gemütlich ßßen, bie großen 
Klettersehen um bas Sd?aufelhöl3d?eu gefd?lagen, teils 
ruhig, teils in Bewegung, gaii5 für ßd?, ohne ber 
nieblid?en (Bigine, bie auf ber Stange unterhalb all ihre 
Bet3e entfaltete, bie geringße Aufmerffamfeit 5U fchenfen. 
Seim Abenbbrot trafen fte ftd? 3war beibe an bem 
(Eröglein, bod? fanb feine Annäherung ftatt. IVie ein 
rid?tiger, grober RTönd? fchiett ber £?err Kapu3iner 
feine 5ierlicf?e (ßefährtin 3U oerachten unb ftieg 31W 
stacht wieber auf fein ©bferoatorium hinauf, (Bigine 
etnfam auf bem Stängchen unterhalb 3urü<flaffenb. 

So faß fte trauernb, bas feine Köpfchen gefenft; 
jich^r gebadete fte bes heimifd?e»t VogelFäftgs mit all 
ben flatternben, piepfenben (ßeitoffen, gebachte ber 
Kämpfe, Ciebeleien, ber Allotria, bie mau öort ge* 
trieben, unb ber (Triumphe, bie fte bort gefeiert, unb 
bann ßeefte fte enblich fd^merscrfüllt bas Köpfchen 
unter ben weichen 5 lügel. IVeshalb in aller IVelt 
toar fte jufi mit biefem groben Kloß ba 3ufammengefperrt? 


Das Kapu3inerchen auf ber Schaufel jeboch empfattb 
bas £eib bes armen, alten Königs, bem man eine 
junge 5rau gegeben. — €s war eilt altes, weifes 
Kapu3inerchen, bas fdjon gan3e fünf 3 at?re gelebt, oiel 
gefehen, oiel gebacht unb in feinem langen Cebenslauf 
auch fo fchöue Kletterfänge unb einen fo gewaltigen 
• Sporn befommen hatte. Das Kapu3inerchen wußte 
bereits, was Rheumatismus iß, es hatte fchon bas 
gipperlein in feinen alten Pfötchen oerfpürt, es war 
ein phüofoph, ber lange ben 5 reuben biefer IVelt ent- 
fagt 3U haben glaubte, ben bie Kapu3inerjugeitb bes 
heimifchen Käfigs in Ciebesbingen unb £he3n>iftigfeiten, 
in 5 ragett ber Kiitberer3iehung unb ber IVeltweisheit 
3U Rate 50g. ... 

Unb nun hatte bes Vogelhänblers täppifdje £?anb 
juft ihn ergriffen unb juß ihn mit biefem lieblichen 
Kinb (Bigine in bemfelben Käfig 3ufammengeftecft. RTit 
einem tiefen Seuf3er fchaufelte bas weife Kapu3inerd?en 
fich hi« unb h<*: a>as follte ihm folch eine junge 5rau? 


Das fonnte fo nicht weitergehen, ich fah es beutlich. 
RIeine beiben (Befangenen waren freu3imglücFlich. ®b* 
gleich ich öas Rlännchen läitgß unb gatt3 ausbriicflich 
oon jeber ©rbensregel entbuubett, 30g es bod? jeben 
Abenb 3U einfanter Rachtruhe wieber auf feine Schaufel 
hinauf. — Am Zag freilid? oertrugen beibe fid? gan3 
gut, fte begannen fogar bie gleichen 5utter3eiten ent¬ 
halten, unb man fonnte fte 3ufammen, glekhfant im 
(Taft, ihre £?irfe fnufpern hören. Rad?ts aber blieb bie 
arme (Bigine immer wieber frierenb allein auf bem 
Stängchen. 

3d? befchloß, bem ein €nbe 3U machen, unb ging 
5um Vogelhänbler: „ 3 d? möchte ein Reftd?en für ein 
Kapu3iiterpärchen haben." €r gab mir ein ttieblid?es, 
aus aromatifchen Binfen geflochtenes Körbchen, wie ein 
Kegel an3ufehen. Vorn befaitb ftd? ein breiftitgerbreiter 
Schliß uitb baoor ein (Trittbrett 3um <£htßeigen. 

„Aber bie Kapu3iner tjeefen in ber (ßefangenfehäft 
nicht," meinte ber oogelfunbige Alaun. 

„Das thut nkhts," erwiberte ich, „ße ßßen bann 
wenigftens warm." 

„Ra, außerbem," fchloß ber Ejänbler phüofophißh# 
„cela leur donnera toujours des idees.“ 

Run, anfänglich erweefte bas Reßchen ihnen weit mehr 
5urd?t als ,des idees 4 , von benen ber ßänbler gefprochen. 
Sie tobten einen galten Zag wie befeffen um bös 
fehreefhafte, unbefannte €twas, bas id? in bem Käftg 
angebracht, um ftd? 3nleßt — bie richtige Vogelßrauß* 
politif — auf ben (ßegeitßanb ihrer Angß obenauf 
3U feßen. 

(Bigine war es bann, bie mit ihrem feinen, weiblich- 
mütterlichen 3»ßinFt 3uerfi erriet, welchem 3n?ecf fold? 


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4 


Seite 1 ( 408 . 


Hummer 30 . 


ein Heftchen bienen Föitue. Hod? fehe id? fte oor mir, 
mie fte oorftd?tig, taftenb, ein Krafld?en auf bas (tritt* 
brett legt, bas Fluge Köpfchen in ben Hejtfpalt fd?iebt, 
bas Körper eben nad?3ieht, im SunFel oerf d?minbet unb 
bann, o bu intelligente <£oa, es fertig bringt, ftd? um* 
3ubreben unb bas fd?mar3e (ßejtchtel 3um Hefteben 
beraus3ufiecfen. 

Braoo, (ßigine I Su b a ft* 5 entbedt; menn bu (ßrie* 
ebifeb Fönnteft, mürbejt bu jeßt fjeureFa rufen. Su 
feines Ärauen3intmerd?en bul Sein Kapusiner, tute 
pbilofopbifcb er ftd? aud? auffpielt, b^tte ben ^voad 
bes Heftchens ftd?er nie berausgefunben, mag er noch 
fo febr über Sein unb Hid?tfein unb über bie tüelt 
als IDifle unb Borfteüung grübeln. 

H)ie merben mir ibn jefet nur bejtimmen, an biefer 
dEntbedung teil3unebnten? 

Ser Kbenb Farn; (ßigine fchlüpfte in ihr (CusFulum, 
bas HTännd?en h^Pfa au f b\e ScbauFel. Sa — mas 
ertönt aus bem Hejtd?en? <£in niebliches Coden unb 
Snritfchern, gatt3 neue (Töne aus bem Bogelregifter. 

Sas Kapu3inercben hord?t auf, fein ftoifd?es b?er3 
füblt ftd? erfd?üttert; bod? er ijt Fur3ftd?tig, er ha* feine 
großen, ungefchtdten Krallen unb Sporen, mie mirb er 
in bas Hefteben 3U (ßigine Flettern Fönnen? €in Fleiiter, 
girreitber Seufzer Fontmt über feine — fagen mir Cippen. 

Kls gute Bogelmutter Fomme id? ibm 3U fjilfe. 
„Qier, Kapu3inercben," icb falte ihm ben Ringer bin, 
artig fliegt er barauf, bie Fur3ftcbtigen Keuglein Fnei* 
fenb, läßt er ftd? oor bas Hejtcben tragen unb fanft 
bineinfebieben. natürlich oerjteht er ftd? noch nid?t um* 
3ubreben, fo baß ftatt 3toeier Köpfe ein Köpfd?en unb 
ein Schmäuchen 3U bem Spalt herausfd?auen. Ser 
entfebeibenbe Sd?ritt jebod? ift getban, (ßigine unb ihr 
Kapu3inerd?en haben ein b?eim gegrünbet. 


Seitbem begannen im BogelFäfig bie roftgften Flitter- 
mod?en. 2 tH bie 3ärtlid?en (ßefüble, bie mir fonjt nur 
menfd?lid?en tt>efen 3ufd?reiben, entmidelten fid? bort 
aufs lieblicbfte. 

3 n bes alten, meifen Kapu3inerd?ens fersen mar ein 
Hadjfommer, l’ötö de la Saint Martin, aufgeblüht. Hon 
Falter ©rbensregel Feine Spur mehr. Sen gait3en (Lag 
faßen fte unb glätteten ftd? gegenteilig bie 5ebern, marfen 
bie Köpfd?en hinten über, boten bie glän3enben Brüftdjen 
bem Sd?nabel bes Fleinen (Befählen, gingen 3ufammen 
3U Cifd? unb hüpften 3ufammen ins Sab. 

Um biefe Seit begann ich bie Bögelchen mitunter 
frei3ulaffen. 2 Tiit lautem Schrei fd?oß (ßigine aus bem 
Sitter unb flog auf ihren fröhlichen Älügeht burd? bie 
Bäume. Sas alte, meifeUTännchen jebod? faß gatt3 oerblißt 
ba. Sann aber fab es aus ber (Liefe feiner oerliebten 
Fleinen Seele an 00H Kngjt unb <£iferfud?t, 00H Sehn* 
fud?t unb Som 3U fd?reien, bis feine Sigine, leicht mie 
ein 5eberd?en, jierlid? mie eine Same, bie in raufd?eitber 
Seibe auf Sefud? gebt, mieber angefchmirrt Farn. Unb 
bes £?er3ens uttb Scbnäbelns mar bann Fein <£nbe. 

Had? unb nad? ließ id? bas HTänndieu gleid?fads 
Älicgoerfudje machen, es lernte oon meinem Ringer, ben 


es jeöer3eit 3utraulid? beftieg, auf einen halben, bann 
auf einen Bieter Sntfernung itad? feinem Käfig fliegen. 
€s lernte ben Fleinen palnten bannt auf bem Blumen* 
tifd?d?en erFletteru, fud?te Steineben uitb bat bod? nie 
etmas befd?äbigt, aud? nur in gatt3 feltenen fallen eine 
BijttenFarte am Unrechten (Drt 3urüdgelaffen. 

U>ie manches Zllal bat bas alte, meife HTännd?en 
mir aud?, auf meiner Sriefmage ftßenb, beim Arbeiten 
3ugefd?aut, ft iß, uitbemeglid?, mäbrenb bie quedftlbrige 
Sigine burd? bie Simmer flog. Sas UIännd?en, megen 
feiner Kur3<td?ligFeit unb ber oerfchnittenen Älügel, mar 
gerabe fo leid?t 3U halten unb 3U fangen, mie Sigine 
fd?mer. <£s ließ aud? alles mit ftd? rt?un, legte ftd? auf 
ben Süden in meine flache fanb, machte »le mort« unb 
lernte fogar auf bem Äeberhalter balausieren. Hiemals 
bat es ftd? gefträubt ober gar gebtffen. 

Sas hingegen mar Sigtnes Äall. U)ar ihr HTämt* 
d?en fanftmütig unb gcbulbig, fo fte 3ornntiitig unb febr 
unabhängig. Sigine 3U fangen, fei es im freien, fei 
es im Käfig, mar Feine leid?te Sad?e, unb menn fte 
nicht folgen mollte, teilte fte mit bem eleganten grauen 
Schnabel mohlge3ielte unb mohltreffenbe ^iebe aus. 

U>ir fanbeit alle, Sigine fei burd?aus »feministe«, 
auf beutfd?: eine Knhängerin ber 5rauenentan3ipation. 

Sod? aud? auf ihr unbättbiges d?en oerfehlte 
bie Ciebe ihre U>irFung nicht, tüareit bie beiben Sögel 
im Äreieit ftd? felbft überlaffen, fo bauerte es uid?t lange, 
unb enge aneinanbergefd?miegt fanb id? fte auf ber Siele 
ftßen, mo fte oorher mie Fleine braoe Bürgersleute 
entlang fpasiert, oerlorene Körner aus ben Äugen bes 
parfetts fud?enb. — 

Ses Slüds im t>ogelneficf?en mar 3U oiet; mie 
min3ig aud? bie Bemohner bes Bogelhaufes, fte fatten 
bie KufmerFfamFeit bes Unerbittlichen erregt. 

ISappne bid?, Fleiner philofopfy l'dtd de la Saint 
Martin neigt feinem <£nbe 3 U, es mill f?erbjt merben. 

Sigine ift feit einiger Seit fo feltfam, fte frißt nid?t 
orbentlid?, fte fprei3t bie 5lügeld?en; fte, bie ftets als 
bie Srfte auffteht unb bas UTämtcheit aus ben Ä^^^rn 
ruft, bleibt jeßt morgens im Heftchen ftßen; Faum 
fd?lcppt ftd? bas fonjt fo muntere (Tierchen nod? 3utn 
tüafferfäßd?en . . . 

IDas man aud? anfängt, nid?ts miH b^lf^n. Krmes 
Sigind?en, mirft aud? bu ben lüeg bes ©ielgeliebteu 
Btbigi geben? 

2ld? ja, id? Fenne bas, fd?on Faitnjt bu bid? nid?t 
mehr auf bem Stängd?en halten; Fomm ins Heftchen 
3urüd. 3 bu bijl mirFlid? FrauF, bu läßt bid? ruhig 
faffen, bu beißt nicht mehr . . . 

Sein meifes 2 Uännd?en ftßt babei unb begreift nid?t, 
mas bu h<*ft- lodt unb pfeift. Sigind?en rafft ftd? 
auf, ein leifes Ciebesmort Fommt oon ihr 3urüd. 

Umfonft, immer ängftlid?er ruft er ih* 5U. Sein 
Ceib überminbet feine pbilofopbie. 

Sa nehme id? Sigind?en leife aus bem Heftchen, 
lege fte in bas HeifeFäftdjen, in bem fte einjt geFomnten, 
unb trage fte hinaus, bamit bas Seeld?en, bas in 
fd?mer3lid?em Scheiben begriffen ift, nicht hoppelt leibe, 
meil bas anbere Seelchen es nod? rufenb halten miH. 


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Hummer 30 . 


Seite M 09 > 


(ßigine ift tot, bas feine Köpfdien fyihtgt 
3ur Seite, bas ieberfleib ift Falt, bte Krall« 
dien jiarr. 

Du Ijübfcfees, leichtes, einft fo frohes (Be- 
fd?öpf biß nun oiel roeifer als id?, oiel toeifer 
als bein toeifes HTännchen. 

Cs ift gar nid?t met?r toeife, feit bu tot 
Sold? rafenben Sd?mer3 in fotd? einem Weinen 
©efdjöpf ber Cierroelt habe id? nod? nie er» 
lebt, nie für möglich gehalten. Seit bie CEb?ür 
fid? hinter (ßigine gefd?loffen, fifet bas Kapu* 

3inerd?en unb fd?reit, fd?reit laut unb 3ornig, 
laut unb liebenb, fd?reit unb fdjreit. 3d? 
möchte mir bie (Dlptn 3ut?alten, bod? hilft bas 
ja bem Weinen IDitioer nicht. So nehme ich 
ihn benn aus bem Vogelhaus unb fefee ihn 
ror mid? auf ben Sdjreibtifd?, mit ihm fpielenb, 
mie mit einem Kinbe. 

* * * 

(ßigine liegt unter bem patmenbaum, unb 
bem oerlaffenen 2Uännd?en habe ich eine 
anbere 5rau getauft. 

TLls fie in ben Käfig hüpfte, erfd?oH fein 
3 ubelruf: Kam nid?t (ßigine 3urüd? Dann 
toarb es (Hü, unb roemt er nun auch mieber 
(ßefeüfchaft hat, für ihn ijt’s fjerbft, ja tDinter 
geioorben. 

Cr lebt jefet in Demunftehe mit einer 
Durd?fd?nittsfrau; bas liebliche 3 &YÜ mit feiner 
feinen, jierlidjen (ßigine ift auf emig oorbei 
3 mmer mehr mohnit er auf bem SchauFeld?en, 
bas er gelernt hat in fchneüe Betoegung 3U 
fefeen, inbem er ein Seinchen gegen ben Draht- 
reif ftemmt. 

3mmer häufiger plagt ihn bas Sipperlein, 
bann fifct er auf einem Kräüchen unb ftedt 
bas anbere fchmer3gepeinigte in bie Gebern. 

3mmer mehr ebbt bie Cebensfraft in bem alten 
Körperd?en. Heber mittag nicft er jefct auf bem 
Stängchen ein, unb ich muß ihn auf meinem Ringer in 
bas Settchen tragen. 

Dertoeilen hüpft feine neue (ßefährtin forglos im 
Sauer umher, fie ift eine berb organifierte Dame, bie 
nichts oon (ßigiues Charme unb Clegaii3 hat. 

Die Seit ber £iebe geht oorbei, unb es bleibt jtitl 
in bem Heftchen, bas Cros unb bie (ßrajien fliehen. 

Da, eines Had?ts, medt mich ein Süden unb Hühren. 
3d? fpriuge auf: bas toeife, alte HIännd?en hadt auf 
bem (Trittbrett, es fieht mid? traurig an, es fdjtoanft. 

Hnn hat’s aud? bid?, mein fleiner Kerl. 3 ch nehme 
ihn in bie f?anb. 

(Er läßt fid? ruhig faffen, brau unb lieb, fanftmiUig 
toie immer; mir fifeen toohl eine Stunbe 3ufammen, er 
Wagt gan3 leite, unb id? fpreche ihm ebenfo leife 3U, 
trage ihm (ßritfie auf an (ßigine, toäf?renb bie „zweite 
5rau" mit runben, unoerftehenben Kugen auf bie 
Scene blidt. — 

3rt ber linben Sommernacht ift bann bas alte, toeife 



Kapusinerchen toie ein fleiner ^eiliger bi meiner £$anb 
geftorben. * * 

2Iud? ihn habe id? unter bem patmenbaum begraben, 
too fein meines SFelettd^en nun neben (ßigine ruht. 

(ßeblieben ift mir oon ihnen eine liebliche Crinne* 
rung, eine große Sympathie für unfere Dettem aus 
ben nieberen Sd?öpfungsfreifen, bie ja aud? fo menfd?* 
lid? unb uns ähnlich finb. (ßeblieben ift mir ein 5eber- 
d?en aus bes Kapuziners Schtoan3, bas er mir einft galant 
3um Heujahr oerehrt, unb mit bem id? 3um Sd?er3 auf 
einem Setteld?en papier »J’aime ma capucine« gefd?rieben. 

* * * 

Die Hachfolger bes fleinen £iebespaares aber finb 
oon gröberem Stoff gemacht, fie freffen unb lärmen, 
fie hüpfen unb gadern, Feines oon ihnen hat bie 
liebenbe Unmut (ßigines, bie philofopB?ifd?e Sanftmut, bas 
leibenfchaftlidie £?er3lein bes alten Kapujinermännchens. 

Unb roell id? fie nicht liebe unb fie toeniger liebens* 
toert finb, beshalb toerben fie rüflig toeiterleben unb 
meinem Dogelbauer erhalten bleiben. 




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Hummer 30 . 


Patentmodelle. 

2 lus ber Bumpelfammer her Erpnbungen von 21 . ©sfar Klaußmaitn. 

^ier3U 6 pbotograpl)ifd?e Aufnahmen. 


VOe r bei bem Patentamt eines ber mobernen Kultur- 
(iaaten ein pateutgefud? einreicht, fügt miubeßens eine 
Seichnung, in oielen fällen aber auch ein HTobell bei. 
2>ie 2lemter pnb bei gereiffeit perreicfelten, 3ur 
Patentierung eingereidpeit Heuheiteit fogar berechtigt, 
bie Einfenbung eines praftifablen HTobells su oerlangen, 
©b nun bas patent bereinigt ober abgelehnt reirb, bas 
HTobell bleibt, 3um §ree<f fpäterer Pergleidmng unb 
Kontrolle, im Patentamt, unb in befonberen Sammel- 
räumen taufen pch h^* im £auf *>ev 3ah*e niete 
(Caufenbe oou HTobellen an. Heber ben (Chüren ju 
biefen Sammelräumen müßten als 3 «fd?rift bie IPorte 
bes alten Spötters Cucian flehen: „Das menfchliche 
(Sehirn treibt oft fonberbare Blafen.* 

Deutfche patente reerben erft feit bem 3ah* HB 77 
erteilt, unb bodi pnb bereits bie Biefenräume auf bem 
Boben bes Patentamts 3U Berlin in ber Cuifenpraße mit 
HTobellen oollgepopft, bie taufenbfache proben bes menfeh- 
tichen IPißes unb — 2 lberreißes geben. 3 n Eitglaitb 
reerben fdjou feit bem peb3ehnten 3 a h*hunbert patente 
erteilt, in Äranfreich unb in bem erpnbungsreichfien 
Canb ber Bereit, in ben Pereinigten Staaten non 
Kmerifa, feit \ 790 . HTan faitn pd? benfen, reie 
niele HTobetle ftch öort im Cauf ber Seiten angefammelt 
haben. Conbon unb IPafhington höben in ihren Patent¬ 
ämtern befonbere HTobellmufeen, unb troßbem 3. 8. bas 
HTufeum in IPafhington 
in ben 3ah**n 1836 unb 
J 877 uoflfiänbig ab¬ 
brannte, hat es jefet nod? 
mehr als adp3igtauienb 
intereffante HTobelle. Por 
ein3elnen biefer TITobeüe 
muß man ben fjut 3iehen, 
ehrfurchtsnoü muß man 
ihnen nahen, beim fie finb 
gereiffermaßen HTarfßeine 
auf bem EntreicFlungsreeg 
bes menfchlid^en (Seißes; 
ße be 3 eich- 
nen ben 8e- 
ginn gro߬ 
artiger 
(Epochen auf 
bem (ßebiet 
ber (Cechnif 
unb ber 3 n * 
buprie. IPir 
bringen heut 
aus ber 
Humpelfam¬ 
mer ber pa- 
tentmobelle 


einige fehr inter- 
eflante 2lbbilbun- 
gen. Da ift 3um 
Beifpiel bas erPe 
HTobell bes (Cele* 
graphenapparats 
( 2 lbb. S. 
ben ber 2lmeri» 
faner HTorfe 
J 837 nach 3reei- 
jährigem bemü¬ 
hen erfanb.HTorfe 
rear HTaler unb 
lernte auf ber 
Äahrt oon Eu« 
ropa einen Dr. 

3acffon an Borb 
bes pafetboots 
oon ben Bemühungen europäifdjer (Selehrter um bie 
fjerßellung eines telegraphifchen Seidjengebers für 
große Entfernungen unb regte baburch ben HTaler an, 
ber ftch bisher gar nicht mit (Eechnif unb Eleftrisität 
befchäftigt hatte, einen folchett 2lpparat 3U fon- 
ßruieren. Hlit bem HTorfeapparat trat bie (Telegraphie 
aus bem Stabium ber Derfud?e in bas ber praftifchen 
2 lnreenbung, unb bie Perreenbbarfeit bes HTorfeapparats, 
ber noch heut, in oerbefterter 5orm, in ber gan3en 
IPelt angereenbet reirb, trug mit ba3U bei, ben 
Siegeslauf ber (Telegraphie 3U ßdjent. 

2ldßung oor bem unfd?eiubaren HTobell ber 
Hähtnafdpne, bie Elias £joree im 3 «hr J8^6 
fonftruierte! fjat hoch bie Bähmafchine befannt- 
lid? eine gai^e 2lii3ahl t>on großen unb blüheitben 
3 nbnprien erzeugt, bie für bie menfchliche Be« 
flcibung thätig pnb. 

Set \790 befdjäftigte man pch in Europa unb 
HorbameriFa mit ber Erpitbung ber Bäh* 
mafchine, bie gereiffermaßen fällig rear unb 
fornmen mußte, aber fjoree hat bas Perbienß, 
bie erPe brauchbare Perreenbungs* 
form gefchaffen 3U haben, fo oer- 
beperungsbebürftig biefes erPe HTo¬ 
bell auch gereefen ip. Die £}oreefd?e 
Erpnbuttg fanb 3uerp reeitig Be¬ 
achtung, unb als man ihren IPert 
erfannte, follte fjoree bas £os ber 
meipen Erpnber teilen, beneu Hot, 
Sorge unb junger 5U teil reerben, 
reährenb frembe Ceute ben großen 
Bußen aus ber Erpitbung 3iehen. 
2 lber bas Sdßcffal reollte £}oree 
reohl, befchieb ihm nur eine fur3e 
Seit fd^reerer Hot unb Sorgen, um 




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stummer 30. 


Seite 





ihm bann bie Der- 
bienten (Erfolge 3 m 
3 umenbeit. I}ome 
flarb im 3al?r J867, 
erfl adjtunbDte^ig 
3ohre alt, als Diel¬ 
facher SHißionär. 

Züie plump ifl 
bas erfle SHobeß 
ber Schreibmafchine 
bes Slmerifaners 
Sillen, wem mir 
es mit ben blutigen 
SDunbermerfen ber 
„tEypemriter" Der¬ 
gleichen, unb hoch 
fteeft auch fchon in 
Das Modell eines „tUfadmOhlenrdriffe“. biefem StTobeß bas 

<S5runbprin3ip, bas 

beim Sau aller mobernen Scbreibmafcbinen, 
bie fid?, auch in Deutfchlanb mie überall fo 
rafcb eingefübft beiben, angemenbet mirb. 

5afl ebenfouiele (Erftnber befebäftigen ficb 
mit bem Derfehr bureb bie £uft mie mit bem 
Derfebr bureb bas XDaffer. Das lenfbare 
Cixftfcbiff in SHobefl unb 5eid?nung mirb noch 
lange ber SchrecFen ber Seamten in ben flaat» 
lieben Patentämtern bleiben. Slber auch bie 
Schiffohrt unb ihre DerDoflfommnung übt 
noch immer flarfe Sln3iehungsfraft auf bie 
(Erfinber aus, genau fo, u>ie es febon ror 
3abr3ebnten ber 5aß mar. Sehr bejeiebnenb 
für bie „Sichtung* ber (Erftnber ift bas SHobeß 
bes JPinbmüblenfcbiffs, bas mir im oben* 
(iehenben Silb aus ber Stumpelfammer ber 
patentmobeße h*n>orholen. Die tt/inbmühlen- 
flügel follen an Stelle ber Segel bas Schiff 
Dorroarts treiben. Der (Erfinber hot fogar 
baran gebaebt, baß auch einmal tDiubfliße 
eintreten fömte, unb beshalb ein Cretrab 
auf bem Decf bes Schiffs angebracht, bas 
burch ein pferb, einen (Efel ober ein ZHaul- 

tier in <5ang gehalten merben 
foll unb bie Umbrehung ber 
IDtnbmiiblenflügel Deranlaßt. 

Dor menigen 
SHonaten hot 
ein (Erfinber 
mieber ein¬ 
mal bie gleiche 
3bee bem 
Conboner Pa¬ 
tentamt ein¬ 
gereicht. Sin 
3mei hohen 
Zttafleit ftnb 
IPinbmühlen* 
flügel ange* 

0 fne Schwimmvorrtchnmg für pferde. bracht, öetett 


Drehung bureb 3 a ^nrabüberfefeung unb (Eriebmeßen auf 
eine Sdjraubenmeße übertragen mirb. Diefer uerfpätete 
(Erftnber hot nicht einmal mie fein Dorjänger an einen 
(Erfafemotor für bie feiten abfoluter IDinbfliße 
gebaebt. Die Patentämter unb bie 3ngenieure ber 
großen ScbiffahrtsgefeÜfcbaften miffen ein £ieb 3U 
fingen Don ben Steuerungen unb Derbefferungen, bie 
ihnen aus Caienfreijen bejiänbig für bie Hettung aus 
Scbiffbrucb Dorgefcblagen merben unb unter benen ftch 
fo überaus feiten etmas mirflich Dermenbbares ftntfet. 
Slber fo mar es fchon früher. SHan betradtfe bas alte 
STTobell eines Scbmimmfiuhls (Slbbilbung S. HIO). Die 
hohle Cehne unb bie hoffen 5üße bes Stuhls follen, 
im 5aß einer Sd?iffsfataftrophe, eine perfon febmim- 
menb über SOaffer erhalten. Sür bie £efer, bie 
noch nid?t große Seereifeu gemacht hoben, fei ermähnt, 
baß bie paffagiere auch heute noch, unter ihrem 
<Sepäcf, Stühle an SJorb 3Ü bringen pflegen. (Es 
ftnb 3mar auf bem Schiff Sitzgelegenheiten in Ejüße 


pater» tmodcll 
der erften Scbrcibtnarcbinc. 


unb 5üüe Dorhaitben, aber für ben Slufenthalt auf Decc 
ift eine eigene Sitzgelegenheit fehr angenehm, bie mau 
momöglich DerjieHen fann, um auf ihr aud? 3U liegen 
ober menigfleits in holbliegenber Stellung 3U ruhen. 
So ift benn bie Jbee bes Settungsfluhls, bie aus bem 
3ohr 1881 flammt, nicht fo uneben. Dießeicht märe 
fte fogar heute noch, in oerbefferter 5orm unb bei 
eleganterer Slusführung, Dermenbbar. 3<h »iß ober 
bureb &iefe Semerfung beileibe niemanben 3um £r- 
finben anftiften. 

5ür ben IDafferuerfehr bureb tiefe, reißenbe, breite 
5lüffe foßte eine ScbmimmDorricbtung bienen, bie in 
bem nebenflehenben Steitermobeß Derförpert mar. (Es 
hanbelt fldj um lebernc Beutel, bie am Sattel unb am 
Sattelgurt bes pferbes befefligt merben, nachbcm man 
fte bureb Slufblafen mit £uft gefüßt hot, fo baß fte 
tragfähig merben. (Es erinnert biefe Jbee an bie heute 


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Sexte \ 4 t\ 2 . 


Hummer 30. 



fo pielfach permenbcte „pneumatic", bie in 
bicfem ZTIobell aus bem 3 a hr 1857 gemiffer* 
maßen porgeahnt ijl. Kbcr merfen mir auch noch 
rafch einen BlicF auf bie Furiofen firfinbungen. 

Da fleht 3um Beifpiel ein pflüg, ber als Kanone 
uermenbet merben Fann. tDenn man auf ein* 
famem 5*lb pflügt unb r>om 5einb angegriffen 
mirb, macht man bie £janbhaben bes Pfluges los, 
fdjießt bamit, unb 
meun ber 5einb 
geflohen ijl, acfert 
mau meirer, als 
fei nichts por* 
gefallen. Das 
„britte Bein" ijl 
für £eute be* 
flimmt, bie tagsüber piel flehen müffen. Sie fchnallen 
jtch bas dritte Bein an unb Fönneu bann immer eines 
ber mirFlicben Beine ausruhen laffen, ba bas fünftliche 
3ufammen mit einem natürlichen bie £ajt bes Körpers 
trägt. Die Znifroffopbrille ift für Dortragenbe, für prebi« 
ger unb Kapellmeijler beftimmt. 2lm oberen Haube jebes 


Das erfte jodelt des Celegraphenapparats von ftorte. 


BriDenglafes,bas 
hunbertfach per* 
größert, bejtnben 
fidj je fünf Fleine 
Scheiben, biemau 
herunterFlappen 
fann, fo baß jie 
por ber ZHitte 
bes (Slafes flehen 
bleiben. 2luf bie* 
fen Scheiben fielet 
ber Ceft bes Dor* 
trags, ber pre* 
bigt ober ber 
©pernpartitur. 
„3ebes Seit* 

alter mirb gefennjeichnet burch feine €rpnbungen/ J be* 
hauptet ein berühmter Cechnifer früherer Seiten. Daß mir 
im eleFtrifd?en Seitalter leben, bas betätigen uns auch bie 
Patentämter ber Kulturftaaten, bie unter ben eingereichten 
ZHobellen jefct mehr eleFtrifche Apparate, Ztlafchinen unb 
3nflrumente 3U per3eichnen höben als je 3UPor. 




Die grösste Caubenfarm der Sielt. 

^ierju 2 pfyotograpfyifdje Aufnahmen. 


SübFalifornien ijl bie Hioiera 2tmerifas, unb £os 
Kitgeles ift ihr Hlentone. (Eingebettet 3mijchen ©rangen* 
unb Sitroneuhöinen, 3mifchen IPeinbergen unb gemaltigen 
©bftplantagen, liegt £os Angeles mitten im (Sarten 
Kaliforniens. Kfles gebeiht bort mit tropifcher Ueppig- 
Feit, befruchtet pou ben feuchten IDinben, bie pon ber 
Santa HTonicabai heraufmehen, unb ber heißen Sonne. 
Die IDohnhäufer ftnb über unb über mit Kletterrofen, 


bie faft bas gan3e 3ahr hm&urch blühen, über3ogen, 
unb fchlanfe palmen grüßen herüber. Hähert man ftch 
an einem fchönen, flareu Sommermorgen pon Horben 
her bem freunblichen ©rt mit ber Bahn, fo erblicft man 
fchon pon meitem, über bem (Lhal fchmebenb, fonberbare 
meiße IPolFen, bie jich balb trennen, halb tpieber per* 
einigen, hierhin unb borthm fchießen ober meite Kreife 
über bem (Chctl 3iehcn. Das ftnb bie Glauben ber be* 



Huf dem futterplatz der Caubenfarm. 


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Plummer 30. 


Sexte 


rühmten Caubcitfarm 
von Cos Angeles, bie 
ihren UTorgenflug 
machen. Die 5arm 
liegt etwas außerhalb 
ber Stabt 3tuifchen 
malbbePanbenen bü¬ 
geln unb ijt oon mehr 
als 8000 Caubeit 
beoölfert. 2luf ihr 
verteilt ergeben pdj 
mehrere große £jot3» 
fchuppeti, an beren 
Uußenfeiten pdj Cau» 
fenbe unb 2lbertau» 
ienbe oon Srutfäpen 
bepnbeti. Vor ihnen 
liegen bie 5utterplaße 
unb bie XDafferbehäb 
ter. £s ip ein pnn- 
oerrairrenber 2lnblidF, 
roenn man pd? auf 
einem bet 5utterpläfee 
3eigt unb bann bie 
(Tauben n>ie IDolfen 
hemieberfchießen, 
einen umflattern unb 
umfreifen. Wenn bie 
geilte Schar fleh uon 
einem ber Dächer in 
bie Cüfte erhebt, fo 
oerurfadtf bas 5lügel* 
fcftlagen ein<ßefiiatter, 
als ob ein lebhaf¬ 
tes 3nfanteriegefecht 
in nächfler ITähe flott* 
fätibe. Unb babei bies 
unaufhörliche (girren 
unb (gurren, baß man 
fein eigenes U>ort 
faum hören fann. 
Da man in Cos 2ln» 
geles ben IDiuter nur 
bem Ztamen nad? 
Fennt, fo brüten bie 
(Tauben fap bas 
gan3e 3ahr htnburch, 
unb ber Seflßer ber 
(Taubenfarm macht 
glän3enbe (gefchäfte. 
3 n <£is uerpaeft 
irerben bie. jungen 
tauben bis nach 
Iteuvorf perfchicft, 
unb eine fokbe 
fette junge (Taube, 
brüben „squab“ ge¬ 
nannt, ip ein fehr 
gefudjter Cederbiffen, 



— 


Das grösste Taubenhaus der CUelt. 
























Seite W4. 


Zlumnter 30. 


moderne Gürtelschnallen. 

fjierju 5 pfjotograpfyifdje Uufnafjttten. 

2Kit 3umelen unb (Ebelmetatl fich 311 fchmüden, 
cntfpricht nicht nur ben älteften Haffeninftinften bes 
ZTlenfchengefchlechts, fonbern auch Begehren bes 
mobernen Klenfdien. Unb menn heute für einige <6e* 
biete ber 3umelierFunft gait3 neue 5orberungen fich er* 
geben, fo fntb mtbere Faum ncd> berüdjichtigt morben: 
tnoberne Fünftlerifche ©Erringe 3unt Beifpiel ober 5inger* 
ringe, bie bie gejtaltenbe ^anb einer Künftlerinbioibualität 



6 ürtcirdmaUe von Hrtbur Berger. 


oerraten laffen, roirb man beute fchmerlich ftnben. M?enn 
man ferner bebeuft, mie ber öffentliche Schmud, 3um 
Beifpiel 3nfignien oon Batsperfonen unb Bürgermeifter* 
Fetten heute meift noch in trabitioiteüer IDeife gearbeitet 
roerben, fo Fann man ber (SolöfchmiebeFunfi für bie Su* 
Funft ein reiches Bebarfs* unb Ubfafegebiet oerfprechen. 
Befonbers banFbare Aufgaben bietet bem Funftgemerb* 
Iicben Künftler bie (Sürtelfdjnalle, bie an fich 3U ben 



einfache Schnalle von Margarete “Junge. 


üttejien toeiblicben Schmudgegenftättben gehört, bis oor 
furjem aber auf eine rein hanbrnerFsmäßige unb febe* 
matifebe 2trt hergeftellt tourbe. 

3n früherer Seit mar bie einige 5orberung, bie 
man an einen 3umelenfchniud jiellte, baft er Foftbar fei 
unb möglichft mertooHe (Ebeljieine enthalte. Die 5affung 
ber Steine unb bie Arbeit bes 3umeliers roaren neben* 



Silberne Schnalle von 6rich KteinhempeL 


fäcblid?. Da§ ber <ßefd?mad fo unb nicht anbers ge* 
mefen ift, hat man in allen fönbern erFannt, unb aus 
biefer (ErFenntuis heraus erft rejultierte ber 5ortfd:ritt. 

Beben ber <£infid:t, bafe alfo ber (Entmurf bes 
Künftlcrs unb bie Krbcit bes EjanbmerFers, nid?t aber 
bie Sabl öer Foftbareu Steine, ben Fünft lerifd?en tüert 
eines 3umels beftimmen, mar eine meitere (Errungen* 
fd:aft ber mobernen 3umelierFunft bie €infid?t in bie 
BotmenbigFeit, bie natürliche Sd?önheit bes betreffenben 
Materials, fei es nun (ßolb, Silber ober Broi^e, 311 
möglid?ft grofer IDirFung 3U bringen. Diefe 5orberung 
ber Knpaffung an bas 
ZTlaterial mirb ja heute 
auf allen (ßebieten bes 
Kmtfigemerbes erhoben 
unb ift im allgemeinen 
eine ber hauptfächlicben 
5orberuugert Fünftleri* 

(eher lüirFfamFeit. 3« 
ber 3umelier Funft ift 
biefe 5orbcruiig um fo 
michtiger, als ber Tri¬ 
umph bes Uletalls gera* 
bc3U ihr Chema bilbet. 

2lucb in biefer Be3iehung 
flehen bie 3apaner ein3ig ba, unb fd?on bie alten 
<£hutefen haben bies (ßefefe gemürbigt: alles, mos fle 
3um Beifpiel in Bron3e arbeiteten, Fonnte man ftd? gar 
nicht anbers als eben in Bron3e oorflellen. 

2 Lnd] bie moberne 3umelierFunft hat febon fehr (Erfreu¬ 
liches -geleitet. Von beutfeben Arbeiten auf biefem <Se* 
biet geben mir einige in Kbbilbungen mieber, bie oon 
©tto 5ifd?er, (Erich unb (Bertrub Kleinhempel, ZHargarete 
3unge unb 2llfreb Berger berühren, willen biefen 
Kleinarbeiten barf mehr ober minber naebgefagt 
toerben, baß fie eine oerftänbnisfinnige €rfaf[ung ber 
€igenheit bes UTaterials erFemten laffen. 3ui atl= 
gemeinen möchte man ben beutfd^en Funftgemerblicben 
Künftlern gerabe auf biefem (ßebiet ben Bat geben, 
noch meniger 3U ftilifieren unb noch mehr bie Batur* 
formen 3U oermerten. o r . 9. pubor. 




©ürtelfcbtoee von Otto ^ffcher. 


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Hummer 30. 


Seite 




Abfahrt des 
Uerfallers und 
(einer Gattin 
im Adler* 
motorwagen. 


' ennimba\erifdien(ßebtrge 3wei Bauern 
einander begegnen, her eine poii unten 
hinauf, her anbere r>on oben herun* 
ter Fomtnenb, fogebrauchtber hinauf* 
ßeigenbe ben gewöhnlichen ©ruß: 
grüß ©ott! ber lierabfteigenbe aber |agt 
als ©egengruß: laß bir Seit! Das ift fürs Bergeßeigeti 
ein Hat aus alter (Erfahrung, unb nur bie jüngßen 
Ebelweißrupfer perfud?en’s anbers unb wollen bie Serge 
hinaufrennen, bis auch ße, unb halb, ber alten Er¬ 
fahrung pd? bequemen unb langfant ßeigen. Das iß 
aber aud? bas ein3ige (Sebiet, auf . bem bie Depife: 
Jr 3mmer langfam porau!" nod? ©iltigfeit hat — auf 
ben anbern herrfd?t bas Kommanbotempo: marfd?, 
marfd?! 

3m Erwerbsleben, in allem, was unter IDettbewerb 
gefd?ieht, wirb pd? bas heut3utage wohl faum mehr 
änbem. Hid?t einmal bie Dichter laßen pd? unb ihren 
XDerfen mehr Seit, wenigftens foweit pe nad? ben £or- 
bem unb (Tantiemen ber Bühne lüPern pnb — es ip 
ein allgemeines Hennen nach bem Erfolg, unb bie antife 
Statue bes IDettläufers ip für unfere Seit ein Symbol 
pon fap abfoluter (ßiltigfeit. 

Es fragt pd?, ob biefes (Tempo ber ZlTeufchheit auf 
bie Dauer gefunb ip. £?erporragenbe Her5te geben ber 
allgemeinen fjaft bie f?auptfd?ulb an ber wad?fenöeu 
„Herpoßtät", unb gewiß ip, baß alle bie ftürmifd?en 
Hertner nad? bem Erfolg, auf welchem (ßebiet bes Se¬ 
hens ihre Hemtbahn aud? liegen mag, pon Seit 3U 
Seit bas bringenbe Bebürfnis haben, „aus3uf pannen". 
IDenn pe es f;d? nicht felbp fagen, fo fagt es ihnen ber 
Hrst: „Verreifen Sie!" Unb pe feßeti pd? in ben Sd?nell3ug 
unb fahren möglichß fd?neü unb möglid?p weit weg pon 
bem Hereid? ihrer Henubahn. fjeute peigen pe in 
Berlin in ben Eifenbahnwagen, unb morgen pnb pe be¬ 
reits in Hom ober Heapel. Das ip eine erPaunlid?e 
Sache unb in ber (That eine „Errungenfd?aft", auf bie 
pd? unfere Seit etwas einbilbeit barf. Was hätte 
©oeth* barum gegeben, wenn er fo fd?nell aus bem 
Horben weggefonnt hätte, als es ihn pürmifd? nad? 
bem Süben trieb! Er, ber pd? in feinem übermächtigen 
Drang nad? füblid?en Breiten fo wenig Seit ließ, baß 
er fpäter fd?rieb, er fei über bas tiroler (ßebirge „gleich* 
fam weggeflogen", brauchte bod? pon Harlsbab bis nad? 
Venebig faß einen HTonat unb pon Venebig nad? Hont 
einen halben, ohne baß er pd? irgenbwo. längere Seit 
aufgehalten hätte. 

Das ip alfo nun grünblid? anbers geworben. (Per 
Eile hat, bem faun geholfen werben. Unb es fd?eiut: jeber 


Von Berlin Dad>5 orre ot 
> ^üforoobil. 


JSS 55S 

Pon 

Otto Iulius Bierbaum. 


i.gSÖ 


hat Eile, felbp ber 311 feiner Erholung, 311 feinent 
Vergnügen Heifenbe. Die allgemeine £?aß hat 
pd? aud? auf bas Vergnügen übertragen. 2 lber 

bas ip woi?l ein IViberßnn. Das . Eenipo bes Ver- 
gnügens ip ein gehaltenes Ubagio. IVer preftifpmo 
„genießt", gewinnt pd? nicht Erholung, fonbern 
Hbfpannung. Dies gilt befonbers pom Heifen. IVer 
3U <ßefd?äften reip, mag eilen, wer 3U feinem Ver¬ 
gnügen auf Heifen geht, behersige ben oberbayerifd?en 
(ßebirgsgruß: laß bir Seit! 

Die beße 5 orm bes Heifens iß nod? immer bas 
IVanbern, unb bie eigentlichen Heifefünftler pnb nod? 
immer bie wanbernben £janbwerfsburfd?en, infoweit pe 
wirflid? „waljen". Ein halbwegs guter Erfaß für bie 
5 ußreife iß bie Habelreife, wenn pe pernünftig betrieben 
wirb. Über nicht beibe Urten bes Heifens erforbern 
mehr förperlid?e CeißungsfähigFeit, als pe jebem 3U 
©ebote ßeht, unb pe eignen pd? im allgemeinen nur 3U 
Heifen im näheren Umfreis, benu nicht jeber Fann 
es machen wie ein IVanbergefeH ober 3 <>hanu ©ottfrieb 
Seume, ber pon £eip3ig nad? Syrafus fpa3ieren ging. 
IVen es in bie 5 erne treibt, ber muß pd? alfo nad? 
einem 5ul?rwerF umfet?n. Die alten poßwagen giebt’s 
nur nod? in einigen (ßegenben, unb ihr (Tempo iß felbß 
für ben Äreunb behaglichen Heifens 3U fel?r abagio; 
mit eigenem (ßefpann 3U reifen, iß, ba es feine Helais- 
ßationen mehr giebt, felbp für ben unmöglich, ber es 
pd? leißen fonnte; mit ber Eifenbahn Fann man aber 
eine Heife im eigentlichen Sinn überhaupt nid?t unter¬ 
nehmen. 

ZHit ber Eifenbahn Fann man pd? wohl beförbern 
laßen, aber nicht reifen. Denn 3um Heifen gehört, baß 
man frei iß, baß man nid?t bloß einen Enbpunft ber 
5 ahrt beftimmen, fonbern aud?, je nad? £uß unb IVilleu, 
bie Sd?nelligFeit änbem, nad? freiem Ermeßen bie Urt 
unb Dauer eines Sa>ifd?enaufenthalts feßßellen, feine 
Heifegefellfd?aft wählen, F1W3, alles bas Fann, was auf 
ber Eifenbahn nicht möglich iß. IVer mit ber Eifen- 
bahn reiß, begiebt pd? in ein HbljängigFeitsoerhältnis. 
Sein ©efeß iß ber 5 ahrplan, feine ©efellfd?aft beßimmt 
ber SufaH, mit eiferneu Schienen iß unabänberlid? feß- 
gelegt, wie er feinen IVeg 3U nehmen hat. Sum eigent¬ 
lichen XVefen bes Heifens gehört bie freie Bewegung in ber 
Hatur; bas iß fein eigentlicher Hei3,baßer bieSeßhaftigfeit 
für eine IVeile anftrebt, aus bem Stubenmenfd?en einen 
HTenfcheu ber £anbßraße macht, ihn non manchen sweifel- 
haften Segnungen ber ßäbtifd?en Ueberfultur befreit unb 


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Seite 


Hummer 30. 


fo ber Hatur näher bringt. IHenn ich aber mit ber 
Cifenbahn reife, fo ift es eigentlich nichts anberes, als 
baß ich mir ein gimmer miete, bas auf Säbern läuft 
unb % fich int übrigen von meiner gewöhnlichen 2Doh* 
nung 3U feinem Ünguufteu baburch unterfdicibet, baß es 
fehr Flein ift unb baß ich es mit jebem teilen muß, ber 
es auf eine gewiffe Strecfe mitgemietet hat. 3 ” biefem 
Simmerchen werbe ich fehr fchnell non ©rt 3U ®rt fpe* 
biert, unb wenn 3wifchen ben ©rten eine fdiöne £aitb» 
fdjaft liegt, fo ijt es mir erlaubt, falls nidtf gerabe ber 
Cifenbahubantm bie Suspcht hinbert, einen fchnelleu 
Slicf barauf 3U werfen. Uber fo fdjneüen Slicfen 
fchenft feine £anbfchaft ihren Sei3; bie Gucffäfteit bes 
Saiferpanoramas verraten mehr bavott. Hon ben 
£euten, bie bie £anbfd?aft bewohnen, unb 001t beiten mir 
bas Seifehaitbbud? t>iel 3ntereffautes 3U erjählen weiß, 
lerne ich nur bie Sahuhofsfellner Fennen, bie, je nach 
ber Gegeub, warme IHürftdien ober frifche 5 eigen au- 
bieten, im übrigen aber pd? überall fo ähnlich feheu, 
wie ein fdjwarser 5racf bem anbern. Sußerbem habe 
•ich nur noch Gelegenheit, meine STenfchenfeuntnis 3U er¬ 
weitern, iitbem ich, u?enn idi es nicht fchon we.ß, es 
erfahren lerne, baß es höfliche unb grobe HTeufcheit 
giebt. 5 erner lerne ich Fennen, mit welcher Sidierheit 
ber Suß felbft tit gefdftoffette Cifenbahuwagen einbringt, 
welcher Disharmonie fchledft fdiließenbe Kupeefenfter 
fähig pnb, uttb was für eine 2 lrt Duft entfteht, wenn 
infolge ber Cmppnblichfeit eines STitreifenbeu ber 5 ahr* 
fäpg fhmbenlang verfdftoffen gehalten werben muß. 

IHenn ich dber eine Seife thue, fo will id?, wie 
fjerr Urian, mir felbft unb anbern nachher etwas bavou 
er3ählen fönnen, unb 3war etwas anberes als bies. 
Darum befchloß id?, es einmal mit einem anbern 
Hehifel 3U verfudieit, mit bem tnobernften von allen, 
bem Automobil. Der Herlag ber „lHod?e Ä hat bie 
Ciebeuswiirbigfeit gehabt, midi tu beit Staub 3U feßen, 
bie probe auf bas G^entpel 3U machen, ob es pd? int 
Automobil wir flieh reifen läßt, fo reifen, wie es uitfere 
Großväter verftaitbeu haben, nur noch vollfomntener, 
uäntlich noch freier, b. h* unabhängig t>on ben aller* 
hanb Uitsuläuglichfeiten, unter beneit fte 31t leiben hatten, 
weil ihnen als 5ortbewegungsfraft nur bas pferb 31W 
Herfügung ftaub. 

Suerft ein paar tHorte über ben IHageit felbft, bem 
ich mich mit meiner 5 rau uitb meinem ga^eu Seifegut 
feit bem \0. Spril aiwertraut habe uitb ber uns nun 
unter ber ausge3eichneten 5ühruitg bes vortrefflichen 
HTonteurs £ouis Siegel von ben Sblerfahrrabwerfeu 
iit 5ranffurt am HTaiit über Dresben, präg, XHien, 
Sal3burg, STündieu, HTitieiiwalb, 3nnsbrucf, So3eu, 
drtent, Saftano, HTeftre-Heitebig, pabua, 5 errara, 
Haveitna, Simini, San STarino, 5aeit3a, Äloreit3, Siena, 
dortona, perugia, 5 oliguo, derni-HTarntore, Sont, 
5rascati, derraciita, Heapel nach Sorrent gebradft hat, 
wo ich nun im ehemaligen 3^fuiteitflofter documella 
auf einer Cerraffe inmitten ber üppigften ©raugen¬ 
gärten pße, ben Slicf aufs Cyrrhenifdie Uleer, ein bißchen 
ntübe 3war von ber Ueberfülle bes Genuffes unb mir 
gern eine fleine paufe göitneub, aber bodi aufs h^fte 
befriebigt von biefer Caufwageitreife, bie mir alles bas 
erfüllt hat, was id] mir von ihr verfprocheit habe. 
Cs ift ein Sblermotorwagen, bem ich fcies verbaute, 
hergejtellt in ben Sblerfahrrabwerfeu vorntals fjeinridi 
Sleyer, ^ranffurt ant Hiain, unb ausgeftattet mit einem 
eiit3ylinbrigeu STotor von adit pferbefräfteu. Senner 
bes Sutomobilwefens werben pd? wuitbern, baß eine 


fo große Seife mit einem verhältnismäßig fo fchwachen 
ZlTotor unb ttur einem SYlm& cr unternommen würbe, 
unb ihr Crftauiteit wirb noch 3uitehmen, wenn fte er¬ 
fahren, was alles biefe fleine Slafchiite über fo große 
Strecfeit (bei ftaubigeit unb fdjwierigeit Gebirgsüber* 
fdireituitgeu) fort3ubewegeit hatte. ®er JHageit allein, 
in phaetoufornt unb fehr itiebrig, aber lang (faft vier 
STeter) gehenb, wiegt mit bem STotor elf Sentner; ba3u 
fontmen brei perfouen mit ihrem gefamteit Seifegepäcf, 
worunter ftch ein hinten aufgefchnaüter großer unb fehr 
fchtoerer Soffer beftitbet. IHir pnb mit allem verfehen, 
was £eute von einigen Snfprüchen innerhalb einer Seife 
von brei STonateit Dauer brauchen, unb haben noch 
niemals bie Cifenbahn 31W Gepäcfbeförberung bennßt. 
Um bies 3U ermöglichen, war es nötig, ben Siß neben 
bem Rührer 3ur Gepäcfaufnahme mit heriurichten. Gin 
Saften 3ur Aufnahme bes 5 ührergepäcfs würbe bort 
vor bem Siß eingebaut, woburch gleichseitig eine gerabe 
unb fefte Unterlage für biejeitigeu uuferer Gepäcfftiicfe ge- 
fdiaffen würbe, bie nicht hinten untergebracht werben 
tonnten: ein großer ffaitbfoffer, ein ffutfoffer, fowie 
bas mit 3wei Glasfdieibeu verfehene Schußleber, bas 
beftimmt ift, bei ßarfent Segen vor ber IHagenplaue 
angebracht 3U werben. (IHir haben es nur einmal ge¬ 
braucht, aber babei hat es ftch voüfommeit bewährt.) 
Die Seferveteile unb bas I}anbwerFs3eug, foweit es pdj 
nicht unter bem Siß bes 5 ührers bepnbet, fowie bie 
Heidin- unb ©elfaituen unb uitfer Dorrat an photo- 
graphicplatten pitb in bem Saften unter nitferm Siß 
verftaut. 2 ltt ber IHageitwaub vor uns haben wir eine 
große, bie IDaitb völlig eiunehmenbe Cebertafche ange* 
brad?t, in ber ftd? ttodi eine Grtratafdie für Süd?er 
bepitbet uitb bie einen Coiletteitfoffer, einen Speifeforb, 
fowie unfere Uläntel aufnimmt. 2 luf bem großen Soffer 
hinten pnb nodi ber tDäfdjefacf, bas Stocf* unb Sdprnt- 
futteral unb brei biefe Seifebccfen aufgefd?naüt. 3 d? 
erwähne bies alles fo ausftihrlid?, weil meines IHiffens 
nod] niemals eine größere 2?eife im Automobil mit 
Gepäcf unternommen worben ift. Sud] uns würbe es 
lebhaft miberraten, inbent man mir vorftellte, baß id] 
bitrdi biefeit 23 allap an Soffern barait gehinbert werben 
würbe, bem ZlTotor feilte volle Sdinelligfeit ab3ugewimteit. 
Cs fei alfo beffer, bas Gepäcf mit ber Sahn 3U fenbeit. 
Da mir nicht barait lag, mit ber Cifenbahn, bie tutfere 
Soffer beförberte, um bie tDette 3U fahren, ba mir 
überhaupt weniger an Sd?ueHigfeit, als an Unabhängig¬ 
feit gelegen war, bin ich biefem Satfdpag uid?t ge* 
folgt, unb iii habe heute Urfadie, mich bereit 3U freuen. 
Der Uniftaitb, baß wir alle unfere Seifehabfeligfeiten 
ftets mit uns führten, h a t es uns ermöglicht, audi au 
joldien ©rten Station 5U ntadien, bie nid}t an ber 
Cifenbahn liegen (ich habe vorhin nur bie hauptfäch* 
lichfteit uitferer fjaltepunfte genannt), unb ihm verbanfen 
wir es auch, baß wir, außer in UTeftre, auf uttferer 
gansen Ueife feinen Sahnhof betreten haben. Cs ift 
wahr, baß wir mit unfern Sdinelligfeiteit nicht renom¬ 
mieren Fönnen, aber bas war ja auch nidtf ber 
ber Uebuttg. Daß mau mit bem Sutontobil rafen Fann, 
beweijeit bie großen IHettfahrten; ich mollte beweifen, 
baß mau bamit reifen fann, uitb für Seife3wecfe genügt 
eine Schuelligfeit von 25 Stlometer in ber Stunbe 
burdiaus. U)ir haben felbft biefe nur feiten benußt, 
fei es, baß uns eine Canbfchaft weniger reifte, fei es, 
baß wir aus irgeub einem Grunb ein beftinuntes ferneres 
Siel erreichen wollten. 3m allgemeinen haben wie 
überhaupt nur fur^e dagesftreefeu geinad^t, ein paarmal 


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Hummer 30 . 


Seite \ 4 \ 7 . 



nur 30—^0 Kilometer, unb mehr als \60 Kilometer 
haben mir überhaupt nicht an einem Hag suriicfgelegt. 
IP05U auch? IBir mollten bie Canbfchaften, bie mir 
burd?fuhren, ja fehen, nnb bies ift nur möglich, meint 
man in einem titäftigeit (Tempo bahinfährt. Zluch mar 
uns baran gelegen, bas Zlutomobtlfahren uid?t in ZHift* 
frebit 311 bringen, mie bas leiber bie thun, bie auf ber 
Canbßrafte bahiufaufen, als gehörte fte ihnen allein 
unb nicht auch Öen Leuten, bie fouft noch barauf mit 
heiler £?aut unb ganjen Knod?en gehen ober fahren 
mollen. Die £Dettfährten, bie ihren guten Smecf hoben 
unb unter ber ©elhutg von befonberen ZTTaftregeln vor 
fich gehen, mitl id? nicht an greifen, aber ber einzelne 
Wahrer, ber bie Canbftrafteu burch ein ©emalttentpo 
tmficher macht. honbelt rücffichtslos unb verbient, aud? 
um ber 2 lutomobilfad?e miüen, fchärffteit Habel, beim 
er ift es, ber bie BevölFeruug gegen bas Automobil* 
fahren aufbriugt, felbft meint er bloft unnötigen Sd?recfen 
erregt unb nicht bireft Sd?äbiguitgeu ober ZtnglücFsfäHe 
hervorruft. Diefe, bie ftd? bei einem vernünftigen 5 ahr- 
tempo burchaus vernteiben laffen, ntüffen ftd?er eintreten, 
meun auf belebten Straften rafenb bahinfilometert mirb. 
Daft mir nid?ts auf bent ©emiffeit hoben, gereid?t mir 
3iir befonberen ©enugthuuitg, unb ich muft auch in 
biefer funftd?t unfern trefflichen 2 Ttonteur loben, ber, mie 
auf feinen IDageu, fo aud? auf alles Cebenbige bie 
äufterfte Hücfftcht nimmt unb felbft beit nid?tsuufcigfteit 
fleinen I?unben gegenüber, bie manchmal mie befeffen 
vor bem ZDagen hertan3en unb es barauf ansulegeit 
fcheineit, überfahren 3U merbeit, nicht bie ©ebulb verliert. 

€s mirb ftd? vielleicht fpäter bie ©elegenheit bieten, 
etrnas eingehenber von ben allerhanb Begegnungen mit 
ZTTenfchen unb Hieren 3U fprecheu, bie 3U111 täglichen 
Programm einer Kutontobilfahrt auf ber Canbftrafte 
gehören. 5ür biesmal fei nur gefagt, baß ftd? bisher 
feine ber fchlinimen prophejeiungen an uns bemahrheitet 
l?at, mit beiten man uns, nid?t fehr tröftlid?, auf bie 
Heife fd?icfte. IDie mir niemaubem etrnas Böfes an« 
gethan höben, fo hot auch uns uiemanb etrnas Sdjlintntes 
sugefügt. 3 ” ©beröfterreid? h a öeu bie Bauern fürchte*« 
lieh geflucht, meitn unfer fjerannahen ihre feiften ©äule 
in einige Aufregung verfeftte, aber bas mar für ben 
5reunb bäuerlicher Umgangsfprache nur intereffant, unb 
id? höbe genaueZlufseichuuitgenbarüber gemacht, inmeld?eit 
<ßegenbeit babei mehr ber Heufel unb in melchen mehr bas 
3aframent angerufen mürbe. 2 lud> eine fchöne lauge Kollef* 
ttrvermünfchuug, bei ber fomohl ber Derlag ber „IDoche", 
u>ie bie Kblerfahrrabmerfe ihren Heil mitabfriegten, 
traten mir $u vcr3eid?ncn. €s mar unfern Kre530, mo uns 


eine alte Bauernfrau, bie genau mie ihre Dermüitfchung 
ausfah, alfo apoftrophierte, mährenb mir gan3 gemäd?« 
lid? ölt ihr vorüberroUten: „Derfludjt follt ihr fein mit 
famt eurem ZDageit, verflud?t, mer ihn eud? gegeben, 
verflud?t, mer ihit/ mit tjilfe bes Heufels, gentad?t hot!" 
Dabei utad?te bie Klte eine £?aubbemegung, bie man 
fonft nur 3ur Kbmenbung bes böfen Blicfes ansumenben 
pflegt. 3 d? hotte bie Dame gern in biefer pofe photo¬ 
graphiert, aber es ftaitb gerabe, gan3 paffenb, ein 
öiefes, fd^marjes ©emitter am fjimmel, bas ftd? auch 
prompt eutlub, ohne uns iitbeffen irgenbmeld?en Sd?abeu 
3U5ufügeit. 

Dielleid?t interefftert es h^ r ben Cefer, etrnas 
über bie »pannes« 311 erfahren, von beiten nach ber 
allgemeinen ZTTeinung jebe gröftere Zlutontobilfahrt be¬ 
gleitet 3U fein pflegt. IHait verfteht baruitter, beutfeh 
gefprochen, alle größeren ZTiucfeu, bie ber ZHotor mäh 4 
renb ber 5 al?rt friegeit Faun, uttb von beiten bie 
fatalfte ftd?er bie ift, meint er einfach nid?t mehr mit- 
fpieleit miß. ©epriefen unfer XDagen, gepriefen ber, 
ber ihn uns gegeben, gepriefen ber, ber ihn, mit £?ilfe 
aller guten ©eifter, gebaut höt —: mir höben feine 
jolche böfen ZHucFen erlebt. Daft alle irbifchen Dinge 
unvoüfommeit ftnb, lernten aud? mir am Automobil 
femteit, aber es mareit immer nur UnvollFontmenheiten, 
bie ftd? leid?t unb fd?iteli beheben lieften, unb es ift uns 
nie miberfahreu, baft mir, höd?fte Blamage für ben 
Dautpfmagenreifeitben, ©chfenvorfpaiin brauchten, meil 
mir aus eigenen Kräften nicht von ber Stelle gefonut 
hätten. Km höufigjlen lieft uns bie Sünbung int Stich, 
bas ift bie äErjeugung ber bie Bemeguug h*rvorrufenben 
Beii3iiie£ploftonen, bie bei uns auf eleftrifd?em JDege 
gefd?ieht. ZTTeift mar Derruftung ber Sünbfer3e baran 
fd?ulb, unb immer mar ber <3tvtfchenfall in ein paar 
ZTiinuten behoben. Derlei Faun nur unangenehm merbeit, 
meint es burch bie befaunte Hücfe bes ©bjeFts an einem 
befonbers uttpaffenbeu ©rt gefchieht. 3d? möd?te es 
3unt Beifpiel itid?t gern erleben, baft bie Süitbung in 
einer Dorftabt von Heapel verfagte inmitten einer mehr 
temperamentvollen als fvmpathifd?en Straftenbevölfe* 
ruitg. 

IPir höben es immer gut getroffen, unb bie Flei* 
neu Dolfsverfantmlungeit, bie mir habet h^roorriefen, 
haben uns nur ermi’mfchte ©elegenheit geboten, bas 
herbeigeeilte publifum genauer 3U betrad?teu. 3mnter* 
hin märe es angenehm, eine Sünbuitgsvorrichtung j U 
haben, bie ftcherer funftionierte, unb id? höbe mir von 
Kennern fagett taffen, baft es bereits eine folche giebt, 
nämlich öie magitetifchc. 3^h für meinen Heil mürbe 


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Seite ^{ 8 . 


Kummer 30 , 


es jedenfalls einmal mit ihr verfuchen, obrnohl ich die 
Knßände, die mir infolge der eleftrifchen Sendung ge¬ 
habt traben, nicht meiter fchlimm anfehe. (Eine paufe 
non ein, 3tvei UTinuteit lägt fich mofyl mit 
hinnehmen, menn der HTotor im übrigen 
ftundenlang feinen fchönen glatten Pier* 
taft ftcher einbält. (Etrnas langmieriger 
find fd?on die gmifchenfälle, die durch 
Hefchädigungeit des Sadntaniels oder des 
Suftfchlaudjes eintreten, aber auch fte er¬ 
tragen ftch, menn fxe nicht gerade 311 be* 
fonders ungelegener geit, an befonders 
fatalem ©rt eintreten, in IPirHichfeit viel 
leichter, als man mohl glaubt. IPir ver* 
danfen dem erften diefer Zufälle unfere 
erße Hefanntfdjaft mit dem 2ldriatif chen 
HTeer. <£s mar 3tvifchen Savenna und 
Simini, in dem fleinen ©rt <£efena, als 
mir bemerften, daß das redete ßinterrad 
hart aufftieß, meil der Suftfdilguch ver* 
leßt mar. (Betreu dem fehr vernünftigen 
prin3ip, beim (Eintreten eines foldjeu 
gufaHs die fjauptftraße 3U verlaffen und 
3ur „Ubmantehutg" in den nächften Heben* 
meg ein3ubiegen, lenfte unfer Wahrer den 
XPagen nach linfs und fuhr einen 5 eld* 
meg entlang, bis er außer (ßejtchtsmeite 
der Hürger von <£efena mar, und fiehe: 
mir Ratten das 2 ldriatifd?e HTeer vor uns. 

Hie ift in großartigerer Umgebung „ab- 
gemantelt" morden, und mir benußten 
gern die (Belegenden 3U einem Meinen 
Strandfpa3iergang, mährend unfer ebenfo 
gefehlter mie unermüdlicher Hegleiter 
den Hlantel ausbefferte und unfer 5ahr* 

3eug mieder flott machte. 

Das find unfere ^roifcßcnfäHc. 3m 
übrigen ging es immer glatt und fd?ön 
voran, felbft auf nicht tadellofen XPegen 
und bei gemaltigen Steigungen. Die 
Serge hinauf freilich langfam, aber immer* 
hin fchneüer als mit Prei* und Pier* 
fpänner. Das 5 ahren felbft ift ein (ßenuß, 
der mit feiner andern 5ortbemegungsart 
verglichen merden fann. €s ift auf 
guten Straßen, mie in ©ber* und ZHittel* 
italien, ein matjres Pahinfchmeben, und man 
darf ja nicht deuten, daß der Saufmageu* 
reifende „gebeutelt" mird. 

Das Rütteln, das man am flehenden 
Uutomobilmagen bemerft, menn der HTotor 
arbeitet, fällt, je fchneller der XPagen 
läuft, um fo mehr meg, und mas übrig¬ 
bleibt, ift eine ftch dem gan3en Körper 
mitteilende, fehr angenehme Semegung 
von gan3 fur3en 3 ntervaHen, bei den man ungefähr 
das gleiche (Befühl hat mie bei den von dem 
Schmeden Sander 3U £jeil3mecfen erfundenen (Erfchütte* 
rungsmafchin'en. 3ch erblicfe darin geradeju einen 
Por3ug des Kutomobils und möchte diefe mohlthuende 
und hbchfl gefunde Staffage feinesmegs miffen. 

Ueberdenfe ich bie 5 ahrteit, bie mir bis jeßt 
hinter uns haben, fo muß ich fagen, es mar ein 


ideales Seifen, und ich münfche mir, daß ich immer 
nur im Automobil fahren fönnte. Piefes Seifen ift 
an ftch ein förperliches Pergnügen, gan3 abgefehn 
von all dem Schönen, bas man dabei 
unmittelbar und intim fennen lernt. 
Piefes ftchere Pahingetragenmerden, bei 
dem einem das (Befühl erfpart bleibt, 
daß es nur durch die fernere Stüh* an* 
derer lebender IPefen ermöglicht mird, 
diefer fchöne Shylhmus einer Semegung, 
die fein Stoßen, Herren, Sncfen fennt, 
diefer leichte £auf auf Suftpolftern hat 
etmas Unvergleichliches. Pas Seifen mit 
der Cifenbahn ift eine (Tortur dagegen. 
2TTan fönnte vielleicht meinen (und auch 
ich habe fo gedacht), daß der Stängel an 
aftiver Semegung auf die Pauer un* 
angenehm fühlbar merden müßte, aber 
es fcheint, daß die aftive Semegung durch 
jene leife Crfchütterung erfeßt mird. Ihat- 
fächlich [teilt ftch nach einer Äuhrt von 
drei, vier Stunden eine angenehme (Er¬ 
müdung ein, pnd man hat faum mehr 
das Bedürfnis, ftch noch andermeit Se* 
megung 3U verfdjaffen. 3d? glaube, daß 
auch ber beflättbige Suftsug eine gefunbe 
XPirfung ausübL 2 luf alle Äälle hat er 
ben großen Por3ug, daß es ein Seiden 
unter der großen fjiße nicht giebt. XPir 
find Hütte 3uni durch bie pontinifchen 
Sümpfe gefahren und haben feinen Kugen- 
blicf über fjiße 3U Magen gehabt. <Es 
ifl eine Krt Had in frifchbemegter Suft, 
auch menn fonfl voHfomntene XPinbftiHe 
bei fehr tiefem IPärmegrad herrfcht. Selbjt 
um die HTittagsjhinden, mährend deren 
ftch hier fogar die Sandleute nicht ins 
5rete trauen, find mir, ohne im geringjlen 
unter der £jiße 3U leiden, gefahren, do d\ 
haben mir dann die fehr gefehlt ge¬ 
machte Porrichtung benußt, die es uns 
erlaubt, aus unferm aufflappbareit Segen¬ 
dach ein Sonnendach 3u machen. 

Uber auch gelegentliches 5afjren im 
Segen ift durchaus nicht unangenehm, 
menn der Saufmagen, mie der unfere, 
(Einrichtungen hat, die das Purchnäßt- 
merden verhüten. 3d? erinnere mich mit 
befonderem Pergnügen an die abendliche 
5ahrt nach Kre330 im (Semitterjiurm, 
mährend der die IPaffer des ßimmels 
nur fo herunterfluteten, indes mir hinter 
unferm Seder mit den (ßueffenfiern faßen 
und voller Hemunderuttg das Schaufpiel 
der 3ucfenden Hliße genoffen. Unfer XPagen* 
führer mußte allerdings ein Pollbad über ftch ergehen laffen. 

3 ch fcßließe mit dem Kusdrucf der Ueber3eugung, 
daß die Seife im Saufmagen — mie ich bas Automobil 
gern nenne — fehr halb fchon in allgemeinere Aufnahme 
fommen mird. Unfer Kdlermagen hat es mir bemiefen, 
daß die Uutomobilmagentechnif auf einer fjöhe ift, bie 
dies geftattet, und daß er feinen 3nfaffen neue, gan$ 
überrafchende Uusblicte und €mpftndungen gemährt. 



. Sorrent. 



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Hummer 50. 


Seite 


Bilder aus aller Welt. 



Tom ßefuch des belgifcben Kronprinzenpaares in ^lons: Einzug in die Stadt* 

Phot, ftotfpis. Htons. 


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Seite 


Hummer 50. 



Der grofje Salon. 



2Xrbeits* unb Sefjlafjimmer brs Kaifers. 

Sin Blich in die Innenräume der Kaiferjacht „Meteor“* 

f'bot. LV.t;s treuer, Hamburg. 


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Kummer 50. 


Seite ^2 { 



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Pom Cuyuspfcrbemcirft in Prieien: 

Konkurrenzfahren der Zwetfpänner in Gegenwart des Oberpräfidenten von «Uftpreueeen Dr. von Goseler. 

ptjot. £jeinr. ©orfcom, tEhorn. 



Vom altgcrdrichtlichen JMannfdwööfcft in Mcgnitz: Hub dem feftzuge. 

pbot. Julius IPirtb, Ciegniß. 


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Hummer 50. 


Seite 1423. 




I. Hrgimmgspräßbent r>on pbilipsbom (Ijilbesbeim). 2. ©raf 311 Stolberg*IDfrnigerobe, ©berpräftbent t>on fymnopfr. 3. öürgemteifler ZDanb (Duberftabt). 

Senator Küble. 5. Sdjüfcenbauptniann Senator Klrinfdjmibt 
©ruppc ber ©brengäfte. 


b u l b i g u n g s n? a g r n König $ r i c Ö r i cb ll> 11 b c I in » III. u n b brr Königin i. u i f e. 

Oie 6oojährige Jubelfeier der Schützengilde in Duderftadt (Hannover). 

bofpbot. 3obn (tbiele, Hamburg. 




\ 


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Seite 


Hummer 30. 



5rnu 3ot}cmna ©ctbsfi, ©Ifriebe OTaljn, jelijitas £erlgioli, 

grift an Me ©rauidje ©per inurbe für bie Stuttgarter £>ofböij?ie neues Illitglieb 

in rteuyorf. perpflidjtet. bes Berliner ©Ijeaters. 




I. 3 n ber unteren Heitre (uon linfs nad? rechts): fjtlbebranbt. Hapellmftr. Ceberer. 5*1- *?nngctr. ©berreg. <£nrIf}off. Dir. tTConnitj. 5 r * König. 

,^rl. BatPiicjCtf. KaptUntßr. IPoIf. 2. 3u ber mittleren 2\eibe: (Lreumatm. ^rL fmrbegen. £Uu>en. Stubemunbt. jnmY. $v\. iAÖber. Caupprrt. 
^rl. f d?erefd)eir>sfY. Kammerfänger ©berlänber. KapeUmftr. preiubn. KapeUmftr. Dr. pmili. 3. 3 n ^ er oberen Beiljc: $rl. (tareni. ^anta. ^r. Hauen. 

5rl. Kraelfy Pr. 5d?äicr. Uuusfy. 

Direktor und Sollten der piorwitzopcr in Berlin. 


Schluss des redaktionellen Ccils. 



Auf der Reise. 

Oeffn ich meine Reisetasche 
Giii mein erster Blick und Griff 
der geliebten blauen Flasche, 
Die den Zähnen weissen Schliff, 
Reinheit, Frische, Feinheit, Kühle 
Leiht dem Mund. Jch gurgle, spüle 
-Und der staubig-matte Wanderer 
Wird ein Neugeborener, Anderer- 
Durch.Odol"!!! 





















DiewocHe. 


[lummer 31. 


Berlin, den 2. flugult 1902. 


4. Jahrgang. 


Inhalt der [lummer 31. 


Pi* fiebert (Tage ber tDodje.[425 

llmfd?ütt. [425 

£>err von Pobbtelsfi in tflafurrn.1426 

Sommrrfejte.1422 

Die ^aljrt bes Itlttcleuropäifdjcn 211otoriraqeni>ereins.1428 

Theater unb XMuflf.’.1429 

Ilnfere Bi Iber. 1429 

Die (Toten ber 2Dodp .1431 

Die Sportaodje. . 1431 

Die Börfenrood?* .. [432 

Bilber wrnt (Tage. (Pbotograpbifdje 2iufnnbmen).[433 

€s n?ar ein alter König . . . Don Hubolpb Straft (,5orricftima) . . . 1441 

Das Canb ber unbegrenzten ITlöglid^feitrn. Don Cubaug lttar (Solbberger, 

Berlin. III.‘.14*46 

®n 3 eriiÖrtes Kunftjumel. (ITIit 5 Kbbilbungcn). .144<> 

€in Hrgerftaat in Kufrubr. (ITlit [3 21bbilbungcn).[451 

Kmber ünb Kffen. (ITlit 4 21bbilbanaen). 145*4 

Do i unient (Tafdienußren. (mit 7 Kbbilbungcn).[456 

IDober flamme icf?? piauberei über ,5amil!cnforfd?ung non 2Irno Böttidjer 145 
Der ..tretfie (Tob". Don Dr. €. Beinter. (UTit 5 übbilbungcn) . . . 145') 

(fne ftocbfd?nIe ber Dlat)I* unb Batfrunfl. (ITlit 3 2lbbilbtitiarn) .... 1463 

(Orthographie unb Ciebe. HoueUe non üaonl Kuernljeimer, Wien . . . [465 

©n 3 iger IDunldr. ©ebicfjt von £Sugo Salus.1468 

Silber aus aller IBclt. (Pbotograpbifd?c 2lufnabmen). 1469 

J 9 


Man abonniert auf die „(Boche“: 

m B erlin unb Dororten bei ber fSauptefpebition ^.mnierftrafte 37/4[, fon? e bei ben 
,4tl ; alen bes „Berl ner CofaNKnjeigers" unb in fämtl. Budjbanblunaen, im 
De u 1 1 * en Keid? bei allen Bud?hanblungen ober poftanflalten (^eitungs*preislifte 
Br. 8221); unb ben ©efdjäftsfiellen ber „Woche": Bonn a. Rh., Kölnflr. 29: 
Bremen, ©bernftr. 29 ; Breslau, Sd?n>eibnitjer1Tr. €<fe Karlfir. [; CafTel, 
(Obere Köniafir. 27; Chemnitz, 3nnere Tobannisftr. 6; Dresden, Seejh. [; 
Dürfeldorf, fdinbooftr. 59; Biberfeld, Ejerjoqilrafce 38, 6(Ten a. Rh., 
€miberfeiplaft 8; frankfurt a. 63; Sörlitz, €uifenftr. [6; Balle 

a. 8., mittelflr. 9 £rfe SdjulftT.; Bamburg, BeuermaU 60. Bannover, 
©eorgftrafr* 39; Karlsruhe, Kaiferfir. 34; Kattowttz, pofifir. [2; Kiel, 
frolfimiirafje 6; Köln a. Rh., fiobefha^e [45; Königsberg l. pr., 
Kneipßöffcbe Canggaffe 55; Hefpzfg, petersftrafce [9; Magdeburg, 
Breitetoeg [84; piOndien, Kaufingerftrafje 25 (Domfreibeit); Bömberg, 
Corenjerfhrafce 30; Stettin, Breiteflrafce 45; Stuttgart, Königjtrafte U. 
Wiesbaden, Kircßgaffe 26; ZQrlch, Kenncoeg 48. 

Jeder unbefugte fTachdrudt aus dlcfcr Zcltfchrlft 
wird ftrafrechtllch verfolgt. 



Die sieben tage der Woche. 


24. 3uli. 

Das ferbifdje IHtnifterium IDnitfch reicht feine Cntlajfung 
rin. weil bie SPupfdjtina ein oppofittoueUes UTitglieb 311m 
Präfibenten getuätjlt hat. 

3 m Seliger BanPpn>5eß laufet bas Urteil gegen ben 
DirePtor Cjner auf fünf 3 a h re Sndjthaus, gegni Dr. (ßenßfch 
auf brei 3 a ^ rc (ßefängnis unb gegen bie übrigen AngcPlagteit 
auf (ßelbfirafen. 

Der Kaifer brid)t wegen anbaucrub frf^lecfjteu IPetters 
feine Norblanbreife ab. 

3 m Beftnben bes Königs oon fachfeit tritt eine wesent¬ 
liche Kefferuiig ein. 

2 lu$ £onbon fommt bie ITachiicht, baß ft dt ein japanifd^er 
Hegierungsbeamter non (LoPio nach ber lliarfusinfel begeben 
hat nnb gleid^eitig ein amerifanifdjer Schoner oon Honolulu 
borthin abgegangen ift. 

25. Süll. 

Der Kaifer fenbet bem Berliner NnberFlub, befjen ITlit- 
glieber bei ber internationalen Ncgatta in Corf ehrenvoll abge- 
fd?tiitten haben, ein (ßlücfwunfchtelegramm. 

Die babifd^eu l^ochfchnlpröfefforen richten ait ben (groß- 
her^og eine Abrefje gegen bie ^iilafjung oon Uläunerf öftcrti. 


Die internationale Konferen3 3ur BePainpfung bes IHÖbchen* 
hanbels in Paris mirb gefchloffen. 

26. 3uli. 

König (Ebuarb oon (Englanb mohnt an Borb feiner 3 ac *?* 
„DiPtoria anb Ulbert" einer Sitjnng bes (geheimen Bats bei. 

Das 3 our| ml be (Seucoe teilt mit, baß ber italienifdp- 
fchmeijerifche §n>ifchenfall burch bie Dermittlung Deuifchlanbs 
enbgiltig beigelegt morben ift. 

27. 3uli. 

3 n (Sra3 mirb bas Dentfche Bunbesföngerfeft mit einem 
großen Kommers eröffnet. Der Bürgenneifter begrüßt bie 
Jfeftteilnehmer. 

28. 3uli. 

Kus £onbon mirb ber Kbfchhiß eines förmlichen TJanbels* 
oertrags jmifeben (Englanb unb China gemelbet. 

Bei ber Heühstagserfatjtoahl für ben oerftorbenen Kb- 
georbneten £ieber im britten UPiesbabener TDahlPieis rnirb 
ber ^entrumsPanbibat Dahlem gemöhlt. 

Ueber bie portugiefifche Stabt Koeiro mirb wegen Un¬ 
ruhen, bie 001t attsftänbigen Arbeitern h erDor 9 eru f e|t f 111 ^ 
ber Belagerungs3iiftanb oerh^itgt. 

29. Süll. 

Die ferbifd?e UTinifterfrifis ftnbet ihre (Erlebigung burch ben 
freiwilligen Hücftritt be? oFpofitioneüen SPupfchtinapräfibcnten 
Stanojewitfch. 

Der Kaifer trifft an Borb ber w ^ohen3ollern" in (Emben ein. 

Der papft ernennt ben Karbinal (Sotti als Hachfolger 
£ebochowsPis 3um (SetteralpräfePten ber Propaganda tidei. 

30. 3uli. 

Der Kaifer läßt fid? nad? Befichtigung ber Stabt (Entben 
eingehenb bie Cinrichtuitgen ber Kabeltelegraphie erPlären 
unb begiebt fid? bann an Borb ber „TToh^njööcr* 1 * 3ur IDeiter- 
fahrt nach Kiel. 

< 35 ® 

Umfdiau. 

„Kultnrfainpf" in ^raitPreichl Die Jfran3ofen felbft h^ben 
bas U?ort, bas auf ben Kampf um bie IHaigefetje inDeuIfch- 
lanb gemün3t würbe, feiner 5 *it in ihre Sprache übernommen. 
3 eßt höben fie auch bie Sache. Unter bem UTinifterium 
IDalbecf-Bouffeau ift ein (Sefeß 3U ftanbe gePommen, bas bie 
Unterhaltung oon Spulen burch bie 0 rbensPongregationen 
oott ber (Senehmiguitg ber Hegierung abhängig macht. Stiefs 
fchon bas (Sefeß felbft auf ftarPe 0 ppofition, fo ift ber 
JPiberftanb gegen feine Ausführung, bie IDalbecf-Kouffean 
feinem Hachfolger Com bes überlaffen hnt, nod? weit heftiger. 
Cs ift bie Schließung aller Pougreganiftifchen Spulen an- 
georbnet worben, für bie bie (Senehmiguttg nicht nach- 
gefud)t würbe. Dagegen proteftieren bie (Drben nnb 
behaupten, es läge barin eine unberechtigte Cinmifchung 
brs Staates in firchliche Angelegenheiten. (Eheoretifch 
werben fidj Staat uitb (Patholifdjej Kirdje wohl fchwerlich 
jemals über bie (Srer^en ihrer gegeitfeitigcn UTacht einigen, 
in ber praris gefd^ieht es allenthalben. Cs ift noch ftets 
fchließltch ein modus vivendi hergeftellt, ein Kompromiß 3U 
ftanbe gebracht worben, manchmal burch größere Nachgiebig- 
feit ber Kuiie, manchmal burch weiteres CntgegenPommen 
ber Negierung. Cine Cigeutümlichfeit bes gegenwärtig in 
JranPieidj Kampfes ift es, baß ber IDiberjtanb 

gegen bie ftaatlid^eu Ulaßnahmeit wenigfteus äußerlid? nicht 
fowohl oott ber Kirche felbft, als oon ben Nationaliften unb 


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Seite ^26. 


Hummer 3J. 


gefinnungsperroanbten politifchen 
parteieit organiftert wirb. Jn 
ber prorin3 traben ftdj piele Sd?ulen 
bereits gefügt, in paris (Nbb. 

S. H 33 ) allerbiugs fträuben fid? 
bie Schweftern, bie ben Unterricht 
leiten unb erteilen, gegen bas 
Derlaffen ihrer Nnftalten, aber 
pielfadj ift iljr Sträuben nicht 30113 
freiwillig, fonbern pott ben er¬ 
wähnten politifchen Parteien ftarf 
beeinflußt, wo nicht gar erjwungen. 

(Es gilt bies bejonbers pon ber 
Schule in ber Nue Saint Ulaure, 
wo eine Nachahmung bes <Jorts 
Etjabrol aus ber Dreyfusfampagne in Scene gefegt worben 
tft. Die politifche (Dppofttion arbeitet gan3 offen auf blutige 
gufammenftöße §\n, in ber richtigen Erfenntnis, baß bie 
(eibenfdjaften in pjel hÖh ercm lUaß erregt werben würben, 
wenn (ßewaltthätigfeiten porfämen. Die Negierung aber 
weiß bas ebenfogut unb ift beshalb por allem beffrebt, fo 
energifch fle auch im übrigen porgeht, größere Straßen* 
fämpfe, wie fte bie (Segner wünfehen, 3U permeiben. So ift 
benn auch trog ber unleugbaren Erregung in firdjlich gejinitten 
Kreifen bie Kuh* bisher nicht in erheblicher IDeife geftört 
worben. Nuf ber anbern Seite fcheint aber auch bie Kirche 
nicht geneigt 311 fein, bie Sache auf bie Spige 3U treiben. 
(Es ift bemerfeuswert, baß papjt £eo XIII. bapon Nbftanb 
genommen hat, bie erwartete Encyflifa 3U erlaffen, bie 
ftcherlich in franfreidj großen moralifchen Einbrucf gemacht 
hätte, wenn fte auch auf bie Haltung ber Negierung feinen 
(Einfluß ausgeübt hätte. Ulan fegt im Datifan pielleicht auf 
bie h*™orragenben fähigfeiten feiner ausge3ei<hneten Diplo- 
maten Hoffnungen für bie gufuitft. 

(Es ift ja pon einer Neife bes präfibenten (oubet nach 
Nom bie Nebe. Unter biefen Derhältniffen ift ber (Eob bes 
Karbinals (ebodjowsfi pon befonberer Bebeutung, ber gegen 
bas Dorgeheu ber fran3Öfifchen Negierung eine entfehiebene 
KampffteÜung einnahm. Es wirb piel auf bie Haltung 
feines Nachfolgers in ber (eitung ber Propaganda fidei an- 
fommeit. §n allgemeiner Ueberrafchung hat ber papft auf 
biefeit wichtigen poften ben noch perhältnismäßig jungen 
Karbinal (Sotti (pgl. bas obenftehenbe Bilb) berufen unb 
ihn fo gewiffermaßen 3U feinem eigenen Nachfolger 
beftguiert. 

Die fleine, unweit ber Ularianengruppe in ber Sübfee 
gelegene Ularfusiniel ift äugen bli cf lieh (Segenftanb bes 
Streites 3wifchen Japan unb einem Nmerifaner. (Einige 
Japaner treiben auf bem 1898 bem Neich bes HTifabo 
offaiell einperleibten (Eilanb (Suanoabbau. Nun hat fich ber 
amerifanifche Schiffsfapitän Nofchif mit einem Schoner dort- 
hin begeben, um bie Japaner 3U pertreiben; er behauptet, 
bie Jnfel bereits 1889 in Befig genommen 3U haben* Sa 
er feine permeintlichen Ned?te erft im porigen Jahr hat be¬ 
tätigen laffen, ift bie amerifanifche Negierung nicht geneigt, 
Japan ben Beftg jtreitig 3U machen. Jm (Segenteil, fle hat 
auf bem japanifchen Kriegsfchiff „Kafagi", bas 5Um Sd?ug 
ber Japaner entjanbt würbe, einen Beamten eingefchifft, ber 
einem etwaigen gufammenftoß 3wifchen biefem unb Nofdjif 
porbeugen foü. 

Bert von Podbidski in Illasuren. 

Ulinifterreifen ftehn fdjon lange nicht fehr h Jt h xn ber 
allgemeinen IDertfchägung. Ulan meint, baß bie hohen 
Beamten bei folgen Neifen in ben paufen 3wifcheit ben ein* 
3e(nen Jefteffen mehr potemfinfehe Dörfer als bie iX>trflichfeit 
3U jehn befominen. Sollte bas wirflid? 3utreffen, bann tragen 
nur bie Ulinifter baran Scffulb, bie es fidj gefallen laffen, 
baß man ihnen alles in bengalifcher Beleudjtutig porfütjrt. 
Don bem jegigen (anbwirtjehaftsminifter, Herrn pou pobbielsfi, 


weiß man, baß er gleich 3U Beginn feiner UTinifferfchaft burd? 
ein braftifches tDort ben Uebereifer bet propin3behörben bei 
feinen Dienftreifen auf bas richtige Ulaß 3urücfgeführt hat. 
<£r foü fogar gan3 gewöhnliche Ulenfchenfinber unter pier 
Uugen nach Dingen befragen, bie ihn intereffteren, unb babei 
manchmal mehr erfahren, als wenn (anbrat Unb Negierungs- 
präflbent ihm mit Erläuterungen 3ur H a ub 9 e hn. 

IDenn er nad? biefer Ulethobe auf feiner jegigen Neife 
burch Ulafuren perfährt, bann fann fein Befud? für bie Ent* 
wicflung biefes (anbftrkhs pon großer Bebeutung werben. 
Es giebt bort wirflich manches 3U fehlt unb auch 3U hören, 
früher that man ben weltfernen Erbwinfel mit dem Spottpers ab: 

„IDo fleh aufhört ber Kultur, 

Da fich anfängt bas Utafur." 

Seitbem bie Brüber frig unb Nidjarb Sfowronnef ihre 
Heimat in Er3ählungen unb Schilberungen ber beutfcheit £efe* 
weit porgejteüt hoben hoben piele Ulenfchen hoch eine anbere 
Unfchauung pon bem £änbd?en gewonnen. Ulan weiß, baß 
es lanbfchaftlich pon ibyllifcher Schönheit ift unb jeben Befudjer 
burch bie enge Derbiitbung pon Berg, IDalb unb See ent3ücft. 
Ulan weiß auch, baß ber eigenartige Dolfsjtamm in ben 
legten Jah^ehnten, feitbem er durch einige Schienenwege 
mit ber übrigen IDelt in Derfehr getreten ift, ftd? in einer 
gerabe3U beifpiellofen IDeife aus einer tiefen wirtfchaftlichen 
unb ethifchen Deprefjton emporgearbeitet hot. 

Über noch immer fann man Ulafuren als bas Stieffiitb 
bes preußifcheit Staats be3eichtten, unb H crr °on pobbielsfi 
wirb reichlich Gelegenheit ftnbett, eine wohlwollende Berücf* 
ftchtigung berechtigter Forderungen 3U perfpred?en. Unb er 
pflegt ja ber UTann 3U fein, ber bas theoretifche XDohlwoüen 
in bie praftifche Bethätigung umfegt. Solche Forderungen 
ftnb 3. B. bie Befeitigung ber chineftfchen UTauer, bie gan3 
(Dftpreußen pon feinem natürlichen Hinterland, Nußlanb, 
fcheibet. Es wirb bem H errn UTiniffer nicht fchwer fallen, 
an ®rt unb Stelle 3U erfuuben, wie bie gollplacfereien 
jeben Derfehr lähmen, wie ganj Ulafuren nad? bem Kanal 
fdjreit, ber es wirtfchaftlich erfchließen unb mit ber See in 
Derbinbuitg bringen foü. 

Dielleicht ift es ber gweef ber Neife, pielleicht will H er ^ 
pon pobbielsfi fleh oon ber Notwenbigfeit bes mafurifd^en 
Seenfanals perfönlich über3eugeit. Dann hätte man es mit 
einem politifch hod?bebeutfamen Dorgang 311 thuii, beffen 
folgen fd?on in ber nächften £anbtagsfeffion 3U (Eage treten 
fönnen. Daß jebermann bort in Ulafuren 3U bem Ulinifter 
pon bem Kanal fprechen wirb, fann als ausgemacht gelten. 
Die ^forftmeifter ber gewaltigen Johannisburger H e iöe werben 
ihm pon ben Hol3maffen e^ählen, bie bei billigem IDaffer* 
transport in Königsberg ben hoppelten tmb breifachen preis 
er3ielen fönnten, bie „ftein"reichen (Sutsbfftfcer werben darauf 
hinweifen, baß fle ihren Ueberfluß ngd? bem fteinarmen 
Litauen abfegen wollen unb ben Kanal auch noch 3um billigen 
Be3ug pon futter* unb Düngemitteln gebrauchen fönnten, 
fu^utn, ber Ulinifter wirb bort eine neue Spe3ies wafched?ter 
Agrarier fennen lernen, b. h* bie ftürmifch einen Kanal 

perlangeit. 

Dielleicht erfährt H*rt pon Pobbielsfi auch, weshalb bie 
mafttrifchen (anbarbeiter in Sparen bie H e i ma t perlaffeit 
unb burd? ed?te polacfen erfegt werben müffen. Es fei ihm 
im poraus h' er oerraten: bas macht- bie Nbfperruug ber 
unterften Beoölferung pon ben natürlichen f^tlfsquellett bes 
(anbes: pon ber Jorft, bie ihnen tDeibe, (ßras unb Streu' 
für ihre Kuh liefern fönnte unb müßte, unb Pom See, oer 
ihnen Nahrung unb Unterhalt in ben Ulonaten geben fönnte, 
in denen bie (anbwirtfehaft ihnen feine Nrbeit unb feinen 
Derbienft geben fann. 

Die Ulafuren nennen in ihter Sprache jeben HÖh er 3 e ßcflten 
„fyxt N)ohlthäter M . H err üon Pobbielsfi fönnte fich ol ? nc 
aÜ3ugroße Ulühe ben Ehrennamen: w lDohlthäter Ulafurens" 
erwerben, wenn er mit feinem frifd?en Temperament energif<H 
in biefe perbefferungsbebürftigen guftänbe hii^iofahren wollte. 
Das wünfeht pon H er 3 en CIU Ulafur. 



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Hummer 3{. 


Seite \\27. 


Sommerfeße. 


Sänger werben Me Ubenbe. Seit bem Johannistag 
nimmt, um weniges 3war nur, aber nadjgerabe bodj fdjon 
mer flieh früher, bas leud?tenbe, Iebenfpenbenbe Geftirrt 2lb* 
fchieb oon uns. Des Sommers ßroßenbes Sehen iß im 
Hnguß auf bem f?öhepunft angelangt, überreich giebt, 
raßlos fpenbet er, unb hoch neigt er ßdj Iangfam, gan3 
langfam feinem Enbe 3U. Um fo mehr will man ihn 
noch genießen, ihn ausfoften, ihn feßhalten. Sänger 
werben bie Ubenbe. Uber ße finb fo lau, fo ßernenflar, fo 
roll Blumenbuft! 

Es ift bie gett ber abenblichen Jeße im freien. man 
feiert, man oergnügt fich jetzt fo riel ungebnnbener als im 
Jracf unb im langfdjleppigen DefoÜetietten, fo riel freier als 
unter ben Kr yßaU armen bes Ballfaalfronleuchters, wo rings 
an ben IDänben nicht nur bie piüfchfeffel gähnen. Diefelbe 
Gefelljchaft, bie fich im JDinter jum flirten unb UTebifteren 
3nfammenfinbet, ift fich in ber Unge3wungenheit bes Babe« 
lebens nähergetreten. Sie flirtet unb mebifiert auch h^r, 
aber auf ben TDalb- unb Boot*, (Tennis* unb Bergpartien 
hat man manche menfchliche Siebenswürbigfeit aneinanber 
entbeeft, bie trotz jahrelanger IDinterbefanntfchaft oerborgen 
geblieben wäre. UTan hot fich am Stranb bei ßunbenlaitgem, 
fanft einbnfelnbem Hichtsthun unb Hidjtsbenfen aneinanber 
gewohnt. Unb nun läßt man ßdj oon ben fjormlofen Ge* 
nüjfen bes Hbenbfeßes im freien, bas bie Babeoerwaltung 
auf großen getteln an Bäumen unb gännen an fünbigt, gern 
locfen unb betet mit ber gefamten Kurgefellfchaft oon 
Strubelsbach ober Jlunbershogen um gutes TDetter für biefes 
<SIan3feft ber Saifon. 

Der oielgewanbte, weltmännifche bjerr Babefommiffar, ber 
aus feiner leiber 3U früh abgebrochenen militärfarriere oiel 
Strammheit, pflichtbewußtfein unb Derantwortlichfeitsgefühl 
beibehalten hot, übernimmt natürlich bie Hrrangements. Er 
weiß, baß man oiel oon ihm erwaitet. Unb in jebem Jahr 
hat er bie reblichfte nbßdjt, feinen (Säften, bie er famt unb 
fonbers als feine Schutzbefohlenen betrachtet, gerabe biesmal 
etwas Heues unb gan3 Bejonberes 3U bieten. Unter bem 
Kurpublifum befinben fich weitgereifte, oerwohnte Seute. 
Sange unb ernflhaft benft er nach, bis fchließlich, wie in 
jebem Jahr — ba er gleich anbern UTächtigen ber (Erbe mit 
ben ihm gejogenen Greben rechnen muß — eine feenhafte 
Beleuchtung bes berühmten Kurparfs, UTilitärfonjert unb 
italienifche Hach* oeranftaltet werben. (Er ift fd?on lange geit 
im Umt. Diele folget Jeße hot er fchon geleitet. Unb 
hoch iß es in jebem Jahr noch fdjöner, noch glanj- 
ooller, noch wohlgelungener gewefen. TDoran mag bas liegen? 
XDogte in früheren Jahren ein minber füßer Duft oon ben 
blütenbelabenen HofenßÖcfen her burch bie Saubgänge? TDaren 
nicht auch bamals bie 3ierlichen ober impofanten (Seftalten 
ber Schönen beim Klang ber ITCnßf auf- unb abgemanbelt, 
jur Seite bie hellgefleibeten, ßrohhutgefchmücften Kaoaliere? 
XDar nicht auch bamals alles ringsumher in jenes be3aubernbe 
<Semifch oon Sebensluß, Sorgloßgfeit unb geßeigerter Genuß« 
frenbigfeit ber Sommernachtsßimmung getaucht gewefen? 

(Es iß ein eigener Het3, ben biefe Sommerabenbfeße felbß 
bem Blaßerten, Hbgeßumpften noch bieten. Dielleicht liegt 
er in ber feltfam myftifchen (Sebämpftheit bes bunten Sietes, 
bas aus roten unb orangefarbenen Sampions, bie im fchmülen 
ZTachtwinb, hm unb h*rfchaufeln, auf bie fiesbeftreuten parf- 
rvege fällt. Unb erß jene, benen noch in finberfrohem 
jEebensburß bie jungen EJerjen fragen, bie beueibenswerte 
3«genb, ber noch jeber (Tag ein Jeß, jeber Hbeub ein Husblicf 
auf neue Jreuben iß, wie fchwitnmt unb plätfehert ße in 
feltgem (Senießen an einem folcheu Hbenb! Unb wenn bei 
ben jüngßen Damen etwas ein wenig bie Jreube trübt, 
fo tft es ber Umßanb, baß „Sie", bie Dielbefprochene, bie 
3eneibete, bie junge Jrau, oon beren (Satten man nie etwas 
hbrt, auch h eute mieber, wie bei allen gefeüigen Deranßaltungen 
bes 23 abes, ben Dogel abfehießt. Hud? heut trägt ße bie ejtra- 


oaganteße (Toilette nttb einen unglaublich gewagten f}uh 
auch h*ut* fnallen an ihrem (Tifch unter ber bichtbelaubten 
Kaßanie bfe Seftpfropfen am lauteßen, fchallt bas fröhlich* 
(Selächter am lußigßen. Sie iß bie (Slücfliehe, bie gefeierte 
Saifonfchönheit — — — auch ße ßeht auf ber EJötje bes 
Sehens, wie ber reife Sommer in feiner prad}t. 

Einen intimeren (Tharafter tragen bie Ubenbfeße im 
freien, bie oon ben glüeflidjen Gartenbeßtzern in ben Dor* 
orten ihrem Jreunbes* unb Derwanbtenfreis bargeboten 
werben. 

Hot- unb grünfehimmernbe Sämpchen giebt es auch 
hier, unb weiche, warme IDinbe, bte linb bie ertöten IDangen 
fächeln. Hus bem (Sarten3immer tönen fdjmeichelnbe IDa^er- 
flänge, h*U* (Seftalten ßtjen eng aneinanbergefchmiegt auf 
einfameu Bänfen unb beobachten fehnfüchtig bie Sternfchnuppen, 
bie in feurigem Sauf ihre Bahn hinnntergleiten. Denn 
trotz aller Beleuchtungsfünße, trotz ^es oon bem eifrigen 
(Saftgeber mit mehr gutem JDillen als pyrotechnif<hem (Sefchief 
in Scene gefegten Jeuerwerfs giebt es merfwürbigerweife 
auf folgen Ubenbfeßen ftets Seute, bie es im Dunfein am 
ßimmuttgsoollßen ßnben. Unb noch merfwürbigerweife treten 
foldje fomifche Seutchen meiß paarweife auf. 

Kn bem großen (Tifch in ber Saube aber wirb oiel Bowle 
oertilgt, fetpr oiel Bowle. Sie würbe 3war auch im giinmer 
nicht übel fdjmecfen,- wenn ße wie tß*r mit Eingebung unb 
Sadjfenntnis gebraut unb in fröhlicher Saune getruufen wirb, 
aber ihrer würbiger ift es, wenn man ße im (Sarten genießt, 
wenn bie grünlichen Homer, oon ben 3udenben JDinblichtern 
umfpielt, golbig außeuchteu. IDie fühl unb würjig gleitet 
bas fößliche (Setränf bie burftigeu Kehlen hinunter! Hoch ein 
(Sias unb noch ein (Sias! JDann fann man genug hoben an 
ber (Sottesgabe, bie fo angenehm erregt unb leicht beraufcht, 
aber bomben Kopf frei unb flar läßt! Unb bie letzte Eleftrißhe 
unb ber legte Stabtbahnjug, bie 3urücfführcn in bie buuftige 
Stabt, ßnb hoch fchon längft oerfäumt. 

Jeber giebt es fo gut, wie er fann. Der Saubenfoloniß 
braußen an ber Peripherie würbe mahrfcheinlich auch bas 
aromatifche (Semifch aus (Traubenblut, in bem buftenbes 
pßrßchßeifch fchwimmt, feiner IDeiße mit Strippe oorziehen. 
Über ba er ßch fo etwas hoch nicht leiften fann, oerbittert er 
ßch bas Behagen an feinem Stücfchen (Sartcnlanb burch folche 
Betrachtungen nicht erß. manche müheoolle Stunbe hot ** 
ihm 3war gefoftet, burd? feinen reichen Ertrag an Habieschen 
unb peterßlie entfd?äbigt es ihn aber ooüfommen bafür. 
Had? Schluß ber Jabrif läbt er feine Jamilie unb feine 
Harham 3U einem befcheibenen Jeß im Jreien ein. Jür 
oiele ift auf bem engen Baum nicht platz, ober UTutters Ge¬ 
burtstag wirb hoch feßlich begangen mit Stocflaternen unb 
giehhormonifa, mit „Knoblänber Ä unb einem Sfat. IDenn ber 
IDinb bie Petroleumlampe auspußet, fo wirb ße eben wieber 
„anjeßoehen". Dann wirb ßott weitergebrofehen, unb bie 
mutter erjählt ihren Jreunbiunen ßol3, aber leife, um bie 
heilige Tjanblung nicht 3U ftören, wie ße ben gan3en Sommer 
über banf bes rationellen Sanbwirtfchaftsbetriebs nicht nötig 
gehabt höbe, Suppengrünes 311 laufen. Das (Sartenfeß bes 
„fleinen TITannes!" — 

Hbeubliche Jefte im Jreien, bie bas ßeißige Doll nach 
harten Arbeitswochen ergötzen, ed?te, rechte, urwüchßge JrÖhlid?- 
feit ohne Programm, ßubet man noch am fangesfrohen Hhein 
unb im Hedarthal, wo man ben IDein erntet, ber allerorten 
bei ben Jeßen ber Begüterten Genuß unb Unregung fchofft» 
f}ier hot man ihn eingebracht, hier auf ben fonneitburch* 
glühten fjügeln iß er gereift, unb hier oerfteht man auch, 
etwas fpäter im Jahr, ihm 311 Ehren, luftig 311 fein, über- 
fchäumenb luftig, manche herrliche ^erbftitacht wirb burch- 
jauch3t unb burchjecht, gefchmücfte Boote gleiten ben bnnfeln 
Jlnß hinunter, unb am Ufer ßtjen in ben feßlich beleuchteten 
Gärten bte Erntefrohen, bie mit benen auf bem IDaffer wett¬ 
eifern in Gefang unb jubelnber Dafeinsfreube. 


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Seit* \^2S. 


Sftummer 5\. 


Somnierluft in grüner £ommerprad?t, tjei§ atmendes, bod?, bu bift fo fd?ön . . ." Hber wir wollen uns ben fd?äu* 
fcbiiell pulfterenbes £ebett roüer Blut uub Kraft — ad?, wie menben Bed?er ber Dafeiitsfreube nid?t burd? meland?olifche 
balb jietjen fte baoon, biefe Föftlid?en Stunben, bereu Hugen- Hejlerionen perbittern, uub wir ttjun redjt baran, bas, was 
blicfe man 3U (EwigFeiten perwanbelit mö.t?te! „Perweile ift, fo 3U genießen, als ob es niemals wieberfefyrt. <£. m. 


Die fahrt des mitteleuropäischen motorwagenoereins. 


Pie fd?öne fahrt, bie ber 2 Tiittelextropaifd?e KTotorwagen* 
perein in ber porleßtcn TPod?e peranftaltete unb bie mit Hb- 
fted?ern faft taufenb Kilometer betrug, ergab beit erfreulichen 
Beweis, baft bie beutfebe KTotoriubuftrie in ihrer aufftreben* 
ben GntwicFlung pbr Feiner anbern 3nbuftrie HMt 3urücf- 
3uftel?en braucht. (80113 im (Segenteil, allen (Einflüffen ber 
Straße, bes (ßeläubes unb ber Klitterung gewad?fen 3eigteu 
fid? nur beutfd?e f abriFate. allen poran bie IPagen ber Hbler- 
fahrrabwerFe pormals F?cinrid? Kleyer in franFfurt a. KT. 

Km freitag, beut \\. 3 »li, nahm bie fahrt bei ftrömert* 
bem Hegen pou Berlin aus ihren Hnfang. Per erfte Gag 
ber f atjrt ermunterte ben Heuling gcrabe nicht 3U ben freuben 
bes Hutomobilfports, ber fjitnmel inad?te ein bitterböses <Se- 
frdpt, unb Hegeitböe folgte auf Hegenböe, fo baß Ghauffeen 
unb IPege balb mit einer faft unpafüerbaren Kotfd?id?t 
bebeeft waren. Gs blieb benn and? nid?t aus, baft maud?e 
ber Füllten fahrer ftecfeit blieben, ein Geil aber erreichte 
boef? nod? £ubwigsluft, unb obwohl mancher, fel?r gegen 
feinen IPillen unb unter freubigeit Kunbgebuugen ber Porf« 
bepölFeruttgeu, bas fdjwere (geführt ftellenwcife hatte fd?iebeit 
müjfeu, waren in £ubwigsluft alle fiberftanbenen fährniffe 
balb pergeffeit. Pie Heife felbft war pou bem Porftanb bes 
KTitteleuropäifd?en HTotorwagenpereins, bem (Srafeit H. pon 
Galleyranb-perigorb unb bem (SeneralfeFretär Gonftröm, auf 
bas trefflidjfte organiftert, in allen (Drtfd?aften unb Stäbten, 
wo geraftet ober Hufenthalt genommen werben follte, waren 
entfpredjenbe PorFeljruugen getroffen. IPenu ber erfte Gag 
ber fahrt aud? wenig ermutigenb war, fo traten bed? in ben 
folgenben, fd?Önen Gagen bie Por3üge bes 2 lutomobilfal?rens 
um fo beutiieber l?eroor. 

Pas IPetter befferte fid? 3ufet?eitbs, unb fo war benn bie 
fat?rt pon £ubwigsluft nad? Hamburg eine Ijerporragenb 
fdpöue. Per Hegen bes pergangenen Gags hatte bie Straften 
Pom Staub befreit, man Fonnte ben Hnblicf ber wunber- 
poUen (Segenb in pollem Umfang genießen, unb and? bie 
Parnen — F}err tjans Hiecfen, ber Berliner Pertreter 
ber HMer-fahrrabwerfe, mad?te mit feiner (Sattin unb 


Schwägerin bie fah rt mit — Famen auf ihre Hed?itung. 
Hud? bie Hrmeeperwaltung I^attc ber fahrt befonbere Huf« 
merFfamFeit gewibmet, £cutnant 3 uf ifd? oon ber PerFeljrs* 
abteilung ber Gifenbahntruppen war ba3U Fommanbiert worben, 
Beobachtungen über bie perfd?iebcueit Syfteme 3U machen. 

fröhlich ging bie fahrt nad? Hamburg. Pie bortige 
Sportpereinigung bes poloFlnbs hatte einen gläi^eubert 
Gmpfang rorbereitet, mau füllte ben (Säften ein äufterft 
fdineibiges polofpiel Por, unb am Sonntagmorgen würbe eine 
Korfofatjrt 11m fas Hlfterbaffin perauftaliet, bie pon ber 
Hamburger BepölFerung freunblid? aufgenommen würbe. 


Hm nadjften Gag ging es nad? Kiel auf glatter, wunber« 
barer Ghauffee. KHl&e b?eibelanbfd?aft wedjfelte ab mit frucht¬ 
baren (Seftlöeit, ftarrenbe, troßige Bauernhäufer, in ftd? felbft 
abgefchloffen, jebes felb mit einem Kuicf eingefänmt. Klan 
fuhr burd? herrliche BudjenmalDer, bie ber £anbfd?aft einen 
belebeitben Hei* gaben. Pie Geilnehmer ber fahrt berichtigten 
unfern groftten Kriegshafen, unb am nächften HTorgen rüftete 
man fid? 3iir fahrt nad? Bremen, ber alten fjanfaftabt. 
Piefer Geil ber oftholfteiuifchcn Sd?wei3 gehört 3U ben 
fd?i>nften (Segeuben Horbbeutfdjlanbs. 3 U Pl<> rt ®wrbe ge* 
raftet. KTait genoft ben Hitblicf bes wunberoollen plöuer 
See» unb bes alten hH'torif<hen parFs mit feinen berühmten 
Hllecn, bie ans Fnorrigen, urwüdjftgeu €id?en unb Buchen 
beftehen. 3 n öi^f^r wunberpollett Hatur werben bie Söhne 
unieres Kaifers er3ogen — es ift ein Platj. würbig ber 
KönigsFinber. Pon Gntin, bem fauberen olbeuburgfehen 
Stäbtd?en, würbe ein Husflug nad? Heuftabt uub pon h< e r 
nad? bem Fleinen 0ftfeebab KTarieubab gemacht. Ulan genoß 
ben HnblicF ber ewigen See, bann ging es auf Hblerflügelu 
itad? lübecF. Hod? in fpäter Hbeitbftunbe würben bie Sehens« 
würbigFeiteit ber uralten F^anfaftabt in Hugenfcheiu ge¬ 
nommen, bie IHarieuFirche unb bas alte Hathaus, unb bann 
im Sd?ifferhaus Haft gemacht. Pie fchonfte unb h cr rlicfafte 
(Segenb war burchfahrcn, man Farn jegt über Hageburg tn 
bie mecFlenburgifchen £aube. Hm Hagcnburger See würbe 
eine Fur^e paufe gemacht, fpiegelblaitF lag bie ungeheure 
fläche im gligernben Sonuenfcheiu, bunFle Buhenwälber 
nahmen bann bie (Sefellfchaft mieber auf. 

3 n KTecfleitburg ftanb bie (Ernte l^errlld^. (Serabe oom 
Hutomobü aus ift man in ber £age, aud? nad? biefer Hid?« 
tuitg h< n intereffante Stubien 3U mad?en. KTan eilte bahitt 
burd? wogenbe Kornfelber pon unabfehbarer Husbehnung, 
man erhielt Ginblicfe in bas mecflenburgifche £anbleben 
unb bas Greibeu in ben Fleinen mecFlenburgifchen £aub« 
ftäbten. Per K>eg führte über (Sabebnfd? nad? Schwerin. 
Per jugenbliche (Srofther3og pon KTecFlenburg*Schwerin ift 
felbft leibenfdjaftlidjer Hutomobilift unb fteuert feinen JPagen 
eigenhänbig. Peshalb würbe bie 
Heifegefellfchaft in Schwerin mit gan3 
befonberer freube aufgenommen. Per 
imponierenbe plag um bas Schloß, 
bie wunberoollen Hnlagen, ber fd?onc 
See würben beftchtigt. bann aber ging 
es mit polier fahrt ber f?eimat 311. 

KTan übernadjtete in prigwalf, 
einer größeren Hcferftabt ber priegnitj* 
TPenn bas IPetter am porhergehenben 
Gag heiß unb ftaubig gewefen war. fo 
fd?ien es 3uerft, als ob ber IPettergott 
beimSd?Iuft ber fahrt wieber ein böfes 
(Seficht machen wollte. StärFereit 
Hegengüffen entging man glücflicher« 
weife, aber über bie (Segenb hatte ftd? 
leichter Hebel gelegt, fo baft pon ben Schönheiten ber KlarF nur 
wenig 311 fehen war. (SlücFlicherweife Fonnte wenigftens 
ber parF pou Hheinsberg in Hngenfchein genommen werben, 
jene hiftorifdje Stätte, an ber preuftens grofter König feine 
glücFlid?ften 3 l, 9enbjahre perlebt hatte. Pon Hheinsberg 
ging es burd? bas £?arellud? nad? potsbam 311 wo bie fat?rt 
il?r offizielles (Enbe erreid?en follte. (Es war bereits Hbettb, 
als mau auf ber HTotorausftellung anlaugte, wo man auf 
bas h er 5i*(hfte empfangen würbe. Pon allen IPagen waren 
nur bie brei Hbler übriggeblieben, bie währenb ber ganjen 
fahrt and? nicht einen HTomeut perfagt hatten. K. c. 



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Hummer 3{. 


Seite 


Cbeatcr und tiiulik. 


3 n <5ra3 waren biefer (Tage (Taufenbe nttb 2 lbertaufenbe 
beutfd?er Sangesbrüber 3U fro^ltd^em (feftef eiern oerfammelt. 
Ulan ift es gewohnt, ben Ulännergefaug als etwas fd? 
Peutfdjes auf5ufajfen; unb bas ift er wohl aud}. gwar haben 
in €nglanb, fcfjon ehe gelter, ber mufifalifdje Jreunb (goetljes, 
1809 Sie erftebeutfcfje £iebertafel grünbete, Klubs beftanben, 
bie bie ITCufif für ITTännerftimmen pflegten; 3war gewinnen 
bie ITiännerd?Öre ,franfreid}s feit einigen 3^l?r3el^nten immer 
mehr an Bebeutung: bem beutfcfyen Ulännerfang fommt 
gleid}wof}l eine Sonberftellung 311, aus ber er fid} aud} 
itid}t fo leidet rerbrängen (affen wirb. Jaft in nod} höherem 
ITTaß, als bie beutfd}eu (Tumoerbänbe, fiub bie beutfdjen 
Ulännergefangoereiue 3U pflegeftätten beutfd}*oaterlänbifd}er 
(geiinnung geworben. Ueberall in ber ganzen IPelt, 
wo fidj nur eine Kn^atjt 
beutfdjer UTäuner 3um ( 5 e* fflj 

fangsquartett 3ufammenftn* JB 

ben, ba ift bie £iebe m 

3iir beutfdjen Heimat bas 
immer aufs neue oariierte 

(grnnbtbema ber gefeüigen ! <yQy' 

Kunftübnng. Unb fo fommt f| 

es baß alle IHännerdjöre J 

beutfd}er gunge, ob groß, | 

ob Flein / fid? als ein r f, f 

gnfammengehöriges füllen. InWufl 

£ängft fcfjon ift biefem (Ein* ^/U jl IIW fl jg 

pfiiiben aud} äußerlich baburd} 

Hedjnung getragen worben, 
baß bie oerfchiebenen £ieber* 
tafeln unb Sättgerbünbe fid) 

3n einem großen „Peutfd}en f IfWlnljlni l Ül lfl 
Sängerbunb" 3ufammenge* 
fd}I offen traben, 3U bem im 

gan3en weit über tooooo fl Q^fl-M 

Sänger gehören. 3 m 3 a f? r —g . iMgJJ I 

{865 feierte ber „Peutfcfje 

Sängerbunb", ber fowofjl bie §auptportai brr s 

in Peutfchlanb, wie bie im 

Kuslanb beftefjcnben Sängerbüube unb Ulännergefangoereiue 
umfaßt, in Presben fein erfies großes Sängerfeft; weitere foldjer 
Jefte folgten ( 87 <t 3U IHünd?en, *882 511 Hamburg, 1890 5U 
IPien unb 1896 3n Stuttgart, gum fcdjfteumal oerfammelte ftd} 
ber Peutfdje Sängerbunb nun tn ber fdjönen fjauptftabt Steier* 
marfs. Pon überallher waren bie beutfefjen Sangesbrüber 
3ufammengeftromt. Selbft ber norbamerifanifd}e Sängerbunb 
Ijatte einen Pertreter entfanbt, beffen Hebe beim Banfett mit 
3 ubel aufgenommen würbe. (Ein bebeuteubes Kontingent {teilten 
natürlich bie Peutfdjen (Defterreidjs, unter benen wieber bie 


Qauptportal brr Sängcrtjalle in ©raj. 


ber 3 nbuftriehalle unb ähnelt in (form unb Konftruftion ber 
IPtener Jefthalle oom 3 a b r 1890. Pon ihrer ungeheuren 2 lus* 
behnung macht man fid} eine ungefähre Porftellung, wenn man 
hört, baß bie fjalle 7 500 Sänger unb 8000 gut}örer auf3u* 
nehmen imfianbe ift. Pie beiben Sd}malfronten fmb oon ele¬ 
ganten portalbauten überragt, als Tjauptaufbau erhebt fid? an 
ber Sangfeite bas gewaltige portal (fiehe nebenftehenbe 2 lbb.), 
beffen Pylonen mit prächtigen Ulebaillons gefchmücft ftnb, bie 
oon ben <Sra3er Künftlerit <£. Konrab unb (f. ITTiffd}owsfy 
ftammen; and} bas ben Hunbbogeu 3ierenbe (Triptychon „Pas 
beutfd?e Polfslieb* würbe oon benfelbeit Künftlern nach ben 
(Entwürfen von 21 . UTaruffig aufgeführt, profeffor ^r. Sieg* 
munbt, ber 2 lrd}iteft ber Säugerhalle, hut bamit ein JTleifterwerf 
gefd}affen, bas ber Stabt <Sra3 hoffentlich erhalten bleiben wirb. 

J9 

Pie Bayreuther Jeftfpiele h a ^ n begonnen. Sie 
bringen bas gleiche Programm, wie im oorigen 3 a ^ r * 
Per oon Ulottl birigierte, ohne gwifd}enpaujen gefpielte 
„^liegenbe t?oUäuber w mit (Eheobor Bertram in ber (Eitel* 
rolle unb (Emmy Peftinn als Senta machte ben 2 htfang unb 

übte micberum eine ftarfe 
IPirfung aus. 3™ «Parfifal," 
ben Pr. UTucf leitete, fang 
Y bi« (Eitelpartie mit gutem 

Jr (Erfolg ber IPiener (Eettorift 

JÜÜU Sd}mebes. 3 m IHittelpunft 

ber unter Pireftion Bans 
Hid}ters o.or ftd} gehenbeit 
L S H Hingaufführungen ftanb oait 

Hooy als IPotan. (Einen 
^ h«rrlid}en Siegfrieb gab (Ernft 

^ fllr Kraus, bie geniale Ittarie 

IPittid} (teilte bie Siegliube 
il bar, als Ulitne unb 2llberid} 

begegnete man ben heroor* 
ll ragenben Künftlern Breuer 

jl i ' I 1 M % >l_ (friebrid}s. — Per 

3 3 f wll'lP ber Jeftfpiele ift 

wieberuin augerorbentlid} 

-~ ftarf; erfreulich berührt babei 

K — bieQIh a lf ac ^e, baß bas beutfetje 

l publifunt biesmal weit 50hl- 

reider erfdpienen ift, alsfonft. 
ngcrtjaiie in ©raj. Uebrigens feiert mau in 

biefem Sommer ein „parft* 
fal 4, * 3 u biläurn. Por 3wan3ig 3 <*h r en brachte ber IHeifter feinen 
Sd}waneugefang 3um erftenmal 5ur 2 luffül}rung. Pas 3ubiläum 
gab aufs neue 2 lnlag, eine 2 lgitation ins IPerf 3U feßen, 
um bas Bühuenweihfeftfpiel über bie gefeßlid}e Schußfrift 
hinaus für Bayreuth 5U erhalten. (Es würbe hierfür 5iir 
(Srünbung eines großen „parfifalbunbes" gefchritten. 0 b bie 
parftfalbünbler es gerabe fct?r flug augefaugen hoben, ihre 
gweefe 31t erreichen, ift eine Jfrage für fid}. w. K. 




XPtetier Sänger mit 1300 Köpfen am ftärffteit oertreten 
waren. Pon reid}sbeutfd}en Percinen waren erfd?ieuen: bie 
Bayern, bie Babenfer, bie 2 lnl}alter, bie £eip3iger, bie 
Presbiier unb bie Sänger aus bem (Elbgau, bie Berliner unb 
bie Sänger oon ber (Elbe unb £)aoel, bie (franffurter unb 
ber (fränfifd}e Sängerbunb, bie (Sörlißer, bie pofeuer, bie 
X?effen. bie (Thüringer, pfä^er, Bheinläiner unb IPeftialcn, 
bann bie Kleef len burger, bie Hamburger, bie Bremer unb 
bie Sangesbrüber oon ber unteren (Elbe unb IPefer — fur3, 
es bürfte feine £anbfd}aft im bcutfd}eu Paterlaub geben, bie 
nicht oertreten war. (Es gab einen Jpeffyig oon fold} impo* 
fanter (ßroßartigfeit, wie ihn (Sraj wohl noch nid?t gefehen. 
C Db es ben Sangesbrübern in (Sra3 gefallen hat? gweifel* 
los! Sie würben fonft fd}werlid} au einem eitrigen Por* 
mittag — wie bie Statiftif melbet — an bie ^0 000 2Jußchts* 
t arten hittausgejebieft haben! 

je 

Pie (Srajer Sängerhalle erh«&t uuf (gebiet 
ber (gra3er Kenubahn unmittelbar neben ben parfanlagen 


Unsere Bilder. 

gum Untergang bes Pampfers „Primus" ( 2 lbb. 
S. H 50 , unb H 3 . r )). (groß wie bas Unglücf, bas ber 

gufammenftoß bes „Primus" mit bem Pampfer ,,(?anfa" 3ur 
folge gehabt l?at, ift bie (Teilnahme ber Beoölferung unb 
ihre Ulilbthätigfeit. 2 lud} unfer Kaifer, ber wegen bes an* 
bauernb fd?lecf?ten U 2 etters feine Horblanbreife früher, als es 
urfprünglid} in feiner 2lbficht lag, beenbigt unb nach feiner 
Hücffchr foeben ber Stabt (Emben einen Befud} abgeftattet 
hat, ließ es fid} nid}t nehmen, in einem an ben Bürgermeister 
oon Hamburg gerichteten (Telegramm fein herjK^hes Beileib 
für bas fd}were Unglücf aus3ufpred}en. Befonbers bead}tens* 
wert in ber faiferlid}en Kunbgebung ift ber IPunjch, baß alles 
gethan werbe, um einer ähulid}eu Kataftrophe auf ber (Elbe in 
gufunft oor3ubeugen. Pen 0 pfern ber Kataftrophe erwiefen 
in Hamburg f}unberttanfenbe bie leßte (Eh f e, inbem fie bie 
fieicbeiijüge jurn Jfriebhof begleiteten, ober fie wenigftens in 


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Seite ^50, 


Hummer 3J. 


ben Straßen ber Stabt mit fch»eigenbem (Ernß grüßten, 
(für bie Hinterbliebenen aber bilbete ßcb fofort ein Hilf** 
Pomitee, bas ßdj nicht nur bie £titberung ber erften Hot, 
fonbern bie bauernbe Jürforge für bie ihrer (Ernährer Be* 
ranbten jur Aufgabe gemalt Hat. Durch pripate Drittel 
fofl bas (Erforberlidje 3ufamtnengebracht »erben, bantit bte 
jo hart Betroffenen nicht auf 
öffentliche Armen unterßütjung 
ange»iejen ftnb. Gebührt biefer 
(fürforge AnerPennnng, fo muß 
aber bas Debatten eines ber 
DerunglücPten noch höh cr 9 * 
priefen »erben; es ift ber 
Kellner (Emil (Eberharb (ogl. 
untenßeljenbe Abbilbung), ber 
felbß bas £eben oerlor, nach¬ 
dem er es fünf perfoiten 
opfermutig gerettet hatte. 3 W * 

3»ifchen ift auch an ber 
Hebung bes gefunfenen Dam* 
pfers eifrig gearbeitet »orben, 
jein gufianb »irb riefleicht finge^eige geben, bei »em 
bie'Sdjnlb für bas UnglücP 3U fuchen ift. 

N 

Heimfehr ron BurenPämpfern (Abb. S. 1435 unb 
H 36 ). Der (friebe hat ben fübafrifanifchen Bepublifen bie 
Freiheit geraubt, aber 3ahlreichen (Befangenen hat er bie in 

helbenmütigem Kampf rerlorene Freiheit »iebergegebert. 

Aud? bie 3ahlreichen Krieger, bie 
nach ber erften großen Hieberlage 
ber Buren unter (Tronje nach ber 
(felfeninfel St. Helena gebracht »or¬ 
ben »aren, haben bie (Erlaubnis 3ur 
Hücffehr ins Daterlanb erhalten. 
Diefen Dorteil bes ^friebensßhluffes 
genießen aber nicht nur bie Buren 
felbß, fonbern auch bie Angehörigen 
anberer Dölfer, bie auf ihrer Seite 
gefochten haben. 3 n Bremerhauen 
ift bereits eine größere Anjahl beut* 
(eher BurenPämpfer angePomtnen. 



Der Dampfer fjanfa. 



€mtl €btrf}arb f 
rettete beim Untergang bes 
„primus" 6 perfonen. 




Bilber aus Kiel (Abb. S. *437). 
Die Kriegshafenftabt Kiel fleht 
pöflig im Reichen ber HTariue, perfonen unb Dinge er¬ 
innern auf Schritt unb (Tritt baran, baß fte h* er ih reH SiÖ 
hat, perfonen unb Dinge 5eigen auch unfere Bilber. Die 
im (Barten ber Illarinefchule aufgeftellte Büße bes (Seneral* 
marinebirePtors Benjamin Haule »eift auf bie Dergangenheit, 
Abmiral Köfter mit feinem Stab repräfentiert bie (Segen* 
»art, ber bei ber Dergrößerung ber Kaiferlichen IDerft per* 
»enbete Bagger beutet mit feiner (Ofätigfeit auf bie §ufunft 
unb bie in ihr fortfehreitenbe (£nt»icflung ber IHarineftabt. 

6b4 

Petersburg (Abb. S. 1458 ) hat, »äljrenb noch ber König 
pon Italien am rufßfchen H°f weilte, auch beutfehe (Säße in 
feinen IHauern beherbergt. Das Schulfchiff „<£harlotte\ an 
beffen Borb ßch H er 3°9 2löolf ^riebrich pou UTerflenburg be* 
fanb, ging in Kronftabt oor AnPer, unb bie ®fß3iere nahmen 
u. a. an bem Stapellauf bes »^rel* teil. — IDie man in 
ber rufßfchen I^auptftaM bie Kunß 3U ehren »eiß, bafür 
lieferte Pü^lich »ieber bie ungeheure (Teilnahme einen Beweis, 
unter ber ßch bie Beerbigung bes berühmten Bilbhauers 
AntoPolsPy PoU3og. 

Aachener fyetltgtumsfaHr’ten (Abb. S. ( 440 ). 2 TTa<H 
bem ^lecPen (Tornelimünfter im £anbPreis Aachen »erben all¬ 
jährlich mehrere XDaflfahrten peranftaltet, 3U beneu ßch ßets 
3ahlreiche Pilger aus ben Htjeinlanben einßuben. (Es »erben 
bann bie Reliquien ge3eigt, bie in ber alten gotißhen Kirche 
bes Pleinen (Drtes aufbe»ahrt »erben. Unfer Bilb ßellt bie 
Schlußpro3effion ber Ietjten, im 3 U ^ peranßalteten H c *^9' 
tumsfahrt bar. 


Ausftellungen (Abb. S. 1470). Heben ber großen 
3 nbußrie» unb (Se»erbeausfteüung in Düßelborf, bie inter¬ 
nationale Bcbeutung gewonnen hat, ßnben auch in anbern 
®rten folche für engere Kreife ftatt, fo eine für bie ®ber 
laußtj in gittau unb eine für Währen in ®lmüt5* — (Eine* 
Ausfteflung gan3 eigener Art iß bas pom Herein für beutfehe 

Schäferhunbe in Augsburg 
oeranftaltete preishüten. H ier 
»erben bie H un & c au f 
(Behorfams* unb DenPleißungen 
geprüft auf ihre fähigPeiten 
beim Aus* unb Cinpferdjen, 
beim (Treiben auf einer ab* 
geßecften, mit H' n ^ ern 'ff en 
oerfehenen Bahn unb beim 
IDeibegang. 

N 

Deutfche im Anslanb 
(Abb. S. 1473 ). (für bas 
Pamerabfchaftliche gufammen* 
halten ber Detitjchen in Argen¬ 
tinien legen gefeflige unb fportliche Deranftaltungen erfreu* 
liches geugnis ab. 3 n Hofario haben ßch unlängft beutfehe 
Kaufleute 3U einem Schnifcelrennen mit (fuchsjagen 3ufammen* 
gefunben. — 3 n Kaumi in Kiautfchau ftnb bie neuen Unter* 
Punftsräume für ttnfere (Truppen jertiggeßeflt, es hat bereits 
bie Beßchtigung burch beit (Souperneur Kapitän 31» See 
(Truppei ßattgefunben. — 3 ** WejiPo h a * füglich bas erfte 
®fß3iersreitnen ßattgefunben; es »ar ein fportliches unb 
gejellfchaftliches (Ereignis, bem unter anbern auch ber beutfehe 
£egationsfePretär pon (flöcfhrr beiwohnte. 

Jeße unb Kongreffe. Die H^ertjahrfeier bes €ul* 
bacher UTarPtes in (Erbach iß bort feierlich burch ein DolPs* 
tradjtenfeft begangen »orben. Auch an einem (feß3ng (Abb. 
S. (440) fehlte es nicht. — Die Sdjütjengilbe in (Sera feierte 
tht fünfunb3»an3igjähriges 3 u öiläum (Abb. S. 1440) unter 
(Teilnahme bes (£rbprin3en pon Heuß j.£. — Das 3ehnte beutfehe 
BunbesPegelfeß »urbe in Altona (Abb. S. (47 1) abgehalten. 
— Dem ®Ibenburgifchen BunbesPriegerfeß in Bant (Abb. 
S. 147 2) »ohnte auch ber (Sroßher3og Auguß mit feiner 
(Semahün bei. — Die beutfehen Dogelhänbler janben ßch 3U 
ihrem britteu Kongreß in Hamburg 3ufammen (Abb. S. (47 4). 

€in DenPtnal für ben (Seneral (Sorbon (oergl. bte 
nebenft. Abb), bas 
in Karthum feinen 
piatj ßnben foü, 
ift biefer (Tage 
in £onbon burch 
ben H cr 3°9 DOtl 
(Eambribge einge* 

»eiht »orben. (Es 
ruft fofort bie 
€rinnerung an bie 
afriPanifche (Thä* 
tigPeit bes per* 
ftorbenenfelbherrn 
»ach, er »irb nicht 
pon einem Hoß, 
fonbern pon einem 
Kamel getragen. 

Das DenPmal iß 
ein WeißerwerP 
bes por einem 
halben 3 a hr rer* 
ftorbenen Bilb¬ 
hauers (Dnslo» 
jorb, bem £onbou 
eilte Heihe por* 
ßüglicher Stanbbil* 
ber oerbanPt, »ie 
3. B. bie Statue 

(Slabßones. Pas fAr Karthum be^immte ©orbonbenfmal. 



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Hummer 5J. 


Seite 


Aus «Iler eit. Per fiameftfche prtt!3 paribatra hat 
Türslid? an bett Hebungen ber (garbe im Säger oon Pöberitj bei 
Spanbau (Abb. S. 1437 ) teilgenommen. — Pas oorn pri^eit 
t?einrid? an Borb bes Jlaggfdjiffs „Kaifer friebrid? III." 
(Abb. S. 1469) befehligte Uebiutgsgefd?n>aber ift aus ber 
Porbfee burd? ben Kaifer IPilhelmFanal nad? Kiel 3urücf- 
gefehrt. — 3 n bie PTauern ber Stabt Lahr iß letzthin bas 
borttjin in (garuifon oerlegte Artiüerieregiment Rr. 66 ein- 
gejogen, (Abb. S. 1471 ), für bas bort ein muftergiltiges 
Kafernetnent erbaut worben iß. — (Einen prächtigen monu¬ 
mentalen Schmurf hat bie Stabt Heubsburg burd? ben oon 
bem Berliner Bilbhauer, profeffor oon Uedjtritj« gefdjaffenen 
neuen Brunnen (Abb. S. 147 1) erhalten, ber im legten Plonat 
enthüllt morben ift. — Per (gefangnerem ber (Sebrüber Stoll- 
»ercf in Köln am-Rhein ( 2 Ibb. S. 1474 ) hat fü^lid? in Lonbon 
mit großem (Erfolg ein IPohlthätigfeitsfoit3ert 3um Befteit ber 
bortigen beutfdjen Kolonie oeranftaltet. 

6<3 

perfonalien (porträts S. 1436 unb 1474 ). Als Rad?- 
folger bes bayrif<hen Kultusminifters oon Sanbmann n>irb 
oielfach ber bayrifdje (gefanbte am IPiener fjof, Klemens 
Freiherr oon pobemüs, genannt. IDentt aud? hier uttb ba 
Jmeifel laut werben, ob er gerabe bas Reffort Laitbmanns 
übernehmen werbe, fo gilt bod? fein (Eintritt ins Pliitißerium 
für ficher. — Per Kontreabmiral 3. P. Böters*, ber fid? nad? 
{einem Ausfd?eibett aus bem aftioen Pieuft n>iffen{d?aftlid?eit 
unb tedjnifdjen Stubien mibmete, hat jetjt 3uin Dr. ing. pro- 
mooiert. — Anfteüe bes oerftorbenen Lorb pauncefote iß 
Sir IHichael tjenry Ejerbert, bisher Sefretär bei ber britifdjeit 
Botfchaft in Paris, 311m Botfdjafter in IDafhington ernannt 
worben. Herbert hat bort fd?on früher als (Sefdjäftsträger 
mit großem Crfolg getoirft. — (geftorben ift ber (geheime 
ijofrat profeffor Sc^lie, ber Pireftor bes (größtmöglichen 
Plufeums in Schwerin in PtecFlenburg. — 3 ” (Sroß-(Eabarg, 
loo er in ber Sommerfrifche weilte, ßarb, fed^ig 3 ahre alt 
ber befannte Berliner Komponiß profeffor ^einrid? Efofmann, 
PTitglieb bes Senats ber AFabentie ber Künfte. ^ofntann, 
ber ftch auf ben oerfdjiebenßen (gebieten befd?äftigte, ift 
befonbers als Schöpfer großer (Ehortoerfe erfolgreich getoefen. 
— Allgemeiner Beliebtheit erfreut ftch Soubrette am 
(Theater bes IPeßens in Berlin. Jräulein Lina Pöttinger, bie 
eben imeber in bem ITCeffagerfchett Paubeoiüe „Pie Braut¬ 
lotterie* große (Erfolge e^ielte. 



Die toten der üloche. 


(graf Karl Altneiba, t am 2 t. 3 uli in Plündern 
Konful Bielefelb, befannter Perlagsbud?hänbler, f am 
28 . 3 uli in Karlsruhe. 

Ejerm. 0.Br emembeutfeher Konful, t am 2 8 . 3 uli inAnfona. 
Leopolb (Eber, fjofpfarrfapellmeißer, t üm 24. 3 U H In 
Wien im Alter oon 80 3 a h* en - 

DireFtor J. Jran3en oon ber Ejamburg-Sübatnerifanifchen 
Pampffd?iffahrtsgefeüfchaft, f am 23 . 3 U Ü * n Hamburg. 

(generalleutnant 3. P. IPÜhelm PTüller, t am 26 . 3 u U 
in Berlin im Alter oon 68 3 a h rcn * 

^frl. Pr. Clife Reumann, erfter toeiblicher Poftor ber 
phtlofopljißhen f afultät in Berlin, f am 23 . 3 U H In Berlin. 

Bil&hauer £h*o&° r Reinecfe, f am 24. 3 u ü xn Berlin 
tm 80 . Lebensjahr. 

hermann Sprecher, fehtoe^erifeber Rationalrat, in ben 
ßeb3iger unb adliger 3ah^cn Jührer ber föbcral'bemofratifd?eu 
Partei < 5 raubünbens, t ^ 28 . 3 “Ii xn <^h ur - 

Jrau oon Stofd?, IPitioe bes Plarineminifters, f am 
26 . 3uli in 0eftrid? a. Hh* I ,n Don 80 3 a hr cn - 

^friebrid? (Eempsfy, befannter Perlagsbuchhäitbler, t aut 
23 . 3uli in präg im 81 . Eebensjabr. 

(Seorges Dibert, fran3öf. PTaler, t am 27 . 3 u ü in paris. 


< 35 ® 



Pas größte fportlicbe (Ereignis in Berlin, nämlich ber 
„(große preis", ging, ba auf rennfportlichein (gebiet bie tote 
Saifon bereits längft angebrochen ift, 3 iemlid? unbemerft 
oorüber. An anberit 0 rteit feiert man bas größte fportlidje 
Jfeft, menn bie gefellfchaftliche Saifon ben ^öhepunft erreicht 
hat; in Berlin wirb ber große preis gelaufen, menn bie 
oornehme IPelt in ben Bergen ober am PTeer toeilt. 3 !l 
anbern Eänbern hat man ferner bie PTöglichfeit, für ben 
großen pieis bes hauptftäbtifd?eu (Eurfs eilte fehr, {ehr ftatt- 
lid?e Summe aus3ufegen; in Berlin müffen 50000 PTarf 
genügen. Pennod? mar ber (große preis ein gelungenes 
Hennen, bas jeöen fportlid? gejtnnteit PTann erfreuen mußte. 
Per Hid?terfpruch im (großen preis lautete — nach ber 
Placierung 3 rm I ns als britter — Slattberer, V2 Länge 
Saperlotcr, 3 /4 3 rm * n ' Rorblanbfahrer, puld?er. Rorblanb- 
fahrer oor puld?er. biefes Hefultat Farn red?t unermartet, 
ebetifo mie Saperloters guter 3meiter pia^. 

¥ 

3 n bie glän3enbett Erfolge, bie bie Berliner Huberer in 
<£orf hatten, fpielte aud? etmas politif hinein. Pie Berliner 
famen in einer oollenbeteu Jorm an, bie in €nglanb allge¬ 
meine Bemunberung h^nacrief. Pas publifunt begrüßte bie 
Peutfcheit roährenb ber Hennen überall mit begeiftertem 
Beifall, unb in (Englanb h^ß ** allgemein, baß bie Beteili¬ 
gung ber Peutfdjen an bem IPettrubern ein An3eid?en für 
beffere Be3iehungen 3mifd?en Peutfchlanb unb €nglanb fei, 
bas oon allen überlegettben (Englättbern mit h<>h c * Sefriebi- 
gung aufgenommen mürbe. PTit l7inftd?t barauf, baß bie 
heroorragenbften Bootsmannfchaften (großbritanniens, mie 
ber Lcanöerflub, bas Emmanuel College Cambribge unb bas 
Unioerftty-CoUege 0 fforb, für bas Hennen geinelbet haften, 
erwartete man allgemein beftimmt, baß (Englanb 3iemlich 
mühelos ben Sieg erringen mürbe. (Erfahrene englifd?e 
Sportslente haben bie Hebungen ber Peutfcheit genau beob¬ 
achtet unb maren 3U ber Uebe^eugung gePommen, baß bie 
Peutfd?en bei ber h<>h en Sd?nelligfeit, bie ße mit heroor- 
ragenbem Stil oerbinben, nid?t 3U unterfchäftettbe (gegner 
maren. Paß unfere Lanbslcute fo gläit5enb abfd?nitten, ehrt 
fte ebenfo, mte bie englifche 0bjeftioität an3uerfennen ift, 
mit ber fie bie (Erfolge ihrer (gegner betrachteten. 

Auch in 0ftenbe hatte Peutfd?lanb einen Sieg 3U oer- 
3ethuen. Bei ber Segelregatta hat PTr. Cecil Quentins 3 fl d?t 
„Cicely" (Abb. S. 1439 ) ihre Be3mingeritt in ber Bremer 
3 ad?t „Raoahoe" bes Konfuls ITaetgen aus Bremen ge* 
funben. „Raoahoe" brauchte 3ur Pnrihfegelung ihres Kurfes 
2 Stunben 19 PTinuten 7 Sefunben, „Cieely" 2 Stuuben 
22 PTinuten 50 Sefunben. 

♦ 

3 n ben Kreifen fürftlid?er perfonen nimmt bie Liebe 
311m Sport in erfreulicher IPeife 3U. Kronprin3 IPilhclnt ift 
ein begeifterter Anhänger bes Lamntennisfpiels, er nahm am 
24. 3 uli an bem 0fß3ier* Lamntennistnrnier in EJomburg 
teil (Abb. S. 1439 ). Aud? ber jugenblid?e (großher3og oott 
PTecflenburg-Schmerin roibtnet bem Sport auf allen (gebieten 
feine ernften Begebungen. Jfriebrid? ^frai^ IV. iß leiben- 
fdjaftlicher Automobilift unb 3 ägf^ außerbem förbert er auch 
ben Segelfport auf ben großen Seen feines febonen Lanbes. 

$ 

(Ein Braoourßücf erßen Hanges hat ber rumänifche Hitt- 
meifter oon Koftiit geleiftet (Abb. S. 1436 ), er hat bie Strecfe 
oon Bufareft bis PTeg auf einem Pferb ohne ben gcringften 
Unfall 3urücfgelegt. 3 n P^etj mürbe er 001t ben bortigen 
0fft3ieren mit großem 3 u & e I empfangen. 


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Seite H32. 


Hummer 3J. 



VU 

’V* 

/> / Awnji Juin^p 


Die Börscnwocbc. 

Bei Beginn bes ^frühjahrs mar mau mäuniglid? 
barüber im flarcn r baß ber Umfd?mung 511m Bcjfern 
tu unfern maßgebenben 3 T1 ^ u f tr i en $ur <Ibatfad?e ge* 
morbett fei, 1111b heute entfpinnt fid? eine lebhafte 
Koutrorerfe barüber, ob bie Befonralcs3ens über¬ 
haupt bereits begonnen f?abc. Diefe Heiguug nach ber 
peffimiftifd?cn Seite ftcllt fid? ebcitfo mie bie oorait* 
gegangene gegenteilige Uuffajfuug uid?t etma als 
eine auf ganj beftimmte (Ehatfacheit fußeube IPahr* 
nehmung bar, fonbern man hat es bei biefer 
Beurteilung lebiglid? mit mehr ober weniger uube* 
ftimmten „(Sefühien" ju th»u, mie fte fid? ans ben 
bipergiereubeu Stimmungsberid?ten aus Jachfreifeit 


jemeils 


gebilbet hatten. Uugenblicflid? ftehen Börfe unb 
Publifum noch unter bem pollen €inbrucf ber meift recht 
ungünftigen 3 a ^ rcsa ^^^ff c t>ielcr unferer 3 n & ,l ß r i*9eieli* 
fd?aften. Ulan ift freute fd?oit einigermaßen befriebigt, menn 
bie Bilanjen mit Feinem Perluftfalöo abfd?ließen, unb per* 
jichtet, menn auch betrübten ^er.ens, aisbann auch auf bie 
2 lnsfd?üttuitg einer Diribeube. Die überaus fd?mere (Ent* 
täufchung aber, bie ber Ubfd?luß ber <£leftr^itätsgefellfchaft 
rorm. Schucfert in Nürnberg mit feinem Betriebsperluft rou 
t5V2 IHillioueu ItTarf gebracht hat, ber fid? inbeffen unter 
Berücffichtigung bes (Seminnportrags pott etma 6 IHillioueu 
HTarf unb eines biesjährigen Betriebsüberfchuffes pou an* 
geblid? etma 2 IHilliouen HTarf auf rolle 23 Millionen IHarP 
erhöht, ift feinesmegs fo perhältuismäßig leicht ju perbauen 
mie anbere bisher befanntgemorbene ungünftige 3 a fy res * 
abfd?lüffe. Diefem außergewöhnlich trüben (Ergebnis gegen¬ 
über erfcheinen bie <Sefd?äftsrefultate bes Bochnmer < 5 uß* 
ftahlaereins unb ber f^arpeiter Bergbaugefellfd?aft, bie 
gleichfalls in biefen (Tagen ber ®effcntlid?feit übergeben 
mnrben, mie (Dafen in ber lüüfte. Allein biefe beiben 
leßteren Peröffentlid?ungen maren baruin bod? nicht imftanbe, 
ben Dlarft aus feinem trübfeligen Marasmus 311 befreien. 

¥ 

IDeun fid? ber Beurteiler biefer dhatfad/en auf ben Stanb* 
punft ftfllt, bag es fid? babei um eine hinter uns Iiegenbe 
fterile <£efd?äftsperiobe haubelt, ber nad? mancherlei 2lii3eid?en 
bod? in abfehbarer geit eine beffere Konjuuftur folgen bürfte, 
fo mirb er ja rerhältnismäßig leidet über bie unerfreulichen 
<Er|d?einuugeit h* nil,c 9 f ommert * 2 lUein es ift heute nod? 
red?t febmierig, fid? ein Urteil barüber 3U bilbeu, ob bie 
Uebcrgaitgsperiobe bereits nahegerüeft ift, ober ob mir uns 
nod? auf bem toten punft ober gar auf ber abfteigeubeu 
(Ebene bejtnben. Die < 5 raulereien allerbings, bie bie Baiffe* 
fpefulanten in biefen (Tagen megen eines angeblid? beoor* 
ftehenben Umfd?mungs in ben Dereinigten Staaten perfud?t 


haben, fd?einen nad? porüegenbcu objeftipen Berichten rollig 
gegenftaubslos, ba bie gefd?äftlid?e unb gemerblid?e BIüte3eit 
jenfeits bes großen IDaffers burd? bie beuorfiehenbe günftige 
(Ernte neue Ztabrung erhalten mirb. (Es ift namentlich 3U 
bead?ten, baß ber mutmaßliche Ausfall ber ameriFanifd?en 
Maisernte außerorbentlid? befriebigen foU. Die £onboner BÖrfc 
mit ihren (Solbminenbefchmerben ift allerbtugs nod? immer 
ber < 5 cgenftanb unfreunblid?er Beeinfluffuitg bes biesfeitigett 
Marftcs, unb ber bei uns anbanernb unerhört flüffige (Selb* 
ftanb permoebte bisher feinesmegs bie erhoffte 2lufftifd?ung 
3U bringen, menu er aud? ber Kursentmicflung unferee 
Staatsanleihen red?t föiberlid? gemefen ift. 

* 

Der in biefen (Tagen peröjfentlid?te bentfd?e fyxnbels« 
ausmeis für bas erfte Halbjahr 1902 fönnte auf ben erßett 
Unfd?ein 3U einem freunblid?en llusblicf in bie gufunft er¬ 
mutigen, ba fomohl bie (Einfuhr als aud? hauptfädilid? bie 
Ausfuhr meferttlid? höhere gifferu ergeben. (Erftere fteüte 
fid? nätulid? auf 2780 Millionen Marf gegen 268 t Millionen 
Marf im erften Semefter 1901, unb ber (Eyport be3iffert fid? 
auf 22^8 Millionen UTarf gegen nur 2097 Millionen Marf 
in ber gleichen Dorjatjrsperiobe. Diefe giffern müffen aber 
irreführeitb mirfeit, menn man itid?t berücffid?tigt, baß für 
bie meißelt Urtifel bie gleichen (Einheitswerte feftgefeßt finb, 
bie im Dorjal?r in (Scltung ftanben; lebiglid? betreibe, IRetjl 
unb IDolle merben 3U ben in ber betrejfenben Berid?tsperiobe 
in (Seltung gemefeneit Preifen eiitgeftellt. Die entgiltige 
IDertfeftfeßung nuferer f?anbclsbemegung mirb baher, ba bie 
preife im laufeitben 3 a h r befanntlid? einen mefentlid?en 
Bücfgang erfahren haben, nicht nnerheblid? unter bie einge* 
festen gifferu biefes jeßt rorliegenbeit ßanbelsausmeifes 
3urücfgehn. Die angeführten <Semid?tsmeugen bemegeit fid? 
aud? heute nod? auf einer red?t befriebigenben (ßruublage. 
Ulleiit bie Slbfaßpreife laffen, mie bies aud? in allen <Eiri3el. 
berichten beftätigt mirb, red?t piel 3U münfd?ett übrig. 

£>erus. 


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Hummer 5{. 


feite \ 453, 



ildcr vom 


<U Pcü$ci unfc Ulauifcjianien. 2. tDejfentiidjer proieft einer iDröensidjmeüer. 3. Ucrijaftung einer IHanifejlantin. *}. Das fogenannie neue „^ort <£l}abroI‘ 

Ton den Strassenunruhen in paris. 

pbotograpbifcbe OTonifntaufnafjmen ron ©ribaYebofjf unb <£l)uffeau‘5IaDiens, Paris. 


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Seit« H54 


Hummer 3|, 



l. Pie £)ebung bes „primus". 2. ^ufcf?<met am Stran&. 3. „Primus" n>irb, in Ketten fySngenb, gefd?leppt. 

Das grosse Sdnffsutiglödt bei Hamburg. 

Momentaufnahmen non f^ans Breuer, Hamburg. 


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mter 3 \ 


Seite ^55< 



Tom Hamburger Schiffsunglück: Das Begräbnis am 25. Ju\i. 

Pbot. Scbaul, Hamburg. 



Von der Heimhehr der Buren: Hbrchied vom fclfeneiland öt. Helena« 


ptjot. II. £. 3nnes / 5t. Helena. 


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Sette J456. 


Hummer 3J. 




^reifjerr oon poberoils, (Set?. fiofrat Prof. Scf?lie t Hontreabmiral 3 . D. ööters. JTT. £). fSerbert, 

als neun:-brtYtildjer Direftor bes ©rofjbrrjoglidjen UTufcums beftonb bas (JEjamen 3U111 Dr. ing. bet neni' englifdje öotfdjafter 

Kultusminister genannt. in idjrprrin i. 1TI. mit „gut*. in IDafbmgton. 


p. KojHn. Ct. fj»nncbcrg ©berlt. fietf. 

Vom fernritt Buharert-JMetz: Die Hnhunft des rumänifchen Rittmeifters fl. von Kortin in JMetz. 

pbot. €ugen ^acobi, 


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Hummer oj. 


Seite ^37, 



Dort Oft Dcrgröfierung b e r ttaijerlicbcn XUrcft in 2i t c l; Der Bo*} « e r in £ l? ü t i g f e i t. 



Böfte b. (Benerarmnrtnebir. 

Benjamin Kaule 
im (Partei b. tnarineidjule. 

Pon linfs nach rechts: KonvKapt. Spinner, Hapt. 3. 5 . (Fraf IUoItfe, (Err. von Köjlrr, Kapt. 3. S. 

Kapi.«€t. 2 lbirrt. pon Kübltprtter. b'ptnt fcbccring. 

21 b nt i r a l pon K öfter mit feinem 5 tab. 

Bilder aus Kiel. 

pbotograpbifche 21ufmibntcn pon 2lrtbur Hrttarb. K cl. 

Breufing, Knpt.«Ct. 5 lfd»er, 





Der Kronprinz von btatn im Lager von Döberitz bei Spandau am 24. jjuU. 


pbot. 2Uar piepcnbcnjrn. Berlin. 


^•7 , 


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Seite H38, 


Hummer 5 \ 



l. Kap.»£t, £ans. 2. ©bl. Serrnbes. 3. ©bl. IDolfram. 

© e u t f d? c © <1 jl c u o m f d> u I f d? i f f „C 1} a r I o 11 e". 



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Das Begräbnis Jlntofolsfys, b e s größten r u f f i f d? e n BilMjauers, in ft. Petersburg. 


Bilder aus Petersburg* 


pi'otogrnpbifd>c 2lufnaf}nten non <£. ©. Sulla ft. Petersburg. 



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Hummer 51. 


Seite \439« 



Hauaboe (Eigentümer Konful £. IDätgen), I. preis. 


CicelY (Eigentümer Eecii (Quentin), II. preis. 


Don b c r Segelregatta Doper*(Dftcnbe. 



Der Kronprin 3 beim Offner •Carontcnnisturnier in nt bürg am 2$. 3uli. 



Dom Hennen tn ^oppegarten am 22. 3uli: X. ©rofjljer 3 og $riebridj 5ran3 IV. 2. Bartb (IDismar). 3. Otto Dofc (Stettin), 

f?. 2TI a n s F e s „SI a n b e r e r", Jjerm. ^riebensberg (Hamburg). 5. JlmtspeTipalter pon Qarlem. 6. ID. tDiegels. 

ber Sieger im ©roften preis pon Berlin. Don ber Hcgatta in Sc^tperin i. Ht 

Bilder aus dem Sportleben* 

2Infnafjmen pon Barca, (Dflenbe, t^ofpljoi <L ©. Doigt, £)omburg p. b. 1q., ©orban & Delhis, Berlin, nnb Qofpbot. £?enfdjfel, Schwerin i. nt 


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Seite 


Hummer 3\ 



Ton der Bundertjahrfeier des 6ulbacber Marktes in 6rbach: Der ernte wagen im feftzug. 

pbot. peter tDeber, tHninj. 



► (£rbprin 3 fteiurid? XXVII. 2. 5cbaftenmajor Ejerm. ©ertjarDt. 

Tom 25 Jährigen Jubiläum der SchOtzengerellfchaft in 6era: Berichtigung des SchOtzenhorps durch den Brbprinzen von Reusa J. 

pbot ©ufiau ©era. 



Die Schlussprozefrion der Aachener Beiligtumsfahrt. 

ptjot. £). Rnifer. Uneben. 


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I 
















Hummer 3{. 


Seite WV 


€s roar rin alftr König... 

Don 

Rudolph 8tratz* 


2 . $or 


us bem Hebei^immer Flang eine tiefe, 
3 ornige Stimme. 3utta lächelte oerßof?len. 
»Hu n fd?impft papa mieber. Das thut 
er meißens, wenn Stöffel«Stier ba iß. 3d? 
beneibe ben Aermßen nid?t." 

ireilid? — ße mußte mol?l „papa" fagcn. tDeld?en 
anbem AusbrucF hätte ße beim ihrem Stieffot?n gegen¬ 
über mählen follen? Unb bod? toirfte bies tDort auf 
Kroib beflemmenb. Cs erinnerte if?n plößlid?, im Derein 
mit bem grodenben Saß hinter ber (Ehür, an bie trüben 
(tage feiner Kinbheit. Damals bjatte bie Cifenfauß 
bes Daters fd?mer auf itjm gelaßet, ber felbßherrifd? 
ben Sof?n nad? feinem Dorbilb 3 U formen fud?te. Aroib 
batte ßch troßig unb oerfd?loffen gemehrt in einem 
jahrelangen, ßiüen, 3 ät?en Kampf. Auf ber flucht oor 
bem Pater l?atte er ßd? felbß gefunben. Aber mand?es 
an ihm, mas Ererbe, abmehrenb-fd?roff unb teilnahmlos 
in ßd? gefet?rt mar, bas ßammte aus ben unoerlöfd?' 
lieben Cinbrücfen feiner 3 u 9 *nb 3 eit. 

3eßt mar bas ja nur nod? mie ein ferner Schatten. 
Er f?utte längß oergeben unb ber Pater längß oergeff cn. 
Seitbem fein Sobn fo glänsenb bie 2Pal?l bes eigenen 
IPeges unb IDefens gerechtfertigt hatte, bemunberte er 
ihn aufrichtig. Aber gerabe, menn er befonbers gütig, 
ftol 3 auf ihn unb in feiner Art befcheiben oor Aroib 
mar, ßieg in bem plößlid? mieber gegen feinen IDtllen 
bie (Erinnerung auf. So aud} jeßt. Er mußte 3 u ^ a 
anfehauen unb benfen: bu fennft ihn noch nicht. IDo 
er nicht liebt, ba fann er furchtbar fein. Unb mo er 
liebt, erß red?t . . . 

0ber mußte ße es? Begriff ße ihr Sdßcffal? Es 
mar nicht 3 U erraten, mas hinter biefer fchmalen, meißen 
Stirn, biefem fd?önen, ßets liebensmürbig*flugen Autliß 
ßch barg. 

Sie fprach in 3 toifd?en bie ganje Seit. 3mmer nur 
oon „papa", feinem neuen Ceben, feinem Berliner IDir- 
fungsfreis, feinen 5reunben, 5einben unb (Sönnern. 

Er hörte 3 U unb fagte enblid?: ¥ Cs iß bod? merf« 
mürbig, baß mir uns früher nie gefehen haben!* 

„ 3 d? mar ja immer ba — aber bu nicht." 

»JPenigßens fehr feiten. Da haben mir uns jebes« 
mal oerfehlt." 

Sie niefte, bann erhob ße ßch unb bebiente ihn mit 
fchmar 3 em Kaffee. Er mußerte ße ßumm, mie ße ba 
oor ihm ftanb, groß unb fd?lanf, bie Augen nieberge« 
fcblagen unb fd?einbar nur mit ber Caffe befd?äftigt, 
bie leife 3 mifd?en ihren fjänben flirrte. Eine feine 
Höte mechfelte Faum merflid? auf ihren IDangen unb 
oerblaßte mieber. Sie mar aufgeregt — natürlich — 
unb mollte bas nicht oerraten. Das merfte er mohl. 
Aud? fein £?er 3 flopfte, troß feines unbemeglichen <Se« 
ßchts. Es mar folch ein feltfames Beifammenfein — 
hier er unb brüben bies frembe, fd?öne junge IDeib, 


bas er heut 3 um erßenmal mit Augen gefchaut unb bas 
ihm bod? nad? feinem Pater ber näd?ße ZTlenfd? auf 
Erben fein foHte. 

Es fanb bas thörid?t unb fagte fur 3 „banfe*, als 
ße ihm eine «gigarre bot. Sie reichte ihm 5euer. 
Dann feßte ße ßd? mieber unb 3 Ünbete ßd? felbß eine 
<gigarette an. Hun mar bas gefürchtete StiHfd?meigen 
3 mijd?en ihnen bod? eingetreten. Unterbeffen fd?toebten 
nur bie tDolfen ber £?aoanna unb bes papyros einanber 
entgegen unb einten ßd? 3 U einem Spiel bläulichen 
Spinnmebs um ben blaffen (Selehrtenfopf unb bas 
Blonbhaupt ber jungen 5rau. 

„Beleih," fagte er enblid? B?ulblad?enb. ,3(3? bin 
ein armer ZlTann aus bem Urmalb. Die IPorte ßnb 
mir förmlich in ber Kehle eingeroßet. 3d? muß mid? 
erß gemöhnen. 3 « ein paar (Lagen reb id? fd?on*mieber 
mie anbere 2 ftenfd?en." 

Sie fd?aute ihn groß an. „EDarum foHteß bu bas? 
Du haß bod? ein Bed?t auf Eigenart." 

Dabei flang 3 um erßenmal eine ßumme Bemunbe« 
rung feiner Ceißungen burd?. erßaunte ihn nid?t. 
Er mar bas gemohut, bei UTännern unb bei 5raueu. 
Aber biesmal freute es ihn. 

»3a, Eigenart," fagte er troefen. „Aber hier bei 
eud? foH jeber £?in 3 fo fein mie ber Kun 3 — unb jeber 
Ecfenßeher iß meinesgleid?en unb ein Heid?stagsmählerl 
£ange halte id? es jeßt nid?t mehr in eurer Kultur aus. 
3d? muß mal nad? Conbon, mal nad? Brüffel 3 um König 
ber Belgier — unb bann . ." Er machte eine £?anb* 
bemegung nad? ber Bid?tung 3 U, mo bie tDinterfonne 
mübe burd? bas 5enßer lugte. Da unten lag Kfrifa. 

f/ 3 a — unb beine (ßefunbheit?" 

^ZHeine (Sefunbheit iß gut." 

Sie oerßummten mieber. 3utta hatte Kngß, etmas 
Alltägliches 3 U fagen, unb er fanb feinen <5efpräd?sßoff 
gegenüber biefem ihm fremben, faß geheimuisoollen 
2 Kenfd?enbilb. Alle 5rauen hatten für ihn etmas Bätfeb 
haftes, fo oiel er ßd? aud? mit ihnen auf feinen iPan« 
berungen über bie Erbe abgegeben. Sein tief in ßd? 
oerfd?loffeuer, hurt «männlicher Churafter mar außer 
ftanbe, etmas oon ihrem innerften tDejen 3 U begreifen 
— aber troßbem fühlte er: — aud? bei ber 5 rau feines 
Paters ba brübeit mar nicht alles fo einfad? unb felbß« 
oerftänblid?, mie ße ßd? gab. 

Die Uhr tiefte. Der Diener trat geräufd?los ein, 
räumte ab unb oerfd?manb mieber. 3 *fet bemerfte 3 utta, 
baß Aroibs «gigarre erlofd?en mar. 2Uit einer rafd?en 
Bemegung bot ße ihm oon neuem 5euer. 3h r * ^anb 
3 itterte ein menig, als ße ßd? berührten unb er burd? 
Ungefd?icf ein Afd?enreßd?en abßäuben ließ. 

Er lad?te. „Entfdjulbige, bitte. 3 c h hin mirflid? 
ber reine IPilbe." Uub ße lad?te leife mit unb blies 
ßd? bie meißen iloefen 00 m ^anbrüefen. 



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Seite H^2. 


Hummer 3{. 


3u liefern KugenblicF erfd?ien £?errn. pon Sraun- 
fd?eibts mächtige (ßeßalt in ber 0?nre. „Ha, 'per- 
gniigt," fagte er befriebigt. „^abt il?r fd?ou ireunb- 
fd?aft gefd?loffen, Kinber? Das iß red?t." 

(Er feßte ßd? fd?mer unb feuf 3 te. „0 (Sott — iß 
bas ein Ceben. HTeine Kmtsgeitoßen — bie ßnb baran 
gemöhntl Sie hoben ficb allmählich in ihren KFten- 
höhlen mnmiß 3 iert mie ein alter ägyptifd?er (ßeheim- 
rat in feiner pyramibe. — Uber icb — mas tauge 
icb 3 U einer papiernen Uogelfd?eud?e — 3 U fold? einem 
bureaufratifeben Sfelett mit einem ©rbensbanb auf 
ber ßebenteu Hippe? 0 — man treibt Unfug mit mir 
♦— HTißbraud?!" 

€r gähnte tief auf. 3n biefer Stuube nach bem 
€ffen, mähreitb ber er ßd? auf ältlichen Hat bes ge- 
•lohnten ZHittagsfchlafs enthalten mußte, fiel er täglich 
ju 3nttas Sdjrecfen gan 3 in ßd? 3 ufammen. (Er fab 
überaltert aus, mübe, mit gefurchten <§ügeit. Unb feine 
(Sebanfen manberten unßet . . . meit. . . meit meg . .. 

„0 Krt5ib, mein Sohn/' fprad? er fd?läfrig, mit 
balbgefcbloffenen Cibent. „Sei froh/ baß bu nicht mit 
Stöffel-Stier 3 U tt?un haß. U3er Stöffel-Stier iß? (Ein 
Hlaitir, ber eine große SoFunft hinter ftcb hat. 
giebt noch eine anbere Sorte Sd?mocfs — junge Ceute, 
bie ihren Heruf nicht per fehlt haben — pollfaftige, 
bobenroücbfige (ßiftpilse. Uber biefe Heptile ßnb mir 
$u naio in ihrer Hiebertrad?t. lieber ein (ßentleman 
mit einer fd?mußigen VOe fte, in bem noch ein Hobenfaß 
pon Knßaitb übrig iß. Solche angefnajrte Charaftere 
Fann man $u allem brauchen — auch einmal 3 um 

(Buten. . . . Ulan Fann fie rechts unb liufs meubeit . . . 
roie einen alten £?aitbfd?ul? . . . fehr bequem . . / 

€r gab ftcb einen HucF, fuhr auf unb tpurbe mieber 

febenbig. „Hlfo hör mal/ fagte er fd?neU. „Stöffel- 

Stier h<*t mir Had?rid?t gebrad?t: fte tpollett alfo 

mirFlid? bie HeHingfd?en Uerleumbuitgen gegen bicb im 
Heid?stag 3 ur Sprache bringen/ 

„HTeinetmegeit/ 

„ . . . unb febon in ben näd?ßen (Lagen tpirb bie 
Hombe plaßen. 3 <h n>erbe bann alfo felbft reben unb 
bicb tpeißtpafcbeit unb 3 tpar nicht mit 5 lötentönen reben 
ba perlaß bicb brauf. Über id? muß UTaterial 
haben. 3^ muß beine 5reunbe fprechen. Hotten 
brauch ich — Saturn, Hreitegrabe, unausfprecblicbe 
Hegernamen — bas <§eug imponiert heut 3 utage bent 
23ilbungsfd?ußerl €in einfaches HTannesmort — pah 
*— bas Fönnt jeber fagettl ,Hee — HTännefen —‘ © 
golbeites Zeitalter ber £?ausFned?te unb (ßaftenfegerl" 
„ 3 d? merbe meine 5 reunbe herbringen." 

„IDann?" 

„Sobalb bu miHß. Vielleicht t?ente abenb 3 U (Eifcb?" 
„3ämohl." Ser alte f?err nicFte unb rieb ftcb bie 
f?äitbe. „Sehr gut. 3 u tta — forge für bie Fütterung 
ber Haubtierel H>ie piel ßnb’s?- Srei? Sd?öit. Ha 
— unb nun miüß bu febon gehen?" 

„ 3 a — jeßt treffe ich fte noch jtcher im t}otel." 
„Hiß bu benn nicht 3 U mübe?" fragte 3 utta . 
Sarauf 3 ucFte er nur leichthin bie Kchfeln unb reifte 
feinem Vater unb ihr bie f?anb. (Er brüefte ihre Hechte 
feß unb fagte babei „2luf 2Vieberfel?enI" Uber bas 


tVort „3ntta" Farn auch jeßt nicht über feine tippen, 
unb fte hatte ihn bod? bei ber Hegrüßung gefliffentlich 
gleich „Krpib" genannt. 

Kls er gegangen, tpurbe ^err pon Hraunfd?eibt 
tpieber fchläfrig. „3d? freu midi auf bie KfriFaner/ 
tfturmelte er langfam aus feinem SchauFelßuhl heraus. 
„Ceute roie bie tpilben HTänner aus bem preußifdien 
IVappen — bie lieb id?. Unfere moberhe Kultur I^ier 
— bas iß bod? nur ein Herpentfeibhaus. . . . Unb 
bie paar HTusFel« unb Chatenmenfd?en, bie mir nod? 
haben — mit beneit treiben roir Haubbau . . . bie 
opfern mir bem SFat- unb Hräuphiüfter. . . . Kus 
benen machen mir aud? heute ttod? beutfd?en Kraft- 
bünger für PanFees unb Kngelfad?fen . .. h^r mal. . / 
£r fammelte feine fd?meifenben (SebanFen, ba er mbrFte, 
baß ihm 3 ntta nicht 3 ut?örte, unb feine Kugen mürben 
hell „U)ie gefällt bir benn ber Kroib?" 

„U>ir merben ßd?erlid? gut miteinanber ausFommen. 
2 Hehr meiß id? nod? nicht. £r giebt ßd? fo fd?mer. 
HTatt Fommt ihm nicht recht nahe/ 

„Sas haben anbere aud? fd?on gemerFt, meine 
(Lochter/ fprad? ber alte f?err trocFen. „(Slaubß bu, 
id? hätt ihm je gan 3 ins £?er 3 gefehen?" 

„ 3 ch glaube, bas hat überhaupt nod? niemanb/ 

<£r niefte: „Hiemanbl Sein Küerleßtes, bas giebt er 
nid?t her unb 3 eigt es nicht einmal. (Benau mie bu . . / 

IV. 

„Sie meinen, es fei ungemöhnlid?, (£pceüen 3 , baß 
oin Sater feinen Sohn pon ber Heid?stagstribüne herab 
perteibige?" fagte ber £?auptmahn tSercfenthien, als 
er unb bie * beibeit aitbern Heifegefährten Krpibs bes 
Kbeitbs im Hraunfd?eibtfd?en £?aus 3 U (Saß maren unb 
T ber Siener beit Had?tifd? ferpterte. „HIag feinl Kber 
er perbient es! €r iß ber geborene 5 elbl?errl €r hat 
uns burd? KfriFa geführt, baß es eine 5reube‘ mar." 

IDercfenthien fprad? leichthin, mit ber meltmänuifd?en 
Sicherheit bes beutfdjen 0 fp 3 iers, ben aud? fein Keußeres 
nid?t perleugnete, bas nicht fonneitgebräunter, nrd?t ab- 
gejehrter, nicht permilberter mar, als menn er bas 
Icßte 3ahr in ber Kaferne ftatt im bunFlen (Erbteil 3 m 
gebracht hätte. Knbers ber ßille Hlaitn neben ihm, 
ber mit feiner HriUe, feinem graugefprenFelten Sollbart 
unb ein paar grämlichen, tiefen galten um ben einge* 
funFenen HTuitb am eheßen einem perbraud?ten, FränFelit* 
ben Sd?ulmann glich. (Ein IDeltreifenber unb bod? 
meltfremb, ein (Eremit, ber fein Ceben tief in ßd? hinein¬ 
gelebt , faß er ba. £in pertroefneter alter 3 nng* 
gef eile bes Urmalbs, im Cärm unb <ßeläd?ter bes Heger- 
borfs fo etnfam unb felbß 3 ufrieben mie anbere £?age- 
ßolse am qualmigen Stammtijd?. €r fprad? menig. 
21 ud? jeßt murmelte er nur Fur 3 : „HTir ftitb piel 2 Henfd?en 
über beit U>eg gelaufen in ben breißig 3 af?ren, feitbem 
id? brübeit 3 U b?aus bin, aber Fein tüchtigerer als 3fc?r 
Sobit." 

Ser Sritte im Hunb, ber Fleine, bartlofe (ßeorg 
pon Sd?alcfe, ber mit feinem abge 3 ehrten, leid?tßunigeit 
(ßalgenpogelgeßcht beinah Fitabenhaft ausfah, mar 3 U- 
fällig tm fd?mar 3 en (Erbteil, mährettb er als (Elfenbein- 
hänbler im Sienft einer Hamburger Äiritta mie ein 


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Bummer 3{. 


Seite {^ 3 . 


FanbmerFsburfche oon einem Begerhäuptling 311m anbent 
ftrolchte, 3ur Ejrpebition geftoßen unb furj entfd]loffen 
mitmarfchiert. Ejier füllte er fid] geborgen unb fo mohl 
mie nod? nie feit bem (Tag, mo er, 3toei 3 ohre 3uoor, 
roegen bummer Streid]e aus ber Armee mit bem Sang 
eines 5 ahnrid]s o. D. entlaßen, als ein ftbeler, Fleiner 
Abenteurer, bie Stummelpfeife fd]ief im UTunb, auf ben 
Sdjultern eines Schtuarsen burd] bie rodeitbe Braubuttg 
nad] AfriFa hineingeritten mar. 

Bisher hotte er fid] befcheiben 3urücfgehalten unb 
oerftohleit 3utta angehimntelt, bie er nnmberfdjön fanb. 
Aber jeßt, ba ihm ber IDein in ben Kopf flieg, mürbe 
ber Fleine (Taugenid]ts gefpräd?ig. 

„Ueberhoupt . . . fo einer mie 3 h r Sohn, (Er* 
ceden3, Ä fagte er lebhaft. „Der oerfteht mas oon Afrifa! 
Der bat eine Art, mit ben IDtlben umsugeben — un» 
erfd?ütterlid], ruhig, mit einer mabreu Engelsgebulb, 
immer gelaffen unb hnman — unb bann, menn afle 
Stride reißen unb fie mollen Fämpfen — oon einer 
fo fürchterlichen Energie — Fur3um — unter bem 3U 
marfchieren unb 3U fechten, bas ift ein Vergnügen. Unb 
menn Sie mir auch nur mit UTild] Befdjeib tbun, £]err 
oon Braunfcheibt — ich muß noch einmal 00H £?od?* 
achtung unb Verehrung einen Schlucf auf 3 b r tPohl 
trinFen." 

Aroibs (ßejtd]t mar ftnjler. Er ärgerte fid], baß 
man fo oiel oon ibm fprad]. <Er batte fid? bemüht, 
nichts 3U hören. Aber unbeutlich fd]lugen bod] Schalcfes 
IDorte an fein ®br unb riefen in ihm bie Erinnerung 
an AfriFa mach. Er fühlte fid? mieber ba brüben, in 
feiner XDelt, als ber XDeiße, bas gefpenflige IDefen in¬ 
mitten ber fchmar3en ^albmenfchen, aus beffen Sohr 
ber (Tob fprübte, oor beffen Blicf bie baumlangen, mit 
Pantherfellen unb Kupferringen gefchmücften, nacht* 
farbenen Krieger oerlegen grinjlen unb oon einem Bein 
aufs anbere traten, bei beffen Ein3ug in bas Dorf bie 
(Trommeln raffelten, bie Körner halten unb bie UTenge 
fd?rie, als fei ein (Sott oon ben flöhen herabgeftiegen. 

Es mar bas Feine Fleinliche Eitelfeit, bie ihm biefe 
Silber oormalte. Es mar bas gan3 natürliche f?errfd]er- 
bemußtfein in ihm, eine felbfloerflänblidje Empfinbung 
oon 3agenb auf, baß er 3U befehlen habe unb bie 
anbern 3U gebord^en. Dies (Befühl batte ihn eigentlich 
hauptfächlich hinaus in bas Ceben ber Freiheit getrieben, 
mo er Feinen Ejerrn über ftd? mußte als ftd? felbft. Unb 
biefer (Bebieter, ben er ftd? frei gemählt, mar ber 
jlrengfle unb unnad]fid]tigfte oon aHeu. 

Es gab ba eine Stimmung quälenbcr 5 reube, bie 
jebesmal über ihn Fant, menn er in AfriFa im Begriff 
jlanb, mieber einen Schritt ins Ungemiffe hinei?i3uthuit. 
ISar ba ber Kompaß gerichtet, unb feßte er, an ber 
Sptfee bes langen (ßänfemarfches ber (Träger, ben Diener 
mit ber Büchfe harter ftd], mieberum ben 5 uß oormärts 
in ben feuchten Schatten bes Urmalbs, bie foitnenüber- 
glühte, meitgebehnte Bufd]lanbfd]aft, bann burchbebte 
ihn eine unbänbige, beraufchenbe Ermartung, mas ihm 
heut mieber bas Beulanb bes Cebens unb bes IDan- 
berns an (Beheimniffen offenbaren mürbe. 

- Das mar fein innerfies Dafein. Die Freiheit mit 
adern, mas fie an £uft unb £eib barg. Somie er 


bie Kulturjone mieber betrat, fomie bie erjien ftumpf* 
finnigen <§odmäd]ter mieber fein (Bepäd burchmühlten, 
bie 5 inger fdjmußiger Subalternbeamter in feinen 
päffen unb papieren blätterten, oerjleinerte ftch fein 
IDefen 3U einer abfloßenben (BleichgiltigFeit. Er hoßte 
bie europäifche «gioilifation, bie mit Schnaps, Schieß* 
puloer unb £raftätd?en, mit Kopffteuerit, oerheerenben 
KranFbcitett unb UTaffenmorb unter ben milben (Tieren 
bie einfachen Cebensbebingungen ber Baturoölfer auf- 
hob, unb oerfchloß bie Augen gefliffentlich gegen bie 
aügenteinen 5ortfd?ritte ber ZTTenfd?bcit, bie ihr folgten. 
Er fab, ohne ftch beffen felbft recht bemußt 3U merben, 
AfriFa mit ben Augen bes Künftlers an. 2 X)enn erft 
einmal bort ftatt ber Urtoälber (Taufenbe oon 5 abrif- 
fchloteu bie (Erbe oerftnjterten, menn bie Eingeborenen, 
ftatt in ben meiten parFebenen 3U meiben, 5U jagen 
unb 3U Fämpfen, als 3erluntpte Proletarier in ben Berg- 
merFen heruntfriechen unb Kohlen in bie UTafd]inenfeffel 
fchütten mußten, bann erfchien ihm bas als eine Ent* 
meihuitg oon (Bottes meiter IDelt unb ihrer (Befchöpfe, 
unb bie fchmar3cn Söhne ber Batur bünFten ihtn äugen- 
blicf lieh in ihrem Analphabetenbafein meit glücflid?er 
als irgenbein holbgebilbeter, hoßerfüdter, oerbitterter 
5abrifarbeiter in irgenbeinem finfteren Hinterhof eines 
europäifchen Kultur3entrunts. 

Unb im (Seift fab er fold? einen Krieger ber 
IDilbuis oor ftd], gläit3enb, ebenhol3fchmar3, fechs 
5uß lang, mit bunten 5ebern unb 8aubtier3ähnen 
gefdjmücft — in Fraftftroßenber, jtählerner Badthcit, 
bem Europäer feinb, ftatt minfelnb in 3erriffenem Kattun« 
bentb oor bem UTifftonar 3U Fitiett. Er hotte fid] oft 
mit biefen fchönen Haubtieren im Kampf gemeffen unb, 
menn es „flar 3um (ßefed]t* hi*fc heim erfteit Auffräufeln 
ber puloermölfehen ftch in einer rätfelhaften Stimmung 
gan3 ber Weit entrücPt gefühlt, ooüFommen Förperlos, 
oon ber Erbe gehoben, ba unb bort, im 5 reunb tp** 
unb im (ßeguer brüben 3U E]au'e — ein Ding, baS 
überad lebt unb jtirbt unb mit bem gausen IDeltad 
eins ift . . . 

Die|e holbe (ßeiftesabmefenbeit mar jeßt über ihm, 
feit er bas Ejaus feines Daters betreten hotte unb bei 
ihm unb 3utta 3U (Saft mar. 

UnmidFürlich fchaute er auf 3 u *to. Sie faß ruhig 
ba unb hörte bem fleinen Schalcfe 3U, ber immer noch 
meiter fein £ob fang. 

Das oerbroß ihn, unb er fagte 3iemlich fd?arf: 
„Efören Sie hoch enbltd] einmal auf. Das ift ja töblich 
laitgtoeilig.* 

Sein Dater miberfpradj. „£angmeilig? So mas 
freut mid}. Da rneht ’ne anbere £uft als in meinem 
Aftenlochl Unb 3 «tta — fchau bie nur an l Die meiß 
fchon ben gan3en Abenb nicht, fod fie mehr auf bid? 
fehon ober bie, bie oon bir reben! £affen Sie ftch nicht 
jtören, EJerr oon Sd^alcfe." 

„Dann toerb ich mich in bein ArbeitS3immer 3uriicf- 
5iehen," fagte Aroib, „unb bir in3toifchen bie Botten 
für beine Bebe auffchreiben." 

Er ging. Kaum hotte ftd] bie portiere hinter ihm 
gefchloffen, ba fing ber bartlofe, Fleine Defperabo mieber 
eifrig 3U berichten an. 




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Seite HW 


Hummer 5 {. 


„Hämlid? anfangs —* fagte er mit feinem per» 
gnügten £äd?eln auf bem mageren, leid?tßnnigen (Befielt, 
„anfangs tjielt id? 3 ^ren £?errn SoB?n nur für einen 
großen (Belehrten — wenn er fo im £agcr 3wifd?en 
feinem KrimsFrams ron Käfern unb Kiefelfteinen faß 
ober gar fo ’ne Sreitegrabbered?tiung anßeHte — aber 
was er für ein HTantt war, bas merFte id? eben erft 
bei bem 5ufammentreßen mit ben tDafifuius. Die 
IDaFiFuius Ratten h*inttücFifch ein paar pon unfern 
Ceuten niebergemeßelt unb tagten 3U £?unberten 
por unferm £ager unb forberten uns 3um Kampf heraus 
— allen poran it^r Häuptling — ein baumlanger, 
fcfctparser Satan, eine €an3e in ber £?anb, pon oben 
bis unten mit bem Slut unferer (Träger bebeeft . . . 
Unb ba auf einmal fagt jemanb neben mir 3tpifeben 
ben Sännen: , 3 d\ will bas Seeß lehren, meine Soys 
tot3umad?en‘ — unb ba rücft ftd? 3 hr £?err SoB?n 
aud? fd?on ben gwiefer feßer, nimmt bie Süd?fe in bie 
£?anb unb geB?t gatt3 aflein ber Sd?wefelbanbe entgegen. 
Unb bie liefen por iB?m wie bie Sd?afe por bem B}unb. 
Sfoß iBjr Häuptling blieb. Der buefte ftd? hinter feinem 
HasBjomfdiilb, fo baß man nur feinen Speer unb feine 
Kopffebern fah- So fd?lid?en fte umeinanber rum unb 
einer war nun fd?on 3U piel auf ber IDelt. Kuf einmal 
büßt es, unb ba liegt bas lange £aßer unb jappelt 
Faum meB?r mit ben Seinen. Das wirfte auf bie übrige 
(BefeH|d?aft! Äamos war bas." 

<£r brach gans begeißert ab, unb <££ceflen3 pon Sraun» 
fd?eibt niefte. „Ha — 3 «tta — B?eut befommt man 
was anberes 3U hören als auf unfern <ßefeüfd?aften mit 
bem fd?labberigen (TB?ee unb ben bünnen Srötd?en unb 
ber allgemeinen Sübung. Was mcinft bu, meine 
(Tochter?" 

Sie erwiberte nichts unb febaute unwiflfürlich in bas 
Hebe^immer. Durch einen Spalt im DorB?ang Fonnte 
fie Krpib erblicFen. <£r faß ba, Frißelte ein paar H>orte, 
fann bann eine IDeile nach, ßnßeren (ßeßd?ts, mit feinem 
ßrengen, burd? bie Kugengläfer bie 5erne fuchenben 
Slicf, unb febrieb bann wieber. Daswifcben nahm er 
einen Sd?lucf HTild? aus bem (Blas, bas er ftd? Pom 
(Tifd? mitgenommen unb neben ftd? geßeHt hotte. Unb 
es Farn ihr 3u wunberlid? por, baß biefer blaffe, ein- 
ftlbige (Belehrte unb ber HTann, ber, ohne mit ber 
IDimper 3U 3UcFen, bluttriefenbe Kannibalen in ben 
Staub ßreefte, eine unb biefelbe perfott fein fönten. 

„Unb baraufhin waren bie IDilben bann einge- 
fd?üd?tert?" fragte in3wifd?en ber Hausherr. 

„Das glaubten wir aud?, €£ceflen5. Unb bei (Tag 
war aud? alles ruhig. Uber bes Had?ts barauf — id? 
Fonnte nicht fd?lofen unb Fried?e aus bem «gelt unb feB? 
in ber DuuFelheit 3 hrett £?errn Sohn fißen mit bem 
(Bewehr neben ftd?. Unb er raucht, tutb wie id? heran* 
Fontnte, fagt er tabelub: , 3 ^mer bie Unruhe, £?err 
pon Sd?ctlcfel 3ntmer bie Herpofttät! 2Die im UTäbd?en» 
penjionatl Die Kerle ftttb bod? nod? fünfhunbert 
UTeter entfernt. 4 Dabei weiß er mit feiner pfeife por 
uns in bie Steppe. Sichtig — ba Frabbelt unb lebt 
bod? alles am Sobctt pon ben {d?mar3en (Teufeln. 
<ßatt3 lautlos rutfd?en fte hcran." 

„Unb bann?" . • . 


(ßcorg pon Sd?alcFe lad?te. „(ßnäbige 5 rau braud?en 
nid?t fo bleid? 3u werben. tüir leben ja nod?. Dann 
gab ber CB?*f eben bas Klarmßgnal — einen Hepolper» 
fd?uß — unb bann hoben ßd? oor uns lauter fd?war3e 
SeiB?en aus ber (Erbe unb fprangen mit ihrem Kriegs¬ 
geheul B?oran — es iß bas langfam anfdjweHenbe (Be¬ 
lachter ber geßecften I^yäne — fo ungefähr: uh — 
hu — hu — hu — h^ — ä — ä — ä — ääää — 
äh — tta, unb auf unferer Seite FnaHte es benn gan3 
prompt aus ben UTagasiitgewehren entgegen, unb es 
würbe fo fd?ön gerauft wie nur auf irgenbeiner bay* 
rifd?eu Kirchweih. €in paar oon ben tüaPifuius Famen 
bis ins Cager, unb einer pon ihnen — fd?on ein ältlicher, 
rabiater (ßentlentan, hotte gerabe bie freunbüd?e 21bßd?t, 
mir feine £an3e burd? ben £eib 3U rennen — ba giebt 
iB?m 3 hr £?err Sohn, um ihn auf anbere (BebanFett 
3U bringen, einen fürchterlichen 5ußtritt por ben 
Saud? unb, wie er ba ßraud?elt, eine Kugel hinter» 
l?er. Daburd? hot er mir bas £eben gerettet, eigent¬ 
lich uns allen. ©B?ne ihn hätte in ber Had?t ber (Teufel 
bie gan3e fi^pebition geholt. Die IDaFiFuius fd?lugen 
ftd? 3U wütenb. £?alf ihnen aber fd?ließlid? alles nichts. 
Sic pur3eltcn in UTaßen unter unfernt 5 euer, unb was 
pon ihnen nod? lebte, fd?lug ßd? bei (Tagesanbruch ßill 
in bie Süfd?e. Sun wollte id? ausrüefen unb ihnen 3ur 
Strafe bie Dörfer att3Ünben. 3 d? öad?te mir fd?on: 
,Das wirb fein. I}eute nad?t muß ber gan3e £?immel 
rot pom 5 euer(d?cin werben. 4 — Da fagt mir 3 *tr Berr 
Sohn, wie er ba auf feinem 5 elbßuB?l ßßt unb ßd? 
raßert, gan3 Fühl — er Fann nämlich fo unangenehm 
bienßlid? werben, als wäre man auf bem potsbamer 
(E^ersierplaß —: ,£aßett Sie bas gefälligß, £?err pon 
Sd?alcfe. (Erßens hot es Feinen «gwecF, es iß «geit- 
perluß. Unb 3weitens wißen es bie IDilben nid?t beßer. 
Sie holten, wen ße nicht Fennen, für ihren 5 einb, unb 
baburd?, baß Sie ihre Jütten einäfd?ern, werben Sie 
ße nicht Pom (ßegenteil überzeugen. 4 Unb nun wirft 
man einem fold?en UTattn (ßreuel in KfriFa por, weil er 
ftd? feiner £?aut wehrte. £äd?erlkh." 

„Die wirFlid?en UTenfd?enfreßer leben eben tyer t * 
fprad? ber alte Hecfe grimmig. „Serlin hot gute 
Kiefer — glauben Sie mir, E?err pon Sd?alcfe. Das 
3ermalmt jeben UTorgen, wenn bie Slätter ausgetragen 
werben, ein B?olbes Dußenb geitgenoßen 3um 5 rüB?ftücF 
unb bes Kbenbs, 3wifd?en fünf unb ßeben, wieber. €in 
Krad? — ba iß er fd?on weg — mit I?aut unb £?aar. 
Sitte — ber näd?ße." 

IDährenb er rebete, blicfte 3 otta wieber in bas an» 
ßoßenbe (ßemad?. Krpib hotte in3wifd?cn feine Stellung 
nicht geänbert. €r hotte aufgehört 3U fd?reiben unb 
fann por ßd? hin» Unb plößlid? traf fein Kuge burch 
ben fd?ntalen Spalt im DorB?ang bas ihrige. Hur eine 
SeFuube. Dann weitbeten wieber beibe gleid?giltig f 
laitgfam, als hotten ße ßd? gar nid?t bemerFt, ben Kopf 
3ur Seite. 

Unb wieber perfanF er in feine (BebanFen, €itt paar 
IDorte pon ben IDaPiFuius waren pon nebenan an fein 
0B?r gefd?lagett, unb mit ihnen wud?s abermals bie £r- 
iititcruitg an ben fd?war3eu (Erbtetl in ihm — an bie 
lauwarme, buufle Had?t bes Urwalbs brüben, pon 


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Hummer 5 {. 


Seite {^ 5 . 


(Sift unö 5 teBer öampfenöe Sumpffpiegel unter feinem 
Caubgewölbe, eintönigen plätfcherfaH unö Hegentriefen 
in Öen HlätterFronen unö Bern unöurd^öringlich Derfil3ten 
HanFengewirr, in öer 5erne, bei (Tag unö Hacht, 3um 
Kampf mahnenö, öer öumpfe Klang öer Hegertrommeln 
unö überall, hinter jeöem Saum, in jeöem gurgelnöen 
Stromwirbel unö tücfifdjen PicFicht, im Kuge jeöes tPilöen 
lauernd, öer (Toö — öer afriFanifche (Toö in jeöer 5 orm. 

Cr fürchtete Öen (Toö nicht. Cr hatte it^n bei <ße* 
legenheit geraöeju f^rausgeforöert — nicht in fyeifc* 
blütiger Kbenteuerluft, fonöern mit öer leiöenfdjaft* 
lofen, beinah philiftröfen Hu^e öes (Belehrten — unö 
fictj oft mit innerlichem Staunen gefragt, warum geraöe 
ihm fo wenig am Ceben liege? 

Unö heute 311m erftenmal — nachöem er bas £}aus 
feines Paters wieber betreten unö ftatt öer fonftigen 
trüben, fdjattenhaft flüftentben KranFenftimmung Cachen, 
Cicht, Ceben unö Cujrus, ftatt öer fchwar3gefleibeten 
Pflegerinnen unö alten Ker$te ein fchönes junges tPeib 
öarin getroffen — ein IPeib, öas ihm fchöner erfchien, 
je öfter er es anfah — heute hämmerte ihm öie 
Hntwort: öir liegt am Ceben nichts, weil öu fo einfam 
bift auf Crben, öa§ öu öie €infamfeit bisher nicht 
einmal empfunöen h a ft. 

Cr erhob ftch langfam unö ging ju Öen anöern 
3urücf. Kls er Öen PorBjang 3ur Seite fdftug, hörte er, 
wie öer Fleine SchalcFe fprach: „KfriFa ift öoeh öas 
einige oerftänbige Canö. Pa friegt man feine 5 einbe 
öoeh noch 3U faffen. £}ier ift ja öer HTut bei fünf HTarF 
Strafe poli3eilich oerboten. £}ier roeröen Ceute, wie 
3 hr X}err Sohn, einfach oerleumöet unö follen ftch bas 
auch noch gefallen kiffen." 

Kroib legte ihm öie ^anö auf öie Schulter. „Seien 
Sie mal füll, SchalcFe — Sie reöen tfnftmt. 3 d? will 
3 huen bas erFlären." Cr fchaute, oor öem (Tifch 
ftehenö, öie anöern an. Cs Farn eine jener plöfelichen 
Knwanöluitgen, ftch mitjuteilen, über ihn, öie 3uweilen 
feine gewohnte Schweigfamfeit unterbrachen. Cr reöete 
auch bann fehlest, balö ftocfenb, balö wieöer in oer* 
haltetter Cnergie öie IPorte herausftofcenb, bafc fte ftch 
überfpruöelten, unö öabei mit einem geifiesabwefenöen 
Hlicf unö < 5 eftd?t, als fpräche er nicht 3U feiner Umge* 1 
bung, fonöern 3U ftch fclbfl oöer unftchtbaren Ejörern 
irgenöwo in öer tPeite. 

„ 2 Pas beflagen Sie ftch öenn?" fagte er halblaut. 
„tPenn alles hiw anöers wäre, als es ift — öann 
wäre es h*ut3utage Feine Kunft mehr, öas Peutfdjtum 
örüben öurch öie IDilönis 3U tragen. Uber es trofebem 
thun — auch wenn man bei öer ^eimFehr oon oieleit 
mifcoerftanben wirö — meinetwegen auch oerleumöet 
unö oerurteilt — unö es unoerbittert thun — im (Se* 
öanfen, bafj man ein befferer ZHann ift als öie anöern 
— öas, meine ich, ift geraöe echt öeutfeh. Penn öas 
heifjt, eine Sache um ihrer felbft willen thun. — 3 ch 
bin nicht öeutfeh, um 0 röen 3U Friegen uitö in Öen 
Leitungen gelobt 3U weröen. 3^h bin öeutfeh, weil ich 


mu§. HismarcF hat auch gefagt: wenn er fd?on einem 
(Teufel oerfchrieben ift, öann ift es ein teutonifcher. 
Pas — öas oerfteh ich- Pas ift mir aus öer Seele 
gefprodjen." 

Cr lehnte ftch über SchalcFes Stuhl, mit beiöen 
Qänöen ftch auf öeffen Cehne ftüfeenö, unö fprach leife, 
einöringlich: „Cins thut not — öas mu§ man öie 
Ceute h^r lehren — öas — öas mufj jeöer fte lehren, 
öer fo öenFt wie ich: Peutfchtum — öas h*ifc* Herren¬ 
tum. Herrentum h^iftl hart fein. 3<*? bin hart. Kud? 
gegen mich. 3^h fchone mich nicht. 3^ weijj, öafj ich 
einmal in Kfrifa 3U (ßrunöe gehn weröe — oielleicht 
balö — oielleicht fpäter. <ßan5 einerlei. 3^ habe 
gelebt, wie idfs oerftanöen habe. 5ür Peutfdftanö. 
Pem habe ich eben alles gegeben, was ich Fonnte unö 
hatte, unö bin ftols öarauf. — Unö meinen öeutfdjcn 
Stol3 — Öen laffe ich mir oon Öen Kerlen nicht oer* 
gäHert, öie. mich iiiev anfläffen ... So — öas 
wollte ich fügen . . ♦ weiter nichts." 

Kls er plöfclich, ftoftweife, mit feiner Heöe einhielt, 
fchwiegen alle. Cr hatte gan3 anöers gefprodjen als 
fonft, in einem Kusbrud? oon Ceiöenfchaft, öer felbft 
öie (geführten feiner Kämpfe unö HTitheit überrafchte. 
Pon öiefer Seite hatten fte ihn Faunt einmal örüben 
oor oöer nach irgenöeiner großen (ßefahr Fennen 
gelernt, öie ihn nach feiner IPeife, heiter unö mitteilfam 
5U machen pflegte. 

E)err oon Hraunfd?eiöt fprach enölidj öas erlöfenöe 
IPort. „Per Peubel foll alle öeine 5 einöe holen, mein 
Sohn," fagte er mit feinem groüenöen Härenbafc. 
„Pas wünfehe ich bir als frommer Chrift,* uitö öabei 
gab er feiner (ßattin einen KugcnwinF, öie (Tafel auf* 
3uheben. 

3 m Hebengemad? fefete ftch, währenö öie anöern 
herumftaitöen unö rauchten, 3U 3uttas Crftaunen Kroiö 
an ihre Seite. Kber er blieb ftumm. Ceilnahmlos wie 
nur fonft immer. 

Pas Schweigen 3wifchen ihnen beörücFte fte, unö fte 
fragte halblaut: „Cins begreife ich nicht, Kroiö. KU 
öeine 5reunöe ftnö öod] jeöer 00m anöern fo oer* 
fdfteöeit. 2 Pie Friegft öu öie nur alle in KfriFa unter 
einen £}ut?" 

„Sie wollen eben alle öas (ßlefche.* 

„IPas Öenn?" 

„Pas, was ich will." 

„HTüffen fte öenn öas?" 

„ 3 a — fte müffen." Seine Sprechweife war langfam, 
fchleppenö. Cr rücfte mechanifdj Öen 5 wicFer 3urecht. 
„Pas haifet: ich swinge niemanö. Pas ift nur fo ein 
Cinflufc — mehr innerlich ..." 

„Über wie machft öu öenn Öas?" 

Cr 3ucfte öie Kdtfeln. „Ulan muß eben öenFen Founen: 
idi willl Kber wirFlich! Kus gan3er Kraft! Pas 
fpringt öann auf öie anöern über. Sie folgen einem. 
3d? glaube, ’s ift angeboren." 

S ortfeftung folgt. 


6 Ö 


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Hummer 3 \ 


Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten- 

Seo&adituitgen über bas EDirtfd^aftsleben ber Bereinigten Staaten Don Ainerifa. 

Von CtldWig max 0OUlDcrgCr # Berlin. 


in. 

Arbeitervereinigungen unb 3 n ^ u f tr ' eocr ^^ n ^ c - 

Hi^t alles iß eitel £id?t unb Sonne tu bem gaubergarten 
ber Bereinigten Staaten! 

Der EDiberßreit uitb bie (Segenfätjlichfeit 3wifchen Arbeit¬ 
geber unb Arbeitnehmer ßnb, wie bereits in bem voran* 
gegangenen Abfdpttitt geßreift, in ber Union nod? fdjärfer 
als anberwärts, vielleicht metl Arbeitgeber unb Arbeit* 
nehmet einanber in ben (Siunbanßhauungen unb (Srunb* 
beßrebungen fo außerorbentlicfj ähneln. Die beiben (Sruppeu 
bewegen ftd? bort buretjaus auf bem gleichen Boben bes 
(Selberwerbs. Don Sentimentalität ift nicht bie Hebe. 
Ueberall ftarrfte 3 n ^ ere ff enüer ^ retun 9 * ^ a 3 u fommt, baß von 
einer Arbeiterfürforge im Sinn unb (Seift unferer fo^ial* 
politifchen Einrichtungen nirgenbs ein Ejauch 3U rerfpüren ift. 
Die Arbeitergefefcgebung ift in ber Union überaus bürftig 
unb nicht einmal einheitlich; fie befchräuft ßß auf (Sefetje 
gegen „Boyfott", gegen „fd?war3e Stiften" unb über „Ad?t* 
ftimbenarbeit", bie aber lebiglich in einseinen Staaten in 
(Seltung ßnb. Hur für alle von ber Bunbesregierung felbß 
angeßeüten ober bekräftigten perfouen bilben einheitlich 
acht ftunben bie (Eagesarbeit. 

Die Kinberarbeit in ben (fabrifen harrt m ben meißen 
Staaten ber Union noch ber gefetjlichen Hegclung. 3 n ^ eu 
Sübßaaten arbeiten nach 3uverläfßgen Schälungen in ben 
(Eejtilfabrifen ungefähr 20000 Kinber unter H 3 ahren. 
Aus Horbfarolina wirb amtlich berichtet, baß bort 760 5 Kinber 
unter 3 a ^ ren in 26 ( (fabrifen befchäftigt ftnb; Aehnliches 
ift ber fall in Sübfarolina, (Seorgia unb Alabama, mit bem 
Unterfchieb, baß ein großer (Eeil ber bort befchäftigten Ainber 
noch nicht einmal bas 3tvölfte £ebensjahr erreicht hat. Unb 
biefe Ainber arbeiten oft u —\2 Stunben beit (Lag. 

Jür bie in ben (fabrifen vorfommenben Unfälle ber 
Arbeiter ftnb bie Arbeitgeber nur infoweit verantwortlich, ab 
ihnen eine Schulb burch mangelhafte Einrichtungen nach* 
gewiefen werben Fann. 3 m übrigen gelten für berartige 
Unfälle nur bie Beßimmmtgen bes gemeinen Hechts; bie 
Partei, bie ben beßen Anwalt hat, wirb entweber bie geringße 
Entfchäbignng 3ahlen ober bie h 5 <hß e erhalten. 

An ber Spitze ber Arbeiterorganifation bes £anbes ßeht, 
gleichfam bie Arbeiterbunbesregierung bilbenb, bie „American 
Jeberation of £abor", beren präßbent, Sefretär unb Scfjatj* 
meifter in EDafhington ihren Sitj h fl l ,en » Präftbent ift feit 
ber BegrÜnbung ber frühere gigarrenarbeiter f^err (Sompers, 
ein UTann von ungewöhnlichen ©rganifationsgaben, bem ich 
über Aufbau unb Ausgeßaltung ber (feberation manchen 
Auffdjluß verbau fe. 

3 n ber „American (feberation of £abor", 3U ber bie 
„Hational attb 3 n t*mational Crabe Untons" als Berufs* 
verbänbe, bie „State (feberations of £abor" als Staatsver* 
bänbe, bie „City Eentral £abor Unions" ober „Central bobies" 
als gentralßabtverbänbe, mit 3wei weiteren Unterabteilungen, 
ben „£ocal (Erabe Unions" ((Sewerffchaften) unb ben „(feberal 
£abor Unions" (gemifchte Arbeiterjdjaften), gehören, ftnb bie 
Arbeiter feft organißert. Die gaf^l ber alfo organißerten 
Arbeiter wächß außerorbentlich; ße betrug im 3 a h r 19 °° 
900000, Enbe 1901 fchon \ 500 000; Enbe biefes 3 ahrs 
wirb ße vorausßchtlich 2 000 000 überfteigen. 

Der Aampf 3wifchen organißertem Aapital unb organt* 
ßerter Arbeit trat im Dorjahr burch ben Streif ber Eifeit* unb 
Stahlarbeiter befonbers ernßhaft in bie Erfcheinung. EDegeit 
ber £ohnfrage h atte es früher fchon öfter partielle Streifs 
gegeben, bei benen bie Arbeiter Erfolge erhielten. Die 
„Elmalgamateb Affodation of 3 ron anb Steel anb (Ein IDor* 
Fers" verlangte biesmal von ben Arbeitgebern bie ofßjielle 
AtterFennung ber völligen (Slcicfjberechtigung bes Arbeiter* 
verbanbs mit ben Aapitalsvereinigungen. Die (fotberung 


brang nicht burch. Die (Srüuber ber „Uniteb States Steel 
Corporation" hatten über alle (Sebiete ber vereinigten fabrifen 
itt einer ganjen Heitre von Etabliffeinents aus fch ließ lieh folche 
Arbeiter angefteüt, bie ber „Amalgamateb Affociation" nicht 
angehörten. Damit waren für ben Streiffall immune (Sebiete 
unb 5uglei<h Anjiehungssentren für bie 3um Abfall bereiten 
Elemente gefdjaffen, fo baß bie Aufrechtcrhaltung bes Betriebs 
in gemijjen (Sre^en ermöglicht würbe. Da3u Farn, baß unter 
ben Arbeiterführern felbft UTeinungsverfchiebenheiten herrfchten. 
Der eine befretierte einfach ben Streif unter Dertragsbruch, 
ber anbere erflärte bie Hicbteinhaltung eines gefchäftlicben 
Abfommens für ein ferneres Dergeßen. 

Ungleich beßeren Erfolg h a l* e „American (feberation 
of £abor" in ihrem Ejauptrefrutierungsgebiet Kalifornien. 
3 m EJochfommer vorigen 3 aßrcs hatten bie Spebiteure unb 
(Sroßfaufieute von San Francisco ihre 3ur Union gehörigen 
Arbeiter, (fuhrleute, Derpacfer ausgefperrt, weil biefe ßch 
geweigert hatten, aus ihren ©rganifationen aus3utreten. Die 
Seeleute unb Docfarbeiter erFlärten hinauf aus „Sympathie" 
mit ben Ausgefperrten ben Streif, ber über 25 000 Arbeiter 
umfaßte. Es gab fernere Stocfungen, h arte Derluße, auch 
(Eumulte; fchließlich Farn burch Dcrmittlung bes Staatsgou¬ 
verneurs ein Aompromiß 3U ftanbe. Die Eittmifchung ber 
republifanifchen Staatsregierung war in Hücfßcht auf bie nahe 
bevorftehenben ftäbtifchen Wahlen in San Francisco erfolgt. 
ETCan befürchtete einen Abfall ber Arbeiterßimmen von ber 
republifanifchen Partei. Die Befürchtung war gerechtfertigt. 
Es bilbete ßch, ba auch bie bemofratifche Partei ßch ben 
Arbeitern unliebfam gemacht hatte, in aller Stille eine lofale 
Arbeiterpartei, bereu Programm mit einigen foialißifchen 
Jorberungen aufgeputjt war. Das Ergebnis war, baß bie 
Arbeiter fünf ber 3 hren in ben Stabtrat brachten unb bie 
U?ahl bes präfibenten bes IHußferverbanbes 3um Bürger* 
meißer burchfefetcn. Das Beifpiel von San (francisco ift in 
E^artforb im Staat Connecticut unb in brei anberit Fleineren 
3 nbußrießäbten biefes unb bes Staates UTaßachufetts nach* 
geahmt worben. EDährenb bes jüngfen Streifs ber Straßen* 
bahnangeßeüten in San Francisco, Enbe April b. 3 ** mar 
ich Augen3euge ber Dorgänge, bie alle aufs tiefße erregten. 
Der Streif enbete unter bem ermunternben gufpruch bes 
Publifuins unb ber preße mit bem vollßänbigen Sieg ber 
Streifenben, bie fogar von ber Kanjet herab gefeiert würben. 

Die große Bebeutung biefes Streifs liegt nach meiner 
UTeinuttg barin, baß er über bie. (greifen San (franciscos unb 
Kaliforniens hinaus weithin unter ben organißerten Arbeitern 
ein lautes Echo gefunben hat unb 3ur Bilbung einer großen 
Arbeiterpartei über bas ganje £anb führen bürfte. Hoch vor 
3wei 3 a hr* n hat ßch präßbent (Sompers 3U einem mir be- 
freunbeteit, fehr angefeh'enen UTann bahin geäußert, baß bie 
amerifautfehen Arbeiter ßch jeber felbftänbigen politifchcn 
Bethätigung enthalteh, unb baß ein bemerfeuswerter Unter¬ 
fchieb 3wifchen ber beutfehen unb amerifanifchen Arbeiterfchaft 
barin heftete, baß bie ©rganifation ber Arbeiter in Deutfdjlanb 
eine politifch*wirtfd?aftlicf?e fei, währenb bie amerifanifcheit 
Arbeiter weiter nichts im Auge hätten, als bie IDahrung 
ihrer wirtfchaftlichen 3 ntereffen. Es iß eine CE^atfacipe, ba§ 
bis in bie jüngße geit bie Disfufßon politifcher (fragen in 
ben amerifanifchen (Sewerffchaften ßreng verpönt war. 

Als ich mit £?errn (Sompers unter bem Einbrucf bes eben 
bamals ausgebrodheueit Kohlenarbeiterßreifs bie altgemeinc 
Situation befprach unb feine Uieinung herüber- wie über bie 
großen Kapitals* unb 3 nbuftrievcrbänbe, wie fie u. a. in erßer 
Heihe bie (Erufts barftellen, erbat, antwortete er mir: „UTit 
Abraham £incoln fpreche unb meine ich: ,Das Kapital ift 
bie (frucht ber Arbeit unb Fönnte ni(ht beßehen, hätte bie 
Arbeit nicht vorher beftanben. Deswegen verbient bie Arbeit 
bie viel häh ere Berücfßdjtigung.* EDir wollen bas probuft 


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stummer Z{. 


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ber Arbeit fiebern. 2 Xnbrerfcits ift ber Jelb3itg gegen bie 
(Erufts ebenfo roirtfd>aftlich ttnmobern, rote her gegen bie Kr» 
beiteroereinigutigen. 3 eJ)e Partei muß fehen, 3U ihrem Hecht 
3U Fomnten. KUes muß auf ben prafttfcfyen Boben geftellt 
roerben; babei ift es nur bie Kon3entration, bie StärFe per* 
lei^t.* Unb als tdj ihm bann fagte: „ 3 <h frnne bie 2 Xuf* 
faffung, bie Sie por einigen 3 ah r * n ausgefprocfyen haben, unb 
möchte jefct non 3h n * n baren, ob, roie man mir berichtet bat 
bie ,Kmertcan Jeberatton of £abor‘ bie Kbficht bat eine 
eigene politifche Partei 3U bilben", entgegnete er: „ 3 a unb 
nein. IPir finb 3ur geit Feine politifche partei. natürlich 
roollen roir (Sefefce haben, bie uns förbern; baher muffen roir 
burch bie PolitiF unb burch bie pon uns 3U erftrebenbe politifche 
HTacht uns Hinflug für unfere gute Sache perfdjaffen." 

Ko^entration ftebt gegen Ko^entration, unb ber gu- 
fammenprall ift feijr häufig unb febr fcharf geroefen. Pie 
XPafhingtoner Eingaben 3eigen, baß in ben 3 a b r ^ 1881 bis 
1901 bte gahl ber StreiFs, Me Kusfperrungen nicht mit- 
gerechnet, tn ben Pereinigten Staaten 22 793 betragen bat 
unb baß bie hierbei in Betracht Fommenbe gatjl ber JabriFen 
ftch auf u? 509 beläuft. Pie Arbeiter haben babei an £Öhnen 
258 Millionen Pollars eingebüßt, bie beteiligten JabriFen 
baten ihren Perluft auf (23 millionen Pollars eingefchä^t. 

(Es ift nur natürlich, baß folche StreiFs mit ihren £aften 
ben (BebanFen auf beiben Seiten haben heranreifen taffen, bie 
rorhanbenen 0 rganifationen 3U benutzen, nicht um ben Jrieben 
herjnftellen, nachbem ein langer StreiF bie fchroerften 0 pfer 
«gefordert hat, fonbern um porher bie Störung bes Jrtebens 
3U oerhtnbern. Pie cor etroa 3roet 3 a h ren aus ber „(Eioic 
Jeberation" in Chicago herporgegangene „national Cipic 
Jeberatton", mit bem Xjauptfitj in Hero tJorF, hat ftch biefer 
Aufgabe geroibmet Unter bem Patronat ber „national Cioic 
Jeberation" bejiehungsroetfe ihrer „inbuftriellen Abteilung" — 
bereit giel es ift, ftch allmählich 3 U einem (Einigungsamt aus* 
guroeiten — Farn im Pe3etnber bes porigen 3 ahres tn nero IJorF 
eine Konfercnj 3U ftattbe, bie befdjlog, einen permanenten 
Kusfchuß aus Pertretern bes „(SroßFapitalismus", ber 
„Krbeiterorganifationen" unb ber „roeiteren 0 eff ent lieh Feit" 
eit^ufegen. Pem Uusfdjujj rourbe aufgegeben, eine Krt 
ftänbi^en (Berichtshofs 3U bilben, por beffen Jorunt 
Pifferengen sroifdjen Krbeitgebern unb Krbcituehmeru auf 
gütlichem IPege mit ber (Eenben3 ausgeglichen roerben 
follen, eine möglich^ bauernbe Perftänbignng 3roifd?en 
Kapital unb Krbeit, 3roifchen Unternehmern unb Kngeftellten 
an3ubahnen unb anfred^uhalten. „Kapital unb Krbeit 
feien 3 n f a ffen bes gleichen Kaufes, in bem bie IPohlfahrt 
eines jeben pon ben gegenfeitigen Ko^efftonen an bte Hechte 
unb pripilegien bes anbern abhättge." Pem obenerroähnten 
Kusfdjuß gehören bte herporragenbften £eiter pon inbuftriellen 
^Befellfdjaften, großen Bahnen unb (Sefchäftsbetrieben an; 
ferner bie Jührer ber Krbeiterorganifationen auf ben roirt* 
fchaftlidjen t^atiptgebieten. Unter Öen männern ber „roeiteren 
0 effentlichfeit" beftnbet ftch ein C^bifcfjof, ein Bifcbof unb 
ber präfibent ber i^arparb-Untperfität. 

Bis 3ur Hieberfdjrift biefer geilen haben bas (Einiguitgsamt 
nnb fein permanenter Kusfdjuß thatfächliehe (Erfolge nicht 
e^telt gahlreidje StreiFs fanben ßatt, ohne baß beren Kits» 
brach perhinbert roerben Fonnte. Paß bie Jührer hüben 
unb brüben ab unb 3U einen QänbebrucF austaufchten, hat 
fre etnanber innerlich nicht nähergebracht. Pie großen 
Kapitalsaffo3iationen fehen eine anöere Kffo3iatton mit äieL- 
beroußter fjartnäcfigFeit ftch ausgeftalten, unb fte roiffen, baß 
bie Kbftchten, bie hierbei leitenb unb beftimmenb jtnb, mit 
benen ber Kapitalsoligarchie 3ufammenftoßen unb bas KTa<hr- 
oerhältnis perfchieben Fönnten. Pie „neue Partei", bie in bett 
bereinigten Staaten porerft nur loFal bebütiert hat, roirb, fo 
glaubt man, halb in einer für manchen überrafchettben Stärfe 
auf bem plan erfcheinen, ohne baß man bie roirtf<haftli<he 
(Eragroeite ab3umeffen in ber £age roäre. 

Pas ift ber äußere (Segner, ber bie (Erufts aus ihrer 
umfltchen ober fcheinbaren Sicherheit auffchrecfen Fönnte. 
Unb ber innere (Segner, ber pielleicht noch früher ge¬ 
fährlich roerben Fann, ift ber 0 rganismus ber (Erufts felbft, 
in bem manuigfache (Eeile allgemein roirtfchaftlicher uttb be- 


fottbers ftnan3teller Hatur eingegliebert unb eingebaut rouchern, 
bie als gefunb ober roiberjianbsfähig nicht be3eichnet roerben 
bürfen, ober hoch ihre Teilung ober Erprobung im £anf ber 
Seit erft erroeifen muffen. 

Hicht bas XPefen, aber bie Jorm ber (Erufts hat im £auf 
ber geit mannigfachen XPanbel erfahren. Urfprünglich be* 
3cichnete man mit bem Hamen (Eruft eine Pereinigung pon 
inbuftriellen (ßefellfchaften, bei ber bie Beteiligten ihren Befifc 
an KFtien ber Cinjelgefellfchaften in bie E^anb pon Per- 
trauensmännern („(Eruftees") legten unb fleh baffir eine ent- 
fprechenbe Summe pon (Eru^ertiftFaten an bem (Sefamt* 
unternehmen ausftcllen ließen. Per groeef ber Pereintgung 
roar immer bie thunlichfte Perrtngerung ber probuFtions-, 
Perroaltungs* unb PertriebsFoften, bie Schaffung einer Krt 
monopol, bie möglichfte Kusfdjließung ber inläubifchen Kon- 
Furren3 unb bie felbftänbige Beftimmung ber Preife. Per 
„Stanbarb 0 il (Ernft" unb ber „gucFer (Eruft" roaren öerart 
aufgebaut. Seitbem bie Bilbung fold^er Krt pon Crujts all¬ 
gemein als ungefefclich erFlärt roorben roar, organifterten 
ftch bie Crufts unter bem „Korporationsgefeö". Unb bas 
führte innerhalb bes abgelaufenen Pe3enniutns unb h* er 
roieber hauptfächlich innerhalb ber letjten Pier 3 a h r o 3U einem 
fabelhaften, faft alle probtiftionsgebiete umfaffenben Kn- 
roachfen ber neuartigen (Eruftgebilöe. Pie 3 abifatur ift ihnen 
gegenüber beinah in allen Staaten ber Union bie gleiche 
geblieben: auch biefe (Erufts feien ber „öffentlichen IPohlfahrt 
entgegen unb ungefetjlich". 

3 n ben Pereinigten Staaten flreiten 3roei Hechtsanfchau* 
ungett miteinanber, bie beibe eigentlich in ber (Eheorie auf 
ber nämlichen (Srunblage beruhen, in ber Praxis aber ein- 
anber faft ausfchließen. 3 e ^^ m KmeriFaner gilt es als ein 
unantaftbares (Srunbrecht, baß bie Kusübung pon fymbel 
uttb (Seroerbe frei fein müffe. Kus biefem (Srunbrecht er- 
giebt ftch mit gleicher Schlußftcherheit, baß bte (Sefeggebung 
in bie Jreiheit ber geroerblichen Perabrebung nicht h*mmenb 
eingreifen barf, roie baß bie geroerbliche Perabrebung unter 
Feinen Umftänben befugt ift, ben freien IPettberoerb, beffen 
Jortbauer im öffentlichen 3 ntcr effe liegt, 3U beeinträchtigen 
ober gar auf3uheben. (Einerfeits haben (Sefeggebung unb 
3 ubiFatur ftch bisher bemüht, ben (Erufts in ihren alten unb 
neuen Jormen burch befonbere Perbotsgefetje ober burch 
(Sefegesauslegung ben Hedhtsboben 3U ettt3iehen; unb anbrer- 
feits hat bie „(Senialität" ber atneriFanifchen Knroälte es 
noch alle3eit perftanben, bie (Erufts burd? immer roechfelnbe 
formale Kusgeftaltitng unb (EinFleibung ben Jangarmen pon 
(Sefeft unb (Bericht 3U entrüefen. EJüben unb brüben betont 
.man ben (Brunbfatj ber „roirtfchaftlichen Jreiheit"; hoch bie 
beiben Parteien haben (Entgegengefetjtes im Kuge, wenn fte 
pon ber „Jreiheit, bie ich meine" fprechen! 

3m übrigen ftitbet ftch eine fiare unb einroanösfreie 
Peftuition beffen, roas unter, einem '(Eruft ber3eit'3U perftehen 
ift, ttirgenbs, 3umal eine KobiftFation^ in ben Peremigten 
Staaten nicht befteht Paher Fommt es, baß mpn vielerlei 
bunt burcheinanberroirft unb unterfcheibungslos SpnbiFate 
unb Kartelle mit (Erufts perroechfelt, roährenb als (Erufts 
roohl nur folche 0rganifationen an3ufehen finb, bie fich inner¬ 
halb beftimmter (Seroerbs3roeige ober für beftimmte (Seroerbs- 
gebiete Fapitals- unb betriebsmäßig pereinigt ober gemein- 
famer £eituug unterteilt haben — oft unter gleid^eitiger 
Kontrolle bes Hohmaterials. IPenn ich pon biefer Begriffs- 
begren3ung ausgehe, fo Fotnme ich, nach genauen per {. 3 uni 
biefes 3 ahres abgefchloffenen Jeftfieüungen, 3U ber (Ehatfache, 
baß bie in ben Pereinigten Staaten 3Ur geit arbeitenben (Ertifts 
ben überroältigenben Hominalbetrag pon 6,2 JTtiUiarben 
Pollars aufroeifen, roopon allein 2227,8 HTillionen auf bie 
(Eifen* unb Stahlinbuftrie, 567 JTtiIlionen auf bie XTIetaUinbufirie, 
5 ( 5,6 Millionen auf bie Hahrungsmitteiinbuftrie entfallen. 
3 ?ner Betrag pon 6,2 ITTitliarben Pollars macht 63 projent 
bes gefamten in ber ameriFanifchen 3 n & u ftrie inoeftierten 
Kapitals aus, bas pon mir im erjien Kbfchnitt auf 987 $ 
IHilltonen angegeben roorben tft. 

Per neuerlich aufgenommeite Jelb3ug gegen Kartelle unb 
(Erufts, hier hauptfächlich auf (Srttnb bes föberatipen „groifchen- 
ftaatlichen Qanbelsgefe^es" gegen bie 3« reinen preis- 


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Seite \W 8 . 


Hummer o\. 


pereinbarnng peretnigten Schlachthausfrmen in Chicago, bort 
wcfentlid? gefügt auf bas föberatipe „Shermanfdje Hiiti- 
(Erufgefefc" gegen bie neufte form ber (Erufts, ben „ITTerger", 
wie er ftdj in ber in ber .Bortherit Securities Company" 
gebilbeten (Eifenbahnerwerbsgefellfchaft barftellt, bdrfte 
wieberum mit einer Bieberlage ber Angreifer enben. Kleine 
amerifanifchen freunbe glauben, ber präiibent felbf wolle 
nur befunben, baß, fo lange einmal <Sefetje hefteten, fte auch 
beobachtet unb burdjgeführt werben muffen. (Erweifen f dj 
bie ©efefce ber beseitigen (Entwicflung gegenüber als un* 
3ulänglich ober fdjäbigenb, fo muß Befferes an ihre Stelle 
gefetjt werben: es müffeit neue inhaltsreiche formen ge* 
funben werben; por allem bürfe bas (ßefellfchaftsfapital nur 
bem greifbaren Befttjtum entfpredjen, unb größtmöglich)^ 
©effentlichfeit fei erforberlich. Dem präfbenten, ber ein 
begeiferter Bewunberer unferer bentfehen Uechtspfege if, 
fchwebt feierlich unfer hetmifdjes AFtienrecht por. Aber er 
ift in erfter Heihe Patriot. (Er empfnbet, baß bie Schwäche 
bes amerifanifchen weltwirtfchaftlichen ZDettbewerbs in ber 
ftnanjtellen Konfruftion ber großen Kapitalsajf^iationen liegt. 
Selbft auf bie (Sefahr h^ baß ihm Auffaflfung bie 
IDieberwahl in 3wei Jahren gerabe in ben Kreifen feiner 
eigenen Partei ungemein erfchweren wirb, fiellt er es fd? als 
eine Art £ebensaufgabe, ben öfoitomifchen Organismus bes 
Dolfs überall burd? fefe fügungen 3U ftärfen; weiß er bodj 
3ugleich, baß in breiten Kreifen ber politifchen unb wer!* 
thätigen Bepölferung ein ftarfer Antagonismus gegen bie 
Kapitalsaffo3tationen ber (Erufts porhanben if. 

Die Situation if bie: bie Amerifaner 3ahlen bie fabrt* 
fate nicht bloß nach ben inneren Bebingniffen ber ^eimtfd^en 
Probuftion, fonbem mit bem Pollen gufdjlag bes Schut^olls. 
Der allgemeine wirtfchaftliche Auffchwung if aber 3ur §eit 
fo mächtig, baß ber (Ei^elne an ben erhöhten iubireften 
£afen feinen Anfoß nimmt, tpeil bie glänseube (Sefamtlage 
auch auf ihn felbf — fei es in (Sef alt befferer £öhne, fei es burch 
guten (Sefdjäftsgang — einwirft unb ihm ermöglicht, £eifungen 
3U erfchwingen, bie pon ihm unter anbern Derhältniflen, bei 
rüefgängiger Konjunftnr, als fehr brücfenb empfunben würben 
ober pielleicht überhaupt nicht getragen werben fönnten. 

hierin, im Aufbau ber großen Kapitals« unb Jnbufrie» 
fombinationen unb Affo3iationen bes £anbes, liegt einer jener 
wirtfchaftlich nicht gefunben (Eeile, non benen ich 3uoor ge* 
fprodjen habe. Ungefunb um fo mehr, als tn ber ftnan3iellen 
(Srunblage biefes Aufbaus bereit weite £ücfen flajfen. 

Die Kapitalifation ift oft unecht unb f ftip; 3umeif feilen bie 
gewöhnlichen Aftien, fehr oft auch bie Dosugsaftien nicht im 
entferntefen ben wahren IDert ber eingebauten ©bjefte bar. 

Daraus unb aus bem Umftanb, baß bie Drehzahl biefer 
XDerte nur auf bie (Ertragsfähicjfeit be3w. auf ben (Ertrag 
gefeilt fnb, ergiebt fch bie große (Sefahr für bas publifum, 
bas biefe IDerte 3ur Anlage gefauft hat ober fauft. Die Aftien, an 
unb für fch nur 3um (Eeil funbiert, fönnen für bie Kapitalien 3U 
wertlofem Papier werben, wenn bie Hente für lange Seit aus» 
bleibt ober wenn eine £iquibalion bes Unternehmens eintritt. 

Bis jetjt haben bie Jnbufriegefellfchaften be3W. bie (Erufts 
3umeif Dioibenben auch auf bie Aftien ge3ahlt ©b unb 
wie weit bie Dioibenben wirflid? perbient unb aus ben that* 
fächlichen (Erträgniffen besatft worben fnb unb be3ahlt werben, 
läßt fch — gari3 abgefefjen pon ben als Ausnahme überall 
porfommenben beabfehtigten fraubulofen Derfd?leierungen — 
pon einem Außenfehenben nicht beurteilen ober genau er¬ 
mitteln. Die Bilan3en werben in ben bereinigten Staaten 
nicht fo aufgefeüt wie bei uns. Alles geht ins (Sroße, unb 
man begnügt fch mit allgemeinen Angaben ohne Details. 

Die (Srünber ober promotoren h a ^ e n ihren Aftienbeftj 
wohl 3umeif abgefoßen unb in bie breiten Kanäle bes 
publifums geleitet, ©ber fte warten, bis bie (Ertragsfähig¬ 
feit eines Jahres ben Abftoß ermöglicht. Auf ber anbern 
Seite bleiben fe in finan3fynbiFaten für bie pon ihnen ge* 
fchajfenen EDerte weiterhin thätig, faufen unb perfaufen in 
Kenntnis ber jeweilig ihnen 3uerf befanntwerbenbeit Dorgänae 
unb beteiligen wohl auch bie (Sefellfchaften felbf an ben betref« 
fenben Spefulationen. ©b fch hier immer (ßeminn für bie Jn* 
bufrie ober auch manchmal Derluf ergiebt, if unburchftdjtig. 


Durch bie nüchterne Darlegung biefer Der höltnijfe, bie fch auf 
in ei^elnen fällen pon mir noch befonbers f ef gefeite (Ehatfachen 
füi$t, beren Aufzählung aber 3U weit führen würbe, will ich 
nur 3eigen, baß bas XDort pon ben Bäumen, bie nicht in ben 
Ejimmel warfen, auch hier (Seltung hat* 3 n bem f nan3iellen 
Jfunbament ber Jnbuftrie unb ber (Erufs liegt bie Stärfe bes 
amerifanifchen (Sewerbefeißes wahrlich nicht! Unb ba bies 
ein fehr wefentlid?es ÜToment ift, fo hat man benen entgegen* 
3titreten, bie, fei es in ber Bähe ober in ber ferne, bie redete 
ITCaßabfchäfcung oerlieren. Soldes Fehlurteil fnbet fich hönfg 
brüben in „titanifchem" Uebernehmen; bei uns fnb es bie 
gelehrtefen UTänner Pom grünen (Eifch, bie bereits ben (Er* 
oberungs3ug bes Amerifanismus burch bie gan3e EDelt als 
eine (Ebatfadje hinnehmen unb fe mit fuggerierenber EDirfung 
weithin perfünbigen. 

Jn ber Hoffnung auf Deripirflichung eines glüeflichen 
gufuitftsbilbes liefern bie Bürger ber Union, pielleicht 3um 
(Eeil unbewußt, in ben h°h en Preifen für ihre (Sebrauchs* 
gegenftänbe 3ugleich bie Ulittel 3ur Unterbietung ber fremben 
Jnbufrien auf fremben Ulärften. Doch fo empfnblich bas 
(Semüt bes Amerifaners auf patriotifche Hebungen reagiert — 
auf bie Dauer reagiert fein (Selbbeutel noch empfnblicher auf 
eine 3umal fachlich nicht gerechtfertigte bauernöe Jnaufpruch* 
nähme. €iner ber herporragenbfen Bem tjorfer finan3iers 
fagte mir wörtlich: w Das amerifanifche Dolf if feiner Batur 
nach ein fyntbelsoolf unb läßt feine Angelegenheiten nicht pon 
(Sefühl unb (Eheorien beftimmen. Der Durchfchnittsamerifaner 
fragt fch immer: was wirb es fofen? IDirb es fd? be3ahlen? 
IDas für einen Dorteil werbe ich baraus jiehen?" 

Daher if ber plan einer wirtfchaftlichen EDeltUnterjochung 
burch bie bereinigten Staaten, wie er 3um Schaben bes 
heimifchen Derbrauchers u. a. mit einem bauernben unb 
wohlfeilen Abwerfen obbachlofer Jnlanbsprobuftion auf bie 
EDeitmärfte in unmittelbarem gufammenhang fehen würbe 

— fo groß unb mächtig ber beseitige (Entwicflungsfanb bes 
U^irtfchaftslebens ber Union if — mehr fühn als ausführbar, 
unb er bliebe bas, felbf wenn bie Kraft brüben noch weit 
größer wäre, als fe wirflid? if. (Es liegt, oon allem fonfigen 
abgefehen, bie bare Unmöglichfeit por. IDohl Faun ein 
Staat bie anbern burch (Sewaltmittel unb fonfige UTaßnah* 
men öfonomifch fchäbigen. Doch auf bie £änge ber geit hot 
auch bie Bation, pon ber bie Schäbiguttg ausgeht, hi erüon 
feinen Butjen, fonbem Bachteil. Dauernb läßt fich ein (ßüter* 
austaufch nur bann erhalten, wenn alle (teile baraus Butten 
3iehen, was eine relatipe unb 3eitweilige Ueberfügelung bes 
einen burch ben anbern nicht ausfchließt. IDenn irgenbwo 
ein £anb bem anbern IDare unter bem UTarftwert ober gar 
unter bem (Sefehuitgswert überläßt — aus welchem (ßrunb 
immer es gefcheheit mag — macht es ihm ein (Sefcheuf ober 
3atft ihm einen (Eribut. Daß aber anbauerube (Sefd^eufe ober 
(Eribut3ahlungen ben bamit Bebachten wirtfchaftlich jurücf* 
brächten, faitn fnuigerweife nicht behauptet werben. 

(Es wirb eine §eit Fommen, in ber man fch in ben Der* 
einigten Staaten fagen wirb, baß es hoch eine befonbers nn* 
willfommene Kehrfeite barfelle, wenn ber Amerifaner feinen 
Bebarf überteuer bejahen müffe, bamit ihn bas wirtfchaftlich 3U 
unterjochenbe Auslanb billiger, fogar unter bem ©efehuitgs* 
preis, erhalte. Daher glaube ich, baß ber amerifanifdje 
Konfument allmählich immer mehr 3U folchen Betrachtungen 
gelangen muß. Unb weil bies ber fall fein wirb, fo meine 
id? auch, baß bie probi^enten felbf, in fiihlerer Abwägung, 
3umal wenn fe erft Derlufjahre burchgemacht haben werben 

— bie bod? unausbleiblich fnb, unbefchabet ber «unbegrenzten 
UlÖglichfeiten" im eigenen £anb — fch ber €rfenntnis 
nähern werben: baß fich ein ftetiger unb gefunber Außen* 
hanbel ( beffen bie immer mehr anwachfenbe Jnbufrieer3eugung 
bringenb bebarf, nur auf bem Boben langfrifiger (Earif* be* 
3iehungsweife f^anbelsperträge erhalten unb fortentwicfeln 
läßt, unter Befeitigung eines ungeheuerlichen prohibitipen 
^ochfchu^joüfvfems, bas nicht ber (Sefamtheit bes Dolfs, 
fonbem auf bie Dauer nur einem (Eeil unb hier wieber nur 
übermächtigen Jntereffengruppen Bu^en bringt. 

(€in Sdjlu§urtifei folgt.) 


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Kummer o\ 


Seite 1^9» 



Di« Hoggetta Sanfovinos in Venedig, die durch den einfturx des ©lochenturms xerftdrt wurde. 


6fn zerftörtes Kunftjuwel. 

£7**1311 5 pfjotograptyfcfje 2 Iufnafjmen pon Sommer n. Sofjn urtb ©bätiacar. 



3n [einem 5aü hat der -HTarfus türm die £oggetta 
begraben. Sie ftand uertrauensooH äu den Süßen des 
geradlinigen Siefen und ©ermittelte wie ein freundliches 
Kind 3toifchen dem alten £}errn und 
den beweglicheren und fröhlicheren 
architeftonifchen ©efchöpfen, die 
den HTarfusplafe umfchließen. Dafür 
hat fte jefct der Klte mit in einen 
früttfeitigen (Lod geriffelt. 3h*er 
Vorgängerin erging es nicht beffer; 
damals aber, im 3ahr H89, fuhr 
nur der (ßipfel des tEurms, ©om 
Blife getroffen, herab und 3erfchmet* 
terte die Coggia, an deren Stelle 
50 3 a h*e fpäter 3acopo Sanfooino 
feinen Sau errichtete. Diefer hat 
jefet, wie es fcheint; felbft indireft 
3u feinem (Ende mit beigetragen, 
da HTaßnahmen in feinem 3nteref[e 
3ur Kbhaltung des Begenwaffers 
die fjaltbarfeit des (Eurms gefchä- 
digt 3U iiaben fcheinett. Den Curm 
wird man wieder aufbauen fönnen, 
in alter Sorm mit neuem STateriaL 
©b dies aber bei der £oggia der 
5aö ijt, wird daoon abtjängen, ob 
man unter dem Schutt die alten 
Sfulpturen und die architeftonifchen 
^ierfiücfe in genügender (Erhaltung 
aufftnden wird, denn diefe laffen 
ftch nicht 3um 3weitenmal, auch nach 
Photographien nicht, ins £eben 
rufen, wem ftch auch die bloßen 
XPerhältniffe des Bauwerfs re- 
fonfiruieren laffen. (ßerade die 
X7erhältniffe dtefes Keinen Bauwerfs 
find aber wohl nicht das befte daran. 

*5tnar finden ftch auch hierfür Diele Bronzeftatue der paUas von Sanfovtno. 


Bewunderer, aber den meiften wirb doch immer der 
obere (teil, die Kttifa mit der Baluftrade, 3U hoch er- 
fcheinen im Verhältnis 3U den Krfaden darunter. Das 
wirflich 3mponierende war die 
reiche und doch nicht überladene 
Kusgejtoltung als Deforationsfiüct 
Die frei ©ortretenden Säulen mit 
ihren Durchliefen r der beftändige 
tVechfel 3tr>ifCen reinen Krchiteftur* 
gliedern und Sfulpturen in Stfchen 
und Swicfeln, Socfeln und Kttifa, 
die Verfchiedenheit von Sarbe und 
Hlaterial, weißem und rötlichem 
Hlarmor, Stein und grünlich pati* 
nierter Broi^e — alles das waren 
Dinge, die den malerifchen (Eharafter 
des XVerfs ftarf betonten. 

lind hatte man dem Seichtum 
diefes (Batzen feine Bewunderung 
ge3oflt, fo begann man, die (Edel¬ 
heiten in der Sfulptur 3U betrach¬ 
ten. 3» &em oberen Sries wechfelten 
größere und Heinere Seliefs, in 
der BTitte thronte eine Vene3ia mit 
der IVage der <5ered?tigfeit, die 
IVaffergottheiten 3U ihren Süßen, 
linfs lagerte 3 u piter mit feinem 
Kdler als £}errfd?er ©on Kandia 
und rechts ihm entfprechend Venus, 
die <5öttin ©on (Eypern, und m den 
^wifchenfeldern faßen fleine put- 
ten mit den Symbolen ©enetianifcher 
Hlacht 3U £ande und 311 IVaffer. 
Darunter ftanden in ©ier Sifchen 
die bronzenen fjauptfignren ©on 
der Ejand Sanfooinos mit Seliefs 
an ihren Socfeln. (Es waren pallas 
Kthene, Kpoll, Hierfür und die 


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Seite 1150 . 


Rümmer 3\. 





Statue der friedeusgöttin. 


$riebensgöttin. Was 
bebeuteten fte für 
Denebig? £s ift 
uns bas <£gpoft bes 
Künftters felbft über¬ 
liefert worben, bas 
er über feine 5iguren 
©orlegte, unb es ift 
baher am beften, ihn 
felbft 3U R>ort Font- 
nten 3U laffen. £r 
fagte folgenbes: 
„Die Stabt Denebig 
übertrifft an Seit* 
bauer alle Republi- 
Feit infolge ihrer 
wuitberbaren Regie¬ 
rung unb ihrer Fon- 
fer©ati©en (Beftn- 
nung. Diefe £rhal- 
tung Fann aus Feiner 
anbern Urfadje her- 
©orgegangen fein, 
als aus einer fefyr 
hohen UJeisheit it^rer 
Senatoren. — Da 
nun bie eilten bie 
paßas für bie tüeis* 
beit barfteßten, fyabe 
ich gewoßt, baß hier bie 5igur einer bewaffneten paßas 
angebracht werbe, unb 3war in thatbereiter unb leben- 
biger Stellung. Unb weil äße Flug ausgebadtten unb 
bisponierten Dinge auch mit BerebfamFeit ©orgebracht 
werben müffen ..., h<*be ich ben RTerFur barftellen woßen 
als be3eicbnenb für bie pflege ber BerebfamFeit... 
Die lefcte Statue aber ift ber Triebe, jener Triebe, ben 
biefe RepubliF fo fehr liebt, burd? ben fte 3U folcber 
(Bröße h^rangewachfen ift unb ber fte 3ur RTetropole ©on 
gan3 3talicn macht, 3U £anbe unb 3U XDaffer, jener 
5 riebe, ben unfer Sjevv bem Befdjüfeer 
Denebigs, bem ^eiligen RTarFus, gab, 
als er 3U ihm fagte: „Triebe fei mit bir, 

RTarFus, mein <£©angelift." 

(EingebenF biefes Pro¬ 
gramms ©erfolgen wir 
nun bie Reihe ber 
Statuen, paßas in 
faji männlicher Klei» 
bung mitpanjer unb 
fjelm, £an3e unb bem 
mebufengefchmücPten 
Scbtlb 'ftebt einfach 
herausforbernb ba, 
bann folgt Kpoßo, 
bann RTerFur, ber ben 
erhobenen Blicf 3ur 
Seite wenbet unb bie 
Redete wie iit beleb* 
reitber Rebe empor- 
hält. <£tn nach ©orn 
3ugefpifeter 5lügelhut 
bebecFt feinen Kopf, 
ber Fur3e, gegürtete 
RocF laßt bie Knie 


BronzeCtatue des JMerbur. 


Bronzene ©tttertbür vor der Loggetta. 


frei, imb fo tritt bas 
RToti© bes erhobe¬ 
nen, auf bas Krgus- 
baupt geftüfcten 
Beins beutlich her* 

©or. Die 5 riebens» 
göttin enblich 3eigt 
nicht bie 5reubigfeit, 
bie man ©on ihr 
nach ber (ErFlärung 
bes Künftlers er¬ 
wartet, ber Kopf ift 
trübfelig geneigt, bie 
Bewegungen ber 
Krme fchlaff, unb 
wir glauben eher 
einen Cobesgenius 
3U fehen, ber bie 
£ebensfacFel aus» 
löfcht, als bie pa£ 
mit ber Kriegsfacfel. 

Damit aber treffen 
wir bie Schwache 
biefer (ßejtalten. tüie 
hier bie Reigung bes 
Kopfes, bas fiarFe 
CinFnicFen bes Knies, 
bas Rusbiegen ber 
£}üfte unb ber 

^attbgelenFe nur RToti©e ftnb, bie in ber Bewegung 
ber 5igur möglichst ©iele (Begenfäße her©orrufen foflen, 
fo bienen auch bie hochgejogenen Schultern beim RTerFur 
unb noch mehr beim Rpoß, bie fiarFen Drehungen, ber 
übertriebene Unterfchieb 3wifd?en Stanb- unb Spielbein 
biefem felben Su>ecF, ohne baß fte in fjanblung unb 
CburaFter ber 5 igur wirFlich begrünbet ftnb. Sie be- 
Fommen baburch etwas Künftiges, pofterenbes. 

(San3 auf beForati©es (Bebiet geraten wir, wenn wir 
bie h^rlichen Bronjentterthüren betradjten, bie bie 
Baluftrabe ©or ber £oggia fchloffen. 
Ejerrlid? ftnb fte wegen ber SierlichFeii 
unb Reinheit ber Krbeit unb wegen ber 
freubig*reidien, eleganten 5ormenfülIe f 
nicht wegen ber hinein- 
gefaßten aflegorifdjen 
5rauengeftatten m 
Proportionen ©on 
bis \\ Kopflängen* 
RTit Sanfooino hüben 
biefe (Bitter nichts 3U 
tbun, fte ftnb erft 200 
3uhre fpäter entjkm- 
ben. Ruch ©on biefem 
(Bitter aber tönt uns 
aus ben Büchern, bie 
bie geflügelten £ötx>eit 
hatten, 3weimal ber 
gleiche (Bruß entgegen, 
mit bem Sanfooino 
bie €rFlärung feiner 
Statuenreihe fchlofc: 
„5riebe fei mit bir, 
RTarFus, mein £oan- 
gelift." 2 L ( 3 . 


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Kummer 3f. 


Seite 1^5$, 



präftdent dam an der Spitze baitianifcher Soldaten. 


6in JVegerftaat in Hufmbr. 

Sierju 13 pfjotograpt}lfd?e Jlöfnafymen. 



©er Ztegerffaat ffaiti tvirb augenblicffich mieber ein* 
mal non inneren Unruhen 3erriffen* <£s ftnb bort bie 
ZDahlen 3um Parlament im (Bange, unb ba es bie 
Aufgabe bes Unteren ift, einen neuen präfibenten ber 
Hepubltf 3U mähten, fo fdjlagen unb id?ießen ftd? bie 
Patrioten allerorten unb <£nben. 3 n fielen ©rtfehaften 
fonnte toegen ber Huheftörungen unb bes Blutvergießens 
überhaupt feine Züahl norgenommen trerben, unb in 
Port au prince mad^ten bie (Segner bes gemailten 
©eputierten einen Angriff auf bas Zlrfenal, ber aber 
blutig abgefd?lagen mürbe, ©er bisherige Präfibent 
aber tEir^jtas Zlugufliu Simon Sam, befinbet ftch auf 
ber Seife nad? paris. Seinem Z3ei|piel ift bie Zliehr* 
3ahl feiner bisherigen 
Zliiniffer gefolgt unb 
hat fid? außer Canbes 
begeben. öoisronb 
<£anal. präftbent 
ber Sepublif von 
1870/79, fungiertvor* 
läufig als prooifori* 
fd?es ©berhaupt. bes 
Canbes unb führt bie 
Segierung mit l}tlfe 
eines aus elf perfonen 
bejtehenben Sicher* 
heitsausfetjuffes. ©er 
Hücftritt unbbie5iucht 
Sams aber ftnb unter 
Vorgängen erfolgt bie 
für haittanifd?e ©er* 
hältniffe be3eichnenb 
ftnb. Sam, ber vor 
feiner präfi&entfdiaft H 

Kriegsminifter mar, früher miniftrr u. (Bcfanbtcr in paris. 


mürbe am Zlpril J896 von ben Kammern in frieb- 
lieber Züeife 3um präfibenten von JEjaiti ermählt, ver* 
fehentlich bis 3um \ 5 . Zliai J903, mährenb von Hechts 
megen fein Zlmtstermin am 15. Züai biefes 3ahres 
abgelaufen märe. 2lber aus Hücfftcht auf feine große 
__ unb einflußreiche Fa¬ 
milie, auf feine^reunbe 
unb Berater, bie ftd? 
alle an ber öffentlichen 
Krippe nähren moll* 
ten, ließ er fich be* 
megen, ftch über bie 
©erfaffung hinmeg3U* 
feßen. Seine Hegte* 
rung brachte bem 
£anbe feinen ZTußen 
unb Segen unb mar 
teuer, bas ©efait 
ftieg mährenbbem auf 
über ^0 Zliillionen 
5ranf — feine Klein ig* 
feit für eine Sevölfe* 
rung t>on nur 3mei 
Zliillionen. ©abei be* 
30g Sam ein (Behalt 
von 2^ 000 ©ollars 

C. H. S. Sam, * n ®° lJ> Unb “»U&t« 

i 1 ist'er präfi&ent uon außerbem feinen Por* 

teil fo mahrjunehmen, 
baß er fid? jofet mit einem ©ermögen von vier Zliillionen 
- nach einer anöern Lesart gar smölf Zliillionen — ins 
Privatleben suriid^ieben fann. Seine (Bünftlinge, in 
erfter £inie bie (ßenerale ohne Solbaten, hatten freie 
Z?anb. Wcv (ich nicht fügte, mer fid? unbequem machte, 
mürbe verfolgt, mußte flüchten, mürbe verbannt ober 


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Seite H52. 


Hummer 5^, 







C. Hu gurte, 

ITCtnifler bes 3nnerit unter Söm. 


eingeferfert, unb 
manchmal „ftarb" 
man auch im <Se- 
fängnis. 

Sam felbft ift ein 
großer, fchmerfäHi- 
ger Heger, über 
fed? 3 t 9 3 a hre alt, 
bem nichts heilig ift. 
politifch mar er be¬ 
deutungslos, gan$ 
non feinen Hliniftem 
abhängig. <£r be- 
ftfct aber ein gutes 
(ßebädftnis, etmas 
f}umor unb H>ift, 
einen guten kppetit unb ift ein Por 3 Üglid?er Heiter, 
kls es befannt mürbe, baft er befchloffen höbe, bem 
£anb noch ein 3ahr ben Segen feiner Hegierung 3 U 
fd^enfen, brach &er 
Sturm los. klient- 
halben regten unb 
rührten ftch bie 
Un 3 ufriebenen, unb 
einer ber kfpiran- 
ten auf bie prüft- 
bentfchaft, knt&tor 
5irmin (portr. S. 

Uerfech- 
ter ber fchmar 3 ert 
Haffe unb ihrer 
«gufunft, erhob bie 
5 ahne bes kuf- 
ruhrs. 5 irmiu ift 
ein ehrlicher, geift- 
reicher unb ge* 
bilbeter HTann, 
früher HTinifter 
unb (Sefanbter in 
paris, felbftbemuftt 
unb eigenftnnig unb 
pon unpermifdftein 
Hegerblut, kber 
5’trmins Hebellion 
mürbe Sam nicht 

3 um Hücftritt permocht haben, menn nicht bie unange¬ 
nehme (ßefchichte mit bem 5 ran 3 ofen (Sabriel porge* 
fallen märe. Diefer mar burd? £eute ber Hegierung 
in brutalfter XHeife ermorbet morben. Hiemanb mollte 

ber knftifter, ber 
Sd?ulbige fein, unb 
man hoffte, ber 
Horfall merbe per- 
geffen merben, mie 
fo piele anbere. 
kber biesmal hatte 
bie Hegierung Sams 
bie Holfsmeinung 
unb bas Holfsge» 
fühl unterfchäftt; 
überall gärte es be* 
brohltd?, unb ben 
hohen Ejerren marb 
P fafllc , angft unb bange. 

^tnan 3 miniile^ unter Sant. Unb plöfolich, ohne 


V. OufllAumc, 

tfriegsmtnifier unter Sam. 








.. V » • 






Baitiamfcbes JWlftär. 


feine üermanbten 
unb feine HTinifter 
porher bapon in 
Kenntnis 3 U feften, 
faftte Sam ben <£nt- 
fdftuft, bie Hegie¬ 
rung nieber 3 ulegen. 

(Eines fd^önen HTor* 
gens — es mar 
ber JO. HTai — 

30 g eitte kbteilung 
Solbaten mit £rom- 
melmirbel burch bie 
Straften, unb ein 
©fft 3 ier las bem 
erftaunten Hol! bie 
Sotfchaft por: ber präftbent mtrb am \5. HTai gebenI 
3efet galt es, fjals über Kopf einen neuen präft- 
benten 3 U mählett. km HTorgen bes \2 . HTai trat 

bie kffembl^e na¬ 
tionale tm parla* 
mentsgebäube 3U- 
fammen, um bie 
IHahl Por3Uiteh* 
men. Ejoch 311 Hoft 
erfchien präftbent 
Sam an ber Spifte 
feiner Kr.eger (kb- 
bilbung 5. ^50, 
umgeben pon fei¬ 
nen HTtuiftem unb 
anbern (ßroftmür- 
benträgern. kuf 
bem fjof bes Kam« 
ntergebäubes mim« 
melte es pon Sol¬ 
baten, bie einige 
ehrmürbige Kano¬ 
nen unb HTitrail- 
teufen pon \870 
mitgefchleppt hat¬ 
ten. Sam hatte 
feiner <geit mit 
5ranf reich einen 
fehr günft igeit Ejatt« 

bdsDertrag — günftig für 5 ranfreich nämlich — ab* 
gefchloffen unb bafür bas fd]öne Kreu 3 ber Kommanbeure 
ber (Ehrenlegion unb jene pfefferbüchfen als Crinfgelfc 
erhalten. 3” &er Kammer fah man michtige HTienen, 
lange (ßehröcfe unb 
hohe Sylmberhüte. 

Sam hatte ben Se¬ 
natoren unb Depu¬ 
tierten erft ben bis¬ 
herigen „Administra- 
teur des Finances" 

HTa^inte HTontplaiftr 
unb bann feinen 
Kriegsntinifter Hil- 
brun (ßuiflaume 
(Porträt oben) por- 
gefd?lagen. kber 
beibe Körperhaften 

lernten fceren lüabl B 9t- V{etor> 

einftimmig ab, ba lUinificr bes itusmärtigen. 


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Hummer 3 \. 


Seite ^ 53 . 







C. Liconte, 

ininifler ber öffentlichen Arbeiten. 


man Feine Kreatur 
Sams sum prüft* 
benten traben mollte. 
Außerbent aber hotte 
ein früherer AcFer- 
bauminifter Cincin« 
natus ieconte (portr. 
nebenft.), ein unter- 
itehmenber, fort» 
fchrittlicher unb frem- 
benfreunblicher gu¬ 
ter < 5 efd}äftsmann, 
non feinem Heichtum, 
tote allgemein be¬ 
hauptet mürbe, Flü¬ 
gen (Sebrauch ge¬ 
macht unb bieHTehrheit ber Kammern geFauft. Seine IVahl 
fehlen gejtchert. Schon mar er non einigen Hebnern in 
Vorfdjlog gebracht morben: ba lauter (Tumult braußen, 
Sd?üffe Frachten, 
einige Kugeln 
fchlugen in ben 
Sifeungsfaal, unb 
in milber Aufre¬ 
gung ftob bie Ver« 
fammluug ausein- 
anber. Die He- 
nolutionüre, bie 
feinen non ben 
jefeigen, unter bent 
Drucf ber bisheri¬ 
gen Hegierung ge» 
mahlten Kammern 
eingefefeten prüft- 
benteu hohen moll* 
ten, hotten ftch er¬ 
hoben unb bie 
Sifeung ber Kam¬ 
mern gefprengt. 

33 is 3unt Spätnach* 
mittag mährte bie 
Knallerei in ben 
Straßen 3mifd?en 
ben Solbaten Unb Die 6 röffmmg 

ben Heoolutionä- 

ren. Diel Sd^aben mürbe nicht angerichtet. Auf beiben 
Setten gab es etma 3man3ig Cote unb Vermunbete. 
Aber bie Heoolutionäre hotten ihren <§mecf erreicht. 
Die IDahl bes neuen präfibenten mar nereitelt. 

präfibent Sam hotte 
ftch itt ben Hegte« 
rungspalaft 3urücf- 
ge3ogett, unter bem 
Schüfe feiner 3uper- 
läfftgen, ihm treu- 
ergebenen£eibgaröe, 
unb bie Hlinifter unb 
anbere perfönliche 
Hacheafte fiird?ten* 
ben perfonen hotten 
ftch nt bie Konfulate 
geflüchtet. Am nach« 
ften Ulorgen Farn ber 
e. 6£dion, präfibent sum Doyen 

3 ußijminißer unter Sam. beS biploiltatifd^eit 


6. J*. Pierre, 
früherer Rriegsmtnifter. 


Korps, bem Ver¬ 
treter ber Vereinig¬ 
ten Staaten, unb 
bat um <5eieit pom 
palaft burch bie 
Stabt nach bem 
X}afen, mo gerabe 
ein fransöftfeher 
poftbampfer por 
AnFer lag, um ftch 
nach 5 ronFreich ein- 
3ufchiffen. Hachbent 
ber frühere präftbent 
Hoisronb Canal, 
ber bie prooiforifche 
Hegierung übernom¬ 
men, Sam freies (Seleit perfprochen unb für beffen 
Sicherheit (ßarantie geleijiet hotte, fuhren ber anteri- 
Fanifche, beutfehe unb fran3Öftfche Vertreter nach hem 

palaft, holten Sam 
unb beffen 5rau ab 
unb brachten fie 
unter bem (ßeleif 
ber palaßgarbc 
an Horb bes 
Dampfers. Unter 
amerifanifchemunb 
fran3Öftjd?emSchufe 
haben ftd? bann 
auch her frühere 
ZHinijler bes Aeu- 
ßem Srutus St. 
ViFtor, pol^eimt- 
ttifter Cancrfcbe 
Augufte, Kriegs* 
minijter (Buillaume 
unb 5inan3minifter 
p. 5atne geflüchtet, 
teconte hot bas 
£anb perlaffen, unb 
nur ber 3ufti3- 
minifter < 5 &lus 
(S&tfon hot pon 
der Kammern. ott ben Hliniftern 

Sams ben ZTiut ge¬ 
habt, in port au prince auf fjaiti 3U bleiben. 

<£in paar Sage nad} ber 5 lud?t Sants grünbete 
man, um hoch eine perantmortliche Sehörbe 3U hoben, 
„le Comitö de Salut Public", mit Ablegern nt allen 
größeren (Drtfchof- 
ten, unbbiefefanbten 
Delegierte nach ber 
fjauptftabt 3ur IVahl 
einer propiforifchen 
Hegierung. fjier 
ttnb bort Farn es 
bei * ber ZOafyl ber 
Delegierten 3U etmas 
Hlutoergießen, aber 
im allgemeinen per* 
liefen bie IVahlen 
ruhig, bie Delegier¬ 
ten Famen 3ufammett 
unb fefeten bie propi- c . foucbar<lf 

jorifche Hegierung früherer ^inrtnjminifier. 


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Seite 1 ^ 5 ^. 


Hummer 5{. 


ein. 2)iefe foH jeßt öctfür forgen, baß bie IDatjlen für 
bie Kammern, Sie bann ben neuen präßbenten 3U er- 
tpätffert l^aben, frei pon aller Beeinffuffimg por fid? 
gefyt. Das aber iß eine unmögliche Aufgabe, benn 
bie Bewerber um Sie präßbentfdjaft tjaben nicht um* 
fonß im (E^il gefchmachtet unb große Summen für ihre 
Anhänger ausgegeben, um jefet ohne Kampf auf bas 
Siel ihres €hrgei3es 3U per3ichten. Kanbibaten ftnb 
außer bem bereits ermähnten KntAtor 5trmm ber 
frühere 5inan3minißer Kalißfyenes ^oucharb unb ber 
frühere Kriegsminißer .unb Senator SAtöque pierre. 
5 oucharb, ein fehr geller ZTTuIatte, iß ein pielerfahreuer 
CTlaun, ein Kosmopolit, ber manche trübe (Erfahrungen 
im (ßefängnis unb in ber Derbannung gemacht hat. £r 
mirb befonbers porn Sübeit bes £anbes unterßüßt unb 
gilt für frembenfreunblich- 2 Tian * erwartet pon ihm, 
baß er ben IDotßßanb bes Canbes burch Jjeran3ieh«n 
frember Kapitalien 3U lieben fuchcn mirb. pierre iß 
Ser Kanbibat bes Hlittelßanbes. €r ijt < 5 runbbeßßer 


unb 3n&uftrieller unb beßßt große gucferplantagen unb 
Bumbrennereien. Sein Programm iß: JEjebung bes 
Canbes burch 5örberung ber 3nbuftrie unb bes Kcferbaus. 

2 >er Kbfchiebsgruß, ben Sam pon Borb bes 
Kämpfers aus feinem Paterlanb 3urief, maren bie 
IDorte: „ 3 ch bin ber leßte präfibent pon fjaitil* ZTTit 
anbern iborten: nach mir ber BürgerFrieg unb Anarchie, 
(Einfehreiten frember Brächte, benen Knne^ionen u. f. m. 
folgen merben, Knnejrion burch bie großmächtige norb- 
amerifanifche BepubüF, ber bie 3mifchen Kuba unb 
portorico gelegene 3nfel 3ur Kbrunbung ihres weß- 
inbifd?en Beßßes fehr gut paffen mürbe. (Db Sam 
recht h^ben mirb? IDer fann es miffen? Was bem 
fo fchönen, fo fruchtbaren, fo reichen £anb not thut, 
iß ein präßbent poit flarem Kopf, meitem BlicF, €hr- 
lichfeit unb — einer eifernen l}anb. BTit einem folchen 
BTann an ber Spiße fann bas gefegnete £anb in gu- 
funft noch 3u hoh** Blüte gelangen, troß feiner 
fchmar3en BepölFerung. ©. 


6 ■ - = F2£ y ~ ■ D 

Kinder und Hffen 


5ier3n $ p!jotograpJjifd?e Jtufnaljmen pon pfj. unb <2. £inf, gflridf. 


Die fchlimmen gelten, ba mqn jeben Schimpanfen unb 
©rang bereitwillig als feinen Urgroßvater anerkannte, ßnb 
glücFltcherroetfe l^eute vorüber. Uber rote bie Kunbigen ber 
©egenroart über bie Sache benFen, bas iß bodj außer¬ 
halb ber tfadjFreife anfeheinenb noch recht roenig beFannt, 
trenn man nach ben Keußerungen urteilen barf, bie man oft 
in goologifdjen (Bürten 3U hörnt befommt. 

Die gufammenßellung von UlenfchenFinb unb KffenFinb 
ruft ins ßebächtnis 3urücf, roas in jeber Haturgefchichte 
längß mit anbern IDorten 311 lefen ßeiß: baß nämlich ber 
junge Kffe am menfchenähnliehften iß, mit 3unehmenbem 
Klter aber immer „tierifcher" roirb. namentlich Schübel unb 
©eßehtsausbruef »eranbern ftch bebeutenb; ber fjimteü tritt 
immer mehr 3urücf, ber Kieferteil immer mehr vor. 

Wie iß bas 3U »erßehen? <£s roirb vielleicht »erftänb» 
lieber, roenn man an bas Dunenfleib junger j’afanen unb 
(Enten erinnert, in bem nur geübte Kenner bie oerßhiebenen 
Urten unterfd?eiben fönnen, an bie getneinfame flecfung ber 
meiften E^irfdhfälber, bie übereinftimmenben £ar»enformen 
vieler 3 n ßften unb Krebstiere unb anbere ähnliche (Ehat* 
fachen, auch aus bem pßan3enreich. Haturgeßhichtlich Per* 
roanbtes fommt eben mehr ober roeniger ähnlich 3ur IDelt 
unb entfernt ftch bann im Derlauf feiner €ntroid?lung mehr 
ober roeniger roeit »oneinanber. 

Das bebeutet aber noch gar nichts für bie Ubftammung 
ber einen Jorm »on ber anbern. 3 m (Segenteil l Ubgefetjen 
non ber rafch »or ftd? gehenben fünftlichen Haustier« unb 
pßan3en3üchtung iß es »on vornherein unroahrfcheinlich, baß 
eine jegt noch lebenbe Jorm bie Stammform einer anbern 
jeßt fchon lebeuben fein roirb. Dielmehr roerben bie (Eiere 
unb pßan3en ber geologifchen ©egenroart, ber jeßigen (Ent* 
roicflungsperiobe unferer (Erboberßäche im allgemeinen non 
folchen abftammen, bie früheren, »ergangenen (Erbperioben 
aiigehÖrten unb jeßt nicht mehr ejiftieren. Die heutigen Kffen* 
gefriedeter ßnb aber geologißh nicht älter als roir. IDie iß 
bann unfer Derroanbtfchafts»erh 5 ltnis 3U ihnen auf3ufaffen? 

€s mag hier eiugefchaltet roerben, baß es ftd? für bie tlatur* 
forfchung 3unä<hß nur um ben menfchlichen Körper hobelt 
unb nicht um bie unßerbliche Seele. IDenn man in bie 
burch bie perfchlebenen <ßeßeinf<hichten mit ihren tierifchen 
unb pßanjHchcn Derßeinerungen »or uns aufgefchlagene (Se* 
fchidjte ber (Erbrinbe bineinßeht, fo brängt alles auf bie 
Kunahme einer allmählichen (Entftehung, Deräiiöerung unb 


Deroollfommnung h^/ in bie Kette biefer (SebanFen 
unb Unterfujungen muß unbebingt als leßtes ( 5 lieb auch 
bie Fdrperliche, bie geologifche unb paläontologifche Seite 
bes JTTenfchen einbe3ogen roerben. 

Der KTenfch iß, naturgefchichtlich betrachtet, ber nächße 
unb ein fehr naher Derroanbter bes Kffen, namentlich ber bes- 
halb fo genannten DTenfchenaffen: Schimpanfe, (Eorilla, ©rang- 
Ütan unb (Sibbon. Kber nicht fo, baß biefe bie niebere, er 
bie höh« e Stufe ß>3ufagen besfelben Bilbungsprin3ips bar* 
[teilten! (Sa«3 im (Segenteil! Der Kffe iß in »ielen Be» 
3iehungen roeiter gebilbet, »iel einfeitiger an ein beftimmtes 
Baumleben angepaßt als ber DTenßh. Die geFrümmte Dorber* 
hanb bes Kffen iß mit ihren »ier Ringern 3roar ein aus» 
ge3eid?neter KletterhaFen, als <San3es aber »ermdge bes 
fchroachen, 3urücFgerücFteu, nur noch mangelhaft entgegen» 
[teilbaren Daumens nicht entfernt bas [eine, »ielfeitige ©reif» 
roerf3eug, roie unfere fjanb. Tins ber Kffenhanb Famt 
niemals mehr eine XHenfchenhanb roerben, unb biefe leßterc 
»erbanFt ihren unfaßbaren Dor3ug ber DielfeitigFeit eben 
bem Umftanb, baß ße auf einer primitioeren, urfprünglichereit 
EntroicFlungsftufe bes €nbftücFs ber Dorbergliebmaßen »er¬ 
harrt hat, roie roir es fchon bei ben Fletternben Beuteltieren 
ßnben. Diefe (Ehatfache betonte neuerbings nach (Sebühr ber 
^eibelberger Knatom Klaatfch» ber auf ben jüngften Knthro» 
pologenrerfammlungen »iel »on ßch reben gemacht hat. 

Hur ein ©rgan hat ber DTenfch roeiter unb immer roeiter 
gebilbet bis 3U faß übermäßiger DeroollFommnung unb Der» 
feinerung, b. n bas (Sehirn* unb Herrenfpßem. Der XHenfch 
iß fo recht eigentlich bas (ßehirntier: »ermoge biefes über¬ 
mächtigen ©rgans, bem als ausführenbe Kraft noch ber in 
mancher Be3ieh»ng primitive, gerabe besbalb aber nach Bau 
unb £eiftung fo »ielfeitige ITCenfchenFörper 3ur Derfügung 
ßehh beherrfcht er jeßt alle übrigen £eberoefen, möbelt er 
immer mehr bie ga»3e (Erbrinbe nach feinem Belieben. 

ITCenfchenFinb unb KffenFinb: ße ßehn unb ßßett auf 
unfern ergößlichen Bilbern fo artig unb einträchtig bei* 
fammen, unb ße ßnb einanber in »ieler Be3ieh«ng fo ähnlidj. 
DenFe jeber nur an bie nach innen geroenbeten ^ußföhlcbeit 
unb an bie bewegliche (Sroß3ehe feines (Erßgeborenen, roertu 
er aus ben XDinbeln geroicFelt rourbe! Unb bochr roie »er* 
fchiebeit iß beiber StammesherFunft ober Stammes3uFunft! 
Der Kjfe roirb nichts anberes mehr. H?as ber IHenfch ttodj 
roirb — roer roiU es fageu? g. 


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Seite 1 ^ 56 . 


Hummer 3 \* 







Von unfern Cafcbcnubren. 


ßierju 7 UbbübuMgen. 


IDelch ein EDunberwerP iß bo<h bas Pleine 3 n ßrument, 
bas ben UTenfdjeu jahraus, jahrein begleitet imb 31t jeber 
Stunbe bes (Eags unb ber Hadjt, in Jroft unb fjitje, in Hegen 

unb 2X>inb bie 
geitangiebt. IHit 
ber (Erßnbung ber 
(Eafcbenubr tjat 
ber EHenfch ohne 
gweifel einen 

ber größten (Eri* 
umphe feiner 

SchöpferPraft ge» 
feiert, (genügen 
ihm bod? ein 
wenig HTeffing 
unb Stahl, um 
einen Me¬ 
chanismus 
bestel¬ 
len, ber 
faft tute 
etwas £e« 

Sine der frühe ften tragbaren Uhren. 

fcenbtges anmutet, ber mit ßaunenerregenber 
(Senauigfeit bie Unterabfdjnitte bes (Eages, 
bie Stunben, Minuten unb SePunben mißt. 

3ntereßant ift es, ben €ntmicflungsgang 
ber geitmeßPunß 3U uerfolgen. 3 n ^ en 
früheßen geiten waren es Sonnenuhren, 
bie man 3ur Meßnng ber geit uerwenbete. 

Sie baßerten barauf, baß man ben Statten 
freißehenber Körper nadj beffen £änge ober 
Htcbtung jum Beßtmtnen ber (Eagesftunbe 
oerwertete. 3hnen folgten IDaßer* unb 
Sanbuhren. (gefäße, bie burd? eine Fleine 
(Deßnung ihren 3 n bült 3temli<h gleichmäßig 
ablaufen ließen unb mit einer (grabein- 
teilung oerfehen waren. Die IDaffer- unb 
Sanbuhren, bie lange als geitmeßer bienten, 
würben ums 3 a hr looo burch bie mecha- 
ntfehen Häberuhreit abgelöß, bei beneit 
mehr ober minber fchwere (gewichte als 
(EriebPraft bienten unb ein fogenanntes ^emmwerP 

(Hemmung) bas gleich¬ 
mäßige Hblaufen bes 
UhrwerPs unb baburd? 
bie Kngabe ber geit 
ermöglichte. 

(Etwa fünfhunbert 
3afpre lang Pannte 
man oon mechanifchen 
Häbernhren nur biefe 
eine Hrt. Da Pam 
um bas 3ahr 1500 ein 
nürnberger Sdjloßer, 
mit Hamen peter 
f^enlein (ßele), au f 
ben (gebanPen, bie 
eiferne fpiralförmige 
,feber, bie er wohloiel- 
hunbertmal in (Ehür- 
fchlöffer eingefeftt t^atte, 
als (EriebPraft für 
Uhren 3U uerwenben 
unb auf biefe IDeife 
eine Uhr be^uftellen, 
4. Cafcbenubr aus der Zeit um 1600. bie m jeber £age ging 


2. Siubr aus der Zeit um 1600, 


3 . Cafcbenubr in form eines Kreuzes. 


unb bie man tm 
(gegeufatj 31t (gewicht- 
uhren jeber^eit bei ßdj 
führen Ponnte. 

Die (Eafchenuhren 
aus jener früheften 
periobe waren nod> 
fehr primitio. Das 
UljrwerP felbft war 
gan3 aus (Eifen ge¬ 
arbeitet, bie Häber 
unb EJemmungsteile 
fowoht wie auch bie 
platten (Platinen). 

Sie fonnten natürlich 
in Se3ug auf (ge* 
nauiaPeit Pei* 
neu Vergleich 
mit ben heuti¬ 
gen ülafchen* 
uhren aushal- 
ten. (Erft In fahr- 

hunbertelanger DeroollPommnung ßnb unfere 
Uhren 3U bem herangereift, was ße h eu *e 
ßnb, 3U einem UTußer an technifdjer (ge- 
nauigPeit unb Prä3ißon. 

IDenn man ein richtiges Bilb gewinnen 
will oon ben IDanblungen, benen bie 
(Eafcheuuhr im £auf ber 3 a hrh un &*rte 
unterworfen war, muß man eine ber großen 
Uhrenfammlungen beßchtigen, bie wir in 
Mufeen unb bei manchen Kunftliebhabern 
antreßen. (Eine ber erften, fowohl in Be3ug 
auf ihre chronologifdje gufammenfeftung 
wie auch in Be3ug auf ben Kunßwert ber 
ein3elnen Stücfe, bürfte bie in ben wei- 
teften Kreifen bePannte Sammlung Marfels 
(Berlin) fein. Sie giebt ein anfdjöulichcs 
Bilb oon ben oerfd?iebenen phafen, bie bte 
Uhrmacherei burchlaufen h at - oor allen 
Dingen ron bem unerreichten Stanb ber 
bePoratioen Kunft oergangener 3ahrhunberte. 
Hbbilbung i oeranfchanlicht eine ber frühe» 
ften befannten tragbaren Uhren. Sie iß 3ylinbrifch gebaut 
unb mit h*rrlid?en (graoieruugen oerfehen. XDte alle 
Uhren aus bem. (6. 3°h r hi | n&ert beßtjt ße nur einen 
geiger, benn ße 3eigt nur bie Stunben. Huf bem gtßer» 
blatt gewahrt man 3wölf (greifPnöpfchen, ron beneit 
basjenige über ber gahl 12 eine fleine Spitje beß^t. 
Sie bienten baju, um bes nachts bie geit ab3ufühlen, beim 
bas £ichtan3ünben war 3U jener geit, ba noch Peine güitb» 
17013er erißierten, eine recht umftänbliche Krbeit. Kbbilbungen 
2 unb 4 3ei* 
gen einige 
€iuhren aus 
ber geit um 
(600,wahre 
KunßwerPe 
in Heilig 
auf bie De- 
Poration 

ihrer (ge- 5. Kleine goldene Uhr Kaifer Karls V. 

häufe. 3m 

16. unb 17» 3 a hrh un & e rt würben oon h°l? en geißlid?ctt 
IDürbenträgern häußg (Eafchenuhren in Jorm eines Kreises 
benutjt; in Ubb. 3 erblicfeit wir ein heroorragenbes (Ejremplar 
biefer Hrt in burchbrochenem ßlberuem (gehäufe. Don Peinem 
(geringeren als Kaifer Karl V. ift bie rci^enbe golbene Utjr 


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Hummer 3 \. 


Seite {$ 57 * 



erhalten geblieben, bie mir in ber Hbb. 5 mtebergebeit. Sie 
beßtjt bie form eines Prismas unb ift mit ermüdenden 
(Emailmalereien, (Srcwierungen unb gtfelierungen perfeben. 
(Segen bas 3 a h r 16 50 erfdjemt. in ber Deforation ber Ubr- 
gebäufe bas eigentliche IHaleremail auf bem plan. Die 
golbemaillierte U^r in Hbb. 6 gieot ein t>or3üglid?es Betfpiel 
t>on jener Kunftmeife. 3 rt bem IHag, wie bie Uljrroerfe ftd? 
rerpoUfoinmneten, wird auch bas material ber (Sehäufe 
immer foftbarer. XDaren bie erften 
dafd?enul?rtuerfe noch in einfache 
Broii3egd?äufe gefleibet, fo find bie 
fpäteren UtjriDerfe in Silber unb 
(Sold gebettet unb halb auch Jumelter 
unb Edelfteinidjnetber mit 
ber Deforation ber Uhr* 
get?aufe befchäftigt. Bei 
ein3elnen Uhren bilben 
bie oermeubeten Diaman¬ 
ten, Hubinen unb Sma¬ 
ragde fleine Blumen- 
grätige, mit Bändern 
mmrmnben. Eine f oft bare 
Hrbeit (teilt eine Bofo- 
fouljr ror, bie ein (Se¬ 
häufe aus gelbem 3 as Pi$ 
begtjt, in ber (Ebelfteine 
eingefe^t finb (Hbb. 7 ). 
Wie 3U allen geiten 
6. ©oidrmaUHcrte Ohr (1650). IHeifter lebten, bie ihren 

Stol3 barin fugten, groge 
Sd?n>ierigf eiten, bie ihr fach ihnen bot fpielenb 3U über¬ 
winden, 3eigen bie uns in ber ermähnten Sammlung 
erhaltenen Kuriofitäten mie (Tafdjenuhren, bie in allen 



ihren (Teilen aus T?öl3 gefertigt finb, anbere, gütlich 

aus (Elfenbein h^rgefteüt, noch anbere, bie oollftäu&ig in 
Perlmutter ausgetührt ftnb. Huch bie 3ahlreichen (Tafdjen* 
uhren mit IHuftf wer fett unb be* 
meglichen Spielereien, fomie bic 

Uhren in allen möglichen b^arren 
formen gehören hi* r h*t' fo 3 « 33 - 
eine golbene emaillierte Uhr, auf 
beren Zifferblatt ein ent3ücfenbes 
Dögeldjen erfcfyeint, 
mit ben Flügeln 
fchlägt, ftch hm unb 
her breht, ben Schna¬ 
bel bemegt unb ein 
luftiges £iebd?en 3mit- 
fchert. So bie oielen 
Poftbaren golbenen 
Uhren in (Seftalt non 
Fingerringen, (Tulpen, 

ZHufchelu, IHanboIt- 
nen, Pyramiden, Bir¬ 
nen. Feberhaltern Hle- 
Ionen, Hepfeht u. f. m. 

HUe biefe Uhren 
fprechen eine berebte 
Spraye; fie jeigeu, 7 . Rokokoubrm.6ehSure aus gelbem Jaspis. 

mie fehr gdj bie 

dafchenuhr von jeher ber (Sunft bes Ittenfdjen 3U erfreuen 
hatte, mie bas eine 3 a h r h im bert eifrig beftrebt mar, 
bas anbere in ber Husftattung feiner iieblittge noch 3U 
übertreffen, unb mie bie Uhr 3a allen Seiten als etmas 
3 nbioibuelles unb (Seheimnisoolles, ja als etmas £eben- 
bergenbes betrachtet mürbe. C. 



Woj>er flamme ich? 

plauberei über Familienforfd?ung oon Hrno Bötticher. 


Hls id? oor etma 3matt3ig 3^ren, angeregt burd? 
hanbfd?riftlid?e, bis in bie HTitte bes achtjehnten 3ai?r- 
bunberts jurüefge^enbe Hachrichten, bie ftd? tm Bad?- 
lag bes (Brogoaters meiner Frau oorfattben unb beffen 
Familie betrafen, felbft anfing, Had?forfd?ungen über 
meine eigene Familie unb meine eigene weitere Hb* 
gammung an3uftellen, waren üerftänbnis unb 3^t^ r offo 
für Familiengefd?td?tsforfchung äugerg gering unb feiten; 
man hielt im allgemeinen Familienforfd?ungen für 3mecf- 
lofe Ciebhabereien ober gar für Spielereien. 3 m Cauf 
ber 3<*hre ift eine erfreulid?e tüanbluug eingetreten: 
man begegnet oielfad? in dagesblättern unb geitid?riften 
nid?t nur Hufrufen nach Uusfunft über gemiffe Familien 
unb perfonen, fonbern auch Hn3eigen über Srucflegung 
oon Familiengefchichten. Hud? in ber gefelligen Unter¬ 
haltung fpielen Famtlienforfd?ungen eine Holle, wobei 
ftch wieber meifteits ergiebt, bag oiele bafür wohl 
3 ntereffe haben, aber entmeber für biefe Befchäftigung 
feine Seit erübrigen föuuen ober nid?t wiffett, wo unb 
toic fie ihre Forfchungen beginnen unb führen follen. 
(Es ift bähet wohl nicht unangebrad?t, einmal an biefer 
Stelle ein paar IBinFe 3U geben, mie ber Familien- 
forfcher 311m Siel gelangt, unb es fei mir gegattet, mid? 
babei au meine eigenen o eijährigen Erfahrungen 3U halten. 

Quellen ber Fantilienforfd?ung fliegen nid?t nur 
innerhalb, fonbern auch augerhalb ber Familie; unter 


heutigen Berhältmffen innerhalb ber Familie nod? 
recht fpärltd], ba Famtltenarchioe, b. h* Seit unb 
ben perfonen nach georbnete Sammlungen oon I?aus* 
unb SrucFfdriften aller Hrt (Stammbäume, £eid?eit- 
prebigten, Kirchen3eugmffe, Briefe, deflameitte, Erboer* 
gleiche, Häuf- unb pachtoerträge uttb bergleichen) feiten 
oorhanben finb. 3n biefer Be3tehung bilbet namentlich 
ber breifeigjährige Krieg einen 5 eitemfd?nitt, ber für bie 
Familienforfd?er meiftens unüberbriiefbar ift. 2 )urch ih» 
ftnb nicht nur Fantilicnpapiere, fonbern aud? gaatliche unb 
überhaupt öffentlid?e papiere urtb Urfunben, ittsbefonbere 
bie für perfoueuoerhältuiffe fo mid^tigen Kirchenbücher 
ber Sorftörung anheimgefallen. 2 )er Braud?, fchriftliche 
Hachrichten über Familienereigniffe ber Bibel ober bem 
(Sefattgbuch an3uoertrauen, hat fid? 3toar erhalten; biefe 
Hachrid?ten finb meig auch’ feh^ toertooQ, bieten aber 
megen ihrer Kür3e unb Knappheit bem Familienforfcher 
feiten Hnfttüpfungspunfte für meitere Hadiforfchungen. 
Ebcnfo geht es mit Hngaben, bie fid? manchmal auf 
Familieubilbern guben. Hud? bie Hrchioe oerfd?mägerter 
Familien fönnen bem Familienforfcher niigen. 

Unerwartet reichlich fliegen bagegen bie Quellen auger¬ 
halb ber Familie, b. h- aus ben bei ben Behörben, 
insbefonbere in ben Staatsard?ioen aufgeftapelten Bor¬ 
räten an alten Hften, perfonalregiftern unb bergleichen. 
Huf biefe Quellen mar id? bei meinen eigenen Familien* 


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Seite 1^58. 


Hummer 5{. 


forfchungen ausfchließlid? angeioiefen, ba meine Familie 
troß ihres tpeitperbreiteten Hamens tuegen frühen tVeg- 
fierbens ber Seitenuertpanbten eine fleine unb abge* 
jd?loffene ift unb mein Vater nicht einmal mußte, mo 
fein Vater geboren mar unb tper, tpas unb mo feine 
(Sroßeltem getpefen rnaren. Daß id? trofcbem mit bem 
Had?u>eis meiner Abftammung bis in ben breißigjährigen 
Krieg 3 urücfreid?e, perbanfe id? lebiglid? ber großen 
SereitmUIigfeit, mit ber bei Sehörben aller Arten unb 
(Stabe, pom einfachen, unfeheinbaren Pfarramt bis 
hinauf 3 U ben höchften unb „geheimen" Sehörben, meine 
Anfragen behanbelt rnorben fmb, unb ber hierin liegetibeit 
Unterftüßung unb (Ermutigung meiner 5orfd?ungsarbeiten. 
53ei alten Aften eines ehemaligen Domänenamts fanb 
id? einen älteren pachtfontraft, aus bem heroorging, tr>o 
ber Urgroßoater portjer getpefen mar, unb in alten 
(Srunbaften bes Amtsgerichts, in beffen Hejirf bas Erb' 
3 insgut lag, fanb fid? nicht nur ein Erbpergleich, aus 
bem fleh 3ntereffantes über bie Vermögensperhältniffe 
unb bamaligen £?auseinrid?tungen ergab, fonbent aud? 
ein gerichtliches protofofl, nad? bem ein Sruber ber 
Urgroßmutter bem Sohn für ben „Sefud? ber Afabemie" 
(Selb auf bas ZTluttererbe porftreefte. Eine Anfrage bet 
ber Uniperfität ffalle ergab, baß biefer Sohn, mein 
(Sroßoater, bort J782 Cheologie ftubiert t?ot. \7ty5 
taucht er plößltd? als Hegimentsquartiermeifter bei einem 
aus 5ranfreid? 3 urücffehrenben Hegimeut auf. IVo unb 
mas mar ber (Sroßpater in ber <5a>ifchen3eit getpefen? 
Unb mo hatte bas Hegiment por bem Krieg geftanben? 
5ragen, beren Heantmortung ich 3 um (Teil auf Anfrage 
pom Kriegsminijterium erhielt, 3 um anbern (Teil mir 
felbft burd? Hachforfchungen im (Seheimen Ard?io bes 
Kriegsminijteriums 3 U perfchaffen fuchte; insbefonbere 
ftubierte ich &ort eine bis auf ben breißigjährigen Krieg 
3 urücfgehenbe Denffd?rift über Stellung, Hang unb 
Ojätigfeit ber Hegimentsquartiermeifler, aus ber id? 
atlerbings nur negatip entnahm, baß für biefe UTilitär- 
beamten bamals eine befonbere Vorbilbung nicht per* 
langt mürbe. Weiteres erfuhr id? burd? eine Anfrage bei 
ber epangelifd?en 5*l&propftet in Serlin, mo bie Kirchen¬ 
bücher über jenes Hegiment aufbemahrt mürben. Auf 
eine Anfrage bei bem £?anbelsminifterium über einen 
Verroanbten, ber um 1780 Hrunneninfpeftor eines 
Königlichen Babes gemefen mar, erhielt id? Antmort, 
nad?bem bas ZHinifterium felbft erjt bei bem 3 ujtänbigeit, 
ihm untergebenen ©berbergamt angefragt hatte. (Se¬ 
heimes UTilitärfabinett unb (Seneralorbensfommiffion 
gaben bereitmilügft Ausfunft über Vertpanbte meiner 
UTutter, bie Enbe bes acht 3 ehnten 3ohrt?unberts gelebt 
hatten. An eine (Beneralfuperinteubantur menbete id? 
mid? mit ber Anfrage über einen um J730 lebenben 
Sruber meiner Urgroßmutter/ um burd? bie bei beffen 
©rbination gemachten Hotten ben fjerfunftsort beiber 
3 U erfahren; fpäter fanb id? biefen 23ruber in einer ber 
gebrueft erfdjienenen Stubentenmatrifeln als Beyers- 
dorfensis Marchicus be 3 eid?net. Das propin 3 ialflaats- 
ard?ip in pofen fonnte meiner Sitte um nähere Had?- 
rid?ten über bas (Brunbftücf, bas bort mein (Sroßpater 
nad? einem noch porhanbenen Srief gehabt haben mußte, 
nicht entfpred?en; nad? einigen HTonaten erhielt id? je- 
bod? ohne meitere Anfrage bie Had?rid?t, baß im Staats- 
ard?ip UTagiftratsaFten, betreffenb bie Heunummerierung 
bes abgebrannten Stabtteils, ftd? porgefunben hätten 
unb in biefen aud? bas £}aus bes (Sroßpaters perseidmet 
märe; baburd? erfuhr id? Straße unb Hummer bes fjaufes, 


auch fonnte ich ben gegenmärtigen Eigentümer unb bie 
amtsgerid?tlid?e (Srunbbud?nummer ermitteln unb aus 
ben amtsgertchtlid?en (Srunbaften, beren älterer Sanb 
bereits an bas Staatsarchip abgegeben mar, intereffante 
Edelheiten über Anfauf, Vergrößerung unb VerFauf 
bes (Brunbftücfs, aus einem (Eajrbud? aud? über Hous 
unb (Sarten entnehmen. Sei bemfelben Staatsarchip 
lagerten aud? Anfteüungsaften ber früheren fübpreußifd?en 
Kriegs» unb Domänenfammer, bie bie Verhanblungen 
mit bem (Sroßpater enthielten, als er J802 feine UTilitär- 
ftellung perließ unb als Canbrentmeifter in ben Sioil- 
bienft übertrat. Alte Aften bes Konftjioriums leifteten 
mir porjügliche Dienfte, inbem\ in einem Kirchen- 
pifttationsprotofoll pon 17(0 ^erfunftsort unb Vater 
eines Vorfahren, eines märfifchen £anbgeijHid?en, ge¬ 
nannt; als Stubienort maren allein 3ena an ge¬ 
geben, mährenb id? fd?on aus ber Stubentenmatrifel 
ber Uniperfität ^ranffurt ermittelt h a tte, baß biefei 
Vorfahre aud? bort fhibiert hotte; aus ber bei 
ben Konjiftorialaften befinblichen Vofationsurfunb« 
ging herpor, baß er por feiner Anftetlung 3nformator, 
b. h* Hauslehrer bei einem Hittmeifter pon 3 ärgaß mar. 

Am michttgfien für bie 5amilienforfd?uitg ftnb bie 
Pfarrämter mit ihren Kird?enbüd?ern. Die Kirchen¬ 
bücher fmb, fo piel id? höbe feftftellen Fönnen, burd? bas 
Kon 3 il 3 U Köftniß eingeführt, gehen aber feht 

feiten bis über ben breißigjährigen Krieg (in einem mir 
beFanntgemorbenen 5ali 3 . S. bis J57^) surücf. Sie 
hatten früher nicht mie jefet genau porgefd?riebene 
Hubrifen, meshalb bie alten Eintragungen nach 3ut?olt 
unb Umfang Feinem Strang unterlagen unb bähet 
^manchmal piel, manchmal fehr menig bringen unb ganj 
perfd?iebenmertig ftnb. Viele Pfarrer hoben ihr Kirchen* 
bud? aud? 3 U d?ronifartigen Hieberlegungen benußt; 
berühmt in biefer Se 3 iel?ung ift, menn id? nid?t irre, 
insbefonbere bas Kirchenbuch bes märfifchen Pfarrers 
(Cofleftus (latinifiert aus Kohlhofe). Anfragen nad? 
5amiiiennad?richten ftehen bie pfarrer mit geteilten (Be¬ 
fühlen gegenüber, ba es Fein Vergnügen ift, in alten, 
perftaubten, auf fchlechtem papier, mit fd?led?ter (Einte unb 
5eber unb mit unbeholfener Hanb gefd?riebenen Siid?ern 
nid?t nur 3 U lefen, fonbent aud? nad? beftimmten Hamen 
3 U fud?en. HTeiftens begegnet man aber bei ben Pfarrern 
einem ausgeprägten jamitienfinn, fo baß fie aud? für 
bie 5orfd?ungsarbeiten unb Höte anberer Verftänbnis 
hoben unb man bei ihnen feiten eine 5 *hlbitte um 
5amilieunachrichten tt?ut. So höbe id? 3 . pon einem 
Pfarrer, ber felbft eine (Sefd?ichte feiner 5amilie ge- 
fchrieben hotte, einen Kird?enbud?aus 3 ug erholten, ber 
ftd? auf eine lange Seihe pon 3 a hron erftreefte unb 
etma fed? 3 ig THitglieber meiner mütterlichen 5 omilie 
umfaßte. Aud? Superintenbenten hoben bereitmilügft 
meine (Sefuche um Hachforfchungen in Kird:enbüd?ern 
innerhalb eines beftimmten Se 3 irfs in ihrer DiÖ 3 efe 
3 irfulieren laffen. Sterberegifter unb (Eotenfd?eine ftnb 
für ben 5 omilienforfd?er faft ausnahmslos unbrauchbar, 
ba fte namentlich bei alten Ceuten feiten beren Eltern 
ober Sufunftsort au geben; unb bod? ift es mir felbfl 
lebiglid? burd? ben 3”holt bes (Eotenfd?eins meines 
(Sroßpaters möglich getrorben, Harne, Staub unb 
IVohnort ber Urgroßeltern 3 U erfahren unb baburd? 
meine 5 orfd?uugen fortfeßen ober eigentlid? erft beginnen 
311 Fönnen. Sehr u>id?tig ftnb bie (Erauregifter unb 
(Eraufd?eine, toeil in ihnen, es müßte ftd? benn um eine 
ältere perfon ober einen IVittper ober eine IVittpe 


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Hummer 3J. 


baubeln, bie (Eltern ber Chefcbliefonben unb namentlich 
Staub unb IPohnort bes Chentauus genau angegeben 
ßnb. Befonberett IPert haben bie Caufregifter unb 
Cauffcheine, unb 3 tvar burd? bie Angabe ber paten. 
Home, Stanb unb IPohnort ber paten ftnb nicht nur 
Ausgangs* unb UnFitüpfungspunfte für meitere unb 
neue Hachforfchungen, fonbern auch Ulerfmale für 
Stellung unb PerFehr, auch, mie mir fcbon oben ge* 
fetten haben, für Schmägerfcbaften ober Porfahren. 

21 ud? ben Hußen von (Brabfteinen habe id? erfahren. 
3 ch hatte bas (BlücF, meine 5 orfchungsarbeiten mefeut- 
lieb baburd] uitterßüßt 3 U fehen, baß gelegentlich eines 
Kirchenumbaus in bem ©rt, in bem ber Urgroßvater 
gelebt hatte unb beffen (Eltern geworben maren, 3 tvei 
etmas verfunfene, J : 2 Bieter große (ßrabfteine mit 
umfangreichen/tneißens noch ent 3 ifferbaren Kuffd^riften 
aufgefunben mürben, bie jeßt in bie füblidje lüanb ber 
neuen Kirche eingefügt ßnb. Surch Üe erfuhr ich ben 
OerFunftsort biefer (Eltern, ben bes Paters jebod? erß 
auf einem Ummeg, ba gerabe bie Stelle auf bem (ßrab- 
(lein, an ber fein (ßeburtsort angegeben mar, burch 
IPeiter- unb Uloosnarben befdjäbigt mar; es ließen fleh 
nur bie brei erßen Buchßaben als erfte Silbe bes Orts¬ 
namens unb außerbem uad? bem Baum bis 3 um nächften 
IPort erfennen, baß ber Ortsname 3 mei, haften* brei 
Silben hatte. Hach bem alphnbetifcheit Pfarrorts- 
ve^eichnis bes Konftßoriums Fonnte es fich hernach nur 
um acht pfarrorte hobeln; an biefe rnanbte ich mich 
mit ber Bitte um einen Cauf« unb Craufd^ein; beibe 
erhielt ich auch von einem unb bemfelben biefer acht 
Pfarrämter. Pon Bußen mar mir auch eine hanb|d?rift- 
liehe pfarrchronif, tvie fold^e öfters von Pfarrern für 
ihren ©rt geführt ßnb. 3 n ber ChroniF mar beim 
3ahr J730 gefagt, baß es bas erße 3afa bes Umt* 
manns Bötticher gemefen fei unb baß biefer in bemfelben 
3«hr eine gute (Ernte gemacht unb am Scheunengiebel 
eine Uliete von „J 9 IPifpel Hlanbeln BogFen" gefeßt, 
aber auch burch einen tollen fjuub JO StücF Binbvieh 
Verloren habe. Kud? auf bie bamals noch für euch 
offene Stage, wo ber Ümtmann Bötticher vorher gemefen 


Seite H59- 

mar, gab bie ChroniF Kntmort, menu aud? nur mittel¬ 
bar. Sie er 3 ähit uns nämlich, baß er J750 bei 
ber (E^plofion bes pulverturnts am Spaubaner Chor 
in Berlin eine 3 ehn 3^hre alte Cocbter verloren höbe, 
bie fld? beim (BarnifonFantor befanb. Uuf Anfrage beim 
Ularfifchen provin 3 ialmufeum in Berlin erhalt ich eine 
hanbfchriftliche (Sefchichte ber (Barnifonfirdie, in ber jene 
(E^plofton genau beschrieben unb unter ben umgeFommenen 
perfouen auch bas „Cödflerchen eines Umtntanns in Bies- 
borf* genannt mar. Bus ben Kirchenbüchern von Biesborf 
ergab iftch bann, baß ber Kmtntann Bötticher bort bis J730 
etma JO 3ah?e lang gemefen mar, unb erfuhr ich Ge¬ 
burtsort unb Seit unb paten meines Urgroßvaters. 

Schließlich foH nicht unermähnt bleiben, baß bem 
5amilieuforfcher nicht nur hanbfchriftliche ChtoniFen, 
fonbern auch gebrucFte, ein 3 eln unb in SammelmerFen 
erfchienene Chronifen von Orten ber (Begenb, aus 
benen bie Familie ßammt unb in benen fle gelebt hat, 
nüßlid? unb mertvoH fein Fönnen. So fanb ich 3 B. 
in BecFmanns „fflßorifcher Befchreibuttg ber HlarF 
Branbenburg" (J75J) eine ChroniF von perleberg, in 
melcher märFifchen Stabt felbß niemals ein Ulitglieb 
meiner Familie gelebt hatte, unb in biefer folgeitbe 3 tvei 
Säße: ,,perleberg hat feinen Hamen von bem 5lüßd?en 
perl, ber mieberum feinen Hamen baher hat, baß er 
in feinem Sanb perlen mitgeführt haben foK. XPohin 
auch Ulelandflhon in einem gemiffen Schreiben sielt, ba 
er einen 3°hann Bötticher gern 311 m BeFtor ber Schule 
3 U perleberg beförbert fehen mollte." 3 « einem bänbe* 
reichen, glücFlichermeife mit einem Begifterbanb ver- 
fehenen IPerF ber Königlichen BibliotheF in Berlin, bas 
jämtliche Briefe Hlelanchthons enthielt, fanb ich bann 
nicht nur biefen perleberg unb 3 °hann Böttkher be- 
treffenben Brief (J55<J), fonbern auch noch fieben anbere 
Briefe, bie an 3<>hann Bötticher felbft unb beffen Pater 
gerichtet maren, ober 3 tvar an anbere geruhtet maren, 
aber biefe beiben Bötticher betrafen, unb aus benen ftd? 
3 tveifeflos ergab, baß fte 3 U jenen Heuruppiner Bötticher 
gehören, in benen ich nicht mit Unrecht, aflerbings ohne 
urFunbltchen Hachmeis meine älteßen Porfahren (ehe. 


- - N ^===- 

Der „wefsse Cod". 

5 ptjotograptyfcfje Kufnafymert »on Unton Karg, Kuffiein, unb €&. (Suibentif, (Senf. 


Hicht jeber UnglücFsfaü, ber in ben Bergen pafflert, 
iß ein alpiner UnglücfsfatL IPenn ein (Semsjäger ober 
ein Qirt bei ber Ausübung feiner beruflichen ChätigFeit 
im Schneeßurm umFommt ober ein bjo^Fnecht in ber 
Hadtt ben IPeg verliert unb abßür 3 t, fo ftnb bas Berufs¬ 
unfälle, bie mit bem alpinen Sport nichts 3 U thun haben. 

freilich bieten bie Klpen (Sefahrett, unb thöricht märe 
es, ben alpinen Sport als einen voüfommen ungefähr¬ 
lichen Spasiergang htn 3 ußeHen. 3 n ^ c ff crr bie 

(Befahren, bie bem Funbigen Bergßeiger brohen, ber 
bie Perhältnifle Feunt, ber mit genügettber Kusrüfluttg, 
genügeitbem Kartenmaterial unb gettügenber (Erfahrung 
feine Couren macht ober ßch ber EJilfe suverläjßger 
5 üh^r verßehert, recht geringfügig, unb lehr feiten ßnb 
bie Unfälle, bei betten es mirfltd? ber „XPeiße Cob" ift, 
bie mirFlkhett (Befahren ber Klpeit unb bes I}od?gebirges 
überhaupt bie 3 U Kataßroph<?n geführt haben. 


(Ein feht großer prosentfaß von UnglücFsfäHen be¬ 
trifft £eute, bie ohne genügettbe Porbereitung in ben 
Klpen herumßreifen wnb an ben harmlofeßen Bergen 
3 U Cobe fommett. namentlich bei ungünftigen XPitterungs- 
verhältniffen unb Kbirren vom IPege treten folche 
Unfälle häufig ein, aber auch fte ftnb, ba fte nicht 
eigentlich bem Hochgebirge 3 ur £aß fallen, nid 4 als 
alpine UnglücfsfäHe im eigentlid^en Sinn 3 U be 3 eichnen. 
3 nsbefonbere ßnb in ben Ulpen auch bei ben letch- 
teßen Couren bie KHeingeher immer in großer (Befahr. 
Sie geringfügigfte Perießung, bie fte am IPeitergehen 
verhinbert, Famt bei ihnen eine löbliche Katafirophe 3 ur 
5 olge haben. Das Meingehen follte baher von nid?t burch* 
aus geübten, fehr norftchtigen Bergfteigern vollfiänbig ver- 
mieben merben. Eß cr l lc 9 l 3 ®eifeUos bie größte (Befahl 
bie bie Klpen barbieten. (Es flingt parabo^, i i aber richtig, 
baß es viel meniger gefährd} iß, eine fehlere Selstour 


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Seite H^ 60 . 


Summer 3\. 


allein 3U machen, als irgendeinen leidsten Vorgebirgs* 
bummel, denn bei fchmeren Couren achtet mau genau 
auf jeden Critt, fo baß liier derartige Heine Unfälle ftd? 
mohl fchmerlid? ereignen merden. 

Cs ift unmöglich, alle die Dielen hundertfachen Chor* 
heiten, die ungeübte Sergfteiger im Vorgebirge oder 
aud? im Hochgebirge felbfl oerüben, aud? nur in Um* 
rijfen 3U fd?ildern. Keine phautafte eines Soman- 
fdjreibers fönnte fo lebendig jein, um alle die Unge¬ 
heuerlichfeiten 3U etfinneu, die derartige Sonntagsberg* 
jteiger fid? leiften. Ueberall die gleichen Singe: abfolut 
ungenügende Uusrüjtung, DÖllige Uhnungslojigfeit den 
(ßrunbregeln des Sergfteigens gegenüber u. f. m. IVohl 
95 prosent 3um mindeften aller Unfälle in den Sergen 
treffen diefe leichtftnnigen Sergfteiger in den Voralpen. 
Sagegen treten die Unfälle meit 3urücf, die bei tr>irf- 

lichen H 0C W° ur e n vot ‘ 
fommen. f}*e r mfiffen 
mir unterjeheiden smi* 
fd?en den (Befahren, die 
die Ulpen an ftch dar¬ 
bieten, (Befahren, denen 
der befte und der fchled?* 
tejteCourift gleid?mäßig 
ausgefeßt ftnd: (Be¬ 
fahren, die objeftio 
und unoermeidlid? find. 
Siefe ftnd: Stein* und 
£aminenfatl einerfeits, 
plößliche IVetterftüne 
andrerfeits. Sie lefe- 
tere (Befahr ift bei 
meitem die größte, denn 
Steinfälle und £amineit 
fommen nur an be« 
ftimmteit 0rten 3iir be* 
ftimmten &eit oor und 
laffen ftch infolgedeffeit 
mit siemltcher Sicherheit 
oermeiden. 3 n ^ er ^bat 
find die* Unfälle aus 
diefen (Briinden fehr 
Hbrticg mit einem Verunglückten. feiten, (ßegeil die plöft* 

liehen IVetterumfchläge 
im Hochgebirge ifl man dagegen fo gut mie mchrlos, 
und im Sd?neejturm und unter dem SucPen der Blifce 
rnird felbft der leichtejle Berg mitunter ein furchtbarer 
(ßegner und ein dräuendes (ßrab. 

Sie meiften andern Unfälle find im (Begenfaß da3U 
fubjeftio und unoermeidlid], das h^fet, es find Unfälle, 
die aus einem Ulißoerhältnis des Könnens des Berg* 
(teigers und der Sd?mierigfeit der Cour entfpriitgcn. 3 n 
diefe Kategorie t>on Unfällen gehören die, die für den 
£aien eigentlich das Signum der alpinen Un¬ 
fälle überhaupt darftelleit, nämlich die „Ubftü^e!" 
tVenn jemand an einer 5 elstoand beim Klettern 
abflürjt, fo ift das eben nur ein Sachen dafür, 
daß ihm die Kletterei 3U fd?mierig mar und er 
die Cour nicht hätte unternehmen dürfen. 

Kletterei in troefenen 5 elfen ift eben nur für 
den gefährlich, der das Ulaß der Klettertüchtig* 
feit, das die fd?merfte Stelle der Cour unbe* 
dingt erfordert, nicht befifet, und fo ift das 
„Kbftür3en" im 5elsterrain eine unbedingt fub* 
jeftioe und daher mohl oermeidbare (Befahr. 


Viel gefährlicher find im allgemeinen große (ßletfcher- 
touren, injofem die (Befahren der (ßletfcher Diel toeniger 
den Chorafter des Subjeftioen tragen als die Ubftür3e 



Bandagierung eines Verunglückten zum Cransport. 


Partien feine Spalten unter einer trügerifchen Sd?needecTe, 
fo bietet er in feinen oberen jleileren Partien tücFifd?e 
Cishänge, auf denen mitunter eine lofe, leichtabrutfd?ende 
und den IVanderer mit fid? reißende Schneefchicht auf- 
fxftt. So drohen auch dem guten Bergsteiger immerhin 
einige (Befahren auf (ßletfchertouren, indeffeit find fie 
auch im meiteften Ulaß abhängig oon der perfönlid?feit 
des Bergfteigers, und 3tr>ar befonders in Be3ug auf ihre 
Vermeidung. Ser erprobte Bergfteiger mirb die (Be* 
fahren oiel beffer erfennen als der ungeübte und, die 
(Befahr rid?tig erfannt hoben, heißt fie fd?on beinah 
oermieden hoben. 

3m großen und gan3en ift alfo für den mirflichen 
Bergfteiger, der feine Kunft erlernt hot und feine Serge 
fennt, die (Befahr des alpinen Sports red?t gering, 
und memi mir die alpinen Unfälle frinfd? betrachten, 
fo merden mir leid?t einjehen, mie thörid?t das (Befchrei 
einer fritiflofen Ulenge gegen den Ulpinismus ift. Statt 
iln durd? fold:e Bannmaßregeln befämpfen 3U mollen r 
follte man im (Begenteil ihn nach ollen Sid?tungen hi« 
3U fördern fud?en, gerade im 3 ]!l e*effe bev größeren 
Sicherheit bei Bergtouren. Sur durch weitere Ver¬ 
breitung alpiniftifd?er Erfahrung läßt ftch eine <2in- 
fchränfung der Ungliicfsfälle erhoffen, und gerade der 

Ulpenoercin felbft trägt am 
meiften da^u bei, durd? geiftige 
Sd?ulung feiner Ulitglieder 
diefe fo notmendige alpt- 
niftifd'e Kenntnis 3U Der jtärfen. 

Cs fragt fid? nun, mas 
außerdem 3ur Verminderung 
der alpinen Unglücfsfälle ge- 
thau merden fann. 3n erfter 
£inie muß man 
feftftellen, daft 
dem Ulleingehcr 
in den meiften 
5äHen überhaupt 
nicht 3U helfen 
ift, da man ge* 
möhnlid? gar nicht 
meiß, mo er fteeft, 
und ihn meiftens 
erft nad? einigen 
Cagen Dermifjt. 




mie man einen Verunglückten transportieren foll. 


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Kummer 3 \. 


Seite \H 6 \, 



Cranspo.t ^Verunglückter über die ©letfcberfelder des Montblanc nach Cbamomx. 

p^otograpfjifcf?« Uufttaljme. 


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Sette H 6 Z 


Hummer 3 J. 



HbrturzgeMet fm ©Utfcherfclct 

Die punftierte C..!: Ir.:vd:l>radj imrdj i>ic Sdjneebrficfe ttnb bie Kidjtung bes Kbflurjcs. 


IDeun dagegen ein ©enojfe 
auf ber CEour ijt, fo fann 
er ins (Ehal hinuntergehen 
unb fjilfe requirieren. Ser 
große JUpenuerein hat in 
fe*.r banfenswerter IDeife 
2?ertungs3entralen organijiert, 
bie planmäßig unb in um* 
faffenber IDeife fo/ort nach 
ber Benachrfchtigung bie 
Bettungsaftion in bte fjanb 
nehmen. Solche Stationen 
begehen in ZHündjen, 3 nns* 
bruef unb IDien. 

©benfo widrig ifi bie 
erfte £}ilfe an ©rt unb Stelle, 
^anbelt es ftd? um leid^tere 
Derleßungen, fo genügt oft 
eine leidste Schienung bes 
oerleßten ©liebes mit fjilfe 
bes öergftocfs ober einigen 
Steigen, um bem Deruit* 
glüeften bas felbftänbige 
5ortfommen bis 3ur nächfien 
Station 3U ermöglichen. Sonjt 
muß man fich bamit begnü¬ 
gen, ihn auf ungefährlichem 
(Eerrain ruhig 3U betten, 
etwaige Blutungen burch <§u* 
fammenfehnüren ber ©£tremi* 
tät 3U pißen, ihm prooiant 
unb (Erinfwaffer hinjulegen, 
ihn mit mögllaiji allen Klei* 
bungsftücfen, bie entbehrlich 
finb, 3U3ubecfen unb bann 
uom (Ehal aus JEjllfe 3U 
holen. Siefe Ijilfsmannfchaft 
hat bann bie fehr fdjwierige 
Aufgabe, ben (Eransport bes 
Derunglücften ins (Ehal oor* 
3unehmen, eine Aufgabe, bie 
mitunter gerabe3u ungeheuer¬ 
liche Knforberungen an bie 
Kraft unb ben HTut ber ^ilfs* 
mannfehaft ßeßt. Unfer Silb 
5 . 1^611 3eigt ben außeror- 
bentlich fchwierigen (Erans* 
port uon Derunglücften über 
bie riefenhaften ©isfelber bes 
ZTTontblanc. Sie Aufnahmen 
S. ^60 lehren, wie man 
Derunglüdte banbagiereit 
unb hanbhaben foß. 

Surch bie gläii3enbe ©r- 
ganifation bes ^ilfsbienjtes 
finb in ben wenigen 3ahren 
ihres Beßeheits fdjon oiele 
DTenfchenleben gerettet wor¬ 
ben; 3U wünfehen wäre frei¬ 
lich, baß burd? größere Dor- 
fid?t bie ^ahl ber Unfälle ein- 
gefchränft unb ber Settuugs- 
gefellfchaft weniger ©eiegen- 
heit 3U ihrer (Ehätigfeit gege¬ 
ben Würbe Dr. C. Keimet; 


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P P|PiJ u - l'i- r~*- • 


Hummer o\. 


Seite \^ 65 « 



Badtvcrfticbe im elektrifchen Backofen und Beftimmimg der ©Srkraft der Befe. 


Eine Bocb$cftule der mahl* und Backktnt$t 

^Ier3u 3 Spetfalaufnaljmen für Me „VOodie". 


IBohl faum jemanb, ber ein Stücf Brot 3um ZTCunb 
führt, macht fleh eine Borfietluug baoon, baft für bie 
I}erjieHung bes fcheinbar einfachen probuftes ber 
BlüOerei unb Bacferei eine ganje BeiBje non technifchen 
nnb chemifdjen projeffen notroenbig ijl 3n unferer 
Seit ber chemifchen unb ptiypotogifd?en 5orfcbung fonnte 
es nicht ausbleiben, baß man biefem toichtigften aller 
unferer Bahrungsmittel eine erhöhte Kufmerffamfeit 
roibmete. denn bas Brot ijt 
bie Speife ber Speifen, berer 
manniemals über brüfjtg toirb; 
es ijl ein Bacftoerf aus 
fal3getoür3tem, ausgegore¬ 

nem HTehlteig, ber in ben 
oerfdjiebenen Cänbern unb 
Canbesteilen aus 3iemlich oer- 
fdjiebenen (ßrunbßoffen tyv 
gefteilt toirb. 

Scheinbar iji bie Brot* 
bearbeitungsfunjt fehr einfach. 

Ejeute geht man aber auch 
hierin ben Gingen auf ben 
(ßrunb; bie IBiffenfchaft hat 
(tch ber Borgänge bemächtigt, 
bie bei ber Brotfabrifation 
in Betracht fontmen. Kn ber 
Königlichen £anbtoirtfchaft- 
liehen fjochfchule in Berlin 
befiehl eine Berfuchsanfialt 
bes Berbanbes beutfeher 
BTüller, bie im Kpril bes 
3ahresJ899 gegrünbet tourbe 


unb ben S^ecE h a t# HTüHerer3eugniffe aller 2lrt 3U 
unterfuchen unb 3U begutachten. die BerfuchsanjiaÜ 
tourbe oon bem Berbanb beutfeher HTütler ins £ebeit 
gerufen; fte toirb auch oon biefem Berbanb unter¬ 
halten, aufjerbem aber oon bem Beichsfcfjafeamt, bem 
preufeifchen 5inan3minifierium unb bem preufcifchen 
DTinifterium für £anbtoirtfchaft, domünen unb 5orflen. 
Kn ber Spifee ber Knftalt jieht ein Kuratorium, be- 

fiehenb aus delegierten ber 
genannten Behörben, bes Ber- 
banbes beutfeher HTütler unb 
ber lanbtoirtfchaftlichen l}och* 
fchule. <ßeleitet toirb bie Kn- 
fialt oon bem (ßeheimen 
Begierungsrat profeffor dr. 
£. IBittmacf, bem 3toei 
Kffifienten 3ur Seite fiehm 
€ht toefentliehet (teil ber 
Aufgaben ber Knftalt iji rein 
praftifcher Hatur. <£s han- 
beit ftch um bie Beurteilung 
ber ein3uführenben Kleien auf 
Sollfreiheif, ferner um bie 
Begutachtung ber aus3ufüh- 
renben HTehle auf ihre Ber» 
gütungsfähigfeit, die Siele 
ber Knftalt bejiehn aber nicht 
nur barin, ben praftifern mit 
Bat unb fjilfe 3ur Seite 3U 
jiehn, fonbern auch in ber 
föfungtoeitergehenber, toiffen* 
fchaftlicher Aufgaben, in ber 



l, ©efjeimrat prof. Pr. JOittmacf. 2. <Sef}eimr<it prof. Or. Ortij. 

Brbeiten im üOägezimmer der Verfuchsanrtalt. 


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Seite ^6^. 

wiffenfchaftlichen 5 orfcbung. Seit ber erften &e\t bes Auf¬ 
blühens bet organifchen (Chemie unb bet phyftologie 
Ratten jtch bie größten 5orfdjer barum bemüht, bas 
Sätfel bet BacFfähigFeit, bes AltbacFenwerbens, bet 
Solle bes Klebers tm H 7 ehl 3U löferu Sie Perfuchs* 
anftalt ift bie Stätte, an ber fyjiematifch auf biefem 
(ßebiet weiter gearbeitet wirb. €ine große Hi^abl pon 
5aftoren flnb bei ber BacFfähigFeit im Spiel: €influß 
bes ZHetyguts, Qualität bes ZHehls, Klebergehalt unb 
Sufammenfeßung bes Klebers fowie beffen phyfiFaltfche 
(Eigenfcbaften. 

(Serabe I?ier eröffnet ftd? ber Anftalt ein fcfjmieriges 
(ßebiet, unb bie babei auftretenben fragen (teilen fo 


Summer 3 J. 

ben perfchiebenen Apparaten, um bie BacFfähigFeit 
ber ZHeble 3U beftimmen. Außer ben 3ahlreichen wiffen* 
fchaftlkhen Porlefungen, bie nur pon Spesialgelehrten 
gehalten werben, unb wiffenfchaftlichen Ausflügen fütben 
befonbers piele praftid^e Hebungen ftatt. Sie Por* 
lefungen betreffen bie oerid?iebenften naturwiffenfehaft* 
lieben eßebiete, bie für bie BäcFer unb HTüHer pon 
3 ntereffe finb. Sie Ausflüge werben gewöbnlicb 3um 
<§wecF bes Befuchs ber großen berliner IPe^en* unb 
Soggenmühlen, einiger großer Cagerhäufer für (Betreibe 
unb einiger größerer BacFereien gemacht. 

Hnfere Btlber 3eigen bie Kurfusteilnehmer unb ihre 
Cehrer bei ben praftifchen Hebungen. IPir febn bas 



Backvertuche an kleinen Hpparaten. 


bobe Anforberungen an bie Perfud?san(teHung, baß eine 
befriebigenbe €rlebigung erft nach unb nach eintreten 
Fann. Befonbers fei hier einer Peranftaltung bes 3 njtituts 
gebacht, bie auf bie HTüflerei unb BäcFerei einen 
fegensreicben Cinfluß ausüben wirb: bie (Einrichtung 
pon oie^ehntägigen praFtifch-wiffenfchaftlicben CehrFurfen 
für mittler unb BäcFer, bie in jebem 3 <*hr einmal 
ftattfinben Jollen. €rfreulicberweife ift bie Beteiligung an 
biefen Kurfen fletig im IPachfen begriffen, unb felbft 
bas Auslanb fdiicFt Schüler, fo baß auch in biefer 
Se3iehung bie beutfd?e 5orfchung ftol3 fein fann. 

Sie im Kursus ausgeführten praftifchen Hebungen 
beftehu einerfeits in botanifeben, mifroffopilchen Hüter* 
fuchungen unb anbrerfeits in chemifd?en Prüfungen ber 
2Tlüblener3eugniffe unb befonbers in Bacfuerfuchen mit 


Caboratorium ber 2 TUiHereiperfud?sanßalt. (Es werben 
gerabe Brote in ben ©fen gefeboben. 3 n einigen 
Apparaten wirb bie (Särfraft ber £}efe bejtimmt. 

H^äbrenb bisher nur fleine SacFapparate ber per* 
fd^iebenartigpen KonfkuFtion 3ur Prüfung bes ZTCehls 
auf ihre BacFfäbigFeit perwenbet würben, ift bie Anftalt 
im Befiß eines neuen, eleftrifcben BacFofens, ber es 
ermöglidtf, bie Perfuche in größerem Slaßftab an3ufteHen 
unb baburch genauere, ber praris mehr entipredjenbe 
Sefultate 3U er3ielen. Auch biefen Bacfofen febn wir 
auf unferm erften Bilb. Sie anbem Bilber ftetlen bie 
Säume bes agronomifcb'gebologifcben 3nftituts bar, 
wo Hnterfudmngen über bie Beftimmungcn bes Afd?en* 
gebalts, bes. 5 ?ttgehalts, bes Säuregehalts unb bes 
protelngebalts ber mehle unb Kleien porgenommen werben. 


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Hummer 3{. 


Seite \^65. 


••• • »v 

. r- . ^ 

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llIjlP'L. 


«Sf^l 


% 3 Ljegi " 


er Pieter Philipp Heintann begab fiel? ©ott feiner 
«freuttbin nach bjaufe. <Er hatte bei UTabeleine 

3ur Hacht gefpeift, bann Ratten fie ein paar 

gigaretten geraubt, unb fte hatte ihm eine Ho©elle aus 
ihrer feber ©orgelefen, wobei i^n laitgfatn fdjläferte. Por 
(Ehorfperre mußte er fie ©erlaßen. benn UTabeleine war 
ZPitwe. Uebrigens ging er gaii3 gern. 

Seit ungefähr einem 3 a hr fa^ man if^n allenthalben in 
ihrer (ßefellfdjaft, aber in ber legten geit begann fie ihn 311 
langweilen, (gewiß, fie war fd^ou unb fultioiert unb fein 
exogen unb iatereffierte ftch für eine UTettge frf?oner Pittge, 
bie auch ihm am fjerjen lagen. Pennoch ©erjtimmte es ihn 
manchmal, wenn fie mit ihm ©on Kunß fprach, ©on biefer 
ewigen Kunjt, ber er fein Leben geopfert hatte, unb bie er 
eben barum manchmal haßte — befonbers an frühlings« 
abenben unb nach bem Hachtmahl. Uber fte fprach immer 
©on ber Kunft, auch an frühlingsabenbett. 

gutnal heute hatte fte fleh nicht genug tfjnn Pointen in 
biefer fjinficht, unb gerabe heute war er fo gar nicht aufgelegt 
gewefen 3U wefeitlofem äjthetifchein (gefchwäg. Pie fenfter 
bes gimtners, in bem er unb UTabeleine fpeijien, waren 
weit offen geftanbeit, uitb braußen breitete ber Polltnonb 
feinen filbernen UTantel über bie bunflen (gürten, Päcfjer unb 
Cürme ber Stabt, bie in einer müßigen (Entfernung 311 einer 
ferneren, fchweigenbett unb geheimnisreichen Piaffe ©er« 
fchmo^ett, aus ber es nur ba unb bort flüchtig filberig auf* 
bligte, wenn bas UTottblicht ein fpiegelnbes f enfter traf ober 
auf einem glä^ettben Schieferbach einen Kugenblid oerweilte. 
XDährenb UTabeleine allerhattb erjählte, trat ber Pieter aus 
offene fenfter unb tranf mit gefchloffenen Kugen bie magifch 
leuchtenbe UTonbluft, b!e in einem breiten Strom burch bas 
hohe (fenjler hereinquoll. Hach einer IPeile trat UTabeleine 
3U ihm, legte ihre feine, gepflegte fytnb auf feine Schulter 
unb fagte leife: 

„IPas macht bein neues Stücf, Philipp?" 

„€s geht nicht," fagte er unwirfch, mit leicht getrudelten 
Brauen, peinlich berührt ©on biefer banalen unb beplajierteit 
Stage. Unb fchweigenb folgte er mit ben Kugen einem 
Liebespaar, einem Solbaten mit einer Kochin, bie brunten 
©or ber Pilla in ber nächtigen Mee auf* unb niebergingeit. 

Später beim tlac^teffeu hätte UTabeleirte feine Perftimint* 
heit betnerft unb fte 3um wiHFoinmenen Kniaß genommen, 
um fiel? in pfychologifchen Knalyfeit feiner unb ihrer ZTatur 
3U ergehen, bie fie liebte. 

gum hunbertftenmal, feit fie fti? fauuten, erflürte fte ihm 
feinen (EharaPter, ©ertiefte ftch fobann in ihre eigene Zlrt, 
bie fie gern unb oft beleuchtete, ©erglich fte fchließlich beibe 
mit (gehalten aus gewiffen tnobernen Homanen unb (Eheater« 
ftücfen unb ergab ftch einer UTenge ©on Betrachtungen unb 
3Utn (Teil recht geiftreichen Hefleyionen, bie ihm bie «freube 
an bem guten €ffen ©erbarben. 

(Dfyxe 3U antworten, ftanb er auf, trat neuerbings ans 
«fenfter unb fdjaute in bie weiße UTonbfchcibe, bie in ber 


^rffograplm un6 iSieBe. 

Hoselle 

von Haoul Kuernfyeimer (ZPten). 

fchroarjblauen HiteuMidiPeit bes Rimmels fchwatnitf, unb 
grübelte über ein IPort. ein Bilb, mit beffen Ejilfe man 
biefen gauber fefihalieu FÖnnte. 

Pa er fo wortFarg war, hätte fte feuf3enb ihr UTanufFript 
geholt unb ©or3ulefen begonnen. 

Seiner geit, 3U Beginn ihrer Be3tehuttgen, hätten ihm 
biefe ihre litterarifijen (gehoerfuche Spaß gemacht, feit einiger 
geit ermübeten fte ihn. Mein, baratt gewöhnt, baß man 
ihm ©orlas, hörte er gebulbig 3U. Hur als fte nach beenbeter 
LeFtüre auf einem Urteil beftanb, hätte er ihr, mißlaunig, 
wie er war, (grobheiten gefagt über ihre Zlrbeit, bie fte 
betnütig, gebeugt ©or feiner Zlutorität in litterarifchen 
Pingen, entgegennahm. 

Schließlich hätte fte ihm bas IPort abgenointnett, morgen 
wieber3uPommen unb ben Homan bes begabten ZP. mitjit« 
bringen, ber feit einiger geit ©on ftch reben machte, unb 
hatte. ihn mit einem fühlen Kuß entlaffen, ben er faum 
erwiberte. 

Pas war ein Zlbeitb bei feiner (geliebten, um beren Be« 
ftg ihn hnnbert Bewunberer ihres (geijtes, ihrer Schönheit 
beneibeten! (Er gähnte. 

Hun ftanb er unten auf ber Straße, bie 3wifchen ben 
bunflett Meett, bie fte fäumten, unwahrfcheinlich weiß im 
UTottblicht h' n P°Bf gleich einem leuchtenben Strom 3wifchcn 
buttflen Ufern. 

(Er 3ünbete eine gigarre an unb trat nachbenflich in bie 
Mee ein. Sofort betnerfte er wieber bie Liebenbett, bie 
fchweigenb ©or ihm h er 9<ngen, tf<h a n ben f?änben führenb 
wie 3wei Kinber. Hun festen fte 3tim 3watt3igflenmal um. 
Per Pieter trat feitmärts in ben Schatten ber Bäume, uttb 
es gelang ihm, unbemerft 311 bleiben. Pie betben, bie ftch 
unbeobachtet wähnten, machten gerabe ©or ihm Zjalt unb 
füßten ftch lange nnb innig. Kichernb fagte bas UTäbchen: 

„Heitt, wie einen bein Schnurrbart Figelt . . ." 

Per Pieter ftrich ftch ben Schnurrbart unb bachte im 
IPeiterfdfreiten: warum fagt UTabeleine niemals fo etwas 
(Einfaches, Haioes? Jminer ijt fte fompli3iert, intellePtueü, 
nie ijt fte ZPeib ... 

Zluf bem ^eimweg, ben er jogernb antrat, bachte er fort« 
währenb grollenb au IHabeleine. Schlecht gelaunt, wie er 
nun einmal war, legte er ihr eine IHenge häßlicher (Eigen* 
fchaften bei, bie fie gar nicht hätte, unb ©erfchwieg ftch gc* 
flijfentlich bie Por3Üge, bie ihr eigen waren. (Es bereitete 
ihm ein graufames Pergnügen, ftch über bie Kleinheit, Per* 
bogeuheit unb Perlogenheit ihres (Ehärafters flar 311 werben, 
im (Seift gleichfam fetter auf fie 3U fdjütten. €r 3aitfte mit 
ihr, er befhimpfte, ©erleuntbete fte. plöglich fiel ihm ein, 
baß es hoch feine (geliebte fei, bie er folcherart ©or fid? 
felbft herabfegte, „(geliebtel" lachte es in ihm; „(gehaßte!" 
wäre beffer. 

Penn er h a ßte fte, heute h a ßte er fte. Über hätte er 
nicht noch alle feine (geliebten nach einiger geit gehaßt? IPenn 
er aufrichtig genug war, mußte er biefe «frage bejahen. Huit 


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Seite 1^66. 


Hummer 5\. 


erfdjraf er ©or ben Ubgrüuben ber eigenen Seele unb ging 
traurig weiter. 

Sei ber Stabtbahnßation, als er eben eintreten wollte, 
Farambolierte er mit einem fdjlanfen, jungen IHäbctjen, bas 

in <£tle auf bie 





^ 7 A 

IPiisrt 

•Ir' ■ 




Straße trat. 

„Parbonl* 
fagte ex, ben 
£}ut berührenb. 
„ »r?i«b idj 3t?nen 
-••• j .Ci wcljgettjan?“ 
„© nein,“ 
lädjelte fte, ,id) 
bin nodj gan}!* 
Die prompte 
Antwort gefiel 
ihm. and? tt^r fdjelmifdjes 
Sachen gefiel ihm, bas ihr 
fd/öiies mtb gutes (Seftd?td?en 
glcidjfam öffnete. Da fte 
weiter wollte, trat er an 
ihre Seite. 

„IDarutn Ijaben Sie’s 
beuit aud} gar fo eilig, 
fdjönes (fräulein?* 

„IDeil’s fdjon fpät iß!" 
fagte fte bebenflidj, ihren Stritt ©e^ägernb. „3$ befomm’s 
©on ber HTutter. fjaben Sie ©iefleieht eine Uhr?" fefcte 
fte l^in3n. 

€r batte eine. €r fagte ihr, wie fpät es fei, unb fte ge¬ 
gattete ihm, fte ein Stücf 3U begleiten. 

„IDenn es 3b nen Vergnügen mad}t" — fagte fie. 

Unterwegs erFunbigte er ßdj nad? ihren Derhältnißen. 
Diefe waren einfad} genug. Sie ftammte aus einer Fleinen 
Beamtenfamilie, lebte bei itjrer ©erwitweten Htutter in 
^ie^ing unb war probiermamfell in einem HTobemaga3in 
ber Stabt. ITTanchmal beFam fte ron ihrem <£h*f ober non 
einer Kollegin eine Karte für bie 0per, wie bies auch b™** 
ber Jall gewefen war. Das war bann ihr einiges Vergnügen. 

Der Dieter fd^rieb geh ihre Ubreße auf unb ©erfpradj, 
ibr gelegentlich einen Sifc für bie 0per 3U fenben. 

,3ch bin ein bißchen mit ber 3 n * ett ^ an 3 beFannt," 
profcte er. 

„(Sehn SM" fagte fte mit einer freuen Hochachtung, bie 
ihn amüfterte. 

Seim Häusth° r gellte er gdf ®or, 3»©ar 9 e 3*n feine 
(ßewobnbeit unter feinem wirFlichen Hamen. »ph*i*PP 
Heimannl" fagte er. Der Harne war ibr ©öllig unbefanttt, 
machte nicht ben geringßen €inbrucf auf fte. Uber als ber 
Hausbeforger Igntar niebrigen runben Hättsthor hörbar 


würbe, reifte fte bem Dichter in €tle eine ron ben roten 
HelFen, bie fte lofe in ber ffanb trug. 

„für bie Segleitung!" fagte fte fchelmifdj. 

<£r wollte ibr bie fjanb Fügen, fte ent3og fte ibm ladjenb 
unb fdjlüpfte ins (Ebor. Der Dieter flaute ibr nad}. 

Jrieba b* e 6 f te * 2faf bem Hachhäufeweg, ben er nun 
wirFlid} unb in beßerer £aune antrat, wieberbolte er gef} 
mehrmals biefen einfachen Hamen. Unb er fteüte ihn im 
(Seiß neben UTabeleine. (frieba unb UTabeleine, bas waren 
jwei IDelten. 3 e & c hätte bas, was ber anbern fehlte. 
Uber ba er UTabeleine befag, entfdjieb er ftd? für (frieba. 

Um nädjßen UTorgen erhielt er ein Siüet ron UTabe¬ 
leine, in bem ge ihn bat, am Ubenb nid}t 3U Fommeit, ba 
eine befreunbete pianißin ftd} bei ihr aitgefagt hätte, beren 
Sosbeit ge fürchte. Sie erinnerte ihn noch an ben Homan 
unb bat ihn, ihr bas Sud? burdj einen Diener 3U fenben. 


Diefe wenigen geilen waren in einer forgfältig gewählten, 
Iitterarifchen (form gefcfjrieben, tabellos gilifiert, ebenfo wie 
bie anbern Sillette unb Sriefe, bie in feinem Schreibtifdj 
aufgeftapelt lagen unb einen feinen, rornehmen Duft aus« 
ßromten. <£r nahm mehrere btefer* Sriefe ©or unb las ge 
ßüdjtig burd}. Sie glichen einanber wie bie Blätter eines 
Saumes, alle aFabemifch in (form unb 3nhält, alle poc ' 
nebm, gebämpft unb Fühl. Hiemals, auch nicht an ben be« 
wegtegeit Steilen, hatte ge einen Seiftrich ©ergegen, niemals 
gegen bie 0rtbograpbie gefehlt. lächelnb legte er 

bie Sriefe beifeite, flieg bie £abe 3U. 

Dann ging er nad} ber Stabt unb beforgte 3wei (ßalerie- 
Farten für bie 0per, beren eine er (frieba ins (Sefdjäft 
fcfjtcfte. 

* * 

♦ 

€r war fdjon lange nid}t auf ber (Salerie gewefen, unb 
als er ein bigeben fchwerfällig bie kreppen bmanftieg, hatte 
er im Steigen bas (Sefübb als würbe er wieber jung. H* er 
batte er als (Symnaßaft geganben, als Stubent gefeßen, lger 
batte er als junger UTann gebaug, hatte €(e©innen unb 
UTobiftinnen angefprochen, SeFanntfcbaften gemacht unb un* 
3dblige (EinbrücFe gefammelt, bie er fpäter ©erwertete. Dann 
war er langfam, tm UTag, wie er berühmt würbe, htaab* 
geglitten, unb mit UTabeleine Hatte er nur nodj im parFett 
gefeffen. Uber nun, mit Jrieba, ging er wieber auf bie 
(Salerie; bas war luftig. 

Sie hatte ihren plafc bereits inne, als er Farn, unb 
begrüßte ihn ©erlegen. IPährenb bie 0u©erture fpielte, 
betrachtete er feine Had}barin. Sie war ärmlich geFleibet, 
trug eine weige Satigblufe, ber man es attfab' bag ge be* 
reits oft gewafdjen war. Sie hätte Feiiterlei Schmucf angelegt, 
aud} ttid}t einen einigen Hing an ben Fleinen, fegen Hau¬ 
ben, bie fte ber nicht mehr gatt3 einwanbfreien braunen 
Hanbfchuhe eittPleibet hätte. Uber bie bürftige (Toilette war 
nicht imftanbe, ben £iebrei3 ihrer halben (Seftalt 3U unter- 
brüefen, unb unter bem Funglos aufgeßeeften, lowenfarbenen 
Haar bli^te ein paar hcHlify? Kugen wie 3wei in perl« 
mutter gefagte (Ebelgeine. 

Uud} war er weit ba©on entfernt, geh ihres geringen 
Un3uges 3U fchämen. 3 m (Gegenteil, es machte ihm gemißer« 
magen Spag, bag er, ber berühmte Dichter, ba im feßlidf 
erleuchteten (Eh ea terfaal neben einem flüchten UTäbel aus 
bem DolF fag, 
unb als geh 
bie (Släfer aus 
einer £oge im 
erften Hang bie 
SeFannte inne« 
batten, neugie« 
rig auf ihn 
unb feine Had?« 
barin h e fteten, 
entpfanb er jene 
gemiße bäb^t' 
fd}e (Senugtbu« 
ung, bie jeber 
Künftler ein« 
pgnbet, wenn 
es ihm gelungen 
ift, ben Philifter 3U ärgern. 

UTan gab „(fauft", biefe ©erliebtefte aller 0pern, unb 
bei ben rühreitben Seenen weinte (frieba. Der Dieter faH 
es unb betrachtete gerührt, wie in ber IDahnßnnsfceue gei^ 
3wei biefe Cbränen langfam ©on ihren langen IDimpern 
loften unb, h ur Kg an ben runben IDangen h*rablaufenb, eine 
feine, roftge Spur auf ber H a ut jnrücfliegen. UTabeleine 



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stummer 5 {. 


Seite ^ 67 , 


hatte er nie im (Theater meinen feigen, fie mar $u raffi¬ 
niert unb ju molfle^ogen ba3u. 

Dier TDodfen nadf jenem erßen (Theaterabenb gab fie 
ihm mtberßrebenb ben erften Kuß. Unbere folgten, fdfließlidf 
präubte ße pdf nicht mehr* gleich mie ein Stiper, ber es 
mühe iß. gegen ben Strom 3U fämpfen, bie Huber einjielft 
unb pdf treiben lägt. Denn fdjon liebte pe ben bleichen 
Dieter mit ber ^o^en Stirn, ben leibenben Uugen unb bem 
ßol3en Htunb. 

Der Bruch mit HTabeleine ging offne große Sdfrecfen, 
ja offne bauernbe (Entfrembung vor pdf. Die Siebe mar 
eben reif 3um Brechen gemefen — auf beiben Seiten; ein 
ffufarenleutnant mar fein Hadjfolger. 

HTabeleine nahm bie Untreue bes berühmten HTannes 3ur 
Kenntnis, backte barüber nadf, bemühte pdf eine geitlang 
vergebens, in IDunben 3U fdfmelgen, bie gar nicht Vorlauben 
maren, nnb machte fdfließlidf aus ihren 
gemixten (Sefüfflen eine ttovelle, bie 
Heimann liebensmürbig genug mar 3U 
Forrigieren nnb feinem Derleger 3U 
empfehlen. 

HTabeleine unb er blieben freunbe. 

ZTur menn er ihr von feinem jungen 
(SlücF e^äfflte, Farn ein bofer gug in 
ifjr feines (ßeßdjt, als müßte pe alles 
voraus. Hitein er ließ pdf bas nicht 
anfedjten. 

Had? adft IDodjen, als frieba einmal 
verffinbert mar, 3um Henbe3Vous 3U 
Fommen, fdjrieb Pe ihm ben erften Brief. 

Sdjon fdfrieb Pe feinen eigenen Stil, ben 
Stil nämlidf, beflen er pdf im (Sefprädf 
bebiente, menn er pdf ein menig geben 
ließ, aber pe fdfrieb iffn voll ortifogra* 
ptftfdfer fehler. Heimann lädfelte glücf- 
lieb nnb nadjßdftig unb Füßte bas un- 
gefebiefte Fleine Briefdfen, in bem eine 
treue unb einfältige Seele laut mürbe, bie nur biefes einzige 
giel Fannte: ilfn, ben (Beliebten, an3ubeten. Die ortifogra- 
pf|ifdfen (fehler ftorten 3mar, aber abenbs, menn er pe in 
feinen Urmen l^ielt unb Füßte, maren pe mieber vergeben. 

(Segen ben fferbß 3U mar frieba ge3mnngen, vie^efjn 
(Tage mit ihrer HTutter fern von IDien 3U verbringen. Hun 
fdfrieb pe ihm täglidf, adft Seiten lange Briefe, manchmal 
fo buntes unb tfföridftes geng, baß er HTüffe t^atte, ftd^ h* 
bem (SeFrißel 3uredft3upnben. Die Briefe ßroßten tfdn 
fefflern. 

Sie fdjrieb itjre eigene Orthographie, bie mit ber in ben 
Sdjulen gelehrten oft nidft ben geringßen gufammentfang be¬ 
faß. Dennodf h^vrfc^te eine gemijfe (Sefeßmäßigfeit, bie bem 
aufmerFfamen Beobadfter nidft entgehen Fonnte. HTit einer 
fdfonen Konfequen3 vermedffelte pe 3. B. ben UrtiFel „bas" 
mit ber KonjunFtion „baß". Sie fdfrieb „baß Kleib" aber 
„idf u>t0, bas bu mir täglich fdjreibft*. (Ein Dehnungs3eidfen 
feßte pe nur bort, mo es nidft l^tnge^orte, unb mit ben 
Doppelfonfonanten lebte pe auf fehr gefpanntem fuß. (Eine 
geitlang amüßerte ihn bas alles. 

Hber fomie er pdf anfdficFte, einen biefer Briefe 3U be- 
antmorten, verbroß es ihn, baß pe fo viel fehler madfte. (Er 
nahm pdf vor, ihr bavon 3U fagen unb ihren Sinn für 
Orthographie heran3ubilben. 

Uls pe vom £anb 3urücFFefftte, legte er ihr alle bie roten 
unb blauen Briefchen unb Kärtchen im Forrigierten gußattb 
vor. Sie nahm bie Sadfe leidft, lachte nnb pel ihm um ben 
fyils. (Er lachte gleichfalls unb begann ihr bie ei^elnen 
fehler 3U erFlären. Sie faß babei auf feinen Knien, bie 


£}anb auf feiner Sdfulter, unb fagte nur immer: „natürlich, 
bas ip falfdf, natürlich, bas mirb fo gefdfrieben . . ." als 
müßte pe all bas fo gut mie er . . . Unb 3tvifdfenburch 
füßte pe ihn, bis er jdfließlidf 3U erFlären aufhorte. 

Hdft (Tage fpäter fdfrieb ße ihm mieber unb machte genau 
biefelben fehler. 

(Er Forrigierte immer unb immer mieber, unermüblidf, feß 
entfdfloflen, ihr bie Orthographie um jeben preis be^ubringen. 
HTandfmal mürbe er ungebulbig, feßte eine ßrenge teffrer- 
miene auf unb 3anFte ße tüchtig aus. Das amüßerte ße nur. 
Über menn er ironifdf mürbe, fo ver3og pe bas (Seßdft mie 
ein Kinb unb begann bitterlich 3U meinen. Ortffograplfißh 
fdfreiben lernte pe barum hoch nicht. 

Ullmäfflidf irritierte ihn bas, befonbers als er einfah* 
baß alle feine HTüffe vergeblich fei. Daß pe fo ungebilbet 
mar, nahm er als etmas Gegebenes hm, aber baß pe nidft 
bilbungsfähig mar, bas verübelte 
er ihr. 

Hudf blieb es nidft bei ber 
Orthographie; mit ber geit e.nt- 
becFte fein Fritifdf gemorbener Blicf, 
baß ihr auch auf anbern (Bebieten 
jene feine (E^ielfung mangele, bie 
nur bas Ergebnis einer fyßema- 
tifdfen, jahrelangen (Beißesbilbung 
fein Faun. Dies 3eigte pdf vor 
allem in fragen bes (BefdftnacFs. 
Daß pe, bie nidft ortffograpffifdj 
fdfreiben fonnte, auch Fein litterarifdfes Urteil befaß, hätte 
er verhältnismäßig leicht ertragen, um fo mehr, als er ja 
auch & er f° gebilbeten HTabeleine Feins 3ugeftanb. Jmmerfftn 
fdfmer3te es ihn auf bie Dauer, menn pe Keller h*rabfeßte 
unb für bie (Efdfßrutb fchmärmte. Unb als pe fdfließlidf ben 
„(Brünen ffeinridf" ihm 3uliebe las unb pdftlich ge3mungen 
lobte, mar ihm bas natürlich audf nidft recht. 

Sdflimmer aber machte pdf ber gä^lidfe HTangel an 
Spradffenntniffen fühlbar. (Er liebte es, im (Befprädj fp c 
unb ba eine fran3Ößfdje Phrafe, ein englifches Spridfmort 311 
gebrauchen. Das mußte er ihr bann immer erß meitläupg 
überfeßen, mas ihn nervös machte. 

Hudf in ber Sprache verriet ßdf bie mangelnbe Bilbung. 
Sie fpradf einen leichten DialeFt — bas märe nodf hingegangen. 
Über ße vernadfläfßgte (Enbungen, vermedffelte ben Dativ 
mit bem Hffufativ, bilbete falfdfe Jmperfefta, unb jebe ge- 
mätfltere IDenbung mar ihr völlig fremb. Diefe IHängel 
empfanb er um fo peinlicher, als er felbft ein Stilift erpen 
Hanges mar unb einen großen (Teil feiner (Erfolge feiner 
rafpnierten IDortfunß verbanFte. 

Schließlich Farn er bahinter, baß ße pdf auch unortffogra- 
phifd? benahm, unorthographifdf Fleibete, unorthographifdf 
ging, ftanb unb ladfte. Ueberall fah er fehler. Wie pe ein 
5 beim Schreiben vergaß, fo gefdjaff es auch, baß pe eine 
Sdfließe an ihrer Blufe offen ließ, baß irgenbmo ein Knopf 
fehlte, baß pe vertretene Schuhe trug, eine gefdfmacflofe 
Blume am Tjut, ein fdfreienbes Banb um ben Tfals, eine 
unmögliche Kramatte unter bem Kinn. Unb all biefe taufenb 
Hidftigfeiten tn ber (Toilette, bie man nur bemerFt, menn 
pe nidft vortfanben ßnb, thaten feinen vermöhnten Hugen 
meh» beleibigten feinen Sdfönheitsßnn unb Fonnten ihn in 
einer JDeife verßimmen, baß er barüber immer mehr friebas 
rei3enbe unb edfte €igenfchaften vergaß, ihre (Treue, Hatür- 
lidffeit unb (Einfachheit, (Eigenfchaften, bie ihn vom erpen 
Uugenblicf an be3aubert hatten unb immer bie gleidfen blieben. 

Unb fdfon Farn es manchmal fo meit, baß er ßdf ihrer 
fdfämte. 

Die Orthographie marf einen fdfmeren Schatten über bas 



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Seite H68. 


Hummer 5{. 


fc^oite unb innige Verhältnis, unb ber Dieter fah bas Tube graphte nadj, bie Schrift, ber Stil oerbefferte ftd?, fte 

mit Bangen coraus. Tr t|atte nod? iebe feiner (Beliebten machte weniger fehler. Salb lernte fte, ftd? über ein 

nad? einer gemiffen geit aus irgenb einem (Srunbe 3U Raffen Sud?, bas fte gelefen, Hedjenfdjaft geben, mußte über ein 

begonnen, follte bas aud? friebas Sdjicffal fein? Tr wollte Silb, ein Stöcf 311 fpredjen, befam ein eigenes Urteil, bas 

nidjt, er wollte fie ftd? erhalten um jebeit preis. Da galt fte oftmals fogar ber entgegengefeßten Unfidjt bes (Beliebten 

es, um fein (Slücf 3U ringen. gegenüber 31t feiner ^freube aufred?terhielt. IHit einem IVort, 

Tr begann bas Unorttjograptjifdje ihres IVefens auf jebem fte würbe eine perfon. 

(Bebiet ce^weifelt 3U befämpfen. tVie er 3uerft ihre Briete Kud? äußerlich oeränberte fte fidj. Qfjne gemachten 311 
forrigiert I^atte, fo befferte er halb an ihrem gan3en IVefett fein, fd?ien fte bod? großer geworben, fdjoner, freier — unb in 

Return, ftridj alles, was ihm mißfiel, fofort unb ettergifd? rot ihre güge war ein Kusbrucf con (Beiftigfeit gefommen, ber 

an. Salb war it?r gufammenfeiit ein ewiges Sdjulefjalten, früher gefehlt Ijatte. Beimann, ber bie Uic^tergäbe befaß, 

ein ewiges Horgeln, Sticheln unb Quälen feinerfeits. manchmal im (Begenwärtigen bas Vergangene nicht 3U oergeffen, be* 

würbe ihr bas 3U bumm, unb fie madjte ihm eine Scenc. trachtete fte oft mit frettbigem Staunen. tVo war es, bas 

manchmal weinte fte bitterlich unb fah ihn ftumm unb cor* Vorftabtmäbel, bas er cor brei 3<*hren bei ber Stabtbahnjiatiou 

wurfsooll an, mit einem Blicf, ber itjm ins £}er3 fd?nitt attgefprodjen unb nad? bjaufe begleitet Ijatte? Das Jrduleiii 

Dann fluchte er feinem unglücPlid?en Temperament, fniete cor bort am Klarier war eine pollenbete Dame. Das fräuleiit 

il?r Ijtn, hißte ihre Ejänbe, bdt fte um Verseilung unb cer* bort war ein feines, be3aubernbes (Befdjäpf, eine l?olbe 

fprad? it?r, jtd? 3U beffern. Sowie fte gut war, ftttg es wieber Jrauenblüte, bie Batnr unb Kultur wunberbar cereinte, bie 

an, ärger als corfyer. Uber fte würbe immer wieber gut. jebermann auf ben erften Slicf gefangen nahm, ber jeber* 

tVenn fte aud? mand?nrill in gorn geriet, fo ertrug fte bod? mann eine gläit3enbe gufunft propt^eite. 

alles in allem feine lauiten unb Quälereien mit einer wahren 2Ver aber batte fte 3U betn gemacht, was fte ^car? Tr! 
Tngelsgebulb, orbnete ftd? wiberfprud?slos feinen Befehlen Tr i^atte fte gefdjaffen. Dtefes Bemußtfein oetlieh feiner 

unb feigem <Sefd?macf unter unb arbeitete mit h e i6*m Be* liebe ben legten geiftigen Beij. Denn nun liebte er itt 

mühen att ihrer Verfeinerung — freilich ohne Trfolg. Denn Jrieba nicht nur bie (Beliebte, fonbern fein eigenes XVerf, 

ebeufomenig wie er ftd? änbern fonnte, permochte fte es. Über bas probuft feiner geiftigen Kraft unb perfottlid?feit, bas 

biefe Trfenntnis machte ihn nur nod? 3orntger. eine gar liebliche (Seftalt angenommen h a tte unb lädjelnb 

Unter anbertn paßte ihm auch ihre Stelle als probier* unb cielbewunbert in ber IVelt herumging. 
mamfell auf bie Dauer ntd?t. <Slücflid?erweife befaß ^frieba Darum liebte er fie mehr als jebe ihrer Vorgängerinnen, 
eine fehr fd?öite Stimme, unb eine renommierte (Befangs* liebte fte abgöttifdj, mit ber gan3en eiferfüdjtigen gürtlidjfeit 

lehrerin mad?te ftd? anheifdjtg, bas fd?ötte unb energifd?e unb Kraft, beren fein großes unb närrifdjes Did?terher3 

Uläbchen für bie Bühne aus3ubilben. Jrieba war, wenn fähig war. 

aitd? wiberßrebenb, eincerftanbett. Sowie fte aber einmal Unb barutn traf es ihn wie ein ^fauftfdjlag mitten ins 
in ber neuen Karriere brinnen war, befam fte luft unb (Seftcht, als jftieba, bie auf ein paar IVodjen oerretji gewefeit, 

machte rafdje Jortfdjritte im (Sefang. Kußerbem h^* *hf thnt eines Tags mitteilte, baß fte ihn nicht mehr liebe, ftd? 

Beimann einen letjrer, ber Supplent an einem (Symnaftnm etttfchlojfen h^be, ber Sühuenfarriere 3U etttfagen unb ben 

war unb bie Tlecin in (Brammatif unb (Orthographie fowie lehrer 3U heiraten, ber fte tm Deutfd?en unb (fransäfifdjen 

in ben Knfangsgrünben bes Jran3öftfchen unterrichtete. unterrichtet unb 3U bem gemadjt höbe, was fte geworben 

Hun begann fte ftd? allmählich 3U . fei. . . Sie bat ihren Dichter, ftd? 3U 

ceränbertt. 3m Knfang ging es lang* x troften, unb fchloß mit ben U^orteit: 

fam, faum merfltd?, bann aber, fowie „Ca c’est la vie . . .“ 

fte ftd?erer würbe, immer fd?neller. - Ts war ein cier Seiten langer, 

guerft lernte fte ftd? mit (Bcfchmarf eng gefchriebener, tabellos ftilißerter 

fleiben, bantt fpred?en, ftd? benehmen, Brief. Unb nid?t ein ein3tger 

unb fchließlid? gab auch bie (Drtho* - orthographifcher fehler war barin ... 



einziger CUunfch. 

Don Rugo $alu$. 

Gott, mag mir der Rimmel nur immer vergönnen, Ein hold vergebliches Ziel zu wiffen! 
nach wem mich zu lehnen, wen lieben zu können, Dann will ich gern Jlill fein und ohne Klagen 
Die Eider recht innerlich einzudrücken, Entjagen und Jelig die tage tragen, 

Um hell meiner Sehnjucht ßefäfr zu erblicken, Dann will ich das feltfame Eeben verjtebn 

Und mag mir gönnen, den Seufzern und Hüffen Und lächelnd dem übend entgegengehn . . . 



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Hummer 5 ^^ 


©Uder aus aller 


Welt. 


Seite H69. 



Pon b e r tjrinifetjr b e s Uebungsgefd?n?abcrs aus ber 11 orbfee: 

Oats fUggfdriff Kaifcr friedricb III. mit dem Prinzen Heinrich an Bord palTiert den Raiter QJilhelmkanaL 

IHomentau nähme non Karl 5pecf, Kiel. 


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Seite H70. 


Hummer 3J. 



Von der Oberlaufitzer Bewerbe- und XnduftrieausrteUung in Zittau: Die ftaupthalle. 

Ptyotograpfyfdie 2Iufnat}me. 



Das preishüten des Vereins für deutfcbe Schäferhunde in Hugsburg. 

Pbot. Spalfe Sc Kluge, Kugsburg. 



Blick auf die Xnduftrie- und BewerbeaustteUung in Olmütz. 

fjofpbot. Karl pictjner. 


Di